Skrupelloses Unterfangen - Traute Lütje - E-Book

Skrupelloses Unterfangen E-Book

Traute Lütje

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Beschreibung

Eine kaum zu überbietende kriminelle Energie! Abgrundtiefer Hass! - Fleischeslust, bis hin zur Hörigkeit, alles das spiegelt sich in diesem Taschenbuch wieder! Ein junger Mann übernimmt nach einem skrupellos begangenen Mord die Geliebte seines Vaters, um mit dieser erfahrenen Frau, die fast zehn Jahre älter ist als er, das Liebesleben erforschen zu wollen. Geldgier und Habsucht stehen dennoch für ihn an erster Stelle, womit Anni, eine verruchte rotblonde Schönheit durchaus konform geht, da es ihr an Intelligenz mangelt. Somit scheint es kaum verwunderlich, dass sie alle Untaten, die ihr jugendlicher Freund stets aufs Neue ausbaldowert, artig mitträgt. Steuern zu entrichten, ist beiden genauso fremd, wie die Tatsache, jemals einer normalen Arbeit nachzugehen. Das feudale Leben, das das ungleiche Pärchen in vollen Zügen genießt, wird einzig durch unvorstellbare Gaunereien geprägt. Lug, Betrug, bis hin zum schweren Raub! - das ist das Markenzeichen, von »Anni Knickfuß und Lucky Hirschhausen« - die nebenher eine hohe Streitkultur pflegen, um sich gegenseitig zu beweisen.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bei dem nachstehenden Werk handelt es sich um einen Roman und bei allen handelnden Personen um fiktive Gestalten, die der Fantasie der Autorin entsprungen sind, wie auch die beschriebenen Handlungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder auch bereits verstorbenen Personen, wie auch etwaigen tatsächlichen Geschehnissen wäre damit rein zufällig und unbeabsichtigt

Traute Lütje

SKRUPELLOSES UNTERFANGEN

ROMAN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Cover © Ulvur - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Anmerkungen

Vorwort

Skrupelloses Unterfangen

Vorwort

Nicht umsonst schreibt man dem Monat November Tod und Verderben zu. Grau in Grau.

Nebel, Trübsinn, Einsamkeit, Dunkelheit. Alle diese Komponenten führen vermehrt zu einem Stimmungstief, ja gar bis hin zu Depressionen– bei einer Vielzahl unserer Mitmenschen. Warum dem so ist, lässt sich kaum ergründen. Nicht jeder ist empfänglich für diese Missstimmung, die dieser triste Monat versucht zu verbreiten. Frohnaturen zeigen ihm einfach die kalte Schulter. Sie ignorieren diesen grauen Gesellen. Diese Menschen geben sich so, als sei das Novemberwetter das Normalste was es gibt auf unserem Kontinent. Dennoch lässt es sich nicht leugnen, dass dieser Monat dafür Sorge trägt, dass Bestattungsinstitute Hochkonjunktur haben. In keinem anderen Monat des Jahres sterben so viele Leute. Ob es nun Mord, Selbstmord, oder einen ganz natürlichen Tod zu beklagen gibt, ist dem Bestatter ziemlich egal. Hauptsache, der Rubel rollt, und das tut er offensichtlich im Jahresteil November. Nicht umsonst liegen Volkstrauertag und Totensonntag eng beieinander. Diese Totenfeiertage tragen allenfalls zur Belebung der Wirtschaft bei, nicht aber um schlichtweg Trauer auszudrücken. Kranzbindereien und Blumenläden sind der große Gewinner! Durch die Vielfalt der Trauergestecke und Blumen-Arrangements locken sie die Kundschaft an, wie die Motten das Licht.

Licht, auf dem Friedhof, in Form von Windlichtern– dieses Licht ist wohlgelitten. Es versucht in der dunklen Jahreszeit miesen Figuren den Garaus zu machen.

Wie dem auch sei: Dämmerung, Dunkelheit, zwielichtige Gestalten, das wiederum sind Komponenten, die dem Verbrechen Vorschub leisten. Kriminalität, angesiedelt auf hohem Niveau! Wie der öde November, lässt sich auch die Machenschaft des Verbrechens, nicht aus unser aller Leben verbannen.

So verwerflich das Ganze auch sein mag: Es gilt damit zu leben, dass diese Ganoven nur auf eines aus sind, nämlich Kohle zu machen, egal mit welchen Mitteln!

Die Frohnaturen, auch solche weilen unter den Tagedieben, sind meines Erachtens mit denen zu vergleichen, die diesen Herbstmonat lieben. Sie verstehen es ihre Entgleisungen so zu tarnen, dass man sie fast als Gutmenschen bezeichnen könnte.

Verbrechen, ist eben nicht gleich Verbrechen!

Brutalität, Eigentumsdelikte, Mord und Todschlag, allein des schnöden Mammon willens– nicht nur verübt im Schutze der Dunkelheit– all diese Untaten werden sich in dem nachfolgenden Roman vorrangig zu Wort melden.

Mit einer Beisetzung, an einem sehr trüben Tag, natürlich im November, fing alles an.

Ein auffallend selbstbewusster Typ, mit grauem Schlapphut, passend ausgesucht zum Wetter, verließ als Erster eine Menschentraube, die sich trauernd um eine frisch ausgehobene Gruft scharrte. Seinen Mantelkragen hochgeschlagen, die aus feinem Nappaleder behandschuhten Hände zusätzlich tief in die Taschen seines teuren Ledermantels vergraben, so schritt dieser Gentleman von Dannen. Obgleich die Krempe seines Hutes das runde Vollmundgesicht nur erahnen lies, so nahm man dennoch ein unterschwellig, breites Grinsen dieses Mannes wahr. Als sein hämisches Lachen– anders war diese Gefühlsregung kaum zu deuten– für einen kurzen Moment pausierte, fühlte sich sein schwülstiges Lippenpaar genötigt, folgenden Satz von sich zu geben: Heult euch ruhig die Augen aus, Kruppzeug, elendes, das befreit. Nur glaubt mir, zu erben gibt es für euch gesamte Moschpoke nichts, rein gar nichts! Gesetzlicher Erbe bin ich allein, und sonst keiner! Auch wenn ihr meint mich nicht zu kennen, ich aber kenne euch alle. Das der alte Herr, mein Vater, mich euch gegenüber all die Jahre verleugnet hat, lag einzig an seiner verdammten Geldgier. Meine arme Mutter, Gott hab sie selig, hat er sich erkauft. Das er sie aus reinem Lustgewinn schwängerte, und hernach wie eine heiße Kartoffel fallen lies, bezahlte er gerechterweise nun mit seinem Ableben.

