Sissis Seitensprünge & Ischler Rosen -  - E-Book

Sissis Seitensprünge & Ischler Rosen E-Book

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Beschreibung

Heiteres und Kriminelles lauern überall in Bad Ischl und Umgebung. Sei es zur Blütezeit, als Franz Joseph und Elisabeth den Kurort aufsuchten, oder in all den Jahren danach. Dem besonderen Flair der Stadt - samt seinen vielseitigen Eindrücken - haben sich folgende Autoren angenommen: Bernhard Barta, Gabriele Diechler, Herbert Dutzler, Hans Eichhorn, Angela Eßer, René Freund, Michael Gerwien, Tatjana Kruse, Beate Maxian, Karl Ploberger, Volker Raus, Ernst Schmid, Jutta Siorpaes, Erich Weidinger und Hubert Zöllner.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jeff Maxian/Erich Weidinger (Hrsg.)

Sissis Seitensprüngeund Ischler Rosen

Heiteres und Kriminelles

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Maciej Zych / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4632-0

Inhalt

Impressum

Bad Ischler, spezial

Der kleine Souvenirladen

Staub im See

Die Rose Linda

Zum Verwechseln ähnlich

Das Bewerbungsgespräch

Die Sissi, die Eugénie und die Frau Josefa … und warums dem Franzl seine letzte Ruhe nicht gegönnt haben

Umzug

Kaiserschmarrn

Kurschaden

Ischler Spitzen

Sissi stinkt

Sissi ist an allem schuld

Die Ischler Rose

Die Rosen Rosl

Viten Herausgeber

Autorenviten

Lesen Sie weiter …

Bad Ischler, spezial

René Freund

Unglaublich, wie viele Künstler im alten Kurort ihre Spuren hinterlassen haben – und jede Menge Anekdoten.

Sommerfrische – was für ein wunderbar altmodisches, ein wenig rätselhaftes Wort. Ich gestehe, ich habe es nie wirklich verstanden. Bedeutet es, dass man den Sommer dort verbringt, wo es frischer ist? Bedeutet es, dass man sich den Sommer über erfrischt? Oder vielleicht beides? Heute fahren alle auf Urlaub oder in die Ferien. Das widerspricht dem Prinzip der Sommerfrische. Damals packten die Städter ihren halben Haushalt ein oder ließen dies von ihren Dienstboten erledigen, verstauten alles in Körben und Koffern, mieteten ganze Eisenbahnabteile und fuhren für zwei Monate aufs Land. Die Sommerfrische war das Fortführen des gewohnten Lebens an der frischen Landluft – und nicht die zweiwöchige Unterbrechung des Alltags, um sich der Illusion hinzugeben, man würde etwas erleben. Entweder waren die Menschen früher genügsamer oder sie empfanden ihr Leben als abenteuerlich genug, um sich nicht auch noch künstlichen Aufregungen hingeben zu müssen.

Für Zweiteres spricht einiges. Fad dürfte es, glaubt man den Chroniken, in der Sommerfrische nicht gewesen sein. Erstens war ja die gesamte Wiener Gesellschaft da, für Unterhaltung war also gesorgt. »Mir ist es in Ischl immer, als ob die Berge ringsum nur eine Art Decoration wären, die man auf die Wiener Ringstraße gestellt hat«, merkte Karl Kraus an und war’s zufrieden, denn was hätte er ohne seine gewohnten Feinde gemacht? Und sie, die er in seinem Lebenswerk ›Die letzten Tage der Menschheit‹ erbarmungslos vorführte, sie waren alle da, die Journalisten, die Spekulanten, die Schöngeister, die Bürger und Politiker, die Offiziere und Mitläufer … und natürlich die Kollegen aus der Künstlerzunft: Schriftsteller, Schauspieler, Maler, Komponisten. Kein Wunder, dass in diesem Biotop nicht nur die Ischler Rosen blühten, sondern auch die Anekdoten.

