Smonk - Tom Franklin - E-Book

Smonk E-Book

Tom Franklin

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  • Herausgeber: PULP MASTER
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Old Texas, Alabama, 1911. Fernab und inmitten abgebrannter Maisfelder gelegen, leidet die kleine Gemeinde nicht nur unter den Folgen des Bürgerkrieges. E.O. Smonk, ein schießwütiger, einäugiger Farmer, tyrannisiert das Städtchen, insbesondere Dutzende Witwen und junger Mädchen, an denen er sich vergeht. Als ihm der Prozess gemacht werden soll, kann Smonk dem Lynchmob entkommen. Doch es scheint eine Verbindung zu geben zwischen Smonk, dem geheimnisvollen religiösen Witwen-Kult und der Truppe um einen christlichen Hilfssheriff, der eine mordende minderjährige Hure entlang der Golfküste verfolgt. Auf den Spuren von Faulkner und McCarthy kombiniert US-Autor Tom Franklin Elemente des Southern Gothic und des Western noir und legt in seiner Groteske die Wurzeln der angezählten amerikanischen Nation bloß, die nicht selten Freiheit mit dem Recht des Stärkeren assoziert.

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Seitenzahl: 368

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Inhalte

Vorwort

1 Der Prozess

2 Der Tombigbee

3 Der Ballon

4 Die Krähenjäger

5 Der Mob

6 Das Waisenhaus

7 Die Pächter

8 Der Erlöser

9 Das Auge

10 Der Mississippi Gambler

11 Die Stadt

12 Die Totenwache

13 Das Feuer

Danksagung

Pulpmaster Backlist

Tom Franklin
Smonk
Vorwort
von Frank Nowatzki
Ist das noch Pulp oder schon Pflichtkanon?
Wenn man unser Zusammenkommen mit dem Schriftsteller Tom Franklin Revue passieren lässt, dann stellt sich heute noch die Frage, wie ein mit so viel Anerkennung bedachter Autor – Guggenheim-Stipendium, Philip Roth Residency in Creative Writing, Willie Morris Award for Southern Fiction – die deutsche Lizenz einem kleinen Verlag wie Pulp Master überlassen konnte. Auch renommierte Krimipreise zogen nicht an ihm vorbei, so wie der Edgar, den er eingesammelt hat. Franklin fand seinen Platz in den Best American Mystery Stories of the Century, gewann den Los Angeles Times Book Prize (Krimi/Thriller) und erhielt den Gold Dagger Award für den besten Roman. Erst der große US-Publikumsverlag HarperCollins und dann Pulp Master? Vielleicht kann man eine Antwort auf die Frage finden, indem man seinen Werdegang und seine Werke genauer unter die Lu­pe nimmt.
***
Nach zwei sehr erfolgreichen Büchern hatte William Morrow, sein überaus zufriedener US-Verleger, Franklin blind ein großzügiges Angebot für das nächste Buch gemacht, das auf der vagen Idee zweier ungleicher Brüder/Freunde basierte; und Tom Franklin akzeptierte und machte sich ans Werk. Doch diesmal sprudelten die Ideen nicht und der Autor wähnte sich in einer Sackgasse. Als er aber eines Abends mit seiner damals dreijährigen Tochter nach Hause fuhr, drang der Gestank eines toten Stinktiers zu ihnen durch und er erklärte ihr, dass ein Skunk ein Tier sei, das mit seinem speziellen Duft Raubtiere abwehre. Als die Kleine am nächsten Tag Skunk spielen wollte, sprach sie von einem Smunk, doch der Vater verstand Smonk, setzte sich an seinen PC, ließ die begonnenen Kapitel des bevorschussten »großen« Romans links liegen und machte sich stattdessen an eine skurrile Western-Groteske. Entgegen den arbeitsintensiven Erfahrungen mit seinem ersten Roman schrieb sich Smonk beinahe von allein. Die Rohfassung entstand in nur zehn Tagen; Franklin fügte an weiteren zehn Ta­gen zwanzig Seiten pro Tag hinzu und ließ sich dann fürs Feintuning anderthalb Jahre Zeit. Das Problem war das chronisch schlechte Gewissen und die Scham. Der moralische Kompass schlug aus, er wusste, dass er dieses Buch karrieremäßig nicht hätte schreiben dürfen und dass es sich nicht verkaufen lassen würde, aber es war wie eine längst fällige Entladung, die ihn vor dem PC des Öfteren zum Lachen brachte wie niemals zuvor beim Arbeiten. »Das Schreiben war wie Masturbieren – es fühlt sich großartig an, aber gleichzeitig fühlt man sich schuldig – es war zu gewalttätig, es war zu schräg, es wurde zu viel gefurzt und es gab zu viel Sex.« Das Schreiben war wie ein Akt des Urgeschehens und keine wohlüberlegte Hand­lung. Sein Agent Nat Sobel sagte, dieses Buch komme zu früh und sei kein gutes »drittes« Buch, doch Tom Franklin war ungeduldig und wollte es unbedingt veröffentlichen. Er wollte keine Westernfolklore bedienen und auch nicht die Bedürfnisse der Fans des Genres, sondern das längst von der Landkarte getilgte Örtchen Old Texas/Alabama so nahe wie möglich an unsere Zeit heranholen; sich den inneren Konflikten der seinerzeit noch jungen amerikanischen Gesellschaft widmen; zeigen, dass jenseits der Zivilisation nicht selten Freiheit mit dem Recht des Stärkeren assoziiert wird. Es gab, wie gewohnt, gute Rezensionen, doch insgesamt weniger Verkäufe und nur einen internationalen Lizenzverkauf nach Frankreich – sein Agent hatte also recht behalten. In Zeiten, in denen nicht Lektoren sieben, sondern Revisoren Autoren wegen enttäuschender Verkaufszahlen aus dem Programm aussortieren, muss man als Verleger selbstverständlich zugreifen, will man mal mit größerem literarischen Kaliber aufwarten. Und das haben wir mit Tom Franklin dann auch gleich mal versucht.
***
Tom Franklins Geschichten haben wenig mit dem my­thologischen Süden des Mondscheins und der Magnolien gemein; er pflanzt sie lieber in den ländlichen, industriellen Süden der einfachen Leute. Es ist dieser Süden, den er als Student, als erster Student in seiner Familie überhaupt, auf sich wirken ließ, dank diverser Jobs, die er annahm, um seine Studiengebühren schultern zu können. So jobbte er nachts in der Leichenhalle eines Krankenhauses — sein Lieblingsjob, den niemand anders woll­te und wo er angesichts der Stille ungestört lesen und studieren konnte; er fand Arbeit in einer Fabrik für Sandstrahlgut und bei einem Entsorger für Chemieabfälle. Er, der Sohn eines Automechanikers aus Dickinson, Alabama, der sich als für das Familienunternehmen ungeeignet erwies, als er nach Einbau eines Automatikgetriebes dummerweise ein paar Teile über hatte. Er, der in einer strenggläubigen, beinahe fanatisch-religiösen Atmosphäre aufgewachsen war, wundersame Heilungen und Teufelsaustreibungen inklusive.
