Verliere nicht dein tapferes Herz - Dagmar Meyer - E-Book

Verliere nicht dein tapferes Herz E-Book

Dagmar Meyer

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Beschreibung

Kurz vor dem Überfall auf Polen im Herbst 1939 heiraten Bodo und Elfriede. Das Glück gibt es jedoch nur auf Raten. Als Sanitätsarzt zieht Bodo mit der Armee an die Kriegsschauplätze nach Polen, Frankreich, Russland. Erst einen Tag, bevor russische Panzer einrollen, kann Elfriede ihren Wohnort Deutsch-Eylau verlassen. Die Flucht dauert fast ein Jahr, erst zu Weihnachten 1945 ist die Familie in Geesthacht an der Elbe wieder vereint. Während Elfriede um das Wohlergehen ihrer Familie kämpft, wird Bodo mit dem Niedergang Deutschlands und all seiner Träume nicht fertig...

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Dagmar Meyer

Verliere nicht dein tapferes Herz

Ein Roman zwischen Gegenwart und Vergangenheit aus Ostpreußen

www.tredition.de

© 2012 Dagmar Meyer

Lektorat: Ursula Wenke, www.lektorat-wenke.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8491-1808-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Junge Menschen brauchen Flügel, aber auch Wurzeln.

Für

Hannah und Sophie,

Natalie und Charlotte,

damit sie erfahren, dass eine ihrer Wurzeln im fernen Ostpreußen liegt.

Vorwort

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit liegen sechs Stunden Bahnfahrt – Zeit genug, um die Gegenwart zu verlassen und sich der Vergangenheit zu nähern.

Mehr als einmal male ich mir die Ankunft in der Stadt meiner Kindheit aus: Werden mir Straßen bekannt vorkommen, Plätze, Gebäude? Vor knapp vierzig Jahren bin ich aus Geesthacht fortgegangen; Jahrzehnte, die ausreichten, um Straßen zu verlegen, Plätze neu zu gestalten, Häuser abzureißen und andere zu bauen.

Zwischen der Abfahrt in Stuttgart und der Ankunft in Hamburg liegt auch eine nervige Bahnfahrt; ich bin in ein Abteil gepfercht mit Leuten, deren laute Gegenwart nur zu ertragen ist durch das Lesen der letzten beiden Briefe meines Vaters aus dem Jahr 1945.

In Hamburg steige ich in den Bus um, der auch schon damals, in meiner Kinderzeit vor sechzig Jahren, nach Geesthacht fuhr und eine Stunde dafür brauchte. Er fährt durch Stadtviertel, deren Namen mir auch heute noch geläufig sind.

Irgendwann taucht dann tatsächlich das Ortsschild von Geesthacht auf. Gespannt versuche ich, Straßenschilder zu lesen und Häuser wiederzuerkennen. Jeder Erfolg lässt mein Herz ein bisschen schneller schlagen. Da rechts geht es nach Düneberg, wo wir zuletzt gewohnt haben, und als das Kaufhaus „Hackmack“ in Sicht kommt, muss ich auch schon aussteigen.

An der Hauptpost verlasse ich den Bus und gehe durch die Fußgängerzone der Bergedorfer Straße, die es früher so nicht gab, zum Krügerschen Haus, dem Stadtmuseum und verabredeten Treffpunkt. Manche Geschäfte tragen vertraute Namen. Zwischen neuen Gebäuden stehen viele alte im Kleid der norddeutschen Häuser des frühen zwanzigsten Jahrhunderts: dunkelroter Backstein mit Fenstern und Türen in weiß gestrichenem Holz.

Der Stadtarchivar holt mich im Museum ab. Während wir den kurzen Weg zum Rathaus gehen, versuche ich, ihm möglichst genau zu erklären, weshalb ich nach Geesthacht gekommen bin: zum einen, um auf den Spuren meiner Kindheit und Jugend zu wandern, zum anderen, um nach Material über die Jahre 1945 bis 1948 zu suchen.

Im Rathaus tauchen wir ab in die Katakomben, wo sich Archive meistens befinden. Ich habe das Gefühl, meinem Ziel immer näherzukommen, zwischen den deckenhoch gestapelten Ordnern und Kartons, den Regalen voller Bücher und Papier die Antworten zu finden, nach denen ich seit Monaten suche. Es ist, als käme nach einem Rennen das Zielband endlich in Sichtweite.

