Singularkollektiv - Ofer Waldman - E-Book

Singularkollektiv E-Book

Ofer Waldman

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Beschreibung

Aus dem dünnen Spalt zwischen der Einsamkeit des Übungsraums und der Anonymität der Orchesterreihen erscheinen Fantasien, Beobachtungen, gesellschaftliche Aphorismen. Das könnt ihr euch nicht vorstellen. Den Rausch, die Angst, den Herzschlag, den Atem, das Gefühl, die Hitze. Mit diesen Worten taucht "Singularkollektiv" in eine Welt, die jenseits des Glamours liegt, der gewöhnlich mit klassischer Musik verbunden wird. Eine Welt unter der dünnen Schicht von Frack und Fliege, in der das Orchester einer weiten Steppe gleicht, einem bahnhofslosen Ort. Wo es nach Blech und Öl, Holz und Schweiß riecht. Aus dem dünnen Spalt zwischen der Einsamkeit des Übungsraums und der Anonymität der Orchesterreihen, zwischen Musikbeamtentum und brotloser Kunst, dringen Fantasien, Beobachtungen, gesellschaftliche Aphorismen nach außen. Die Geigerin, die so tut, als ob sie spielt und ihre Stille Kunst feiert, der abgelehnte Posaunist, der um die Gunst eines neuen Generalmusikdirektors bangt. Der schlechte Cellist, der an seinem Cello wie ein Schiffbrüchiger hängt, der verspätete Geiger, auf den nicht gewartet wird. Die Scheinrealität einer Generalprobe. Die ungewöhnlichen Instrumente, die es in den Orchesterkanon nicht geschafft haben. Figuren und Momente, die der Orchesterwelt entstammen, aus dieser gleichzeitig herausragen als menschliche, gesellschaftliche Kommentare.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ofer Waldman

