Sixties West Germany - Rolf Platho - E-Book

Sixties West Germany E-Book

Rolf Platho

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Beschreibung

Ein Buch für die Liebhaber der Beatmusik: die großartigen (jawohl – wenn man damals jung war) Zeiten der frühen 60er Jahre im letzten Jahrhundert dargestellt in einer Beziehung zwischen einem 16- und einer 15jährigen. Der Text zeigt einen Ausschnitt aus einer Zeit der deutschen Gesellschaft, in der für Jungen und Mädchen Elternhaus, Schule und Kirche noch bestimmend sind und der Krieg immer noch nicht ganz aus den Köpfen verschwunden ist. Da hinein nimmt die Beatmusik das Aufbrechen verkrusteter Strukturen in Angriff und erweckt individuelle Glücksgefühle bisher nicht gekannter Art. Das ist kein Geschichtsbuch oder soziologischer Text, sondern eine fröhliche Erzählung über die erste Liebe aus nostalgischer, aber gleichzeitig distanziert-wohlwollender Sicht. Das Bild jener Zeit entsteht aus einem Mosaik von Szenen, die teilweise verwoben sind mit Textzeilen aus unvergesslichen Oldies.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Rolf Platho

Sixties West Germany

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Anfang von allem

Wie es begann

Das Glück

Andere Dinge

Zweifel

Das Ende

Impressum neobooks

Der Anfang von allem

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem der Mensch nicht vertrieben werden kann.

Jean Paul

Und weiterhin:

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Friedrich Nietzsche)

…de la musique avant toute chose – et tout le reste est litérature (Paul Verlaine)

[ja, ja, ich weiß schon …]

…brings me back to the days when life was good and things were simple. Listened on our transistor radio. Wish I could go back… (courtesy of 1Sparklecat2/youtube)

Eine nostalgische Erzählung für die Liebhaber der Beatmusik

„Sixties West Germany“

das ist die lust- und lehrreiche Geschichte/von Wolfgang und Birgit, gründlich erzehlet/und mit exempeln anmuthiger anglischer Verse untersetzt/nebenst etlichen Sinnreden und allerley Welt Geschichten/so sich in Teutschland begeben und zugetragen/verfertiget und vor ein kurtzweilig lesen lustigen Gemütern zu gefallen herausgegeben

von

Rolf Platho

Guten Tag, liebe Beat-Freunde.

Nun ist es endlich soweit. In wenigen Sekunden

beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen,

die nur für Euch gemacht ist.

Sie aber, meine Damen und Herren,

die Sie Beat-Musik nicht mögen,

bitten wir um Ihr Verständnis:

Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten

für junge Leute

Und nun geht's los!

Es ist soweit. Endlich. Wir hatten schon nicht mehr geglaubt, dass wir das loswerden. Kann bitte mal jemand Margot Eskens und Freddy Quinn auf einen Frachter nach Surabaya setzen? Schickt die zwei kleinen Italiener auf die Fiesta Brasiliana, wo sie noch einmal den weißen Wolken nachschauen können, während sie in den Morgen tanzen. Und der Cowboy soll sich einen Tirolerhut kaufen, seinen Krimi im Bett lesen und vom Stadtpark die Laternen den Mondschein an der Donau machen lassen. Und Junge, komm bloß nicht bald wieder! (Ihr anderen auch nicht!)

Jetzt ist Schluss mit der Lustigkeit, dem Fernweh und den säuselnden Liebesträumereien. Weg mit dem Plüsch der lauen Gefühle, in den Orkus das weinerliche Fernweh, raus mit der albernen Komik. Aus den Augen die trällernden Mädchen und die Baritons in Krawatte mit dem melancholischen Gesichtsausdruck. Macht Platz für die Verstärker, her mit den zappeligen Jungs mit Gitarren, dreht das Transistorradio auf, jetzt ist Zeit für eine neue Generation, eine Musik, hart, eindeutig und klar, laut und fordernd, eine Musik, die zuschlägt, dafür ist das Schlagzeug ja da.