Wenn es etwas gibt wie einen Faden, der sich, vom Sü­den als Handlungsschauplatz einmal abgesehen, durch Franklins Bücher zieht, dann ist es sein stetes Bestreben, eine Mischung zu erschaffen aus dem, was er an der Hochliteratur liebt – fesselnde, komplexe Charaktere und eloquent formulierte Sätze – und spannender Genreliteratur, die er als Jugendlicher verschlungen hat: die Horrorromane von Stephen King zum Beispiel oder die Fantasyromane eines Edgar Rice Burroughs. Diese besondere Mixtur fiel sogleich Philip Roth auf, der sich von Franklins kraftvoller Prosa in der titelgebenden Novelle seines Debüts Poachers (1999) beeindruckt zeigte und sich durch die heraufbeschwörende Sprache und die schonungslose Vorstellungskraft an William Faulkner erinnert fühlte.
2003 legte Franklin mit seinem historischen Debütroman Hell at the Breech nach, worin er den als »Mitcham War« in die Geschichte von Clarke County eingegangenen Furor verarmter Landpächter Ende des 19. Jahrhunderts thematisiert, deren Antwort auf Ausbeutung und Elend Bandenbildung und Terror lautete. In Deutschland sprang der Roman, von Kritikern gelobt, als Hardcover unter dem Titel Die Gefürchteten auf Anhieb in die Krimi-Bestenliste (und Franklin erschien damit bei Pulp Master auf dem Radar). Als sich dann aus kommerziellen Erwägungen heraus niemand mehr für Smonk interessierte, sammelten wir das verschmähte Dark Horse ein und gaben dem für die Dunkelheit und den Humor in seinen Geschichten von Kritikern geschätzten und von zahllosen Fans geliebten Autor aus Mississippi ein neues Zuhause.
***
Ich staunte nicht schlecht, als ich im Herbst 2016 – mitten in der Vorbereitung zur deutschen Ausgabe von Smonk – über seinen Agenten erfuhr, dass Tom Franklin gemeinsam mit seiner Ehefrau Beth Ann Fennelly und den drei Kindern in Berlin an der Havel weilte, um im Rahmen eines Fellowship der American Academy an einem neuen Roman zu arbeiteten sowie an einem Dreh­buch zu Smonk. Das Drehbuch beauftragte Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent James Franco persönlich, der sich gleich auf noch die Filmrechte an Poachers und Hell at the Breech gesichert hatte. Dass Franco Southern Fiction liebt und schon William Faulkner (Schall und Wahn, Als ich im Sterben lag) und Cormac McCarthy (Ein Kind Gottes) verfilmt hatte, war mir be­kannt, aber Smonk? Ich nahm sofort Kontakt mit Franklin auf und bekam prompt eine ungewöhnliche Einladung: »Die American Academy in Berlin bittet um die Gesellschaft von Herrn und Frau Nowatzki bei einem Abendessen mit Sitzordnung zu Ehren von Tom Franklin, Autor und außerordentlicher Professor für Englisch an der Universität von Mississippi.« Nach dem Dinner war eine Vorstellung seines New York Times Bestsellers von 2010 geplant, der Roman mit dem ungewöhnlichen Titel Crooked Letter, Crooked Letter. Der Roman nach Smonk, der eigentlich sein drittes Buch hätte sein sollen. Dieses Buch, so Franklin, sei zufällig autobiographisch geworden, weil es außer dem anfänglichen Brüder/­Freunde-Ansatz eigentlich keinen Plan ge­geben habe, Aspekte und Details seines eigenen Lebens dafür heranzuziehen. Als er jedoch Beth Ann im Rahmen eines Stipendiums nach Brasilien begleitete, weit weg von seinem Alabama, habe er unterbewusst begonnen, mehr und mehr Erinnerungen aus seiner eigenen Vergangenheit für den Schreibprozess abzurufen.
Bei besagtem Abendessen stellte ich mich den zahlreichen anderen geladenen Gästen als der deutsche Verleger von Smonk vor, erntete jedoch nur Achselzucken und ratlose Blicke. Smonk, Pulp Master, nie gehört. Als ich nachlegte, ich werde bald auch Crooked Letter, Crooked Letter auf Deutsch verlegen, Franklins Südstaatenroman über Freundschaft, Einsamkeit, Alltagsrassismus und Schuld, wurde ich plötzlich interessanter und zu meinem Coup beglückwünscht. Leute klopften mir auf die Schulter und nickten anerkennend. Es stellte sich heraus, dass auch das Regierungspräsidium in Stuttgart die literarischen Qualitäten eines Tom Franklin zu schätzen weiß und verfügt hatte, dass Crooked Letter, Crooked Letter in Baden-Württemberg ab dem Abitur 2019 im Unterrichtsfach Englisch als Pflichtkanon zu behandeln sei. Spontan dachte ich amüsiert, nur gut, dass keiner von den Entscheidern in den Gremien zuvor Smonk gelesen hatte. Als ehemaliger Arbeiterklassen-Punk aus der Gropiusstadt imponiert mir natürlich Franklins Lebenslauf – aus einfachsten Verhältnissen stammend, mit Energie und Stamina immer sein Ziel im Visier, bis hier an die Havel, wo er mich in meiner Heimatstadt empfängt, ein begehrter Schriftsteller, umringt von Schulbuchverlegern und Lehrerinnen, die seinen Southern Accent bewundern – und vielleicht war ja genau sein spezielles Bauchgefühl notwendig, diese besondere Mischung aus My Way, Ta­lent und Timing, um in dieser Welt irgendwann beachtet zu werden und sich von der Masse der Schreibenden abzuheben. Und vielleicht unterschätzte ich sogar diese Baden-Württemberger. Denn vielleicht wussten diese Leute einfach ganz genau, wie weit man gehen durfte, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Vielleicht implizierte die Entscheidung für Crooked Letter, Crooked Letter ja so etwas wie eine Empfehlung, sich mit dem Gesamtwerk Franklins auseinanderzusetzen, ja, vielleicht versteckte sich hier ein gesellschaftskritischer Hinweis auf Smonk. Vielleicht war den baden-württembergischen  Entscheidern längst schon bewusst, dass die er­langte Abiturreife nicht ausreichte, um junge Erwachsene entsprechend gewappnet in den turbokapitalistischen Wahn­­sinn da draußen zu entlassen, in eine westliche Welt des menschheitsgeschichtlichen Fortschritts, in der es nur noch Gewinner und Verlierer gibt. Vielleicht im­pliziert Franklins Blick zurück in das Jahr 1911 durch die Augen von O.E. Smonk die Erkenntnis, dass die Grundlagen unseres gegenwärtigen Systems aus einem Albtraum hervorgegangen sind. Einem Albtraum von Raub, nackter Gewalt, Korruption, Krieg, Knechtschaft und religiösem Wahn, dem leider bis heute kein befreiendes Erwachen gefolgt ist, sondern eine Systematisierung der Barbarei. Denn durch die Augen von O.E. Smonk betrachtet, wird auch die Legitimität der gegenwärtigen Verhältnisse irgendwie brüchig und die so erlangte Pulp-Reife ist dann vielleicht sogar wertvoller als eine gute Abiturnote, die man mit auswendig gelernten Pflichtübungen und kurzzeitiger Gedächtnisbildung erstrebt hat. All das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man über diese Entscheidung nachdenkt.