Singularkollektiv

Erzählungen

Inhalt

Ouvertüre

Vier Abschiede gibt es aus dem Orchestergraben

Herr Müller kommt zu spät ins Konzert

Das Jugendorchester

Der Bühneneingang

Die Generalprobe

Der Philharmoniker

Aufmerksamkeit I

Plumpes Intermezzo I: Zum Aufbau des Orchesters

Die ungewöhnlichen Instrumente

Ein Interview mit einem Orchesterwart

Singularkollektiv

Der Trompeter

Plumpes Intermezzo II: Kammermusik

Wozzeck

Der neue Generalmusikdirektor

Antizipieren

Dreiundzwanzig Sekunden

Der Saxophonist

Aufmerksamkeit II

Perspektiven

Manfred geht in den Ruhestand

Der Monolog des schlechten Cellisten

Ouvertüre

Das könnt ihr euch nicht vorstellen. Den Rausch, die Angst, den Herzschlag, den Atem, das Gefühl, die Hitze. Die Bässe fangen an, ein tiefes Es, die Fagotte kommen dazu, man spürt den Klang, kostet ihn, lässt ihn durch den Körper fließen, das Herz schlägt mit den sechs Achteln, bum bum bum bum bum bum, und noch mal, man denkt, atmet, fühlt, im Sechsachteltakt, ta ta ta ta ta ta, noch ein Takt, und noch einer. Gleich bin ich dran, es ist dunkel im Saal, es ist dunkel im Orchestergraben, die Köpfe der Kollegen sind etwas gebückt, noch im Halbschlummern, vielleicht bewegen sie sich, vielleicht sind auch ihr Herzschlag, ihr Atmen, ihre Gedanken mit dem Sechsachteltakt synchronisiert. Gleich kommt’s, ich rieche mein Frackhemd, ich rieche meinen Schweiß, ich rieche die Holzbretter des Grabens, das Öl des Horns, das Blech, das alte Notenpapier. Ich brauche eine Menge Luft für das tiefste Es, für das Klettern entlang des Es-Dur-Dreiklangs, bis zum ersten Gipfel, zum G. Ich atme aus, sechs Schläge, der Dirigent ist eine Silhouette in der Ferne, ich atme ein, sechs Schläge, der Körper voller Luft, Zunge hinter den Zähnen, feuchter Mund, runde Lippen, warmes Mundstück, ein Anstoß, mächtig und weich wie der Sonnenaufgang. Fünf Schläge Es, ich beginne zu klettern, eine Brückenachtel B und wieder fünf Schläge Es, Brückenachtel G und dann ein B. Ich merke, wie der Kollege neben mir ausatmet, eine Achtel B und dann der erste Gipfel, sechs Achtel G, der Kollege atmet ein. Um uns herum rühren sich die anderen Hornisten, einer nach dem anderen setzen sie an, ein endloses, sich hochschaukelndes Es-Dur, man hört nicht mehr, wo der eine ansetzt und der andere Luft holt, irgendwann erreichen sie, einer nach dem anderen, den höheren Gipfel, das B. Auch ich erreiche es, gleite dann den Es-Dur-Dreiklang herunter, Stufe für Stufe, weiß aber, gleich kommt er, der Sprung, ein Riesensprung. Das, was ich vorher langsam, Ton für Ton erklimmen konnte, muss ich jetzt mit einem Ruck schaffen, vom tiefen Es zum hohen B. Ich sammle Luft unter meinen Flügeln, während ich hinuntergleite, erreiche das tiefe Es, spanne jeden Muskel an, Bauch Brust Mund Zunge Lippen Hand, und springe, hoch, zum hohen B, neben mir springen sie auch, einer nach dem anderen, gleiten herunter, und noch mal, Bauch Brust Mund Zunge Lippen Hand, und rauf, und noch mal, acht Hörner, man kann nicht hören, wer gerade springt, wer gerade gleitet, wer gerade bangt, wer gerade von Mut beseelt ist, nur endlose, vibrierende Wellen Es-Dur. Um uns erwacht das Orchester, im Sechsachteltakt, die Bühnenlichter, das Publikum, gleich singen die Rheintöchter, die Welt entsteht, ich lasse sie im Sechsachteltakt entstehen, Gleiten Luft Atem Bauch Mund Zunge Zähne Muskel Schweiß Hand Augen Sprung.

Vier Abschiede gibt es aus dem Orchestergraben

Vier Abschiede gibt es aus dem Orchestergraben: des Ruhestands, der Erschöpfung der Krankheit, des Strebens nach Höherem, der Blasphemie des Renegaten. Alle vier sind vorhersehbar, und doch geschehen sie abrupt, wie nur ein Abschied aus einer Orthodoxie sein kann, die ja kein Verweilen einer Alternative in ihrer Mitte duldet. Das lateinische Insimul, zu Deutsch ›Zusammen‹, aus dem das Wort ›Ensemble‹ stammt, ist, auf das Orchester bezogen, irreführend. Mehr als ein Zusammen, ein Ensemble, ist ein Orchester ein Klangkörper. Ein Singularkollektiv. Der Ruheständler, der Erschöpfte, der Solist, der Renegat – sie alle spüren, noch ehe die Kollegen es merken, den kalten Hauch der Fremdheit, die Abgetrenntheit vom Klangkörper, den plötzlichen Moment, in dem sie nicht mehr Kollektiv, sondern nur noch Singular sind. Auf einmal tragen sie nicht mehr die zusammenschweißende Last mit, durch Trotz, Freude, Rauschmittel, Humor, Bitterkeit, Überheblichkeit, Wut, überzogene Heiterkeit, Apathie, Begeisterung – die echte, und die herzbekümmernde, forcierte –, sich alltäglich an der unikalen Schönheit der Musik und ihrer unerträglichen Augenblicklichkeit gemeinsam zu verbrennen. Die Last, sich täglich dem Unvorstellbaren des Ruhestands zu stellen, der Krankheit, des eigenen Ehrgeizes, des blasphemischen Gedankens, es gäbe ein anderes Leben als jenes im Orchestergraben. Sie veranschaulichen plötzlich eine Alternative, sie verkörpern dieses Unvorstellbare, tragen es durch die Gänge des Theaters, in das Stimmzimmer, ans Pult, an den Kantinentisch. Sie handeln weise, wenn sie das Orchester verlassen, ehe die restlichen Kollegen es merken, bevor sie also ausgestoßen werden, amputiert. Die Orthodoxie des Orchesters, wie jede andere Orthodoxie auch, ist zeitlos, und somit blind für »Ehemalige«. Wer ein Orchester verlässt, blickt nicht mehr zurück, es wird auch nicht mehr nach ihm gerufen. Es bleiben kaum freundschaftliche Verbindungen des Amputierten zum Klangkörper. Nur zufällige, verlegene Begegnungen, vom Bewusstsein geprägt, jene schützende Last des Orchestermusikerlebens lässt sich nicht teilweise erleben und kaum mit Worten beschreiben.

