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Haben Sie, als ältere Dame und allein unterwegs, schon einmal eine Kreuzfahrt gemacht? Dorothee Kaul, 73 Jahre, pensionierte Kriminalbeamtin, traut sich und geht mit klopfendem Herzen an Bord. Neben spannenden Ausflügen in eine fremde Welt trifft sie an Bord andere Alleinreisende und macht ganz neue Erfahrungen im Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen, die eine Gemeinsamkeit haben: Bloß nicht alleine herumsitzen! Dorothee lernt: Das Leben an Bord kann ganz schön aufregend sein und eine Herausforderung für ihre in langen Berufsjahren erworbene Menschenkenntnis. Am Ende der Reise muss sie sich eingestehen: Einsamkeit? Langeweile? Fehlanzeige!
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2023
Dagmar Meyer
Singles an Bord
Roman
© 2023 Dagmar Meyer
ISBN 978-3-384-06609-1 (E-Book))
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Dagmar Meyer, Blammerbergstrasse 115, 71263 Weil der Stadt, Germany.
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1. Tag
Eines war Dorothee von Beginn an klar: Die erste Kreuzfahrt ihres Lebens würde auch die letzte sein.
Ein heftiger Wind fegte über den Kai, wirbelte Papierfetzen auf, sodass sie auf dem Asphalt einen wilden Tanz aufführten, den auf das Schiff zustrebenden Passagieren zwischen die Füße fuhren und an den Rollkoffern hängen blieben. Der riesige Kreuzfahrtdampfer auf der einen, die hohen Hafengebäude auf der anderen Seite des Kais wurden zu einem saugenden Schlauch.
Wo war bloß das Meer?
Mit aller Kraft stemmte sich Dorothee gegen den Sog des Windes. Mit der einen Hand umklammerte sie den Griff ihres Koffers, mit der anderen die Schlaufe einer Reisetasche. Der Rucksack auf ihrem Rücken taumelte wild hin und her. Sich Sorgen um die Frisur zu machen, hatte sie längst aufgegeben. Die Strähnen ihres kurzen, schwarzen Haares schwangen auf Kommando des Windes hin und her. Gerade hatte Dorothee ein anderes Problem.
Die Menschenschlange kroch auf das Schiff zu, wand sich im Schneckentempo die Gangway hinauf, bis der dunkle Schlund des Eingangs sie verschluckte. Als Teil dieser kriechenden Schlange wurde Dorothee unaufhaltsam mitgezogen, sie konzentrierte sich darauf, keines ihrer Gepäckstücke zu verlieren. Freundliche Besatzungsmitglieder standen rechts und links des Eingangs und bugsierten die Passagiere zu den Tischen, an denen die Formalitäten erledigt wurden.
„Willkommen an Bord, Frau Kaul.“
Ein Offizier in fescher Uniform strahlte Dorothee an, als ob er nur auf sie gewartet hätte, und gab ihr den Pass zurück mit der Bordkarte und einem Stapel Unterlagen. Koffer, Tasche, Rucksack und jetzt auch noch die Papiere, Dorothee hatte Mühe, alles zusammenzuhalten. Unaufhaltsam wurde sie weitergeschoben bis in die Eingangshalle. Dort blieb Dorothee abrupt stehen, setzte den Koffer ab und ließ die Reisetasche zu Boden plumpsen. Die plötzliche Weite und Höhe der Halle überwältigten sie und gaben ihr das Gefühl, in einer Kathedrale zu sein. Es strahlte und funkelte von oben, unten und allen Seiten. Sie kniff die Augen zusammen. Das Licht der riesigen Kristalllüster wurde im Glas ringsum vielfach widergespiegelt, Messingstangen glänzten überall zwischen poliertem Holz, alles zusammen erweckte den Eindruck, sich im Entree eines Fünf-Sterne-Hotels zu befinden.
Menschen wuselten durcheinander. Aufgekratztes Stimmengewirr waberte von Wand zu Wand, die Aufregung stand den neu Angereisten in die geröteten Gesichter geschrieben.
