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Einer der kuriosen Zufälle, die es so im Leben gibt, lässt zwei reife Menschen aufeinander treffen. Ein glücklicher weiterer Verlauf verändert nicht nur sie, sondern auch ihr Umfeld in vielfältiger Weise AUCH FÜR MÄNNER DIE WISSEN WOLLEN; WIE FRAUEN IN SACHEN ROMANTISCHE LIEBE TICKEN.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerlinde Roth
So ist das eben- die Liebe, das Leben
Märchen geschehen auch heute noch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Impressum neobooks
Der elegante, ältere Herr in dem Bahnabteil 2. Klasse lehnt den Kopf zurück, und versucht etwaszu schlafen. Aber der Schlaf will sich nicht einstellen.
Innerlich verflucht er den Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen auf Island, der ihn in diese Situation gebracht hat. Eigentlich sässe er jetzt in seiner Cessna auf dem Weg nach K.-jetzt wäre er kurz vor der Landung.
Aber dieser Vulkan hat ihm mit seinem Ausbruch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Riesige Staubmengen schleudert er durch die Luft, die jetzt bedingt durch unglückliche Windbedingungen riesige Staubwolken über Nord-. und Mitteleuropa ausbreiten. Von England bis Russland ist der gesamte Flugverkehr lahm gelegt.
Jetzt muss er mit der Bahn fahren- aber diese Idee hatten schon viele Andere, so dass er froh sein konnte, dass er überhaupt noch einen Platz in der 2. Klasse bekam. Das bedauerte er nicht, denn er hatte schnell festgestellt, dass die 2. Klasse Abteile lange nicht so überfüllt waren, wie die der ersten Klasse.
"Aber es geht langsamer als das Fliegen", denkt er. Zwar hat er heute, an einem Sonntag, keine Termine, "aber 6 Stunden Fahrtzeit", überlegt er gelangweilt,"6 Stunden- ich habe nicht mal eine Zeitung gekauft.Das habe ich einfach vergessen."
Vergessen in seinem Bestreben schnell aus S. von seiner letzten Geliebten wegzukommen.
Gerade einmal 20 Jahre war sie alt. Wie so viele zuvor.
Er hatte einmal den Satz gelesen : 'Geld macht sexy'- aber er hatte im Laufe seines bewegten Lebens festgestellt, dass Geld nicht sexy machte, sondern gierig.
So hatte er sich sein Leben darauf eingerichtet. "Warum nicht?" war seine Lebensdevise, "wenn es sie nicht stört, dass ich soviel älter bin, warum nicht?"
Viele mutmassten, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, dass er in Wahrheit bei keiner bleiben könne, weil er absonderliche Vorlieben hatte.
Dabei war die Wahrheit viel banaler: Die jeweiligen Affären erreichten ihn nicht wirklich, man hätte auch sagen können, es war ihm egal mit welcher der Frauen er zusammen war, er machte keine Anstrengungen die Beziehungen zu vertiefen.
Sie waren für ihn wie schöne Schmetterlinge, man sah sie an, aber schon der nächste Schmetterling in anderer Farbe liess einen den vorhergehenden vergessen.
Dabei war er sich auch klar, dass die meisten der jungen Mädchen sich nicht mit ihm abgaben, weil sie ihn sexy fanden.
Er war zwar ein grosser Mann, aber übergewichtig, mit dünnen Haarkranz um die Tonsur, war nicht er es als Person den sie wollten. Sie waren nur des Geldes wegen bei ihm. Bei irgendeinem Geschenk würden sie ihre Vorsicht vergessen, und ihre Gier würde sich zeigen. So häufig wie er dies erfahren hatte, hatte er keine Zweifel, dass dieser Moment bei jeder Einzelnen kommen würde- wie bei allen anderen zuvor.
Wieder einmal war dieser Moment gekommen, als er ihr das Collier überreichte.
Sie stand vor dem Spiegel, als er ihr das Collier umlegte- ein Traum von einem Collier: Platin mit Smaragden und Brillanten. Während er, hinter ihr stehend,die Kettenschliesse einrastete, warf er einen Blick in den Spiegel.
Sie besah sich das schön gearbeitete Stück dem man seinen Preis ansah. In ihre Augen trat ein Ausdruck des Triumphes, Triumph gepaart mit nackter Gier mehr davon zu bekommen.