Nein, man sollte nicht den Fehler machen und diese Leute unterschätzen; und Tom Frank­lin schon gar nicht.
SMONK
oder
STADT DER WITWEN
*
Das sind
die skabrösen Abenteuer
von E.O. Smonk
&
der Hure Evavangeline
im Clarke County, Alabama,
zu Beginn des letzten Jahrhunderts
Tom Franklin
Für Barry Hanah
Inhalt
1. Der Prozess
Ankunft – Kleidung & Ausrüstung – Junge mit Ballon – Fotografen – Ein neunmalkluger Gerichtsdiener – Der Richter – In der Falle – Ein ungewöhnliches Projektil – Ein Maschinengewehr – Das flüchtige Maultier
2. Der Tombigbee
Shreveport, Louisiana – Christliche Deputys – Ein an­geb­licher Akt widernatürlicher Unzucht – Eine Auspeitschung – Deputy Gabriel Washington Ambrose – Eine Pension in Mobile – Titten – Sprung durchs Fenster – Entfernung eines Muttermals – Flussaufwärts – Eine suspekte medizinische Untersuchung – Ein heimliches Gespräch – Ein tödlicher Messerstich – Uniformen – Ein Verhör – Ein Akt christlicher Nächstenliebe – Mord & ein gestohlener Backenzahn – Flussbewohner – Flucht – Der Gram des Kapitäns
3. Der Ballon
Massaker im Hotel – Flucht – McKissicks Wiedergeburt – Ein dritter Mörder – Ike & Gefangener an der Dreiwegekreuzung – Eine Geschichte über Piraten, Papageien & Cajuns – Der Sohn des Gerichtsdieners
4. Die Krähenjäger
Ein Quartett von Veteranen – Vergewaltigung – Tod im Maisfeld – Phail Walton – Ein Cherokee – Eine Erinnerung – Ein Gespräch über das Verfolgen – Das Schiff auf Grund – Eine Beisetzung – Fleischfresser – Ein grausiges Bild – Ein Wort wird geprägt – Ein Akt von Selbstbefleckung – Spitznamen – Loyalität
5. Der Mob
Ein Geheimtreffen – Erinnerung an ein Shrimps-Essen – Eine chinesische Hure – Ein Auftrag – Der Schmied – Versorgung mit allem Nötigen – Mrs. Tate – Auf der Spur – Richter Louver C. Turnbows Schicksal
6. Das Waisenhaus
Abgeworfen – Kinder – Eine Lesbe – Eine Hexe – Ein Wirbelsturm – Eine Schlägerei unter Frauen – Jemand kriegt einen runtergeholt
7. Die Pächter
Der Mob in Versuchung – Ausruhen – Eine Flinte – Das Auge kehrt zurück – Die Zuckerrohrplantage – Aus­­­hecken eines Doppelspiels – Unter den Sternen – Ikes Vergangenheit – Traum von einem Fluss – Eine Explosion – Der Mob formiert sich neu – McKissicks Herz
8. Der Erlöser
Der Tag des Herrn – Ein Geschöpf aus einem Traum – Deserteure – Eine schurkische Tat – Gefangen – Ein tollwütiger Hund – Ein hitziger Wortwechsel – In Gefahr
9. Das Auge
Darmentleerung – Wetten – Ausbruch aus dem Gefängnis von Hornwall Bend – Eine Begegnung im Wald – Plünderung der Hütte – Gates & Karlota Criswell – Hinterhalt
10. Der Mississippi Gambler
Über Land – Eine Meinung zu Old Texas – Ein Tauschgeschäft – Auf den Straßen – Der Monatszyklus – Ein Gespräch – Ein Siecher – Rüschen – Pattsituation mit Wagen – Diplomatie – Aufstand – Eine unheimliche Begegnung – Waltons Schande – Gefangen – Ihre wahre Liebe – Ein Heckenschütze – Hexen im Zuckerrohr
11. Die Stadt
Knüppelei – Kundschaften – Grübelei – Ambrose – Eindringlinge – Die Opfer des Heckenschützen – Die überraschende Gefangene – Ein Kansas-City-Mantel – Ein nächtlicher Reiter
12. Die Totenwache
Gerettet – Richten der Kleidung – Angriff der Fleder­mäuse – Verirrt – Die Geschichte von Snowden Wright – Ein heimlicher Lauscher – Die Kirche
13. Das Feuer
Beim Trog – Eine Bauchaufschlitzung – Ein Trinkgeld – Die andere Hand – Eine Lobrede – Eine unheimliche Verwandlung – Ein seltsames Bild – Walton – Der Butzemann – Flucht — Der Detonator — Feuer – Zombies – Das Schicksal der Kinder – Eine letzte Transaktion – Memphis – Ein Gebet
Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe! Sie weinet des Nachts.
Die Klagelieder Jeremia 1:1-2
»Magnifique!«, stieß die Gräfin de Coude mit gedämpfter Stimme hervor.
Edgar Rice Burroughs
Tarzans Rückkehr
1
Der Prozess
Es war am Vortag des Vortages seines Ablebens durch Mord, und Mundharmonika-Musik lag in der Luft, als E.O. Smonk auf dem umstrittenen Muli über das Eisenbahngleis und den Hügel hinauf zu dem Hotel ritt, wo sein Prozess stattfinden sollte. Man schrieb den ersten Oktober dieses Jahres. Es war seit sechs Wochen und fünf Tagen trocken und staubig. Die Feldfrüchte waren tot. Es war Samstag. Gemäß den Schatten der Flaschen am Flaschenbaum zehn nach drei am Nachmittag.
Inmitten der Reihe langer, leise wiehernder Pferdegesichter an der Anbindestange ließ sich Smonk von dem Maultier hinunter auf den Sandboden gleiten, spuckte seinen Zigarrenstummel aus und stand mit bösem Blick in seiner vollen Größe von fünf ein Viertel Fuß zwischen den Pferdeschultern. Er befahl einem schmutzigen blonden Jungen mit einem Ballon in der Hand, auf das Muli zu achten, das einen englischen Sattel und darunter eine bestickte Decke aus Brügge in Belgien trug. Aus einem am Sattel befestigten Holster ragte der Kolben der Winchesterbüchse, mit der Smonk vor knapp einer halben Stunde vier der Ziegen im Pferch eines Iren erledigt hatte, weil das Einzige, was er noch weniger leiden konn­te als einen Iren, eine irische Ziege war. Anstelle eines Brandzeichens hatte das Muli ein frisches Einschussloch von einer 22er im linken Ohr, genau wie Smonks Kühe, seine Schweine und sein Jagdhund, sogar seine Katze.
»Wenn das Muli wegkommt«, sagte er zu dem Jungen, »mach ich dir ’n Loch in deinen Ballon.«