Mit geübter Hand greift der Archivar nach einem dicken grauen Heft, das mit „Sterberegister“ und einigen Jahreszahlen beschriftet ist, und blättert es durch. Gebannt starre ich auf die Seiten, die, mit Tinte säuberlich ausgefüllt, in schneller Folge durch seine Hand gleiten, bis der dokumentierte Tod meines Vaters mir in die Augen springt.

Das Wissen um die vaterlose Kindheit ist das eine, die Sterbeurkunde in meinem Aktenordner zu Hause das andere. Aber die schonungslose Offenlegung auf sechzig Jahre altem Papier am Ort des Geschehens weht mit dem Aktenstaub alle Zweifel davon, die Freunde in mein Herz gelegt hatten: Man solle die Vergangenheit ruhen lassen.

Doch die stummen, unsichtbaren Jahre meiner jungen Eltern und meiner frühsten Kindheit haben keine Ruhe gegeben. Ich bin mir ganz sicher: Nun will ich mehr wissen. Alles.

Im Restaurant des kleinen Hotels in Geesthacht komme ich langsam zur Ruhe. Am frühen Abend sind kaum Leute im Gastraum, niemand achtet auf mich.

Auf dem Tisch vor mir mein Laptop, ein Stapel Briefe und Fotos. Darin ein Leben.

Mit aufmerksamen Augen schaust du mich an. Ich betrachte deine regelmäßigen, feinen Gesichtszüge, die schmale, gerade Nase und die hohe, leicht eckige Stirn. Wie auf fast allen Fotos ist das schwarze Haar inder Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten gebunden. Die helle Bluse und der lange Rock unterstreichen die Anmut deiner Erscheinung.

Wieder einmal bewundere ich deine Schönheit, Mutti, die der neunzehnjährigen Elfriede Stein auf diesem Foto von 1934.

Auf anderen Fotos aus den frühen Dreißigerjahren taucht neben dir ein junger, schlaksiger Mann auf, mit gewinnendem Lausbubenlächeln im schmalen Gesicht. Wasserblaue Augen blicken keck und charmant lächelnd auf die junge Frau, die ihn mal schüchtern, mal ganz offen anhimmelt. Seine dunkelblonden, glatten Haare sind kompromisslos aus der hohen Stirn gekämmt; die strenge Frisur bildet einen reizvollen Kontrast zu der Lässigkeit, die die schlanke, große Gestalt im grauen Anzug und mit bürgerlich konventionellem Hut ausstrahlt. Er sei ein fröhlicher Typ gewesen, unser Vater, hast du später oft gesagt, bei den Frauen beliebt, dazu intelligent und ehrgeizig. Und doch bin ich sicher, dass er auch eine ernste Seite hatte, dass mich auf anderen Fotos aus der verborgenen Tiefe der hellen Augen ein melancholischer Bodo Vollstedt ansieht, bei seiner Tochter um Verständnis werbend und um Verzeihung bittend für das, was geschehen ist, was er nicht hatte verhindern und wofür er die Verantwortung irgendwann nicht mehr hatte tragen können. Traurig schaue ich ihn an. So viele Fragen, für die es keine Antworten mehr geben wird.

Mein Blick schweift aus dem Fenster dieses Hotels, das es auch schon in meiner Kindheit gab, über Straße und Badeanstalt hinaus zur Elbe, in der ich als Kind noch geschwommen bin. Sanft glitzert das behäbig fließende Wasser in der Abendsonne. Mir ist, als wolle der Fluss sagen: Ich war hier, als du ein Kind warst, und bin hier, wenn du an deinem Lebensende nach Antworten suchst. Ich werde immer hier sein.

Tief atme ich durch und kehre aus den Kindheitstagen zurück an den Tisch, auf dem sich noch fernere Vergangenheit ausbreitet.

Deine dunklen Augen ermuntern mich, zurückzugehen in das Königsberg von 1933, mir vorzustellen, wie es damals war, in jenem Frühling, als du den Studenten Bodo Vollstedt trafst ...

1

Vor dem Schaufenster eines Modegeschäftes war Elfriede stehen geblieben.

„Jetzt komm schon, Elfriede!“

„Ja doch, gleich, nun hetze mich doch nicht so!“

Für die ausgestellten Kleider interessierte sich Elfriede allerdings heute nicht. Sie prüfte ihr Aussehen in der spiegelnden Fensterscheibe, strich die Haare noch einmal glatt, rückte den Gürtel des langen Rockes gerade und kontrollierte den Sitz der beigefarbenen Bluse mit dem weißen Spitzenkragen.

