So a G'schicht -  - E-Book

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Beschreibung

Diese Anthologie enthält spannende Geschichten, deren Protagonisten entweder selbst die Autorinnen und Autoren sind oder Menschen aus ihrer Umgebung, aber auch fiktive Charaktere. Wir erzählen unsere Geschichten, wir schreiben, weil uns etwas dazu bewegt, weil wir anders einfach nicht können.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„In jeder wirklich guten Anekdote steckt der Keim zu einem Mythos, jede dichterische Allegorie nimmt die Richtung auf ein Symbol zu.“ (Arthur Schnitzler)

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ (Max Frisch)

„Eine Erzählung muss in die Tiefe des Lebens eindringen, wie ein Bohrer in die Tiefe der Erde.“ (Maxim Gorki)

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Gerhard Blaboll

Ilse Viktoria Bösze

Sophia Benedict

Cornelia Divoky

Sidonia Gall

Heidrun Jannach

Ingrid Karner

Ernst Karner

Elfriede Klima

Elmar Mayer-Baldasseroni

Eva Meloun

Linde Pausch

Gerhard Pauza

Erna Pfeiffer

Stoyanka Purlantova

Elisabeth Schöffl-Pöll

Bernd D. Sibitz

Michael Stradal

Horst Weber

Peter Paul Wiplinger

VORWORT

WENN ICH SCHREIBE ...

Was haben unsere sehr entfernten Vorfahren getan, als sie nach einer erfolgreichen Jagd am Lagerfeuer saßen? Richtig, sie erzählten Geschichten – wahre oder fantasievollen, aber immer spannende. Es war ihr Bedürfnis – zu erzählen und zuzuhören. Zuhören und erzählen.

Dann später kamen professionelle Geschichtenerzähler, sie brachten ihre Geschichten von Dorf zu Dorf, wo sie von Erwachsenen und Kindern sehnsüchtig erwartet wurden. Bis heute faszinieren uns die Geschichten über Götter und Helden von altem Sumerer, Griechen und Römern.

Wäre es ein Zufall, dass eine der ersten Errungenschaften des Internets das Bloggen wurde, bei dem wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen?

Diese Anthologie enthält spannende Geschichten, deren Protagonisten entweder selbst die Autorinnen und Autoren sind oder Menschen aus ihrer Umgebung, aber auch fiktive Charaktere.

Wir erzählen unsere Geschichten, wir schreiben, weil uns etwas dazu bewegt, weil wir anders einfach nicht können.

Wenn ich schreibe, nutze ich meine kreative Energie, und es verbessert meine Stimmung und mein Wohlbefinden, die gerade jetzt, zu einer so schwierigen Zeit, besonders wichtig sind. Im wirklichen Leben ist meine Macht über die Lebensumstände oder das Verhalten anderer Menschen sehr begrenzt (was vielleicht eine gute Sache ist), aber wenn ich schreibe, fühle ich mich wie ein Herrscher der Welt, hier bin ich der vollständige Meister der Situation.

Wenn ich schreibe und dann das Geschriebene lese, entdecke ich neue Aspekte meines Charakters, in mir erwachen verborgene Erinnerungen und Ängste, was bedeutet, dass ein großes Potenzial von Selbsterkenntnis im Schreiben steckt.

Wenn ich schreibe, ist es, als würde ich einen Spiegel in meinen Händen halten, der meine Stärken und Schwächen, meine Höhen und Tiefen, Enttäuschungen und Verluste widerspiegelt, so gelingt es mir meine Dämonen loszuwerden.

Wenn ich schreibe, bleibe ich ehrlich zu mir selbst, denn beim Schreiben können Lügen nicht versteckt werden.

Wenn ich schreibe, genieße ich meine Freiheit, da bin ich so frei wie nirgendwo sonst und je zuvor. Ich kann Fehler machen und sie korrigieren, meiner Fantasie freien Lauf lassen und dabei nichts fürchten.

Wenn ich schreibe, stelle ich mich in den Dienst des Denkens und der Vorstellungskraft, ich erschaffe ein neues Leben, eine neue Realität, die wiederum zu neuen Erfahrungen, zu neuen Gewohnheiten, zu einem neuen Lebensstil führen. Ich konzentriere mich auf Gedanken, Ideen, Pläne. Denn der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem Wort, das dir vom Gott in den Mund gelegt wird ...