Er riss mit dem Daumennagel ein Streichholz an und hielt die Flamme an eine weitere Zigarre. Er bemerkte, dass weder auf den Veranden noch auf den Balkonen Männer saßen, zog das Gewehr aus dem Holster und entsicherte es. Mit dem Handrücken klopfte er einer Stute Staub von der Flanke, damit sie ihm verdammt noch mal Platz machte (es hieß, er gehe nie hinter einem Pferd her), stampfte die Stufen hinauf in den Schatten des Balkons und humpelte über die Hotelveranda, sodass die Bretter unter seinen Stiefeln ächzten. Der Junge sah ihm nach: der ungeheuren Zwergengestalt mit den Schultern eines Grizzlybären, das scheffelkorbgroße Haupt ge­senkt und schräg gelegt, als versuche er zu entscheiden, ob etwas Männchen oder Weibchen war. Seine Hände waren breit wie Schaufeln und seine Finger so lang, dass er den Schädel eines Mannes damit umspannen konnte, aber seine untere Hälfte war kleiner: dünne, hufeisenkrumme Beine und kleine Füße in nagelneuen, schokoladenfarbenen Ausgehstiefeln aus Kalbsleder, die lockeren Breeches aus Drillich oben hineingesteckt. Er trug ein sauberes, gebügeltes weißes Hemd mit Rüschenkragen, Hosenträger, eine schwarze Schnürsenkel-Krawatte mit einem Würfelpaar an den Enden und eine hellbraune Leinenjacke. Wie üblich hatte er keinen Hut auf – von Hüten schwitzte er am Kopf —, und er trug eine Brille mit blauen Gläsern, wie sie Syphiliskranken verordnet wird, zu denen er zählte. An einer Schnur um seinen Hals hing eine Kürbisflasche Whiskey, die mit einem Sirupkorken verschlossen war.
Er hustete.
Neben der Winchester führte er einen Spazierstock mit Elfenbeingriff bei sich, in dessen Schaft ein Degen und in dessen Griff ein Derringer versteckt war. An verschiedenen Stellen in seiner Kleidung verbargen sich vier, fünf Revolver, in seinen Jackentaschen klackerten Patronen und in seinem Stiefel steckte ein Messer. Seine rechte Schulter zierten mehrere Narben von Schusswunden, dazu kamen eine in jedem Unterarm und eine weitere in seinem linken Fuß. Der haarige Hügel seines Rückens war mit einem Dutzend Schrotpocken übersät, und über seinen Bauch zog sich die Spur eines Messers. Seit mittlerweile mehreren Jahren fehlte ihm das linke Auge und war durch eine weiße Glaskugel ersetzt worden, die zwei Größen zu klein war. Er hatte einen Kropf unterm Bart. Er hatte Gicht, er hatte den Tripper, Blutzucker, Nervenschmerzen und Schüttelfrost. Malaria. Das in seiner Hosentasche zusammengeknüllte Seidentaschentuch war blutig von der fortgeschrittenen Schwindsucht, unter der er, wie der Doktor ihm erst kürzlich mitgeteilt hatte, litt.
»Sie werden dran sterben«, hatte der Doktor gesagt.
»Wann?«, fragte Smonk.
»Irgendwann demnächst.«
An der Hoteltür blieb er stehen, um Atem zu schöpfen, und warf einen Blick zurück. Abgesehen von dem Jungen, der mit seinem Ballon, einem mit Luft gefüllten Schafsmagen, an einem Pfosten lehnte, waren keine Kinder zu sehen – einen kinderloseren Ort würde man nirgends finden. In der ganzen Stadt legten die verhurten alten Schachteln Fensterläden vor und schlossen Türen, andere eilten, von ihren Sonnenschirmen beschattet, über die Straße, aber jede Einzelne lugte über ihre Schulter, um einen Blick auf Smonk zu erhaschen.
Er tippte an eine imaginäre Hutkrempe.
Dann bemerkte er sie – die beiden Lackaffen, die auf der anderen Straßenseite neben einem Pferdewagen mit Plane standen. Sie stellten gerade das Dreibein ihrer Kamera auf und trugen geckenhafte Anzüge und glänzende Melonen.
Smonk, der das Lippenlesen beherrschte, sah einen sagen: »Da ist er.«
Im Hotel steckte der Gerichtsdiener die Mundharmonika weg, auf der er gespielt hatte, nahm eine straffere Haltung an, als er sah, wer da kam, räusperte sich und verkündete, im Gerichtssaal seien keine Schusswaffen erlaubt.
»Das ist kein Gerichtssaal«, sagte Smonk.
»Heute schon, bei Gott«, sagte der Gerichtsdiener.
Smonk warf einen Blick hinter sich, als würde er gleich wieder gehen und die Justizfarce könnte ihm ein für alle Mal gestohlen bleiben. Doch stattdessen übergab er das Gewehr mit den Läufen voraus, und während er einen schweren Revolver und dann einen weiteren auf das Whiskeyfass legte, das als Schreibtisch des Gerichtsdieners herhalten musste, schaute er auf den hageren, bartlosen Schotten in Latzhose und mit tief ins Gesicht gezogener Fahrradmütze hinunter, der auf einer Holzkiste saß, auf der Anrichte hinter ihm ein Sammelsurium von Schusswaffen, die die bereits Anwesenden dort de­po­niert hatten.
Smonk musterte den Gerichtsdiener. »Dich hab ich schon mal gesehen.«
»Vielleicht«, sagte der Mann. »Vielleicht hab ich ja für Sie gearbeitet, bis Sie mich rausgeschmissen haben und meine Frau mich wegen Ihnen hat sitzenlassen, und das hat mich in solchen Trübsinn gestürzt, dass ich und mein Sohn Willie alles verloren haben, was wir mal hatten – Land, Haus, Scheune, Maisspeicher, Destille, Bach. Einfach alles. Machen Sie Ihre Jacke auf und zeigen Sie mir, was drunter ist.«
Smonk tat wie geheißen. »Hast Schwein gehabt, dass ich dich nicht kaltgemacht hab.«
Der Gerichtsdiener zielte mit dem Gewehr auf ihn. »Den da auch.«
Der Einäugige leckte sich mit seiner langen roten Zunge über die Lippen, klemmte sich die Zigarre zwischen die Zähne, fummelte einen 41er Navy Colt aus seinem Hosenbund und legte ihn auf das Fass zwischen ihnen.
»Pass auf, dass den Dingern nichts passiert. Vielleicht geb ich dir ’n Penny Trinkgeld, wenn du gut drauf achtgibst.«
»Von Ihnen würd ich keinen Penny Trinkgeld nehmen, Mister Smonk, und wenn’s der letzte Penny wär, der in diesem Land geprägt wird.«
Smonk hatte gehustet. »Wie war das?«
»Ich hab gesagt, wenn’s im ganzen Land zufällig ’ne Kupferknappheit geben und ’n Penny anderthalb Dollar kosten würde und ich seit einem Monat nichts mehr gegessen hätt und mein Sohn am Verhungern wär, würd ich keinen Penny von Ihnen nehmen. Nicht mal, wenn Sie mir noch ’nen ganzen Penny dafür geben würden, dass ich ihn nehm.«
Aber Smonk hatte sich schon abgewandt.