Ich stelle mir das so vor: Wenn man Ende August oder Anfang September nach Wien zurückkehrte, wollte man unbedingt etwas Originelles oder Witziges aus Bad Ischl erzählen, und was bot sich dazu besser an, als ein G’schichterl über eine dort weilende Persönlichkeit? Hunderte dieser Anekdoten wurden überliefert, aufgeschrieben, werden immer noch erzählt. Ich nehme einmal an, gut die Hälfte davon ist frei erfunden oder zumindest stark übertrieben. Aber macht das was? Hauptsache: gut erfunden!

Beginnen wir unseren kleinen anekdotischen Rundgang standesgemäß mit dem Kaiser – und mit einem König des Theaters.

Ob sie nur die Freundin oder vielleicht sogar die Geliebte des Kaisers war, beschäftigt die Kolumnisten noch heute. Jedenfalls wohnte die Hofschauspielerin Katharina Schratt in der Nähe von Ischl in der Villa Felizitas, die heute Villa Schratt heißt und ein gediegenes Gästehaus ist. Eines Tages speisten der Kaiser, die Schratt und der als glänzender Unterhalter bekannte Schauspieler Alexander Girardi gemeinsam. Girardi sprach kein Wort. Nach einiger Zeit meinte Franz Joseph: »Mein lieber Herr Girardi, ich hab gehört, wie amüsant Sie zu plaudern verstehen. Jetzt merk ich aber nix davon!« Worauf Girardi die legendär gewordene Antwort gegeben haben soll: »Majestät … jausnen Sie amal mit an Kaiser!«

Souveräner dürfte der Komponist Anton Bruckner mit der imperialen Familie umgegangen sein. Er spielte anlässlich der Hochzeit der Kaisertochter Marie Valerie mit Erzherzog Franz Salvator im Jahr 1890 die Orgel der Ischler Pfarrkirche, wobei er ins Improvisieren kam und die Kaiserhymne mit Händels ›Halleluja‹ kombinierte. Schade, dass es davon keinen Tonmitschnitt gibt.

Ja, auch die Vertreter der ›ernsten Muse‹ zeigten sich in Bad Ischl von ihrer heiteren Seite. Johannes Brahms zum Beispiel verbrachte ab 1880 zehn Sommer in Ischl und machte auch hier kein Hehl aus seiner Bewunderung für Johann Strauß. Der Legende nach soll Brahms auf einen Fächer die ersten Takte des Donauwalzers notiert haben – mit dem Zusatz: ›Leider nicht von mir.‹ Das sollten sich all jene Gralshüter ins Stammbuch schreiben, die heute so gerne die ›E‹- von der ›U‹-Musik trennen – für die Meister von damals gab es den Unterschied nicht.

Johann Strauß verbrachte viele Sommer in seiner Villa im Ischler Vorort Kaltenbach; der König der Operette schätzte nicht nur die Solebäder, die er gegen seinen Rheumatismus nahm, sondern auch – das schlechte Wetter. ›Mein Aufenthalt hier ist vollkommen nach meinen Wünschen‹, schrieb er 1894 an einen Freund. ›Perfektes Regenwetter! Das lebhafte Rauschen des nah liegenden Baches unendlich sympathisch, und im geheizten Zimmer Noten schreiben! Je mehr es draußen stürmt und tobt, desto wonniglicher ist mir zu Mute. Nur kein Sonnenschein zur Arbeit!‹

Ja, gelegentlich regnet es im Salzkammergut, was aber, wenn man Hans Weigel glauben darf, absichtlich geschieht: ›Gott hat Kärnten sonnig geschaffen, auf dass es die Menschen aus allen Richtungen anziehe, aber das Salzkammergut hat er regnerisch werden lassen, um nicht alle anderen Landstriche zu entvölkern.‹

Der Regen befruchtete jedenfalls die Künstler: Nicht nur Johann Strauß, sondern auch seinen ungleichen Namensvetter Richard Strauss, der seine Sommerferien am Grundlsee meteorologisch in einem Lied zusammenfasste. Titel: ›Schlechtes Wetter‹.