Diana Wiedra,

Herausgeberin

Gerhard Blaboll

ist ein österreichischer Schriftsteller, Kabarettist und Radiomoderator. Geboren in Wien; Jurist, Betriebswirt, Historiker, seit 2006 freiberuflicher Schriftsteller. Bücher: „Das kuhäugige Kamel“ (Geschichte(n) aus der Levante), „Montenegrinische Geschichten – Die verlorene Unschuld“, „Des Leben bei uns“, „Von Kranken und G’sunden“, „Von Hacklern und Bürohengsten“, „Von Manderln und Weiberln“ u.v.a. Alben: „Von Christkinderln und Weihnachtsmandeln“, „Die Straße meines Lebens“, „Katzenwege“, „Echt Wien“, „A scheene Gschicht“, „I bin a Hernalser Bua“, „Floridsdorf“, „I will afach mit wem reden“, „Wien Heute“, „Stolz auf Ottakring“ u.v.a.

A scheene Gschicht

Die Lehr‘rin sagt zur Kinderschar:

„Schreibt’s z’Haus a scheene G‘schicht bis nächstes Mal, die durch Details und Offenheit besticht.“

Der Franzi schreibt: Mei Vater war am Wochenend am Bau.

Er arbeit‘ nämlich steuerfrei im Pfusch, weil er is schlau.

Doch leider is ihm dieses Mal a Sta am Haxen g‘fall‘n, dass der vielleicht gebrochen is,zumindest arg geschwoll‘n.

Voll Schmerz hat sich mei Vater z’Haus aufs Bett g‘haut, dass des bricht.

Da hat mei Mutter aufgestöhnt: „Des is a scheene Gschicht.“

Ja, so is des mit die G‘schichten, die tagtäglich so passier‘n, die uns anfangs ziemlich magerln und erst später amüsier‘n.

Scheene G‘schichten geh‘n zum Herzen und sie tun uns häufig quäl‘n.

Doch wenn sie z‘erst net passiert wär‘n, könnt ma nachher nix erzähl‘n!

A Banker steht vorm Landesg’richt, weil er sein’ Monatslohn

mit zu viel Fantasie vermehrt hat und mit Korruption.

Der Banker sagt: „Frau Rat, i bitt Sie, schaun Sie mich doch an!

I bin schwer herzkrank und ganz sicher neamd, der so was kann.

Mei Partner hat die Bank um ihre viel’n Millionen ‘prellt und der hat jetzt, was i hab‘n wollt: an Riesenschippel Geld!“

Da sagt die Richterin zu ihm: „Sie san da vor Gericht und net in aner Märchenstund.

Des is a scheene G‘schicht!“

Ja, so is des mit die Gschichten, die tagtäglich so passier‘n …

CD „A scheene Gschicht“

Text: Gerhard Blaboll

Musik: Kuno Trientbacher

Ilse Viktoria Bösze

geboren 1942 in Wien. Haushaltungsschule Baden, Handelsschule, Gesangsstudium. Veröffentlichungen: „Tatort Schule“, „Enrico und das Dorf im Wald“, „Geburtstag auf dem Dachboden“, „Die geheime Werkstatt“, „Die verschluckte Trompete“, „Mein Osterha-senbuch“, „Hundegeschichten mit Rex“, Kurzgeschichten und Gedichte in div. Anthologien und in geschichtenbox.com.

Der Wettstreit

Auf Wunsch hatte mein Vater die Leitung des Männergesangsvereins der kleinen Triestingtaler Gemeinde übernommen. Das schmeichelte Vater, und er kam dieser Aufgabe mit Ernst und Akribie nach, wie das seinem Charakter entsprach, wenn das auch bedeutete, dass er nach der Probe noch eine Weile mit den Sängern im Gasthaus verbleiben und ein Glas mittrinken musste. Hin und wieder kam Vater dann angeheitert nach Hause, denn er vertrug nicht viel Alkohol.

Vaters Ehrgeiz war es, den Chor auf Vordermann zu bringen. Dazu gehörte es, nicht nur Volkslieder sondern auch klassisches Liedgut einzustudieren. Von „Derf i ‘s Dirndl liabn?“ bis zu Schuberts „Dörfchen“ war es ein langer und dorniger Weg, aber letztlich schafften es die Männer zu einer beachtlichen musikalischen Leistung, wenn auch nicht alle über das von Vater ausgewähltem Liedgut begeistert waren. So wagte es Vater, den Gesangsverein zur Teilnahme am Sängerfest anzumelden, was auch die Kritiker unter den Männern verstummen ließ.