Dieses Wissen war für den feinen Pinkel keine Neuigkeit, da er für das Dahinscheiden seines Alten Sorge trug. Das unverschämt hämische Grinsen seiner mondigen Visage, das zu seinem Outfit irgendwie nicht zu passen schien, stellte sich wieder ein. Chic, elegant– sich glamourös in Szene setzend, so gab sich der leibliche Sohn des verstorbenen Großfabrikanten Müller gerne. Mit dem Slogan: „Müllermode zahlt sich aus“, erwarb Müller angeblich Millionen, die er leider zurücklassen musste, da bekanntlich auch ein Millionär nichts mitnehmen kann, außer er ließe sich im Sarg darauf betten. Auf diese Kohle hatte es Sohnemann, Lucky Müller, alias Hirschhausen– da der Junge den Mädchennamen seiner an Aids verstorbenen Mutter amtlich zugewiesen bekam– abgesehen. Sein Erzeuger bekannte sich nicht zu diesem Bastard, wie er sich seinem Kind gegenüber auszudrücken pflegte. Dennoch, Lucky war sein Sohn! Dieses belegte eindeutig eine erzwungene DNA. Da half es Müller auch nicht, noch so große Geschütze aufzufahren. Dieses Kind konnte er nicht mehr verleugnen, tat es aber dennoch, bis das er verstarb. Das Frau Hirschhausen sich letztendlich prostituierte, und dadurch an Aids erkrankte, lag einzig an dem Fabrikanten, der nie vor hatte sich jemals zu binden. Sein Motto war Lebenslust pur, um jeden Preis. Diese Freiheit musste er viel zu früh, dafür aber überteuert, mit dem Tod bezahlen!

Fabrikant Müller wurde gerade mal fünfundvierzig Jahre alt, und sein raffgieriger Ableger, am heutigen Tage der Beisetzung, zwanzig. Kurios!

Langsam löste sich der Trauerpulk auf und begab sich geschlossen in ein nahegelegenes Nobelrestaurant, was seine Lebensgefährtin, Anni Knickfuß, für ihren Beischläfer angemessen hielt. Übermäßig traurig schien die etwas verrucht aussehende, rotblonde Schönheit allerdings nicht zu sein. Sie sah auch nicht nach Dreißig aus. Fünf Jahre Abzug billigte ihr jeder zu. An Intelligenz haperte es bei ihr allerdings gewaltig. Somit konnte sie dann auch die im Restaurant geführten Gespräche, der Trauergesellschaft nicht recht folgen. Peter Müllers plötzlicher Tod war Thema Nummer eins. Alle waren sich einig, irgendwer muss nachgeholfen haben. Aber wer? Plötzlich hatten alle den unbekannten Dressman im Visier. Mit Lackschuhen auf dem Friedhof, allein das sei eine Blasphemie! Wer war das überhaupt? Auch ein reicher Fabrikant? Hatte Peter etwa einen Freund? War er Bisexuell veranlagt? Bei all diesen Überlegungen waren sich die Trauernden einig: Eigentlich kannten sie Peter gar nicht richtig, was sie dazu bewog, auf sein Wohl, das eine oder andere Fläschchen Schampus zu konsumieren, während Anni still in der Ecke saß und grübelte, was nun aus ihr werden würde.

Ähnlich dachte auch Sohnemann. Zuhause fröstelnd angekommen erhob er sein Glas und bekundete: „Prost, Papa Müller, auf dein Wohl. Hast wohl nicht gedacht, dass Sohnemann dich sobald beerben wird. Wärst du bei unserem ‚unter vier Augen Gespräch‘, nicht so maßlos arrogant und verlogen gewesen, hättest du noch leben können. Eigentlich war doch genügend Zaster für zwei vorhanden. Warum also so starrköpfig und nicht mit mir teilen wollen? Selber Schuld! Nun darfst du dir die Radieschen mit dem Satan teilen, sofern er diese dann mag. Deiner unwiderstehlichen Gier, den Hals nicht vollzubekommen, verdankst du jetzt dein neues Zuhause. Gleich morgen, wenn ich wieder nüchtern bin, werde ich zu deinem Anwalt marschieren, um mein mir zustehendes Erbe einzufordern. Ob ich die Fabrik weiterführe …, wir werden sehn. Veräußern wäre auch eine Lösung.“

Daraufhin genehmigte sich Lucky noch ein Schlückchen und prostete sich selber, vor seinem Ankleidespiegel stehend, auf eine bessere Zukunft zu.

Das Zeug, sich prominent in Szene zu setzen, besaß der Bursche allemal. Ein kostenloses Erbstück, seines ebenso wie er, linksgestrickten Vaters!

Wie sonst wäre Lucky wohl auf die absurde Idee gekommen, dem uneinsichtigen Erblasser auf hinterhältige Weise, mittels einer Medikamentengabe, die unweigerlich zum Herzstillstand führte, ins Jenseits zu befördern? Das ganze war Schweigen und Denken. Lucky Hirschhausen war einmal mehr stolz auf sich, dass seine verwerfliche Tat, durch die Ausstellung eines Totenscheins, besiegelt wurde. Lapidar bescheinigte ein von der Polizei hinzugezogener Allgemein-Mediziner „Herzversagen“, wobei er den enormen Stress, den Müller täglich zu bewältigen hatte, nicht außer Acht ließ. Skrupel, nein, die kannte Lucky nicht. Der Vatermörder schlief, nachdem er sich zum Waisenkind befördert hatte, irgendwie besonders gut. Für Hirschhausen erwies sich sein schlechtes Gewissen sogar noch als sanftes Ruhekissen. Na denn …, möge er Erben!

Anderntags, Lucky war mehr wie verwundert, als die rotblonde Schönheit, die ihm bereits auf dem Friedhof positiv auffiel, vor ihm auf die Anmeldung der Anwaltskanzlei von Dr. Maus und Partner zu stöckelte. Eilig versuchte Hirschhausen die Frau noch zu erreichen, bevor sie die geöffnete Tür wieder hinter sich schloss, was auch klappte.

„Oh, Verzeihung, meine Gute, habe ich mich etwa flegelig benommen, indem ich mich an Ihnen vorbeidrängelte, um noch schnell mit rein zu kommen?“

„Das kann man laut sagen, Sie Flegel. Glauben Sie nur nicht, dass Sie sich vordrängeln können. Ich habe mich bei Dr. Maus telefonisch angemeldet und werde erwartet. Daraufhin durchbohrten ihre wasserblauen Augen die des mondgesichtigen Mannes, sodass es diesem eiskalt den Buckel runter lief. Lucky hatte das Gefühl, als hätte dieses Weib ihm Eiskristalle entgegen geschleudert, die sich nun von seinem Nacken aus, den Weg bis in die unterste Region, seines verlängerten Rückgrats bahnten.

Anschließend jedoch stieg eine nie gekannte Hitze in ihm auf, sodass ihm Hören und Sehen verging. Lucky bekam nur noch mit, wie eine Reno-Gehilfin dieses Teufelsweib aufforderte: „Dr. Maus erwartet Sie, bitte folgen Sie mir.“ Wieder zurück, sprach die freundliche Person Hirschhausen an, und erkundigte sich nach dessen Begehren. Weltmännisch wickelte Lucky nun seinerseits die Gehilfin um den Finger. Keck gab er sich als Erbe des verstorbenen Fabrikanten Müller aus, der gedachte, dieses öde Fleckchen Erde, „Deutschland“ zu verlassen, um in der Karibik, mit seinen Millionen, den Lebemann spielen zu wollen.