Deutschland war ein blauweißes Tütchen, auch wenn das Bild vorne keinen Matrosen, sondern einen ganz, ganz alten Mann zeigte, gefüllt mit einem unscheinbaren aber wirkungsmächtigen Pulver. Es enthielt den Respekt vor der Obrigkeit, die unantastbare Ordnung der Dinge, in der alles gut und richtig ist und alle die hergebrachten Werte wie der Diener der Jungs und der Knicks der Mädchen vor Älteren, die sich für junge Menschen gehörten. Es enthielt Zucht und Gehorsam in der Familie und die Keuschheit, die so rein und unantastbar war wie Maria, auch dafür sorgte die Kirche. Und plötzlich, es braucht nur ein wenig Feuchtigkeit, beginnt es in der Tüte zu gären und zu toben, es schäumt rosa oder grün und spritzt und zischt und das Brausepulver entfaltet ein Riesenspektakel, das man ihm nie zugetraut hat. Und es war der Beat, der in die Tüte spuckte.

Das Lied brach über ihn herein. Ein dreifaches Fanal, eine übermütige Aufforderung, Schlachtrufe. Der Sog erfasste ihn und zog ihn mit sich, dumpfe Schläge, klirrende Gitarrenakkorde, treibendes rhythmisches Scheppern im Hintergrund, alles beherrschend, vorwärts drängender Gesang, Triumphgeheul. Ihm wurde schwindlig, es war, als wäre er plötzlich mitten in diesem Dokumentarfilm, den er neulich im Kino gesehen hatte, als raste er in einem Boot durch einen schäumenden Wildbach, an Felswänden vorbeijagend, gefährlich und berauschend, unbeschützt und sicher, unvorstellbar aber wirklich.

Zum Mittagessen hatte es Eintopf gegeben, rote Rüben, Bratwurstscheiben, Kartoffeln. Ein Rest von dampfigem Gemüsearoma hing noch in der Luft der Wohnküche. Bevor er Hausaufgaben machte, trocknete er immer ab. Auf dem hellen Wachstuch bildeten sich Gruppen winziger Schaumbläschen, die auf kleinen Wasserflecken schwammen.

Der abgetrocknete Teller rutschte mit einem Klappern aus dem Handtuch auf den Stapel. Das Handtuch war nass.

"Mach das leiser."

Der Refrain kam laut, ungehemmt, siegkündend. Fröhlichkeit, Unbekümmertheit, Selbstsicherheit, Siegesgewissheit spürte er. Ansteckend war es, er war auch gemeint, sie wollten ihn auch anstoßen, er sollte gefälligst selbst was unternehmen, Mut haben, sich bewegen, Spaß haben, genießen, frei sein. Eine freche Aufforderung zum fröhlich-unbeschwerten Leben, das hatte es noch nie gegeben.

Auf dem Küchenbüfett stand der Wecker, er zeigte 14 Uhr 25. Um ihn herum hatte sich gesammelt, was üblicherweise im Laufe eines Tages dort strandete: ein gehäkelter Topflappen, die blauweiße Niveadose, ein Kamm, Kleingeld.

"Du sollst leiser machen, hab ich gesagt. Hörst du nicht?"

Er wollte einmal nicht hören, er wollte zuhören, mehr hören von den Versprechungen eines Gefühls ungekannter Freiheit, eines grenzenlosen Glücks.

WITH A LOVE LIKE THAT. Die Pause. YOU KNOW YOU SHOULD - BE GLAD - YEAH YEAH YEAH ...YEAH YEAH YEAH YEAH ...

Natürlich ist die Beatmusik zu laut. Aber das muss ja so sein. Das gehört zu ihren unverzichtbaren Vorzügen. Sie erfüllt alle Bedürfnisse eines Jungen auf einmal: Sie ist anders, sie ist neu, sie ist hart, sie ist laut, sie ist dynamisch, sie ist erotisch (was natürlich ohne diesen Begriff erfühlt wird), sie ist nur für ihn und seinesgleichen und es ist das, was die Eltern hassen. Es konnte kein glücklicheres Erweckungserlebnis geben als diese Gitarren, dieses Schlagzeug und diesen Gesang. Und einer von allen, die es traf, war Wolfgang.