Die ständigen Niederschläge schlugen sich aber auch in Versen nieder. Manchmal waren es schwermütige Gedichte, manchmal schnelle Zweizeiler wie jener, den der oft im Salzkammergut urlaubende Meister der Schüttelreime, Franz Mittler, unter dem Titel ›Esplanade in Ischl‹ ersann:

Was will der Mann, weswegen red’t er?

Er schimpft halt auf das Regenwetter.

Ja, und was tat man bei Regenwetter? Man ging in die Konditorei, denn so wie alle Kurstädte verfügt auch Bad Ischl über genügend Lokale, in denen man sich von den therapeutischen Entbehrungen erholen kann. Die berühmteste Konditorei in Ischl war und ist der ›Zauner‹. Es gibt auch eine, freilich eher laienhafte, Schüttelreim-Liebeserklärung an die Spezialität des Hauses: ›Isst du einen Zaunerstollen / Musst du einen Stauner zollen.‹ Nun gut. Franz Mittler konnte das besser, wie man an seinem Schüttelreim über einen der berühmtesten Wahl-Ischler erkennen kann:

Du schriebst zuweilen argen Mist, Franz!

Doch weil’s von Lehár ist, so frisst man’s.

Nachdem er, wie seine Kollegen Robert Stolz, Oscar Straus und Emmerich Kálmán, oft als Sommerfrischler Bad Ischl besucht hatte, siedelte sich Franz Lehár überhaupt fix am Traunkai an – und brachte es sogar bis zum Ehrenbürger der Stadt. Seine Villa ist heute ein Lehár-Museum, und auch das alte Kurtheater trägt seinen Namen.

Über dieses Kurtheater klagte der Komponist Anton von Webern, der im Sommer 1908 als Kapellmeister in Ischl arbeitete, in einem Brief an einen Freund: ›Meine Tätigkeit ist schrecklich. Ich finde keinen Ausdruck für so ein Theater. Aus der Welt mit solchem Dreck!‹ Wenig schmeichelhaft äußerte sich auch der Berliner Theaterautor Oscar Blumenthal: ›Man hat in Ischl täglich Gelegenheit, die hervorragendsten Bühnenkünstler zu sehen – vorausgesetzt, dass man nicht ins Theater geht.‹

Mittlerweile hat Hollywood in dem alten Kur­theater Einzug gehalten. Die Geschäfte sind während der Saison freilich noch immer ein wenig vom Wetter abhängig, und der freudige Ausruf eines historischen Theaterdirektors angesichts eines herannahenden Gewitters – »Mir scheint, da oben braut sich eine Abendkassa zusammen« – hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Doch nicht nur die Komponisten tummelten sich in Ischl, sondern auch die Librettisten, die ebenfalls von Franz Mittler beschüttelreimt wurden. (›Was einstmals war des Ghettos Brut, / Verdient heut an Librettos gut.‹) Einer der bekanntesten Librettisten war Alfred Grünwald, der viele Sommer in Ischl verbrachte. Als die Zeit anbrach, in der Formulierungen wie ›des Ghettos Brut‹ nicht mehr als Bonmots unter Gleichgesinnten durchgingen, musste Grünwald wie so viele aus seiner Heimat flüchten. Sein Sohn Henry A. kehrte Jahrzehnte später nach Österreich zurück – als Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika.