„Na, wenn das man was wird. Vertun Sie sich da bloß nicht, Herr Hirschhausen. Ich will ja nichts gesagt haben, aber noch sind Sie kein reicher Mann“, flötete die Rechtsanwaltsgehilfin und verschwand an ihren Schreibtisch. Bevor sie sich mit dem Computer beschäftigte sah sie nochmals auf und bedeutete dem Wartenden, sobald Frau Knickfuß das Büro des Dr. Maus verließe, dürfe er eintreten. Sie habe sich erlaubt, ihn ihrem Chef bereits anzukündigen.

„Sehr aufmerksam von Ihnen“, bedankte sich Lucky und griff nach dem Männer-Journal, das unter anderem im Warteraum der Kanzlei, zum Zeitvertreib, für die Herren auslag, aber ebenso gerne von der weiblichen Klientel hinlänglich betrachtet wurde. Bevor Lucky allerdings dazu kam, sich in die Aktfotos lustvoll zu vertiefen, ging eine Tür auf. Dann vernahm er ein gleichmäßiges, hohles Klackern, erzeugt durch die hohen Absätze von Frau Knickfuß, die gesenkten Hauptes über den langen Flur, vorbei an der Besucherecke, wortlos den Ausgang anpeilte. Schwerfällig schloss sich hinter der Mandantin, die offensichtlich eine Niederlage erlitten hatte, die gläserne Eingangstür. Dahinter drehte sich Anni noch einmal um und präsentierte der Kanzlei, ziemlich undamenhaft, den Stinkefinger, bevor sie in den Fahrstuhl verschwand.

Hirschhausen war irritiert. Meinte die Schöne etwa ihn, weil sich auf der aufgeschlagenen Seite des Magazins, welches ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lag, wollüstig eine nackte Rothaarige räkelte? Noch während Lucky am Nachdenken war, schnarchte Dr. Maus aufgebracht vom anderen Ende des Flurs: „Wo bleiben Sie denn, Hirschhausen? Ein bisschen Avanti wenn ich bitten darf. Schließlich habe ich meine Zeit nicht gestohlen. Zeit ist Geld, gerade in meiner Branche“, und verschwand ungehalten von der Bildfläche.

„ Nun machen Sie mal halblang, Dr. Maus. Schließlich leben Sie auch von meinem Geld. Oder sollte ich mich insoweit irren?“, entrüstete sich Lucky beim Eintreten in dessen Büro.

„War nicht so gemeint, Junge“, entschuldigte sich der Advokat. Dabei erhob er sich schwerfällig aus seinem protzigen Ledersessel, in dem er soeben versunken war und streckte Hirschhausen reumütig seine fleischige Pranke zur Begrüßung entgegen.

Auf Schlag staffierte Lucky sein rundes Pokerface, mit seinem berühmt breitgezogenen Grinsen aus und ließ süffisant verlauten: „ Bislang wusste ich gar nicht, dass Sie mein Vater sind, Dr. Maus. Sollten etwa auch Sie Anteile an meiner Existenz haben? Mir soll es recht sein. Noch ein Erblasser. Nicht schlecht“, verunsicherte Hirschhausen seinen Gegenüber, stellte abrupt sein schmieriges Grinsen ein und tat bass erstaunt.

„Wer wird denn gleich so hitzig reagieren, junger Mann?“, lächelte Maus ihn an. „Gefällt Ihnen die Formulierung ‚junger Mann‘ besser, oder wünschen Sie generell mit Herr Hirschhausen angeredet zu werden?“

„Mir egal. Nur Ihr Junge, der bin ich nicht. Hier und jetzt nicht– und in naher Zukunft erst recht nicht! Ich hoffe, damit währen die Fronten zunächst einmal geklärt. Was mich zu Ihnen führt? Ganz einfach, mein Erbe.“

Triumphierend beförderte Lucky daraufhin seinen Nachweis, den er nach der DNA-Analyse schwarz auf weiß in Händen hielt, aus einer schmalen, sehr wertvollen Aktenmappe zu Tage. Mit diesem Schriftstück bescheinigte er dem verblüfften Notar, dass der leibliche Sohn von Fabrikant Müller, seines langjährigen Mandanten, vor ihm saß.

Ein kurzes, trockenes Schlucken seitens des Rechtsanwalts, und schon ergriff er das Wort.

„Hören Sie, Herr Hirschhausen: Das Sie gesetzlicher Erbe sein könnten, sofern Ihre Unterlagen nicht gefälscht sind, so will ich das nicht in Abrede stellen. Nur bei mir sind Sie an der falschen Adresse. Ich kann und werde in dieser Richtung nicht für Sie tätig werden, das käme einem Parteiverrat gleich. Das Einzige was ich Ihnen empfehlen kann, wenden Sie sich an das für Sie zuständige Gericht und beantragen ordnungsgemäß einen Erbschein. Danach wird ein Rechtspfleger, sofern ein Testament hinterlegt wurde, sich ihrer Sache annehmen. Wer sagt Ihnen denn, dass Ihr Vater sein Vermögen nicht anderweitig festgeschrieben hat? Nun darf ich Sie dann ja wohl bitten, ihre Unterlagen wieder an sich zu nehmen– und sich, wenn es dann erforderlich sein wird, von einem Kollegen rechtlich weiter beraten zu lassen.“

Mit allem hatte Lucky gerechnet, nur nicht mit so einem Umstand. Umständlicher ging es wohl kaum. Zugegeben, da musste er, ob er wollte oder nicht, nun durch. Alles braucht eben seine Zeit. Diese Zeit kam Hirschhausen vor, als dauerte die Bearbeitung seiner Erbangelegenheit Monate. Als er einmal mehr bei dem Rechtspfleger vorstellig wurde, lief ihm Anni Knickfuß im Gerichtsgebäude über den Weg. Irgendwie war dem Mann diese Zufallsbegegnung entfallen, obwohl er anfänglich damit liebäugelte, einem Treffen mit der verruchten Schönheit nachzuhelfen. Diesmal, Lucky war sich sicher, würde er diese klasse Frau gleich zu einem Rendezvous festnageln wollen. So war es dann auch von ihm gewollt, dass er Anni, wie beiläufig anrempelte, wofür er sich sofort weltmännisch entschuldigte, um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

„Schon wieder Sie meine Teuerste? Wie darf ich das deuten, dass ich beinahe einmal mehr über ihre zierlichen Laufwerkzeuge stolperte. Hätte ich nicht an ihrer gertenschlanken Taille Halt gefunden und Sie dadurch vor dem sicheren Niederstürzen gerettet, lägen wir zwei jetzt wohl alle beide der Gerichtsbarkeit zu Füßen.“

