Paradoxe Pärchen - die Welt ist komplementär - Rolf Platho - E-Book

Paradoxe Pärchen - die Welt ist komplementär E-Book

Rolf Platho

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Beschreibung

Heraklit hat es gewusst: "Der Streit ist der Vater aller Dinge" und die Quantenmechanik liefert den Anhaltspunkt für die Begründung. So wie sich in den Elementarteilchen der Gegensatz von Materie und Energie unaufhebbar verbindet, ist in der Folge die Koexistenz zweier unverträglicher Faktoren die Grundlage von Kosmologie und Evolutionen. Ihr zusammen wirken – und nur dieses – ermöglicht eine Abfolge von Entwicklungsstufen, in der die nachfolgende einen qualitativen Sprung darstellt, der aus den Bedingungen der Vorläuferin nicht restlos hergeleitet werden kann: Nichts, Etwas, Leben, Bewusstsein, Wissen, Werte. So ist Komplementarität die Voraussetzung für Emergenz und allein durch Emergenz ist der aktuelle Zustand von Universum, Welt und Mensch geschaffen worden. Der Text demonstriert das in knapper Form auf der Grundlage der anerkannten natur- und geisteswissenschaftlichen Lehrmeinungen.

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Rolf Platho

Paradoxe Pärchen - die Welt ist komplementär

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Literaturverzeichnis

Paradoxe Pärchen:

Die Welt ist komplementär

Übrigens möge auch hier nicht verkannt werden, dass eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen.

Goethe, Dichtung und Wahrheit

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.

Martin Walser

Harmonia est discordia concors – Harmonie ist Eintracht aus Gegensatz.

Gaffurio (Musiker um 1500)

Paradoxe Pärchen: Die Welt ist komplementär

1.Teil:

Oldies but Goldies: Heraklit hat es gewusst

1. Was bisher geschah

2. Worum es geht

3. Was ist und was nützt uns eine Grundstruktur des Universums?

4. Wo findet man „das Prinzip allen Seins“?

5. Wie kann das gehen?

2. Teil:

Patente Pärchen: Wie die Welt bewegt wird

1. Die Entstehung des Kosmos

2. Die Entstehung des Lebens

3. Die Entstehung des Menschen

4. Die Entstehung des Wissens

5. Die Entstehung von Werten

3. Teil:

Komplementarität: Die Regel aus der Kulisse

1. Der Ursprung des Komplementaritätsbegriffs

2. Voraussetzungen und Grenzen epistemologischer Komplementarität 30

3. Komplementarität in der Wissenschaft

4. Komplementarität als ontologisches Gesetz

a. Qualifikation als ontologische Komplementarität

b. Die Bestandteile der komplementären Welt

aa. Energie und Materie

bb. Zufall und Notwendigkeit

cc. Rationalität und Emotion

dd. Finalität und Kausalität

ee. Freiheit und Sinn

5. Emergenz: Mehr Überraschung geht nicht

a. Etwas aus nichts

b. Organisches aus Anorganischem

c. Bewusstsein aus belebter Materie

d. Wissen durch Bewusstsein

e. Werteorientierung durch Wissen

6. Das Team der Schöpfung

4. Teil:

Und was lernen wir daraus?

1. Die Widernatürlichkeit absoluter Aussagen

2. Toleranz ist das Mindeste

3. Der Kompromiss ist nicht Notnagel, sondern Pflicht

4. Gerechtigkeit, Wahrheit und so weiter

5. Trotzdem: Ein Sinn bleibt

6. Und jetzt?

Literaturverzeichnis

1.Teil

Oldies but Goldies: Heraklit hat es gewusst

1. Was bisher geschah …

„Heraklit wird nie veralten“ hat Friedrich Nietzsche gesagt, und er hatte damit in einer Weise Recht, die ihm noch gar nicht bewusst sein konnte. Seine Prognose bezog sich auf die Inhalte einer Kosmologie, der eine faszinierende Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt. Er konnte keine Vorstellung davon haben, dass eines Tages diese Gedanken eine Bestätigung durch empirisch nachweisbare Tatsachen erfahren. Die Gültigkeit einer Jahrtausende alten philosophischen Grundannahme vom Werden der Welt lässt sich heute mit natur- und geisteswissenschaftlich akzeptierten Argumenten belegen. Heraklits Erkenntnis, dass sich das Universum in einem Prozess des ständigen Widerstreits von Gegensätzen befindet, lässt sich tatsächlich vom Urknall an bis heute als Grundprinzip dieser Welt (philosophisch korrekt: allen Seins) nachweisen.