Wolfgang ist ein schüchterner Junge, intelligent aber unsicher. Das ist ein Handicap wenn man sechzehn Jahre alt ist und eigentlich die Welt, das heißt die Mädchen, erobern will. Die Gemeinschaft der Mädchen lebt auf einer abgesonderten, geheimnisvollen Insel innerhalb der alltäglichen Umgebung, wenn man keine Schwester hat und auf eine Jungenschule geht. Die Herrlichkeit dieser Insel ist nur zu ahnen, es muss nahe am Paradies sein, aber wie sie genau aussieht und wie man zu ihr übersetzt, ist ein noch zu lösendes Rätsel.

Er sieht sie manchmal auf dem Weg zur Schule.

What a beautiful feeling

Am Hauptbahnhof, wo er aus der Straßenbahn steigt, taucht sie mit ihren hellblonden Haaren auf.

Crimson and clover over and over

Um sie herum sind immer mehrere Mädchen. Sie lacht viel.

Ah, now I don’t hardly know her

Dabei wirkt sie gar nicht eitel. Einmal sind sie ganz nah an ihm vorbei gegangen und sie hat zu ihm gesehen.

Ah when she comes walking over

Natürlich hat sie ihn gar nicht bemerkt, aber er fühlte sich wie berührt.

but I think I could love her

Sie ist wohl auf der katholischen Schule. Da müssen sie im Winter über den Hosen Röcke tragen.

crimson and clover over and over

Ab und zu denkt er an sie.

Die höhere Schule als Bildungsanstalt für die Kinder beseelt die untere Mittelschicht. Wolfgang besucht das Gymnasium, für das Bestehen der Aufnahmeprüfung hatte er zwei – zwei! – der heißgeliebten Wiking-Automodelle bekommen. Sein Vater arbeitet im mittleren Dienst bei der Bundespost, aber eigentlich ist er immer noch Bataillonskommandeur. Die meisten Klassenkameraden kommen aus Familien von Beamten und Angestellten vergleichbarer Einkommensgruppen, zwei stammen aus Unternehmerhaushalten, einer ist Arztsohn und ein Vater ist Ministerialrat. Aber unter den Schülern ist das kein Thema.

Elternsprechstunde im Gymnasium. Elisabeth Peters schaut im Foyer auf die Tafel mit den Namen und Raumnummern. Sie muss in den 1. Stock. Sie klopft. Ein freundliches „Herein.“ Reinhard Evers gibt Englisch und Französisch und ist der Klassenlehrer. Frau Peters stellt sich vor und setzt sich ihm gegenüber an den niedrigen Tisch, der aus der mittleren Reihe der Klasse herausgerückt ist.

Lehrer: Frau Peters, Wolfgang ist ein guter Schüler. Und bei mir ist er besonders gut. Seine Leistungen sind also sicher nicht der Grund, dass Sie hier sind.

Mutter: Nein, nein, wir sind auch stolz auf ihn. Aber ich mache mir Sorgen, weil er so wenig mit Schulkameraden zusammen ist. Gerade zum Geburtstag, und sonst fast nie.

Lehrer: Gute Schüler sind selten die Beliebtesten in der Klasse. Und manchmal ist er vielleicht nicht besonders geschickt im Umgang mit seinen Klassenkameraden.

Mutter: Wie meinen Sie das?

Lehrer: Gelegentlich demonstriert er seine Überlegenheit ziemlich deutlich. Sowas ist nicht gern gesehen.

Mutter: Ja, ich weiß. Er hat eine Neigung zur … Aber es kommt auch daher, dass er seine Eigenbrötelei als Auszeichnung sieht. Er liest und liest und liest …

Lehrer: Das merkt man ihm an. Aber Sie müssen sich keine Gedanken machen. In der Klasse kommt er zurecht.

Mutter: Ich danke Ihnen, Herr Evers. Das beruhigt mich doch.