Wütende Mundharmonikatöne gingen ihm voraus, während er den Oberkörper verdrehte, um durch die Tür zu passen, und den heißen, verqualmten Speisesaal betrat, die Krawatte mit Zigarrenasche bestäubt wie mit Barthaarschuppen. Man hatte die Esstische an die Wände geschoben und Platte auf Platte gestapelt, sodass die Beine der oberen wie bei toten Rindern in die Luft ragten. Friedensrichter Elmer Tate, der Rechtsanwalt, der Bankier, zwei, drei Farmer, der Mietstallbesitzer, besagter  Doktor, der eben kurz auf seine Uhr geschaut hatte, und Hobbs der Leichenbestatter, alles Diakone, sahen ihn an. Die Gespräche waren verstummt, die Männer so still wie Stühle. Die Neunerkugel, die über den Billardtisch in der Ecke kullerte, verfehlte das Loch, tickte die Sieben an und kam jäh zum Stillstand.
Smonk lehnte sich an die Wand, die leicht nachgab. Er hustete in sein Taschentuch, betupfte sich die Lippen, stopfte das Tuch in seine Tasche, und die Gespräche und die Billardpartie gingen weiter.
Einen Moment lang passierte nichts, außer dass draußen eine Spottdrossel zwitscherte und Smonk seine Kürbisflasche entkorkte. Dann ging die Tür am anderen Ende des Raums auf und ins Licht trat der Amtsrichter, ein Demokrat, Freimaurer und ehemaliger Offizier, gleichermaßen berühmt für seine Sauferei wie für seinen Backenbart. Er grüßte keinen von den Männern, während er sich zwischen ihnen hindurchschob, auf das ei­gens zu diesem Anlass errichtete Podest stieg und sich hinter den für ihn aufgestellten Tisch setzte, auf dem sich ein Glas Wasser und ein Notizblock, Federkiel und Tintenfass befanden. Er trug einen schwarzen Anzug und einen Hut wie ein Prediger, und als Hammer benutzte er den Kolben eines 45er Smith & Wesson Schofield.
»Ruhe jetzt, Ruhe«, rief er und nahm seinen Hut ab. »Nehmen Sie Platz, Gentlemen.« Er klemmte sich das Monokel ins Gesicht.
»Alles hinsetzen«, rief der Gerichtsdiener. »Und nehmt verdammt noch mal eure Deckel vom Kopf.«
Die Männer nahmen hastig die Hüte ab und setzten sich unter Schurren auf Stühle. Hinten im Saal blieb Smonk stehen. Er klopfte die Asche von seiner Zigarre ab. Ausnahmsweise einmal wünschte er, er trüge einen Hut, damit er ihn aufbehalten konnte. Einen Sombrero, zum Beispiel.
»Dann wollen wir mal.« Der Richter räusperte sich. »Als Erstes hier auf der Prozessliste steht das Volk von Old Texas, Alabama, gegen Eugene Oregon Smonk.«
»Nicht als Erstes«, knurrte der Angeklagte. »Als Einziges. Heute bin ich deine ganze Scheißprozessliste.«
Im Speisesaal machte sich Ärger breit: Die Staatsflagge in der Ecke schien zu zittern, obwohl die Luft zwischen den Männern so still war wie das Innere eines Felsens. Von irgendwoher draußen, jenseits des staubigen, vertrockneten Zuckerrohrs, kam das schrille, ausgedörrte Kläffen eines tollwütigen Hundes.
»Tag auch, Gentlemen.« Smonk grinste. »Richter.«
Er nahm die Schultern von der Wand, hängte sich seinen Spazierstock über den Arm, paffte an seiner Zigarre und verkorkte seine Kürbisflasche. Aber er hatte erst zwei Schritte auf seinen Tisch zu gemacht, als er innehielt und den Kopf hob.
Irgendwas war anders.
Irgendwie war der rothaarige Farmer, der ihn anfunkelte, nicht derselbe Farmer, den Smonk mit einer aufgerollten Peitsche verprügelt hatte. Der Stadtschreiber war nicht derselbe Stadtschreiber, den er auf der Straße geohrfeigt, dem er das Gesicht in den Matsch gedrückt und die Geldbörse abgenommen hatte. Irgendwie war der da drüben nicht der Bankier, dem er fünfundsiebzig Morgen Schwemmland einschließlich eines Baches abgeschwindelt hatte. Der da war nicht der Mietstallbesitzer, dessen Tochter er beim Kartenspiel gewonnen und hinten in der Futterkammer genommen hatte. Hobbs, der Leichenbestatter, war ein ganz anderer Leichenbestatter, und Tate da drüben war nicht derselbe rückgratlose Friedensrichter, den Smonk seit fast einem Jahr erpresste. Das waren alles andere Gesichter, alles andere Männer.
Er kannte sie nicht. Er kannte sie nicht.
Der Gerichtsdiener war kein Gerichtsdiener mehr, son­dern ein ganz anderer Mann.
Die ganze Horde kam Stühle rückend auf die Beine, während der Richter seinen Revolver so kräftig auf den Tisch schmetterte, dass das Tintenfass herunterfiel.
»Ruhe!«, rief er. »Gottverdammich, Ruhe, hab ich ge­sagt!«
Aber mit der Ruhe war es vorbei.
Stattdessen sah er sich Schürhaken und Reitpeitschen gegenüber. Einer Kohlenschaufel. Ziegelsteinen, aus Schlaufen gezogenen Gürteln, Brieföffnern und knorrigen Ästen. Einem eisernen Pumpenschwengel. Aus zerbrochenen Fensterscheiben improvisierten Klingen. Einer eingeweichten Schlinge, Billardstöcken, Tischbeinen mit zu Fangzähnen gebogenen Nägeln, den Bruchstücken und Splittern zerschlagener Stühle.
Die Männer rückten mit vorsichtigen kleinen Schritten gegen Smonk vor. Er wich der auf ihn geschleuderten Achterkugel aus, die daraufhin ein Fenster zerschmetterte. Er ließ seine Zigarre auf den Boden fallen und machte sich nicht die Mühe, sie auszutreten, sodass sie zwischen seinen Stiefeln weiterqualmte. Er nahm seine Brille ab, klappte sie zusammen und verstaute sie in der Brusttasche, ohne Eile, obwohl die Männer mit ihren Waffen immer näher kamen und schon so nahe waren, dass die vordersten seine roten Zähne sehen konnten.
»Holt ihn euch«, sagte jemand in der Ecke.
Aber Smonk hob die Gabelzinken seiner Finger und die Angreifer erstarrten. Er lehnte sich zurück, atmete tief ein und hielt die Luft an, als wollte er vielleicht eine Wahrheit aussprechen, die sie unbedingt hören mussten.
Sie warteten darauf, dass er etwas sagte.
Stattdessen hustete er, sodass die ihm nächsten Gesichter mit Blut bespritzt wurden. Und im gleichen Augenblick wurde jedermann im Saal, der groß genug war, um etwas sehen zu können, Zeuge, wie Eugene Oregon Smonks Glasauge aus seinem Kopf in die Luft ploppte.
Einen Moment lang schimmerte es in einem durchs Fenster einfallenden Lichtstrahl, dann fing Gerichtsdiener McKissick es wie eine Murmel auf.
Er öffnete die Faust und grinste.
Als er aufblickte, hatte Smonk einen Derringer in der einen und einen Degen in der anderen Hand und wich zu der Anrichte zurück, wo all die Gewehre und Revolver schimmernd aufgereiht lagen.
»Na, dann legt mal los«, brüllte er, »ihr geilen Schlampen.«
