Small is beautiful - Ernst F. Schumacher - E-Book

Small is beautiful E-Book

Ernst F. Schumacher

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Beschreibung

Ernst F. Schumachers Plädoyer für eine Rückkehr zum menschlichen Maß ist ein echter Klassiker der Nachhaltigkeit – mit hoher Aktualität. Denn die Frage nach dem rechten Maß in Wirtschaft und Technologie ist heute aktueller denn je. Größe ist kein Wert an sich: Sie kann vorteilhaft sein, muss es aber nicht. In der Ökonomie führt Größe zu Machtkonzentration, verdrängt Vielfalt und ist häufig nicht nachhaltig. Diesen Drang nach immer mehr hat Schumacher in seinem Weltbestseller bereits 1972 kritisiert. Stattdessen plädiert er für eine »Miniaturisierung der Technik« sowie dafür, »ein Maximum an Glück mit einem Minimum an Konsum zu erreichen«.

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ernst Friedrich Schumacher
Small is beautiful
Die Rückkehr zum menschlichen Maß
Aus dem Englischen von Karl A. Klewer
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright der englischen Originalausgabe»Small is beautiful. A Study of Economics as if People Mattered«© 1973 by Hutchinson, an Imprint of The Random House Group Limited, London
Copyright der deutschen Originalausgabe»Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik. Small is beautiful«© 1977 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Copyright der Neuauflage© 2013, 2019 oekom verlagGesellschaft für ökologische Kommunikation mbHWaltherstraße 29, 80337 München
Umschlaggestaltung: BÜRO JORGE SCHMIDT, MünchenLayout: Markus Miller, MünchenKorrektorat: Silvia Stammen, München
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-611-5
Bibliothek der Nachhaltigkeit
Eine Buchreihe des oekom e.V. in Kooperation mit dem oekom verlag, herausgegeben von Jacob Radloff und Dr. Manuel Schneider
Anlässlich des 30-jährigen Verlagsjubiläums haben der oekom verlag und der oekom e.V. gemeinsam die »Bibliothek der Nachhaltigkeit« ins Leben gerufen. Die Reihe präsentiert Autorinnen und Autoren, die als Pioniere und Vordenkerinnen ihrer Zeit voraus waren und ungewöhnliche Wege des Denkens eröffnet haben. Ihre Texte liefern auch heute noch wichtige Impulse für die Diskussion und Praxis der Nachhaltigkeit, Transformation und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Beirat der Reihe
Prof. Dr. Günther Bachmann
Ulrich Grober
Dr. Simone Müller
Dr. Barbara Muraca
Prof. Dr. Joachim Radkau
Prof. Dr. Wolfgang Sachs
Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Inhalt

Einführung
Schumachers Entwurf einer nachhaltigen Ökonomie
Niko Paech
Small is beautiful
Die moderne Welt
Das Problem der Produktion
Frieden und Stetigkeit
Die Rolle der Wirtschaftswissenschaft
Buddhistische Wirtschaftslehre
Groß oder klein?
Aktivposten
Der größte Aktivposten – Bildung
Die richtige Nutzung von Grund und Boden
Hilfsquellen für die Industrie
Atomenergie – Rettung oder Verderben?
Technologie mit menschlichen Zügen
Die Dritte Welt
Entwicklung
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufgaben, die die Entwicklung einer Mittleren Technik erfordern
Zwei Millionen Dörfer
Das Problem der Arbeitslosigkeit in Indien
Organisation und Eigentum
Eine Maschine, die die Zukunft voraussagen kann?
Vorüberlegungen zu einer Theorie organisatorischer Großformen
Sozialismus
Eigentum
Neue Eigentumsmodelle
Nachwort
Anmerkungen
Zu Leben und Werk
Ernst Friedrich Schumacher – ein Pionier der Nachhaltigkeit
Lex Janssen
Zitate zu E. F. Schumacher und »Small is beautiful«
Einführung

Schumachers Entwurf einer nachhaltigen Ökonomie

Niko Paech
Als Ernst Friedrich Schumachers Buch »Small is beautiful« vor fast fünfzig Jahren erschien, bewegte es sich zunächst im Schatten der »Grenzen des Wachstums«, jenes ein Jahr zuvor publizierten Reports an den Club of Rome.1 Die von Dennis und Donella Meadows geleitete Studie hatte es angesichts ihrer plakativen Dramatik weitaus leichter, die Aufmerksamkeit einer gerade entstehenden Umweltbewegung auf sich zu ziehen. Nun besteht kein Anlass, die Leistung der Meadows-Studie zu schmälern – wohl aber die des hier neu aufgelegten Buches von E. F. Schumacher angemessen zu würdigen.
Denn es ist schon etwas anderes, empirisch darzulegen, dass sich weiteres Wirtschaftswachstum langfristig katastrophal auswirkt, als die daran anknüpfenden, weitaus anspruchsvolleren Fragen zu bearbeiten: Worin könnte die ökonomische Alternative zur bestehenden Wachstumsdoktrin liegen? Welche tieferen geistes- und sozialwissenschaftlichen, aber auch gesellschaftspolitischen Bezüge ergeben sich aus der Abkehr vom bisherigen industriellen Entwicklungspfad?
Unter diesem Aspekt kann nicht genug betont werden, wie wegweisend Schumachers Zukunftsentwurf seinerzeit war – und eingedenk des heutigen Standes der Nachhaltigkeitsforschung immer noch ist. Wer das Buch als Angehöriger einer jüngeren Generation zum ersten Mal liest, wird sich fasziniert die Augen reiben und feststellen: »Small is beautiful« war nicht nur seiner Zeit voraus, sondern ist von einem Scharfsinn geprägt, der das Gros aller späteren Einlassungen zum Thema blass aussehen lässt.

Schumacher als früher Wachstumskritiker

Kaum hatten die »Grenzen des Wachstums« für Furore gesorgt, da wurden sie auch schon in ein ›Wachstum der Grenzen‹ umdefiniert. Hastig verbreitete sich die Devise, dass Wachstum als solches gar nicht das Problem sei, sondern vielmehr darauf zu achten sei, die ›richtigen Dinge‹ wachsen zu lassen. Indem sich neben vielen anderen Protagonisten der frühen Ökologiebewegung schließlich sogar der Club of Rome vor den Karren eines ›qualitativen‹ Wachstums spannen ließ, war die eigentlich geforderte Revision des größenwahnsinnigen Industrie- und Konsummodells bald ausgebremst. Gefeilt wurde stattdessen an einer fortschrittstrunkenen Zauberwelt, durch die sich eine ungehinderte Anspruchsexpansion ökologisch reinwaschen lassen soll: Technik statt Ethik!
Ganz anders Schumacher, dessen Analyse des herrschenden Industriemodells nicht so oberflächlich war, dass eine Hintertür für das technisch optimierte Weiter-so offen geblieben wäre. Statt sich an der Notwendigkeit veränderter Versorgungs- und Lebenspraktiken vorbeizumogeln, zeigen Schumachers Darlegungen unverblümt, dass technologische und institutionelle Arrangements allein nie hinreichend für das sein können, was inzwischen den schönen Namen ›nachhaltige Entwicklung‹ trägt. Natürlich gab es vor und neben Schumacher andere, die sich ebenso wenig vom Modernisierungseifer korrumpieren ließen. Genannt seien beispielsweise Günther Anders, Lewis Mumford, Nicolas Georgescu-Roegen, André Gorz, Ivan Illich, Wolfgang Sachs, Marianne Gronemeyer und vor allem Leopold Kohr, von dem Schumacher offenkundig stärker inspiriert worden ist als von seinem eigentlichen Lehrer John Maynard Keynes. So bemerkenswert es bereits war, aus ökologischen Grenzen viel weitreichendere Konsequenzen abzuleiten als der damals wie heute seichte Nachhaltigkeitsmainstream, Schumacher ging noch einen Schritt weiter. Ihm erschien es wichtig, die Unvereinbarkeiten des modernen Industriesystems tief genug zu durchdringen, um einen darauf gründenden Neuentwurf auch als gewandelte Vorstellung von Lebensqualität beschreiben zu können. Dementsprechend vielschichtig sind die beiden von ihm (aber auch von Kohr) geprägten Schlüsselkonzeptionen: »Rückkehr zum menschlichen Maß« und »Mittlere Technologien«. Die Einsicht, dass Größe, Komplexität und Zentralität von Technologien – auch ungeachtet ihrer Qualitäten – das eigentliche Problem darstellen, führte zu dem entscheidenden Perspektivenwechsel.

