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Wenn Sie glauben, alle digitalen medizinischen Innovationen bereits zu kennen, wird Sie dieses Buch überraschen! Für nahezu alle Akteure im Gesundheitswesen hat sich das Arbeitsleben gravierend verändert. Insbesondere für Ärzte und Ärztinnen bedeutet der Übergang zur smarten Medizin eine Versorgung zwischen den beiden Extremen "Tradition und Innovation". Welche Chancen und Grenzen bietet die Digitalisierung der jeweiligen Disziplin? Wo gibt es das größte Innovationspotenzial? Wie hat sich das Berufsbild jetzt schon konkret geändert? Wo entwickeln insbesondere Ärzte und Ärztinnen ganz neue Denkmuster? In Form von strukturierten Interviews geben ausgewählte Experten aus Klinik und Praxis sowie aus der Gesundheitswirtschaft einen transparenten Einblick, wie Patienten und Patientinnen jetzt schon Zugang zu einer schnellen und besseren medizinischen Versorgung erhalten. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden praxisnahe Erklärungen zu neuen digitalen Gesundheitsanwendungen, genbasierten Therapien, digitalen Therapeutika und Diagnostik-Methoden, operierende Roboter, Virtual Reality oder Wirkstoffscreening mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz dargestellt. Videobasierte Sprechstunden und andere innovative Möglichkeiten der Telemedizin stellen eine neue Art der Arzt-Patienten-Kommunikation her. Vom Periskop über das Mikroskop bis zum Teleskop geben die Autoren und Autorinnen interessante Einblicke in die Smarte Medizin. Diese fangen chronologisch bei der Prävention an, gehen über die Therapie bis hin zur Nachsorge. Nichts wird im Jahr 2025 so, wie es mal war.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2022
David Matusiewicz
Alice Martin
Smarte Medizin
Analog und digital von A bis Z
unter Mitarbeit von
Michael Achtelik
Martina Bittroff
Dominik Böhler
Raoul Breitkreuz
Bettina Buschhorn
Stefan Ebener
Roman Englert
Shabnan Fahimi-Weber
Gandolf Finke
Christian Franken
Michael Friebe
Stefan Heinemann
Felix Hofmann
Ingo Horak
Alexandra Jorzig
Klaus Juffernbruch
Veronica Kiriag
Jochen Kleining
Estefania Lang
Anne Latz
Pauline Laufer
Leander Melms
Jan-Niclas Mumm
Nibras Naami
Till Oswald
Domink Pförringer
Philipp Plugmann
Matthias Puls
Tienush Rassaf
Thomas Saur
Werner Schäffke-Zell
Martin Scherer
Kristina Spöhrer
Johanna Tecklenburg
Axel Telzerow
Henri Michael von Blanquet
Sievert Weiss
Prof. Dr. David Matusiewicz (Hrsg.)
FOM – Hochschule für Oekonomie und Management
Dekan Gesundheit & Soziales
Herkulesstr. 32
45127 Essen
Dr. med. Alice Martin (Hrsg.)
Merowinger Platz 1
40225 Düsseldorf
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Lektorat Medizin
z.Hd. Susanne Ristea
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Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Susanne Ristea
Bearbeitung: Thomas Koch-Albrecht, Münchwald/Hunsrück
Bearbeitung Icons im Innenteil: Christina Demetrescu
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: Getty Images/photoman
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Matthias Lenke, Weimar
Format: EPUB
1. Auflage 2023
© 2023 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96172-9)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76172-5)
ISBN 978-3-456-86172-2
https://doi.org/10.1024/86172-000
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Smarte Medizin
David Matusiewicz
Alice Martin
Programmbereich Medizin
Als der französische Schriftsteller Jules Verne im 19. Jahrhundert über U-Boote und Luftschiffe sprach, war die Zukunft noch weit entfernt. Mit seinem Namen erfolgte die Einführung des Genres „Science-Fiction“. Es dauerte ein Jahrhundert, bis seine damaligen Romane kein Zukunftsthema, sondern Wirklichkeit wurden.
Genauso zukunftsträchtig scheinen für viele die in diesem Buch vorgestellten Möglichkeiten der heutigen Medizin. Doch was sich futuristisch anhört, ist längst Gegenwart: Künstliche Intelligenz, operierende Roboter, Virtual Reality und vieles mehr. Weg von der klassischen, hin zur smarten Medizin. Pioniere der deutschen Gesundheitsbranche haben in den letzten Jahren die Digitalisierung vorangetrieben und kreative Möglichkeiten entwickelt, um Patient:innen eine einfache, schnelle und bessere medizinische Versorgung anbieten zu können.
Allen gemein ist die Digitalisierung. Sie schafft das, was uns Menschen limitiert: Geschwindigkeit und Präzision, vereint mit der Analyse großer Datenmengen bis hin zur autonomen Entscheidungsfindung. Das zuvor subjektive Wissen kann durch Datenmengen standardisiert und dennoch individuell angepasst werden. Aus der vorherigen Praxiserfahrung n = 1 000 wird nun n > 100 000 mit Untergruppen zu je N = 1 000. Ärzt:innen lernen ebenso schneller und entwickeln neue Denkmuster.
Dabei profitieren nicht einzelne, sondern alle Fachdisziplinen. Denn die Digitalisierung kann individuell eingesetzt und angepasst werden, sodass sich die im Buch vorgestellten Lösungen stark voneinander unterscheiden.
Einige Erkrankungshäufigkeiten haben sich in der heutigen Gesellschaft verändert, bedingt durch Ernährung, Bewegungsverhalten und sonstige Konsummöglichkeiten. Digitale Medizin zielt dabei nicht nur auf die Behandlung ab, sondern setzt bereits in der Prävention und Früherkennung an. Dadurch können Erkrankungen in einem subklinischen Stadium detektiert werden, sodass der klinische Krankheitsausbruch abgewendet wird.
Es handelt sich z.B. um die Erfassung von Parametern, die nur durch kontinuierliche Messung analysiert werden können (Blutdruckverhalten und Herzfrequenz durch die digitale Uhr im Alltag). Dies schafft alltagstreue Werte ohne Verfälschun|6|gen durch punktuelle Messungen vor Ort in der Praxis, wo Patient:innen aufgeregt sein können.
Und um nicht zu viel vorwegzunehmen, sind in allen Kapiteln kleine Jules Verne Visionen für das Jahr 2025 von den Zukunftstreiber:innen der Co-Autor:innen. Wobei die Medizin sich heute in zwei bis fünf Jahren genauso stark verändert, wie früher innerhalb von zwanzig bis fünfzig Jahren.
Sprunginnovationen verändern unser Leben spürbar, nachhaltig und hauptsächlich zum Besseren, alles andere ist Innovationstheater. Buchdruck, Kunstdünger, Penicillin, das Auto sind ebenso Sprunginnovationen wie Computer, Internet und Smartphone.
Ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden Jahrzehnten eine neue „Gründerzeit“ mit einer Vielzahl von lebensqualitätssteigernden Innovationen sehen, ganz besonders in der Biotechnologie und Medizin – denn wo könnten Sprunginnovationen besseren Nutzen für die Menschen stiften als dort?
Innovationen entstehen häufig, wenn sich unterschiedliche Disziplinen kreuzen. Dies geschieht gerade in der medizinischen / biotechnologischen Forschung und Anwendung mit und den digitalen Technologien. Dieses Buch stellt einen strukturierten und umfassenden Überblick dazu bereit.
Wohin kann das führen? Bildverarbeitung, Wirkstoffscreening, Proteinfaltung - mit KI-Unterstützung. Simulationen und Druck von DNA basierten Nanomaschinen, die uns vielleicht endlich das „Lab on a Chip“ bringen. Aufbau einer globalen Phagen-Datenbank zur therapeutischen Anwendung - um nur einige Themen zu nennen mit denen wir uns bei der SPRIND beschäftigen.