Wie sollte Dorothee sich hier nur zurechtfinden? Wahrscheinlich war diese Kreuzfahrt mal wieder eine ihrer Schnapsideen gewesen. Nun musste sie sehen, wie sie klarkam.
Jetzt entdeckte sie die gläserne Kabine des Fahrstuhls, der an der einen Seite des Runds geräuschlos auf und ab glitt wie ein Wesen aus einer anderen Dimension.
Dorothee nahm ihr Gepäck und steuerte entschlossen die Fahrstuhltür an. Im Nu war die Kabine voller Menschen, die Tür schloss sich, und der Fahrstuhl stieg lautlos empor über die Köpfe der unten Stehenden.
Auf Deck neun drängelte sich Dorothee mit ihrem Gepäck hinaus und blieb erneut stehen. Mit zittrigen Fingern nestelte sie die Bordkarte aus ihrer Manteltasche und suchte die Kabinennummer: 9118. Ihre Augen flatterten nervös an den Wänden entlang auf der Suche nach Hinweisschildern.
„Gar nicht so einfach, was?“
Eine Dame war hinter ihr stehen geblieben und sah sich ebenfalls um.
„Sieht so aus, als ob wir beide auf Deck neun wohnen, oder?“ Dorothee nickte und blickte, als sie sich umdrehte, in unglaublich tiefblaue Augen in einem schmalen Gesicht, das umspielt wurde von sehr blonden, kinnlangen Locken. Die dazu gehörende Gestalt war etwa so groß wie sie selbst und schlank. Forschend betrachteten die blauen Augen Dorothee eine Weile, bevor sie wieder an den Wänden entlangglitten und die schmalen Hinweisschildchen studierten.
„Aha, capito, auf dieser Seite sind die geraden Kabinennummern, nach rechts aufwärts und nach links abwärts. Und da drüben die ungeraden. Na also.“
Entschlossen griff die Fremde nach ihrem Gepäck, Dorothee tat es ihr nach.
„Also, ich muss da lang, man sieht sich.“
Auch Dorothee machte sich auf die Suche nach ihrer Kabine. Ein langer, schmaler, mit Teppichen ausgelegter Gang nahm sie auf. Nachdem sie das erste Nummernschildchen neben einer Kabinentür entdeckt hatte, wanderten ihre Augen von Kabine zu Kabine fast bis zum Ende des Schlauches. Endlich 9118! Erleichtert setzte sie ihr Gepäck ab, schloss auf, schob mit einem tiefen Seufzer ihr Gepäck hinein - und blieb überrascht stehen. So eine große, gemütliche Kabine!
Das breite Panoramafenster zog ihre Augen magisch an, sie wanderten hinaus auf den Balkon, glitten über die Brüstung und das blaugraue Meer bis zum Horizont, an dem es mit dem Himmel eins wurde. Dorothee schob die Glastür auf. Endlich spürte und sah sie, dass sie sich auf dem Wasser befand. Es wimmelte von Booten aller Art, die auf das Meer hinausfuhren oder zurückkamen und nach einem Anlegeplatz Ausschau hielten. Dazwischen verließen schnelle Fähren das Hafenbecken und manövrierten zielsicher zwischen eleganten, auf dem Wasser dümpelnden Segelbooten. Auf den Quais standen Bagger, Kräne und Lastwagen, die wie von Geisterhand bewegt wurden.
Dorothee war begeistert und konnte sich an dem Wimmelbild kaum sattsehen. Allmählich entspannte sie sich, alle Unsicherheiten und Zweifel fielen von ihr ab wie reifes Obst vom Baum. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Armbanduhr. In aller Ruhe würde sie ihre Sachen auspacken und dann schauen, wo sie ein Restaurant für das Abendessen fand. Davon sollte es eine ganze Reihe an Bord geben, wie sie in den Prospekten gesehen hatte. Alles war neu und dementsprechend aufregend; so viel gab es zu entdecken.
Auf dem kleinen Schreibtisch fand sich ein Plan des Schiffes, in dem die Restaurants eingezeichnet waren. Da würde sie schon das richtige für sich finden.