Herr Müller kommt zu spät ins Konzert

Herr Müller kommt zu spät ins Konzert, wir sind doch auch alle nur Menschen, und trotzdem, Herr Müller kommt zu spät ins Konzert. Er schaut auf die Uhr, während er die Haustreppen runterhastet, sein Knie schlägt schmerzhaft gegen den Geigenkoffer, er stolpert, fast wäre er hingefallen, zu spät, zu spät, das schafft er niemals, der Herr Müller. Es ist das erste Mal, dass er zu spät kommt, seitdem er im Orchester ist, noch nie, noch nie, weder zur Probe noch zum Konzert, sieben Jahre ist er schon hier, in der Gruppe der 2. Geigen, kein Vorspieler, tutti, sehr zuverlässig, immer da, immer geübt, unscheinbar, höflich, schlank, schlaksige Arme und Beine, erster Ansatz einer Glatze, etwas traurige Augen, runde Nase, überraschend volle Lippen, ständiger grauer Bartschimmer, ein fast entenhaftes Gesicht, könnte man sagen, der Herr Müller.

Er gehört zu denen, die ab der Pubertät immer gleich aussehen, der Herr Müller. Bereits als er an der Hochschule studierte, erschien er wie ein Mann mittleren Alters, mit seinem entenhaften Gesicht und schlaksigen Armen. Oft saß er am Fenster am Ende des langen Ganges der Übungsräume und wartete darauf, dass eins frei wird, las währenddessen aus gelben Reclamausgaben, die er immer im Geigenkoffer bei sich trug, und trank Tee aus einer beigefarbenen Thermoskanne. Er wanderte zusammen mit den anderen Musikstudenten von einem Probespiel zum nächsten, auf der Suche nach einer festen Anstellung, spielte sorgfältig sein Mozartkonzert vor, die Auszüge aus diesem oder jenem Orchesterwerk, wie ein Kind, das eine Sandburg aus Förmchen bastelt, seine Mutter aber nicht ruft, sondern geduldig am Rande des Sandkastens wartet, bis sie hinschaut.

Ein Alptraum. Eine falsche Kalendereintragung, ein nicht gehörter Wecker, ein ausgefallener Zug. Kalter Schweiß, rasendes Herz, schnell hin- und herblickende Augen, hilfloser Frust, Hand zum Mund, zur Stirn, glättet zitternd das vielleicht noch nicht gebügelte Hemd, der Griff des Geigenkoffers ist feucht in der Hand, komm schon, 19:52, 19:57, 20:01.