Im Ergebnis erwarte ich eine heute noch nicht vorstellbare Menge an neuem Wissen und eine Vielzahl praktischer Anwendungen, die unser Leben länger, besser und gesünder machen. Darauf können wir uns freuen!
Rafael Laguna de la Vera
Direktor, Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND
Was und wer macht unsere Medizin endlich smart?
Wer verstehen will, was dieses Buch so besonders macht, schlage einfach mal S. 289 auf. Dort beginnt ein visionärer Artikel zu Präzisions- und Systemmedizin-Plattformen. Man lernt den Autor Henri Michael von Blanquet mittels eines Portraitfotos und eines Sinn-Spruches kennen. Auf der gegenüberliegenden Seite beginnt der Text in der Ich-Form. Er nimmt einen mit auf eine ebenso persönliche wie authentische Reise eines Protagonisten, der die Digitalisierung der Medizin aus persönlicher Überzeugung, mit großer Leidenschaft und beharrlicher Zielstrebigkeit verfolgt.
Dieser Ansatz zieht sich durch das gesamte Buch.
Und dieser Ansatz ist charmant. Denn er zeigt explizit und implizit, dass die digitale Transformation der Medizin einstweilen noch sehr an einzelne Enthusiasten und „early adopters“ gebunden und keineswegs bereits mainstream ist, oder gar einer allgemein akzeptierten Marschroute folgen würde.
Das Ziel ist eine smarte Medizin. Aber wir stehen erst am Beginn einer Reise. Niemand, ich betone, niemand hat den Stein der Weisen bereits gefunden – wie manch anderes Buch zu diesem Thema suggeriert. Es gibt, zurecht, noch keine konsistente und kohärente Meinung zur smarten Medizin. Aber es gibt eine Menge kluger Menschen, die für ihren Bereich der Medizin in der Digitalität eine große Chance der positiven Weiterentwicklung, oder gar der radikalen Neuorientierung sehen. Und noch andere sehen sogar die Notwendigkeit, althergebrachtes einzureißen, weil die Computer das Erklimmen neuer Komplexitätsgrade und somit neue, therapierelevantere Klassifizierungen von Krankheiten erlauben – wie besagter Autor Henri Michael von Blanquet. Einer Meinung, der ich mich vollumfänglich anschließe.
Die Mehrzahl dieser Meinungen sind Meinungen. Kaum etwas ist bewiesen. Noch weniger ist bereits etabliert und bewährt. Es gibt nur viele gute Gründe, viele belastbare Indizien, viele spannende Hinweise und erste Studienergebnisse – mit |9|Elan vorgetragen von Vorreitern, die mit gutem Grund an die positive Perspektive glauben, und mit erhobenem Banner und kluger Argumentation vorweg reiten.
Und es sind diese persönlich geführten Argumentationen von den Vorreitern, denen dieses Buch ein Forum gibt. Keine Pseudo-Objektivität, kein Zwang zum wissenschaftlichen, literatur-basiertern Abwägen der Für und Widers. Sondern O-Ton. Authentische Rede. Und das ist ein zutiefst ehrlicher, wie auch der Zeit angemessener Ansatz.
Nochmal: es gibt DIE smarte Medizin noch nicht. Sondern nur Vorstellungen davon, von mutigen und engagierten Vorreitern. Und das Buch „Smarte Medizin“ bringt uns beides nahe: Vorreiter, ihre Missionen und die ersten positiven Signale, dass eine smarte Medizin machbar und sinnvoll ist.
Insgesamt ist es eine Freude, den hier beteiligten Vorreitern und ihren Sichtweisen zu begegnen. Und durch das systematische Ausleuchten verschiedenster Medizinbereiche formt sich im Kopf des Lesenden allmählich ein ehrliches und realistisches Bild von der Zukunft einer digitalen Medizin – in ihrer inhaltlichen Unbestimmtheit, aber auch in ihrem enormen und faszinierenden Potential.
Ja, dem Herausgeber und der Herausgeberin, und auch dem Verlag muss Dank und Respekt für dieses mutige, ungewöhnliche und ehrliche Format gezollt werden, das dem Leser eine Vielzahl von Vorreitern und Konzepten der smarten Medizin in treffender und lesenswerter Weise vorstellt.
Chapeau!
Marburg, im August 2022
Martin Hirsch
Vorwort
Erstes Geleitwort
Zweites Geleitwort
Teil I Rahmenbedingungen
1 Digitale Medizin und LehreSievert Weiss
1.1 Vorstellung
1.2 Praxisbeispiele
1.3 Chancen
1.4 Grenzen
1.5 Im Jahr 2025
1.6 Einschätzungen
1.7 Literatur
2 Digitale Medizin und Datenschutz/DatensicherheitWerner Schäfke-Zell
2.1 Vorstellung
2.2 Praxisbeispiele
2.3 Chancen
2.4 Grenzen
2.5 Im Jahr 2025
2.6 Einschätzungen
2.7 Literatur
3 Digitale Medizin und PräventionMatthias Puls
3.1 Vorstellung
3.2 Praxisbeispiele
3.2.1 Regimen
3.2.2 iATROS
3.2.3 BetterPhysio
3.3 Chancen
3.4 Grenzen
3.5 Im Jahr 2025
3.6 Einschätzungen
3.7 Literatur
4 Digitale Medizin und RechtAlexandra Jorzig
4.1 Vorstellung
4.2 Praxisbeispiele
4.3 Chancen
4.4 Grenzen
4.5 Im Jahr 2025
4.6 Einschätzungen
4.7 Weiterführende Literatur
5 Digitale Medizin und InformatikKlaus Juffernbruch
5.1 Vorstellung
5.2 Praxisbeispiele
5.3 Chancen
5.4 Grenzen
5.5 Im Jahr 2025
5.6 Einschätzungen
5.7 Literatur
6 Digitale Medizin und MedizintechnikMichael Achtelik
6.1 Vorstellung
6.2 Praxisbeispiele
6.2.1 Screening-Untersuchung des Augenhintergrundes bei chronischen Erkrankungen
6.2.2 Digitale Archivierung von Diagnostikdaten in einer Augenklinik
6.2.3 Digitale Netzwerke in ländlichen Regionen
6.3 Chancen
6.3.1 Telemedizin
6.3.2 Reduktion der Folgeschäden bei chronischen Erkrankungen
6.3.3 Patientenspezifische Therapie
6.4 Grenzen
6.5 Im Jahr 2025
6.6 Einschätzungen
6.7 Literatur
7 Digitale Medizin und UnternehmertumDominik Böhler
7.1 Vorstellung
7.2 Praxisbeispiele
7.2.1 Digitalisierung schafft unternehmerische Chancen im Gesundheitswesen
7.3 Chancen
7.4 Grenzen
7.5 Im Jahr 2025
7.6 Einschätzungen
7.7 Literatur
8 Digitale Medizin und ConsultingIngo Horak
8.1 Vorstellung
8.2 Praxisbeispiele
8.3 Chancen
8.4 Grenzen
8.5 Im Jahr 2025
8.6 Einschätzungen
8.7 Literatur