„Du siehst perfekt aus, wie immer.“

Hildes Stimme klang ungeduldig. Lachend hakte sie Elfriede unter, kichernd und schwatzend liefen sie durch die Königsberger Straßen Richtung Schlossteich. Für die Schaufenster der vielen Geschäfte hatten sie heute keinen Blick, auch nicht für die neuen Fahnen, die seit wenigen Wochen an allen Straßenecken hingen, und für die Männer und Jungen, die im Gleichschritt und laut singend durch die Straßen marschierten, erst recht nicht. Immer mehr Fahnen und Marschierende waren seit der Machtübernahme Hitlers in den Straßen Königsbergs und ihrer Heimatstadt Tilsit aufgetaucht. Bei Elfriede war das anfängliche Staunen darüber einem zunehmenden Desinteresse und betonter Gleichgültigkeit gewichen. Sie wollte frei von Pflichten sein, wollte leben und lieben, wenn sich die Gelegenheit bot.

In diesem Jahr 1933 lag die Schulzeit erst wenige Wochen hinter ihnen, die Zukunft wie ein ungeschriebenes Tagebuch im Schrank und die grenzenlose Freiheit wie Parfum in der Luft. Heute war der Tag.

„Du, ich muss dir etwas erzählen.“

Hilde beugte ihren Kopf verschwörerisch zur Freundin hinüber.

„Gestern habe ich Ruth Rosenthal getroffen.“

Elfriede blieb stehen und sah Hilde interessiert an.

„Ach ja? Ich habe sie seit unserem letzten Schultag nur selten gesehen. Was erzählt sie denn so?“

„Todunglücklich ist sie. Vor zwei Tagen haben ihre Eltern im Briefkasten einen anonymen Brief gefunden. Übrigens nicht den ersten. Wenn sie nicht aus Tilsit verschwänden, würden sie schon merken, was mit den Juden geschehe. Ruth sagte, sie hätten furchtbare Angst.“

Entsetzt schlug Elfriede die Hand vor den Mund und blickte sich ängstlich um.

„O Gott, sei bloß still. Wenn dich jemand hört! Das ist ja furchtbar.“

Die stille, fleißige Ruth, die liebenswerte Klassenkameradin in allen Schuljahren – und jetzt so etwas! Sie schüttelte den Kopf.

„Komm, wir reden ein andermal darüber, jetzt nicht. Wir wollen uns doch amüsieren, nicht wahr?“

Vor dem Café „Bellevue“ würde Luise auf sie warten, die Dritte im Bunde der Freundinnen, so war es verabredet. Und drinnen eine flotte Tanzkapelle. Vor Aufregung hatte Elfriede rote Wangen und glänzende Augen. Hoffentlich warteten auch genug ansehnliche Tänzer, Studenten von der „Albertina“ etwa oder Offiziersanwärter, die Freigang hatten. Die Mädchen waren gespannt.

„Na endlich. Ich stehe mir hier die Beine in den Bauch!“

Wie immer übertrieb Luise maßlos, wenn sie ihre Nervosität nicht zeigen wollte. So fiel auch die Begrüßung der Freundinnen überschwänglich aus. Doch da die Anspannung alle drei wie ein Virus befallen hatte, merkten sie es nicht und strebten dem Eingang des Cafés zu, aus dem bei jedem Türöffnen Musikfetzen auf die Straße flüchteten.

Im Durchgang zum Saal blieben sie zögernd stehen und entdeckten bald einen freien Tisch. Während Elfriede und Hilde die Paare auf der Tanzfläche und die Gäste an den anderen Tischen kritisch musterten und die Garderoben und Frisuren der anwesenden weiblichen Konkurrenz unauffällig einer Prüfung unterzogen, wanderten Luises Augen angestrengt am Eingang hin und her.

„Wartest du auf jemanden?“

Elfriede hatte Luise beobachtet.

„Ich? I wo!“

Luise schüttelte heftig den Kopf, sodass ihre braunen kurzen Haare flogen, und schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Elfriede betrachtete ihre Freundin in der roten Bluse mit den kurzen Puffärmeln und den Rüschen am Ausschnitt, der einen üppigen Busen erkennen ließ. Luise war von kräftiger Statur, was auch der schmale lange Rock nicht verbergen konnte. In der Schule war sie deshalb so manches Mal gehänselt worden, doch Elfriede und Hilde hatten die Freundin stets gegen Lästermäuler verteidigt. Luise war eben so.