Es war ein sonniger, heißer Tag. Chöre aus ganz Niederösterreich waren zum Wettstreit gekommen. Hunderte Zuhörer tummelten sich auf dem Festgelände. Am Rande des Platzes boten Buden Getränke und heiße Würstel an. Zur hölzernen Bühne an der Stirnseite des Platzes führten einige Stufen empor, davor stand eine lange Bank, auf der später die Schiedsrichter Platz nehmen sollten.

Schon am Vormittag zeigten mehrere Chöre ihr Können. Es wurde Nachmittag, und Vaters Chor war noch immer nicht an der Reihe. Die Männer maulten, und Vater wurde immer unruhiger. Die Hitze setzte allen zu, und manch einer suchte Erfrischung bei einem Krügel kalten Bieres. Gegen Abend war es dann endlich so weit: Vaters Chor wurde aufgerufen. Doch wo waren die Sänger? Vater versuchte sie zusammen zu trommeln, aber er fand nicht alle. Die Verbliebenen torkelten auf die Bühne, wo sie mit einem Missklang das erste Lied anstimmten. Vater brach ab, und die Jury disqualifizierte den Chor. Welche Blamage!

Nach diesem „Auftritt“ legte Vater die Funktion des Chorleiters zurück. Streitereien unter den Männern, wer an der Misere Schuld trage, führten alsbald zur Auflösung des Chores.

Ein unumstrittener Herrscher

Der Hahn war der ganze Stolz meines Vaters. Er war auch ein Prachtexemplar von einem Roten. Seine Federn schillerten in allen Farben. Er war sich seiner Schönheit durchaus bewusst, denn er stolzierte zwischen den Hofhennen einher wie – wie ein eitler Gockel eben. Er war der Herr des Federviehs – und des Hofes und, wie sich alsbald herausstellen sollte, der ganzen näheren Umgebung. Hatte Vater den Hennen die Flügel gestutzt, damit sie nicht über den Zaun fliegen konnten, beließ er dem Hahn seine Schwungfedern. Er brachte es nicht übers Herz, den Hahn seiner Schönheit zu berauben. Das allerdings sollte bald ungeahnte Folgen haben, denn oft ist, was außen schön, innen verdorben. So auch unser Hahn.

Vaters Stolz entwickelte sich zu einem angriffslustigen Tyrannen mit absolutem Herrschaftsanspruch. Er duldete niemanden in seiner Nähe und schon gar nicht in der Nähe seiner Hennen und griff den Eindringling sofort an. Sogar Mutter, die das Futter brachte, verschonte er nicht. Mit gespreizten Flügeln umrundete er den vermeintlichen Feind und hackte ihr in die Waden. Erst versuchte Mutter, den Hahn mit Händeklatschen und Zurufen zu verscheuchen, aber ihre Bemühungen blieben erfolglos. Daraufhin bewaffnete Mutter sich mit einem Stock, wenn sie den Hof betrat, Großmutter und ich getrauten uns nur noch von hinten in den Garten, auf dem Umweg über die Vorderseite des Bahnhofes, vorbei an Toilettenhäuschen und Wasserturm. Nur Vater blieb verschont, als ob der Hahn gewusst hätte, welchen Bewunderer und Fürsprecher er an Vater hatte.

„Gib den Hahn weg, bevor noch etwas passiert“, forderte Mutter.

Vater blieb stur. Er wollte unbedingt diesen und keinen anderen Hahn für die Zucht, obwohl die Mutter bis jetzt in aller Heimlichkeit den Hennen noch alle Eier weggenommen hatte.

Doch dann geschah etwas, das als Vorbote eines größeren Unglückes hätte aufgefasst werden können.

Zum Bahnhof zweigte eine kleine Staubstraße ab, gedacht für die Holzfuhrwerke, die ihre Baumstämme auf der Rampe abluden oder mit ihren Waren zum Magazin weiter fuhren. An dieser Kreuzung stand eines Tages unser Hahn. Was er dort suchte, war uns ein Rätsel. Vielleicht wollte er seinen Harem mit den Hühnern des Weichenstellers vergrößern, der hier sein Häuschen hatte.

