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Immer wieder werden Mühlhausen und Umgebung von unerklärlichen Bränden heimgesucht. Autos, Strohballen, Carports sowie Container gehen in Flammen auf. Die Bewohner sind genervt, die Polizei ist machtlos, die Feuerwehr überfordert. Die Dramatik steigt. Am Ende liegt ein Mehrfamilienhaus in Schutt und Asche. Tribut, ein Toter! Dennoch, das Szenarium scheint kein Ende nehmen zu wollen. Eine Horde Jugendlicher gilt als Drahtzieher. Angeführt von einem verwöhnten Töchterchen aus gutem Hause, das den Nervenkitzel nutzt, um erwachsen zu werden.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Traute Lütje
TANJAS FEUERSTURM
Engelsdorfer Verlag
Leipzig 2016
Bei dem nachstehenden Werk handelt es sich um einen Roman und bei allen handelnden Personen um fiktive Gestalten, die der Fantasie der Autorin entsprungen sind, wie auch die beschriebenen Handlungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder auch bereits verstorbenen Personen, wie auch etwaigen tatsächlichen Geschehnissen wäre damit rein zufällig und unbeabsichtigt.
Cover
Über das Buch
Titel
Impressum
Tanjas Feuersturm
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © undrey/Fotolia
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
Ein greller Lichterschein, als ginge die Allee in Flammen auf, erschreckte Hundehalter Peters beinahe zu Tode. Geistesgegenwärtig schützte er sein nicht mehr allzu gutes Augenlicht mittels seiner großen Pranken, wobei er gleichzeitig in Richtung Haustür: „Halt“ brüllte und sich dahin umwandte. Dort stand gelangweilt, wie allabendlich, sein fauler Rüde, namens Herkules, der sein gewaltiges Maul bis zum Anschlag aufriss, um Müdigkeit vorzutäuschen. Hierbei schüttelte sich das nicht mehr ganz junge Hundetier, als sei es bereits bis auf die Haut durchnässt, da es leicht nieselte. Von oben her nass zu werden verabscheute Herkules, obwohl er eine Wasserratte per excellence war, wenn es darum ging, im nahegelegenen Teich, Enten jagen zu können. Ein ohrenbetäubender Knall, von heftigem Funkenregen begleitet, ließ das Maul des Rottweilers ruckartig zusammenklappen. Ohne auf das nochmalige Kommando, diesmal handelte es sich um ein bestimmendes: „Bleib“, zu reagieren, drängte sich Herkules mit aller Gewalt an seinem Herrchen vorbei. Peters konnte nicht anders. Er musste einen Schritt zur Seite treten, ansonsten hätte ihn sein Liebling wohl über den Haufen gerannt. Schneller noch, als ginge es hier ums Entenjagen, sprintete der bereits etwas in die Jahre gekommene Rüde los, in Richtung Feuerwand! Der beißende, nach Kunststoff und Gummi stinkende, Brandgeruch drang nicht nur bis in die Nüstern des Hundes vor, sondern erreichte gleichzeitig die sich zur Wehr setzende Nase des Mannes, der angstvoll seinem Liebling hinterherschaute. Dieser ließ sich trotz allem nicht davon abhalten, den Ort des Geschehens in Augenschein nehmen zu wollen, um notfalls den Helden zu spielen. Witterte er doch trotz des Brandes, drei in Panik geratene Figuren, die in verschiedenen Richtungen auseinanderstoben, als sie des Rottweiler gewahr wurden, um nicht in dessen Fänge zu geraten! Herkules, der sich zu gerne an einer der drei Kehlen gütlich getan hätte, um zu beweisen, dass er noch voll seinen Hund stehen kann, zog sich irritiert zurück – zumal die sengende Hitze, zweier lichterloh brennenden Autos, ihm den Weg zu den mutmaßlichen Tätern verbarrikadierte! Keine Frage, hier wurde offensichtlich nachgeholfen. Dieser Meinung schloss sich Frau Sonja Peters an, die aufgrund des lauten Knalls fluchtartig ihren Sessel verließ, um nachzusehen ob ihrem Mann, oder gar dem Hund, etwas passiert sei. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Frau Sonja auf die circa einhundert Meter von ihrem Hause entfernt lodernde Feuerwand, die ständig das Farbkleid wechselte. Gleichzeitig bangte sie um ihren Hund, dessen sie nicht ansichtig wurde.
„Hast du die Feuerwehr alarmiert?“, drang es unvermittelt in ihr Ohr vor. Die Stimme zitterte vor Aufregung und war somit kaum zu verstehen. „Oh Gott, nein … Ja die Feuerwehr. Soll ich anrufen, Hubert?“
„Wer denn sonst? Etwa Herkules? Wo treibt sich der Köter überhaupt rum“, versuchte Hubert in Erfahrung zu bringen. Eine Antwort erhielt Peters nicht, da sich Sonja zurück ins Haus begeben hatte um zu telefonieren. Irgendwie war das sonst so bodenständige Ehepaar völlig außer Tritt geraten. Hatten sie sich doch des Öfteren mit dem Thema „Brandstiftung“ auseinander gesetzt, da es momentan an allen Ecken und Enden wiederholt brannte. Nun aber, in nächster Nähe, unweit ihres Hauses, ein Ding der Unmöglichkeit! Wo sollte das noch hinführen? „Sie kommen sofort“, unterbrach Sonja die Resignation ihres Mannes, und erhielt erneut Ausschau nach Herkules. „Hoffentlich ist unserem Liebling nichts passiert“, ergriff Sonja abermals die Gelegenheit, ihren Gatten auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, denn der war gedanklich weit weg.
„Was mögen das nur für Schwachmaten sein, die Freude daran haben, es brennen zu sehen? Nicht zu fassen!“, schimpfte Hubert vor sich hin und erkundigte sich gleichzeitig: „Sagtest du was, Sonja?“
„Ja, ich mache mir Sorgen um Herkules, wo mag der Lümmel bloß stecken?“ Im selben Augenblick drängte sich das Kraftpaket von Hund zwischen sie und ihren Mann. Abwechselnd schwabbelte er deren Hände, die als Dank, dass ihr Tier unversehrt zurückfand, nun ihrerseits inbrünstig dessen dicken Schädel streichelten, was Herkules sichtlich genoss. Dieses hingegen sollte sich schlagartig ändern, da die herannahende Feuerwehr die drei augenblicklich zusammenfahren ließ. Infolge der Sirene und das Zucken des Blaulichts sowie des Luftzuges, der beim Vorbeibrausen durch die Löschfahrzeuge verursacht wurde, flog zu allem Ärger auch noch die Haustür der Peters ins Schloss. „Und nun?“, fragte Sonja ihren Gatten. „Hast du einen Haustürschlüssel dabei?“
„Ich …? Nein, warum sollte ich?“
„Warum nicht, Hubert, du wolltest doch mit Herkules Gassi gehen.“
„Richtig, Weib“, antwortete Peters genervt. „Nur pflege ich grundsätzlich keinen Schlüssel mitzunehmen, wenn ich dich im Haus wähne, Schatz. Und das warst du doch, oder sollte ich mich da vertan haben?“
„Ist schon gut, alter Griesgram. Sicherlich hättest du automatisch zum Schlüsselbund gegriffen, wenn du nicht in Todesangst nach mir und dem Hund Ausschau gehalten hättest. Warte mal Hubert … Ich glaube die Balkontür steht, sofern ich nicht irre, auf Kipp. Als du mit dem Hund raus bist, gedachte ich kurz durchzulüften.“
„Na denn … So gesehen scheint ja alles im grünen Bereich zu sein. Ich werde uns zunächst einmal rein lassen“, und schon verschwand Peters, um augenblicklich an der Haustür zu erscheinen, um diese für Frau und Hund zu öffnen.
„Danke, Hubert.“ Weiter kam Sonja nicht mit ihren Ausführungen, die sie gedachte ihren Mann zu unterbreiten! Sirenengeheul und wild blinkende Blaulichter eines Streifenwagens unterbrachen ihren Redefluss. Ängstlich geworden verkroch sich Herkules mit eingeklemmtem Stummelschwanz, der gerademal soeben sein Weidloch kaschierte, auf sein Lager. Seine stolze Rute wurde ehemals kopiert; was heutzutage, Gott sei Dank, nur noch selten vorkommt. Bei Jagdhunden gehört dieser Brauch nach wie vor dazu. Diese Tiere sind zu sehr der Gefahr ausgesetzt beim Stöbern im Dickicht Verletzungen davonzutragen. „Na, alte Ratte, frönst du deiner Gewohnheit, dich verkriechen zu wollen, sobald es anfängt ungemütlich zu werden? Du bist mir schon ‘ne Pfeife. Ich hoffe nur, sollte es bei uns einmal einer versuchen, zündeln zu wollen, dass du diesem Sausack das Fürchten lehrst.“
Herkules hob noch einmal mühsam seinen klotzigen Schädel, guckte sein Herrchen an, als wolle er diesem antworten. Was meinst du wohl, weshalb ich Fersengeld gab. Wäre da nicht dieses blöde Feuer, samt der umherfliegenden Fahrzeugteile, die mir zusätzlich den Weg versperrten, mit Sicherheit hätte ich einen der Kerle geschnappt. Nahezu beleidigt, dieser unnützen Belehrung seines Leitwolfs, bettete er demonstrativ seinen Schädel auf die Erhöhung des Rundlagers, schloss die Augen und döste, wie gehabt, vor sich hin.
„Komm Sonja, koch uns einen Tee, mit viel Rum, aber wenig Zucker, irgendwie fröstelst mich innerlich. Ich weiß nicht, wie es dir geht? Ich für mein Teil habe mich heute genug erregt. Langsam reicht’s.“ Peters nahm seine Frau in den Arm, drückte sie an sich und entschuldigte sich, sie wegen der Schlüssel angemacht zu haben.