Ganz anders dagegen Hilde, die die anwesenden Tänzer inzwischen kühl musterte und Luises angespannte Nervosität nicht zu bemerken schien. Hilde mit den blonden Naturlocken, mit der Mannequinfigur und den märchenhaft blauen Augen. Neid glitzerte in den Augen mancher Mädchen. Schon in der Schule hatten sich die Jungen gedrängt, um der Ehre eines Gespräches mit ihr für würdig befunden zu werden. In dem hellblauen Kleid mit dem schwingenden Saum sah sie auch heute wieder hinreißend aus. Es würde nicht lange dauern, bis die ersten Tänzer sie aufforderten.

„Ja, wen haben wir denn da?“

Wie aus dem Boden gewachsen, stand Fritz Eder am Tisch der jungen Mädchen und schaute seine Schwester Luise spitzbübisch an. Hinter ihm drängten sich drei weitere junge Männer und begutachteten ungeniert die Freundinnen. Luise schickte ihrem Bruder einen beschwörenden Blick.

„Ach, Fritz, ich wusste gar nicht, dass du heute auch hier bist.“

Elfriede und Hilde fanden keine Zeit, sich ausgiebig darüber zu wundern, dass Luise nichts von dem Erscheinen ihres Bruders wusste. Von Kindheit an kannten sie Fritz, der sich nun formvollendet verbeugte.

„Meine Damen, darf ich Ihnen meine Freunde und Studienkollegen vorstellen: Wilhelm von Berghoff, Student der Rechtswissenschaften wie ich, Heinz Bauer, der als unser Jüngster kurz vor der Matura steht und Medizin studieren will, und Bodo Vollstedt, der sich bereits in der medizinische Fakultät eingeschrieben hat.“

Schüchtern schlug Elfriede die Augen nieder, während Hilde die Studenten kühl musterte. Luise streckte ihren Rücken durch.

„Und ich übernehme meinerseits die Vorstellung: Hilde Neumann und Elfriede Stein, die beide aus Tilsit stammen, und meine Wenigkeit Luise Eder, die Schwester des Rechtskandidaten Fritz. Freut uns sehr.“

Inzwischen war die Pause vorüber, die Kapelle begann mit einem Walzer die nächste Tanzrunde. Wilhelm von Berghoff verbeugte sich vor Hilde, Heinz Bauer vor Luise, Bodo Vollstedt führte Elfriede Stein am Ellbogen zur Tanzfläche.

Leicht wie eine Elfe lag sie in seinem Arm, sodass Bodo keine Mühe hatte, mit seiner Partnerin im eleganten Schwung um die zahlreichen Tänzer herumzukurven wie ein Schiff um Untiefen. Auf den schnellen Walzer folgten Tango und langsamer Walzer. Der hoch aufgeschossene, schlanke Bodo sah auf das schwarze, gradlinig gescheitelte Haar seiner Tänzerin, in ihre dunklen, warmen Augen, wenn sie ihn anschaute, in ihr ebenmäßig geformtes Gesicht. Ihm gefiel alles, was er sah.

Auch Elfriede war angetan, tanzte sie doch für ihr Leben gern und ein guter Tänzer hatte bei ihr gleich einen Stein im Brett. Diese Grübchen um den lachenden Mund, diese hellblauen Augen, in denen es schalkhaft blitzte! Hoffentlich merkt er nicht, wie sehr er mir gefällt, dachte Elfriede.

Die Mädchen trafen sich am Tisch wieder, fächelten ihren erhitzten Gesichtern Kühlung zu und versteckten ihre Erregung hinter scherzhaften Reden und lautem Gelächter. Welch ein Nachmittag!

Eine Tanzrunde folgte der anderen, man wechselte die Partner in loser Reihenfolge, bis es für Elfriede und Hilde Zeit wurde, an die Heimfahrt zu denken. Luise würde mit ihrem Bruder erst mit dem nächsten Zug nach Hause fahren, weil sie noch eine Tante in Königsberg besuchen wollten.

Es war selbstverständlich, dass Wilhelm von Berghoff und Bodo Vollstedt Elfriede und Hilde zum Bahnhof begleiteten.