Eine sonderbare Angelegenheit, so ein Probespiel. Die jungen Musikerinnen und Musiker treffen früh im Theater oder Konzertsaal ein, suchen nach ruhigen Ecken, um sich einzuspielen, noch mal diese oder jene Stelle zu üben, einige strotzen dröhnende Geselligkeit, um ihr Bangen zu überspielen, wie Patienten vor einem invasiven Eingriff. Viele sind abergläubig und absolvieren kleine Zeremonien, positives Denken, autogenes Training, Alexandertechnik, Yoga. Andere schlucken heimlich Beruhigungsmittel, meditieren, einmal haben wir einen jungen Mann vor einem Probespiel beim Beten beobachtet, mit geschlossenen Augen, die Finger, mit weiß gewordenen Knöcheln, um den Geigenhals festgeklammert. Dann kommt der Leiter der Stimmgruppe, die nach einem neuen Kollegen sucht, es ist sein großer Moment, er ruft alle Kandidaten zu sich, stellt sich breitbeinig in deren Mitte und erklärt die Probespielordnung. Erste Runde ein Solostück, zweite Runde (wer es schafft) noch ein Solostück, dritte Runde fünf Stellen aus der Orchesterliteratur, was Ruhiges, was Schnelles, was Schräges, was Schönes, was Fieses. Danach wird die Auftrittsreihenfolge verlost, alle schicken blasse Finger in die Tüte, holen einen Zettel mit einer Zahl heraus, die Abergläubigen stöhnen, die Gedopten hoffen, das Mittel wirkt, bevor sie dran sind.

Sie werden doch auf ihn warten müssen, nicht wahr, denkt sich Herr Müller, er stellt sich vor, wie das Orchester und das Publikum in Ruhe sitzen und warten, vielleicht gibt es hier und da etwas Murmeln, die Kollegen schauen auf seinen leeren Stuhl, nicken mit dem Kopf, werfen einen Blick auf den Bühneneingang. Er erinnert sich, in der letzten Spielzeit kam der 2. Oboist zu spät, da warteten sie auch, na gut, dachte sich der Herr Müller, der 2. Oboist ist der einzige, der seine Stimme spielt, Herr Müller ist Teil der Gruppe der 2. Geigen, und doch, sie werden auf ihn warten, ganz sicher.

Herr Müller gehörte weder zu denen, die einen Aberglauben pflegten, noch ließ er sich vom Arzt einen Betablocker verschreiben. Er nahm einfach seine Reclamhefte und Thermoskanne, stand morgens früh am Bahnsteig und wartete auf die Züge, die ihn mit seinen Kommilitonen zu den Probespielen kutschierten, nach Hamburg, Duisburg, München, Berlin, Dresden, Nürnberg, Köln. Aussteigen, Käsebrötchen kaufen, die Nahverkehrsinformation studieren, ins Theater fahren, sich einspielen, Zettel holen, auf die Bühne gehen, einen leisen »guten Tag« in den Saal schicken, wo fast das ganze Orchester sitzt, dem Probespiel zuhört und über die Kandidaten mitstimmt, den Korrepetitor begrüßen, kurz stimmen, die schlaksigen Arme kurz durchschütteln, noch mal in den Saal schauen, sich kurz räuspern, dem Korrepetitor mit dem Kopf ein Zeichen geben, Mozart. Verlegenes Lächeln, runter von der Bühne, warten. Der Leiter der Stimmgruppe kommt raus und liest die Namen derer vor, die weitergekommen sind – wichtig, denn nur wer in die zweite Runde kommt, bekommt auch die Fahrtkosten erstattet –, dann entweder sich für die zweite Runde einspielen, oder einpacken, Kaffee am Bahnhof, wann fährt der Zug zurück.

Herr Müller eilt, eilt durch Straßen, durch Gänge, der Kopf leicht gesenkt, ein schlaksiger Arm schwingt durch die Luft, der andere hält den Geigenkoffer dicht bei sich, fast wie ein Gewehr, irgendwann klammert er den Koffer unter den Arm, senkt den Kopf noch etwas weiter und kämpft sich durch, der Herr Müller, er rudert regelrecht mit dem freien Arm, zu spät, zu spät, wir sind doch alle Menschen, Herr Müller. Schweißringe in den Achseln des nicht gebügelten Frackhemds, er meißelt seinen Weg durch die Stadt, der Frust lässt ein ungewolltes, hohes Stöhnen aus seinem Mund entweichen, fast einen Schrei, er sieht schon den Konzertsaal, die Autos parken drum herum, höhnisch grausam in ihrer friedlichen Ruhe für den Herrn Müller.