Unterdessen hatte sich die Sonne hinter eine Wolke verzogen. Die Pferde an der Anbindestange waren ruhig und friedlich, viele hatten die Augen geschlossen. Sogar die Fliegen waren gelandet. Auf der anderen Straßenseite standen die beiden Fotografen rechts und links von ihrem Wagen, ließen die Knöchel knacken und schauten die verlassene Straße hinauf und hinunter.
Der blonde Junge hatte seinen Ballon im lädierten  Ohr­loch des Mulis festgebunden und kletterte in den Sattel. Er wackelte mit dem Hintern. Die auf Smonks Beinlänge eingestellten Steigbügel hingen zu weit unten, also benutzte er sie nicht, auch dann nicht, als das Muli auf eigene Faust rückwärts ging und sich Richtung Osten wandte.
Als drinnen der erste Schuss fiel, ließen die Fotografen ihr Dreibein fallen, sprangen auf den Wagen und rissen die Plane weg, sodass ein auf seinem Stützbock festgeschraubtes, wassergekühltes Hiram-Maxim-Maschinengewehr, Modell 1908, zum Vorschein kam. Der eine überprüfte den Verschluss, während der andere Visiere einstellte und das Ablassventil zudrehte.
»Ich hab gehört, er hat seine eigene Mutter umgebracht«, sagte er.
»Und das war noch nicht alles«, sagte der andere.
2
Der Tombigbee
Zwei Wochen früher trieb sich im Staat Louisiana eine magere, von der Sonne braun gebrannte Fünfzehnjährige herum, hurte sich von Stadt zu Stadt, ohne zu wissen, dass es für ein Mädchen auch andere Möglichkeiten gab. Evavangeline hieß sie, der einzige Name, den sie kannte. Sie wog ungefähr neunzig Pfund und war vielleicht fünf Fuß groß, unscheinbar, zierlich, mit leicht vorstehenden Zähnen. Sie hatte rote, abstehende Haare, die sie eigenhändig kurz geschnitten hatte, weil es so luftiger war, und trug eine große, rote Narbe seitlich am Hals. Meistens hielt man sie für einen Jungen, und erst kürzlich war sie wegen widernatürlicher Unzucht und Liebeleien mit einem Mitglied »seines« eigenen Geschlechts aus Shreveport hinausgejagt worden.
Eine Gruppe akkurat uniformierter christlicher Deputys war in das heiße Hotelzimmer im ersten Stock hereingeplatzt, wo die beiden in der Hündchenstellung ihr Geschäft abwickelten, und Evavangeline war aus dem Bett gesprungen wie herausgeschleudert.
Einen Armvoll Männerkleidung vor ihren Weichteilen zusammengerafft, war sie unbezahlt zum Fenster hinausgekracht.
Die Deputys stürzten sich auf ihren Ko-Unzüchtigen, schleiften den Nackten und Brüllenden eine grobe Kiefernholztreppe hinunter und durch die matschige Straße, banden ihn an den Handgelenken fest und verpassten ihm eine Abreibung mit der Peitsche. Er heulte bei jedem Schmitz und schrie, dass sie sie einfangen sollten.
»Es war keine ›Sie‹, du Perverser«, sagte der christliche Deputy, der ihn auspeitschte.
»Doch, ich schwör’s«, schrie der Mann. »Das war ’n Mädchen! ’n Mädchen, sag ich!«
Sie befanden sich hinter dem Gefängnis, wo sich eine Menge Gaffer einfanden. Man machte einander darauf aufmerksam, dass das Glied des Ausgepeitschten immer noch Habachtstellung einnahm.
»Ich hab an ihren Titten gelutscht!«, schrie der Geprügelte. Die Peitsche schnickte ihm Dreck von den Schultern. »Winzige Dinger, zugegeben, aber hundertprozentig Titten! Ich schwör’s!«
»Wenn das eine Frau gewesen wäre«, tadelte der hochgewachsene christliche Deputy mit dem vorspringenden Kinn, der auf seinem weißen Hengst heftig errötete, »dann hätten wir ja gar keinen Grund, ›sie‹ zu jagen, oder? Höchstens wegen Verstoßes gegen die Bekleidungsvorschriften. Oder du könntest Anzeige wegen Raubes erstatten, wenn du willst, dass wir dein Gejuchze so lang unterbrechen, dass du den Papierkram erledigen und jedes gestohlene Kleidungsstück aufführen kannst.«
»Ja!«, schrie der Empfänger der Prügel. »’ne Socke! ’ne ganz alte Hemdhose! ’n Stück Seil!«
Er fuhr fort, die Bezeichnungen von Kleidungsstücken zu brüllen, ohne dass sein Flaggenmast ihn im Stich ließ.
»Gibt’s in unserer Rechtsprechung überhaupt so was wie ’nen Verstoß gegen Bekleidungsvorschriften, Boss?«, fragte Ambrose, der Stellvertreter des Chefs der Deputys, ein kleiner, stämmiger Neger, der lesen konnte. Seine Hemdsärmel und Hosenbeine waren aufgekrempelt, um sie seinen kürzeren Gliedmaßen anzupassen, und sein Plastron bauschte sich unterm Kinn. »Schau doch mal«, sagte er und deutete auf die Szene um sie herum. Dreckige, mit Krankheiten behaftete Kreaturen schleppten sich in Lumpen, Zeitungspapier, Sackleinen, Lendenschurzen, Rupfen, Tierhäuten und Maishüllblättern durch den Schlamm. Manche waren auch nackt und haarig wie Affen.
»Na, finde es heraus«, sagte Walton, denn so lautete der Christenname des obersten christlichen Deputys. »Suchet, so werdet ihr finden. Bittet, und es wird euch gegeben werden.«
»Aha. Nachforschen«, sagte Ambrose.
»Erst einmal musst du geforscht haben, bevor du ein ›Nach‹ davorsetzen kannst, nicht wahr?«, fragte Walton.
»Sollt man meinen«, sagte sein ebenholzschwarzer Stellvertreter. »Aber was ich gehört hab, heißt das inzwischen nachforschen. Ab und zu machen die so was. Alle paar Jahre. Verändern ’n Wort oder erfinden ’n ganz neues. Normalerweise ist das scheißegal — «
»Deputy Ambrose«, sagte sein Anführer. »Noch ein Fluch, und ich kassiere deinen Stern ein.«
Eine Woche später stand das Mädchen Evavangeline in Mobile, Alabama, splitternackt in einem Pensionszimmer und betrachtete stirnrunzelnd seinen Kaktus von einem Körper. Ihre Titten rechtfertigten kaum das Wort. Alte Knacker, die am Wasser Schach spielten, hatten bessere Hubbel. Und die gottverdammte Narbe, die Ned ihr verpasst hatte! So groß wie eine Halbdollarmünze, verflucht! Sie spuckte sich auf die Hand, überlegte, ob sie versuchen sollte, die Narbe abzurubbeln. Aber dann ließ sie es doch. Sie würde sowieso nicht abgehen, ganz egal wie sehr sie daran kratzte, und eigentlich mochte sie sie auch, weil sie sie an Ned erinnerte. Wenn die Narbe juckte, dachte Evavangeline, dass Ned ihr vielleicht gerade was zu sagen versuchte. Oder einfach nur Hallo, ich bin irgendwo da draußen sagte.