Im Zug beherrschte der fröhliche Tanznachmittag das Gespräch der Mädchen, die Fahrt nach Tilsit verging wie im Flug; für die in der Abenddämmerung vorbeiziehende Landschaft aus Feldern und Wiesen hatten sie heute keinen Blick übrig.

Hilde kicherte und sah Elfriede spitzbübisch an.

„Jetzt sag schon, Elfriede, welcher Verehrer hat dir denn am besten gefallen? Also mir gefallen die Medizinstudenten. Arzt ist ein sehr angesehener Beruf, da kann man als Frau ein großes Haus führen und ist angesehen in der Stadt. Den Herrn Vollstedt fand ich besonders nett.“

Elfriedes Herzschlag setzte für einen Moment aus. Wenn Hilde sich für Herrn Vollstedt interessierte, dann hatte sie keine Chance. Dabei hatte sie ihm doch gefallen, da war sie sich sicher. Auf gar keinen Fall durfte sie sich etwas anmerken lassen, wenn sie sich nicht blamieren wollte.

„Ja, der war sehr charmant“, antwortete sie eher beiläufig.

Am Bahnhof in Tilsit verabschiedeten sie sich, Elfriede musste noch mit dem Bus nach Weinoten fahren. Die vertrauten Straßen und Häuser nahm sie nur schemenhaft wahr. In ihrem Herzen tobte ein Aufruhr, in dessen Mittelpunkt ein junger Student stand, der sie sicher übers Tanzparkett gewirbelt und dessen Lächeln ihre Gefühle in Wallung gebracht hatte. Elfriede legte die Hand an ihre Wange. Sie glühte.

Vor meinen inneren Augen sehe ich dich die stille Dorfstraße hinuntergehen. Wahrscheinlich ist es auch dort immer seltener so ruhig wie jetzt, denn auch auf dem Dorf marschieren die braunen Truppen oder werden Versammlungen und Kundgebungen abgehalten. Irgendwo bellt ein Hund. Aus offen stehenden Stalltüren weht Mistgeruch, dringen Kuhgebrüll und Kettengeklirr hinaus auf die Straße.

Auch um dein Elternhaus, das zugleich Dorfschule ist, liegt ländliche Ruhe. Schlapp hängt die neue Fahne mit dem Hakenkreuz aus einem Fenster über dem Eingang. Ich sehe deinen Vater, Dorfschullehrer Ludwig Stein, in seinem Arbeitszimmer sitzen, die Mutter und Editha, deine jüngere Schwester, in der Küche mit dem Abendessen beschäftigt. Fast höre ich ihr Lachen durch das weit offen stehende Fenster. Ländliche Idylle – auf Abruf.

Vor der Haustür holst du tief Luft.

Eins ist sicher: Du wirst Bodo ein zweites Mal treffen, denn er hat dir ein Wiedersehen am nächsten Sonntag abgerungen, am Schlossteich in Königsberg.

Und etwas anderes ist auch sicher: Du hast dich unsterblich verliebt.

Mit klopfendem Herzen saß Elfriede am nächsten Sonntag in Königsberg auf einer Bank an der Uferpromenade und starrte ins Wasser.

Viele Spaziergänger schlenderten am Schlossteich entlang, Familien mit Kindern, ältere, angemessen schreitende Herrschaften und junge, kichernde Pärchen, die nur mit sich selbst beschäftigt waren. Jedes Mal, wenn ein Trupp lärmender Studenten vorbeizog, tat ihr Herz einen Sprung. Könnte nicht ihr Bodo darunter sein? Wie sollte sie sich verhalten, wenn er sich aus der Gruppe löste und auf sie zukäme? Sie hatte sich etwas abseits gesetzt, weil ihr Zug sehr früh da gewesen war; es sollte nicht so aussehen, als hätte sie schon auf ihn gewartet. Ein anständiges Mädchen tat so etwas nicht.

Einige Schwäne zogen dicht am Ufer geräuschlos vorüber, umrahmt von Pulks schnatternder Enten, die den zahlreichen Ruderbooten geschickt auswichen. In der Sonne schimmerte das Wasser wie Seide, die Ruderschläge erzeugten leichte Wellen, die über das Wasser tanzten und mit zartem Glucksen ans Ufer schwappten.

„Guten Tag, Fräulein Stein.“

Sie zuckte zusammen, blickte erschreckt auf und erhob sich. Mit einer leichten Verbeugung zog der Mann den Hut. Elfriede streckte ihm die Hand entgegen und lächelte.