Herakleitos von Ephesos (ca. 540 v.Chr. – 480 v.Chr.), gehört zu den ersten griechischen Philosophen, die die Frage stellen nach dem Ursprung alles dessen, was dem Menschen in der täglich erfahrenen Umwelt begegnet. Der Mythos in der Gestalt der Götterwelten, wie sie insbesondere Homer beschrieben hatte, war in Kleinasien der Konkurrenz orientalischer Theorien zur Entstehung des Universums ausgesetzt. Die Existenz alternativer Erklärungsmöglichkeiten beförderte den Zweifel an der eigenen Tradition. Mathematik und Astronomie demonstrierten den Griechen, dass Erklärungen auf der Grundlage der Mythologie offensichtlich nicht mehr dem aktuellen Stand des Wissens entsprachen, sondern dass exakte und konkrete Aussagen gefordert waren. In dieser Situation wurden Modelle entwickelt, die den Kosmos auf einen benennbaren Urstoff als Ursache alles Vorhandenen zurückführen. Für Thales von Milet ist es das Wasser, für Anaximenes ist es die Luft, für Heraklit ist es das Feuer. Das Neuartige an diesen Theorien ist, dass erstmals ein Grund, eine Ursache für alles was ist, gesucht wird. Das Besondere an Heraklit ist aber nicht diese Zuordnung des bestimmten Elements, die ohnehin eher allegorisch seine Grundanschauung verkörpert, sondern seine allgemeinen Aussagen über die Gesetze, die den Ablauf des Universums bestimmen.

Der „große“ Heraklit, – noch einmal Nietzsche, der ihn ganz außerordentlich schätzte -, hieß auch der „dunkle“ von Anfang an, weil er seine Aussagen in aphoristisch kurze Sprüche von hoher Abstraktion fasste. Sie waren damit in hohem Maße auslegungsfähig und auslegungsbedürftig. Eine systematische Darstellung der Metaphysik Heraklits konnte so nicht entstehen. Es gibt lediglich Aussagen in einzelnen Sätzen, die sich allerdings aufgrund inhaltlicher Gemeinsamkeiten zu Thesen verdichten lassen. Zur Kosmologie – oder zur Ontologie, diese Frage wird später relevant - hat er eine bestimmte Ordnung des Weltgeschehens als Philosoph postuliert. Sein Verständnis vom Gang der Welt kommt am deutlichsten in den drei berühmtesten Aussagen unter den etwa 120 überlieferten authentischen Fragmenten zum Ausdruck. Das erste von ihnen wird üblicherweise übersetzt mit „Der Streit (der Kampf; der Krieg) ist der Vater aller Dinge“ und findet sich variiert wieder in: „Kampf und Streit führen zum Werden der Welt“. Der Gedanke wird präzisiert in: „Das Gegensätzliche strebt zur Vereinigung, aus dem Unterschiedlichen entsteht die schönste Harmonie, und der Streit (der Kampf) lässt alles entstehen“.

Alles Geschehen besteht danach in einem permanenten Widerstreit von Gegensätzen. Auch wenn es so scheint, als sei ein stabiler Zustand der Welt möglich, ist tatsächlich alles weiterhin in Bewegung. „Alles fließt, nichts hat Dauer“, das zweite berühmte Zitat. Da sich alles fortwährend verändert, kann man nicht zweimal in denselben Fluss steigen, das dritte Zitat. Was wir als Beständigkeit wahrnehmen, ist das Produkt entgegengesetzter Bewegungen und Kräfte, die sich in ihrer Wirkung das Gleichgewicht halten. Die Glieder der Gegensätze sind aufeinander bezogen. „So ist jeden Augenblick das Universum eine in sich gespaltene und wieder in sich zurückgehende Einheit, - ein Streit, der seine Versöhnung, ein Mangel, der seine Sättigung findet: das Wesen der Welt ist die unsichtbare Harmonie, in der alle Verschiedenheiten und Gegensätze aufgelöst sind. Die Welt ist Werden, und Werden ist Einheit der Gegensätze.“ (Windelband)