Pathologien des Industrialismus

Wenn Schumacher seine Missbilligung des modernen Wirtschaftens zuspitzt, indem er dem Prinzip der Massenproduktion eine dezentrale, kleinräumige und bedarfsgerechte Produktion durch die Massen entgegenstellt, geht es ihm nicht zuvorderst um Ökologie im engeren Sinne, sondern um die am ökonomischen Prozess beteiligten Menschen. Diese sollen ermächtigt werden, Hand und Kopf kreativ einzusetzen, um durch sinnstiftende Tätigkeiten Befriedigung zu erlangen. Also nicht die Optimierung der Güterproduktion sollte nach Schumacher das Ziel des Wirtschaftens sein, sondern möglichst gedeihliche Bedingungen für jene Menschen, die diese Güter erzeugen und benötigen.
Mit Verweis auf die buddhistische Wirtschaftslehre, in der Schumacher den ethischen Rahmen für seinen Entwurf sieht, charakterisiert er einen Arbeitsbegriff, der mit industrieller Entgrenzung nicht in Einklang zu bringen ist. Arbeit müsse Menschen ermöglichen, die eigenen Kompetenzen zu nutzen und zu entwickeln. Weiterhin soll sie den Menschen dazu befähigen, aus »seiner Ichbezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet«. Und erst an dritter Stelle erfüllt sie die Funktion, Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen, die für ein menschenwürdiges Dasein nötig sind. Dies ähnelt der Quintessenz mancher moderner Organisationstheorien. Doch Schumacher gibt sich nicht mit den üblichen, nur die Symptome kurierenden Forderungen nach einer ›Humanisierung der Arbeitswelt‹ zufrieden.
Seine Kritik ist grundsätzlicher. Sie richtet sich gegen die »Zerlegung eines jeden Produktionsvorgangs in kleinste Schritte, sodass das Endprodukt mit großer Geschwindigkeit erzeugt werden kann, ohne dass jemand dazu mehr als eine gänzlich unbedeutende und meist ohne besondere Fähigkeit erlernbare Bewegung seiner Glieder beitragen müsste«. Denn aus der in hohem Maße arbeitsteiligen Produktion resultiert eine doppelseitige Entfremdung: Aus unternehmerischer Sicht wird Arbeit zu einem puren Mittel, folglich zu einem Kostenfaktor, den es kraft automatisierender Technologie zu minimieren gilt. Menschliche Verrichtungen sollen möglichst durch Energie und Ressourcen umwandelnde Prozesse ersetzt werden. Für Beschäftigte wiederum wird Arbeit auf diese Weise zu einer sinnentleerten Last, die mit einem entsprechenden Lohn zu entschädigen ist. Auch aus dieser Perspektive verkümmert Arbeit zu einem bloßen Mittel zum Zweck und dient allein dazu, ein maximales Niveau an Konsumversorgung zu finanzieren.
Zugleich wird eine weitere Konsequenz des industrialisierten Fremdversorgungskomplexes sichtbar: Das reziproke Verhältnis zwischen Leistungserbringung und -beanspruchung löst sich auf. An die Stelle dessen, was vormals Arbeit hieß, tritt die Bedienung eines energiebetriebenen Maschinenparks. Gnadenlose Produktivitätssteigerungen entfachen eine Hebelwirkung, durch die ein minimaler eigener physischer Arbeitsaufwand dazu verhilft, sich ein immer gigantischeres Quantum an physischem Wohlstand anzueignen. Der ideologische Überbau des Industrialismus legitimiert diese wundersame Gütermehrung als ›verdientes‹ Resultat menschlicher Anstrengungen. Wer derartigen Narrativen – neuerdings garniert mit Beschwörungen einer Technikrevolution, die dies alles ökologisch neutralisieren soll – nicht auf den Leim geht, nennt diese Entwicklung schlicht parasitär.

Technologien für Menschen statt Maschinen

Während sich Gewerkschafter und neoliberale Marktfetischisten um eine gerechte Verteilung des vermeintlichen Überschusses streiten, wird gleich auf den ersten Seiten von »Small is beautiful« dargelegt, dass hier eine grandiose Verwechselung zwischen Ertrag und Substanzverzehr vorliegt. Zum Gegenstand gerechter Verteilung wird das gemacht, was in einer gerechten Welt gar nicht hätte entstehen dürfen. Dieser Aberwitz wird durch die Realität moderner Politik ausnahmslos bestätigt: Wenn ›gerechte‹ Teilhabe oder soziale Emanzipation eingefordert wird, ist damit nie gemeint, die Pflicht zur Einhaltung eines materiellen Rahmens gerecht zu verteilen, sondern umgekehrt als gleiches Recht zu proklamieren, ökologisch über seine Verhältnisse zu leben.
Gesellschaften, die sich aufgeklärt wähnen, mutieren zu Plünderungsgemeinschaften, weil sie sich mit wissenschaftlicher Expertise einreden, dass all die schönen Dinge des Lebens kraft genialen Fortschritts aus dem materiellen Nichts entstehen, woraus sich ableiten lässt, dass auch Bedürfnisse aus dem Nichts – also ohne Rückbindung an das, was materiell überhaupt möglich oder verantwortbar ist – entstehen dürfen. Gerechtigkeit heißt somit nur noch, Rechte und Freiheiten auszuweiten, während Verantwortung oder gar Mäßigung als überflüssig deklariert werden. Dafür ist schließlich der technische Fortschritt zuständig.
Es besticht, wie konsequent Schumacher dieses Syndrom bearbeitet, indem er direkt die Technik und Versorgungsarchitektur angreift und sich nicht damit begnügt, der chaotischen »Megamaschine«2 eine Ethik des menschlichen Maßes entgegenzusetzen (was ihm mithilfe der buddhistischen Wirtschaftslehre gleichwohl plausibel gelingt). Nur wenige außer Schumacher haben sich so mutig der Gefahr ausgesetzt, als rückständig oder unmodern gebrandmarkt zu werden, indem sie Technikgestaltung gegen den Strich bürsten, nämlich im Sinne von Begrenzung oder gar Reduktion technischer Möglichkeiten. »Technologien mit menschlichen Zügen« oder »Mittlere Technologien« werden so zu einem Schlüsselbegriff. Diese vermehren zwar die Kraft und das Geschick menschlicher Arbeit, ersetzen diese aber nicht oder delegieren sie an »mechanische Sklaven«.
Dass eine möglichst unmittelbare Beziehung zwischen eigenem Schaffen und sichtbarem Resultat den sinnstiftenden Charakter von Arbeit reaktivieren kann, ist nicht nur bei Schumacher diskutiert worden. Ähnliches gilt für die Einsicht, dass kleinräumige Regional- oder Lokalökonomien das Potenzial in sich tragen, per se ökologische Schäden zu reduzieren. Mindestens so relevant ist, dass technisch abgerüstete Produktionsketten, die mit geringerer Spezialisierung sowie kürzeren Distanzen zwischen Herstellung und Verbrauch einhergehen, krisenrobuster sind. Unabhängiger von Geld, komplexer Technologie und externer Ressourcenzufuhr zu sein, wird zwar mit einem geringeren Niveau an materieller Güterversorgung und Mobilität erkauft, bewahrt aber die Freiheit und Kompetenz, Lebensumstände selbsttätig und autonom zu gestalten.
Es erstaunt, wie scharfsinnig Schumacher die chronische Verletzlichkeit einer hypermobilen und globalisierten Welt bereits vor fast fünfzig Jahren beschrieben hat, so als hätte er vorausgeahnt, wie sich spätere Energiekrisen oder der Zusammenbruch einzelner Banken auf die weltweite Wirtschaft auswirken würden. Zwar habe schon immer ein überregionaler Handel mit Gütern stattgefunden, schreibt er, jedoch mehr oder weniger beschränkt auf Luxusobjekte, während die Grundbedürfnisse im eigenen Land befriedigt worden seien. Ähnliches habe für die weltweite »Beweglichkeit« von Personen gegolten, die hierzu einen besonderen Anlass benötigt hätten, sodass deren Anzahl überschaubar geblieben sei. »Doch jetzt ist alles und jeder beweglich. Alle Strukturen sind bedroht, und alle Strukturen sind in einem Ausmaße verwundbar wie nie zuvor« (Hervorhebung im Original). Damit nimmt »Small is beautiful« vorweg, was den Nachhaltigkeitsdiskurs Jahrzehnte später prägen sollte, nämlich das Problem der mangelnden sozialen und ökonomischen Resilienz entgrenzter Produktionssysteme und Lebensstile. Schumacher spricht von »entwurzelten Menschen und Dingen«.

Das menschliche Maß

Mittlere Technologien, wie Schumacher sie sich vorstellte, sind sozial nivellierend. Denn je technisierter, folglich kapitalintensiver, die Wertschöpfungssysteme sind, desto leichter lässt sich deren Kontrolle und Verfügbarkeit zentralisieren. Dies lässt jene Machtasymmetrien entstehen, an denen sich linke Systemkritik seit Karl Marx abmüht, jedoch ohne den kapitalbedürftigen Industriekomplex und die darauf basierenden Konsumstile zu hinterfragen. Im Gegensatz dazu erleichtern arbeitsintensive Vorgänge, in denen vergleichsweise einfache Werkzeuge eingesetzt werden, den Zugang zur Wertschöpfung per se in mehrfacher Hinsicht.
Erstens sind es keine fremdbestimmten Ressourcen, sondern die eigenen (handwerklichen) Fähigkeiten, von denen die Produktivität abhängt. Zweitens sind keine hohen Kapitalsummen nötig. Dies führt dazu, dass technische Produktionsmittel demokratisiert werden. Drittens entfallen mit hohen Fixkosten auch Eintrittsbarrieren, die aus einer mindestens erforderlichen Betriebsgröße resultieren. Viertens, wie sollen Menschen, die durch alle Raster der Wissensindustrie gefallen und folglich durch ihre industrielle Nichtverwertbarkeit entwürdigt sind (oft werden sie als »bildungsfern« bezeichnet), je anders integriert werden als durch die Aufwertung einfacher, zumal handwerklicher Verrichtungen? Fünftens kann die Rückkehr zu arbeitsintensiven Vorgängen nicht nur die Ungleichheit, sondern auch Maximalhöhen des Einkommens dämpfen. Krasse Ausprägungen von sozialer Ungleichheit sind eine logische Konsequenz des industriellen, auf Kapitaleinsatz und Energieumwandlung beruhenden Versorgungsmodells. Denn grenzenlos vermehrbar – wohlgemerkt bis zum Kollaps – sind nur Geld und Energieumwandlung, die wie ein Verstärker menschlichen Handelns wirken. Entsprechend grenzenlos können Einkommens- und Vermögensunterschiede anwachsen. Wenn Wohlstand hingegen ohne derartige Hebelwirkungen zustande kommt, hängt er vorwiegend von eigenständiger Schaffenskraft ab. Die dann noch möglichen Einkommensunterschiede würden sich in engen Grenzen bewegen.
Wenn durch Mittlere Technologien der Spezialisierungsgrad, die Länge der Lieferketten und die Kapitalintensität der Produktion reduziert werden, sinkt auch die Arbeitsproduktivität – ›schlimmer‹ noch: Das Lohnniveau nimmt tendenziell ab. Zudem sind wieder handwerkliche und manuelle Verrichtungen gefragt. Das dürfte dem modernistischen Zeitgeist aufs Schärfste missfallen, erschüttert es doch die Grundfesten eines bequemen Lebens, in dem alles elektrifiziert, globalisiert, digitalisiert und desinfiziert ist. Andererseits könnte es nur so gelingen, auch ohne massives Wachstum des Bruttoinlandsproduktes hinreichend viele Menschen zu beschäftigen – gerade auch in Entwicklungsländern, auf die Schumacher seine Konzepte unbedingt übertragen wollte.