„Guten Tag, Herr Vollstedt.“

„Darf ich Sie zu einer Bootspartie einladen, Fräulein Stein? Bei diesem schönen Wetter ist es auf dem Wasser wunderbar.“

Hoffentlich merkt er nicht, wie gehemmt ich bin, schoss es Elfriede durch den Kopf. Einmal mehr wünschte sie sich, so souverän wie Hilde zu sein. Doch Bodo strahlte sie offen an, sodass sich die Grübchen in seinen Wangen vertieften.

„Wie schön, dass wir uns am letzten Sonntag im Café ‚Bellevue‘ kennengelernt haben! Die Schwester meines Schulfreundes Fritz kannte ich schon, aber dass sie wiederum eine so reizende Freundin hat …“

Bodos Augen blitzten. Elfriede riss sich zusammen. Sie musste etwas sagen, wollte sie nicht vor ihm als weltfremde Landpomeranze dastehen.

„Ja, es war sehr schön, ich tanze für mein Leben gern.“

„Gehen Sie oft zum Tanzen?“

„Eigentlich nicht. In den letzten Monaten haben wir viel für die Abschlussprüfungen lernen müssen. Doch jetzt ist alles vorbei, die Freiheit beginnt.“

„Gratulation, Fräulein Stein.“

Sie hatten das Bootshaus erreicht. Bodo mietete ein Ruderboot und mit kräftigen Schlägen hatte er es bald bis in die Mitte des Schlossteiches gerudert. Elfriede wurde plötzlich bewusst, dass es trotz der anderen Boote sehr still auf dem Wasser und dass sie zum ersten Mal mit diesem Mann allein war.

„Sicher wollen Sie wissen, wen Sie da so unvermittelt kennengelernt haben. Meinen Namen haben Sie ja schon erfahren. Mein Vater hat auf dem Gut Quittainen eine Anstellung als Verwalter, dort bin ich geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jetzt studiere ich an der ‚Albertina‘ Medizin. Arzt zu sein, ist mein Traumberuf. Wissen Sie schon, was Sie werden wollen? Auch studieren?“

„Ich weiß es wirklich noch nicht. Erst einmal habe ich vom Lernen genug.“

„Das kann man verstehen. Aber etwas Sinnvolles zum Wohle unseres Volkes sollte jeder Mensch tun. Welchen Beruf hat Ihr Vater?“

Elfriede senkte den Kopf. Was würde er denken, wenn er erfuhr, dass ihr Vater nur ein kleiner Beamter, ein Dorfschullehrer war? Gutshof! Medizinstudent! Nein, da konnte sie nicht mithalten. Aber dass ihr Vater ein aufrechter, gebildeter Mann war und etwas Sinnvolles zum Wohle der Menschheit tat, davon war sie überzeugt. Lehrer zu sein war kein Zuckerschlecken!

Sie hob den Kopf und sah ihr Gegenüber fest an. Bodos forschende Augen wichen den ihren nicht aus.

„Mein Vater ist Lehrer in Weinoten, einem kleinen Dorf bei Tilsit, Sie werden es nicht kennen. Dort wohnen wir jetzt. Ich bin in Königsberg geboren und zur Schule gegangen, auf die Königin-Luise-Schule. Meine jüngere Schwester geht auf das Lyzeum in Tilsit.“

„Lehrer zu sein ist ein schöner und für die Zukunft unseres Volkes ungemein wichtiger Beruf. Wäre das nicht auch etwas für Sie?“

„Ich habe auch schon daran gedacht, bin mir aber noch nicht ganz sicher. So viele fremde Kinder zu erziehen und zu bändigen, lernen sollen sie auch etwas, also ich weiß nicht.“

Elfriede lächelte ihn an und zuckte mit den Schultern. Bodo hatte die Ruder seitlich ins Boot gelegt, das sich weit von der Anlegestelle entfernt hatte und auf der glatten Wasserfläche lag wie auf einem Spiegel. Er hörte ihr aufmerksam zu.