9 Digitale Medizin und Social MediaVeronica Kiriak
9.1 Vorstellung
9.2 Praxisbeispiele
9.3 Chancen
9.4 Grenzen
9.5 Im Jahr 2025
9.6 Einschätzungen
9.7 Literatur
9.8 Weiterführende Literatur
10 Digitale Medizin und EthikStefan Heinemann
10.1 Vorstellung
10.2 Praxisbeispiele
10.3 Chancen
10.4 Grenzen
10.5 Im Jahr 2025
10.6 Einschätzungen
10.7 Literatur
Teil II Fachgebiete
11 Allgemeinmedizin und DigitalisierungKristina Spöhrer und Martin Scherer
11.1 Vorstellung
11.2 Praxisbeispiele
11.3 Chancen
11.4 Grenzen
11.5 Im Jahr 2025
11.6 Einschätzungen
12 Arbeitsmedizin und DigitalisierungAxel Telzerow
12.1 Vorstellung
12.2 Praxisbeispiele
12.3 Chancen
12.4 Grenzen
12.5 Im Jahr 2025
12.6 Einschätzungen
12.7 Weiterführende Literatur
13 Dermatologie und DigitalisierungEstefanía Lang
13.1 Vorstellung
13.2 Praxisbeispiele
13.3 Chancen
13.4 Grenzen
13.5 Im Jahr 2025
13.6 Einschätzungen
13.7 Literatur
14 Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und DigitalisierungShabnam Fahimi-Weber
14.1 Vorstellung
14.2 Praxisbeispiele
14.3 Chancen
14.4 Grenzen
14.5 Im Jahr 2025
14.6 Einschätzungen
14.7 Literatur
15 Humangenetik und DigitalisierungJohanna Tecklenburg
15.1 Vorstellung
15.2 Praxisbeispiele
15.3 Chancen
15.4 Grenzen
15.5 Im Jahr 2025
15.6 Einschätzungen
15.7 Literatur
16 Kardiologie und DigitalisierungTienush Rassaf
16.1 Vorstellung
16.2 Praxisbeispiele
16.3 Chancen
16.4 Grenzen
16.5 Im Jahr 2025
16.6 Einschätzungen
17 Kinder- und Jugendmedizin und DigitalisierungNibras Naami
17.1 Vorstellung
17.2 Praxisbeispiele
17.3 Chancen
17.4 Grenzen
17.5 Im Jahr 2025
17.6 Einschätzungen
17.7 Literatur
18 Onkologie und DigitalisierungGandolf R. Finke
18.1 Vorstellung
18.2 Praxisbeispiele
18.3 Chancen
18.4 Grenzen
18.5 Im Jahr 2025
18.6 Einschätzungen
18.7 Literatur
19 Orthopädie und DigitalisierungDominik Pförringer
19.1 Vorstellung
19.2 Praxisbeispiele
19.2.1 Bildgebung und -analyse
19.2.2 Datenaustausch und -archivierung
19.2.3 Aus- und Weiterbildung
19.3 Chancen
19.4 Grenzen
19.5 Im Jahr 2025
19.6 Einschätzungen
19.7 Literatur
20 Psychiatrie/Psychotherapie und DigitalisierungAnne Latz
20.1 Vorstellung
20.2 Praxisbeispiele
20.3 Chancen
20.4 Grenzen
20.5 Im Jahr 2025
20.6 Einschätzungen
20.7 Literatur
21 Radiologie und DigitalisierungFelix Carl Daniel Hofmann
21.1 Vorstellung
21.2 Praxisbeispiele
21.3 Chancen
21.4 Grenzen
21.5 Im Jahr 2025
21.6 Einschätzungen
21.7 Literatur
22 Urologie und DigitalisierungJan-Niclas Mumm
22.1 Vorstellung
22.2 Praxisbeispiele
22.3 Chancen
22.4 Grenzen
22.5 Im Jahr 2025
22.6 Einschätzungen
22.7 Literatur
23 Zahnmedizin und DigitalisierungPhilipp Plugmann
23.1 Vorstellung
23.2 Praxisbeispiele
23.2.1 3-D-Druck-Technologie
23.2.2 Aufklärung und Dokumentation mit digitalen Technologien in der Zahnmedizin
23.2.3 Cybersicherheit
23.3 Chancen
23.4 Grenzen
23.5 Im Jahr 2025
23.6 Einschätzungen
23.7 Literatur
Teil III Neuvermessung der Medizin
24 Digitale AnamneseRoman Englert
24.1 Vorstellung
24.2 Praxisbeispiele
24.3 Chancen
24.4 Grenzen
24.5 Im Jahr 2025
24.6 Einschätzungen
24.7 Literatur
25 Augmented und Virtuelle RealitätThomas Saur
25.1 Vorstellung
25.2 Praxisbeispiele
25.3 Chancen
25.4 Grenzen
25.5 Im Jahr 2025
25.6 Einschätzungen
25.7 Weiterführende Literatur
26 BlockchainMartina Bittroff
26.1 Vorstellung
26.2 Praxisbeispiele
26.3 Chancen
26.4 Grenzen
26.5 Im Jahr 2025
26.6 Einschätzungen
26.7 Literatur
27 Cloud-ComputingTill Osswald
27.1 Vorstellung
27.2 Praxisbeispiele
27.3 Chancen
27.4 Grenzen
27.5 Im Jahr 2025
27.6 Einschätzungen
27.7 Literatur
28 Digitale EvidenzstrategienJochen Kleining
28.1 Vorstellung
28.2 Praxisbeispiele
28.3 Chancen und Grenzen
28.4 Im Jahr 2025
28.5 Einschätzungen
28.6 Literatur
29 Machine Learning und KIStefan Ebener
29.1 Vorstellung
29.2 Praxisbeispiele
29.3 Chancen
29.4 Grenzen
29.5 Im Jahr 2025
29.6 Einschätzungen
29.7 Literatur
30 3-D-Druck von TablettenChristian Franken
30.1 Vorstellung
30.2 Praxisbeispiele
30.3 Chancen
30.4 Grenzen
30.5 Im Jahr 2025
30.6 Einschätzungen
30.7 Literatur
31 Precision Medicine und Systemmedizin-PlattformenHenri Michael von Blanquet
31.1 Vorstellung
31.2 Praxisbeispiele
31.3 Chancen
31.4 Grenzen
31.5 Im Jahr 2025
31.6 Einschätzungen
31.7 Literatur
32 SonoskopieRaoul Breitkreutz
32.1 Vorstellung
32.2 Praxisbeispiele
32.2.1 Verfahren vor der Digitalisierung
32.2.2 Verfahren seit der Digitalisierung
32.3 Chancen
32.4 Grenzen
32.5 Im Jahr 2025
32.6 Einschätzungen
32.7 Literatur
33 Hausapotheke 2025Leander Melms
33.1 Vorstellung
33.2 Praxisbeispiele
33.3 Chancen
33.4 Grenzen
33.5 Im Jahr 2025
33.6 Einschätzungen
33.7 Literatur
34 Datenbasierte LösungenBettina Buschhorn
34.1 Vorstellung
34.2 Praxisbeispiele
34.3 Chancen
34.4 Grenzen
34.5 Im Jahr 2025
34.6 Einschätzungen
34.7 Literatur
35 BiometrieMichael Friebe
35.1 Vorstellung
35.2 Praxisbeispiele
35.3 Chancen
35.4 Grenzen
35.5 Im Jahr 2025
35.6 Einschätzungen
35.7 Literatur
Anhang
Die Herausgeber
Autorenadressen
Sachwortverzeichnis
Sievert Weiss
|24|„Stay hungry. Stay foolish.“
Stewart Brand via Steve Jobs (Stanford Commencement Speech, 2005 [1]).
Sievert Weiss
Medizin vereint für mich drei spannende Aspekte: einen analytischen, einen praktischen und einen sozialen. Im Studium war es dann zwar faszinierend zu lernen, wie der menschliche Körper funktioniert und was passiert, wenn er nicht funktioniert. Gleichzeitig hat mich die Zeit aber auch sehr ernüchtert, da die Lehre größtenteils auf Auswendiglernen basierte. Es gab wenige Fähigkeiten, die ich tatsächlich anwenden musste, und die Herangehensweise an die Behandlung von Patienten glich in der Regel bloß einem Feuerlöschen.