Ich kam gerade von der Schule, als ich mich dem Hahn gegenüber sah. Erschrocken blieb ich stehen. Bis jetzt hatte der Hahn den Hühnerhof noch nie verlassen. Einen Augenblick lang standen wir uns Aug in Aug gegenüber. Plötzlich spreizte er die Federn und flog mich an. Ich schrie, wehrte ihn mit der Schultasche ab, aber das hinterlistige Vieh griff mich von allen Seiten an, schneller, als ich mich im Kreis drehen konnte.

Plötzlich schoss ein schwarzer Schatten auf den Hahn zu, versetzte ihm einige Ohrfeigen, sodass der Kopf des Hahns hin und her flog und er schließlich krächzend die Flucht ergriff.

Ich war verwirrt, konnte nicht fassen, was ich eben gesehen hatte. Und doch! Etwas Weiches schmiegte sich an meine Beine – Murli, meine schwarze Katze. Wie ein Hund hatte sie mich gegen den angriffslustigen Hahn verteidigt!

Von nun an erwartete mich Murli jeden Tag nach Schulschluss an dieser Stelle, auch, als der Hahn aufgab und keinen weiteren Versuch mehr wagte, mich zu attackieren. Woher Murli jedoch wusste, wann ich auftauchen würde, blieb mir schleierhaft. Plaudernd lief sie bis zum Bahnhof neben mir her, als wolle sie mir das Geleit geben und gleichzeitig ihre Abenteuer des Tages erzählen.

Bald regnete es Beschwerden von Personen, die zum Zug kamen oder hier ausstiegen. Der Hahn sei ein Risiko, warnten die Weichensteller. Vater lachte nur und meinte, wir alle seien nur hysterisch, denn sonderbarerweise respektiere ihn der Hahn und greife ihn nie an.

Vor Kurzem war den jungen Wirtsleuten nebenan ein Kind geboren worden. Oft sah ich die Großmutter mit dem Baby im Arm an unserer Grundstücksgrenze spazieren gehen.

Eines Tages gab es großes Geschrei. Unsere Eisenbahner liefen hinters Haus um zu sehen, was es gebe. Einen Unfall gab es – aber nicht auf der Straße. Unser Hahn hatte die alte Frau angegriffen, die ihn, mit dem Baby auf dem Arm, schlecht abwehren konnte. Da flog der Hahn der Frau auf den Kopf und hackte von oben herab auf das Baby ein.

Den Eisenbahnern gelang es zum Glück, den Hahn zu vertreiben.

Das Baby blutete aus einer Wunde an der Schläfe, direkt neben dem Auge. Nur auf Mutters inständige Bitte und Vaters Versicherung, den Hahn zu beseitigen, sah der Wirt von einer Anzeige ab.

Das war das Todesurteil für unsren Hahn. Niemand weinte ihm eine Träne nach. Wie nahe Vater das Schicksal des Hahnes ging, zeigte sich darin, dass er den Hühnern keinen neuen Hahn schenkte und somit auch auf eine Zucht verzichtete.

Nach einigen Wochen begann eine der Hennen zu krähen. Sie schaffte es natürlich nie so schön und eindrucksvoll wie unser Hahn, aber die Erinnerung an ihn blieb durch sie noch lange Zeit erhalten.

Sophia Benedict

geboren in der UdSSR. Universitätsabschluss mit dem Diplom für Publizistik. Arbeitete in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen. Weiterbildung in Wien, wo sie seit 1984 lebt und arbeitet. Langfristige Akkreditierung als Journalistin und Pressefotografin beim Österreichischen Bundeskanzleramt. Gleichzeitig widmete sie sich der Wissenschaftsjournalistik. Zahlreiche Publikationen in Zeitungen und Fachzeitschriften, über 20 Buchveröffentlichungen in Deutsch und Russisch – Sachbücher, Übersetzungen, Lyrik und Prosa.

G’schichten vom Flohmarkt

Ja, alles ändert sich, alles, und der Wiener Naschmarkt ist heute weit nicht mehr das, was er früher war!

Samstags war es damals so: Zwei Reihen gehörten den – konnte man so sagen – „Fremdlingen“. Die Ware lag bei ihnen auf dem Boden, da konnte man Verschiedenes sehen: alte Wasserleitungshähne, zerbrochenes Kinderspielzeug, Töpfe und Pfannen, abgetragene Kleidungsstücke und Ähnliches.

Manche von diesen Menschen sah ich ab und zu in Müllcontainern herumkramen, solange sie noch öffentlich zugängig waren.