Überschaubar und kleinräumig – verantwortbare Strukturen

Wenn die Produktion einer Ware in viele Einzelprozesse zerlegt wird, um die betriebswirtschaftliche Effizienz zu steigern, entsteht eine Kette spezialisierter, eigenständiger Organisationen. Die räumliche und funktionale Ausdifferenzierung führt dazu, dass die Verantwortung für den Gesamtprozess auf so viele Zuständigkeiten verteilt wird, dass sie damit gleichsam ausgelöscht wird. Jeder Akteur, der innerhalb komplexer Prozessketten lediglich einen Teilaspekt bearbeitet, folgt einer eigenen, sich aus dem isolierten Aufgabenbereich ergebenden Zweckrationalität.
Da für handelnde Akteure die Folgen des Gesamtprozesses, insbesondere für die Ökosphäre und die Verbraucher, somit unsichtbar bleiben, entstehen moralische Indifferenzen. Innerhalb der Systemlogik seiner Einzelorganisation erfüllt jeder Handelnde letztlich ›nur seine Pflicht‹. Diese Immunisierung gegenüber außerökonomischen Logiken betrifft auch die Nachfrager selbst. Konsumenten verbrauchen grundsätzlich Dinge, die sie nicht selbst hergestellt haben. Verbrauch und Herstellung bilden somit getrennte Sphären. Zwischen der Entstehung eines Bedarfes und der damit ausgelösten Produktion liegen unzählige, über beträchtliche Distanzen miteinander verkettete Einzelhandlungen. Indem die Ausführung über viele Stufen hinweg delegiert wird, erfolgt eine »Mediatisierung«,3 das heißt eine Vermittlung von Handlungen. Diese werden grundsätzlich von einem Dritten ausgeführt, der »zwischen mir und den Folgen meines Tuns steht, sodass diese mir verborgen bleiben«,4 wie es Zygmunt Bauman formuliert.
Damit schafft das Wesensprinzip moderner, funktional ausdifferenzierter Gesellschaften jene pathologischen Bedingungen, unter denen einzelwirtschaftliche Entscheidungen nahezu perfekt vor Rückkoppelungen und somit moralischen Hemmungen abgeschirmt werden. Deshalb verlangt die Wiedereinbettung des Ökonomischen in das Soziale nach kurzen Ursache-Wirkung-Beziehungen. Wer nicht mit den Konsequenzen des eigenen Tuns konfrontiert wird, die von einem sicht- und erfahrbaren Gegenüber artikuliert werden, benötigt keine fulminanten ökonomischen Anreize, um gelegentlich Pferdefleisch bei der Lasagne-Produktion zu verarbeiten oder konventionelle mit Bio-Eiern zu vertauschen. Industrielle und entgrenzte Arbeitsteilung neutralisiert jede moralische Signifikanz, sie bedingt geradezu eine ›Entpersönlichung‹ der von den Folgen Betroffenen. Hierzu nochmals Zygmunt Bauman: »Verantwortung, das Grundelement moralischen Verhaltens, entsteht aus der Nähe des Anderen. Nähe bedeutet Verantwortung und Verantwortung ist Nähe.« Auch aus diesem Blickwinkel erlangt Schumachers Plädoyer gegen den »Trend zum Riesenhaften« neue Relevanz.

Wegweiser zu den schönen Dingen des Lebens

»Jedes Tun, das kein selbstbegrenzendes Prinzip anerkennt, ist Teufelszeug«, vermerkt Schumacher. Auch wenn es der Kirchengemeinde des ›grünen Wachstums‹ vorläufig noch blasphemisch erscheinen muss: Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung, die diesen Namen verdient, können nur außerhalb der Komfortzone liegen, also dort, wo es etwas entschleunigter, sesshafter und bescheidener zugeht. Wer sich auf eine Entdeckungsreise in dieses Sperrgebiet begibt, hat mit »Small is beautiful« einen Wegweiser, der verblüffenderweise auch nach einem halben Jahrhundert nichts an Aktualität verloren hat. Kaum hat man dieses unwegsame Gelände betreten, stellt sich heraus, dass die Rückkehr zum menschlichen Maß weitaus mehr in sich trägt als ökologische und soziale Integrität. Das Dasein in überschaubaren und damit beherrschbaren Strukturen ist eine Qualität für sich.
Befreiung von Abhängigkeiten, Versorgungssicherheit, die Demokratisierung und gerechte Verteilung von Erwerbsmöglichkeiten, aber auch die Möglichkeit, sinnstiftend tätig zu sein, gelten als die schönen Dinge des Lebens. Sowohl deren Wiedererlangung als auch die notwendige Einhaltung verantwortbarer ökologischer Grenzen ist jedoch nicht damit vereinbar, den industriellen Größenwahn beizubehalten. So gesehen hat Schumacher einen Weg gewiesen, der das Notwendige mit dem Lebenswerten und Schönen verbindet. Es ist höchste Zeit, dieses Vermächtnis wiederzuentdecken, denn es war nie wertvoller als heute.

Zum Autor

Niko Paech, geboren 1960, ist der wohl renommierteste Wachstumskritiker Deutschlands. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Oldenburg, wo er auch promovierte. Für seine Habilitationsschrift wurde er 2006 mit dem Kapp-Forschungspreis ausgezeichnet. Seit 2018 lehrt und forscht Niko Paech als außerplanmäßiger Professor an der Universität Siegen.

Anmerkungen

1 Meadows, Donella H. et al. (1972): The Limits to Growth, New York.
2 Mumford, Lewis (1967): The Myth of the Machine, New York.
3 Lachs, John (1981): Responsibility of the Individual in Modern Society, Brighton.
4 Bauman, Zygmunt (2002): Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg.
Small is beautiful