Bald hatte sie ihre Garderobe untergebracht und die Kosmetikutensilien im Bad verstaut. Es war zwar klein, doch alles Nötige schien vorhanden. Noch eine kurze Dusche nach der langen Anreise; sie warf einen prüfenden Blick in den Badspiegel. Gut, dass sie sich die Haare hatte frisch färben lassen, den Luxus gönnte sie sich regelmäßig. Ansonsten gab sie sich mit ihrem Aussehen nicht allzu viel Mühe, verzichtete auf Make-up und anderen Schnickschnack. Der graue Hosenanzug und die weiße Bluse passten gut zu ihrer schlanken Figur. Wie immer waren ihre Hände kalt, sie rieb sie aneinander. Hoffentlich konnte sie deren Zittern verbergen. Schnell in die Schuhe, dann konnte es losgehen.
Hinweisschilder gab es an vielen Ecken, an den Treppen, in den Fahrstühlen. Bald hatte sie das Restaurant ihrer Wahl gefunden. Vor dem Eingangsbereich wuselten schon hungrige Touristen durcheinander, mehrere Angestellte achteten darauf, dass niemand das Desinfizieren der Hände vergaß und einfach durchhuschte. Freundliches Lächeln, hilfloses Schulterzucken und abwehrende Hände machten klar, dass alle Tische besetzt waren. Was nun? Sollte sie sich etwas anderes suchen? Dorothee überlegte fieberhaft, dann kam ihr eine Idee. Sie war bestimmt nicht die einzige Alleinreisende an Bord. Entschlossen trat sie auf einen Kellner zu.
„Ich habe eine Bitte. Sicher gibt es Zweiertische, an denen nur eine einzelne Person sitzt. Bitte, seien Sie doch so freundlich und fragen nach, ob ich mich dazusetzen kann.“
Der höfliche Angestellte überlegte kurz, dann drehte er sich um und verschwand so schnell im Gewusel, als ob er schon einen bestimmten Tisch im Kopf hätte. Hoffnungsvoll und angespannt stand Dorothee zwischen den anderen unschlüssig Wartenden. Nach wenigen Minuten tauchte der Mann wieder auf, winkte unauffällig und eilte vor ihr her auf einen Tisch zu, an dem eine Dame neugierig den Kopf hob.
„Holla, die Waldfee, das nenne ich einen Zufall!“
Sie strahlte Dorothee an, die ungläubig schaute. Da saß die blonde Haarpracht von vorhin, jetzt frisch gewaschen und frisiert, und strahlte sie mit ihren meerblauen Augen an. Dorothee blieb am Tisch stehen. Die Dame wies auf den Platz gegenüber.
„Bitte, setzen Sie sich.“
„Darf ich mich vorstellen, Dorothee Kaul.“
„Mandy Schulz.“
Kaum hatten sie ihre Stühle zurechtgerückt, stand derselbe Kellner mit breitem Grinsen und gezücktem Bleistift neben dem Tisch, um ihre Bestellung für das Abendessen aufzunehmen, sichtlich stolz darauf, dass er zwei Damen zusammengebracht und glücklich gemacht hatte. Obwohl der Saal bis auf den letzten Tisch besetzt war, brachte der Kellner den Wein im Handumdrehen. Die beiden Frauen hoben ihre Gläser.
„Auf einen schönen Abend.“ Dorothee lächelte ihr Gegenüber an.
„Und eine interessante Reise“, ergänzte Frau Schulz.
Die Tische standen weit auseinander, sodass der Eindruck einer vornehmen Großzügigkeit entstand, ein Meer von Kerzen verbreitete warmes Licht. Über allem waberte eine Kakophonie von Stimmen. Der Reiz des Neuen verfehlte seine Wirkung auf die Gäste nicht, erwartungsfrohe Spannung knisterte über den Tischen. Dorothee fühlte sich auf Anhieb wohl und war von dieser besonderen Atmosphäre eines Bordrestaurants fasziniert.
„Sind Sie oft mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs?“
Die Frage von Frau Schulz holte Dorothee an den Tisch zurück.