So unglaublich die Geschichten des Lebens sein können, von der Operette werden sie übertroffen. Die Handlungen der meisten Operetten sind verworren, um nicht zu sagen schlichtweg blöd. Bei der Operette ›Im weißen Rössl am Wolfgangsee‹ (mit dem Megahit ›Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein‹) ist sogar die Entstehungsgeschichte chaotisch, wenn auch nicht unkomisch. Und diese Entstehungsgeschichte hängt vielmehr mit Bad Ischl zusammen als mit dem Wolfgangsee. Also, tief Luft geholt: Gustav Kadelburg und Oscar Blumenthal schrieben ein Theaterstück namens ›Im weißen Rössl‹ (ohne Wolfgangsee), das 1898 uraufgeführt wurde. Viele Jahre später, im Sommer 1929, war der Schauspieler Emil Jannings, Sommerfrischler am Wolfgangsee, auf eben jenem See auf einem Boot unterwegs (so will es die Legende), und zwar mit dem Berliner Theaterprinzipal Erik Charell. Jannings erzählte, wie Schauspieler das immer tun, Anekdoten und dabei fiel ihm das Stück von Kadelburg und Blumenthal wieder ein. Er animierte Charell, doch eine musikalische Revue aus dem Stoff zu machen. Ralph Benatzky wurde als Komponist gewonnen, Charell und Hans Müller schrieben das Stück um, Robert Gilbert (›Ein Freund, ein guter Freund …‹) dichtete die Songtexte, Bruno Granich­staedten, Robert Stolz und andere steuerten musikalische Einlagen bei. Man arbeitete schnell: Bereits im November 1930 wurde ›Im weißen Rössl am Wolfgangsee‹ in Berlin uraufgeführt, mit sensationellem Erfolg.

Das eigentlich Kuriose an der Entstehungsgeschichte des ›Weißen Rössl am Wolfgangsee‹ ist aber, dass die ursprüngliche Handlung keineswegs in St. Wolfgang, sondern in Lauffen, heute Katastralgemeinde von Bad Ischl, spielt. Hier in Lauffen pflegte der Berliner Oscar Blumenthal, jahrelang treuer Sommerfrischler in Ischl, in ein Wirtshaus einzukehren: Nämlich in das ›Weiße Rössl‹. Es war nicht nur wegen seiner Küche allseits beliebt, sondern auch aufgrund der Schönheit der Rösslwirtin Maria Aigner. Sie diente Blumenthal als Vorbild für die Wirtin in seinem Original-Lustspiel ›Im weißen Rössl‹ (ohne Wolfgangsee). Während es mit dem originalen ›Weißen Rössl‹ im Laufe der Zeit bergab ging, streute die Wirtin eines gleichnamigen Gasthofs in St. Wolfgang erfolgreich das Gerücht, sie selbst wäre das Urbild der Rösslwirtin. Als schließlich die Operette entstand, fand auch Theaterdirektor Charell einen Wallfahrtsort am See theatralisch wirksamer als das allmählich in die Bedeutungslosigkeit versinkende Lauffen: Und so verlegte man das ›Weiße Rössl‹ schlichtweg an den Wolfgangsee.

Und weil es nicht gestorben ist, steht es noch heute hier. Und wie!

Der kleine Souvenirladen

Beate Maxian

Souvenirs sind Edelsteine der Erinnerung. Den Satz hab ich mir ausgedacht. Denn so oder so ähnlich sollte der Artikel über meinen kleinen Souvenirladen im nächsten Tourismusprospekt beginnen. Wenn es einen Artikel gäbe. Der Tourismus-Chef hat gemeint, ich müsse eine Anzeige schalten, wenn ich im großen Sonderheft zur Landesgartenschau vorkommen möchte. Denn die redaktionellen Seiten wären für wichtige Themen reserviert, wie etwa die Sisi-Rose. Eine ganze Seite haben s’ dem Gewächs gewidmet. Also, wenn S’ mich fragen, hätte es eine halbe Seite auch getan, dann wäre noch Platz für mein Projekt gewesen. Darüber hinaus kann man die Rose schön in das von mir erfundene Souvenir integrieren. Der pure Neid ist das, dass der Tourismus-Chef mir einen Beitrag in der Broschüre zur Landesgartenschau verwehrt. Neidisch sind sie mir auf den Erfolg, die, die mir nicht geholfen haben und jetzt dastehen und zuschauen, wie mein neues Souvenir gewinnbringend läuft. Denn ich hab’s ja komplett durchfinanziert, noch bevor es auf den Markt kam.