Mit beiden Händen, sich von Annis Körpermitte langsam weiter abwärts tastend, blieb er an ihrem knackigen Hinterteil hängen und kniff der verdatterten Ex-Muse seines verstorbenen Vaters, unflätig in die Pobacken. Unfähig, auch nur ein Wort der Beschimpfung über ihre grellrot geschminkten Lippen bringen zu können, schloss Anni ihre Augen um diese mit Munition aufzuladen. Gebannt starrte Lucky in das hübsche Antlitz der Frau, die er immer noch mit festem Griff an sich drückte. „Zum Küssen“, dachte Hirschhausen, bremste sich dann aber, um nicht vollends bei Anni in Ungnade zu fallen. Das war wohl auch besser so. Lucky hätte es bestimmt dreimal bereut, dieses Weib geküsst zu haben, nachdem die in jeder Beziehung sprachlose Zufallsbekanntschaft ihre Sehlichter zur Gegenwehr beauftragte. Und das funktionierte folgendermaßen: Zunächst ihre Augen andächtig zu Sehschlitzen formend, ein kurzes Plieren, die Augen nochmals schließend, um diese danach unvermittelt wie ein Uhu weit aufzureißen. Ihre Stubsnase passte sich diesem Bild nahtlos an. Einzig ihre Augenfarbe konnte sie nicht verändern. Dafür sprach ihr vorwurfsvoller Blick Bände. Nochmals formte Anni Sehschlitze, die bei wiederholtem Aufreißen ein Blitzgewitter der übelsten Sorte auf Lucky niederprasseln ließen. Dem nicht genug, hielt sie ihm auch noch ihren Stinkefinger vor die Nase. Zugegeben, die Hände dieser Frau waren, wie alles an dieser Person, äußerst gepflegt.

Sich nicht unterkriegen lassend, löste Hirschhausen seinen Klammergriff, schob die Aufgebrachte circa einen Meter von sich, um dann mit süffisantem Lächeln zu bekunden: „Gewonnen, kleines Luder. Ich ergebe mich untertänig. Dennoch, Sie näher kennenzulernen, wäre mir ein Vergnügen. Gleich um die Ecke, befindet sich ein nettes, kuscheliges Café. Meine Mission, die ich hier bei Gericht zu erfüllen habe, ist in weniger als fünf Minuten ausgestanden. Wenn Gnädigste also so frei währen, auf mich zu warten, stünde ich Ihnen zur freien Verfügung, ansonsten müsste wohl wieder der Zufall nachhelfen.“

Mehr brachte Lucky nicht hervor, sondern strebte eilends in das Beratungszimmer, in das der Mann von Welt zwecks Besprechung seiner Erbangelegenheiten geladen wurde.

Frau Knickfuß indes war überrascht, dass der feine Schnösel in dem Raum verschwand, den sie gerade eben verlassen hatte. Das machte die Frau neugierig. Sie entschloss sich zu warten. Ihren Sitzplatz zuvor genau nach eventueller Verunreinigung betrachtend, ließ sie sich geziert auf eine gedrechselte Holzbank, die genau wie das Gerichtsgebäude, etliche Jahre auf dem Buckel zu haben schien, nieder. Beides aber war, noch lange nicht rott! Im Gegenteil, alles in allem hatte der gesamte Trakt etwas Nostalgisches aufzuweisen. Folglich verbreitete dieses Justizgebäude, nebst Innenleben, eine ganz besondere Atmosphäre. Dass in diesen Räumlichkeiten vorwiegend über Verbrechen aller Art gerichtet wird, bekundete Justitia als lebensgroße Statue. Die berühmte Waage in der Hand haltend wägt sie ab, ob das Unrecht zu Recht geahndet wird. Nachdenklich betrachtete Anni diese Skulptur. Ihre Gedanken hingegen kreisten nur um Lucky. Schmuck sei der Kerl ja. Keine Frage. Aber ist er nicht ein wenig zu jung für sie? Der Kleine, so schien ihr, sei gerade mal den Kinderschuhen entwachsen, zeigte sich dafür aber äußerst weltgewandt. Wie alt mochte der Mann wohl sein? So um die Zwanzig? Mit dieser vagen Schätzung lag Frau Knickfuß bekanntlich nicht verkehrt. Daraufhin stellte sie erneut fest, zu jung für dich, Anni! Obwohl, der Bursche hatte für sie etwas Begehrenswertes. War es seine direkte Art? Nein, wohl eher nicht. Griente er schmierig, verlor dieser Mann in ihren Augen jegliche Anziehungskraft. Sein rundes Gesicht, mit dem schwulstig ausgestatteten Lippenpaar, könnte so gesehen auch glatt das Haupt eines Ganoven zieren. Aber was ist mit dir und deinem Stinkefinger, Anni. Ist das etwa ladylike? Wohl kaum! Also, jedem das Seine. Wenn man willens ist, gewöhnt man sich an vieles. Denke nur an Peter. Der bohrte mit dem Zeigefinger permanent in seiner Nase umher, und grub nach Popeln. Selbst in der Öffentlichkeit machte er davor nicht Halt. Nicht einmal beim Dinieren. Sollte jemand versucht haben, ihn bezüglich seiner Unart dezent zurechtzuweisen, knurrte er diesen aus seinen Mundwinkeln heraus sehr böse an, mit der Aufforderung, er möge sich schleichen! Ein Fabrikant Müller sei niemandem Rechenschaft schuldig. Ähnlich ungehalten reagierte aber auch Anni, seine Konkubine, wenn Müller sie wegen des Fingerzeigens zusammenstauchte. Diese Angewohnheit von ihr, konnte Peter auf den Tod nicht ausstehen. Hätte Anni hingegen geahnt, dass sie nichts erben würde, mit Sicherheit hätte sie dem Verstorbenen diesen unflätigen Gruß, anstelle einer roten Rose, hinterher geschmissen.

Jäh wurde Frau Knickfuß aus ihren Gedanken gerissen, als die schwere Eichentür aufging, hinter der Lucky unlängst verschwand. Seine aufrechte Haltung, die er gerne zusätzlich betonte, indem er sein Rückgrat besonders gerade hielt, glich momentan eher einer leicht verbogenen Zeugstange, der zu viel an Last aufgebürdet wurde. Gesengten Hauptes bewegte sich Hirschhausen lethargisch auf das überdimensionale, im Rundbogen strukturierte, Ausgangsportal zu.

„Was soll das denn? Mich erst zum Warten anhalten und dann klammheimlich einen lagen Schuh machen wollen. Nicht mit mir, Jungchen“, murmelte sich Anni in ihren nicht vorhandenen Bart. Entrüstet erhob sie sich und klackerte über den robusten Steinfußboden, im Eilschritt, hinter dem Flüchtenden her.

„Nicht so eilig, Junger Mann“, rief Anni, auf der obersten Granitstufe verweilend aus, da sie sonst wohl schneller als gewollt, Lucky zu Füßen gelegen hätte. Es hätte unweigerlich zum Sturz führen können, da ihre hochhackigen roten, zu ihrem Haar passenden Pumps, beim Hinabsteigen der Stufen, keine schnellere Gangart zu ließen.

Lucky fuhr zusammen. Blieb stehen. Vollzog eine hundertgrat Drehung und sah düsternd schweigend zu Anni empor. Kein Lächeln, nichts, rein gar nichts! Danach folgten nur zwei Worte: „Dieser Arsch!“

Frau Knickfuß begriff nicht, was dieses sonst so selbstgefällige Mannsbild dermaßen in Rage versetzen konnte, eine derartig abfällige Äußerung von sich zu geben. Das machte Anni neugieriger, wie zuvor.