Der Widerstreit der Gegensätze verläuft aber nicht regellos, sondern folgt strenger Ordnung, Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit. Heraklit führt diese Gesetzmäßigkeit auf das Walten des logos zurück. Das Wesen des logos, der Weltvernunft, besteht aus der Einheit der Gegensätze. Leben und erkennen ist nur in Gegensätzen möglich: „Recht würden wir nicht kennen, wenn es das Ungerechte nicht gäbe“. Durch die Gegensätze wird die physische und intellektuelle Bewegung in Gang gesetzt, aus der sich das Werden der Welt speist.

Aristoteles hat ihn dafür in seiner Metaphysik als unlogisch gerügt, Plotin wirft ihm in den Enneaden mangelnde Bemühung um Klarheit vor, Giordano Bruno hat sich auf ihn berufen, Hegel den „tiefsinnigen Heraklit“ für seine Logik und Dialektik genutzt, während Nietzsche Gefallen finden kann an dem Bild, dass bei Heraklit „die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft.“

Das Feuer, das er als einer der »ionischen Physiker« zum Urprinzip der Dinge erklärt, wird zugleich als lebendig, beseelt, als die Weltvernunft, identifiziert. Ungeachtet der zeitgebundenen physikalischen Festlegung –deren Symbolik auf die unstete Bewegung der Flamme zurückgeht und damit auf den Grundgedanken der Unbeständigkeit verweist - bleibt der Gedanke wichtig, dass das Weltgeschehen aus einem Prinzip folgt, das die Menschen bindet, weil es – als Weltgesetz - die Grundlage aller für die Gemeinschaft verbindlichen Regeln darstellt. Die menschliche Lebensführung muss sich an dieser Vorgabe orientieren. Dieser Gedanke wird von Bedeutung sein, wenn am Ende die Frage gestellt wird, welche Konsequenzen für jeden einzelnen Menschen aus der Struktur der Welt folgen.

2. Worum es geht

Die von Heraklit gefundene Regel lässt sich tatsächlich nachweisen in den Abläufen im Universum. So unwahrscheinlich es anmutet, metaphysische Spekulation einer empirischen Prüfung zu unterwerfen, es ist möglich und es ist erfolgreich. Die Kraft und die Form für die konkrete Ausgestaltung des Universums geht von einem Gesetz aus, das in einem innigen Zusammenhang sich gegenseitig ausschließender und gleichzeitig notwendig ergänzender Faktoren besteht. Dieser Zusammenhang ist die Komplementarität, eine Denkfigur, die sich den Erklärungsproblemen der Quantenphysik verdankt. Sie ist die Basis dafür, Zusammengehörigkeit und Zusammenwirken gegensätzlicher Faktoren zu begründen.

Dieser Text hat sich vorgenommen, die fundamentale Einheit des Universums, gewährleistet durch ein universales kreatives Prinzip, die Komplementarität, zu behaupten und zu begründen. Grundlage dafür ist eine Interpretation, die wissenschaftliche Fakten zugrunde legt und aus ihnen für den etwa 13,7 Mrd. Jahre umfassenden Zeitraum der dem Menschen bekannten Existenz des Universums eine einheitliche Struktur entnimmt. Dieses allgegenwärtige, durchgängig gestaltende Prinzip beherrscht den Aufbau des Kosmos, den Entwicklungsfortschritt organischen Lebens, die Entstehung menschlichen Bewusstseins, die Strukturen von Wissen und Erkennen und schließlich auch noch die letzten Fragen, wonach der Mensch streben sollte. Das Prinzip ist im Wesentlichen bekannt, seit etwa 2500 Jahren, es ist bisher allerdings nur als philosophische Spekulation wahrgenommen worden. Diese kann aber durch eine natur- und geisteswissenschaftlich fundierte Argumentation zu einer begründeten kosmologischen Erkenntnis verfestigt werden. Im Ergebnis stellt sich das Prinzip der Komplementarität als ontologische Gesetzmäßigkeit dar.