Später interessierte ich mich zunehmend für den Bereich der öffentlichen Gesundheit und ging ins ländliche Indien, um in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Obwohl das Projekt, an dem ich beteiligt war, natürlich unmittelbare medizinische Hilfe leistete, betrachtete man auch die ganzheitlicheren Bedürfnisse der Menschen und der Gemeinschaft und versuchte, die Wurzeln von Krankheit und Armut zu bekämpfen. Das hat mich tief beeindruckt und in mir den Wunsch geweckt, mein medizinisches Wissen über die reine klinische Tätigkeit hinaus und auf breiterer Ebene mit einem größeren Hebel anzuwenden.
Zwei Jahre später bereitete ich mich mit zwei sehr guten Freunden, Kenan und Madjid, auf meine Abschlussprüfung vor. Das Studieren und insbesondere diese Vorbereitung waren zu dieser Zeit noch extrem ineffizient. Die verfügbare Software war langsam und hatte überhaupt keine didaktische Ausrichtung; die Inhalte waren veraltet, inkonsistent, redundant und oft ungenau. Aus dieser Erfahrung ist letztlich die Idee für AMBOSS entstanden.
Inzwischen bieten wir Inhalte für Mediziner in jeder Ausbildungs- und Karrierestufe auf Deutsch und Englisch (und damit weltweit) an. Damit haben wir bisher ca. 1,5 Millionen Mediziner in 170 Ländern erreicht, die unsere Seiten und Apps nutzen, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich habe in der Zwischenzeit erkannt, dass diese Plattform der beste Weg für mich ist, einen Beitrag zur globalen Gesundheit zu leisten.
Zum einen wird im Medizinstudium immer noch auf die gleiche Weise unterrichtet wie vor Hundert Jahren: In den Vorlesungen werden die Studierenden mit Fakten gefüttert, die ihnen teilweise fast wortwörtlich aus den Büchern vorgelesen werden, und die sie auswendig lernen sollen. Und dabei ist die Hälfte vielleicht schon veraltet, wenn sie ihren Abschluss machen. Diese Studierenden werden dann zu Ärzten, die eine Fülle von Informationen zur Hand haben müssen, aber keine effiziente Möglichkeit haben, darauf zuzugreifen. Die schiere Fülle und Vielfalt der Quellen macht es fast unmöglich, schnell zuverlässige, aktuelle medizinische Informationen zu finden und sie dann richtig im klinischen Alltag anzuwenden. Was tun Sie als Allgemeinmediziner auf dem Lande, wenn Sie Schwierigkeiten haben, die Diagnose eines Patienten zu bestimmen? In einem Buch nachschlagen? Vielleicht. Aber das Buch wird höchstwahrscheinlich veraltet sein.
Fazit: Aktuelles medizinisches Wissen wird an jeder Stelle im Lebenslauf eines Mediziners benötigt, findet aber nicht immer den Weg in die Praxis. Und das Studium bereitet auch nicht darauf vor, wo man die aktuellsten Informationen später bezieht, und wie man mit ihnen umgehen, sie bewerten und einordnen sollte.
Gleichzeitig gibt es viele neue Technologien, die Informationen immer leichter verfügbar machen. Daten werden zunehmend digital erfasst, zusammengeführt und analysiert. Denken wir an tragbare Endgeräte, die uns kontinuierlich monitoren, oder an Befunddatenbanken, die systematisch analysiert werden. Oder an das individuelle menschliche Genom, das sequenziert wird. Auch wenn diese Technologien dazu beitragen, dass erst einmal mehr Daten generiert werden, insbesondere in der medizinischen Welt, wird es bald Lösungen geben, die Ärzten helfen, sich in dieser Informationsflut zurechtzufinden.
Dabei muss man natürlich den Datenschutz berücksichtigen. Insgesamt bietet aber das Mehr an Daten natürlich viele neue Möglichkeiten. Nehmen wir als Beispiel die Radiologie. Da gibt es schon heute immer mehr digitale Tools, die bei der Befundung unterstützen können. Zum einen lassen sich durch die Algorithmen und großen Datenmengen vielleicht neue Zusammenhänge entdecken. Durch solche Analysen kann der Wissenszuwachs sogar noch immer weiter beschleunigt werden. Zum anderen stellt sich natürlich die Frage: Wenn Algorithmen einen Großteil der relevanten Erkrankungen präziser befunden können als Fachspezialisten, worauf muss man dann eigentlich bei der Ausbildung achten? Ist es dann noch sinnvoll, Radiologen genauso auszubilden wie vor der Digitalisierung? Gibt es vielleicht neue Kompetenzen, die erworben werden müssen? Gibt es vielleicht sogar neue Fachrichtungen?
Darauf aufbauend noch ein Punkt: Die Digitalisierung in der Medizin triggert natürlich auch die Entwicklung vieler Apps und der o. g. digitalen Tools. Aber wer |27|entwickelt diese Dinge eigentlich? Auch in dem Bereich bietet das Medizinstudium heute nur wenige Antworten. Als ich studierte, wurde eine Jobmesse über alternative Karrierewege abgelehnt. Wir wurden aktiv daran gehindert, etwas über Möglichkeiten außerhalb der konventionellen Schiene zu erfahren. Natürlich werden wir auch in Zukunft die „traditionellen“ Ärzte brauchen, aber ich erwarte, dass sich die Einstellung gegenüber dem unternehmerischen Weg ändert – angefangen bei einer Kultur, die Innovation wirklich wertschätzt, bis hin zu mehr Finanzierungsmöglichkeiten. Erst kürzlich wurde ich eingeladen, an meiner Alma Mater einen Vortrag darüber zu halten, was es bedeutet, als Arzt ein Unternehmer zu sein. Vielleicht ändern sich die Dinge also tatsächlich.
Von dem medizinischen Wissen wird behauptet, dass es sich aktuell alle 73 Tage verdoppelt [2]. Auch wenn es sich hierbei mehr um eine „urban legend“ handelt als um eine stichfeste Erhebung [3], so hat der Ausspruch doch einen wahren Anteil: Das medizinische Wissen wird in seiner schieren Menge im Alltag immer schwieriger zu handhaben sein. Denn nicht nur der Wissenszuwachs beschleunigt sich immer weiter. Die Therapien werden auch immer individueller, statt „one size fits all“. Da wird dann geguckt, welche Mutationen oder welches Genom der Tumor hat, welche Targeted Therapy genau darauf passt, damit der Tumor ihr nicht entrinnen kann.
Früher hat man, platt gesagt, einfach Zellteilungshemmer in Menschen mit Krebs hineingeschüttet – mit enormen Nebenwirkungen natürlich und eben dem Risiko, dass der Krebs dafür schon eine Escape-Strategie hat. Heute versucht man, da immer differenzierter zu werden.
Auch dieses Wissen – also zum Beispiel: Welche Therapie passt auf welches Genom? – wird explodieren und kaum mehr vom einzelnen Arzt im Gedächtnis behalten werden können.
Die Digitalisierung bietet uns enorme Chancen. Eine der größten ist es unserer Meinung nach, Gesundheitsdienstleister in die Lage zu versetzen, das zu tun, wofür sie ausgebildet sind und was sie tun sollten: evidenzbasierte Medizin anwenden, mit dem Fokus auf das Ergebnis. Was sie nicht tun sollten: ihre Zeit mit ineffizienten Prozessen und Verwaltungsaufgaben vergeuden. Digitalisierung kann dabei einerseits viele dieser lästigen Prozesse übernehmen, kann aber andererseits auch aus der Flut an Daten die wesentlichen Informationen herausfiltern und Zusammenhänge aufzeigen.