Wer ich bin und was ich mache, wollen Sie wissen?

Im Moment schreibe ich Briefe. Sehr wichtige Briefe. Eigentlich müsste ich den Brief hier zu Ende schreiben. Egal, ich mach eine Pause und erzähl Ihnen, wie es dazu kam.

Mein Name ist Amelie Ammering. Ich bin 42 Jahre alt und ich verkauf eigentlich in Bad Ischl Souvenirs. Sisi-Schirme, Sisi-Schmuck. Sisi- und Franz-Joseph-Häferl, Bad-Ischl-T-Shirts und solche Dinge. Ich führe auch Mieder, wie sie die ehemalige Kaiserin getragen hat. Damit können Sie sich Ihre Taille auf 51 Zentimeter zusammenschnüren, damit S’ ausschauen wie die Sisi höchstpersönlich. Nur Luft werden S’ keine mehr kriegen. Wird, ehrlich gesagt, auch selten gekauft. Ich werd’s demnächst aus dem Sortiment nehmen. Brauche eh Platz. Ich weiß schon, was Sie jetzt sagen werden. In Bad Ischl ist das Kaiserpaar omnipräsent: Kaiservilla, Kaiserzug, Kaiserwoche, Kaiserlauf, Kaiserschmarren … doch die Kurstadt hat noch sehr viel mehr zu bieten, als nur das ehemalige Kaiserpaar. Natürlich hat Bad Ischl das. Aber mit dem Kaiserpaar lässt sich nun einmal ein sehr gutes Geschäft machen.

Ammering-Souvenir steht übrigens in Großbuchstaben über dem Portal meines Geschäftes, falls Sie einmal vorbeikommen wollen. Die Villa in der sich mein Laden befindet, stammt aus der Zeit, als der Kaiser noch regelmäßig in Bad Ischl zu Besuch war. Sie hat meinen Urgroßeltern, später meinen Großeltern und dann meinen Eltern gehört. In dem kleinen Laden wurden bereits alle möglichen Waren verkauft. Lebensmittel, dann Haushaltsartikel und jetzt Souvenirs.

Apropos Souvenir. Auf die Idee hat mich unser Tourismus-Chef gebracht. Er war bei mir im Laden und meinte, es wäre schön, wenn sich die einheimischen Unternehmer etwas einfallen lassen würden, weil wir doch dieses Jahr die Landesgartenschau haben und da sicher noch mehr Besucher kommen als sonst. Innovativ soll’s sein. Innovativ und neu.

Erfinde etwas, Amelie, hat der Tourismus-Chef gesagt, das die Welt noch nicht gesehen hat, weil ich dafür bekannt bin, ziemlich gute Einfälle zu haben. Gut, die Welt hat im Grunde genommen schon alles gesehen, und das Rad lässt sich bekanntlich auch nicht mehr neu erfinden. Trotzdem hab ich nachgedacht und nach einiger Zeit ist mir dann tatsächlich eine Bomben­idee gekommen: kompostierbare Kaffeebecher mit dem Gesicht des ehemaligen Kaiserpaars darauf.

Kurzum: ›Sisi und Franzl to go‹. Mit dem Vorteil, dass man die Becher, nachdem man den Kaffee getrunken hat, einfach wegschmeißen kann. Entweder direkt auf den Komposthaufen, den Rasen oder die Sisi-Rose. Als Dünger sozusagen, weil der Becher eben verrottet. Genial. Finden Sie nicht auch? Weil die Leute doch generell solche Schweindeln sind. Überall lassen sie ihren Müll liegen. Überall, sag ich Ihnen. Auch vor meinem Geschäft schmeißen s’ ihr Glumpert einfach auf den Boden.