Dazwischen saßen die Frauen mit dunklen, vom Winde rau gewordenen Gesichtern, mit Zigaretten zwischen den Zähnen. Bei ihren Füßen lagen Berge von vollkommen brauchbarer Kleidung. Wien kauft neu, modisch, und Altes wird der Caritas oder dem Roten Kreuz gespendet. Auf unergründlichen Wegen landet ein guter Teil davon auf den Flohmärkten.

Hier konnte man auch verdächtige, neue Sachen sehen – Radioapparate, Videorecorder, Fernseher und Ähnliches.

Die weiteren Reihen in der Mitte gehörten dem ‚gewöhnlichen‘ Hausrat. Viele Wiener benützten den Platz, um ungewollte, vor allem Weihnachtsgeschenke und Mitbringsel loszuwerden.

Am anderen Rand des Marktes standen Tische von Antiquitätenhändlern, die Wertvolles vom gewöhnlichen Kram unterscheiden wollten.

Die Atmosphäre war hier freundlich und sogar irgendwie festlich. Zu jenen Zeiten wollten Wiener ihre sonntäglichen Spaziergänge in Richtung Flohmärkte unternehmen, nicht unbedingt, um etwas zu kaufen, sondern einfach so. In gewisser Weise verband das Wien mit Paris – wenn man den Gästen die Stadt zeigen wollte, führte man sie unter anderem unbedingt zum Naschmarkt.

Übrigens, Naschmarkt kommt von dem Wort naschen, obwohl es für mich als Russin klingt wie „unser Markt“ (nasch heißt in Russisch unser). Und wirklich, hier konnte man russischen Buchweizen und Heringe kaufen sowie griechischen Schafskäse, türkisches Brot, allerlei chinesische und japanische exotische Gegenstände usw.

Man konnte nicht sagen, dass hier Gemüse oder Früchte billiger wären, nein, es war einfach so, dass ein appetitlicher Hammelbraten oder eine zuckersüße Wassermelone nirgends sonst in der Stadt zu kriegen war, nur hier.

„Wie viel kostet der Schaschlik?“

„ Zwanzig!“

„Skoko, skoko? Drajzig?“

„Nein, dwajsig!“

Auf einem Markt sollte man handeln, nicht wahr? Sonst wäre es kein Markt. Da hat auch der Verkäufer sein Vergnügen. Es ist so ähnlich wie in den berühmten östlichen Märkten. Übrigens, man sagt, im Osten wäre es eine große Taktlosigkeit, wenn man handelt, ohne im Begriff zu sein, das Ding zu kaufen, das kann den Wirt sogar sehr kränken. In Wien war es zu diesen Zeiten ganz anders, man durfte alles fragen, mit dem Verkäufer plaudern, nichts kaufen und mit einem Lächeln sich trennen. Die Österreicher haben es gern, über jede Kleinigkeit zu schwatzen. Ob die berühmten Wiener Cafés gerade dank dieser Neigung entstanden sind oder die Neigung wurde in der Erfahrung des Tratsches hinter der Tasse des Kaffees produziert?

Ich kann mich erinnern, als ich etwas kaufen wollte, aber es für mich zu teuer war, der Wirt aber nichts nachlassen wollte:

„Es tuat ma lad! Ich bedau‘re es sehr!“, mit solch eleganten Worten hat er meinen Vorschlag abgelehnt.

Nach kurzer Zeit kam ich zufällig wieder zum selben Tisch, und was glauben Sie? Der Wirt hielt mich auf und mit einem Lächeln bot er mir den halben Preis. Offensichtlich hat er rational entschieden, dass die Hälfte eines Bretzels auf jeden Fall besser war als ein Loch davon. Oder wollte er mir einfach einen Gefallen tun? Das werde ich nie erfahren.

„Im Osten wäre es undenkbar“, sagte zu mir eine mich begleitende Freundin, „dort, wenn du zurückkehrst, denkt der Verkäufer, dass du das Ding dringend brauchst und würde doppelt so viel verlangen.“

Alles das sind Erinnerungen vom Ende des 20. Jahrhunderts. Seitdem hat sich vieles geändert. Hat eine Veränderung des politischen Klimas in Europa auch auf die Atmosphäre der Wiener Flohmärkte gewirkt?