Ding dong, ding dong. Schrill, ja geradezu ermahnend, machte sich die Türglocke der Peters bemerkbar. Einmal mehr spürten die zwei ein Beben durch ihre Leiber fahren. Dieses Zusammenzucken wirkte wie ein Stromschlag. Unverhohlen sprang es von der Frau auf den Mann über, um so den Kreislauf zu schließen.
„Was gibt’s denn jetzt schon wieder“, entfuhr es Hubert, der seine Frau freigab und entrüstet die Haustür enterte. Mit einem Schlag riss er diese auf und brüllte: „Kann man neuerlich noch nicht einmal mehr in Ruhe Kraft tanken, nach alledem was soeben geschah?“ Konsterniert schaute er auf zwei Uniformierte, die Haltung annahmen und vorsichtig anfragten, ob sie ihm und seiner Gattin ein paar Fragen stellen dürften.
„Offensichtlich waren doch Sie es, oder Ihre Frau, die die Feuerwehr alarmierten?“, begann der ältere Schutzmann dann auch gleich das Gespräch in die richtigen Bahnen zu lenken. „Entschuldigen Sie mein Ungehaltensein, die Herren. Leider bin auch ich nur ein Mensch. Bitte, treten Sie ein. Allerdings glaube ich kaum, dass meine Frau und ich Ihnen sachdienliche Hinweise bezüglich des Brandes geben können. Es sei denn, Herkules schließt sich mit Ihnen kurz. Er weilte eine Zeit lang am Ort des Geschehens. Nur pennt er gerade.“
„Wunderbar: Immerhin besser als nichts!“, freute sich der leicht ergraute Beamte und nickte seinem Begleiter ermutigend zu. Ein junger, schlank wirkender Polizeianwärter – trotz allem kräftiger Natur – teilte diesen Blick keineswegs. Sein Augenmerk galt dem schlafenden Rottweiler. Wie hypnotisiert starrte der sich noch in der Ausbildung befindliche, welcher ein Sohn des kurz vor der Pension stehenden Polizisten hätte sein können, auf den vor sich hin dösenden Haus- und Hofwächter. „Keine Bange, junger Mann. Das ist Herkules. Der tut Ihnen nichts. Schon mal gar nicht, wenn ich bei ihm bin! Ein Kommando von mir und Herkules kuscht, oder auch nicht. Kommt auf den Tonfall an, den ich verwende …“
Bevor Peters mit seinem Referat weiter fortfahren konnte, unterbrach ihn der wie aus Eichenholz geschnitzte Graubart – denn nicht nur sein Haupthaar schien silbern: „Nun mal bei aller Ehrfurcht gegenüber Ihrem Hund, bester Mann. Sie wollen mir doch nicht ernsthaft weiß machen, dass das Tier Brandzeuge ist.“
„Im gewissen Sinne schon, Herr …“ Hubert Peters stockte, jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde, denn wie aus der Pistole geschossen folgte: „Richter, Bernd Richter! Alteingesessener Ermittler vom dritten Neuendorfer Polizeirevier, unweit der Stadtgrenze. Also, nicht allzu weit von hier gelegen, falls wir Sie, zwecks eines Protokolls, laden müssen. Den schwarzen Deubel dort“ – dabei wies er auf Herkules, „dürfen Sie selbstverständlich mitbringen.“
„Herr Richter, ich möchte keineswegs ungehörig erscheinen, aber irgendwie kommen wir vom Thema ab. Weder meine Frau Sonja, noch ich, sind Zeugen von diesem Inferno, welches uns, zugegeben, ziemlich aus dem Konzept gebracht hat.“ – Weiter erläuterte Peters daraufhin den Werdegang aus seiner Warte, wobei Herkules einzig als Zeuge übrig blieb. Dessen bewusst hatte sich die faule Haut dann auch von seiner Lagerstatt erhoben und begrüßte den Besuch mit gebührlichem Abstand; denn Fremden gegenüber ließ der Rottweiler stets Argwohn walten, ganz so, wie es ihm sein Leitwolf, Peters, einst anerzog!
„Na gut, Peters. Ihre Personalien habe ich mir notiert, dazu bräuchte ich noch Ihre Rufnummer. Ansonsten melden Sie sich bitte unverzüglich, sollte Ihnen doch noch etwas einfallen. Kommen Sie, Krause, wir sollten uns nochmals zum Tatort begeben. Das Feuer dürfte zwischenzeitlich gelöscht sein, sodass wir mit der Spurensuche beginnen können. Unser zur Unterstützung angeforderter Funkstreifenwagen, fuhr soeben hier am Haus vorbei. Mit Hilfe der Kollegen, so hoffe ich, werden wir gewiss bald klarer sehen, ob es sich, wie vermutet, um Brandstiftung gehandelt haben mag. Sicher können wir erst dann sein, wenn uns eindeutige Beweise vorliegen. In diesem Fall wird es uns besonders schwer gemacht. Eines der Fahrzeuge wurde mittels Gas betrieben. Durch die Explosion des Tanks dürfte kaum etwas heil geblieben sein. Diverse Teile dieses PKWs liegen verstreut in alle Himmelsrichtungen. Also, Krause: Augen auf! Jedes noch so kleine Blechteilchen könnte von Bedeutung sein“, belehrte der Grauschimmel den Neuling.
„Die Herren wollen schon gehen?“, erkundigte sich Sonja, die anstatt des gewünschten Tees, eine Kanne mit frisch gebrühtem Kaffee ins Wohnzimmer trug. Damit gedachte sie den Ordnungshütern Gutes zu tun.
„Leider ja. Die Pflicht ruft, Frau Peters. Mag Ihr Kaffee noch so verlockend duften, es nützt nichts, wir müssen. Komm Krauskopf“, diesen Spitznamen erhielt Polizeianwärter Krause wegen seiner welligen Haare, die bei feuchtem Wetter seinem Namen alle Ehre machten. Herkules ständig im Auge behaltend, verabschiedete sich der junge Spund mit einem „Auf Wiedersehen“, wobei er im Rückwärtsgang nach draußen strebte. Hierbei wurde eine kleine Stufe am Eingang ihm prompt zum Verhängnis! Rücklings, als erhalte er einen Schlag in die Magengrube, legte er sich auf dem Trottoir lang. Ebenso schnell, wie er niederfiel, raffte er sich wieder auf, um Herkules nicht doch noch zum Opfer zu fallen. Dieser stand plötzlich im Eingang und verfolgte aufmerksam das Malheur. Der Rüde gedachte noch rasch seinen Stammbaum aufsuchen, um das Bein zu heben; da das Pinkeln, bei all der Aufregung, die auch Herkules zu spüren bekam, ins Hintertreffen geriet.
Amüsiert klopfte Bernd Richter seinem bubenhaft wirkenden Begleiter, mit beiden Händen, die angestaubte Hinterfront sauber. – Ein unbedarfter Betrachter würde gar glauben: Richter prüfe die Konsistenz eines ihm sehr nahestehenden Freundes!
„Mit Verlaub: Krause Sie sind ein Schisser! So viel Angst vor einem Vierbeiner, das dürfte kaum förderlich sein. Im Gegenteil: Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Ihr Angstgebaren sich auf die Beamtenlaufbahn, die Sie anstreben, hinderlich auswirken könnte. Also ran an den Feind! Machen Sie einen Anfang. Streicheln Sie Herkules. Sie werden feststellen: Überwindung macht frei …, frei von Ängsten!“ Als habe Herkules einmal mehr alles verstanden, stand er nun erwartungsvoll vor Polizeianwärter Krause, der es tatsächlich fertigbrachte den wuchtigen Schädel, des klotzig wirkenden Vierbeiners, kurz zu betatschen. Herkules indes gefiel das mimosenhafte Getue überhaupt nicht. Der Hund nahm die sich ihm bietende Gelegenheitwahr, trabte gemächlich zu seiner Latrine, hob das Bein und ließ es laufen. Es hatte fast den Anschein, als wollte er die Linde unter Wasser setzen, soviel gab seine Blase frei. Genug, um später durchhalten zu können! Nachdem sich das Tier erleichtert fühlte, schüttelte es sich mehrfach kräftig und verschwand ins Haus.
Peters hob die Hand. Er winkte seiner Sonja mit einem Schlüsselbund zu; zum Zeichen, er habe alles im Griff! Offenbar hatte seine Frau noch Fragen an die Ordnungshüter, die, dem ungeachtet, den Motor vom Streifenwagen anließen, die Scheiben hochkurbelten und langsam anrollten. Etwas verwundert sah sie das abfahrende Auto hinterher. Schlagartig wurde der Peters klar: Die Beamten, sie kamen nicht zum Kaffeeklatsch! Fröstelnd verschränkte sie beide Arme über ihrem üppigen Busen. So begab sie sich zu ihrem Mann. Dieser schüttelte nachdenklich den Kopf. Gedankenverloren starrten beide in die Ferne. Das Ehepaar konnte das Vorgefallene nicht fassen. Immer noch zogen mächtige Rauchschwaden zu ihnen herüber. Die Aufräumarbeiten schienen indes in vollem Gange zu sein.