Einmal, da wartete Herr Müller hinter der Bühne, es roch nach den schwarzbestrichenen, hölzernen Gegenständen, die wir aus jeder Hinterbühne dieser Welt kennen, nach dem Fett an den Seilen, die an der Wand angebunden sind und mit denen die verschiedenen Vorhänge getätigt werden. Einmal also, er war als Nächster dran, der Zettel mit seiner Nummer in seiner Tasche zerkleinert, hörte er, wie die Kandidatin vor ihm gerade spielte. Da merkte er, der Orchesterwart vergaß, die Tür zur Bühne fest zuzuziehen, er ließ einen Spalt offen, einen Lichtstrich in der hölzernen Dunkelheit der Hinterbühne. Er schaute kurz um sich, da war keiner, und ging vorsichtig an den Spalt, presste sein Auge dagegen und schaute. Er konnte der jungen Geigerin, die da gerade spielte, zusehen, sie im Profil beobachten. Sie hatte kurze, glatte braune Haare, eine sehr weiße, etwas dicke Haut, kleine Mandelaugen, eine rundliche Nase. Sie trug ein dünnes, dunkles Hemd aus einem glatten Kunststoff, das von ihren schmalen Schultern senkrecht abfiel. Jede Bewegung, die sie mit den Schultern machte, schickte Wellen durch das Hemd, kleine Wellchen bei langsamen Bewegungen, Sturmböen bei furiosen Passagen.

Herr Müller versucht, sich zwischen den geparkten Autos hindurchzuschlängeln, er hievt den Instrumentenkoffer über den Kopf, die Autos stehen dicht an dicht. Es ist so still um den Konzertsaal, alle Autos sind leer, der Brezelverkäufer sitzt auf einem mitgebrachten Hocker und unterhält sich mit dem Trompeter, der vor und nach dem Konzert dem hereineilenden oder herausrieselnden Publikum einige Klassik-Highlights anbietet, sonst ist niemand zu sehen, keiner raucht eine Zigarette vor dem Künstlereingang, der Künstlereingang, Herr Müller kann ihn bereits sehen, fast hat er die parkenden Autos überwunden, zu spät, zu spät, es ist still und leer um den Konzertsaal.

Die junge Dame erreichte eine sehr ruhige Passage, in deren Mitte sie einen langen Ton halten musste, den Bogen leicht über die Saiten gleiten lassen, sie kaum berühren. Herr Müller merkte, die junge Geigerin ist etwas aufgeregt, er merkte es an den Enden ihres Kunststoffhemdes, die langsam zu zittern begannen. Er merkte, wie das Ende des Bogens etwas tanzte, er hörte auch, wie der Klang ein kleines Stottern bekam. Er beobachtete das weiße Gesicht der jungen Geigerin, mit den kleinen Mandelaugen und der rundlichen Nase. Um sie herum, in der dunklen Luft des Saales, glänzten Staubkörnchen im Scheinwerferlicht, und er sah, die Geigerin schickte ihren Blick zu ihrem zittrigen Bogen, der hin und her tanzte, und lächelte leise vor sich hin. Zitterte und lächelte, lächelte und zitterte. Als ob der Bogen ein trotziges Kind wäre, auf dem die gütigen Augen der Mutter weilen. Herr Müller traute sich kaum zu atmen, fast wäre er auf die Bühne gefallen, so fest drückte er sein aufgerissenes Auge gegen den Lichtspalt der offenen Tür. Eine große Verwunderung fiel auf Herrn Müller, und als er auf die Bühne gerufen wurde, vergaß er fast, seine künftigen Kollegen und den Korrepetitor zu begrüßen, er stimmte gedankenverloren seine Geige, spielte los, verwundert, verwundert ging er auch von der Bühne ab und wartete, die Geige in der Hand, bis der Stimmführer herauskam und sagte, Herr Müller, gratuliere, herzlich willkommen.