„Billiga, billiga, majne damen und herrn!“, schreien die lauten Stimmen in schlechtem Deutsch, „ist alles billiger! Kaufen Sie, kaufen Sie!“

«Kaufen Sie, zum Teufel!“

„Wieviel kostet diese Katze?“

„Fufzig!“

„Wie viel?“

„Fünfzig! Bist Du taub?“

„Hat sie einen antiquarischen Wert? Warum so teuer?“

„Ja, weil ich sie so verkaufe, das ist mein Recht!“

„Natürlich, natürlich!“

„Willst Du nicht kaufen, dann geh!“

„Ich wollte Sie nicht kränken, ich wollte nur wissen…“

Also, handeln wird langsam nicht ungefährlich, anstelle eines eleganten Lächelns, kann es ... Ach!

Flohmarkt, Flohmarkt! Wie oft hast Du Menschen geholfen, wenn das Leben sie in eine Sackgasse getrieben hatte. Welche Namen kanntest du nur! Da waren sowohl Marina Zwetajewa, als auch Achmatowa und sogar der große Pawlow... Mit einem Fluch und einem Segen sprachen sie von Dir, Flohmarkt!

In Kriegszeiten und nach dem Krieg in der Hungerszeit verkaufte meine Großmutter alles, was man nur verkaufen konnte. Den letzten Goldring tauschte sie gegen ein Kilo Mehl. Sie nähte nachts Pantoffel aus alten Lodenstücken und aus bis zu Löchern abgetragenen Wollmänteln, die sie auf demselben Flohmarkt erworben hatte, dann verkaufte sie sie wieder, so rettete sie die Familie vor dem Hunger.

Der Wiener Flohmarkt half vielen russischen Emigranten zu überleben. Ich kenne Menschen, die inzwischen sogar reich geworden sind, nichtsdestoweniger kaufen sie noch immer ihre Kleider auf dem Flohmarkt. Hm, da kann man wirklich ganz billig, ausgezeichnete, ganz neue Sachen kaufen.

Ich kenne einen Maler, der mit auf Flohmärkten gekauften Kunstgegenständen ein Vermögen gemacht hat.

Und wie ich jubelte, als ich das Glück hatte, zwei Bänder des russischen Gesetzbuches von 1885 für nur 20 Schilling aus einer Kiste zu fischen!

Mit der Entwicklung der billigen Handelsketten gehen alte kleine Geschäfte allmählich verloren. Es gibt nichts mehr von alten kleinen Cafés wie "Eduscho", überall sind Glas und Nickel, und da herrscht die Atmosphäre vom Supermarkt.

Aber einmal ermüdet dein Auge von diesem aggressiven Glanz und dich überwältigt plötzlich die Trauer nach etwas seit langem Verlorenen, Warmen, nicht Aufdringlichen. So trauert man immer nach einem Zuhause, wo man geliebt war. Dann begeben wir uns einfach auf den Flohmarkt, um unsere Seele zu erholen und sich mit der Vergangenheit zu treffen.

Oh, schau, eine alte Zelluloidpuppe mit blauen Augen und abgerissener Hand, ach du Arme! Ähnliche billige Puppen hat man mir oft in der Kindheit geschenkt, obwohl ich sie hasste, jetzt aber sehe ich sie voll Trauer an.

Der silberne Becher mit Gravur... Einen ähnlichen hatten wir Zuhause. Was wurde dann aus ihm? Er war auf einmal verschwunden.

Das Armband mit den dunklen Granaten. Ach, da muss ich an Kuprin denken! Das ist wieder ein Stück Vergangenheit – diese Erzählung („Granatenarmband“) las ich, als ich ganz jung war…

Ein Spaziergang über den Flohmarkt, es ist immer eine Begegnung mit der Vergangenheit. Oder ist es eine Begegnung mit sich selbst, mit deinen längst vergessenen Jahren? Hier wirst du immer wieder verführt, und du kaufst etwas ganz Unnötiges, ohne dass Du nicht mehr weiter leben kannst...

Cornelia Divoky

1960 in Mistelbach/Niederösterreich, geboren, lebt seit 1969 in Wien. Handelsakademie und Handelsschule, Studienlehrgang „Journalismus und Public Relations“, Ausbildung zur „Trainerin für Berufsorientierung, Kommunikation und Wirtschaft“. Arbeitete in Designmaking von Textil-Schmuck und exklusiven Tisch-Dekorationen. Schreibt Prosa und Gedichte.