„Nun schick dich an. Komm, Hubert. Wir können es nicht ändern.“
Unverhohlen forderte Sonja ihren Gatten auf, ihr in die eigenen vier Wände zu folgen, wo der Kaffee auf sie wartete. Dieser war leider nur noch bedingt trinkbar. Frau Peters versäumte es, den Muntermacher in eine Warmhaltekanne zu füllen. Diesbezüglich bekam Peters nun doch noch den ersehnen Tee; jedoch nicht mit allzu viel Rum! Die Brandstelle schien zwischenzeitlich gründlich gesäubert und die Einsatzkräfte freuten sich auf einen geruhsamen Feierabend. Den hatten sich die Leute auch redlich verdient. Genau wie die Peters. Sie bevorzugten das Bett, um endlich die ersehnte Ruhe zu finden. Gleichwohl verlief die Nacht für das Ehepaar relativ unruhig. Beide horchten ständig in sich hinein, wachten schweißgebadet auf, erlebten Träume, die sie nicht einzunorden vermochten. Letztlich machten sie den Vollmond dafür verantwortlich. Diesen mit Nichtbeachtung strafend, drehten sie sich auf ihre gewohnte Einschlafseite, um ab sofort einem erquickenden Schlaf den Vorzug einzuräumen. Soeben dem Tiefschlaf verfallen, nahmen sie lästiges Heulen ihres Hundes – vermischt mit den Tönen einer dazwischentretenden Feuersirene –, im Unterbewusstsein wahr!
Bitte nicht schon wieder, schoss es Peters durch den Kopf, als er langsam zu sich kam. Unwirsch ergriff er den Arm seiner Frau Sonja, der unter der Bettdecke hervorlugte. Damit beförderte er auch sie gnadenlos in den Wachzustand zurück. Herkules indes rannte wie ein Berserker pausenlos auf dem Flur hin und her. Wiederholt kratzte er dabei mit vernehmbarem Knurrlaut an die Schlafzimmertür.
„Schon gut, Hundi, wir haben es gehört. Brav, brav, wir kommen“, kommentierte Peters dessen Verhalten.
„Wieso wir? Kannst du den nervigen Köter nicht alleine vor die Tür schicken? Ich war gerade eingeschlafen Hubert“, kritisierte Sonja Peters den Ausspruch ihres Gattens.
„Was glaubst du wohl …? Auch ich schlief bereits! Wie dir bekannt sein sollte, ist mein Schlaf wesentlich leichter als deiner, sodass ich wieder einmal vor dir ganz Ohr war. Du, meine Liebe, schlummerst fest wie ein Murmeltier. Sobald du dich gebettet hast, hörst und siehst du doch nichts mehr, was um dich herum abläuft. Dafür hast du ja mich, deinen Hubert, der dich bewacht und notfalls alle Bösewichter vom Leibe hält, sollte dir einer von denen auch nur ein Haar krümmen wollen. Nur gegen Feuer, bin selbst ich machtlos.“
„Willst du damit etwa andeuten, dass es schon wieder brennt? Allmählich spinnst du, Hubert. Du scheinst, genau wie ich, geträumt zu haben. Kein Wunder nach all dieser Aufregung; und du, Hund, halte die Klappe, kusch gefälligst. Langsam fängst du an zu nerven!“, polterte Sonja in Richtung Tür. „Schatz, lass bitte Herkules aus dem Spiel. Der Hund tut nur seine Pflicht. Sollte er wirklich einmal daneben liegen, so ist das noch lange kein Beinbruch. Lieber einmal zu viel Laut geben, als gar nicht! Überleg doch mal, Sonja: Es war bestimmt kein Zufall, dass wir beide meinten, im Unterbewusstsein eine Feuersirene gehört zu haben.“ Weiter kam Peters nicht. Der Mann hielt inne. Das ohrenbetäubende Lärmen eines Martinhornes ließ gefühlt das ganze Haus erschüttern und Herkules war im Begriff, die Schlafzimmertür endgültig zu Feuerholz verarbeiten zu wollen, so sehr wurde diese mittels seiner Pfoten malträtiert! Peters, der wie von Sinnen in den Trainingsanzug sprang, befreite gleichzeitig die Schlafzimmertür von den ihr zugefügten Qualen, indem er sie öffnete. Folglich fand nun auch der Wächter des Hauses Gehör, wofür er sich mit einer Überschlagsrolle quer durch das Ehebett bedankte. Sonja wählte als Erstbekleidung ihren Frotteebademantel. Mit dem dazugehörigen Bindegürtel vertäute sie ihn fest um ihren Köper und schlüpfte behände in Huberts Filzpantoffeln. Ihr Mann begnügte sich anfangs mit seinen ausgelatschten Sambalatschen – die er bei der Gartenarbeit zu tragen pflegte –, damit alles schnell ging. Eilig durchquerte das in den vergangenen Stunden permanent in Aufruhr gehaltene Ehepaar den Flur, um, von der Küche aus, an das Küchenfenster zu gelangen. Von hier aus erspähten sie nicht nur einen glühendrot leuchtenden Feuerball. – Nein, hier handelte es sich wahrhaftig um circa ein Dutzend brennender Heu- und Strohballen, denen die freiwillige Feuerwehr bereits aus allen verfügbaren Rohren mit Wasser aus einem Löschwagen zu Leibe rückte. Ein gigantisches Schauspiel, das den Peters zur nachtschlafenden Zeit geboten wurde. Hierauf hätten sie liebend gerne verzichtet, zumal sie sich zunehmend um ihr kleines Anwesen sorgten. Ihr stilvoll gestaltetes Einfamilienhaus lag etwas außerhalb des Dorfes Neuendorf. Wie es bereits der Name verrät, gehört das Dorf zu den Orten, die im Laufe der Jahre aus dem Nichts heraus entstanden, da die zentral gelegenen Bauplätze dazu einluden, hier heimisch zu werden. Viele Familien nutzten zudem den Bonus von Staats wegen, um hier ein Eigenheim zu errichten, zumal es bis zur nahegelegenen Stadt nicht weit war. Kids hatten null Probleme. Die Schulen befanden sich gewissermaßen in greifbarer Nähe. Sie brauchten nur die Lindenallee passieren, und schon erreichten sie die Stadt Mühlhausen, in der das Leben pulsierte.
An der Lindenallee Nummer zweihundertdreizehn, lag das Häuschen der Peters, an dem der Frührentner gerne werkelte, um es in Schuss zu halten! Seine Frau Sonja, die sich noch bester Gesundheit erfreute, ging einer kleinen Beschäftigung nach, um ab und an ihrem Hubert entfliehen zu können, denn der war in der Tat nicht immer leicht. Das mochte schlichtweg an seinem Frührentner-Dasein gelegen haben; mit dieser Tatsache haderte er des Öfteren. Manchmal kam er sich dieserhalb nutzlos vor, obwohl Sonja es ihn niemals spüren ließ, dass er mit seinen achtundfünfzig Jahren bereits zur „Rentner-Band“ zählte. Dass Hubert durch einen ärztlichen Kunstfehler über Nacht zum Invaliden wurde, war schließlich nicht sein Verschulden. Jedenfalls blieb es ihm von da an versagt, seinen Beruf als Dachdecker ausüben zu können. Und das nur, weil sein gesundes, statt des kranken Knies mit einer Prothese versorgt wurde, was nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Mit nunmehr zwei Knieprothesen auf Dächern umherzuklettern, dieses käme glatt einem Selbstmord gleich. Eine Umschulung stand gar nicht erst zur Debatte, denn was sollte Hubert groß Neues anfangen können?
„Mir tut der arme Landwirt leid, Sonja“, unterbrach der Hausherr die beängstigende Stille. „Der muss jetzt sehen, wie er seine Viecher satt bekommt. Dieses ist bereits das dritte Feuer, innerhalb von zwei Tagen, und alles in unmittelbarer Nähe unseres Hauses. Von Dummenjungenstreichen kann da ja wohl kaum noch die Rede sein, oder siehst du es etwa anders?“
„Ganz und gar nicht Hubert. Dennoch vermute ich, dass es sich um frustrierte Jugendliche handelt, die mit ihrer Freizeit einfach nichts anzufangen wissen. In der letzten Zeit sind mir wiederholt drei merkwürdige Gestalten über den Weg gelaufen, oder auch gefahren –, auf Rädern. Ich vermute stark, dass es sich hierbei um ein- und dieselben Personen handelte. Beschwören will ich es dennoch nicht.“
„Ja, sag mal, Weib, warum hast du deine Inaugenscheinnahme vorhin nicht dem Ordnungshüter, diesem Bernd Richter, mitgeteilt? Solche Beobachtungen sind immer von Belang. Vergleichbar mit Herkules: Lieber einmal mehr Laut geben, als Wesentliches zu verschweigen, nur weil es einem zu vage erscheint. Zum Glück besteht die Möglichkeit, das jederzeit nachzuholen. Ich meinerseits ziehe meine Lehre daraus. In Zukunft werde ich verstärkt auf Kroppzeug achten. Nur, lass uns morgen weiter reden. Es sieht ganz so aus, als hätte die Wehr das Feuer in den Griff bekommen. Uns dürften die Einsatzkräfte wohl kaum mit Fragen behelligen, zumal wir kein Licht angemacht hatten. Wenn einer von uns was will, soll er morgen kommen. Herkules scheint sich ebenfalls beruhigt zu haben. Wo steckt der Köter überhaupt?“
„Hubert, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich es nicht wünsche, unseren Liebling als Köter zu bezeichnen.“
„Stell dich nicht so an. Du weißt genau, dass die Bezeichnung „Köter“ von mir nicht böse gemeint war, Sonja. Zudem hörte ich von dir vorhin nichts anderes, schon vergessen?“
„Wenn schon … Ich mag’s einfach nicht hören, und damit basta!“
Ein wenig verschnupft verzog sich Sonja ins Schlafgemach. Dort erlebte sie erneut ihr Waterloo. In ihrem Bett lag Herkules. Den Kopf auf die Pfoten platziert, so sah er sein Frauchen an, als wollte er sagen: Was ist, legst du dich zu mir, oder muss ich die Flucht nach vorne ergreifen? Als verstünde Frau Peters, was ihr Liebling hatte sagen wollen, antwortete sie: „Besser ist es, du verschwindest augenblicklich in dein Nest, bevor dich Herrchen hier vorfindet. Der ist momentan völlig durch den Wind. Das unserem Nachbarn, dem Bauern Staalman, sein gesamtes Viehfutter den Flammen zum Opfer fiel, berührt ihn schon sehr. Genaugenommen geht mir diese Tatsache gleichermaßen an die Nieren.“
Ohne das Frauchen hat nachhelfen müssen, sprang das Muskelpaket von Hund aus dem Ehebett und trollte sich in Richtung Lagerstatt! Peters beließ es dabei, das Licht weiterhin auszulassen. Ab und an glomm immer mal wieder einer der Strohballen auf. Diese Helligkeit reichte aus, um die angelehnte Schlafzimmertür auszumachen, hinter der sich seine Frau befand. Im Schein der Nachtischlampe – hier störte das Licht nicht, da die Fenster zum Garten raus lagen – beförderte Sonja ihren Bademantel mit Schwung an das Fußende der Betten. Sich auf die Bettkannte setzend, wartete sie auf Hubert.