Ich hab also sofort unseren Tourismus-Chef angerufen. Ich dachte, er hat sicher so eine Art Innovationstopf für neue touristische Ideen, und mit dem Geld finanziert er dann eben diese Ideen. Hat er aber leider nicht.

Gut, kann man nix machen, hab ich mir gedacht. Musst d’ die Sache eben anders finanzieren. Ich hab mir die Werbespots diverser Banken angesehen und bin dann gleich zu der ›In jeder Beziehung zählt der Mensch-Bank‹ gegangen. Dort hab ich jetzt persönlich leider nichts gezählt, weil vielleicht zu wenig Mensch. So genau, wollten s’ mir das dann auch nicht sagen. Dann hab ich bei ›Nur eine Bank ist meine Bank‹ nachgefragt. Die wollte aber auch nicht meine Bank sein. Und nach der Bank, die nicht wie jede Bank ist, bin ich drauf gekommen, dass irgendwie doch alle Banken gleich sind, weil keine wollte meine geniale Idee finanzieren.

Also habe ich noch einmal in Ruhe darüber nachgedacht und hab mich entschieden, um eine EU-Förderung anzusuchen. Sie müssen wissen, Bad Ischl ist ja generell förderungswürdig, weil Kulturerbe Salzkammergut und Leader-Region und so. Und so schwer kann das ja auch nicht sein, ein EU-Formular zur Förderung eines innovativen Tourismusprojektes auszufüllen, dachte ich mir. War’s dann aber doch. Denn so ein Antragsformular ist extrem lang, sag ich Ihnen, damit können S’ glatt die halbe Kaiservilla tapezieren. Da stehen auch so witzige Sätze drin wie: ›Die Initiative soll durch die Unterstützung zur Diversifizierung der Dienstleistungen und Produkte für die Touristen, die Wettbewerbsfähigkeit im Europäischen Tourismussektor fördern … oder … gefördert werden nachhaltige transnationale Tourismusprodukte.‹

Keine Ahnung, was das genau bedeutet. Also hab ich einen Brief geschrieben und erwähnt, dass meine Idee sehr innovativ und nachhaltig ist und das Wachstum fördert, zumindest das von Pflanzen, weil kompostierbar. Fehlanzeige. Die von der EU haben gleich gar nicht geantwortet. Das war sehr deprimierend, sag ich Ihnen. Ich hab mich plötzlich nicht mehr willkommen geheißen als EU-Bürgerin, habe dennoch täglich kontrolliert, ob in Brüssel vielleicht die Post komplett wegrationalisiert wurde und deshalb der Antwortbrief, in dem steht, dass mein unglaublich innovatives und nachhaltig transnationales Tourismusprodukt mit 40.000 Euro gefördert werde, Bad Ischl nicht erreicht. Und was, glauben Sie, habe ich erfahren? Da hat die Österreichische Post doch glatt ein eigenes Büro in Brüssel. Damit war klar, dass die EU ihren Bürgern ganz bewusst keine Antworten auf ihre persönlichen Briefe schreibt. Wollte diese unerhörte Sauerei gleich an öffentlicher Stelle platzieren, hab ein wichtiges Zeitungsmagazin angerufen und einem durchaus an einer brisanten Story interessierten Journalisten gesagt: »Ich habe Original-Liebesbriefe von der Kaiserin Sisi an ihren heimlichen Geliebten, den ungarischen Graf Andrássy.«