Herr Müller erreicht den Künstlereingang, der Pförtner schaut ihn mit müden Augen an und schickt eine müde Hand zum Schalter, um die Personenschranke zu öffnen. Herr Müller wimmert einen Dank, seine Lackschuhe schlagen auf den Linoleumtreppen auf, er nimmt zwei auf einmal, schnell, schnell, der einzige Klang im Hinterbühnenbereich ist das Summen des Getränkeautomaten, dann hört er, Herr Müller, den dumpfen Applaus vom Saal, er rennt ins Stimmzimmer, reißt den Koffer auf, schnappt die Geige, den Bogen, zu spät, zu spät, er eilt zum Bühneneingang, während er die Haare des Bogens zieht, bleibt aber plötzlich wie erstarrt stehen. Durch den Bühneneingang kommt der Orchesterwart, in der einen Hand ein Stuhl, in der anderen ein Notenständer. Ihre Blicke treffen sich, der erstarrte, bleiche, schnell atmende Herr Müller und der stämmige Orchesterwart mit dem schwarzen Anzug und den geübten, dienerischen Bewegungen. Herr Müller senkt seine Geige, senkt den Bogen, er kann noch durch die sich zuziehende Tür des Bühneneingangs einen Streifen Orchester und Publikum sehen, dann fällt die Tür in ihr Schloss, ein kurzes Metallgeräusch erklingt, danach eine kurze Stille, und dann, die ersten Töne der Ouvertüre.

Das Jugendorchester

»Du bist auch der Einzige hier, dem applaudiert wird«, pflegte der Vater des Trompeters zu sagen, während er weiter am Küchentisch saß. Sein Sohn machte sich gerade für ein Konzert seines Jugendorchesters fertig. Er zog das weiße Hemd, die schwarze Hose, die schwarzen Socken, die schwarzen Schuhe und die schwarze Jacke an und wollte sich ein Glas Wasser aus der Küche holen, wo sein Vater saß und sagte, er sei der Einzige hier, der eine schwarze Jacke im Schrank habe, und weiter sagte er, er sei auch der Einzige hier, dem applaudiert werde. Auf dem Weg zur Bushaltestelle an der Hauptstraße seines Dorfes musste er immer wieder den Instrumentenkoffer mit dunkelbraunem Krokodilmuster auf dem staubigen Boden abstellen, um die Hose etwas höher zu ziehen, auch musste er stets ein wenig in das weiße Hemd schwitzen. Er wollte aber die Anzugtasche, die seine Mutter ihm aus einer dicken Einkaufstasche gebastelt hatte, indem sie in dessen Boden ein Loch für den Bügel gerissen hatte, nicht mitnehmen. Es gab einige in seinem Jugendorchester, wenige, die eine Anzugtasche besaßen, sie verschwanden dann wichtigtuerisch in den oft übelriechenden Toiletten, um sich dort umzuziehen. Er konnte es sich noch nicht vorstellen, die eigene Nacktheit an einem fremden Ort zu betrachten, zu versuchen, dass die Haut weder die Wände noch die Kloschüssel, die Tür berührt, sich zusammenzuziehen vor jeder Berührung, mal auf dem einen, mal auf dem anderen Bein zu balancieren, zu wanken.

Der Bus, der ihn in das nächste Städtchen brachte, kam etwas verspätet. Er stieg ein, wobei der Koffer erst gegen die steilen Bustreppen, dann gegen seine Beine, gegen die Sitze und gegen die Metallpfosten stieß, die am Boden fest verankert waren, womit sein Gehen eher den Charakter eines Stolperns bekam. Er fand einen freien Platz im hinteren Teil des Busses, setzte sich hin, legte den Trompetenkoffer auf seinen Schoß, darauf seine Hände, und blickte aus dem Fenster. Eine Dame, die etwas später einstieg, setzte sich auf den Platz neben ihm und nickte ihm wohlwollend zu, er spürte den Schweiß in den Achselhöhlen, lächelte, fuchtelte ein wenig mit den Händen und blickte weiter aus dem Fenster.