Es fehlte nicht viel und der Erwartende wäre über seinen Hund gestolpert. „Kannst du nicht aufpassen, Kö …?“ Gerade noch rechtzeitig fand Peters den Dreh und schleimte: „Was schleichst du hier eigentlich noch umher, mein liebes Hundi? Sag bloß nicht, dass du noch einmal raus willst?“ Schuldbewusst zog Herkules daraufhin seinen Stummelschwanz ein und verkrümelte sich, bevor Herrchen ernsthaft böse wurde. Der Rottweiler wusste: Überschritt er einen gewissen Grad der Toleranz, bedeutete es für ihn: kleine Brötchen backen, ansonsten setzte es Schelte, und die gedachte der kluge Vierbeiner vorsorglich zu umgehen!
„Leg dich zu mir, Schatz.“ Großzügig klappe Sonja die Bettdecke zur Seite, um Hubert Asyl zu gewähren. „Lieb von dir, mich einzuladen, Sonja. Nur meine ich: Den Rest der Nacht sollte ich lieber in meinem Bett verbringen. Wir haben zwei Uhr durch. Der Morgen ist schnell da. Herkules wird, wie gewöhnlich, um sechs Uhr auf der Matte stehen. Eines verstehe wer will: Früh morgens kennt er kein Halten! Komischerweise stört es ihn dann auch nicht, wenn es regnet. Wie gesagt, unser Hund scheint mir anders geprägt zu sein, als seine Artgenossen.“ Flugs beugte sich der fürsorgliche Gatte runter zu seiner Frau. Zog ihr die beiseitegelegte Bettdecke über ihren immer noch ansehnlichen Körper, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und schaltete die Nachttischlampe aus. Während er sich selbst wie ein Igel einrollte, meinte er noch: „Schön, mein Schatz, dass du einen freien Tag hast. Den könntest du dazu nutzen, unsere Bettwäsche zu wechseln. Irgendwie riecht mein Bettzeug derzeitig verstärkt nach Hund.“
„Welch Wunder, Hubert. Du vergisst die Rückwärtsrolle, die Herkules unlängst durch die Betten absolvierte.“
Dass es sich dieser Lümmel anschließend auf ihrer Lagerstatt gemütlich gemacht hatte, während sie gebannt den Einsatz der Feuerwehr verfolgten, verschwieg Sonja ihrem Mann bewusst. Was das anging, kannte der Frührentner keine Gnade. Bekäme er dieses mit, würde er, allen Ernstes, fuchsteufelswild werden!
„Gute Nacht, Hubert. Schlaf gut.“
„Du auch, Sonja. Schlummere ruhig etwas länger. Ich radele in der Früh mit Herkules zum Bäcker, um dich nach dem Erwachen mit frischen Brötchen, zum Kaffee, zu erfreuen. Schließlich hast du später allerhand zu leisten: Nämlich die Betten neu zu beziehen, damit sie wieder Frische ausstrahlen.“ Sonja dachte bei sich: Den muss dieser Hundegeruch arg stören. Warum sonst schrieb er ihr neuerlich vor, was sie zu tun und zu lassen habe? Frau Peters beschloss, in Zukunft verstärkt darauf zu achten, die Schlafzimmertür geschlossen zu halten, um nicht nur sich, sondern auch ihrem Liebling, Ärger zu ersparen.
Es wurde ruhig im Hause Peters. Sehr ruhig sogar! Als der Hausherr erwachte, war es bereits hell. „Nanu“, brummelte er vor sich hin, als er zum Wecker schielte. Gleichzeitig rieb er sich mit den Handballen den Schlaf aus den Augen. Überrascht folgerte er: Irgendwas scheint nicht zu stimmen. Gleich acht Uhr? Er schaute seine Frau an, die noch tief und fest schlummerte. Plötzlich fielen ihm die versprochenen Brötchen ein. Leise schlich er sich aus dem Zimmer, um die Schlafende nicht vorzeitig zu wecken. Zu seiner Verwunderung pennte Herkules ebenfalls noch. An diesem Morgen musste eine Katzenwäsche reichen. Als sich Hubert seine Schuhe aus dem im Flur gelegenen Schuhregal zottelte, wurde Herkules schlagartig munter. Der Rüde scheuerte sich mit seinen Pfoten, gleichfalls wie sein Herrchen, zweimal über die Augenlieder. Hernach bearbeitete er auf selbige Art seine dicke, braune Nase, schnaubte einmal kräftig, kam hoch und machte seine Streckübungen. Fordernd hockte er sich danach vor sein Herrchen und signalisierte diesem: Ich bin soweit, meinetwegen kann’s losgehen.
„Gemach, Herkules, ich muss noch in meine Jacke schlüpfen – Geld sowie Schlüsselbund einstecken und mir deine Leine greifen – dann wäre auch ich soweit! – Und dass du dich ja benimmst; du wirst am Fahrrad mitlaufen müssen.“
Für Herkules kein Problem. Sein Erzfeind, der Afghane, hatte an jenem Morgen seinen Auslauf bereits hinter sich gebracht. Diesen komischen Windhund pupte Herkules grundsätzlich an. Den konnte er nicht riechen. Für ihn war das Tier ein Lackaffe, aber kein Hund. Da lobte er sich doch die weiße, langhaarige Schäferhündin Jacky. Ein Traum, dieses Hundeweibsbild! Mit ihr kleine Schäferweiler zu zeugen, das wäre noch mal was. Das dürfte für den Galan allerdings Illusion bleiben. Jackys Herrchen passte auf, wie ein Schießhund! Kurz mal schnuppern, vielleicht; aber auch nur dann, wenn seine Auserwählte nicht gerade läufig war. Während dieser Zeit verpasste der Hundehalter seiner Hündin so einen blöden Hygieneslip, durch den sich die stolze Rute, mittels eines dafür vorgesehenen Loches, den Weg an die Frischluft bahnen musste. Alles andere wurde scheinbar hermetisch abgeriegelt. Herkules gelang es bislang nicht, das in Augenschein nehmen zu können. So nah durfte er keinesfalls an sie ran. Nicht einmal zum Schnuppern! Dabei liebte der Rüde schwarz-weiße Hundewelpen. Wunderschön fand er diese tapsigen Wollknäule. Er stellte sich vor, die Brut an Mutters rosigen Zitzen beim Saugen beobachten zu können, damit sie groß und stark werden würden. Wie dem auch sei, aufgeben war nie Herkules sein Ding! Aus diesem Grunde träumte er weiterhin davon, Jacky vielleicht irgendwann einmal decken zu dürfen!