Der erhobene Anspruch klingt nach Größenwahn, bestenfalls nach Esoterik. Es sollte allerdings nicht vorschnell das Verdikt abseitiger Hypothesen bemüht werden. Wissenschaft und Philosophie oder Wissenschaft und Spekulation liegen gelegentlich nahe beieinander. Über den Konflikt zwischen unangefochtenen Grundlagen der Physik einerseits und menschlicher Verständnismöglichkeit andererseits kann man sich bestens in der Quantenphysik informieren. Wie will man mit dem gesunden Menschenverstand erklären, dass Objekte in mehreren Zuständen zugleich existieren, Objekte sich mal wie Teilchen, mal wie Wellen verhalten und Zustände weit entfernter Teilchen miteinander verknüpft sind (und das heißt auch noch „spukhafte Fernwirkung“)? Alle diese Aussagen würden, losgelöst von einer akzeptierten Wissenschaftsdisziplin, als „esoterisch“ wahrgenommen werden.

Da Sie diesen Text vor sich haben, gehe ich davon aus, dass Sie bereit sind, für eine gewisse Zeit- und Aufmerksamkeitsspanne dem Autor die Chance zu geben, eine plausible Herleitung seiner These vorzutragen. Er wird sich bemühen, diesem Vertrauensvorschuss gerecht zu werden. Dazu gehört zunächst das Eingeständnis, dass natürlich diese Interpretation, wie jede andere auch, auf ein subjektives Verständnis der Welt zurückgeht. Ihre inhaltliche Aussage rechtfertigen kann sie nur dadurch, dass sie ihre Grundlagen offen legt und die daraus gezogenen Schlüsse nachvollziehbar begründet.

Der Text berührt zwar unvermeidlicher Weise die Themenbereiche Kosmologie, Erkenntnistheorie und Ontologie, versteht sich aber nicht als Philosophie. Damit soll nicht die Verantwortung für etwaige Aussagen in diesen Bereichen geleugnet werden. Vielmehr geht es darum, dass der Schwerpunkt ein anderer ist: eine Verbindung von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Hermeneutik, die ein Ergebnis stützen soll, das man dann allen genannten Bereichen zuordnen kann. Der Inhalt des Ergebnisses als Bestätigung der Hypothese– also die Komplementarität - ist wichtig, nicht die Verortung dieser Erkenntnis in einem Wissenschaftsbereich. Das gilt selbst dann, wenn man darüber streiten will, ob Komplementarität (nur) epistemologisch oder (auch) ontologisch zu verstehen ist. Dieser Bereich wird hier als weniger relevant betrachtet als die Herleitung der Geltung der Komplementarität in der Geschichte des Universums generell und des Menschen im besonderen. Es ist also keine Abhandlung, die sich dezidiert an professionelle Philosophen oder Naturwissenschaftler wendet (obwohl sie als Leser natürlich willkommen sind). Es präsentiert (schlicht) eine Überlegung, die zwar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut, diese aber in einen möglichst überzeugenden und möglichst verständlichen Zusammenhang stellt mit den Argumenten für die hier vertretene Auffassung. Dabei werden nicht komplizierte Formeln oder Einsichten abgelegener Spezialdisziplinen herangezogen. Ausgangsbasis für die Argumentation sind gut bekannte grundlegende Theorien anerkannter Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit der Erklärung des Werdens der Welt und der Menschheit befassen.

3. Was ist und was nützt uns eine Grundstruktur des Universums?

Von Beginn seiner Bewusstwerdung an sucht der Mensch eine Gesetzmäßigkeit, die den Ablauf allen Seins steuert. Er möchte die Welt verstehen, denn je besser er sie versteht, umso eher kann er mit den Schwierigkeiten des Lebens fertig werden. Über die Kulturen hinweg wird die Frage nach den gestaltenden Mächten gestellt, der Mythos schafft eine geordnete Welt von Göttern, bis Philosophie und Wissenschaft, in der griechischen Naturphilosophie noch gemeinsam enthalten, eine immer fortschreitende Aufklärung von Welt und Mensch leisten.