Das Konzert des Jugendorchesters – eigentlich ein Jugendblasorchester – fand in der Turnhalle eines Gymnasiums statt. Die hohen Fenster rechts und links wurden aufgerissen, trotzdem war die Luft feucht und warm und roch schnell nach den lauten, jungen Musikern, die sich gegenseitig etwas zuriefen, während sie ihre Plätze einnahmen. Über des Trompeters Kopf ragte ein zugedeckter Basketballkorb, auch die sonstigen Sportgerätschaften wurden zugunsten des Konzerts zugedeckt, mit Ausnahme der Anzeige, die während eines Spiels die Punktzahl bekanntgab und so hoch an der Wand angebracht war, dass sie offenbar nicht zugedeckt werden konnte.

In einem Jugendblasorchester gibt es, wie der Name verrät, keine Streicher, sondern fast nur Blasinstrumente, mit einigem Schlagwerk geschmückt. Doch der menschliche Drang zur Gruppenbildung, zur Ein- und Ausgrenzung, ist hier, wie im Sinfonieorchester, ebenfalls am Werke. So unterteilt sich das Orchester in zwei Gruppen, in Blech- und Holzbläser, wobei Letzteren die Rolle anheimfällt, die in Sinfonieorchestern den Streichern zugeordnet wird. Sie sind also leiser, aber zahlreicher, und finden in ihrer Vielzahl Schutz und Trost, ein für zärtliche Gemüter während der turbulenten, um nicht zu sagen trüben Jahre der Jugend nicht zu unterschätzender Segen. Allein dadurch dürfte das Jugendorchester nicht als sinnlose Beschäftigung gelten, wie auch freilich eine, die den meisten dieser jungen Menschen einen Vorgeschmack vom Ordnungsrausch des Kollektivs gibt, und dass dieser Ordnungsrausch die Belohnung dafür sei, den eigenen Trieben nicht ungehemmt freien Lauf zu lassen, sondern diese in eine Hierarchie, zwängend und zähmend, einzubinden. Ein Jugendorchester ist damit keine schlechte Bildungsstätte für angehende Bürger. Es ist wohl kein Zufall, dass kein bekannter Revolutionär sich zuvor einen Namen als Orchestermusiker machte.

Ein Orchester, wie das Klischee zu Recht besagt, ist allerdings kein demokratisches Wesen, ganz im Gegenteil sogar, womit seine Qualifikation, freilich je nach Epoche und Region, als Bürgerbildungsstätte wieder etwas kritisch betrachtet werden sollte. Entscheidungen werden darin nicht mehrheitlich, sondern hierarchisch gefällt, sowohl innerhalb der unterschiedlichen Stimmgruppen, wo jeder sogenannte Tutti-Musiker (tutti – zu italienisch – »alle«; Tutti-Musiker sind also das Orchesterproletariat) seinem Stimmführer zu gehorchen hat und alle, Tutti wie Stimmführer, dem Dirigenten. Es gibt zwar im professionellen Orchesterapparat kleine demokratische Momente, wie beispielsweise den demokratisch gewählten Orchestervorstand, der die Pausen regelt, Urlaubsscheine unterschreibt, Disziplinarverfahren irregelaufener Musiker begleitet und generell das ungespielte Vox populi an die Orchesterobrigkeit heranträgt. Und doch ist der Orchestervorstand nur eine kleine demokratische Konzession, die eher dem kaiserlichen Parlament des Habsburgerreiches ähnelt, das den alten Franz Joseph freilich gelegentlich nervte, seine eigentliche Macht jedoch niemals wesentlich abschnitt. Eine der Ausnahmen dazu bilden die Berliner Philharmoniker. Ihre Demokratisierung erinnert allerdings eher an die amerikanische Revolution als an das bundesrepublikanische Grundgesetz, denn sie begriffen, dass das Volk, allemal das Volk der Orchestermusiker, einen Monarchen braucht. Und so wählen sie, sobald ihr Musikdirektor ausscheidet, selbst einen dann eingesalbten und etwas diktatorisch sich gebärdenden Nachfolger, in einem Verfahren, das an die Wahl des Papstes denken lässt und dementsprechend tatsächlich gelegentlich als »Konklave« bezeichnet wird.