„Warten Sie, Herr Hirschhausen“, rief sie ihrer Zufallsbekanntschaft nach. Dieser Name war ihr mittlerweile geläufig. Sie nahm ihn wahr, als Lucky das Büro verließ.

„Auf Wiedersehen, Herr Hirschhausen“, diese Abschiedsworte drangen bis zu Anni vor, da der hallenartig angelegte Trakt dieses Gebäudeteils, sehr hellhörig war.

„Sie …? Sie hätte ich beinahe vergessen! Nicht böse sein, meine Schöne. Leider gibt es immer wieder Neuigkeiten, die einen sturmerprobten Menschen, zu denen ich mich eigentlich zähle, zusammenfallen lassen, wie ein Kartenhaus.“

Inzwischen hatte Anni die sechs Steinstufen huldvoll gemeistert, hakte sich unaufgefordert bei Lucky unter und säuselte: „Und nun, mein Adonis, führen Sie mich ins Café, mich dürstet.“

Noch ein wenig benommen aussehend, dennoch seine Fassung wiederfindend, sah er Anni in die Pupillen und war auf Anhieb von ihren Sehlichtern, die als Eiskristalle im Augapfel umherzudümpeln schienen, fasziniert. Sofort schwand bei Lucky die ohnmächtige Wut, die er seinem toten Vater gegenüber bislang hegte. Anstatt diesen Lumpen zu vergiften, hätte er ihn lieber dreiteilen sollen, davon hätte der alte Müller mehr gespürt. Diese frevelhafte Überlegung ersparte er sich dennoch nicht.

„Was ist, Hirschhausen, Vorschlag angenommen?“, erkundigte sich ungehalten Anni und schenkte ihm einen eiskalten Augenaufschlag, der Lucky irgendwie gut tat, da hierdurch seine mörderische Gräueltat gemildert schien.

„Selbstverständlich, angenommen! Auch meine Wenigkeit verlangt dringend nach einem Coffein-Schub um die Lebensgeister wieder auf Trab zu bringen, also lassen wir es angehen!“

Einträchtig, geradeso als kannten die zwei sich bereits eine Ewigkeit, steuerten sie das kleine Café-Haus, gleich um die Ecke an, um sich dort temperamentvoll, über ihr bisheriges Leben auszutauschen. Also stellte man sich zunächst einmal namentlich vor. Schließlich sei es wichtig zu erfahren, wer mit wem in naher Zukunft vielleicht unter einem Dach wohnen würde.

Das sich bekannt machen, erfolgte offensichtlich nach Manier der alten Schule, wie beispielsweise: „Gestatten, mein Name ist Hirschhausen, Lucky Hirschhausen, Sohn des bekannten Bekleidungsfabrikanten „Peter Müller“ der leider viel zu früh das Zeitliche segnete.“

Bei dieser Hiobsbotschaft entglitten der Frau Knickfuß sämtliche Gesichtszüge. Auch ihre Kinnlade verlor jeglichen Halt. Diese sank derart nieder, sodass man von ihrem makellosen Schwanenhals fast nichts mehr sah.

„Wie bitte …? Könnten Sie das einmal wiederholen, Lucky. Ich glaube mich tritt ein Pferd. Sie wirkten von vornherein auf mich wie ein Hochstapler, nur wollte ich es nicht wahrhaben, ich Kamel!“

Diese Worte würgte Anni hervor, wie eine Kuh beim Wiederkauen. Lucky indes schenkte dieser Frau, die selbst im aufgebrachten Zustand noch eine besondere weibliche Note entfaltete, ein amüsantes Lächeln. Hierbei stellte er sein perlweißes Gebiss, bewusst zur Schau. Dieser auf Anni nahezu erotisch wirkende Anblick, wurde ihr nur kurz vergönnt, da die dominierenden Lippen des Mannes sich zu Wort meldeten. Unmissverständlich flöteten sie, „dem ist leider nun mal so, Gnädigste. Ich kann’s nicht ändern! “

Anni wurde weiß wie die Wand. Säße sie nicht in einem dieser gemütlichen Clubsessel, die dieses anheimelnde Café seinen Gästen zum Verweilen bot, wäre sie sicherlich aus den Latschen gekippt, so sehr haute sie diese Hiobsbotschaft um. Ihren Gegenüber entgeistert ansehend stammelte sie, „und weshalb blieb mir diese Tatsache verborgen?“

Nach dieser berechtigten Frage, seitens Annis, wechselte das Erstaunen die Seiten. Nun war es Hirschhausen, der mit seinen breiten Lippen, wie ein Karpfen auf dem Trockenen, nach Luft schnappte. Bläschenweise fragte er nach, „weshalb sollten Sie, Frau Knickfuß?“

„Na, ganz einfach, weil ich die Lebensgefährtin ihres Vaters war. Mir gegenüber hat Peter nie Kinder erwähnt. Bekanntlich wollte er auch nie welche haben. Ich schon. Ich hätte mich nicht gesperrt! Langsam schließt sich auch bei mir das Zeitfenster, um noch einer Mutterschaft gerecht werden zu können. Aber was fasel ich da eigentlich für dummes Zeug einher? Schlimmer scheint mir zu sein, dass Sie mich um mein Erbe brachten. Das Peter mir so gar nichts vermacht hat, nicht zu fassen!“

Anni lehnte sich mit einem Seufzer zurück in ihren Sessel und starrte teilnahmslos durch die große Panoramascheibe, nach draußen, auf die Straße. Dort herrschte buntes Treiben, welches diesen tristen Totenmonat mit Nachdruck die Stirn bot. Emsig schien alles auf Dezember hinzustreben, um für Weihnachten, dem Fest der Liebe, die ersten Vorbereitungen zu treffen.

„Warum so verbittert, meine Schöne? Das Leben ist nun mal kein Zuckerlecken. Was glauben Sie wohl, wie es in meinem Innersten aussieht? Auch nicht viel besser. Der Großkotz Müller, mein Vater, hinterließ mir nur Schulden. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als dieses Erbe auszuschlagen. Ein Blender war dieser Mann, ein reiner Blender!“ Hierbei schoss es Lucky durch den Kopf, dass sein Erzeuger, mit dem was er ihm– dem verhassten Bastard– versuchte unter vier Augen nahezubringen, nicht gelogen hatte. Hirschhausen war also umsonst zum Vatermörder geworden, und das aus reiner Profitgier!

Als Anni bemerkte, dass ihr Galan, mit seinem Plädoyer ins Stocken geriet, munterte sie ihn zum Weiterreden auf.