Die moderne Welt

Das Problem der Produktion

Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit, zu glauben, das ›Problem der Produktion‹ sei gelöst. Dieser Glaube wird nicht nur mit Überzeugung von Menschen vertreten, die weit von der Produktion entfernt und daher aus Berufsgründen mit den Tatsachen nicht vertraut sind – er wird von praktisch allen Fachleuten, den Managern in der Industrie und in den Regierungen der ganzen Welt, den akademischen und nicht ganz so akademischen Wirtschaftstheoretikern vertreten, ganz zu schweigen von den Wirtschaftsjournalisten. Sie sind möglicherweise über vielerlei uneins, einig aber sind sich alle darüber, dass das Problem der Produktion gelöst, dass die Menschheit endlich erwachsen geworden sei. Sie sagen, dass die wichtigste Aufgabe für die reichen Länder nunmehr die ›Bewältigung der Muße‹ und für die armen Länder die ›Weitergabe von technologischem Wissen‹ sei.
Dass nicht alles so gut aussieht, wie es müsste, ist sicher auf menschliche Schwächen zurückzuführen. Daher müssen wir ein so perfektes politisches System entwerfen, dass menschliche Schwächen verschwinden und jeder sich wohlverhält, ganz gleich, wie viel Schwächen es in ihm oder ihr gibt. Tatsächlich nimmt man weithin an, jeder werde mit guten Anlagen geboren. Wenn jemand zum Verbrecher oder Ausbeuter wird, liegt das am ›System‹. Zweifellos ist ›das System‹ in vielerlei Hinsicht schlecht und bedarf der Änderung. Einer der Hauptgründe dafür, warum es schlecht ist und warum es trotz seiner Mängel weiterbestehen kann, liegt in eben der irrigen Ansicht, das ›Problem der Produktion‹ sei gelöst. Da dieser Irrtum alle gegenwärtigen Systeme durchdringt, spricht gegenwärtig für keines von ihnen sehr viel.
Das Auftreten dieses Irrtums, der ebenso unglaublich wie fest verwurzelt ist, hängt eng mit den philosophischen, um nicht zu sagen religiösen, Veränderungen zusammen, die in den letzten drei oder vier Jahrhunderten in der Haltung des Menschen der Natur gegenüber eingetreten sind. Vielleicht sollte ich sagen: des westlichen Menschen, doch da die gesamte Welt sich zur Zeit verwestlicht, erscheint die allgemeinere Aussage gerechtfertigt. Der moderne Mensch erfährt sich selbst nicht als Teil der Natur, sondern als eine von außen kommende Kraft, die dazu bestimmt ist, die Natur zu beherrschen und zu überwinden. Er spricht sogar von einem Kampf gegen die Natur und vergisst dabei, dass er auf der Seite der Verlierer wäre, wenn er den Kampf gewönne. Noch bis vor Kurzem sah der Kampfverlauf so günstig aus, dass die Selbsttäuschung unbegrenzter Macht daraus erwachsen konnte, doch wiederum nicht so günstig, als dass er die Möglichkeit eines vollständigen Sieges hätte erkennen lassen. Dieser Sieg zeichnet sich nun ab, und viele Menschen, wenn auch nur eine Minderheit, beginnen sich darüber klar zu werden, was das für das Weiterbestehen der Menschheit bedeutet.
Die Täuschung, über unbegrenzte Kräfte zu verfügen, die durch erstaunliche wissenschaftliche und technische Errungenschaften genährt wurde, brachte zugleich die Täuschung mit sich, das Problem der Produktion wäre gelöst. Und dieses gründet auf der Unfähigkeit, da zwischen Ertrag und Kapital zu unterscheiden, wo es auf diese Unterscheidung am meisten ankommt. Jeder Betriebswirtschaftler und Geschäftsmann kennt den Unterschied und wendet ihn bewusst und mit beträchtlichem Scharfsinn auf alles wirtschaftliche Tun an – außer da, wo es wirklich wichtig wäre: nämlich beim unersetzlichen Kapital, das der Mensch nicht selbst geschaffen, sondern einfach vorgefunden hat, und ohne das er nichts tun kann.
Ein Geschäftsmann würde von einer Firma nicht annehmen, dass sie ihre Probleme der Produktion gelöst hat und lebensfähig ist, wenn er sähe, dass sie rasch ihr Kapital aufzehrt. Wie aber können wir diesen wesentlichen Tatbestand übersehen, wenn es um dieses sehr große Unternehmen, die Wirtschaft des Raumschiffs Erde und insbesondere um das jeweilige Wirtschaftssystem seiner reichen Fluggäste geht?
Ein Grund dafür, dass diese wesentliche Tatsache übersehen wird, liegt darin, dass wir uns von der Wirklichkeit entfremdet haben und alles als wertlos ansehen, was wir nicht selbst erzeugt haben. Sogar der große Dr. Marx verfiel diesem verhängnisvollen Irrtum, als er die sogenannte ›Arbeitswerttheorie‹ formulierte. Nun, wir haben wirklich gearbeitet, um etwas von dem Kapital zu schaffen, das uns heute bei der Produktion hilft – einen großen Vorrat an wissenschaftlichem, technischem und sonstigem Wissen, eine ausgeklügelte materielle Infrastruktur, zahllose Formen hoch entwickelter Technologien und so weiter –, aber all das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtkapitals, das wir einsetzen. Weit größer ist das von der Natur und nicht vom Menschen zur Verfügung gestellte Kapital und wir erkennen es nicht einmal als das, was es ist. Dieser größere Teil wird gegenwärtig mit beunruhigender Geschwindigkeit aufgezehrt, und daher ist es ein unsinniger und selbstmörderischer Irrtum zu glauben, das Problem der Produktion sei gelöst, und nach diesem Glauben zu handeln.
Sehen wir uns dieses ›natürliche Kapital‹ etwas näher an. Zuerst, und am leichtesten erkennbar, haben wir die fossilen Brennstoffe. Niemand, dessen bin ich sicher, wird bestreiten, dass wir sie als Ertragsposten behandeln, obwohl sie unzweifelhaft zum Kapital gehören. Behandelten wir sie als Kapital, müsste uns an ihrer Bewahrung gelegen sein. Wir müssten dann alles in unserer Macht Stehende tun, um die gegenwärtige Verbrauchsmenge so klein wie möglich zu halten. Wir könnten beispielsweise sagen, dass das Geld, das aus der Verwertung dieses – unersetzlichen – ›Schatzes‹ stammt, einem Sonderetat zugeführt werden muss, der ausschließlich der Entwicklung von Produktionsverfahren und Lebensmodellen dient, die nicht oder nur zu einem geringen Grade von fossilen Brennstoffen abhängen. Das und vieles andere müssten wir tun, wenn wir fossile Brennstoffe als Kapital und nicht als Ertrag behandelten. Wir tun aber nichts dergleichen, sondern genau das Gegenteil von alldem: Uns liegt nicht im Geringsten an Bewahrung, wir treiben den gegenwärtigen Verbrauch auf Höchstwerte, statt hauszuhalten oder die Möglichkeiten anderer Produktionsverfahren und Lebensmodelle zu untersuchen. Nichts geschieht, um von dem gegenwärtigen Kollisionskurs abzukommen, auf dem wir uns jetzt mit ständig wachsender Geschwindigkeit bewegen. Im Gegenteil, wir sprechen fröhlich von unbegrenztem Fortschritt wie bisher, von ›Bewältigung der Muße‹ in den reichen Ländern und von ›Weitergabe technologischen Wissens‹ an die armen Länder.
Die Liquidierung dieses Kapitalvermögens schreitet so rasch voran, dass selbst im angeblich reichsten Land der Welt, den Vereinigten Staaten von Amerika, viele Menschen bis hinauf ins Weiße Haus beunruhigt sind und in großem Umfang die Umwandlung von Kohle in Öl und Gas fordern und stets größere Anstrengungen auf der Suche nach und bei der Ausbeutung von Bodenschätzen verlangen. Man sehe sich die Zahlen an, die unter der Überschrift »Weltbedarf an Brennstoffen im Jahr 2000« angesetzt werden. Wenn unser gegenwärtiger Verbrauch rund sieben Milliarden Tonnen Steinkohleneinheit beträgt, werden wir in 28 Jahren drei mal so viel verbrauchen – entsprechend etwa 20 Milliarden Tonnen! Was aber sind 28 Jahre? Zurückgeschaut reicht das bis etwa zum Ende des Zweiten Weltkrieges, und selbstverständlich hat sich seit damals der Brennstoffverbrauch verdreifacht. Doch machte diese Verdreifachung einen Anstieg von weniger als fünf Milliarden Tonnen Steinkohleneinheit aus. Jetzt aber sprechen wir gelassen von einem dreimal so hohen Anstieg!
Wir fragen uns: Geht das? Und die Antwort lautet: Es muss gehen, und daher wird es gehen. Man könnte sagen (und ich muss hier John Kenneth Galbraith um Entschuldigung bitten), dass dabei die Ahnungslosen die Blinden führen. Doch warum polemisieren? Die Frage ist falsch gestellt, weil in ihr die stillschweigende Voraussetzung enthalten ist, dass wir es mit Ertrag und nicht mit Kapital zu tun haben. Was ist so Besonderes am Jahre 2000? Was ist mit dem Jahr 2028, wenn Kinder, die heute auf der Straße spielen, an ihre Pensionierung denken? Eine nochmalige Verdreifachung bis dahin? Alle diese Fragen und Antworten erweisen sich in dem Augenblick als unsinnig, in dem wir uns darüber klar werden, dass wir es mit einem Kapital und nicht mit einem Ertrag zu tun haben: Fossile Brennstoffe werden vom Menschen nicht erzeugt; sie lassen sich nicht wiederverwenden. Wenn sie verbraucht sind, sind sie für immer dahin.
Doch was ist – so wird man fragen – mit den Brennstoffen, die einen Ertrag darstellen? Sie machen gegenwärtig (in Kalorien berechnet) weniger als vier Prozent der Gesamtmenge in der Welt aus. In absehbarer Zukunft werden sie 70, 80, 90 Prozent betragen müssen. Etwas im kleinen Rahmen tun ist eine Sache – es in globalem Rahmen tun ist etwas ganz anderes, und im Hinblick auf die Brennstoffproblematik der Welt einen Einfluss auszuüben, bedeutet, dass wirklich riesige Beiträge zu leisten sind. Wer will sagen, das Problem der Produktion sei gelöst, wenn es um den Bedarf an Brennstoffen als Ertrag in wirklich riesigem Umfang geht?
Fossile Brennstoffe stellen lediglich einen Teil des ›natürlichen Kapitals‹ dar, das wir beharrlich als zum Verbrauch bestimmt behandeln, als handle es sich dabei um einen Ertrag und nicht einmal um den wichtigsten Teil. Wenn wir unsere fossilen Brennstoffe verschleudern, bedrohen wir die Zivilisation; doch wenn wir das Kapital verschleudern, das die lebende Natur um uns herum darstellt, bedrohen wir das Leben direkt. Die Menschen fangen langsam an, diese Bedrohung zu erkennen, und sie fordern, dass die Umweltvergiftung aufhören muss. Sie betrachten die Umweltvergiftung als eine ziemlich schlimme Fahrlässigkeit, der sich sorglose oder gierige Menschen hingeben, die sozusagen ihren Abfall über den Zaun in Nachbars Garten werfen. Es ist ihnen klar, dass ein disziplinierteres Verhalten gewisse Mehrkosten mit sich bringen würde, und daher brauchen wir ein schnelleres Wirtschaftswachstum, um diese Kosten aufzubringen. Von jetzt an, sagen sie, müssen wir zumindest einige der Früchte unserer stets wachsenden Produktivität zur Verbesserung der ›Lebensqualität‹ und nicht zur bloßen Steigerung der Konsummenge verwenden. Das ist alles gut und schön, doch berührt es das Problem nur ganz am Rande.