„Nein, diese Reise von Dubai aus ist meine erste große Kreuzfahrt.“
Die meerblauen Augen blickten sie ungläubig an. Nun entspann sich ein lebhaftes Gespräch über Reisen im Allgemeinen und Kreuzfahrten im Besonderen. Mandy Schulz hatte schon mehrere große Kreuzfahrten mit verschiedenen Schiffen in alle Himmelsrichtungen unternommen. Mit ihrer Bemerkung hatte Dorothee Kaul ihr eine Steilvorlage geliefert. Je mehr Fragen ihr Gegenüber stellte, desto mehr kam Frau Schulz ins Erzählen und desto ungestörter konnte Dorothee sie beobachten.
Während sich ihre Tischnachbarin in Begeisterung redete, bewunderte Dorothee ihre hübschen Finger mit den perfekt gefärbten, leuchtend roten Nägeln. Die Hände fuhren ständig durch die Luft, während ihre Stimme Dorothee umschwirrte wie ein Schwarm Wespen. Das auffallende blaue Shirt mit eingewebten silbernen Fäden, das sicher aus einer Edelboutique stammte, passte hervorragend zu der gesamten Erscheinung, überlegte Dorothee. Im Vergleich mit Mandy Schulz kam sie sich doch ziemlich hausbacken und langweilig vor in weißer Bluse und grauer Jacke, obwohl sie in ihrer Kabine mit ihrem Aussehen ganz zufrieden gewesen war. Warum sollte sie sich auch besondere Mühe mit ihrem Aussehen geben? Dorothee lebte allein, seitdem ihr Josef vor fünf Jahren verstorben war.
Inzwischen bewegte sich das Gespräch vom Reisen weg zur beruflichen Vergangenheit.
Mandy Schulz war Chefsekretärin bei einem größeren Autozulieferer gewesen. Natürlich, dachte Dorothee, das passte, so wie sie aussah und auftrat, sich ihrer wichtigen Position vollauf bewusst; auch wenn diese inzwischen bestimmt Vergangenheit war, schätzte Dorothee. Frau Schulz sollte auch schon einige Jahre im Ruhestand sein. Wie alt sie wohl war?
„Seit vier Jahren bin ich Rentnerin, und seitdem reise ich durch die Welt. Gottseidank kann ich mir das leisten. Und man lernt interessante Leute kennen.“
Wieder fuhren ihre Hände durch die Luft wie losgelassene Jagdhunde. Sie lächelte ihre Tischgenossin an; unsicher, wie es Dorothee schien. Und dass die herumflatternden Hände und die Mundwinkel leicht zitterten, bemerkte sie auch. Berufserfahrung.
Der nette Ober hatte inzwischen die Teller abgeräumt und den hübsch arrangierten Nachtisch gebracht, zwei Kugeln Eis, garniert mit frischen Früchten.
„Das sieht aber hübsch aus! Was haben Sie beruflich gemacht, Frau Kaul?“
Genüsslich schob sich Frau Schulz Eis in den Mund, auch Dorothee griff nach ihrem Löffel.
„Ich war Kriminalbeamtin, bin schon seit etlichen Jahren pensioniert. Aber menschliche Verhaltensweisen und Handlungen lassen mich auch nach Jahren nicht los. Beobachten und aus den Beobachtungen Schlüsse ziehen, das ist immer noch mein Ding, geht ganz automatisch.“
Sie lächelte Frau Schulz an, bevor sie ihren Löffel im Eis versenkte.
„Im Übrigen liebe ich Hunde und Katzen, zurzeit wohnen zwei Katzen bei mir und beanspruchen viel Aufmerksamkeit. Meine Nachbarin versorgt sie während meiner Abwesenheit. Und wandern ist auch mein Ding.“
Schweigend löffelte Frau Schulz ihren Nachtisch zu Ende. War sie verunsichert? Das passierte Dorothee immer wieder; wenn sie ihren Beruf nannte, zogen sich Gesprächspartner oft zurück, sie fühlten sich beobachtet und seziert; aber meistens gab sich das schnell. Sie hob ihr Glas.