„Misten Sie ruhig weiter aus, mein Guter.“ Wie beiläufig schaute sie dem Mitteilungsbedürftigen dabei voller Anteilnahme in die Augen, die dieser, als er negativ fortfuhr, zu Schlitzen formte:

„Da gibt’s nichts weiter zu berichten. Dass wir zwei leer ausgehen, ist hinlänglich bekannt. Ich glaube, es wird uns beiden Hübschen nicht erspart bleiben, mit unserer Hände Arbeit etwas Gewinnbringendes auf die Beine zu stellen, um an Kohle zu gelangen. Sicherlich gedenken Sie Ihren bisherigen Lebensstil beibehalten zu wollen. Ich meinerseits habe die knapp bemessene Lebensversicherung, die mir meine Mutter vermachte, bereits dreimal verbraten– und Sie Anni, sind nicht mehr versorgt. Vielleich sollten wir ein Komplott bilden und darüber beraten, wie wir ohne viel Dazutun, reich werden können. Was meinen Sie, Löckchen, wäre das nicht auch in ihrem Sinne?“

„Wohl schon, aber weshalb quatschen Sie mich mit Löckchen an?“

„Ganz einfach. Wenn ich Sie so anschaue, fällt mir auf, der Name Anni passt nicht zu Ihrer Person, und Knickfuß schon mal gar nicht! Löckchen hingegen, das Wort hat Aussagekraft. Das allein besagt schon ihr engelsgleiches, sanft gewelltes Haar. Zudem entlockt ihre zierliche, wohlproportionierte Figur, jedem Mannsbild, ein anerkennendes Kopfnicken. Mit Ihnen, das muss ich neidlos eingestehen, hat mein Erzeuger eine Wahl der Superlative getroffen. Nicht böse sein … Allein Ihr Erscheinungsbild macht, wenn ich es einmal vorsichtig ausdrücken darf, Ihre fehlende Bildung wett. Hinzu kommt, dass ungebildete hübsche Weibsbilder, in den noblen Gesellschaftsschichten, gefragte Lustobjekte sind. Diese Gattung Frau versucht es erst gar nicht, sich prahlerisch in Szene zu setzen, um aufzuzeigen woher sie stammt. Das dürfte der Anlass dafür gewesen sein, dass mein Vater sich mit Ihnen schmückte. Wie man mir versicherte, war er nicht immer arm. Das er in die Insolvenz schlitterte, lag einzig daran, dass die Geschäfte mit den Klamotten, nicht mehr liefen und er die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannte. Hätte mein Alter seine Ware in Billigländern anfertigen lassen, stünde ich als Erbberechtigter jetzt bestimmt besser da.“

Es folgte eine kurze Pause des Bedauerns. Immer noch grübelnd, wieso sein Alter den schleichenden Prozess– den Niedergang der Bekleidungsfabrik-Müller, sein Erbe, nicht hat aufhalten können. Wieder zurück mit seinen Gedanken bei dem Jetzt, verkündete Lucky aus vollem Herzen, „glaube mir, Löckchen, du hättest von mir einen akzeptablen Anteil bekommen.“ Seine so gemachte Aussage unterstrich Lucky durch einen artigen Diener, um vermehrt Eindruck zu schinden. Anni, die noch dabei war, das Gesagte zu sortieren, um alles irgendwie unterzubringen, stutzte. Die noch immer jungendlich wirkende Frau räusperte sich. Kurz darauf fragte sie verwundert nach: „Könnte es sein, dass Sie mich soeben geduzt haben, Herr Hirschhausen?“

„So ist es, Löckchen. Ich bin der Meinung, dass die Zeit reif sei sich zu duzen, bei alledem was uns fortan verbindet. Mein Name ist Lucky, wie du zwischenzeitlich mitbekommen haben dürftest. Also vergiss Hirschhausen. Ich vergesse Knickfuß. Ab sofort nur noch per Du. Der Schleimer beugte sich daraufhin soweit es ging über den Tisch, an dem sie saßen, und bot Anni seine fleischigen Lippen zum Bruderkuss dar, die er zuvor gekonnt herzförmig spitzte. Vorab schloss er vorsorglich schon einmal seine dunkelbraunen Augen, um den zu erwartenden Schmatz von Löckchen, zu genießen. Leider sah es Anni anders. Sie benetzte Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand mit Spucke und drückte Lucky die feuchten Fingerkuppen, als stempele sie eine Briefmarke, auf seine zum Kuss vorbereiten Lippen.

„War das alles, was du mir zu bieten hast?“, maulte Hirschhausen.

„ Nicht viel für den Anfang! Allerdings, was nicht ist, kann noch werden.“

Enttäuscht nahm Lucky daraufhin seine Ursprungsposition wieder ein. Seine Hände hingegen, mittig auf dem Tisch belassend. Nahezu flehentlich bat er um die ihren, die sich dann auch tatsächlich, Stück für Stück, vorsichtig, bis zu den seinen vortasteten. Zunächst berührten sich nur ihre Fingerspitzen. Urplötzlich griff Hirschhausen beherzt zu, um Annis zarten Hände, in seinen großen Pranken, Unterschlupf zu gewähren. Damit schien das Eis der zwei, endgültig gebrochen!

Gut gelaunt versprachen sich Lucky und Anni, für die nahe Zukunft, eine gewinnbringende Zusammenarbeit. Schließlich galt es angemessen weiterzuleben. Das Weihnachtsfest näherte sich mit riesen Schritten. Und dass Santa Claus, der Gönner der Menschheit sei, bezweifelten Sie ohnehin. Schließlich waren sie keine Kinder mehr.

Den Pläneschmiedenden war es im Eifer des Gefechts überhaupt nicht aufgefallen, dass es bereits zwanzig Uhr durch war. Erst als die nette Bedienung, der man es ansah, dass sie in einer Konditorei arbeitete– denn ihr stattlicher Körperbau kam gewiss nicht von ungefähr– sie diskret bat ihre Rechnung zu begleichen, da bemerkten sie, wie spät es mittlerweile war.

„Tut mir leid, die Herrschaften. Leider schließen wir gleich. Für heute ist Feierabend. Beehren Sie uns gerne wieder. Sie waren nette Gäste, wenn ich das erwähnen darf.“

„Das Kompliment geben wir gerne zurück.“

Einen kurzen Blick auf das Namensschild der Matrone werfend, wobei der üppige Busen nicht zu kurz kam, schmunzelte Lucky, „Ihr Chef darf sich glücklich schätzen, Frau Reese. Eine so nette Fachkraft wie Sie, findet man selten“– und schob der Kellnerin noch ein extra Trinkgeld über den Tisch!

Anni fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie sah, wie freudestrahlend Frau Reese sich trollte.

„War das nicht ein bisschen übertrieben. Ich dachte du wolltest sparen, Lucky?“, monierte Anni die großzügige Gabe, und tat empört!

„Das, Mädel, verstehst du nicht. Sowas nennt man Anfüttern, damit die Bedienung lammfromm auf Fingerzeig reagiert und wir von dem: Darf es noch etwas sein, verschont bleiben. Ich gedenke nämlich des Öfteren hier, mit dir als Gast aufzutauchen. In diesem Hause ist es relativ ruhig. Für uns ideal. Mir sind auch keine Fremden aufgefallen, die ihre Ohren spitzen, um mitzubekommen, was andere ausbaldowern. Also stell dich darauf ein, dass wir uns morgen, zur selben Zeit am selben Ort treffen werden.“

„Wieso denn im Gericht Lucky? Da sind wir doch fürs Erste durch. Können wir uns nicht gleich hier, im Café treffen?“

Das bewies Hirschhausen einmal mehr, wie hohl die Knickfuß eigentlich war. Damit vermochte er umzugehen, und wollte es auch! Dieses Weib würde mit ihm Pferde stehlen. Hierin irrte sich Lucky auch nicht. Verhalten schmunzelnd erwiderte er deshalb, „das, du Dummerchen, meinte ich damit. Genau hier treffen wir uns“ und wies dabei auf den Platz, an dem sie noch verweilten.

