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Beobachtungen, Erinnerungen und Erzählungen aus einem vom Krieg gezeichneten Land Ein Kinderkreis, drum herum laufen zwei Mädchen, am Horizont donnern Kampfjets vorbei, das Spiel heißt »Schwarzes Schaf«, die Zeiten sind Zeiten des Krieges, vor dem die Sprache immer wieder scheitert, stottert. Man setzt immer neu an: zum Gespräch mit einer Mutter, deren Sohn gerne Peter in Peter und der Wolf wäre und am 7. Oktober ermordet wurde, oder mit einem Englischlehrer aus Gaza, der die stumme Frage nach Zeit in den Gesichtern seiner Schüler sieht. Zur Reise nach Jerusalem, um Abschied vom eigenen, im Sterben liegenden Vater zu nehmen, wobei der private, intime Gang zwischen Gesprächen und hinterlassenen Gegenständen zum Blick auf eine Familiengeschichte zwischen Czernowitz, Wien, Jerusalem wird. Ein Blick auf gescheiterte Utopien, auf eine Kindheit in einem vom Krieg gezeichneten Land, einem Land, vom Wahn ergriffen, bis zur Unkenntlichkeit verändert. »Verkämpftes Land« ist ein essayistisches Mosaik aus Beobachtungen, Erinnerungen und Erzählungen, gegenwärtig, vergangen, zum Teil surreal, das aus intimen, privaten Momenten immer wieder neu ansetzt, um vor der Willkür des Krieges die Suche nach Sprache, nach Erkenntnis, nach zwischenmenschlicher Wahrnehmung nicht aufzugeben.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ofer Waldman
Verkämpftes Land
OFERWALDMAN
VERKÄMPFTESLAND Beobachtungen
Wallstein
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
https://dnb.dnb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2025
Wallstein Verlag GmbH
Geiststr. 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Einbandgestaltung: Wallstein Verlag, Göttingen
unter Verwendung eines Fotos von Kamel Aliyan, JNF-KKL Foto Archive
ISBN (Print) 978-3-8353-5979-6
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8945-8
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8946-5
Brief an die Leser:innen(anstatt eines Vorworts)
Stottern
Kindergeschichten 1 (Schwarzes Schaf)
Heißluftballon
Kindergeschichten 2
Please convey this message
Zur gleichen Zeit
Reise nach Jerusalem
Zukunft
Kindergeschichten 3
Elefanten(anstatt eines Nachworts)
Dank
»Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt.«
Christa Wolf, Kassandra
Ich würde euch gerne was anderes erzählen. Etwas schreiben, etwas Richtiges, und dann das Leben aussuchen, das zu den geschriebenen Worten passt.
Ich zitiere in einem der Texte, die hier folgen werden, die in Königsberg geborene Dichterin Lea Goldberg, die sagt, es sei die Pflicht des Dichters, über Blumen und Kinderlachen zu schreiben, gerade in Zeiten des Krieges. Das schrieb sie in Tel Aviv im September 1939, kurz nachdem der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war. Ich zitiere auch Tanja Maljartschuk, die ukrainische Exildichterin aus Österreich, die sagt, sie vertraue der Sprache nicht mehr, einer Sprache, die für Gedichte wie auch für Kriegs- und Mordbefehle taugt. Zwischen diesen beiden Extremen hätte ich euch gerne was anderes erzählt.
Wovon erzähle ich euch denn? Ich war auf keinem Schlachtfeld. Mein Haus wurde nicht zerstört. Ich musste nicht hungern, ich musste nicht fliehen, wurde auch nicht verschleppt. Und doch kennt das Leben hier eine Intimität mit den Gedanken des Krieges (nicht weil man etliche Stunden im Bunker saß, von den Kindern, der Familie, den Freund:innen, auch von wildfremden Leuten umgeben, dabei an die Menschen in Gaza dachte, die weder Häuser noch Bunker haben, oder an die Anwohner:innen der israelischen Kibbuzim, deren Bunker am 7. Oktober keinen Schutz boten, ihnen zur Höllenpforte wurden; wir alle hier, wir werden, wie Serhij Zhadan mal sagte, nie wieder wie früher in den Himmel blicken können). Denn der Krieg – das heißt, die allgegenwärtige, alltägliche, fühlbare, willkürliche Möglichkeit eines Schlachtfelds, eines zerstörten Hauses, einer Flucht, einer Hungersnot, einer Verschleppung – eines gewaltsamen Todes – hinterlässt bestimmte Spuren. Von diesen Spuren möchte ich euch erzählen. Nach ihnen mit Worten suchen.