„Frau Schulz, ich schlage vor, dass wir uns duzen nach diesem netten Abendessen und Reiseauftakt. Sicher werden wir uns auf diesem Schiff noch öfter begegnen und interessante Gespräche führen können. Ich heiße Dorothee.“
„Mandy, Mandy Schulz.“
Sie stießen an und tranken.
„Ich denke, ich ziehe mich jetzt zurück. Der Tag war lang und anstrengend. Und die Aussicht auf den Hafen ist ganz zauberhaft, nicht wahr? Besonders jetzt am Abend mit all den Lichtern, die will ich auf meinem Balkon noch ein Weilchen genießen.“
Dorothee erhob sich. Mandy stand auch gleich auf.
„Ich komme mit, wir haben ja ein Stück weit denselben Weg.“ Als sie auf ihrem Stockwerk angekommen waren, blieb Mandy stehen.
„Ich werde noch ein bisschen an die frische Luft gehen.“
Sie nestelte an ihrer Tasche, zog Spiegel, Lippenstift und ein Päckchen Zigaretten daraus hervor.
„Ja dann, gute Nacht, man sieht sich.“
Dorothee bog in den Gang zu ihrer Kabine ein, blieb aber gleich hinter der Ecke stehen und linste vorsichtig zurück. Mandy stand immer noch dort, zog sich die Lippen nach und prüfte ihr Aussehen im Spiegel. Sie schien mit sich zufrieden, schob die Utensilien zurück in die Tasche und behielt nur die Zigarettenpackung in der Hand. Mit schnellen Schritten ging sie zurück zum Fahrstuhl.
Rauchen und auf perfektes Aussehen bedacht sein, passte das zusammen?
Dorothee wandte sich ab.
Nachdem sie ihre Kabinentür aufgeschlossen hatte, wanderten ihre Augen gleich wieder hinaus auf den Balkon.
Doch zunächst öffnete sie die Minibar und fand dort eine Flasche Mineralwasser und ein Glas. Aus ihrer Handtasche holte sie zwei kleine Packungen, nahm aus jeder eine Tablette und spülte sie mit Wasser hinunter. Dann schob sie die Balkontür auf.
Die Luft war frisch, doch nicht kalt. Ein faszinierender Sternenhimmel wölbte sich über dem Hafen, in dem dunklen, unruhigen Wasser spiegelten sich unzählige Lichter. Hier und da tuckerte ein Motor durch das glitzernde Wasser und zog eine schmale Lichtfahne hinter sich her. Wie schlafende Riesen standen die Kräne am Hafenbecken. Die Melodie der nächtlichen Großstadt, rauschender Autoverkehr, untermalte die Hafenszenerie.
Dorothee war aufgewühlt, auch irgendwie glücklich. Das Gespräch mit Mandy Schulz hallte in ihr nach. Auch wenn sie ihre Tischgenossin noch nicht recht einschätzen konnte, fand sie, dass die Reise gut angefangen hatte, und spürte in ihrem Inneren, dass sich viele Ängste als unbegründet erweisen würden.
Sie fröstelte und trat zurück in die Kabine. Jetzt erst fiel ihr Blick auf den weißen Umschlag, der auf ihrem Bett lag. Neugierig griff sie danach und öffnete ihn.
„Lieber allein reisender Gast,
wir laden Sie morgen Abend um 19 Uhr zu unserem Singletreff in die Rosenbar auf dem dritten Deck ein. Dort wollen wir uns bei einem Glas Sekt kennen lernen und anschließend gemeinsam zu Abend essen. Im Restaurant auf dem fünften Deck ist ein Tisch für uns reserviert.
Das Touristikmanagement und die Schiffsleitung würden sich über Ihre Teilnahme freuen.
Ihre Sophie Klein, im Auftrag der Touristikabteilung.“
2. Tag
So gut hatte Dorothee lange nicht mehr geschlafen.