„Etwas anderes macht doch kaum einen Sinn. Oder meintest du etwa, ich wollte Justitia wieder sehen? So schön ist dieses Weib nun auch wieder nicht. Die Dame schaut doch genauso streng drein, wie eine Oberlehrerin. Fehlt nur noch, dass sie statt mit der Waage zu pendeln, einen Schlagstock schwingt, um aus den von Seiten der Staatsanwaltschaft angeklagten Sündern, eigenhändig ein Geständnis heraus zu prügeln.“

Anni versuchte noch etwas zu sagen. Lucky aber unterbrach sie, indem er sie gar nicht erst zu Wort kommen ließ.

„Lass gut sein, Mädel. Auf geht’s. Erheb deinen Apfelarsch. Hak dich wie gehabt bei mir unter, Kleines. Da hinten steht mein Auto. Ich werde dich persönlich nach Hause chauffieren.“ Vorsorglich erteilte er Frau Reese noch die Order, sie möge für den morgigen Tag, den gleichen Tisch für ihn reservieren. Sie kämen wieder.

Strahlend bestätigte ihm die Kellnerin, dass das klar ginge. Sie wünschte ihren neuen Gästen noch einen schönen Abend und verschwand. Lucky und Anni waren die letzten Gäste. Sie waren noch nicht einmal ganz draußen, als in den Gasträumen das Licht gelöscht wurde. Nur das Reklameschild über dem Eingang– auf dem eine überdimensionale Kaffeekanne, das schwarze Gebräu in eine großzügig geblümte Tasse fließen ließ, blieb beleuchtet. Diese Werbung war darauf fixiert, die Nachtschwärmer darauf hinzuweisen, dass man hier, nach einer durchzechten Nacht, einen Muntermacher erster Güte erhält, um den Kreislauf auf Trab zu bringen.

Und wieder war es Anni, die nachdenklich aufschaute und sich die Frage stellte, was wohl passiert, wenn die Tasse überläuft. Das Eingießen war mechanisch so programmiert, dass es echt wirkte. Wer richtig hinhörte, vernahm sogar ein leises Plätschern und sah zudem Dampf aufsteigen. Werbung ist eben alles! Ob sich dieser Aufwand überhaupt auszahlt, das wiederum überlegte sich derweil Hirschhausen. Er war der Ansicht, wohl eher kaum!

„Was meinst du, Löckchen, sollten wir nicht noch auf die Schnelle dafür sorgen, dass die Marie stimmt, um den morgigen Tag locker anzugehen?“

„Wie das denn?“

„Ganz einfach. Folge deinem Lucky und dessen Befehlen, und schon verfügen wir zwei über Bares!

Siehst du den Mann dort? Ja, genau den alten Sack meine ich! Schau nicht so ungläubig. Komme lieber mit. Mein Riecher sagt mir, der Kerl hat es dicke. Sieh nur, wie prall sein Beinkleid am Hinterteil einseitig auslädt, das spricht für Kohle satt.“

Lucky zog Anni mit sich, als zergelte er einen Hund hinter sich her.

„Nun mach schon Mädchen, sonst entwischt uns unser Brötchengeber noch.“

Anni schlurrte so gut es ging mit. Nur nicht die Absätze abbrechen, dachte sie. Alles andere ist wurscht. Dann erkundigte sie sich beflissen, „und, was soll ich tun?“

„Dem Alten einfach vor die Füße fallen, du Dummchen, damit ich unbemerkt zugreifen kann.

Wenn wir nah genug an ihm dran sind, schiebe ich dich vor ihn, und prompt machst du einen Adler. Kapito?“

„So einfach wird das gehen?“

„Ja Löckchen, so einfach!“

Als die zwei ihrem Opfer nahe genug auf den Fersen waren, ging alles recht schnell. Ein kurzer Stoß, ein Schrei, und ein im Zeitlupentempo zu Boden gehen, seitens der Knickfuß. Das war’s dann auch schon. Rührend bemühte sich der Bestohlene, der rotblonden Schönheit, auf die Beine zu helfen. „Hoffentlich haben Sie sich nicht weh getan“, mischte sich eine ihr bekannte Stimme ein, und fuhr fort: „Wenn man auf Schuhen, mit hohen Absätzen nicht richtig laufen kann, sollte man es besser lassen, junge Frau. Die Eitelkeit hat schon so manch einem das Genick gebrochen.“

Wieder auf beiden Beinen stehend, warf Anni, Lucky, einen verächtlichen Blick zu. Sie gebrauchte die unschönen Worte, „verpiss dich du Wichser“, auf denen ihr berühmter Finger folgte.

Der alte Mann verstand die Welt nicht mehr. Er schüttelte nur mit dem Kopf und brummelte, „da versteh einer die Welt. Sodom und Gomorra.“

Lucky hörte das schon nicht mehr. Aus reiner Vorsicht hatte er sein Auto aufgesucht. Darin sitzend, wartete er auf seine Komplizin, die noch immer bei dem Alten stand, ihren hochgerutschten kurzen Rock, wieder runterziehend. Nebenbei bedankte sie sich für das Aufhelfen. Zudem versicherte sie dem Verdutzten, dass ihr weiter nichts passiert sei. Die Beschimpfung, gegenüber der ungehobelten Person, musste einfach sein.

„Was maß sich dieser Kerl eigentlich an, mein Schuhwerk zu kritisieren?“, hinterfragte sie ihr Gegenüber.

Darauf erhielt Anni die Antwort: „So unrecht hatte der feine Herr gar nicht. Ich finde diese Pumps auch nicht gerade bequem.“

„Wie wollen Sie das eigentlich beurteilen, wenn Sie solche Treter noch nie an hatten“, bemerkte die Knickfuß schnippisch– warf demonstrativ ihr hübsches Köpfchen in den Nacken und stolzierte beleidigt von Dannen!

„Wo bleibst du denn nur?“, empfing Lucky sie ein wenig ungehalten. „Soll man uns etwa erwischen, nur weil du nicht zu Potte kommst? Wenn der Knilch den Verlust seiner Brieftasche erst einmal bemerkt, bringt er deren Abhandenkommen unweigerlich mit deiner Person in Verbindung. Darüber müsstest du dir im Klaren sein.“

„Wieso, ich habe doch nichts geklaut, das warst doch du, Lucky.“ „Meinst du etwa mich, du hohle Nuss? Wohl nicht … Klauen, sowas Verwerfliches passt einfach nicht zu mir. Ich habe wenn überhaupt, lediglich eine Eigentumsübertragung vorgenommen, wenn du verstehst was ich meine, Baby. Und nun fahren wir erst einmal ins Grüne und sondieren in aller Ruhe die Beute. Danach entledigen wir uns der Beweismittel: sprich Brieftasche, Papiere, pp. Behalten wird nur das Bargeld. Da ähnelt erfahrungsgemäß ein Schein dem anderen. Und da es sich hierbei nicht um Erpressergeld handelt, dürften auch keine Seriennummern notiert worden sein. Bin gespannt, um wie viel Moos es sich handeln mag?“, dabei klappte Hirschhausen kurz die Brieftasche auf, warf einen flüchtigen Blick hinein, um anschließend mit einem Kavaliersstart davonzubrausen.