„Hast du mir überhaupt zugehört, Hund? Los geht’s. Beweg deinen faulen Hintern.“
Herkules trabte nachdenklich an und dachte: Würde ich gerne tun, Alter. Aber auf eine angenehmere Art. Nur den Mitläufer am Fahrrad zu spielen, einfach öde! Als dem Träumer plötzlich der frische Wind um die Nüstern pfiff, und sein Kreislauf so richtig in Schwung kam, schien auf Anhieb alles vergessen. Von nun an war er ein aufmerksamer Vierbeiner. Den Brandgeruch, der immer noch in der Luft lag, nahm er argwöhnisch in sich auf, um fortan prüfend sein Augenmerk auf alles zu richten, was ihm nicht geheuer erschien. Urplötzlich zwang er Peters zu bremsen. Der Mittläufer gedachte sich am Grünstreifen zu lösen, da auch ein Hund großen Geschäften nachgeht. Heute Morgen allerdings machte der Rottweiler hieraus geradezu eine Zeremonie. Das Tier konnte sich nicht entschließen, wo genau es sich niederlassen sollte, um seiner Notdurft Folge zu leisten. Endlich klappte es. Wurde auch Zeit. Hubert war eh spät dran. Zudem verspürte er Kaffeedurst. „Nun komm schon, Herkules. Das Kratzen kannst du dir ersparen. Der Dreck fliegt eh über deine Hinterlassenschaft hinweg. Tut mir leid. Den Kotbeutel habe ich in der Eile zuhause liegenlassen. Lass uns sehen, dass wir weiterkommen, bevor uns irgendwer der Umweltverschmutzung beschuldigt.“ Herkules gehorchte brav. Nahm aber schell noch einen Handschuh auf, den er fortan als sein Eigen ansah. Was er damit vorhatte, wusste er bislang nicht, nur mit musste das gute Stück zunächst einmal! Eine Option für ihn wäre: Vergraben. Jedenfalls hütete er diesen Handschuh, der relativ neu aussah und reflektierende Applikationen aufwies, wie seinen Augapfel. Peters bekam das Ganze nicht mit, da er höllisch auf den ihm entgegenkommenden Verkehr zu achten hatte. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los: Die Autofahrer fuhren an diesem Morgen alle wie die Henker. Als er mit seinem Hund die Stelle passierte, an der gestern Abend die beiden PKWs in Flammen aufgingen bremste er, um sich die Brandstelle anzuschauen. Viel gab es für den Mann allerdings nicht mehr zu sehen. Die Autowracks waren bereits abgeschleppt worden. Ausgelaufene Öle und Benzin abgestreut – und das Flüssiggas, soweit nicht verbrannt, verflogen. Die Rasenflächen, auf denen die Fahrzeuge offenbar geparkt hatten, wiesen dunkle, kahle Flecken auf; und die sich in unmittelbarer Nähe befindlichen Lindenbäume, leichte Spuren des verkohltsein, als hätten Feuerzungen an ihnen geleckt. Rasen und Bäume würden also überleben. Der Natur galt, gleich nach dem Menschen, Peters größte Sorge. Menschen waren hier, ganz offensichtlich, nicht zu Schaden gekommen. Den Einsatz eines Rettungsfahrzeuges vermochte Peters gestern Abend jedenfalls nicht auszumachen. Somit stellte er sich die Frage: Handelte hier jemand etwa aus reinem Frust, da in der Lindenallee, obwohl strengstens verboten, des Öfteren wild geparkt wurde? Dennoch sei das lange kein Grund, eine derart frevelhafte Tat zu begehen, befand der Frührentner. Dieses gewissenlose Vorgehen ablehnend, bestieg er sein Fahrrad und entfernte sich, um nicht rachsüchtig zu werden. Gegen wen auch? Bislang gab es keinen Täter. Gebe es einen, Herkules würde sicherlich wegweisend eingeschritten sein. Leider war hier wirklich alles zunichte gemacht. Die empfindsame Hundenase vermochte nichts weiter mehr auszumachen, außer Schmieröle, Löschwasser, Abdeckmittel pp. Da lobte er sich doch den Handschuh, dessen menschlicher Duft sein Riechorgan wieder neutralisierte. Nahezu verliebt trug er diesen mit ins Haus, um ihn postwendend seiner Lagerstatt anzuvertrauen. Vorsichthalber stupste er ihn mit seiner Schnauze unter den Rand des Kopfendes, um ihn vor seinem Frauchen in Sicherheit zu wiegen. Frau Peters hieß es nicht gut – egal, was ihr Liebling von draußen antrug – es beherbergen zu müssen. Immerhin könnte ihr Hund damit krankmachende Keime einschleppen. Nachdem Herkules das Fundstück versorgt hatte, schlappte er kräftig aus seiner Wasserschüssel, begab sich auf’s Lager und träumte von Jacky. Auf deren Anblick musste er heute bislang leider verzichten! Hubert indessen werkelte in der Küche. Dort bereitete er ein exzellentes Frühstück, für sich und seine Frau, welches beide ausgiebig genossen. Gestärkt machte sich Sonja an das Bettenbeziehen und Hubert schickte sich an, den Gartenzaun zu streichen. Diese Arbeit war bereits überfällig. Dieses lag aber nicht an Peters, sondern am Wetter, welches sich einer längeren Regenzeit unterzogen hatte. Merkwürdig war: Während der Schlechtwetterperiode wurde nicht ein einziger Brand vermeldet. Jetzt in der Trockenperiode hingegen, laufend! Halfen etwa doch Jugendliche nach, die Spaß an der Freude daran hatten, es brennen zu sehen?
Niedergeschlagen, die Zähne nur einen Spaltbreit auseinanderbekommend, knurrte Knecht Holler: „Nichts für ungut, Amigo. Dennoch, schön es wäre gewesen!“ Danach trollte sich der stark nach Kuhmist riechende Landwirtsschaftgehilfe, griesgrämig, in Richtung Bauernhof. Diese Anmache immer noch nicht so recht fassen könnend, lockerte Läufer Timo seinen Körper, indem er sämtliche Gliedmaßen ausschüttelte, und sprintend den Rückweg anpeilte.
Fürs Erste langte es ihm. Hoffentlich, so dachte der Junge, hat dieses Martyrium bald ein Ende. Zuhause sei Zuhause. Da waren die Freunde vor Ort. Mit denen wurde es niemals langweilig. – Und sei es nur, dass sie sich bei Meinungsverschiedenheiten, untereinander, die Leviten lasen. Immer noch besser, als in diesem Kaff ausharren zu müssen, wo seiner Meinung nach offensichtlich die Inzucht Pate für sexuelle Entgleisungen stand. So bekloppt, wie einige Dorfbewohner einherkamen, und das nicht nur vom Äußerem her betrachtet, das gab dem Ferienkind zu denken! Irgendwie, so setzte der Junge seinen Gedankengang fort, sahen alle gleich bescheuert aus. Deshalb verstand er es nicht, weshalb seine Großeltern sich weigerten, zu ihnen zu ziehen, damit seine Mutter, sobald die Eltern später aus Altersgründen ihrer Hilfe bedürften, alles einfacher händeln könnte. Wie dem auch sei, verschwitzt erreichte Enkel Timo das Anwesen seiner Verwandten mütterlicherseits, um sich spontan unter die Dusche zu begeben. Eine Dusche, ja die gab es in diesem Haus; wenn auch nicht gerade das neuste Modell. Immerhin spendete sie Wasser, allerdings nach ihrem Gusto. Mit dem Einstellen der Temperatur klappte es nicht wirklich. Heiß und kalt wechselte in einem unregelmäßigen Turnus, das bewirkte: Zu langes Duschen, wie zuhause, war nicht angesagt! Gerne hätte sich der Enkelsohn anschließend einem Spiele-Duell am PC gestellt. Doch leider hatte die Software, bei den Großeltern, noch keinen Einzug gehalten. Im Großen und Ganzen schien in dem verträumten Fachwerkstädtchen die Neuzeit noch nicht angekommen zu sein. Und wie zu vermuten stand, dürfte Timo nicht ganz unrecht damit gehabt haben, dass lange Zeit frisches Blut verpönt gewesen sein muss. Nahezu jeder zweite Familienname lautete: Meyer, Müller, Schulze, oder gar Wulf!
Timos Mutter erblickte, in dem kleinen Hexenhäuschen, in dem er als Feriengast weilte, das Licht der Welt. Sie vervollständigte den Familienstammbaum mit dem Namen, Ilse Anna Elfriede Wulf. Zum einen war Timo stolz auf seine Mutter, dass sie ihn lediglich mit nur einem Rufnamen bedachte, und zweitens, dass sie Peter Voss ehelichte, seinen Vater, der aus Mühlhausen stammte; in der Stadt, in der die drei heute wohnen. Deshalb ging es Timo auch besonders an die Nieren, dass es der Feuerwehr nicht gelang den Hausbrand, in der Marienstraße, unter Kontrolle zu bekommen.
Dieses Unheil, welches letztlich alle vier heraufbeschworen, war niemals wieder gutzumachen. Diese Tatsache wurde dem Flegel im Nachhinein immer klarer. In den ersten Tagen waren die Zeitungen voll mit Berichten über das unendliche Leid welches alle ehemaligen Bewohner traf. Dieses ebbte hingegen schnell ab. Ebenso, wie die voreilig aufgestellten Hypothesen über die etwaige Brandursache. Festgehalten wurde einzig daran, dass Brandstifter ihr Unwesen trieben, die ein derart rasantes Ausbreiten der Flamen wohl kaum in Betracht zogen. Deshalb wurde die Bevölkerung gebeten, ein waches Auge zu haben. Im Zweifelsfall lieber einmal mehr zum Hörer zu greifen, um einer neuerlichen Feuergefahr vorzubeugen.
Dieser Appell wirkte auf Tanja störend. Auch wenn sie ernsthaft darüber nachdachte, vorerst eine Feuerpause einlegen zu wollen, fühlte sie sich in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt. Wenn sie nicht wollte, dass die Bande aufflog, musste sie sich dem wohl beugen.
Als die Clique nach den Osterferien ihr erstes Treffen anberaumte, um sich über ihre Ferienerlebnisse auszutauschen, meinte die Bandenchefin: Das habe alle Zeit der Welt!
Zunächst einmal stünden neue Aktivitäten im Vordergrund, um sich von dem Mief dieser versnobten Gesellschaft zu befreien, der ihr anhafte.
„Hier, riech mal, findest du nicht auch, dass ich nach Großkotz stinke?“ Ungeniert zog Tanja ihr T-Shirt hoch und präsentierte Geert ihren jungfräulichen Busen, der die Aufforderung ernst nahm und ganz dicht mit seiner Nase das überprüfte, was sie ihm darbot.
„Weg da, ich möchte auch mal schnuppern“, stellte sich Linus mit hochrotem Kopf zwischen die beiden, woran ihn Timo hinderte, indem er Linus an dessen Sweatshirt packte und unwirsch beiseitezog.