Unentbehrliche Hoffnung

Wenn in unserem Leben so manches

unerwartet verläuft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn die Ehefrau Tomaten nach dem Ehemann wirft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn der Ehemann bereits

heimlich eine Geliebte trifft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn die neue Haushälterin

die offene Speiseöl-Flasche umwirft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn der Sohn beim Fußballspiel

eine Nachbar-Fensterscheibe trifft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn bei der letzten Strumpfhose

eine Masche läuft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn das Auto beim Ausparken

den Randstein streift,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Wenn in unserem Leben

so manches unerwartet verläuft,

Hoffnung gibt Mut und Kraft.

Mein Vater, der Schnee und ich

So wie in manchen Familien auch, gab es zwischen meinem Vater und mir eine ernstere Meinungs-Verschiedenheit. Deshalb gingen mein Vater und ich vierzehn Jahre lang getrennte Wege.

Im Laufe der Jahre lernte ich jedoch, die Beziehung zu meinem Vater aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Schlussendlich musste ich auch mir selbst Mängel im Umgang mit meinem Vater eingestehen. Deshalb beschloss ich zum Jahresende 2014, meinen Vater aufzusuchen. Aufgrund eines familiären Hinweises wusste ich, dass mein Vater zwischenzeitig in einem PensionistInnen-Wohnhaus der Stadt Wien mit Ausblick auf die Donau leben würde. Ich war fest entschlossen, so lange in PensionistInnen-Wohnhäusern der Stadt Wien nach meinem Vater zu suchen, bis ich ihn finde.

Am 12. Jänner 2015 sollte ich meinen Vater in einem PensionistInnen-Wohnhaus in einem inneren Bezirk Wiens mit Ausblick auf die Donau finden. Es war ein bitterkalter Wintertag und es schneite in dicken Flocken. Als Tages-Outfit wählte ich ein weinrotes Top, einen schwarz-weiß karierten Blazer und einen schwarzen Rock.

Ich läutete an der Glocke bei der Eingangstür zum Appartement meines Vaters und rief meinen Vornamen. Mein Vater öffnete die Tür und ich war sehr erstaunt, als ich sein Outfit sah: Er trug ein weinrotes Sweatshirt und eine schwarze Jogginghose mit seitlichen, weißen Streifen! Es folgte eine intensive Aussprache zwischen uns beiden und wir gaben einander zur Versöhnung die Hände. Von nun an herrschte wieder eine andauernde, harmonische Vater-Tochter-Beziehung zwischen uns beiden.

Am 12. Jänner 2021 sollte ich meinen Vater zum letzten Mal lebend sehen. Es war ein bitterkalter Wintertag und es schneite in dicken Flocken. Mein Vater starb neun Tage später an Modi-SARS (Anmerkung der Verfasserin: SARS-Coronavirus „CoV“) in einem Wiener Spital.

Jedoch am 12. Jänner 2021 waren wir noch einmal vereint: Mein Vater, der Schnee und ich.

Sidonia GALL

geboren im Burgenland, lebt in Wien. Langjährige Unterrichtstätigkeit (Geographie, Geschichte, Mag.a, Drin.), publiziert Lyrik und Kurzprosa (in 22 Anthologien), vier Bücher, Kulturberichte, Hörspiel. Vorsitzende des Österreichischen Schriftsteller/innen-Verbandes (2009-2017).

Zeichen

Duft

Duft als Zeichen, ein bestimmter Geruch, ein Duft, in dem vieles zusammenströmt, Vorstellungen, Erinnerungen, Wünsche.

Ein Duft, der Gestalt annimmt als eine zurückhaltende, uneingegrenzte Erscheinungsform. Sie umgibt und gibt Kontakt frei, wohldosiert, unaufdringlich, doch unausweichlich für die sinnliche Wahrnehmung.

Ein gezieltes Nach-außen-gehen mit der Bereitschaft zu berühren, begegnen, beeindrucken, beeinflussen, verlocken, heranziehen.

Im Nachwirken erinnerungserzeugend ein Wiedererkennen gestalten wie eine Sinnesarchitektur. Säulen setzen zur Orientierung der Sehnsucht.

Berührung

Wahrnehmungsschichten verändern ihren Aggregatzustand von fester, dichter Substanz zur Auffächerung einzelner Horizonte, werden außen und innen zerfließende Zonen mit Verzweigungen von Geflechten des Spürens, die durchlässigen Schranken zur Heftigkeit brechen neue Räume auf.