Dabei geht es weder um Courage noch um Selbstgeißelung. Hätte ich aus Gaza geschrieben, hätte ich einen Satz wie beispielsweise »man kann die Abschüsse von den Herbstwolken nicht unterscheiden« vielleicht nicht in dieses Buch aufgenommen, dafür hätten meine Augen, hätte ich sie überhaupt in den Himmel gerichtet, sich bis zur Blindheit mit Betonstaub und Rauch gefüllt. Ich hätte über trinkunwürdiges Wasser geschrieben und den Gestank des Todes. Aber ich bin nicht in Gaza. Ich richte meinen Blick dorthin – nicht, um euch zu gefallen, auch nicht, um mir selber zu gefallen, sondern weil ich weiß, alle anderen Blicke, auch der Selbstblick, sind voneinander, das heißt: auch von diesem Blick nach Gaza bedingt. Aber ich bin nicht in Gaza. Genauso wenig wie ihr hier seid.
In Terry Gilliams Film Twelve Monkeys, der auf Chris Markers Kurzfilm La Jetée zurückgeht, gibt es eine Schlüsselszene, um die sich die ganze Filmhandlung dreht: den Moment, in dem der Protagonist James Cole (von Bruce Willis gespielt), ein Zeitreisender, der in die Vergangenheit geschickt wird, um eine apokalyptische Pandemie zu verhindern, auf sich selbst als Kind trifft. Zu diesem Zeitpunkt wissen Cole und seine Partnerin, die inzwischen vor der Polizei fliehen müssen, dass sie bei der Suche nach der Quelle der Pandemie die ganze Zeit der falschen Fährte nachgegangen sind. Doch bevor der erwachsene Cole es schafft, sein Kind-Ich anzusprechen, zu warnen, ihm vom Kommenden zu erzählen, wird er von der Polizei aufgespürt und erschossen. Den Höhepunkt der Szene bildet der Moment, in dem die Augen von Coles Partnerin das Kind Cole mit flehendem Schrecken anstarren, da sie es eben begreift, während der erwachsene Cole in ihren Händen verblutet: Es ist zu spät, dieses Kind vor seiner Zukunft zu warnen, das Kind, das später in die Vergangenheit geschickt und immer wieder daran scheitern wird, die Dystopie abzuwenden.
(Zeitreisen, sowieso: der Gang ins Surreale, das Aussetzen der erwartbaren Realität, das Halluzinieren, um sich dieser Realität zu verweigern. Um das Irrsinnige durch Irrsinn zu erkennen, zu benennen, ihm zu begegnen. Auch damit, und davon, möchte ich euch erzählen.)
Wir alle versuchen immer wieder, in all den Gedichten und Theaterstücken und Essays und Romanen und Geschichtsbüchern den Keim der Dystopie aufzuspüren und gleichzeitig, sobald (zu spät) wir ihn gefunden haben, von ihm zu erzählen. Dass wir oft dabei scheitern, macht uns nicht unsicher, ganz im Gegenteil, manchmal wird man von einer allgegenwärtigen, kühnen Selbstgewissheit erdrückt, je dunkler der Himmel um einen wird. Dieses Buch ist nicht selbstgewiss. Es ist der ums Scheitern wissende Blick der Frau. Es ist der Blick des Kindes, das seine eigene Zukunft anschaut, um sie zu spät zu begreifen.
Und doch ist dieses Buch auch das kurze Verweilen bei dem Blick zwischen der Frau und dem Kind. Ein Verweilen, dem eine Möglichkeit zugeschrieben ist – ebenfalls willkürlich, schmerzhaft willkürlich –, die Möglichkeit der Wahrnehmung. Zusammen mit jeder Schicht des Krieges also, die auf dieses Land gelegt wird, die den Menschen hier anhaftet, wird die Schicht dieser willkürlichen Möglichkeit gelegt. Verweilt. Schafft Raum, manchmal fast surreal, aber benennbar. Anschaubar. Beschreibbar.
O. W. – Jerusalem, K. Tivon, Berlin
Ich setze neu an.