„Soweit kommt es noch, Kleiner. Werde erst einmal trocken hinter den Ohren, bevor du dich der Anatomie junger Frauen widmest.“
„Aber du, Voss … Was glaubst du wohl, wer du bist? Bei dir ist es doch auch noch nicht lange her, als du in die Windeln geschissen hast. Also was soll’s? Hab dich nicht so, sondern genieße diesen Anblick. Sowas gehört zum Erwachsenwerden dazu. Schließlich sind Jungmädchenbrüste viel erquicklicher, als etwa die der eigenen Mutter.“
Fortan mischte sich die Barbusige ein, die ihr T-Shirt wieder zurecht zog, um sich zu erklären:
„Ich glaube, Jungs, ihr schweift vom eigentlichen Thema ab. Ihr solltet mir lediglich bestätigen, dass es auf diesem, unserem Globus, verdammt wenig Sinn macht, sich für etwas Besonderes zu halten. Ich für meine Person scheiß auf das Bessergestelltsein. Ich hoffe, ihr versteht, was ich damit zum Ausdruck bringen will? Nun glotzt nicht so. Habt ihr etwa keine Neuigkeiten für mich? Ich höre, meine Herren! Hat sich während meiner Abwesenheit in Sachen „Marienstraße“ irgendetwas Neues ergeben?“
Tanja war vor Neugier kaum zu bremsen. Ohne Information, inwieweit die Ermittlungen in dieser Sache fortgeschritten waren, hatte sie nicht vor, zur Tagesordnung überzugehen. Schließlich sollte alles gut überlegt sein, sobald sie neuerliche Schandtaten ausbaldowerte. Bloß keine schlafenden Hunde wecken, die der Gruppe zum Verhängnis werden könnten.
„Was ist, ihr Sackratten? Ich höre immer noch nichts“, wobei ihr sommersprossiges Gesicht groteske Züge annahm, die so gar nicht zu ihrer sonnengebräunten Haut, erst recht aber nicht zur neuen Pferdeschwanzfrisur passten.
Ihre dummfreche Bezeichnung zunächst ignorierend, schleimte Geert Raasch:
„Liebe Tanja Hufnagel! Wir, die hier vor dir stehen, sind nicht deine Dorfdeppen, sondern vollwertige Club-Mitglieder. Wir haben ein Anrecht auf die Fortführung deiner Behauptung, es mache keinen Sinn zur besseren Gesellschaft zu gehören. Also spuck es aus … Was genau meintest du damit, du stinkst nach Großkotz? Das wüssten wir schon ganz gerne. Und noch was: Bezeichne uns nie wieder als Sackratten, das könnte unsere Freundschaft arg belasten. Notfalls sogar zur Aufkündigung derselben führen.“
Linus und Timo staunten nicht schlecht, ob der passenden Worte vom Ältesten im Bunde. Entsprechend brabbelten nun auch sie drauflos, wobei sie flapsig anmerkten: „Geert, wir hören uns erst einmal an, was die Weltenbummlerin uns mitzuteilen hat. Hernach erzählen wir ihr, bis ins kleinste Detail, was uns mittlerweile zu Ohren kam. Einverstanden?“
Befremdlich blickte das Mädel daraufhin von einem zum anderen, um kaum hörbar: „Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben“, zu piepsen.
Dieses sogleich wettmachend, schmiss sich Tanja demonstrativ in ihren gerade vorgezeigten Busen. Dadurch gewann sie automatisch ihre Loyalität zurück. Ihr eben noch finster dreinschauendes Gesicht hellte sich schlagartig auf. – Wie bei einer Glühbirne, die höher gedimmt wurde, um mehr Leistung zu bringen! Unumwunden ließ sie die drei nun wissen: Großkotze wären Widerlinge!
Ihr Denkschema: Alles habe sich nach ihnen zu richten! Diese Personen bildeten sich ein, sich alles rausnehmen zu dürfen. Mit schmachtenden Blicken glotzten die Mannsbilder junge Mädchen auf Busen und Po, wobei aufgetakelte Weiber den Kerlen nichts nachstünden. Diese entflammten, sobald sie eines Schwanzträgers ansichtig wurden. Obendrein verprassten die Reichen und Schönen, ihrer Meinung nach, durch haltlose Sauf- und Fressorgien, massenhaft das Geld, welches definitiv zweckgebundener ausgegeben werden könnte; so Tanjas Kurzfassung zur besseren Gesellschaft!
Danach holte die Erzählerin erst einmal tief Luft, saugte diese bis an die Fußsohlen ein und setzte mit ihren Ausführungen fort: „Das, Leute, ist es, was mich ankotzt. Meiner Mutter eröffnete ich bereits, dass ich sie nächstes Mal nicht auf die Insel begleiten werde. Denn als ich mich bei ihr über einen dickbäuchigen, glatzköpfigen alten Knacker beschwerte –, dieser Kerl würde mich mit seinen Blicken ausziehen – wisst ihr, was sie sie mir da antwortete? – Tanja, Liebes … Sei glücklich darüber, dass du gefragt bist. Das beweist doch eines, mein Mädel: Als Jungfrau wirst du nicht in die Geschichte eingehen. Insgeheim machte ich mir bereits Sorgen um dich, mein Kind. Wegen deiner rötlichen Haare und den Sommersprossen; wohl auch nicht ganz zu Unrecht. Die wenigsten Männer akzeptieren Sommersprossen. Die Haarfarbe hingegen, schon eher!
Das müsst ihr euch einmal reinziehen, Jungs. Sowas sagt einem die eigene Mutter. Für mich zählt diese Frau seitdem mit zum Abschaum. Mit dem Fremdgehen meines Vaters werde ich sie jedenfalls nicht mehr behelligen.
Ach du Scheiße …“
Tanja schlug sich mit der Hand gegen ihre Stirn, wobei sie stutzte!
Entschlossen bemerkte sie: „Vergesst einfach das soeben Gesagte. Es war ohnehin gelogen. Mein Vater hat meine Mutter noch nie betrogen.“
Die drei Jungs schluckten. Tanja sah es ihnen an, dass sie mit dem zu kämpfen hatten, was ihnen soeben zu Ohren kam. Darauf bedacht, nun endlich das Thema wechseln zu können, stellte sie abermals die Frage, inwieweit die Ermittlungen über die letzen Brände, insbesondere der vom Hausbrand in der Marienstraße, gediehen waren. Daraufhin sahen sich die Freunde an, nickten als Zeichen dafür, dass nun nichts mehr im Wege stünde, der sonnengebräunten Urlauberin über den Stand der Dinge Rede und Antwort zu stehen. Timo, der seine Ferien recht und schlecht bei seinen Großeltern verbrachte, wusste indes nicht viel Neues zu berichten, da dieses Thema bei den Wulfs gemieden wurde. Seine Oma lehnte jegliche Diskosion darüber ab. Da sie durch eine miterlebte Feuersbrunst, während des Krieges, immer noch stark traumatisiert war. Irgendwie konnte er als Enkel ihre Ängste sogar ein wenig nachvollziehen – da auch er es bislang nicht verarbeiten konnte, was in der Marienstraße, in der Schreckensnacht, geschah. So wusste Timo lediglich zu berichten, dass Peters und sein Nachbar, Luis Staalman, mit ihren Hunden Jacky und Herkules bis auf Weiteres, ab dem Dunkelwerden, in der Lindenallee patroulierten. – Wobei sie sorgfältig jede Auffälligkeit, jedes fremde Fahrzeug, in einer Kladde notierten.
„Durchgeknallter, geht’s wohl kaum“, zischte Tanja. „Ahnte ich es doch: Dieser Peters hat einen an der Waffel. Den hielt ich immer schon für nicht ganz gar in der Birne. Es wird wirklich langsam einmal Zeit, dass wir diesen Hirni aufmischen … Aber weiter im Text: Was in aller Welt lief in der Marienstraße schief?“
Bei dieser Frage überschlugen sich die drei Berichterstatter nahezu, zwecks Mitteilungsbedürfnisses.
„Ach ja, das weißt du ja noch gar nicht. Wie solltest du auch? Als das in der Zeitung stand, warst du bereits außer Landes. Es war nämlich so …“
Tanja unterbrach das Stimmengewirr, indem sie lauthals: „Einer nach dem Anderen“, brüllte. „Wie bitte sollte ich euch sonst folgen können?“
„Stimmt auch wieder“, brachte Linus sich als Erster ein, und sprudelte los: „Das war folgendermaßen …“ Er schaute zu Geert und meinte weiter: „Kannst froh sein, Alter, dass du lebend davonkamst. Ein anderer wäre dabei sicherlich draufgegangen.“
Und wieder war es die Hufnagel, die, mit ihrer angeborenen Flegelhaftigkeit, den Berichterstatter unterbrach und keifte: „Was bedeutet das, Raasch? Hast du Knalltüte dich beim Anzünden der Lunten etwa in Gefahr begeben? Wolltest du als lebende Fackel Furore machen? Oder wie sonst ist das zu verstehen, was Linus gerade andeutungsweise ausposaunte?“
Tanjas giftigen Blicken standhaltend, rechtfertigte sich Geert; wobei er sich die einst gespenstige Situation neuerlich in allen Einzelheiten vor Augen führte.
„Du hast nicht die leiseste Ahnung von alledem was mir widerfuhr, Tanja Hufnagel! Linus hat recht, mit dem, was er erzählte! Würdest du uns nicht ständig ins Wort fallen, hättest du bereits erfahren, um was es hierbei ging. Nicht ich zettelte das Inferno an, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände ließen den von mir gelegten Brand ausufern. Also beschwere dich woanders, dass du kein Video für deine Filmesammlung hast machen können.“
Bösen Blickes versuchte die Bandenchefin Geert erneut zu unterbrechen. Obwohl, es gelang ihr nicht! Ohne Umschweife erwähnte Raasch den Bewohner, der durch sein Kraftstoffhorten maßgeblich dafür verantwortlich war, dass sich das Feuer derart ausbreiteten konnte. Sein ausführliches Referat endete mit der Selbsteinsicht: „Hätte ich das geahnt, keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, in diesen Kellerräumen auch nur ein Streichholz anzuzünden! Und nun, du Nervensäge, bleibt es deiner Intelligenz überlassen: Sollten die Ermittler uns auf die Schliche kommen, schon mal im Vorwege ein Konzept zu erstellen, welches uns dann aus dieser misslichen Lage rauspaukt. Denn du, mein Fräulein Tausendschön, hängst voll mit drin, in dieser Scheiße. Immerhin war es Anstiftung zu einer Straftat, uns gegenüber. Dieses würden wir drei notfalls sogar bezeugen, um unseren Arsch zu retten“, ereiferte sich Geert, der die Faxen dicke hatte, ständig von Tanja gegängelt zu werden.