Um zum Kern der Sache vorzudringen, tun wir gut daran zu fragen, warum all diese Begriffe – Umweltvergiftung, Umwelt, Ökologie und so weiter – so plötzlich in den Vordergrund getreten sind. Immerhin hatten wir schon eine ganze Weile eine Industrie, doch waren noch vor fünf oder zehn Jahren diese Wörter praktisch unbekannt. Handelt es sich um eine plötzlich ausgebrochene Mode, eine lächerliche Schrulle oder vielleicht ein schlagartiges Versagen unseres Mutes?
Die Erklärung ist nicht schwer zu finden. Wie bei den fossilen Brennstoffen haben wir eine Zeit lang vom Kapital der lebenden Natur gezehrt, allerdings in relativ bescheidenem Umfang. Erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es uns gelungen, diesen ›Hunger‹ in besorgniserregender Weise zu steigern. Im Vergleich mit dem, was jetzt vor sich geht und was zunehmend während des letzten Vierteljahrhunderts vor sich ging, fallen die industriellen Tätigkeiten der Menschheit bis einschließlich zum Zweiten Weltkrieg nicht ins Gewicht. In den nächsten vier oder fünf Jahren wird die Industrie auf der ganzen Welt wahrscheinlich mehr produzieren als die gesamte Menschheit bis zum Jahre 1945. Mit anderen Worten: Kürzlich erst – so kürzlich, dass die meisten von uns das noch kaum gemerkt haben – hat ein einzigartiger Anstieg in der industriellen Produktion stattgefunden.
Teilweise als Ursache, aber auch als Wirkung hat ebenso ein einzigartiger Anstieg der Qualität stattgefunden. Unsere Wissenschaftler und Techniker haben es gelernt, durch Verbindung bekannter Substanzen solche herzustellen, die in der Natur unbekannt sind. Gegen viele von ihnen ist die Natur praktisch wehrlos. Es gibt keine natürlichen Mittel, mit denen sie angegriffen und aufgespalten werden können. Es ist so, als würden Ureinwohner plötzlich mit Maschinengewehren angegriffen: Pfeil und Bogen helfen nicht mehr. Diese Substanzen, die in der Natur unbekannt sind, verdanken ihre nahezu magische Wirksamkeit eben der Wehrlosigkeit der Natur – und das potenziert ihren gefährlichen Einfluss auf den Haushalt der Natur. Erst in den letzten zwanzig Jahren etwa sind sie in Mengen aufgetreten. Da sie keine natürlichen Feinde haben, häufen sie sich an. In vielen Fällen wissen wir, dass die langfristigen Folgen dieses Anhäufens hochgradig gefährlich sind, in anderen Fällen lassen sie sich überhaupt nicht vorhersehen.
Anders gesagt haben die Veränderungen der letzten fünfundzwanzig Jahre sowohl im Hinblick auf die Menge als auch auf die Qualität der industriellen Prozesse des Menschen eine völlig neue Lage geschaffen – eine Lage, die nicht aus unserem Versagen entstand, sondern aus dem, was wir für unsere größten Erfolge hielten. Das aber kam so plötzlich, dass wir kaum bemerkten, wie schnell wir den unersetzlichen Habenposten des Kapitals aufzehrten, nämlich die Toleranzen, die die gütige Natur stets zur Verfügung stellt.
Ich will nun zur Frage der ›Brennstoffe als Ertrag‹ zurückkehren, mit der ich mich zuvor in etwas unorthodoxer Weise beschäftigte. Niemand verlangt, dass die für das Jahr 2000, also eine Generation später als jetzt, vorgesehene, weltweite Industrie sich in erster Linie auf Wasser- oder Windkraft stützen soll. Nein, man sagt uns, dass wir rasch in das Atomzeitalter eintreten. Davon wurde schon geraume Zeit, mehr als zwanzig Jahre lang, gesprochen, und dennoch ist der Beitrag der Atomenergie zum Gesamtbedarf der Menschheit an Brennstoff und Energie noch immer winzig. Im Jahre 1970 betrug er in Großbritannien 2,7 Prozent, 0,6 Prozent in den Ländern der EG und 0,3 Prozent in den Vereinigten Staaten, und das sind die Länder, die damit am weitesten fortgeschritten sind.
Vielleicht dürfen wir annehmen, dass die Toleranzschwelle der Natur mit so geringen Belastungen fertig wird, dennoch sind bereits heute viele Menschen zutiefst beunruhigt. Edward D. David, damals Richard Nixons wissenschaftlicher Berater, sagte über die Lagerung radioaktiven Abfalls, man »habe ein ungutes Gefühl im Zusammenhang mit einer Sache, die 25 000 Jahre fest verschlossen unter der Erde bleiben muss, bevor sie unschädlich ist«.
Wie auch immer sich das verhält – ich will auf einen sehr einfachen Punkt hinaus: Der Vorschlag, Milliarden von Tonnen fossilen Brennstoffs in jedem Jahr durch Kernenergie zu ersetzen, bedeutet, das Brennstoffproblem durch die Schaffung eines Umwelt- und Ökologieproblems von so ungeheuerlichem Umfang zu ›lösen‹, dass David nicht als Einziger ein ›ungutes Gefühl‹ haben wird. Es bedeutet die Lösung einer Aufgabe durch Verlagerung in einen anderen Bereich – wo diese Lösung ein unendlich viel größeres Problem schafft.
Ich bin gewiss, dass ich mich nach dieser Aussage einer weiteren, noch kühneren Voraussage gegenübersehen werde: dass nämlich zukünftige Wissenschaftler und Techniker in der Lage sein werden, Sicherheitsvorschriften und -maßnahmen von solcher Vollkommenheit zu entwickeln, dass die Anwendung, der Transport, die Wiederaufarbeitung und Lagerung radioaktiven Materials in stets zunehmenden Mengen völlig ungefährlich sein wird. Ebenso wird man sagen, es sei Aufgabe von Politikern und Gesellschaftswissenschaftlern, eine Weltgesellschaft zu schaffen, in der Kriege oder bürgerliche Unruhen ausgeschlossen sind. Auch hier läuft der Vorschlag darauf hinaus, ein Problem einfach durch Verlagerung in einen anderen Bereich zu lösen, den Bereich alltäglichen menschlichen Verhaltens. Das bringt uns zur dritten Kategorie von ›natürlichem Kapital‹, das wir sorglos verschleudern, weil wir es behandeln, als wäre es Ertrag, als wäre es etwas, das wir selbst hergestellt haben und leicht mithilfe unserer vielgepriesenen und schnell wachsenden Produktivität ersetzen könnten.
Ist es nicht klar, dass unsere gegenwärtigen Produktionsverfahren bereits an die Substanz des von der Industrie abhängigen Menschen gehen? Vielen ist das überhaupt nicht bewusst. Sie sagen: Haben wir es jemals so gut gehabt wie jetzt, nachdem wir das Problem der Produktion gelöst haben? Sind wir nicht besser ernährt, besser gekleidet und wohnen wir nicht besser – sind wir nicht besser ausgebildet als jemals zuvor? Das ist schon richtig: die meisten von uns, doch keineswegs alle, und nur in den reichen Ländern. Das aber meine ich nicht mit ›Substanz‹. Die Substanz des Menschen lässt sich nicht mithilfe des Bruttosozialprodukts messen. Vielleicht lässt sie sich gar nicht messen, außer bei bestimmten Anzeichen von Verlust. Doch ist hier nicht der Ort, sich mit Statistiken dieser Symptome zu beschäftigen, wie zum Beispiel Verbrechen, Drogenabhängigkeit, sinnlose Zerstörungswut, seelische Zusammenbrüche, Aufruhr und so weiter. Statistiken allein beweisen nie etwas.
Ich sagte zu Anfang, einer der verhängnisvollsten Irrtümer bestehe in dem Glauben unseres Zeitalters, das Problem der Produktion sei gelöst. Diese Täuschung, so sagte ich, gehe hauptsächlich auf unsere Unfähigkeit zurück, zu erkennen, dass das moderne Industriesystem mit all seiner intellektuellen Verfeinerung die Basis aufbraucht, auf der es errichtet wurde. Um in der Sprache des Wirtschaftswissenschaftlers zu sprechen: Es lebt von unersetzlichem Kapital, das es sorglos als Ertrag behandelt. Ich habe drei Kategorien solchen Kapitals aufgeführt: fossile Brennstoffe, die natürlichen Toleranzen und die menschliche Substanz. Selbst wenn einige Leser nicht bereit sind, alle drei Teile meines Argumentes zu akzeptieren, denke ich, dass jeder einzelne zur Stützung dessen genügt, worum es mir geht.
Worum aber geht es mir? Einfach darum, dass unsere Hauptaufgabe darin besteht, von unserem gegenwärtigen Kollisionskurs wegzukommen. Wer aber soll eine solche Aufgabe in Angriff nehmen? Ich denke jeder von uns, ob alt oder jung, mächtig oder machtlos, reich oder arm, mit oder ohne Einfluss. Über die Zukunft zu sprechen, ist nur dann sinnvoll, wenn daraus jetzt ein Handeln wird. Was aber können wir jetzt tun, da wir noch in der Lage derer verharren, die es ›niemals so gut gehabt haben‹? Mindestens – und das ist schon sehr viel – müssen wir das Problem gründlich verstehen und beginnen, die Möglichkeit zu sehen, einen neuen Lebensstil mit neuen Produktionsverfahren und neuen Verbrauchsmustern zu entwickeln: einen auf die Dauer ausgerichteten Lebensstil. Um nur drei vorläufige Beispiele anzuführen: Wir können uns in der Land- und Gartenwirtschaft für die Vervollkommnung von biologisch sinnvollen Produktionsverfahren einsetzen, die die Fruchtbarkeit des Bodens steigern und Gesundheit, Schönheit und Dauer hervorbringen. Die Produktivität kommt dann schon von selbst. In der Industrie können wir uns für die Entwicklung von Technologien im kleineren Maßstab einsetzen, relativ gewaltlose Technologie, ›Technologie mit menschlichen Zügen‹, sodass uns allen Gelegenheit gegeben ist, bei der Arbeit Freude zu empfinden, statt ausschließlich für die Lohntüte zu arbeiten und, gewöhnlich vergebens, Freude lediglich von der Freizeit zu erhoffen. Auch in der Industrie – und gewiss ist die Industrie der Schrittmacher modernen Lebens – können wir uns für neue Formen des Zusammenwirkens zwischen der Geschäftsleitung und den Arbeitskräften, ja sogar für bestimmte Formen des Gemeineigentums, einsetzen.
Wir hören oft, dass wir in das Zeitalter der ›lernenden Gesellschaft‹ eintreten. Hoffen wir, dass das stimmt. Wir müssen immer noch lernen, wie man friedlich lebt, nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit der Natur und vor allem mit jenen höheren Mächten, die die Natur und uns gemacht haben. Denn gewiss sind wir nicht durch Zufall entstanden, und sicherlich haben wir uns nicht selber gemacht.
Die Themen, die in diesem Kapitel lediglich berührt wurden, müssen im weiteren Verlauf noch deutlicher herausgearbeitet werden. Nur wenige Menschen wird man leicht davon überzeugen können, dass man sich der Herausforderung an die Zukunft des Menschen nicht dadurch stellt, dass man hier und da kleinere Korrekturen vornimmt oder möglicherweise das politische System ändert.
Das folgende Kapitel stellt einen Versuch dar, die Gesamtsituation erneut zu betrachten, diesmal mit den Problemen des Friedens und einer dauerhaften Perspektive im Mittelpunkt. Nunmehr, da die Menschheit sich die physikalischen Möglichkeiten ihrer eigenen Vernichtung geschaffen hat, steht die Frage nach dem Frieden stärker als je zuvor in der Menschheitsgeschichte im Mittelpunkt. Wie aber ließe sich Frieden errichten ohne die Gewissheit einer dauerhaften Perspektive in unserem Wirtschaftsleben?