Warum ich ihm das gesagt hab und nicht das mit der EU, der Post und dem Brief? Keine Ahnung. Es flutschte einfach aus mir raus. Vielleicht, weil ich gerade das Briefkuvert mit meinem Brief an die EU in der Hand hielt und dachte: »Wenn du Liebesbriefe von der Sisi an den Grafen hättest, dann könntest du die verkaufen und damit das Projekt ›Sisi und Franzl to go‹ finanzieren. Gut, dass ich den Irrtum nicht gleich darauf aufgeklärt habe, war vielleicht ein Flüchtigkeitsfehler. Ich habe ja bis dahin auch nicht gewusst, dass ein Mensch wie ich, die die Historie Österreichs auf Kaffeehäferl verkauft, ein Mensch sein kann, der Journalisten am Telefon belügt. War selbst sehr erstaunt über mich. Der Journalist demgemäß sprachlos, war das doch eine Sensation, denn bis dato gab es keine Hinweise oder Beweise, dass die Kaiserin tatsächlich eine Affäre mit dem Grafen eingegangen war. Darüber wurden nur Vermutungen angestellt. Dann allerdings zeigte sich der Herr Christof Mayer, Christof mit f und Mayer mit y, wie er betonte, ziemlich misstrauisch. »Woher weiß ich, dass Sie mir keinen Bären aufbinden?«

Diese Frage konnte ich so plötzlich nicht beantworten, weil mir die Idee mit den Liebesbriefen ja spontan gekommen war.

»Woher wissen Sie, dass die Briefe echt sind?«, hakte er nach, nachdem ich hartnäckig schwieg. Das wäre eigentlich ein guter Moment gewesen, an dem ich ›April, April‹ hätte rufen können, obwohl es Mitte März war, als wir telefonierten. Aber nein, ich erzählte von meiner Urgroßmutter, die Hofdame bei der Kaiserin war. Weil eine Hofdame bekanntlich Gesellschafterin der Kaiserin war und aus Adelskreisen stammte, folgte dem eine rührselige Geschichte über den verarmten Landadel, dessen Spross ich bin und von einem Versteck in dem die Briefe lagen.

»In welchem Versteck?«, fragte der Herr Mayer.

»In einer Schatulle, die eingemauert worden war«, behauptete ich, weil ich das gleichermaßen romantisch und geheimnisvoll fand. Ich denke ja immer noch, dass die Geschichte als Romanstoff durchaus Potenzial hätte. Gut, ich hab sie dem Journalisten auch schön ausgeschmückt erzählt. Wusste bis zu dem Zeitpunkt nicht, wie viel Fantasie ich habe.

»Ammering«, sagte der Journalist. »Hab noch nie von einem Landadel mit dem Namen gehört.«

Ich vermutete, dass der gute Mann generell keine Leute vom Landadel kannte und schon gar nicht vom verarmten. Ich schau mir die Hochzeiten der Adeligen gerne im Fernsehen an und lese regelmäßig den Klatsch und Tratsch aus diesen Kreisen. Ein Berichterstatter namens Christof Mayer ist mir dabei noch nicht untergekommen. Aber wahrscheinlich wog er nur ab, ob die Frau am anderen Ende der Leitung glaubhaft oder verrückt war.

»Doch nicht Ammering. Meine Mutter hat einen Bürgerlichen geheiratet.« Ich versuchte, ein klein wenig entrüstet zu klingen, weil ein verarmter Landadel doch eher schauen sollte, sich mit einem reichen Adel zu verheiraten. »Deshalb muss ich die Briefe auch verkaufen«, seufzte ich theatralisch.

»Wie hieß denn Ihre Urgroßmutter?«

»Valerie von Königsberg.«

Zugegeben, der Name war nicht sehr originell. Aber mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein, und es wirkte. Er glaubte mir plötzlich.

Ich muss meine Eigenbewertung überprüfen, bin ein Mensch, der andere Menschen glaubhaft anlügen kann. Habe irgendwo einmal gelesen, dass Lügen lebensnotwendig, ja sogar überlebensnotwendig sind, weil sie dazu dienen, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und weil sie auch das Miteinander mit anderen Menschen erleichtern. Und das stimmt. Nicht auszudenken, wie unser Miteinander aussehen würde, wenn ich zugegeben hätte zu lügen. Später erfuhr ich übrigens, dass es das Adelsgeschlecht von Königsberg tatsächlich gegeben hatte. Die waren irgendwann einmal Besitzer der Burg Bernstein im Burgenland. Ich meine, wer rechnet denn damit? Ich muss nachprüfen, ob ich gegebenenfalls Erbanspruch stellen kann. Immerhin bin ich jetzt eine Nachfahrin der von Königsberg.