Vor dem Spiegel stupste sie ihre Nippel, wovon sie steif wurden. Sie spielte mit dem Gedanken, sich anbuffen zu lassen, weil sie wusste, dass man davon größere Titten kriegte. Was sie nicht wusste, war, ob sie wieder schrumpf­­ten, wenn man das Kind gekriegt hatte. Vielleicht blieben sie ja prall, solange das Kind daran nuckelte. Der Haken war, dass sie eigentlich kein Balg am Hals haben wollte, bloß größere Titten. Vielleicht könnte sie das Kind ir­gendwie loswerden, wenn sie es gekriegt hatte, und dann einen Freier finden, der die Milch nuckelte. Es musste Männer geben, die so was mochten. Wenn sie nach all den Jahren, die sie nun schon am Leben war, eines ge­lernt hatte, dann, dass es Männer mit allen möglichen Gelüsten gab.
Sie betrachtete ihren Bauch und fragte sich, wie das ging mit dem Angebufftwerden. Sie war so dürr wie ein Skelett, und ganz gleich wie viel sie aß, sie setzte einfach kein Fett an. Aber wenn man sich anbuffen ließ, wurde man fett. Vielleicht musste man sich dafür irgendeine Pille besorgen oder irgendwas spritzen. Ein Doktor könnte ihr das garantiert sagen.
Der Morgen schleppte sich weiter, und sie rutschte am Regenrohr der Pension hinunter, ohne die Wirtin zu be­zahlen, fand einen Fenstertisch in einer Spelunke mit Blick auf die Bucht, süffelte dunklen Rum, aß langsam den Korken, hörte der Drehorgel zu und rauchte mit Tabak vermischtes Hasch, während draußen endlos Boote vorbeischaukelten und Krähen und Möwen im Wind herabstießen. Sie bestellte noch einen Rum. Sie sah, wie ein Mann auf dem Kai ausgeraubt wurde. Sie döste eine Zeit lang und wachte mit dem Gedanken auf, wie sehr sie Geld liebte. Sie sah, wie ein Hai eine kleine Jolle angriff. Sie ging aufs Klo und sah bei ihrer Rückkehr zwei Ratten unter dem Klavierhocker Unzucht treiben. Der Ausgeraubte lag immer noch dort auf den Plank­en, wo er hingefallen war.
Drinnen war der Qualm so dicht, dass man sich vorkam, als säße man in einer niedrigen Höhle. Keiner, der reinkam, sah nach Doktor aus, dabei hatte sie keine Ahnung, wie so jemand aussah. Sie hoffte, man sah es auch so. An einer schwarzen Tasche vielleicht. Oder an einer von diesen neumodischen Vorrichtungen auf dem Kopf. Wenn jemand angeschossen würde, überlegte sie, würde wahrscheinlich ein Doc auftauchen.
Sie bestellte noch einen Rum.
Es stank nach Fisch und Klo. Fliegen und Mücken so dicht, dass der Wind von ihren Flügeln schon fast angenehm war. Wegen Evavangelines Kleidung und ihrer struppigen Haare schwebte eine dürre Hure mit roten Augen heran und sagte: »Spendierst du einem Mädchen was zu trinken, Süßer?«
»Nein, danke.«
»Bist du vielleicht andersrum?«
»Wie rum ich bin, geht nur mich was an.«
Das hörte der Ehemann der Hure, der bekanntermaßen hitzköpfige Besitzer der Spelunke. »Brr, Nellie«, sagte er. »Stopp.«
An seinem Kinn baumelte ein wucherndes Muttermal, so groß wie ein Männerdaumen. Schwärzlich lila mit roter Marmorierung, geädert, spärlich behaart und sich ganz leicht schälend – es nicht anzustarren fiel schwer, so wie es wackelte, wenn er redete.
»Jesusmaria«, sagte sie. »Wächst das noch?«
»Freundchen« – der Besitzer zeigte mit einer Flasche Bourbon auf sie. »Wenn du (A) weiter mein Muttermal anglotzt und (B) je wieder so mit meiner Frau sprichst, dann zieh ich dir (C) den Whiskey hier übern Schädel und sorg dafür, dass du (E) die fünfzig Cent bezahlst, die der Drink kostet, und (F) die Schweinerei aufwischst.«
»Ist das so?«
»Ja, so ist das, Bürschchen.«
»Nenn mich nicht Bürschchen.«
»Wieso nicht? Bürschchen?«
»Weil ich am Trinken bin. Da legt man sich lieber nicht mit mir an.«
»Jetzt reicht’s.« Er knallte die flache Hand auf den Tresen. »Jetzt bin ich wütend.«
Er zerrte an einem Revolver in seinem Hosenbund, aber das Mädchen sprang auf und zog eine einschüssige abgesägte Sechzehner unterm Tisch hervor. Mehrere Gläser zersprangen, er flog rückwärts, ohne auch nur mit den Armen zu flattern, und sein Bowler landete kreiselnd auf dem Tresen.
Mit der flachen Hand schlug sie das Ding platt. »Ich hab’s dir gesagt.«
»Weiß Gott, das hast du«, sagte seine Witwe, goss sich einen Whiskey ein und steuerte die Kasse an.
Evavangeline hüpfte mit klingelnden Ohren über den Tresen. Sie kniete sich neben den Mann, zerrte den langläufigen Revolver aus seinem Hosenbund, überprüfte die Trommel, stand auf, spannte mit dem Daumen den Hahn, kniff, um besser zielen zu können, das linke Auge zu, biss sich auf die Unterlippe, wie sie es beim Schießen gewohnt war, und schoss dem Besitzer das wuchernde Muttermal vom Kinn, ohne bei dem Knall mit der Wimper zu zucken. Sie inhalierte Rauch aus dem Lauf, dann packte sie das Muttermal, das an einem Ende schwelte, und schlug es zwecks späterem Studium in das Geschirrtuch des Besitzers ein. Keiner der Anwesenden schien etwas dagegen zu haben, nicht seine Frau, nicht die anderen Gäste, nicht einmal die Ratten, die einander durch den halben Raum gerammelt hatten, und kein Doktor hatte sich von seinem Stuhl erhoben. Die Drehorgel spielte »I’m a Good Ole Rebel«. Evavangeline flankte durch ein offenes Fenster und flitzte mit ihren Waffen über den Kai, wich Schiffsvertäuungen aus und er­schreckte einen chassidischen Juden, der den Arm voll Biberpelze hatte.
In Gedanken immer noch bei Ärzten, ging sie als blinder Passagier an Bord des nächsten Dampfers, der flussaufwärts fuhr. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie fuhr, aber sie war schon immer ein Geschöpf mit ausgeprägten Instinkten gewesen, und Norden fühlte sich richtig an. Sie schlief an Deck und blieb nüchtern, und am Nachmittag würfelte sie mit einer Gruppe Nigger. Es war heiß. Besonders heiß war ihr am Kopf. Die Nigger kannten haufenweise Geschichten von einem Menschen, den sie Snert oder so ähnlich nannten. Sie hörte kaum zu, so heiß war ihr. Wenn das Schiff anlegte und Passagiere aufnahm, fragte sie jeden ein- und aussteigenden Gentleman, ob er ein Doktor sei.
Keiner bekannte sich dazu.
Dann, in dem stickigen Flussstädtchen McIntosh, gab ein gedrungener Ire, der gerade kleckernd über die Re­ling pisste, Evavangeline gegenüber zu, dass er in der Tat der Knochensäger des Schiffs sei, und gewann weiter an Glaubwürdigkeit, als er fragte: »Bist du unter den Klamotten und dem ganzen Dreck ein Mädchen?«