»Ich möchte mein neues Theaterstück einmal laut hören«, sagt S. und bittet mich darum, es gemeinsam zu lesen. S. ist in Berlin, ich sitze in Israel, wir starten einen Videocall. Bevor wir beginnen, fragt S., ob es für mich vielleicht gerade doch zu viel sei, ob ich jetzt lesen, schreiben, über Literatur nachdenken könne. »Wieso soll es zu viel sein«, frage ich, »ich dachte, in dem Stück geht es um den Krieg in der Ukraine, um Familiengeschichte, um deinen Großvater.« »Es geht auch um meinen Großvater«, sagt S., »es geht aber auch um den 7. Oktober. Um Israel, um Gaza.«
Ich winke ab, wann ist schon eine gute Zeit, »lass uns lesen.«
Ich setze neu an.
Mein Bruder sitzt vor mir auf einer maroden Gartenschaukel, dreht sich eine Zigarette, ich halte sein Feuerzeug in der Hand, reiche es ihm rüber, es ist ein schöner Frühlingstag. »Ich dachte, Y. wäre nicht in Gaza selbst«, sage ich, »sondern an einem Stützpunkt nahe der Grenze, er ist doch kein Kampfsoldat.« Y. ist der älteste Sohn meines Bruders.
»Er ist Sanitäter«, erwidert mein Bruder, »beim Bataillonskommandanten, und wenn dieser reingeht, um sich ein Bild von der Lage zu machen, muss er ebenfalls mit rein.«
Die Dinge, die er in Gaza gesehen hat. Die Luft dort. Der Klang.
Mein Bruder schaut seine Hände an, als suchte er dort nach Worten, spreizt die Finger, die Zigarette fällt auf den Boden.
Ich setze neu an.
Auf der Bühne in Frankfurt, der Moderator hat mich gerade vorgestellt, ich soll nun aus Briefen lesen, geschrieben in den ersten Wochen des Krieges. Ich nehme das Mikrofon in die Hand, schaue noch mal in den Saal, in erwartungsvolle Gesichter, in angespannte Gesichter, und fange an. Das Aussprechen der Wörter fällt mir mit jedem Satz schwerer. Also körperlich. Ich hole Luft, forme den Laut mit den Lippen, mit dem Mund, sehe das Wort vor mir, »Kind«, »Luft«, »Klang«, »Staub«, es kommt aber kaum etwas dabei raus. Ich muss die Worte mit zunehmender Gewalt über die Lippen schieben. Also das Zwerchfell mit direktem Befehl vom Kopf anspannen, sodass die Luft durch den Mund gepresst wird, irgendwann ist es egal, ob mit Wort, ohne Wort, mit Gebell, als Schrei.
Ich kenne dieses Gefühl aus meiner Zeit als Orchestermusiker, es heißt unter Blechbläsern »Ansatzstopper«. Man atmet im Takt aus und ein, setzt das Mundstück auf die gespannten Lippen, die Zunge wird quasi hinter die Vorderzähne gelegt und muss, sobald der Ton angespielt werden soll, nach hinten springen, dem durch die Atemmuskulatur erzeugten Luftstrom Platz machen. Es kommt aber vor, dass die Zunge den Befehl vom Kopf verweigert und kleben bleibt, es entsteht dann ein Luftstau, der beim Losspielen zu einer Art Stottern führt. Oder die Zunge bewegt sich gar nicht, man muss auf die Passage teils oder ganz verzichten, denn das Orchester wartet ja nicht, kann gar nicht warten, es spielt immer weiter. Die Augen verfolgen die nicht gespielten Noten auf dem Papier, die Ohren nehmen die Leerstelle des eigenen, fehlenden Klanges inmitten des weiterspielenden Orchesters wahr. Die Welt schrumpft in den eigenen Gedanken zusammen auf die Spitze der widerspenstigen Zunge, auf den zunehmenden Druck in den Lungen, im Hals. Auf das Blut, das ins Gesicht schießt. Auf das aufkommende Gefühl des Versagens.
Man möchte in das immer Weitergespielte einsteigen, sich seinem Takt einfügen: Manchmal muss man aber das Instrument ganz von den Lippen nehmen. Ausatmen. Es noch einmal versuchen.
Neu ansetzen.
Ich setze also neu an.