Die gewohnten großen Gesten und Bewegungen werden klein, die Winkel enger, mikroskopisch genau der Fokus auf Gegebenes. Intensität tobt aus der Verdichtung im Verborgenen. Die Zeit baut Dämme dagegen als Schutz.

Engel im Spiegel

Es gibt sie, zumindest einen oder zwei, ein paar vielleicht. Und sie sind nicht immer in der besten Verfassung. Engel haben keine Stimmungsschwankungen.

Haben sie nicht? Wer weiß es?

Gerade als göttliche Boten mit einem kosmischen Programm sind sie den Strahlungen im sichtbar hellen und unsichtbar dunklen Kosmos ausgesetzt, besonders auch den undefinierbaren Strahlen und Schwingungen der Menschen, die allemal belastend auf jegliche Stimmung wirken können.

Wie ist dem zu begegnen, wie unberührt bleiben oder mitschwingen und bestrahlt werden? So weit, so gut, - so kindlich.

Aber ehe ihr nicht werdet wie die Kinder,...das ist bekannt - und wer will nicht in das Himmelreich eingehen, wie auch immer jeder einzelne sich das vorzustellen vermag.

Also da ist ein Mensch, der schon seit frühester Kindheit über- und außer-menschliche Zweifel hat, warum er da ist wo er ist, warum er macht, was er macht und wohin das alles führen soll, was vor sich geht?

Er stößt an alle Kanten der Realität, hadert mit der schnöden Materie und sieht sich in den Zwischenräumen aller Beschäftigungen, in denen die Tagträume wohnen und die Schöpferkraft aller Genies wächst, am unsichtbaren Zaun zu einer anderen Welt, die ihm vertrauter erscheint, als die reale.

Und in den raren Augenblicken, die menschlicherseits die himmlischen genannt werden, spürt er, wie unsichtbare Flügel ihn wegtragen aus den Niederungen des verwirrenden und daher auch ungeliebten Daseins irgendwoanders hin, wo von allem Menschlichen weniger ist und wo demnach alles leichter zu sein scheint.

Da passierte es dann einmal, dass er, der doch allen Spiegeln auswich, weil sie den Blick in ungewisse Fernen verstellten, einem Wesen begegnete, in dem er sich auf irgendeine unerklärliche Weise spiegelnd wiederfand, - in den Träumen und den Zweifeln, in den kosmisch-menschlichen Zusammenstößen und in der unbestimmten Sehnsucht nach etwas Anderem, Besserem, Vergessenem vielleicht.

Dann wiederum war er verunsichert, da dieses Wesen nicht alle seine Schwierigkeiten teilte, im gelegentlichen Anderssein, in einem leichter, in anderem wieder schwerer trug als dieses.

Fremdheit und Verlassenheit, ein Wechselmaß an Nähe zerrten an seinem Gemüt und die Stimmungen rissen ihn schwankend hin und her zwischen Himmel und Erde und es gab Momente, da er sein Engel-Sein nicht spürte und auch gar nicht daran glaubte.

Verzagt sank er dann in sich selbst hinein, verlor jegliche Orientierung zwischen Können und Wollen, schien überall nur ein Müssen zu spüren und litt daran.

Sein Ähnlich-Wesen hatte schon längst alle seine Stimmungen und Seinszustände erfühlt und mit ihm durchmessen und selbst diese Lasten erkannt und mitgetragen, ohne aber die Beschwernis dauerhaft mindern zu können.

Doch beide fanden immer wieder, wenn auch nur kleine, helle Zwischenräume, in denen es ein wenig vom Anderssein, vom Besseren zu erahnen gab.

Es ist alles so wenig, so selten, so ungewiß, klagte er.

Es ist immer wieder ein Lichtstrahl, ein Hoffnungsschimmer, ein Durchlaß hin zum Anderssein - und irgendwann wird es mehr davon geben, in Gewißheit und auf Dauer, frohlockte sein Ähnlich-Wesen.

Es ist wie mit dem Glas, das halbvoll ist ebenso wie halbleer, dachten beide, wenn sie einander wieder einmal gerade recht unähnlich waren.

Und dann machten sie sich wieder mehr oder weniger bewußt auf die Suche nach gedeihlichen Gemeinsamkeiten, um daraus den nötigen Auftrieb zu bekommen für die unsichtbaren Flügel auf ihrem unendlich weiten Weg.

Fernab

ein Herbarium der Wahrnehmungen