Als der Handywecker anschlug, sprang sie mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett und zog die Vorhänge mit einem Ruck zur Seite, sodass ihr das wuselige Hafenleben förmlich vor die Füße fiel. Ein Hafen schlief nie, hatte sie bereits gelernt; wie tags zuvor strebten Schiffe und Boote aller Formen und Größen kreuz und quer ihren Zielen entgegen, als folgten sie einem geheimen Befehl; auf den Hafenanlagen wurden Waren in Kisten und Ballen gestapelt, auf Schiffe verladen oder mit Lastwagen weggefahren, während andere Fahrzeuge wieder neue Waren heranschafften.
Nur ungern riss sich Dorothee von dem lebhaften Schauspiel los. Doch am späteren Vormittag stand eine Stadtrundfahrt auf ihrem Programm, und in aller Ruhe frühstücken wollte sie natürlich auch. Ob sie die meerblauen Augen irgendwo sehen würde und man zusammen frühstücken könnte?
Als Dorothee mit ihren morgendlichen Ritualen fertig war, machte sie sich auf in das Selbstbedienungsrestaurant, wo sie frühstücken wollte. Wieder stauten sich vor dem Eingang viele Menschen, wieder wurde die Desinfizierung der Hände von einem Mitarbeiter genauestens kontrolliert. Dorothee war beeindruckt von der Wachsamkeit des Personals und blieb nach ein paar Schritten stehen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen.
An den Wänden und auch in der Mitte des Raumes zogen sich Tische und Theken entlang, voll beladen mit allen nur vorstellbaren Frühstücksherrlichkeiten, umlagert von Menschen mit Tabletts, Tellern und Tassen, Saftgläsern und Brotkörbchen.
Suchend sah sich Dorothee um. Wo gab es einen freien Sitzplatz? Den Gedanken an einen Tisch für sich allein hakte sie gleich ab. Da entdeckte sie an der Fensterfront zum Hafenbecken hinaus eine lange Theke mit Barhockern, von denen einige noch frei waren, für sie als Single geradezu ideal. Frühstücken mit diesem Panorama vor Augen konnte sie sich wunderbar vorstellen. Schnell holte sie ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kaffee, stellte beides an einen leeren Platz auf der Theke und reservierte ihn so für sich. Dann machte sie sich auf eine Besichtigungstour entlang der Köstlichkeiten, und als sie alles gesehen hatte, war auch ihr Tablett gut gefüllt. Sie setzte sich und ließ sich das Frühstück schmecken. Hin und wieder warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr, damit sie die Zeit nicht vergaß. Ihren Bustermin wollte sie auf keinen Fall verpassen. Mit dem bunten Hafenbild vor Augen, den Köstlichkeiten auf dem Teller und dem duftenden Kaffee fühlte sie sich wie im Schlaraffenland, da wurde schon das Frühstück zu einem kleinen Fest. Hatte sie sich das nicht genauso gewünscht, wochenlang davon geträumt? Aufmerksame Angestellte räumten benutztes Geschirr ab und säuberten die Tische für die nächsten Frühstückshungrigen.
Als Dorothee fertig war, machte sie sich auf den Weg zurück zur Kabine und blieb plötzlich stehen. In dem Lautsprecher über ihrem Kopf knackte und knisterte es, dann ertönten ein paar Takte Musik, die abrupt abbrachen. Dorothee lauschte der überaus sympathischen Stimme, die gleich darauf einsetzte:
„Guten Morgen, liebe Gäste. Zu Ihnen spricht Klaus Lohner, der Touristikmanager auf diesem wunderbaren Schiff. Zunächst möchte ich Sie an Bord ganz herzlich willkommen heißen und Ihnen einen sehr schönen Tag wünschen, was immer Sie auch heute vorhaben. Dazu habe ich noch einige Informationen für Sie…“
Es folgten zahlreiche Durchsagen, die mit einem einprägsamen Satz endeten, den Dorothee an jedem der folgenden Tage mindestens einmal hören und an den sie sich noch jahrelang erinnern würde: „Was immer Sie tun und sagen, tun und sagen Sie es mit einem Lächeln im Gesicht.“
Unwillkürlich musste auch Dorothee lächeln, während sie weiterging. Wie wahr! Wurde nicht alles viel leichter und angenehmer mit einem freundlichen Gesicht?
Sie verschwand in ihrer Kabine.
Dubai, ich komme!