»Die Musik, die Musik hilft«, sagt A. aus dem Kibbuz Kfar-Aza, »das Singen.« Wir sitzen zu dritt im Foyer eines Tel Aviver Hotels, A., ihr Mann und ich. Gleich wird sie einer Gruppe aus Deutschland ihre Geschichte vom 7. Oktober erzählen, wir haben aber noch ein wenig Zeit. Jetzt sitzt A. erst einmal vor mir, ein Glas kaltes Wasser in der Hand, und wiederholt ein paarmal, dass Musik hilft. Man habe sie gefragt, erzählt sie (ihre Augen, das leise Lächeln, versuchen sich aus dem Gesicht einen Weg zu bahnen, drücken sich wie durch verkrustete Erde, die dann – an den Augen- und Mundwinkeln – Risse zeigt, lange, tiefe Falten), wie sie auf der Beerdigung ihres Sohnes, der Beerdigung ihrer Schwiegermutter, der Beerdigung ihres Schwagers, der Beerdigung …
»Auf den Beerdigungen, sag einfach auf den Beerdigungen«, unterbricht sie ihr Mann sanft, legt eine Hand auf den Rücken seiner anderen Hand, reibt sie aneinander, ihre Sachlichkeit ist das Aufzählen, seine Sachlichkeit ist das Verknappen, man spürt ihre Verbindung, ihre Liebe.
»Ja«, reißt die verkrustete Erde um ihren Mund, »auf den Beerdigungen.«
Das Reden falle ihr schwer, aber das Singen, das komme ihr leichter über die Lippen, sagt A., und so zogen sie von einer Beerdigung zur nächsten, ihre Tochter spielte Gitarre, sie sang. Ich traue mich nicht zu fragen, was sie gesungen hat, erzähle stattdessen, dass ich lange Zeit selber Musik gemacht habe. Welches Instrument ich gespielt habe, möchte sie wissen, und ich sage: Horn.
»Netta, unser Sohn, hat Geige gespielt, er hat Peter und der Wolf geliebt, es immer wieder hören wollen als Kind«, aufgerissene verkrustete Erde, Handrücken reiben aneinander, »er wollte Peter sein, deshalb hat er sich die Geige ausgesucht.« Ich suche nach Wörtern in meinem Kopf, was sagen jetzt, »es ist interessant«, sage ich dann (blödes Wort), »wer sich welches Instrument, also welche Figur aus dem Märchen aussucht, Peter, den Wolf, die Jäger, den Großvater, die Ente, die Katze, den Vogel. Was diese Figuren über uns sagen.«
»Du bist also der Wolf?« A.s Mann wiederholt das Wort, Wolf, ich möchte meinen Standardsatz sagen, dass ich als Wolf, der ja von drei Hörnern gespielt wird, schon vielen Kindern Angst eingejagt habe, bleibe zum Glück stumm, wage ein Lächeln.
»Netta war definitiv Peter«, sagt A., »der Held der Geschichte, auch er hielt sich nicht immer an die Regeln.« Ich summe aus Verlegenheit Peters Melodie, tam-tam-ta-ta-tim-tam. Auf Hebräisch gibt es für die Begriffe »Protagonist«, »Hauptfigur« und »Held« ein einziges Wort, Gibor. A. verwendet dieses Wort, Gibor, für ihren Sohn nur, wenn sie von ihm als Peter aus dem Märchen spricht. Nicht wenn sie von dem Moment erzählt, als er sich auf eine Handgranate geworfen hat, um seine Verlobte zu retten, wie A. der Gruppe aus Deutschland gleich erzählen wird, mit der gleichen sanften, sachlichen Stimme. Die Risse der verkrusteten Erde schließen sich, hinterlassen feine Zeichnungen wie Spinnweben um den Mund, um die Augen, darin eingefangen die Klänge, tam-tam-ta-ta-tim-tam.
Zum ersten Mal hatte ich einen sogenannten Ansatzstopper beim Sprechen während einer Solidaritätsveranstaltung in Berlin. Ich war aus Israel zugeschaltet, sollte etwas sagen, etwas vorlesen, darunter auch ein Gedicht von Jehuda Amichai, El male Rachamim, »Gott voller Erbarmen«:[1]
El male Rachamim,
ilmale HaEl male Rachamim
haju HaRachamim BaOlam WeLo rak bo.
Gott voller Erbarmen,
wär nicht Gott voller Erbarmen,
so gäbe es Erbarmen in der Welt, nicht nur in ihm.