Anni bekam ihren Mund nicht mehr zu. Staunend bewunderte sie Hirschhausens– wie sie glaubte– Intelligenz. Das ihr Zufallsbekannter sie des Öfteren als einfältig hinstellte, damit konnte Anni leben. Das sie keine große Leuchte sei, war für sie nichts Neues. Das musste sie sich in den letzten Jahren häufiger bescheinigen lassen. Daran hatte sich die Frau mittlerweile gewöhnt. Bezeichnete sie einer hingegen als blöd, dann ging sie auf die Barrikaden. Blöde zu sein, das war für Anni unterste Schublade. Blöde waren in ihren Augen diejenigen, die immer so doof guckten, wenn sie wieder einmal etwas Falsches von sich gab. Ja, diese Leute waren für sie blöd, saublöd sogar!!!

„Was ist mit dir, Löckchen? Soweit weg mit deinen Gedanken? Eigentlich solltest du dich freuen, dass alles so glatt über die Bühne ging.“

Anstatt Hirschhausen diesbezüglich beizupflichten, gähnte die Angesprochene nur und wollte wissen, ob es noch weit sei, bis zu dem Wäldchen, in dem sie ihre Beute näher in Augenschein nehmen wollten.

Die Antwort lautete: „Geschafft, wir währen vor Ort, Kleines.“

Lucky schaltete die Scheinwerfer aus, die Innenbeleuchtung dafür ein, und aktivierte erstmals seit Stunden, wieder sein breites Grinsen, das er mit einem bedeutungsvollen Schnalzen, mittels seiner Zunge, durch die wulstigen Lippen presste.

„Na, Knickfüßchen, wie gefällt dir das? Ist das nicht Musik in deinen Ohren? Eigentlich müsste dir das Herz aufgehen“, beweihräucherte sich der smarte Vatermörder selber, wobei das Grinsen langsam aber sicher anfing, die zugegeben zierlichen Ohren des Mannes, zu liebkosen. „Schluss jetzt, Lucky. Aus mit dem Schmierentheater, jetzt wird gezählt“, bremste er sich und befreite genüsslich, die geraubte Brieftasche aus dem Handschuhfach, seines sportlichen BMW.

„Hier, halt mal … Wir wollen keine Fehler machen. Dann langte Hirschhausen nochmals ins Fach, beförderte ein unbenutztes Herrentaschentuch, sowie Einweghandschuhe zu Tage und befahl Anni, indem er ihr ein Paar davon reichte, „anziehen!“, und tat Gleiches. Lucky bemächtigte sich des Geldes, wischte vorsorglich ganz penibel alle Fingerabdrücke von der braunen, krokodilledernen Brieftasche ab und reichte sie der behandschuhten Beifahrerin, mit den Worten, „auf der Rückfahrt bekommst du von mir die genaue Order, wann du diese aus dem Fenster zu werfen hast. Solange bleiben die Handschuhe an. Verstanden?“

„Ja …! Aber nun zähl endlich. Ich bin hundemüde und möchte nach Hause“, forderte Anni, Lucky auf.

„Kleines …, ich werd nicht mehr! Nur große Geldscheine. Ich schätze mal, hierbei handelt es sich gut und gerne um zehn Mille. Sicherlich wollte sich der Alte, mit seiner Angetrauten, über Weihnachten eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik gönnen. Ich denke, mit diesem Zaster haben wir zwei Hübschen bis Jahresende ausgesorgt. Danach werden wir eine neue Quelle auftun müssen.“

Mit dem zum Fächer arrangierten Geldbündel, wedelte Hirschhausen übermütig vor Annis Nase umher und drückte der Dame seines Herzens, unverhohlen, den längst überfälligen Duzkuss, auf. Danach vergrub er die Scheine in seiner Gesäßtasche, startete den Motor und ließ noch einmal verlauten: „Wenn ich sage, ab die Post, dann schmeißt du die Brieftasche mit Schwung, durch das geöffnete Seitenfenster!“

„Lucky …!“

„Ja, Löckchen. Ist was?“

„Viel, du Prophet! Hältst du ich mich etwa für blöd? Wie sollte ich die Geldbörse wohl durch eine geschlossene Scheibe werfen können?“

„War nicht so gemeint, Baby. Lucky tut Abbitte!“

„Das will ich stark hoffen.“

Nach dem Kommando, „jetzt“, flog das Beweisstück, im hohen Bogen über das Brückengeländer, auf die darunterliegende Autobahn.

Damit endete dieser erste denkwürdige Tag, zwischen der softigen Knickfuß und dem aalglatten Hirschhausen, denen noch viele folgen werden. Verbrechen haben bekanntlich immer Saison. Das bestätigte dann auch die folgende Nacht. Diese Nacht war wohl eine mit der dunkelsten, in diesem Jahr, sofern sie nicht noch getoppt würde.

Lucky zog beim Aussteigen die Krempe seines Schlapphuts fest über die Ohren und schlug den Mantelkragen hoch. Die Hände bis zum Anschlag in den Taschen vergraben, bekamen sie gleichzeitig die Aufgabe, das schützende Obergewand so weit es irgend ging, über seinen Oberschenkeln zusammenzuhalten. Dadurch habe der starke Wind weniger Angriffsfläche auf seine Männlichkeit. Hirschhausen musste, was das anbetraf, höllisch aufpassen. Seinen Penis zu erkälten, darauf hatte er wirklich keinen Bock. Damit quälte er sich bereits einmal als junger Bursche ab. Diese andauernde Lauferei. Nervig! Schlimmer aber war, dass ihm seine Harnröhre höllisch zusetzte. Beim Wasserlassen brannte es in ihr wie Feuer, und hoch bekam er auch keinen mehr. So stellte sich Lucky– damals noch die Schulbank drückend– das Fegefeuer vor. Damit möchte er nicht noch einmal konfrontiert werden. Nur, eine lange Flanellunterhose, die ihm seinerzeit sein Urologe für die kalte Jahreszeit wärmstens empfahl, kam für den Jungen nicht infrage. Diese Liebestöter lehnte er rundweg ab.

Hirschhausen musste von seinem Parkplatz aus noch einige Meter zu Fuß in Kauf nehmen. Deshalb diese Vorsichtsmaßnahme. Der Heimkehrende parkte, wie immer, vorsorglich unter einer Laterne. Diese kostenlose Beleuchtung sollte, das sich nachts herumtreibende Gesindel, abschrecken. Sich etwa an seiner Nobelkarosse zu schaffen machen, das ginge gar nicht.

Und ob das ging!