Auch auf die Lehre hat Digitalisierung enormes Einflusspotenzial. Denn im Prinzip ist digitale Lehre unendlich skalierbar. In einen Hörsaal passen nur soundso |28|viele Zuhörer, aber ein Lehrvideo können sich auch hundertmal so viele gleichzeitig oder auch später oder auch immer wieder anschauen. Wenn es in der richtigen Sprache ist, dann auch auf der ganzen Welt. Auf gewisse Weise wird damit das Wissen demokratisiert.
Dadurch kann natürlich gleichzeitig auch das Angebot erhöht werden: Ich schaue mir nur genau die Videos an, die mich interessieren bzw. zu den Themen, in denen ich noch Lernbedarf habe. Muss ein Dozent immer wieder dieselben Vorlesungen halten? Muss ich die dann auch noch live sehen, wenn ich den Kopf gerade mit anderen Dingen voll habe? Gibt es nicht vielleicht sogar noch irgendwo einen größeren Experten auf dem Gebiet oder zumindest jemanden, der es noch besser erklären kann als mein Dozent? Ist eine Vorlesung überhaupt eine effiziente Art der Wissensvermittlung? Holt sie mich individuell da ab, wo ich mit meinem Vorwissen stehe? Stellt sie sicher, dass ich am Ende das Wesentliche verstanden habe und hakt noch mal nach, wenn nicht?
Mit der Digitalisierung lassen sich also einerseits mehr Menschen erreichen, gleichzeitig kann sie individueller zugeschnittene Produkte anbieten, und unter dem Strich kann die Lehre und klinische Arbeit damit effizienter gestaltet werden, wodurch im Bestfall wieder mehr Zeit für das Wichtigste frei wird: die Behandlung von Patienten.
Es klingt auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich, aber ich glaube, dass durch die Digitalisierung die Medizin wieder menschlicher werden kann.
Eine „weiche“, aber nichtsdestoweniger wirkungsvolle Grenze sind Gewohnheiten. Bis es aktuelle Erkenntnisse aus Studien in die klinische Praxis schaffen, vergehen schnell mal 10 bis 20 Jahre [4]. Viele Ärzte schlagen nur gelegentlich Wissen nach, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Dabei ist gerade das in einer sich so schnell entwickelnden Situation wie z. B. in einer Pandemie mit einem neuen Erreger absolut unabdinglich. Viele haben das jetzt, glaube ich, für sich selbst gemerkt und zum Beispiel in unserem Kapitel zu Covid-19 Fachinformationen nachgeschlagen. Ich hoffe, dass der Benefit, den das bietet, auch in anderen Situationen noch mehr erkannt wird.
Auf der anderen Seite müssen Studierende und Assistenzärzte viele Fertigkeiten lernen, ob zwischenmenschliche, wie den Umgang mit palliativen Situationen, oder handwerkliche, wie das Setzen einer Bülau-Drainage oder Operieren allgemein. Solche Dinge lassen sich wiederum nur schwer digital vermitteln. Ich will nicht sagen: gar nicht. Auch in den Bereichen passiert ja viel. Aber hier sollte man die Digitalisierung nicht nur um ihrer selbst willen vorantreiben. Am Ende muss |29|das Ziel immer sein, die Behandlung der Patienten zu verbessern. Und noch haben wir uns, glaube ich, nicht mit dem Gedanken angefreundet, zum Roboter-Doc zu gehen.
Einfühlungsvermögen ist auch eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Wie geht man beispielsweise damit um, wenn man keine körperliche Ursache für die Beschwerden eines Patienten finden kann? Begibt man sich eher auf die Suche nach sehr seltenen Erkrankungen, schickt man den Patienten auf eine Art Ärzte-Marathon, oder ist die Ursache vielleicht eher psychosozialer Natur? Solche Abwägungen zu treffen ist sehr schwierig, auch das Erlernen. Letztlich muss man klinische Erfahrung sammeln und Menschenkenntnis erwerben. Und wir werden wahrscheinlich noch lange sehen, dass ein kranker Patient auch ein Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Verständnis hat. Jemanden, der ihn und seine Beschwerden ernst nimmt, sich um ihn sorgt und für ihn eintritt.
Im nächsten Jahrzehnt werden wir Fragen beantworten müssen wie: Was sollen die medizinischen Fakultäten eigentlich lehren und wie? Ich denke, wir müssen uns mehr auf die medizinischen Grundlagen, die Datenkompetenz und die Arzt-Patienten-Interaktion und weniger auf das explizite Faktenwissen konzentrieren. Wir werden sehen, dass sich mehr und mehr theoretisches Wissen in den digitalen Raum verlagert und dort leichter zugänglich wird. Digitale Inhalte sind auch viel einfacher zu pflegen und zu aktualisieren. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass die gewohnten Ausbildungsstrukturen weiter aufgebrochen werden. Kooperationen zwischen digitalen Universitäten und Partnerkliniken könnten irgendwann die Norm sein. So könnten erstens mehr Ärzte ausgebildet werden, und dies zweitens auf einer globaleren Ebene.
Aber das digitale Medium ist eben genau das, ein Medium, und wir sollten darauf achten, dass es von menschlichen Akteuren gesteuert wird und nicht etwas ist, das sie ersetzt.
Ich habe kürzlich einen Artikel über das Thermometer gelesen. Als es erfunden wurde und man anfing, damit die Temperatur von Patienten zu messen, waren die Ärzte sehr skeptisch, weil man dachte, Fieber hätte so viele verschiedene Aspekte, die ein Thermometer nicht erfassen würde [5]. Ähnliche Phänomene sind bei jeder neuen Technologie am Werk, zum Beispiel bei der künstlichen Intelligenz (KI). Aber die Ärzte akzeptieren AMBOSS sehr gerne als ein Werkzeug, das ihre eigenen Überlegungen unterstützt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwann die Versicherer und sogar die Aufsichtsbehörden anfangen werden, proaktiver zu werden und solche Unterstützungssysteme am Point of Care zu fordern. AMBOSS ist |30|ein schönes Beispiel dafür, wie eine Innovation von den progressiveren zu den traditionelleren Interessengruppen durchdringt, und wir haben dies erreicht, indem wir sichergestellt haben, dass die Interessen der Interessengruppen übereinstimmen.
Stanford University. Steve Jobs’ 2005 Stanford Commencement Address (with intro by President John Hennessy); 14.05.2008 [abgerufen am 08. 08. 2022]. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=Hd_ptbiPoXM
Densen P. Challenges and opportunities facing medical education. Trans Am Clin Climatol Assoc. 2011;122:48–58. PubMed PMID: 21686208
Sauerland S, Waffenschmidt S. Welche Halbwertszeit hat medizinisches Wissen? – Der Fortschritt ist längst nicht so rasant, wie gemeinhin angenommen wird.“ KVH-Journal. 2018;6:20–2.
Morris ZS, Wooding S, Grant J. The answer is 17 years, what is the question: understanding time lags in translational research. J R Soc Med. 2011;104(12):510–20. Crossref
Siddique G. Why doctors reject tools that make their jobs easier. Sci Am [Internet]. 2018 Oct 15 [cited 2022 Jan 26]. Available from: https://blogs.scientificamerican.com/observations/why-doctors-reject-tools-that-make-their-jobs-easier/
Werner Schäfke-Zell
|32|„EU data protection law resembles increasingly a law of everything.“
Nadezhda Purtova [1]
Werner Schäfke-Zell
Ich habe drei professionelle Berührungspunkte zum Thema Datenschutz und Datensicherheit: als Forscher für Rechtsdidaktik, als Mentor für Start-ups in öffentlichen und privaten Accelerator-Programmen und schließlich als Geschäftsführer der Caladan GmbH, einer Beratungsfirma für Datenschutz und Informationssicherheit im Digital-Health-Sektor.