Ich holte Luft, formte den ersten Laut mit dem Mund – »E« – und stockte. Die Wörter blieben mir im Hals stecken. Ich versuchte mich zu räuspern, um die Luft wieder zum Strömen zu bringen, aber es half nicht. Vor mir auf dem Bildschirm flimmerte das Berliner Publikum, der Moderator, ich konnte nicht erkennen, ob sie etwas merkten, vielleicht schon irritiert waren. Ich spürte, wie ich ihrem Takt allmählich entglitt, wollte mich dagegen auflehnen, mich wieder einfügen, begann also, mit meinem Fuß zu klopfen, eine alte Musikerübung.
1, 2, 3, 4.
1, 2, 3 (ausatmen), 4 (einatmen), »E«.
»E«.
»E«.
El male Rachamim. Gott voller Erbarmen.
1. 2. 3 (ausatmen). 4 (einatmen).
Ich setze neu an.
S. schickt mir das Theaterstück per E-Mail, ich sehe, in meinem Part gibt es einige Stellen auf Russisch und Ukrainisch, Sprachen, die ich nicht beherrsche. Sie sind aber phonetisch geschrieben, ich kann sie also aussprechen, nur verstehe ich nichts. S. fängt an zu lesen, ich sehe, wie meine erste Zeile immer näher rückt, erst mal ein paar Sätze auf Deutsch. Bei S.’ letzten Worten klopfe ich mit dem Fuß.
1, 2, 3, 4.
1, 2, 3 (ausatmen), 4 (einatmen).
Es gelingt mir, zwar mit einem kleinen Stottern, ich weiß nicht, ob S. es bemerkt, aber es gelingt, ich bin erleichtert. S. liest weiter, ich sehe, meine nächste Zeile kommt, sie ist auf Russisch (oder Ukrainisch, ich kann die Sprachen nicht unterscheiden). Ich versuche, die Wörter im Mund zu formen, vergesse zu zählen, im Takt aus- und einzuatmen, erstaunlicherweise kommen mir die fremden, für mich sinnleeren Worte leicht über die Lippen, widerstandslos. Ich lese weiter, heiter, erleichtert, verstehe nichts, das macht mir nichts aus.
Ich setze neu an.
»Eine gute Freundin von Y., ich kenne sie, seit sie ein kleines Mädchen war«, sagt mein Bruder, die marode Gartenschaukel ächzt, während er die Zigarette vom Boden aufhebt. »Sie kroch erst nach sieben Stunden aus dem Leichenhaufen, wo sie sich versteckt hat, während um sie gemordet und vergewaltigt wurde. Seitdem hört sie Stimmen.« Mein Bruder versucht an der Zigarette zu ziehen, merkt, sie ist erloschen. »Mit einem anderen Freund saß Y. einen Abend zuvor in einer Jerusalemer Kneipe«, er gibt sich Feuer, sein ganzes Gesicht wölbt sich um die Zigarette, er zieht kräftig, nimmt sie wieder zwischen seine Finger, entfernt ein Stück Zigarettenpapier von seinen Lippen, pustet den Rauch aus. »Der Freund sagte, ich gehe auf diese Party, kommst du mit, Y. sagte, lass mal, ich bin müde, muss schlafen.«
Und nun flimmert das Video des Freundes auf allen Bildschirmen, verstümmelt, wie er um sein Leben bettelt. Es heißt, man solle sich die Videos der israelischen Geiseln in Gaza nicht anschauen, es sei psychologische Kriegsführung, ich entschied mich dafür, nur ein Standbild daraus anzusehen. Das, was Y.s Freund darin sagte, stand ohnehin in allen Zeitungen, das haben sich also andere angeschaut, angehört, für mich, und für mich aufgeschrieben.
Was kaum in den israelischen Zeitungen steht: Wie es gerade ist, das Leben der Menschen in Gaza. Ich kenne die Zahlen der Toten, der Verwundeten, der Hungernden, der zerstörten Häuser, ich sehe die Bilder endloser Landschaften aus Ruinen und Staub, aber alles wirkt vermittelt, weit entfernt. Ich suche nach einer Stimme hinter den Bildern und Zahlen, will eine solche Stimme hören, in meinen eigenen vier Wänden, will mich ihr stellen. Die wenigen Menschen aus Gaza, die ich kenne, wohnen seit Jahren in Deutschland, ich bitte also einen palästinensischen Freund aus der Gegend, aus Nazareth, mich mit M. zu verbinden, einem seiner Bekannten aus Gaza, von dem er mir immer wieder erzählt. M. ist Englischlehrer, er kommt ursprünglich aus dem Flüchtlingslager Jabalia im Norden Gazas, inzwischen ist er mit seiner Familie in Chan Yunis untergekommen, es ist bereits ihre fünfte Station seit Kriegsausbruch. Jedes Mal, wenn die Bombeneinschläge näher kommen, wird er mir im Gespräch erzählen, fliehen sie weiter, der Gaza-Streifen ist aber eng, es gibt keine richtige Flucht, keine Sicherheit. M. klingt wie jemand, der von der Erfahrung erzählt, mit einem Raubtier in einem Käfig gefangen gehalten zu werden. Immerzu geht es darum, vorauszuahnen, in welche Ecke das Raubtier sich als Nächstes bewegt, aber mehr, als sich gegen die Käfigstäbe zu drücken (die eigenen Kinder an sich gezogen), kann man nicht tun.