Frieden und Stetigkeit

Die vorherrschende heutige Ansicht geht dahin, die sicherste Grundlage des Friedens sei allgemeiner Wohlstand. Vergeblich wird man nach historischen Belegen dafür suchen, dass die Reichen durchweg friedlicher waren als die Armen. Andererseits kann man sagen, dass sie sich niemals vor den Armen sicher fühlen durften, dass ihre Aggressivität ihrer Furcht entsprang und dass die Lage ganz anders aussähe, wenn jeder reich wäre. Warum sollte ein Reicher in den Krieg ziehen? Er hat nichts zu gewinnen. Ist dergleichen nicht wahrscheinlicher bei den Armen, den Ausgebeuteten, den Unterdrückten, da sie nichts als ihre Ketten zu verlieren haben? Der Weg zum Frieden, so wird gesagt, liegt auf dem Weg zum Reichtum.
Diese Ansicht ist von nahezu unwiderstehlicher Anziehungskraft, da sie behauptet, man gewinne ein erstrebenswertes Gut umso sicherer, je schneller man ein anderes bekommt. Sie ist doppelt anziehend, weil sie die gesamte Frage der Ethik völlig außer Acht lässt. Verzicht oder Opfer sind nicht erforderlich – im Gegenteil! Wissenschaft und Technik helfen uns auf dem Weg zum Frieden und zum Überfluss, und wir dürfen uns lediglich nicht töricht und irrational aufführen und nur nicht ins eigene Fleisch schneiden. Die Botschaft an die Armen und Unzufriedenen lautet, die Gans, die bestimmt im Laufe der Zeit auch ihnen goldene Eier legen wird, nicht ungeduldig zu verärgern oder zu töten. Die Botschaft an die Reichen dagegen, so klug zu sein und den Armen von Zeit zu Zeit zu helfen, denn auf diese Weise würden sie noch reicher werden.
Gandhi sprach gewöhnlich mit Verachtung von »Träumen von Systemen, die so vollkommen sind, dass niemand gut sein muss«. Doch haben wir es nicht in der Hand, diesen Traum jetzt mit unseren wunderbaren wissenschaftlichen und technologischen Machtmitteln in die Wirklichkeit umzusetzen? Warum Tugenden verlangen, die der Mensch vielleicht niemals erwirbt, wenn wissenschaftliche Rationalität und technologische Fähigkeiten alles sind, was er braucht?
Hören wir statt auf Gandhi nicht lieber auf einen der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler unseres Jahrhunderts, den großen Lord Keynes? Er fühlte sich im Jahre 1930, während der weltweiten wirtschaftlichen Depression, bemüßigt, Spekulationen über die »wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkel« anzustellen. Er schloss, dass möglicherweise der Tag nicht allzu fern sei, an dem jeder reich wäre. »Wir werden dann«, sagte er, »erneut die Ziele höher als die Mittel einschätzen und das Gute dem Nützlichen vorziehen.«
»Doch Vorsicht!«, fuhr er fort. »Die Zeit für all das ist noch nicht gekommen. Noch mindestens weitere hundert Jahre müssen wir uns und jedem anderen gegenüber sagen, dass schön hässlich und hässlich schön ist, denn hässlich ist nützlich und schön ist unnütz. Geiz, Wucher und Misstrauen müssen noch für eine kleine Weile unsere Götter sein. Denn nur sie können uns aus dem Tunnel wirtschaftlicher Notwendigkeit zur Helligkeit führen.«
Das wurde vor mehr als vierzig Jahren geschrieben, und seither hat sich der Gang der Dinge selbstverständlich stark beschleunigt. Möglicherweise brauchen wir nicht einmal mehr sechzig Jahre zu warten, bis allgemeiner Überfluss erreicht ist. Auf alle Fälle ist die Botschaft Keynes’ deutlich genug: Vorsicht! Ethische Erwägungen sind nicht nur fehl am Platze, sondern geradezu hinderlich, »denn hässlich ist nützlich und schön ist es nicht«. Die Zeit der Schönheit ist noch nicht gekommen. Der Weg zum Himmel ist mit schlechten Vorsätzen gepflastert.
Ich will mich nun mit dieser Behauptung auseinandersetzen. Sie lässt sich in drei Teile zerlegen:
erstens,   dass allgemeiner Wohlstand möglich ist,
zweitens,   dass er auf der Grundlage der materialistischen Lehrmeinung ›Bereichert Euch‹ erreicht werden kann,
drittens,   dass das der Weg zum Frieden ist.
Die Frage, die ich an den Anfang meiner Untersuchung stellen musste, ist natürlich die: Ist genug für alle da? Sogleich sehen wir uns einer ernsthaften Schwierigkeit gegenüber: Was ist ›genug‹? Wer kann uns das sagen? Sicherlich nicht der Wirtschaftswissenschaftler, dem wirtschaftliches Wachstum der höchste aller Werte ist und der daher keine Vorstellung von ›genug‹ hat. Es gibt arme Gesellschaften, die zu wenig haben – doch wo ist die reiche Gesellschaft, die sagt: Halt! Wir haben genug? Es gibt sie nicht.
Vielleicht können wir die Vorstellung von ›genug‹ zuerst einmal beiseitelassen und uns mit der Erforschung der wachsenden Nachfrage nach den Rohstoffen der Welt begnügen, die auftritt, wenn jeder sich große Mühe gibt, einfach ›mehr‹ zu bekommen. Da wir nicht alle Rohstoffe untersuchen können, schlage ich vor, unsere Aufmerksamkeit auf eine Art von Rohstoff zu konzentrieren, die gewissermaßen eine zentrale Stellung einnimmt – den Brennstoff. Mehr Wohlstand bedeutet mehr Brennstoffverbrauch – daran kann es keinen Zweifel geben. Gegenwärtig ist die Kluft im Wohlstand zwischen den Armen und den Reichen dieser Welt in der Tat sehr groß. Das zeigt sich deutlich an ihrem jeweiligen Brennstoffverbrauch.
Wir wollen die Bevölkerung aller Länder mit einem durchschnittlichen Brennstoffverbrauch von einer Tonne Steinkohleneinheit (abgekürzt t SKE) pro Kopf (bezogen auf das Jahr 1966) jeweils als ›reich‹ und alle darunter liegenden jeweils als ›arm‹ bezeichnen. Danach lässt sich (durchweg mit Zahlen der Vereinten Nationen, Stand: 1966) folgende Tabelle erstellen:
reich
(%)
arm
(%)
Welt insgesamt
(%)
Bevölkerung (Millionen)
1 060
(31)
2 284
(69)
3 344
(100)
Brennstoffverbrauch (Millionen t SKE)
4 788
(87)
721
(13)
5 509
(100)
Brennstoffverbrauch pro Kopf (t SKE)
4,52
0,32
1,65
Der durchschnittliche Brennstoffverbrauch pro Kopf bei den ›Armen‹ liegt bei nur 0,32 Tonnen – etwa einem Vierzehntel von dem der ›Reichen‹. Es gibt auf der Welt eine sehr große Anzahl ›armer‹ Völker – dieser Definition zufolge nahezu sieben Zehntel der Weltbevölkerung. Wenn die ›Armen‹ auf einmal anfingen, so viel Brennstoff wie die ›Reichen‹ zu verbrauchen, würde sich der Brennstoffverbrauch auf der ganzen Welt mit einem Schlag verdreifachen.
Das jedoch geht nicht, weil alles seine Zeit braucht. Im Laufe der Zeit aber nehmen bei den Reichen und den Armen sowohl die Wünsche als auch die Bevölkerungszahlen zu. Machen wir eine Hochrechnung. Wenn die reichen Völker um 1,25 Prozent und die armen um 2,5 Prozent jährlich wachsen, wird die Weltbevölkerung bis zum Jahre 2000 rund 6,9 Milliarden betragen – eine Zahl, die nicht sehr von den gegenwärtig gültigen Voraussagen abweicht. Wenn gleichzeitig der Brennstoffverbrauch pro Kopf bei den reichen Völkern um 2,25 Prozent zunimmt, während er bei den armen um 4,5 Prozent jährlich wächst, gelten für das Jahr 2000 folgende Zahlen:
reich
(%)
arm
(%)
Welt insgesamt
(%)
Bevölkerung (Millionen)
1 617
(23)
5 292
(77)
6 909
(100)
Brennstoffverbrauch (Millionen t SKE)
15 588
(67)
7 568
(33)
23 156
(100)
Brennstoffverbrauch pro Kopf (t SKE)
9,64
1,43
3,35
Der gesamte Brennstoffverbrauch auf der Welt würde von 5,5 Milliarden Tonnen SKE 1966 auf 23,2 Milliarden im Jahre 2000 anwachsen. Das wäre ein Zuwachs um mehr als das Vierfache, wovon die Hälfte auf das Bevölkerungswachstum und die andere Hälfte auf den zusätzlichen Verbrauch pro Kopf entfallen würde. Diese Halbierung ist überaus aufschlussreich. Doch noch aufschlussreicher ist die Aufteilung in ›Reiche‹ und ›Arme‹. Von der gesamten Zunahme des Brennstoffverbrauchs auf der Welt von 5,5 Milliarden auf 23,2 Milliarden Tonnen SKE, das heißt, von der Steigerung um 17,7 Milliarden Tonnen würden auf die Reichen nahezu zwei Drittel und auf die Armen nur etwas mehr als ein Drittel entfallen. Über den gesamten Zeitraum von 34 Jahren hinweg würde die Welt 425 Milliarden Tonnen SKE verbrauchen. Dabei entfiele auf die Reichen ein Anteil von 321 Milliarden oder 75 Prozent, auf die Armen kämen 104 Milliarden.