Von 2014 bis 2021 war ich als Forscher für Rechtsdidaktik an der Universität Kopenhagen in Dänemark tätig. Meine Schwerpunkte waren Interdisziplinarität, Digitalisierung und Unternehmertum. In dieser Funktion war ich mit den eklatanten Mängeln konfrontiert, die in der Ausbildung von Juristen und Compliance Managern noch zu schließen sind, um eine fachlich kompetente und vielfältige Servicelandschaft entstehen lassen zu können. Der Einbezug nicht juristischer Fachgebiete wie Informationstechnik und Qualitätsmanagement sowie ein problemorientierter Ansatz in der Lehre waren Lösungsansätze, die an fossilierten Traditionen abtropften.
Als Mentor in Accelerator- und Incubator-Programmen für Digital Health begegne ich auf der anderen Seite den Hürden, denen sich Gründer:innen in dieser Branche gegenübersehen. Es existieren unterschiedliche und sehr strenge Regularien für die ebenso vielfältigen Formen digitalisierter Medizin, von der Telemedizin über Health Apps bis hin zu den neuen „Apps auf Rezept“, also den digitalen Gesundheitsanwendungen. Die Compliance-Kosten sind für Start-ups so hoch, dass nur Investoren das notwendige Kapital bereitstellen können. Und Investoren sind zuweilen empfänglicher für Modeerscheinungen wie Mindfulness-Training für Beschäftigte als für echte Engpässe in der medizinischen Versorgung, wie etwa die sehr dünne Facharztdecke in Deutschland.
In meiner Funktion als Geschäftsführer der Caladan GmbH beschäftige ich mich tagtäglich mit der Sicherheit der Patient:innen und App-Nutzer:innen unserer Kundenunternehmen. Hackerangriffe sind, wie man es auch in der Tagespresse verfolgen kann, keine abstrakte Gefahr, sondern Wirklichkeit. Es ist nicht nur der Datendiebstahl, sondern gerade der Ausfall kritischer IT-Infrastruktur, die Behandlungen |34|verzögern und so die Gesundheit von Patient:innen beeinträchtigen können. Ohne robuste IT-Sicherheit und kompetente Informatiker, die für die IT-Sicherheit sorgen, werden die obersten Ziele des Patientendatenschutzes, das Recht auf Selbstbestimmung und eine gute Behandlungsqualität, zu reiner Paper Compliance, die nur unnötig Ressourcen im Gesundheitssystem frisst, aber nicht den Betroffenen hilft.
Der Datenschutz muss raus aus seiner Nische. Es ist nicht überspitzt formuliert, zu sagen, „EU data protection law resembles increasingly a law of everything“ [1].
Aus meiner Sicht als Rechtsdidaktiker ist die Juristenausbildung – auch jenseits des Datenschutzes – mit nur geologisch messbarem Tempo auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Da mein Arbeitsort der größte Studiengang Dänemarks war, der Studiengang Jura an der Universität Kopenhagen, kann ich am besten für die dänische Juristenausbildung sprechen. Ich habe jedoch auch Einblicke in das noch konservativere deutsche System erhalten.
Datenschutz ist immer noch ein Nischenfach in der Juristenausbildung, wenngleich Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hier besser dasteht, weil Datenschutzrecht hier eine längere Tradition hat. Der Gesundheitsdatenschutz liegt aber nun in der Schnittstelle zweier Nischen, dem Datenschutz auf der einen Seite und dem vielfältigen Medizinrecht auf der anderen Seite. Um den Weg zur fachkundigen Spezialist:in noch länger zu machen, ist die Datensicherheit im Gesundheitsdatenschutz nichts, was ohne vertieftes Wissen über Informationstechnik sowie Prozess- und Change-Management gewährleistet werden kann.
In der Didaktik spricht man von einem solchen transdisziplinären Anwendungsbereich als einer „Wissensregion“. Den komplexen Wissensregionen werden praxisferne Spezialgebiete („Wissenssingularitäten“) und Anwendungsbereiche ohne viel Theoriebildung über die konkrete Anwendung hinaus („generische Wissensbereiche“) gegenübergestellt. Wenn man juristische Fächer wie Datenschutzrecht und Medizinrecht in der traditionellen, rechtsdogmatischen Weise als abstrakte Regelsysteme begreift, die es formalwissenschaftlich anhand von Rechtsquellen zu beschreiben gilt, dann stellen diese Fächer Wissenssingularitäten dar.
Die fachliche Arbeit der Compliance-Manager:innen kann zuweilen einen generischen Wissensbereich darstellen. Oft werden Kompetenzen in diesem Bereich von Arbeitnehmer:innen in zeitlich eng begrenzten Fortbildungen erworben. Nach ein paar zu PowerPoint-Folien heruntergekochten Theorien und Methoden, wie Prozesse in Unternehmen dokumentiert und umgestaltet werden können, bleibt nur die Hoffnung, sich in der Praxis erfolgreich durchzuwursteln. Deutschland ist mit fünf Studiengängen für Compliance Management besser aufgestellt als sein nördli|35|cher Nachbar Dänemark mit null Studiengängen. Der sinnvollste Lösungsansatz, gute Fachkräfte für den Gesundheitsdatenschutz auszubilden, wäre die Integration von Compliance Management in sonst praxisferne Studiengänge wie das Studium der Rechtswissenschaften.
Gegenüber Wissenssingularitäten und generischen Wissensbereichen zeichnen sich Wissensregionen dadurch aus, dass die in ihnen kompetenten Personen in der Lage sind, Herausforderungen in der Gesellschaft zu lösen. Dieses Ideal, dass Bildung zum problemlösenden Handeln befähigt, stammt aus der philosophischen Schule des amerikanischen Pragmatismus, der seit der Bologna-Reform auch außerhalb von Reformuniversitäten zumindest ein kleines bisschen an Boden gewinnt. Ähnliche Gedanken hegen nicht nur Didaktiker, sondern auch Rechtsdenker wie der amerikanische Jurist Lon L Fuller oder der dänische Rechtsphilosoph Sten Schaumburg-Müller [2], [3]. In den Niederlanden hat man weniger Vorbehalte, eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung mit Problemlösungskompetenzen zu verknüpfen. Für diese Art Juristen nutzt man dort den Begriff t-shaped lawyer. Ein t-shaped lawyer verfügt über breite allgemeine Kompetenzen und über tiefgehendes, spezialisiertes Wissen in einem spezifischen Anwendungsbereich, wie etwa dem Datenschutz als Wissensregion zwischen Recht, Informationstechnik und Prozessmanagement.
Als Mentor für Start-ups sehe ich die unerwünschten Nebeneffekte, die eine strenge Regulierung der Gesundheitsbranche mit sich bringen kann. Selbstverständlich muss Selbstbestimmung der Patienten und die Qualität ihrer Behandlung im Vordergrund stehen. Doch die Mittel, die der Gesetzgeber dafür wählt, schießen auf dem Papier über das Ziel hinaus und werden von der Exekutive nicht durchgesetzt. Die im Jahr 2018 noch gefürchteten „DS-GVO-Bußgelder“ sind ausgeblieben, gerade für kleine und mittlere Unternehmen. Sogar Großkonzerne müssen sich kaum fürchten, können sie die Höhe der Bußgelder doch auf ein Minimum herunterklagen. Die strengen Regularien und die zaghafte Exekutive führen zu der paradoxen Situation, dass echte Compliance einerseits viel zu teuer für junge Unternehmen ist und andererseits keinerlei Anreize geschaffen werden, sich auch an das Recht zu halten.