Der erste Versuch, ein Gespräch mit M. zu vereinbaren, scheitert. »Wir sprechen morgen, Mittwoch«, schreibt er, und ich schreibe »morgen ist Donnerstag«. Dann fragt er, um welche Uhrzeit, und fügt hinzu: »Wie spät ist es gerade bei dir?« Und ich denke: Wir sollten doch in derselben Zeitzone sein, er ist ja nur 170 Kilometer von mir entfernt (ich wollte die genaue Entfernung wissen, die App sagte zuerst: Route kann nicht berechnet werden, ich schaltete die Funktion Luftlinie an, die sagt: 170 Kilometer. Später, während des Gesprächs, fliegen Kampfjets über meinen Kopf hinweg, und ich denke, wie lange braucht ein Kampfjet für die Luftlinie von 170 Kilometern, bevor das Donnern bei mir aufhört und bei M. anfängt). Ich schreibe ihm:
»Same time like Gaza.«
Er antwortet nicht.
Irgendwann gelingt das Gespräch, ich frage ihn zuerst nach der Zeit, dem Zeitgefühl. Er überlegt kurz und sagt, er habe fünfzehn Jahre gebraucht, um sein Haus zu bauen, und es dauerte wenige Sekunden, es mit einem einzigen Artilleriegeschoss fast vollkommen zu zerstören.
1, 2, 3, 4.
Vielleicht sollte ich nicht neu ansetzen. Wieso nicht still bleiben? Einfach still bleiben. Nichts sagen. Nichts schreiben. Nichts vorlesen, vortragen. Die österreichisch-ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk sagte nach der Kriegsausweitung in der Ukraine, sie sei eine ehemalige Autorin, »eine Autorin, die ihr Vertrauen in die Literatur und, schlimmer noch, in die Sprache, verloren hat«.[2] In eine Sprache, die für Gedichte wie auch für Kriegs- und Mordbefehle taugt. Wieso soll ich also die Sprache anbetteln. Anflehen. Um sie ringen. Wieso nicht: verweigern.
Doch während um mich weitergespielt, weitergesprochen und -geschrieben wird, während die Augen die eigene, ungespielte Stimme auf dem Notenblatt verfolgen, steigt in mir das Gefühl des eigenen Versagens auf.
Gab es ihn, frage ich mich, den einen genau auszumachenden Moment, ab dem das von mir Gesagte keinen Sinn mehr ergab, von dem an die Zeit verpasst war, in der meine Worte (Prosa Drama Feuilleton Reden Schreien) noch hätten eingefügt werden, einen Unterschied hätten machen können (hätten sie es je)?
Oder so: Wann ist der Punkt erreicht, an dem das Ganze – Geschichte, Erzählung, Narrativ, Argument, Diskurs, Collage – in sich zusammenbricht, zerfällt. An dem auch die fleißigsten Leser:innen dabei scheitern, die Einzelteile miteinander zu verbinden, sodass diese ein kohärentes Bild ergeben. An dem die Fragmente – mein Bruder, sein Sohn, die Geiseln, M. aus dem Flüchtlingslager Jabalia, seine Kinder, das Theaterstück, A.s Sohn, ein Gedicht – auseinanderdriften wie tektonische Platten, und zwar so, dass auch das geübte Auge den einen, einzigen Kontinent nicht mehr erkennt, den sie einst ergaben.
Wieso also immer wieder neu ansetzen?
Wieso nicht:
Schweigen.
Still bleiben.
Das Orchester weiterziehen, die Lücke des Nichtgespielten klaffen lassen, in den Ohren aller. Im eigenen Ohr. Aus Protest, wie ein Mahnmal. Ein Hörmal. Ein Schweigmal.