Wirft das nicht ein sehr bezeichnendes Licht auf die Gesamtlage? Selbstverständlich stellen diese Zahlen keine Voraussagen dar: Sie sind das, was man eine Hochrechnung nennt. Ich habe für die Reichen einen sehr mäßigen Bevölkerungszuwachs und einen doppelt so großen für die Armen angesetzt. Dennoch verursachen die Reichen und nicht die Armen den bei Weitem größten Teil des Schadens – wenn man hier von ›Schaden‹ sprechen kann. Selbst wenn der Anteil der als ›arm‹ eingestuften Völker nur um den für die ›reichen‹ angesetzten Betrag wüchse, wäre die Auswirkung auf den gesamten Brennstoffbedarf auf der Welt kaum von Bedeutung – es handelte sich um eine Verminderung von etwas mehr als zehn Prozent. Wenn aber die Reichen beschlössen – und ich sage nicht, dass das wahrscheinlich ist –, dass ihr gegenwärtiger Pro-Kopf-Verbrauch an Brennstoff hoch genug ist und dass sie angesichts der Tatsache, dass ihr Verbrauch bereits jetzt vierzehnmal so hoch ist wie der der Armen, keine weitere Steigerung mehr zulassen sollten: Das würde einen Unterschied ausmachen. Hier würde trotz des angenommenen Bevölkerungszuwachses bei den reichen Völkern der globale Brennstoffbedarf für das Jahr 2000 um mehr als ein Drittel verringert.
Die wichtigste Aussage steckt jedoch in einer Frage: Ist die Annahme vernünftig, dass der Brennstoffverbrauch auf der Welt bis zum Jahr 2000 auf einen Wert nahe 23 Milliarden Tonnen SKE jährlich anwachsen könnte, wobei im Verlauf dieser 34 Jahre 425 Milliarden Tonnen SKE verbraucht würden? In Kenntnis unserer gegenwärtigen Reserven an fossilen Brennstoffen ist das eine unwahrscheinliche Zahl, selbst wenn wir annehmen, dass ein Viertel oder ein Drittel des Gesamtverbrauchs auf der Welt durch Atomenergie ersetzt werden könnte.
Es ist klar, dass die Reichen dabei sind, der Welt ihren nur einmal vorhandenen Schatz an relativ gängigen und billigen Brennstoffen zu rauben. Ihr fortwährendes Wirtschaftswachstum ist verbunden mit immer maßloseren Forderungen, die zur Folge haben, dass die billigen und gängigen Brennstoffe der Welt sich leicht verteuern und verknappen können, lange bevor die armen Länder den Reichtum, den Bildungsstand, den Stand an industriellem Fortschritt und das Ausmaß an Kapitalansammlung erreicht hätten, das für die Verwendung anderer Brennstoffe in bedeutendem Umfange nötig wäre.
Hochrechnungen beweisen selbstverständlich nichts. Ein Beweis für die Zukunft ist immer unmöglich, und ein kluger Mann hat einmal gesagt, dass alle Voraussagen unzuverlässig sind, insbesondere die über die Zukunft. Nötig ist Urteilskraft und Hochrechnungen können dazu unserem Urteil Informationen liefern. Auf jeden Fall unterschätzen unsere Berechnungen in einem überaus wichtigen Zusammenhang das Ausmaß der Schwierigkeit. Es ist unrealistisch, die Welt als ein Ganzes zu behandeln. Brennstoffvorkommen sind sehr ungleich verteilt, und jeder noch so geringe Versorgungsengpass würde die Welt sogleich nach gänzlich neuen Gesichtspunkten in ›Besitzende‹ und ›Habenichtse‹ einteilen. Die besonders begünstigten Gebiete, wie beispielsweise der Mittlere Osten und Nordafrika, würden in einem heute kaum vorstellbaren Maß neidvolle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während einige Gebiete hohen Verbrauchs, wie zum Beispiel Westeuropa und Japan, in die wenig beneidenswerte Lage von Erben eines Restvermögens kämen. Wenn es je Konfliktstoff gab, so liegt er hier.
Da sich, was die Zukunft angeht, nichts beweisen lässt – nicht einmal Prognosen für die nächsten dreißig Jahre –, ist es immer möglich, auch die bedrohlichsten Schwierigkeiten mit dem Hinweis beiseitezuschieben, es werde sich schon etwas finden. Es könnten ja beispielsweise ungeheure und unerhörte neue Vorkommen an Öl, Erdgas oder sogar Kohle entdeckt werden. Und warum sollte die Atomenergie nicht mehr als ein Viertel oder ein Drittel des Gesamtbedarfs liefern? Die Schwierigkeit kann so auf eine andere Ebene verlagert werden, doch verschwinden wird sie dadurch nicht. Denn der Verbrauch von Brennstoff im angegebenen Umfang – wenn keine unüberwindbaren Schwierigkeiten bei der Versorgung angenommen werden – würde Umweltgefahren von bisher nicht da gewesener Art heraufbeschwören.
Nehmen wir beispielsweise die Atomenergie. Einige Menschen sagen, dass die Weltvorräte an relativ konzentriertem Uran nicht ausreichen, um ein wirklich umfassendes Atomprogramm durchzuführen – ein Programm, das hinreichend wäre, die Brennstofflage der Welt in großem Maße zu beeinflussen. Dabei haben wir mit Milliarden und nicht nur mit Millionen von Tonnen SKE zu rechnen. Doch nehmen wir an, dass diese Menschen Unrecht haben. Es wird genug Uran gefunden, es wird von den entferntesten Enden der Welt zusammengeholt, in die Hauptzentren der Bevölkerung gebracht und stark radioaktiv gemacht. Eine größere biologische Bedrohung ist schwer vorstellbar, ganz zu schweigen von der politischen Gefährdung, die davon ausgeht, dass jemand einen winzigen Bruchteil dieser schrecklichen Substanz für keineswegs friedliche Zwecke verwenden könnte.
Auf der anderen Seite wäre, wenn es durch fantastische neue Funde fossiler Brennstoffe doch unnötig würde, das Tempo bei der Einführung der Atomenergie zu steigern, die Wärmebelastung des Klimas zu bedenken – ein Problem, das mit nichts vergleichbar ist, was bisher aufgetreten ist.
Welcher Brennstoff auch gewählt wird, eine Steigerung des Brennstoffverbrauchs um das Vierfache, das Fünffache und dann das Sechsfache … Es gibt keine erkennbare sinnvolle Lösung des Umweltproblems.
Ich habe Brennstoff lediglich als ein Beispiel zur Erläuterung einer sehr einfachen These verwendet: dass nämlich Wirtschaftswachstum, das vom Standpunkt der Wirtschaftswissenschaft, Physik, Chemie und Technik keine erkennbaren Grenzen hat, vom Standpunkt der Umweltforschung zwangsläufig an Grenzen stößt. Eine Haltung dem Leben gegenüber, die ausschließlich im Streben nach Reichtum Erfüllung sucht – kurz gesagt im Materialismus, passt nicht in diese Welt, weil sie kein begrenzendes Prinzip anerkennt. Denn schon jetzt versucht die Umwelt uns mitzuteilen, dass gewisse Belastungen übergroß werden. Indem ein Problem ›gelöst‹ wird, tauchen zehn neue als Ergebnis der ersten ›Lösung‹ auf. Wie Barry Commoner betont, treten die neuen Probleme nicht als Folgen zufälligen Versagens, sondern als die des technischen Erfolgs auf.
Auch hier werden wieder viele Leute darauf bestehen, dieses ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Optimismus und Pessimismus zu betrachten. Dabei sind sie stolz auf ihre eigene Zuversicht, die dahin geht, dass ›die Wissenschaft einen Ausweg finden wird‹. Recht könnten sie nur dann haben, meine ich, wenn ein bewusster und grundlegender Wandel in der Richtung der wissenschaftlichen Bemühungen stattfindet. Die Entwicklung der Wissenschaft und Technik im Verlauf der letzten hundert Jahre war so, dass die Gefahren noch schneller angewachsen sind als die Möglichkeiten, sie zu beheben. Darüber werde ich später mehr zu sagen haben.