Hersteller:innen von Digital-Health-Lösungen benötigen also keinen besonders großen Risikoappetit. Beispielsweise hat das Bundesamt für Arzneimittel bei digitalen Gesundheitsanwendungen den Datenschutz und die Datensicherheit nicht gründlich geprüft. Der politische Wille war offenbar, erstmal möglichst viele Anwendungen in die DiGA-Liste aufzunehmen, nachdem sie den auf dem Papier aufwendigen Weg durch den „Fast Track“ (sic!) geschafft hatten. Brancheninsider berichten von Datenschutzerklärungen aus kostenlosen Generatoren aus dem Internet, in denen die Verarbeitung von Gesundheitsdaten keinerlei Erwähnung fand, was dem BfArM anscheinend nicht auffiel. Auch der Chaos Computer Club (CCC) konnte bei den ersten DiGAs sofort niedrigschwellige Sicherheitslücken finden, die auch ein technisch unbeleckter Mitarbeiter eines Bundesamts hätte finden können: |36|Über die Passwort-zurücksetzen-Funktion der App konnte man herausfinden, zu welcher E-Mail-Adresse ein Account bestand [4]. Sie wollen wissen, ob Ihre Arbeitnehmer:innen, Freund:innen und Bekannte eine App zur Behandlung von Depressionen nutzen? Zwei Klicks reichen aus.
Als Reaktion auf diese Pannen [5] wurde 2021 mit dem Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz (DVPMG) die Pflicht für DiGA-Hersteller:innen eingeführt, sich gleich zwei teure Zertifikate zu kaufen: eines für die Informationssicherheit (die nicht die Patient:innen schützt, sondern Geschäftsgeheimnisse der Hersteller:innen) und eines für den Datenschutz. Dumm nur, dass es das Zertifikat für den Datenschutz noch nicht gibt. Und es gibt auch noch keine akkreditierten Konformitätsbewertungsstellen, die dieses Zertifikat verteilen könnten, wenn es dieses denn gäbe. Das BfArM hat noch bis zum 31. März 2022 Zeit, sich Prüfkriterien auszudenken, sagt §139e SGB V. (Das sind zum Zeitpunkt, an dem dieser Beitrag geschrieben wurde, noch satte sechs Monate. So lange schreiben Studierende etwa an ihrer Masterarbeit.) Von den Vorarbeiten zu diesen Kriterien ist noch nicht viel zu sehen und solch ein Katalog hat gewöhnlich eher die Dicke eines Skandinavien-Krimis als eines Ärzteromans. (Sieben Monate. Muss halt reichen.)
Als externer Datenschutzbeauftragter und als Fördermitglied des Spitzenverbands digitale Gesundheitsversorgung e. V. sehe ich in der Praxis zudem Tendenzen, die mit dem Telos, dem intendierten Zweck, des Datenschutzrechts nur mittelbar etwas zu tun haben. Nach dem sogenannten Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, welches das EU-US-Privacy-Shield-Abkommen zu Fall gebracht hat, ist ein starker Wille in der Privatwirtschaft zu spüren, alle Verarbeitungen personenbezogener Daten innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums vornehmen zu lassen, und zwar durch europäische Anbieter, nicht durch europäische Tochterunternehmen der US-Konzerne. Der Hintergrund ist der US-amerikanische CLOUD-Act, der Geheimdiensten den Zugriff auf Daten von ausländischen Töchtern US-amerikanischer Konzerne außerhalb Amerikas erlaubt. Dieses staatliche Überwachungsprogramm wurde im Schrems-II-Urteil gar nicht berücksichtigt. Im Kielwasser des EuGH-Urteils wurden die Konsequenzen des CLOUD-Acts aber endlich ernst genommen.
Für Unternehmen im Digital-Health-Sektor bedeutet dies, dass sie sich nicht nur an das halten müssen, was Gerichte oder Aufsichtsbehörden für geltendes Recht im Datenschutz halten, sondern auch daran, was ihre Geschäftspartner, insbesondere Krankenkassen, von ihnen an Compliance verlangen.
Dieser Aspekt ist vermutlich das interessanteste Phänomen im Datenschutz. Erst in der Praxis und im geschäftlichen Miteinander wird der Datenschutz effektiv, und es entstehen Anreize und Zwänge für Unternehmen, sich tatsächlich an das Recht zu halten oder sogar noch strengeren Vorgaben zu entsprechen. In der Rechtswissenschaft ordnet man solche Phänomene dem „lebenden Recht“ zu. Das „lebende Recht“ existiert jenseits des Black Letter Law der Gesetze und der richterlichen |37|Rechtsauslegung und Rechtsbildung. Es bezeichnet den Bereich des Rechts, der sich aus der Interaktion von Akteuren miteinander entwickelt, die sich untereinander durch Verträge zu bestimmtem Verhalten verpflichten.
Ein wichtiges Werkzeug, um den Datenschutz als „lebendes Recht“ zu stärken, wäre eine größere Vielfalt an Datenschutz-Gütesiegeln. Die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) droht privaten Anbietern von Gütesiegeln für den Datenschutz rechtliche Schritte an, sobald es die in den Art. 42 und 43 der DS-GVO vorgesehenen Datenschutzzertifikate gibt. Fast alle Anbieter haben deswegen schon vor über einem Jahr ihre Gütesiegelprogramme eingestampft. Das einzige Problem hierbei ist erneut die Preisschwelle für Unternehmen. Ein Zertifikat gem. Art. 42–43 DS-GVO wird erwartungsgemäß über 20 000 € kosten. Diesen Preis können KMUs nicht immer stemmen, und nicht immer rechnet sich die Investition in eine freiwillige Zertifizierung. Dort, wo das Gesetz keine solchen Zertifizierungen vorschreibt, also jenseits von DiGAs und Videosprechstunden, könnten günstigere Haussiegel es Herstellern von Digital-Health-Lösungen ermöglichen, ihre Compliance in Datenschutz und Datensicherheit an ihre Geschäfts- und Endkunden zu kommunizieren.
Der Sinn und Zweck des Datenschutzes und der Datensicherheit müssen auch den Endkunden deutlicher werden. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Durch Zeitungsartikel zu Klingelschildern und geschwärzten Kinderfotos in Kita-Jahrbüchern wurde zum Inkrafttreten der DS-GVO weitgehende Skepsis und Aversion gegenüber Datenschutz in der Bevölkerung geschürt. Als wäre Datenschutz nicht für die Bürger:innen und die Verbraucher:innen da. In der Pandemie wurden im Kontext von Corona-Warn-App, Kontaktnachverfolgung und Luca-App der Datenschutz mal positiv mal negativ ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Der Digital-Health-Sektor hat hier die einmalige Gelegenheit zu zeigen, wozu Datenschutz und Datensicherheit gut sind, da Datenschutz und Datensicherheit hier unabdingbar sind, um eine sichere und hochwertige Versorgung zu bieten.
Hierfür ist es einerseits wichtig, dass ein guter Compliance-Standard eines Unternehmens den Kunden auf ehrliche Weise transparent gemacht werden kann – auch ohne absurd teure Hürden wie die gesetzlichen Datenschutzzertifikate. Eine wahrhaftige PR könnte in einem vielleicht kleinen, aber nicht unbedeutenden Rahmen zu einer besseren Akzeptanz von Datenschutz und Datensicherheit in der breiten Bevölkerung beitragen.