Timo, dem überhaupt nicht wohl dabei war, nochmals alles anhören zu müssen, räusperte sich und seufzte: „Lasst gut sein Freunde. Brecht keinen Streit vom Zaun. Noch deutet nicht das Geringste daraufhin, dass wir als Täter ins Visier der Gesetzeshüter geraten sind. Solange wir das Maul halten, und uns nicht selbst reinreißen, dürfte es auch nicht dazu kommen. Überlegt doch mal: Gebe es auch nur den geringsten Verdacht; mit Sicherheit wäre die Polizei zumindestens bei einem von uns zwecks Befragung aufgekreuzt.“
Spontan reichte Tanja Timo ihre Hände, der sich alle weiteren wie zum Schwur anschlossen. Voller Inbrunst verkündigte sie sodann: „Bist ein schlaues Kerlchen, Vosser. Sollten wir dich verkannt haben, so bitten wir dich, es uns nachzusehen! Wir haben deine Botschaft vernommen. Diese leidige Angelegenheit stillzuschweigen, sollte oberstes Gebot für uns sein. Irgendwann dürfte Gras über die Sache gewachsen sein. Spätestes aber dann, wenn in der vorhandenen Häuserblocklücke ein schmuckes Wohngebäude, wie Phönix aus der Asche, emporgewachsen ist. Und nun, Freunde, reicht lasst uns dem da Oben danken, dass unserem Geert, aber auch all den anderen Beteiligten, den Bewohnern, den Einsatzkräften sowie deren Helfern, nichts Gravierendes zugestoßen ist. Wie heißt es doch so schön? ‚Mensch sein muss der Mensch.‘ Das, Kameraden, besagt aber lange noch nicht, dass wir Peters verschonen. Soweit, Freunde, reicht mein Menschsein nun auch wieder nicht. Ich erwarte, dass jeder von euch in den nächsten Tagen sein Hirn dahin bewegt, sodass wir bei unserer neuerlichen Zusammenkunft die erdachten Modelle sondieren können. Ihr braucht keineswegs zimperlich zu sein. Ein gewisser Effekt sollte nachhaltig schon gegeben sein. Nun nehmt eure Pfoten wieder an euch, Männer“, schloss Tanja ihre Ansprache, die einmal mehr auf Krawall gebürstet war.
Einen Blick auf seine Armbanduhr werfend stellte Linus erschrocken fest: „Es wird Zeit, Leute, dass ich mich nachhause begebe. Sofern ich nicht pünktlich zur Nachhilfe erscheine, verpfeift mich mein Bruder Dieter bei meinem Alten.“
Aufgrund der erstaunt fragenden Gesichter, von Tanja, Geert und Timo, erläuterte ihnen Linus in Kurzform, schnell noch sein schulisches Problem, welches er unter der Mithilfe von seinem Stiefbruder in den Griff zu bekommen gedachte! Hals über Kopf schwang er sich auf seinen Drahtesel, ließ als Gruß noch einmal die Fahrradklingel ertönen, und machte sich eiligst davon.
„Scheiße …, auch ich sollte sprinten. Beinahe hätte ich vergessen die bestellten Tabletten für meine Mutter aus der Markt-Apotheke abzugreifen. Die Arme hat sich beim Renovieren unsrer Küche übernommen, obwohl ich sie dabei tatkräftig unterstützt habe“, so Geert – und verschwand ebenfalls.
„Und du, Vosser, was ist mit dir? Musst du auch schon los, oder leistest du mir noch auf ein Eis Gesellschaft?“, wollte Tanja von dem exotisch aussehenden Knaben wissen, der, wie sie meinte, etwas abgespeckt hatte!
„Sofern du mich dazu einlädst …, gerne doch“, strahlte der Minderbemittelte, und fuhr sich zum Zeichen der Vorfreude mit der Zunge über seine fülligen Lippen. Daraufhin zeigte sich das eigenwillige Töchterchen von Ehrenfried und Gerda Hufnagel amüsiert. Feixend entgegnete sie: „Soll mir eine Ehre sein, Cowboy. Gebe deinem Reitpferd die Sporen und ab geht’s, zum Italiener am Marktplatz. Dort können wir gemütlich draußen sitzen und es uns gut gehen lassen. Also aufsatteln und Gas geben. Wer zuerst vor Ort ist, besetzt einen Zweiertisch. Ich verspüre keine Lust darauf mich mit fremdem Gesocks auf Gespräche einlassen zu müssen. Mir reicht es, dass mich meine Mutter im Urlaub ständig darauf hinwies unhöflich zu sein, sofern ich nicht irgendwelchen vorwitzigen Schnarchnasen Rede und Antwort stand.“
„Das kann ich gut verstehen, Tanja. Auch ich erlebte Ähnliches. Davon werde ich dir gleich berichten. Dennoch gehe ich davon aus, dass du die Eisdiele zuerst erreichst. Dein Bicycle bringt einfach mehr Leistung, als meine alte Mühle.“
Gut aufgelegt konterte das Mädel: „Mag schon sein, Timo. Allerdings besitze ich eine weitaus ältere Rostlaube, als du dir überhaupt vorstellen kannst. Dieses nostalgische Gefährt benutze ich immer dann, wenn mir danach ist, meine Ma wieder einmal aus ihrer Höhle zu locken. Nichts verärgert sie mehr, als wenn ich wie ein Straßenmädchen herumlaufe: Zerlumpt und ungepflegt aussehend, natürlich nur fürs Auge! Ich hoffe, das versteht sich von selbst.“
Viel sah Timo von Tanja nach dem Start nicht mehr. Ihre Silhouette wurde kleiner und kleiner. Voss trat wie ein Irrer in die Pedale, vermochte aber keineswegs, ihrem Tempo standzuhalten. Verschwitzt erreichte er den Marktplatz. Dort stellte er sein Rad ab – und folgte, mit gemächlichem Schritt, den durch Wink-Zeichen gegebenen Signalen, seiner Gönnerin.
„Uff …, das wäre geschafft“. Plumpsend ließ sich der Ankömmling auf dem Scherenholzstuhl nieder, der unter seiner Fallkraft ächzte, als wolle dieser zerbersten.
„Schau, ich habe die Karte bereits sondiert. Eines leckerer als das andere“, wobei Tanja Timo die Eis-Karte zu treuen Händen übergab, damit er sich selbst einen Überblick verschaffen konnte. Und das tat der Knabe so ausgiebig, dass seine Begleiterin ihn mahnte, endlich eine Entscheidung zu treffen, ansonsten müsse er sein Eis selber bezahlen. „Wenn es denn so ist, nehme ich den großen Früchtebecher, mit einer doppelten Portion Sahne. Und wenn es dir nichts ausmacht, danach noch eine Cola.“
Tanja staunte nicht schlecht, genehmigte aber den Wunsch des Freundes, da ihr sein stetiger, finanzieller Engpass geläufig war. Sie selbst schloss sich dem Früchtebecher an. Allerdings gänzlich ohne Sahne, da sie um ihre Figur bangte. Keineswegs hatte sie vor, irgendwann einmal, aus dem Leim zu gehen. Dicke Menschen waren ihr ein Greul. Deshalb konnte sie es auch nicht lassen Timo zurechtzuweisen, dass einmal Sahne gereicht hätte, und anstatt der Cola ein Glas Selters gesünder für ihm wäre! Er möge doch bitte darauf achten, dass er die zwei Kilo an Gewicht, die er bei den Großeltern abnahm, sich nicht gleich wieder anfrisst.
„Du hast gut reden, Tanja. Ich tue mein Möglichstes, um nicht zuzunehmen. Das Molligsein liegt bei mir in den Genen, das habe ich von meinem Opa geerbt. Die Generation Wulf gehört seit Urzeiten zu den Wohlbeleibten. Meine Mutter war mit diesem Erbfaktor nur indirekt behaftet, sodass dieser auf mich übersprang.“
„Du redest vielleicht einen Stuss, Kleiner. Ich glaube an sowas einfach nicht. Fettsein kommt vom Fressen. Einzig vom übermäßigem Fressen!“, betonte Tanja. „Mir soll’s egal sein, jeder ist seines Glückes Schmied … Oh, danke, das ging aber flott“, lobte sie sodann die Bedienung, die des Weges kam, und wies diese an, den mit Sahne überhäuften Eis-Pokal ihrem Gegenüber zukommen zu lassen.
„Lass es dir schmecken, Kleiner. Und während wir genießen erzählst du mir von der ungewöhnlichen Urlaubsbekanntschaft, die du auf dem Land, beim Joggen, machtest.“
„Eigentlich gibt es hiervon nicht allzu viel zu berichten“, nuschelte Voss, da er den Löffel, den er sich gerade in den Mund schob, nicht voller hätte beladen sein können!