Schon gibt es viele Anzeichen dafür, dass das große System natürlichen Ausgleichs in mancherlei Hinsicht und an bestimmten Stellen ins Ungleichgewicht gerät. Es würde hier zu weit gehen, wollte ich versuchen, diese Anzeichen zusammenzustellen. Der Zustand des Eriesees, auf den unter anderen Barry Commoner aufmerksam gemacht hat, sollte als hinreichende Warnung dienen. In einem oder zwei weiteren Jahrzehnten können alle Binnenwassersysteme der Vereinigten Staaten sich in einem ähnlichen Zustand befinden. Mit anderen Worten, das Ungleichgewicht bezieht sich dann womöglich nicht mehr auf bestimmte Punkte, sondern ist ein allgemeines Phänomen geworden. Je weiter dieser Prozess fortschreitet, umso schwieriger wird es sein, ihn zu stoppen – wenn nicht der Punkt bereits überschritten wurde, an dem man noch hätte umkehren können.
Daraus können wir schließen, dass die Vorstellung unbegrenzten Wirtschaftswachstums, die Vorstellung, dass es immer weitergeht, bis jeder in Wohlstand lebt, unter mindestens zwei Gesichtspunkten ernsthaft infrage gestellt werden muss. Da ist einmal die Verfügbarkeit von Rohstoffen und zum anderen die Fähigkeit der Umwelt, mit den Eingriffen fertig zu werden, die man an ihr vornimmt. Das mag für den physikalisch-materiellen Teil der Angelegenheit genügen. Wir wollen uns jetzt bestimmten nicht materiellen Gesichtspunkten zuwenden.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es der menschlichen Natur sehr entgegenkommt, sich persönlich zu bereichern. Keynes schrieb in dem Aufsatz, aus dem ich bereits zitiert habe, dass die Zeit für eine »Rückkehr zu einigen der gesichertsten und fundamentalsten Grundsätzen der Religion und herkömmlichen Wertvorstellungen – dass Geiz ein Laster, Wucher ein Vergehen und die Liebe zum Gelde abscheulich ist«, noch nicht gekommen sei.
Er schrieb weiter, wirtschaftlicher Fortschritt sei nur dann erreichbar, wenn wir uns die mächtigen menschlichen Antriebe der Selbstsucht zunutze machen, denen zu widerstehen, Religion und überlieferte Weisheit uns allgemein raten. Die moderne Wirtschaft wird von einem Rausch der Habsucht vorwärtsgetrieben und schwelgt in einer Orgie des Neides. Das aber sind keine zufälligen Züge, sondern die eigentlichen Ursachen ihres auf Ausdehnung gerichteten Erfolges.
Die Frage ist, ob solche Ursachen auf lange Zeit hin Erfolg haben können oder ob sie in sich den Keim der Zerstörung tragen. Wenn Keynes sagt, dass »hässlich nützlich und schön unnütz ist«, macht er eine Tatsachenaussage, die richtig oder falsch sein kann. Sie kann aber auch kurzfristig richtig sein und sich langfristig als falsch erweisen. Was stimmt nun?
Ich meine, es sind jetzt genug Belege dafür zusammengetragen worden, dass die Aussage in einem sehr unmittelbaren praktischen Sinne falsch ist. Wenn menschliche Laster wie Habsucht und Neid systematisch gefördert werden, ist das unvermeidliche Ergebnis nichts anderes als der Zusammenbruch menschlicher Einsicht. Ein von Habsucht oder Neid geleiteter Mensch verliert die Fähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie sind, sie in ihrer Ganzheit und Geschlossenheit zu erkennen, und so werden noch aus seinen Erfolgen Misserfolge. Wenn ganze Gesellschaften von diesen Lastern befallen werden, können sie zu erstaunlichen Ergebnissen gelangen, aber sie werden zunehmend unfähiger, die grundlegendsten Aufgaben des täglichen Daseins zu lösen. Das Bruttosozialprodukt steigt zwar nach Berechnungen der Statistiker rasch an, nicht aber nach der Erfahrung der Menschen, die feststellen, dass sie von einem zunehmenden Gefühl der Vergeblichkeit, Entfremdung, Unsicherheit und Ähnlichem niedergedrückt werden. Nach einer Weile steigt nicht einmal mehr das Bruttosozialprodukt weiter an, nicht aufgrund wissenschaftlichen oder technischen Versagens, sondern wegen einer schleichenden Lähmung durch Nichtzusammenarbeit, wie sie sich in verschiedenen Arten des ›Aussteigens‹ aufseiten der Unterdrückten und Ausgebeuteten, wie aber auch der stark privilegierten Gruppen zeigt.
Man kann noch lange die Irrationalität und Blindheit von Männern und Frauen in hohen oder niederen Positionen beklagen – wenn die Menschen nur sähen, wo ihre wahren Interessen liegen! Warum aber sehen sie es nicht? Entweder weil ihre Einsichtsfähigkeit durch Habsucht und Neid geblendet ist oder weil sie im tiefsten Inneren verstehen, dass ihre wirklichen Interessen auf ganz anderem Gebiet liegen. Es gibt ein revolutionäres Wort, das heißt: ›Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.‹
Auch hier lässt sich nichts ›beweisen‹. Doch kann man im Ernst immer noch daran glauben, dass die schweren gesellschaftlichen Probleme, die viele reiche Gesellschaften heute bewältigen müssen, lediglich vorübergehende Erscheinungen sind, die eine fähige Regierung – hätten wir nur eine wirklich fähige Regierung! – einfach dadurch zu beseitigen vermöchte, dass sie Ergebnisse von Wissenschaft und Technik konsequenter oder strafrechtliche Sanktionen radikaler anwendete?
Ich gebe zu bedenken, dass Frieden sich nicht auf allgemeinen Wohlstand gründen lässt, wie er im neuzeitlichen Sinne verstanden wird. Denn ein solcher Wohlstand, falls er überhaupt erreichbar ist, lässt sich nur dadurch erzielen, dass menschliche Schwächen wie Habsucht und Neid bekämpft werden, die das Einsichtsvermögen, das Glück, die innere Ruhe und damit den Frieden des Menschen zerstören. Es ist durchaus möglich, dass Reiche den Frieden höher einstufen als Arme, aber nur, wenn sie sich sehr sicher fühlen – das wiederum ist ein Widerspruch in sich selbst. Ihr Reichtum beruht darauf, dass sie unangemessen großen Gebrauch von den begrenzten Schätzen der Welt machen, und dadurch begeben sie sich auf Konfrontationskurs – nicht in erster Linie mit den Armen (die sind schwach und wehrlos), sondern mit anderen Reichen.
Kurz gesagt, können wir heute davon ausgehen, dass der Mensch viel zu klug ist, als dass er ohne Einsichtsvermögen überleben könnte. Niemand arbeitet wirklich für den Frieden, es sei denn, er arbeitet in erster Linie dafür, dem Einsichtsvermögen wieder Geltung zu verschaffen. Die Behauptung, dass »hässlich nützlich und schön unnütz« sei, ist die Gegenthese zum Einsichtsvermögen. Die Hoffnung, dass das Streben nach dem Guten aufgeschoben werden könnte, bis wir allgemeinen Wohlstand erreicht haben, und dass wir durch Streben nach Wohlstand – ohne dass wir uns dabei die Köpfe über seelische und moralische Fragen zerbrechen müssen – Frieden auf Erden erreichen könnten, ist wirklichkeitsfremd, unwissenschaftlich und unvernünftig. Der Ausschluss der Vernunft aus den Bereichen der Wirtschaft, Wissenschaft und Technik war etwas, das vielleicht eine Weile gutgehen konnte, nämlich solange wir nur wenig Erfolg hatten. Doch jetzt, wo wir sehr viel erreicht haben, tritt die Frage der seelischen und moralischen Stärke in den Mittelpunkt.
Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist Stetigkeit der zentrale Begriff der Vernunft. Wir müssen die Ökonomie dieser Stetigkeit untersuchen. Nichts ist wirtschaftlich sinnvoll, wenn seine Langzeitwirkung nicht voraussehbar ist, ohne dass man dabei an das Sinnlose stößt. ›Wachstum‹ auf ein endliches Ziel hin ist möglich, doch nicht ein unbegrenztes, allgemeines Wachstum. Es ist mehr als wahrscheinlich, wie Gandhi sagte, dass »die Erde genug bietet, um das Bedürfnis jedes Menschen zu befriedigen, nicht aber seine Habsucht«. Stetigkeit ist unvereinbar mit der räuberischen Haltung derer, die sich daran freuen, dass ›was für unsere Väter Luxus war, für uns alltägliche Notwendigkeit geworden ist‹.
Die Hinwendung zu und die künstliche Schaffung von Bedürfnissen sind der Gegensatz zu Vernunft und ebenso zu Freiheit und Frieden. Jede Zunahme von Bedürfnissen erhöht die Abhängigkeit des Menschen von äußeren Mächten und somit seine Existenzangst. Nur durch eine Verringerung der Bedürfnisse lassen sich die Spannungen wirklich vermindern, die die letzten Ursachen von Zwietracht und Krieg sind.