Auf der technischen Ebene haben die gesetzlichen Datenschutzzertifikate aber auch ihr Gutes. Das BSI und die Konferenz der deutschen Datenschutzaufsichtsbehörden (DSK) erarbeiten langsam, aber sicher Richtlinien, die auch jenseits ihres |38|intendierten Anwendungsbereichs zu industriellen Standards werden. Die technische Richtlinie des BSI für Datensicherheit bei DiGAs und der sehr lesbare „Fast Track“-Leitfaden des BfArM für DiGAs ermöglichen es Unternehmen, die hohen Standards, die an bestimmte Digital-Health-Lösungen angesetzt werden, auch für ihre Produkte umzusetzen. Hierdurch werden Verhandlungen mit Geschäftskunden verkürzt, da man immer darauf verweisen kann, sich an die höchsten ausformulierten Vorgaben zu halten.
Digitale Medizin kann durch Datensicherheit besser, sicherer und weniger fehleranfällig werden. Durch guten Datenschutz kann in der digitalen Medizin über die Bewahrung von Patientenrechten hinaus auch Vertrauen von Endkund:innen und Patient:innen in digitale Lösungen und Produkte aufgebaut werden.
Datenschutz und Datensicherheit schränken digitale Medizin jedoch dort ein, wo der Gesetzgeber die notwendigen hohen Standards einseitig durch sehr teure gesetzlich vorgeschriebene Zertifikate nachweisen lässt, die in bürokratischen und oft wenig effektiven Prozessen zu erlangen sind.
Eine offene Gesellschaft bietet zuverlässige Selbstkontrolle. Kein Anbieter eines privaten Datenschutz-Gütesiegels möchte in der Presse lesen, dass der CCC an einem Nachmittag ein Unternehmen, das eines seiner Gütesiegel trägt, hacken konnte. Jeder seriöse Anbieter wird deswegen auf eine hohe Qualität seiner Prüfungen und Kontrollen setzen, während unseriöse Anbieter bald ihren Laden dichtmachen können. Dies verspricht effektivere Kontrolle und eine höhere Qualität als die nachlässige Arbeit überforderter Behörden, die nicht einmal die Passwort-zurücksetzen-Funktion der zugelassenen Apps auf Sicherheitslücken kontrollieren.
Im Jahr 2025 wird es vielleicht tatsächlich „offizielle“ Datenschutz-Zertifikate gem. Art. 42–43 DS-GVO geben und vielleicht auch Unternehmen, die von der DAkkS als Konformitätsbewertungsstelle akkreditiert worden sind. Wahrscheinlich wird es weitere technische Richtlinien des BSI geben, die Unternehmen darin anleiten, wie sie ein angemessenes Niveau an Datensicherheit für ihre Lösungen in der digitalen Medizin erreichen können. Wir werden neben weiteren DiGAs auch eine Vielzahl digitale Pflegeanwendungen (DiPAs) sehen, die ebenso hohen Standards bezüglich des Datenschutzes und der Datensicherheit genügen werden müssen wie DiGAs.
|39|Mit etwas Glück gibt es klarere (und nicht unnötig kostspielige) Vorgaben für Digital-Health-Apps, die keine Medizinprodukte oder Telematikanwendungen sind.
Mit sehr viel Glück werden diese Regelungen nicht nur rein national existieren, sondern wird sich der politische Wille der EU-Mitgliedstaaten entwickeln, die einzelstaatlichen Regelungen EU-rechtlich zu harmonisieren, wie dies auch im Medizinprodukterecht geschehen ist. Vielleicht wird es also erste Vorüberlegungen zu einer EU-Richtlinie für digitalisierte Medizin geben.
Purtova N. The law of everything: broad concept of personal data and future of EU data protection law. Law Innov Technol. 2018;10(1):40–81. Crossref
Fuller LL. On teaching law. Stanford Law Review. 1950;3(1):35–47. Crossref
Schaumburg-Müller S. Amerikansk pragmatisme og realistisk retsteori. In: Hammerslev O, Palmer Olsen H, editors. Retsfilosofi: centrale tekster og temaer. København: Reitzel; 2011. 331–53.
Mak, E. The T-Shaped Laxyer and Beyond. Rethinking legal professionalism and legal education for contemporary societies. The Hague: Eleven; 2017.
Ballweber J. DiGA-Verzeichnis: Erste Sicherheitslücken bei digitalen Gesundheits-Apps entdeckt. Netzpolitik.org [Internet]. 13. Oktober 2020 [abgerufen am 30. August 2021]. Verfügbar unter: https://netzpolitik.org/2020/diga-verzeichnis-erste-sicherheitsluecken-bei-digitalen-gesundheits-apps-entdeckt/
Matthias Puls
|40|„Whether you think you can, or you think you can’t – you’re right“
Henry Ford
Matthias Puls
Derzeit bin ich Geschäftsführer des Berliner Health-Tech Start-ups Kenkou. Wir haben eine Technologie entwickelt, die es Anbietern von digitalen Gesundheitsanwendungen ermöglicht, kardiovaskuläre Biomarker und Vitaldaten über die Smartphone-Kamera zu erfassen. So erreichen wir im Bereich der Prävention eine frühzeitige, digitale Risikostratifizierung und unterstützen hier die sich weiterhin auf dem Vormarsch befindende Präzisionsmedizin.
Das Software Development Kit (SDK) liefert die Daten niedrigschwellig in Realtime, erfasst diese in EKG-Genauigkeit und ist als Medizinprodukt zertifiziert. So analysiert unsere Technologie Biomarker ohne zusätzliche Wearables, die u. a. digitale Therapieerfolge begleiten und transparent machen können. Einsatzfeld ist insbesondere das gesamte Spektrum der Prävention sowie Telemedizin und Pharma.
Darüber hinaus haben wir vor zwei Jahren die digitale Gesundheitsanwendung „KENKOU Stress Guide“ zusammen mit zwei der größten gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im Bereich der Stress- und Burn-out-Prävention auf den Markt gebracht. Genutzt wird die App vor allem im Segment Primär- und Sekundärprävention.
Neben meiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Kenkou berate ich ausgewählte Start-ups im Bereich Digital Health.
Vor meiner Zeit bei Kenkou war ich rund 10 Jahre als Unternehmensberater für globale Konzerne in den Bereichen Versicherungen, Banken und Energieversorger im In- und Ausland tätig.
Das Thema ganzheitliche intime Männergesundheit wurde lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Dabei besitzt insbesondere die Erektionsgesundheit ein enormes Potenzial, um schwerwiegende chronische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen |42|und langfristig zu verhindern. Dennoch wurden Erektionsprobleme bei Männern in der Vergangenheit fast ausschließlich symptomatisch behandelt – während die Forschung eindeutig definiert hat, dass die Stärkung der Gesamtgesundheit, der kardiovaskulären Gesundheit sowie der Gesundheit des Beckenbodens und der mentalen Gesundheit in Kombination mit einer Verbesserung des Lebensstils eine „First Line Therapy“ darstellen sollte. Eine umfassende Aufklärung oder sogar ein Coaching konnten Urologen bisher nicht anbieten, auch weil es historisch keine Anreizsysteme seitens der Kassen und Gesundheitssysteme gab. Dabei können gerade stigmatisierte Erkrankungen mit hohem Leidensdruck (wie Erektionsstörungen) dabei helfen, Männer zu einem langfristig gesünderen Leben zu motivieren.
Die Digitalisierung bietet enorme Möglichkeiten, um Männer mit den digitalen Ressourcen auszustatten, die sie benötigen. Die von Max Kersting entwickelte App „Regimen“ ist ein hervorragendes Beispiel, wie Männern neben symptomatischen Behandlungen (z. B. mit PDE-5-Inhibitoren wie Sildenafil) ein ganzheitliches Konzept an die Hand gegeben werden kann. Dabei bietet die App kein neues Behandlungskonzept an. Vielmehr vereint sie das, was die Forschung längst identifiziert hat, und bietet ihren Nutzern, ein Trainingskonzept, um den persönlichen Lebensstil positiv zu verändern. Dabei baut Regimen auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien auf.