In seiner winzigen Kabine zündete er ein Räucherstäbchen und eine Kerze an, die kaum Licht gab. Er rauchte irgendeinen Knaster, ohne ihr etwas davon anzubieten, und zog sein Grammophon auf, und nach ein paar lauten Knacksen spielten ein paar kratzige Fiedeln etwas Langsames und Trauriges. Sie war nackt, Ellbogen und Knie auf seiner Koje, die Augen mit dem Seidentuch verbunden, das der hypokritische Eid, wie er behauptete, vorschrieb. Er ließ die Knöchel knacken, spuckte auf seinen Finger, zwängte ihn ihr in die Hinterkammer und wackelte damit.
»Das macht ’nen Dollar«, wiederholte sie. »Das hab ich dir doch gesagt.«
»Wie fühlt sich das an, eh?«, fragte er. Er schob noch einen Finger hinein.
»Wie fühlt sich was an?«
Er zog die Finger heraus und schnupperte daran.
»Was zum Teufel kannst du denn daran erkennen, Doc?«
»Na, zunächst mal deinen Mineralgehalt«, sagte er. »Du hast einen starken Schwefelüberschuss. Merkwürdig. Wie sieht’s damit aus, eh?«
Sie hörte Kleidung rascheln. Hinter der Binde verdrehte sie die Augen. Jetzt kam es. Er packte sie an den Hüftknochen, grunzte und würgte ein etwas größeres Ding hinein.
»Das ist die alte druidische Methode, Patienten zu untersuchen«, erklärte er. »Aus der Bibel oder dem ersten Montgomery-Ward-Katalog. Ich bin eine Leseratte. Wir schulen unsere fleischlichen Werkzeuge darin, be­sonders empfindlich zu sein, wie ein Thermometer, nur – in aller Bescheidenheit – etwas größer, und für ein Honorar von zwei Dollar können wir eine Art Wundersalbe ins Rektum verabfolgen und aaaaah — «
Sie hatte ihr Untergestell zusammengezogen, wie Ned es ihr beigebracht hatte – richtig ausgeführt, war es so wirkungsvoll, wie wenn man einen Mann an der Kehle packte.
Er schnappte nach Luft und hämmerte ihr auf den Rücken.
»Ist das dein kleiner Finger?«, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Das Ding schrumpfte in ihr. Sie lockerte ihre Umklammerung und ließ ihn es herausziehen. Sie richtete sich auf, setzte sich so hin, dass ihre Beine von der Koje baumelten, und nahm die Augenbinde ab. »Ich hab doch gesagt, das macht ’nen Dollar.«
»Du Aas.« Er schlug mit der Faust gegen die Wand, und die Schallplatte hüpfte. »Ich weiß genau, was dich innerlich auffrisst. Welche Krankheit, meine ich. Du stinkst danach. Und ein Heilmittel gibt’s nicht.«
»Bist du wirklich ’n Doktor?«
Er lachte.
»Werd ich dran sterben?«
»Das wirst du dich noch ’ne ganze Weile fragen, eh?« Er lachte lauter. »Und jetzt scher dich aus meiner Ka­bine, du verlauste Heidin, und spring vom Schiff, ehe ich denen sage, was du in Wirklichkeit bist.«
Stinkwütend stieg sie wieder an Deck, um eine zweite Meinung einzuholen. Diesmal beschloss sie, sich die medizinische Befähigung nachweisen zu lassen. Mit was Schriftlichem, was man kriegte, wenn man mit einer dieser Doktorschulen fertig wurde. Sie konnte zwar nicht lesen, vermutete aber, dass sie es anhand der Papierqualität beurteilen könnte. Was soll’s, sogar ein Zahnreißer würde es tun. Was hatte er damit gemeint von wegen, was sie in Wirklichkeit war? Was war sie?
Sie ließ den Blick über das Deck wandern. Vielleicht konnte sie das Muttermal des bekanntermaßen hitzköpfigen toten Spelunkenbesitzers vorzeigen. Wenn jemand sagen konnte, worum es sich handelte, würde das auf medizinisches Wissen hindeuten.
Sie wartete in der Sonne, bei den Niggern vom Würfelspiel. Die ihre verrückten Geschichten erzählten. Sie biss sich auf die Faust. Dieser irische Doktor. Falsche Doktor. Egal, was er war. Sie zerklatschte eine Pferdebremse an ihrem Hals und warf sie ins Wasser, wo ein Sonnenbarsch schon darauf wartete, sie unter die Wellen zu ziehen. Einer von den Niggern erzählte ihr, ein Mädchen würde dadurch angebufft, dass es sich mit einem Mann hinlegte, und sie glaubte ihm nicht. Sie fischte das Muttermal aus ihrer Tasche und wickelte es aus dem Lappen. Sie schnupperte daran, hielt es an einem langen Haar hoch und sah zu, wie es nach Norden zeigte. Sie zog ein Messer aus ihrem Stiefel und stocherte daran herum. Die schwarzen Teile waren weicher. Sie berührte es mit der Zunge.
Von den Männern, die in McIntosh über die Gangway kamen, bekannte sich allerdings keiner zur Heilkunst, und bald darauf ließ das Schiff seine Dampfpfeife gellen, das Schaufelrad erwachte zum Leben, und sie ruckelten los. Ein paar Witzbolde schossen mit Revolvern in die Luft, und während sich die versengte Landschaft an ihnen vorbeiwälzte wie eine geschlagene Armee, wurde Evavangeline klar, dass sie sich für den Rest ihres Le­bens fragen würde, ob sie todkrank war.
Unterdessen waren eine ganze Reihe von Huren und etliche Säufer Zeuge der Ermordung und Verstümmelung des bekanntermaßen hitzköpfigen Besitzers der Spelunke geworden.
Der akkurat gekleidete Trupp christlicher Deputys, die den sexuellen Mitverschwörer des Mädchens ausgepeitscht (und dann freigelassen) hatten, war ihr bis Mobile gefolgt, und binnen zwei Tagen hatte Walton die meisten Beteiligten bestochen und herausgefunden, wo Evavangeline während ihrer Woche in der Stadt an der Bucht gewohnt hatte: in einer Pension in der Dauphin Street. Mit einem gewissen Ruf. Ein für das Abgeordnetenhaus des Staates kandidierender Blinder hatte dort einmal gegessen. Und bei anderer Gelegenheit hatte ein unter Durchfall leidender Matador aus Atlanta fast eine halbe Stunde lang das Klo dort benutzt. Und dann der Kuh de krass, das lange, improvisierte politische Streitgespräch über den Populismus zwischen Professor Emeritus R.M. Brutus Theodore »Patch« McCorquodale IV, Dr. phil., und Bud Rope. Genau hier, auf diesen Brettern, pflegte die »halbblütige« Eigentümerin zu sagen und mit ihrem Gehstock auf den Boden zu pochen. Sie war je zur Hälfte weiß und indianisch, wenn Waltons Nachfor­­­schun­gen so präzise waren, wie er glaubte.
Warum um alles in der Welt suchte sich der perverse Sodomit, den sie verfolgten, ein derart im Rampenlicht stehendes Quartier aus?