Plötzlich wollte der Herr Mayer sich mit mir treffen. Zum Glück wohnte und arbeitete er in Wien und konnte auch nicht sofort nach Bad Ischl aufbrechen. Das brachte mir eine Woche Vorbereitungszeit. Ich solle mit niemandem darüber reden, ermahnte er mich. Er wolle die Briefe exklusiv haben, was ich ihm natürlich versprechen konnte. Ich habe ihn im Gegenzug darum gebeten, meine Identität nicht preiszugeben. Er solle schreiben, dass die Briefe in Bad Ischl in einem verfallenen Anwesen gefunden wurden, der Finder jedoch anonym bleiben möchte, weil mit dem Kaiserhaus verwandtschaftlich verbunden.

»Kann ich das Anwesen denn sehen und fotografieren?«

»Das gibt es leider nicht mehr«, log ich weiter. »Es wurde komplett abgerissen. Deshalb habe ich die Schatulle doch gefunden, sonst wäre die auf ewig dort eingemauert geblieben.«

Er zeigte sich ein wenig enttäuscht. »Warum hat denn Ihre Urgroßmutter die Schatulle überhaupt eingemauert?«, fragte er noch.

»Ja, das werden wir leider nicht mehr erfahren, denn fragen kann ich sie das schlecht. Sie liegt am Friedhof in Bad Ischl.«

Ich bin gleich nach dem Telefonat in den nächsten Papierladen gelaufen und hab schönes Briefpapier gekauft. Beige mit dezentem Rosenmuster. Eines, bei dem ich dachte, dass es der ehemaligen Kaiserin gut gefallen hätte. An der Kasse hab ich überlegt, ob es zur Zeit Elisabeths bereits Briefpapier mit Rosenmuster gegeben hat. Ich bin wieder zurück und hab es gegen ein herkömmliches cremefarbenes ausgetauscht. Zuhause hab ich es dann auf meinen Schreibtisch gelegt und befunden, dass es zu neu aussah. Hab mich im Internet schlaugemacht und dort eine Anleitung gefunden, wie man Papier alt aussehen lassen kann. Sie brauchen nur Kaffee oder Tee, heißes Wasser, ein Backblech und einen Backofen. Dann hab ich mir noch über einen Online-Versand Tusche und Feder bestellt. Das in Bad Ischl zu kaufen, hätte mich womöglich verraten, sobald die Meldung über den Fund in der Zeitung stehen würde.

Es ist gar nicht leicht, einen Liebesbrief zu verfassen, den die Kaiserin geschrieben haben soll. Wie viele Seiten hätte sie ihrem Geliebten geschrieben? Lange oder kurze Sätze? Sehr persönliche oder vorsichtige Formulierungen? Und dann ist mir eingefallen, dass nicht nur die Ausdrucksweise, sondern auch das Schriftbild zu der Zeit ein anderes war als das heutige. Die Kurrentschrift. Zu dem Zeitpunkt hab ich mir zum ersten Mal gedacht: »Eine Idee zu haben ist eine Sache, sie auszuführen eine andere.« Zum Glück findet man auch das Kurrent-Alphabet im Internet. Ich hab’s mir ausgedruckt und jeden Buchstaben abgepaust. Dass ich in der Schule in Schönschreiben immer eine Eins hatte, hat mir dabei geholfen. Hab den Brief begonnen mit: ›Mein verehrter Graf Andrássy‹, und beende ihn mit: ›Ihre ergebenste Freundin Elisabeth Amalie Eugenie, Kaiserin von Österreich-Ungarn‹. Das macht etwas her. Jedenfalls hab ich mich sehr intensiv damit beschäftigt und mein erster Brief ist mir recht gut gelungen.