„Ja, so eine Berufswahl sollte wirklich gut überlegt sein. Man will ja aus seinem Leben etwas Rechtes machen. Meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus dem Reich, aus Schleswig-Holstein. Gut möglich, dass ich für einige Semester nach Kiel an die medizinische Fakultät gehe. Ich könnte dann meine Verwandten in Preetz kennenlernen und wahrscheinlich bei ihnen wohnen. Soviel ich weiß, sind sie Förster und Gutsverwalter seit vielen Generationen.“

„Das ist wirklich interessant.“

„Nicht wahr? Jetzt schlage ich aber vor, dass wir zurückrudern und uns erfrischen. Darf ich Sie in Ihr Lieblingscafé einladen?“

„Gern. Aber ich habe hier viele Lieblingscafés.“

Sie lachten, brachten das Boot zurück und steuerten auf eine nahe gelegene Gartenwirtschaft zu. Bodo nahm Elfriedes Arm und zeigte mit der anderen Hand auf ein hinter Bäumen verstecktes Haus.

„Sehen Sie das Haus da drüben mit dem großen weißen Balkon? Es ist das Verbindungshaus der Burschenschaft ‚Germania‘, da bin ich gleich zu Beginn des Studiums eingetreten. Solche Beziehungen können einem im Leben sehr nützlich sein.“

Elfriede schwieg. Was sollte sie auch sagen? Studentisches Leben war nicht ihre Welt. Ja, wenn ihr Bruder noch lebte … Doch Hans war vor drei Jahren mit siebzehn an Diphtherie gestorben. Der Schmerz der Eltern war bisher kaum verblasst und der Schatten des Bruders fiel im Elternhaus auf alles, was seine Bewohner sprachen und taten.

Sie würde Bodo von ihm erzählen, aber nicht gleich.

Zum Glück fanden sie einen freien Tisch im Garten und bestellten Kaffee, Kuchen und Limonade. Bodo musterte die Umgebung.

Über dem Eingang zum Garten hing eine neue riesige Hakenkreuzfahne. An manchen Tischen konnte man braune Uniformen entdecken. In der Ferne war Marschmusik zu hören, ihre scharfen Trommelwirbel durchbohrten penetrant die schmeichelnde Caféhausmusik.

„Es ist nicht zu übersehen, eine neue Zeit bricht an. Die Menschen hoffen auf gute Zeiten, auf Arbeit, Wohlstand, Ansehen. Und vielen geht es inzwischen auch erheblich besser als früher. Nach allem, was Ostpreußen in der Vergangenheit mitgemacht hat, kann es nur aufwärtsgehen, meinen Sie nicht auch, Fräulein Stein?“

Elfriede nickte verlegen. Bloß das nicht, nur keine Politik! In ihrem Elternhaus war sie kein großes Thema – bis jetzt. Nur manchmal grummelte der Vater unwillig vor sich hin. Elfriede scherte sich überhaupt nicht um politische Ereignisse und war froh, die Schule hinter sich zu haben, bevor nationalsozialistische Formen des Miteinanders dort Einzug hielten. Ihre Schwester Editha tat ihr wirklich leid.

„Können wir über etwas anderes reden? Politik interessiert mich überhaupt nicht.“

„Entschuldigen Sie.“

Bodo griff nach Elfriedes Hand und sah ihr tief in die Augen. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Gesicht glühte, und schlug die Augen nieder.

„Ich habe eine große Bitte. Lassen Sie uns ‚Du‘ zueinander sagen.“

Elfriede sah ihn mit großen Augen an. Dieses jungenhafte Lächeln!

„Einverstanden“, sie stockte, „Bodo.“

Er streichelte sanft über ihre Finger.

„Denn wenn ich auch nicht weiß, was die Zukunft bringen wird, eines weiß ich gewiss: Ich möchte dich wiedersehen, Elfriede.“

Irgendwann saß sie wieder im Zug Richtung Tilsit und versuchte, ihre aufgewühlten Empfindungen unter Kontrolle zu halten. Bodo war unterhaltsam, wusste lebhaft und witzig zu erzählen und sie zum Lachen zu bringen. Er hatte, im Gegensatz zu ihr, Ziele im Leben und eine Meinung zu den Dingen, die um sie herum geschahen. Vielleicht sollte sie doch öfter Zeitung lesen und mit dem Vater über das eine oder andere diskutieren. Der redete nicht viel, vertiefte sich lieber in seine Bücher und Zeitungen. Wusste sie eigentlich, welche politische Meinung er hatte? Sie würde ihn fragen, gleich morgen.

Und stimmte es denn überhaupt, dass sie von ihrer Zukunft keine Vorstellung hatte?