„Das verstehe nun wer will. Sprachst du nicht vorhin von einem Arschgesicht, das dich auf geradezu perverse Art versuchte ins Heu zu locken um mit dir sexuelle Spielchen zu betreiben?“, fragte Tanja nach. „Aber ja doch. So war’s. Holler hieß dieser Bauernlümmel. Er glaubte, in mir ein passendes homogenes Objekt für seine sexuell abartige Veranlagung gefunden zu haben. Nur darin irrte sich dieser Holler gewaltig. Außerdem stank dieser Hüne nach Kuhmist. Am liebsten hätte ich ihm die Fresse poliert. Dazu bedurfte es allerdings einer Leiter. Also drohte ich, ihn wegen sexueller Nötigung anzuzeigen, woraufhin er dann eiligst die Düse machte.“
Nachdenklich geworden kratzte Timo den allerletzten Rest der inzwischen zerlaufenen Eismasse zusammen, um diese genüsslich direkt aus dem Eisbecher zu schlürfen. Mit den Worten: „Ich weiß auch nicht, Tanja … Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mit mir etwas nicht stimmt. Immer wieder sind es die Männer, die mich so blöde anglotzen. Frauen nehmen so gut wie keine Notiz von mir“, stellte er den geleerten Eisbecher auf den Tisch zurück, rülpste und bekundete, dass es ihm geschmeckt habe.
Das kleine rotblonde Luder lauschte bis dahin Timos Worten, bevor sie einwarf: „Um ehrlich zu sein, Vosser, erschrickt mich das Ganze ein wenig. Von dieser Warte aus habe ich deine Person noch nicht betrachtet. Ich glaube einfach, dass es daran liegt, dass dein südländischer Einschlag etwas damit zu tun haben könnte. Typisch deutsch siehst du nun mal nicht aus. Aber mach dir nichts daraus, Kleiner, dein Aussehen unterstreicht deine Persönlichkeit; und die ist keineswegs uninteressant! Weißt du, ich habe da so eine Idee. Allerdings müssten wir das noch mit Geert und Linus besprechen. Diesem Holler, den könnten wir doch mal einen Denkzettel verpassen. Sich an Minderjährigen vergehen zu wollen, das geht gar nicht! Dafür gehört dieser Sausack bestraft. Was hältst du davon, wenn wir das einmal in Angriff nehmen würden. Das wäre mal was Neues … Oder?“
„Im Grunde schon. Nur an was hattest du dabei gedacht, Tanja?“
„Was das anbetrifft, Kleiner, da würde mir schon das Richtige einfallen, aber erst einmal versteifen wir uns auf Peters, nebst seiner blöden Töle. Wie schon gesagt, ich erwarte konkrete Vorschläge von euch, die nachhaltige Wirkung zeigen, damit wir diesen Klotz am Bein nicht länger mit uns rumzuschleppen haben.“
Timo nuckelte an seiner Cola, wobei Tanja ihren Eis-Rest verschmähte, da sie den Becher weit von sich schob und der Bedienung ein Zeichen gab – sie wolle bezahlen! Just in diesem Moment spazierte Gernot Hechtel mit seinen Eltern an der Eisdiele vorbei, der die beiden in schlechter Erinnerung hatte. Erst recht die Hufnagel, die den Jungen zusätzlich attackierte, als dieser seinen Kater Felix suchte. Verschämt wendete Gernot sein Gesicht zur anderen Straßenseite, um nicht von Tanjas Blicken durchbohrt zu werden, denn auch sie erkannte den Jungen!
Ihre Hände zu Krallen geformt, die Augen weit aufgerissen miaute und fauchte das Mädel so laut es ging den Spaziergängern hinterher, als sei sie einem Raubtierkäfig entsprungen.
„Sie wollten bezahlen?“, wurde sie durch die Serviererin auf dem Boden der Tatsachen zurück beordert, wobei sich Tanja, wegen ihres Benehmens, elegant aus der Affäre zog.
„Ja doch … Entschuldigung! Ich zeigte meinem Freund gerade einen Ausschnitt, aus einem Theaterstück in dem ich eine Katze zu verkörpern habe.“
Timo griente, bestätigte aber zudem ihren Selbstschutz, um sie als Persönlichkeit zu festigen, damit die Freundin nicht als schwachsinnig bezeichnet werden konnte. Diesen Eindruck vermittelte sie anscheinend, durch ihr merkwürdiges Verhalten, auf die anwesenden Gäste!
„Sie spielen Theater? Das ist ja äußerst interessant. Als Kind war Gleiches mein Wunschtraum, auf den großen Bühnen dieser Welt mein schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. Leider wurde daraus nichts. Ich muss zugeben: mir schwierige Texte einzubimsen, das lag mir nicht! Daher blödelte ich ohne Sinn und Verstand, auf kleineren Veranstaltungen, wobei ich mehrheitlich verlacht wurde, was ich Kamel anfänglich für Applaus hielt! So kann sich unsereins irren. Ich hoffe für Sie, dass es bei Ihnen besser laufen wird, meine Liebe.“
Dieses Geschwätz beiläufig abnickend, kramte die Hufnagel in ihren Hosentaschen. Hierbei beförderte sie drei Fünf-Euro-Scheine ans Tageslicht, schob diese mit Gönnerblick über den Tisch und murmelte mit einem Tatsch leiser Ironie: „Stimmt so!“ Beim Aufstehen pflaumte sie Voss an: „Was ist …, willst du hier etwa festwachsen?“
Auf dem Weg zu den Rädern ließ sie Timo wissen, dass ihr dieses hirnverbrannte Gelaber der Bedienung missfiel!
„Bisweilen begreife ich deine Launen einfach nicht, Tanja. Diese Frau hat dir doch nichts getan, und ich erst recht nicht! Irgendwie macht dein schnödes Verhalten einmal mehr alles zunichte!“
„Das, Kleiner, musst du mit dir selber ausmachen. Hauptsache, ihr drei Taugenichtse trabt übermorgen mit brauchbaren Ergebnissen an, damit wir im Fall Peters endlich loslegen können. Langsam knebelt mich nämlich die Langeweile. Und nun …, adieu Amigo, bis Übermorgen.“ – Diesem Abschiedsgruß folgte noch ein langgezogenes Rasseln der Fahrradklingel, womit die Aufmüpfige entschwand.
Timo ließ es ruhig und locker angehen. Er schob sein Rad noch ein kleines Stück, um sich die Auslagen im Schaufenster eines neu angesiedelten Sportgeschäftes anzuschauen. Dabei kam er zu dem Schluss: Würde er sich dazu durchringen, ernsthaft Sport treiben zu wollen, um sein Gewicht im Zaum zu halten, bräuchte er Sportklamotten – und die waren sündhaft teuer. Beim Besteigen seines Rades ereilte ihn der Gedanke, dieses Problem einmal mit seinen Eltern besprechen zu wollen. Fröhlich pfeifend, Tanjas Launen hinter sich lassend, radelte er ganz entspannt nachhause. Dieses Entspanntsein löste sich augenblicklich in Umkehr auf. Als der Bursche das Wohnzimmer betrat, saß sein Vater am Tisch und blätterte im Tagesblatt. Diesem über die Schulter schauend, machte den Heimgekommenen eine Todesanzeige stutzig die er leise für sich las:
Ruhe sanft, Opa!
Nun hat er uns für immer verlassen.
Es brach ihm das Herz, „Altenheim Abendfrieden“ als neues Zuhause akzeptieren zu müssen.
Im stillem Gedenken, die Nachbarn und Freunde.
Sowie alle Bewohner aus dem Unglückshaus.
Der junge Voss schluckte trocken. Offensichtlich gab es nun doch ein Todesopfer. Hätte es nicht gebrannt; Opa würde noch leben, war sich Timo sicher, wobei er verkrampfte.
„Was ist, Junge? Du bist plötzlich so blass geworden. Ist dir nicht gut?“, erkundigte sich der Vater.
„Doch, doch“, schwindelte Timo. „Mir ist nur siedend heiß eingefallen, dass ich meine Mathematikaufgaben noch nicht gemacht habe, die wir morgen vorlegen sollen.“
Noch ehe Voss senior seinen Sohn diesbezüglich rügen konnte, verschwand dieser auf sein Zimmer, um von dort aus seine Freunde anzurufen. Es war ihm ein Bedürfnis, ihnen diese Nachricht zu übermitteln, um nicht allein mit einem schlechten Gewissen den Rest des Abends verbringen zu müssen. Und wieder einmal mehr war es Tanja, die offensichtlich nicht bereit war, ihr Herz, wie sie meinte für eine dermaßen bedeutungslose Nachricht öffnen zu müssen. Ihr Kommentar: „Hab dich nicht so, Kleiner. Dieser Greis stand eh bei Gevatter Sensenmann auf der roten Liste. So spielt nun mal das Leben. Mach dir keinen Kopf. Wir hatten einen netten Nachmittag – Punkt Schluss Aus“, womit sie Timos Anruf abrupt abbrach!
Im selben Moment jedoch meldete sich die Herzlose bei dem niedergeschlagenen Berichterstatter von sich aus, mit folgendem Hinweis: „Bevor du in Selbstmitleid versinkst, Kerlchen, solltest du dir lieber über unser anstehendes Objekt in Sachen ‚Peters‘ das Hirn zermartern. Es dürfte dir bekannt sein: Nur Ideengut mit Ecken und Kanten, an dem selbst der gewiefteste Hansel scheitern würde, ist für unser Unterfangen von brauchbarem Wert. Also halte dich ran, du Tunichtgut. Bis Übermorgen“ – und weg war die Anruferin!
Voss schluckte erneut. Er wusste nicht, wo ihm der Kopf stand. Anstatt an seinem Seelenleben Anteil zu nehmen, bekam er knallhart zu hören: Er möge ranklotzen, damit Peters endlich sein großes Schandmaul außen vor lasse und dessen Ungeheuer von Köter, seine dicke Plattschnauze, auf ewig geschlossen hielt!
Diese an den Tag gelegte Überheblichkeit, seitens Tanjas, ließ Timo schaudern. Frust machte sich breit. Der Bursche überlegte ernsthaft, ob er sich von dieser herzlosen Person nicht distanzieren sollte. Das würde aber auch gleichzeitig bedeuten, Timo und Geert den Rücken kehren zu müssen,