Im Folgenden geht es nicht um eine Idee, die die Welt erklärt in der Form, dass sich ein benennbares Ziel, eine inhaltliche Aussage über den Sinn aller Existenz gibt. Es wird vielmehr ein Strukturprinzip dargelegt, das allem zugrunde liegt, das also vom Beginn des Universums an, vom Anfang von Zeit und Raum, der Entstehung aller Existenz über die Entstehung des Lebens bis zu den Grundlagen des spezifisch menschlichen Verhaltens, also dem Bewusstsein, und darüber hinaus auch in den Manifestationen menschlicher Erkenntnis seine immer gleiche Wirkungskraft entfaltet.

Ein solches Prinzip ist gleichzeitig weniger und mehr als eine Idee, die alle Existenz erklären soll. Es ist weniger, weil es nichts beinhaltet, was eine bestimmte Richtung des Denkens und Glaubens vorgibt. Es ist mehr, weil es das „kreative Elementarteilchen“ für alles Existierende ist, in allem vorhanden, in allem wirksam. Wenn es auch keinen Sinn vermitteln kann, so hat es doch Auswirkungen darauf, was in der Welt möglich ist. Als Strukturprinzip schließt es solche Optionen aus, die diesem Gesetz nicht entsprechen. Das gilt für die physische und geistige Welt und gibt damit ein Spielfeld vor, außerhalb dessen nichts geschehen kann.

Das Faszinierende an einem solchen „Prinzip allen Seins“ ist, dass die unvorstellbar lang dauernde Entwicklung des Universums und seine ebenso unfassbare Vielfalt von Erscheinungen in ihm auf eine einfache Gesetzmäßigkeit zwar nicht reduziert, aber doch zurückgeführt werden kann. Ein solches Unterfangen setzt sich zu Recht der Frage aus, ob es nicht eine allzu primitive Vorstellung ist, dass alles Geschehen im Universum auf einem einzigen Prinzip beruht. Muss dadurch nicht notwendig die Komplexität aller Erscheinungen so reduziert werden, dass diese sich nur noch amputiert aus dem Prokrustesbett dieser Theorie erheben können?

Mit einer solchen Grundlagentheorie wird aber gar nicht die unglaubliche Vielfalt der Phänomene in der uns bekannten Welt geleugnet. Ihnen tut es keinen Abbruch, wenn sich zeigen lässt, dass immer wieder eine bestimmte Gesetzmäßigkeit eingewirkt hat, um die maßgeblichen Abschnitte der Entwicklung des Universums und der Welt zu formen. Es gibt also ein sinnvolles Verhältnis zwischen dem einfachen Grundprinzip und den auf ihm basierenden vielfältigen Erscheinungsformen des Seins: Die Grundstruktur ist ein Muster, das so allgemein ist, dass es nur eine Bauform vorgibt, aber nie Ergebnisse, vergleichbar einem Legostein – Knöpfe auf einem hohlen Plastikquader - mit dem sich ganze Welten aus Gebäuden, Maschinen, Tieren und Landschaften zusammensetzen lassen. Auf der Basis einer einfachen Struktur kann sich ungeheure Komplexität entwickeln, nichts an diesem Gesetz verhindert das. Alle Komplexität aber beruht immer auf dieser Basis.

Der Versuch der Begründung eines Weltprinzips führt üblicherweise direkt zur Einordnung als Esoterik und verliert damit seine Satisfaktionsfähigkeit im Diskurs. Ich hoffe, dass dieser Text dem Verdikt und seinen Folgen entgeht. Grundlage dafür ist die Tatsache, dass das vorgestellte Modell aus den fundamentalsten anerkannten wissenschaftlichen Theorien abgeleitet wurde. Sie ihrerseits dürften dem Vorwurf der Esoterik entzogen sein. Die Herangehensweise, mit der aus ihnen die hier gezogenen Schlussfolgerungen extrahiert wurden, bedient sich konventioneller Methoden. Auf metaphysische Rückgriffe wird verzichtet. Allerdings wird sich am Ende eine Nähe zu fernöstlichen Philosophien ergeben, wie sie in Yin und Yang ihren Ausdruck gefunden haben. Naturgemäß berührt eine so fundamentale Theorie wie die Behauptung einer wiederkehrenden Gesetzmäßigkeit in allen Erscheinungen die Metaphysik. Die Nähe zu großen und alten fernöstlichen Glaubensrichtungen ist dann eher eine Empfehlung.