Sie bemerkte, dass auch er in den Spiegel sah. Sofort trat ein eingeübt süsses Lächeln, gefolgt von einem entzückenden Schmollmündchen in ihr Gesicht. Er wusste was jetzt kommen würde.
Schon viele Male vorher hatte er das erlebt: Sie drehte sich um, sah ihn voll Verheissungen in ihrer Miene an, umarmte, küsste ihn heiss.
Er löste ihre Arme von seinem Hals. "Ich muss gleich fort, zu einem dringenden Termin," bedauerte er heuchlerisch,"als kleinen Trost habe ich Dir das Collier mit Armband und Ring mitgebracht."
Nun zwitscherte sie mit Schmollmund, er solle doch den Termin absagen, es könne noch ein so schöner Tag werden für sie beide. Aber den Blick, den er zuvor in ihren Augen gesehen hatte, kannte er zu gut um auch nur einen Augenblick länger bleiben zu wollen. So verliess er die Schöne und die Stadt ohne einen Gedanken des Bedauerns.
Heute Abend würde er einen generösen Scheck ausstellen, auf dem Vermerkt war : Danke für ihre Diskretion. Sie würde in einigen Tagen als ständige Begleiterin eines anderen wohlhabenden Herrn abgelichtet werden, wobei sie die absolute Harmlosigkeit ihrer Beziehung anhand des Textes auf dem Scheck unterstreichen würde.
Seine Gedanken wurden durch eine sanfte Stimme aus der Decke unterbrochen In 6 Minuten werden wir in H. einfahren...........Anschlusszüge nach.........:" Sie beendete die Ansage mit dem Hinweis, dass der Zug 5 Minuten Aufenthalt hätte.
"H.." dachte er," Feuerkopf hat hier gewohnt." Feuerkopf hatte er sie damals in Gedanken genannt- nicht nur weil sie Temperament hatte, sondern wegen ihrer Haare. Ihr Haar war eigentlich nichts besonderes, von irgendeiner undefinierbaren dunklen Farbe, sah es zumeist aus, als fehle der Kamm bei ihr zu Hause. Aber, wenn die Sonne darauf schien, sah es aus, als loderte das Haar wie Flammen.
Immer wenn er wieder einmal eine Affäre beendet hatte, dachte er an Feuerkopf. In ihren Augen, braun wie Haselnüsse, hatte er niemals Gier gesehen, nur Freude. Freude darüber, dass er bei ihr war.
Der Zug wurde langsamer, im Schrittempo fuhr er in den Bahnhof ein.
*
Wenige Menschen stehen am Bahnsteig, um so mehr fällt ihm eine kleine Gruppe auf.
3 junge Männer , einer davon mit einem grossen Rucksack auf dem Rücken, stehen zusammen mit einer älteren Frau. Zwei der jungen Männer, der schwarzhaarige Rucksackträger und der andere braunhaarige sind gross, sehr gross und breitschultrig; der dritte mit rotbraunen Haaren ist genau so breitschultrig, aber nur minimal grösser als die Frau.
Die Frau selbst ist nicht klein, aber neben diesen beiden grossen, schlanken Männern sieht sie klein aus. Klein und mollig, wie Mara, die Ehefrau seines besten Freundes seit der Schulzeit. Aber im Gegensatz zu Maras naturblondem Haar, haben die Haare der Frau einen dunklen Rotton.
Er besieht sie genauer. "Es ist wohl die Mutter des grossen Jungen mit dem Rucksack, sie haben die gleichen mandelförmigen Augen. Das ist die Verabschiedung eines Abreisenden."
Die jungen Männer kommen auf den Waggon zu, in dem er sitzt. Schulterklopfend und verlegen lächelnd verabschieden sich die beiden anderen von dem Rucksackträger. Die Frau fällt diesem um den Hals, sagt etwas. Er lächelt, sagt etwas zu ihr, schiebt sie von sich weg. Er geht zur Waggontüre, steigt in den Zug.
Wenig später betritt er das Abteil des Eleganten, grüsst kurz, stellt seinen Rucksack auf einem Sitzplatz ab. Dann stürzt er an das Fenster und beginnt zu gestikulieren. Die beiden anderen scheinen zu verstehen, was er deutet. Sie gestikulieren ebenfalls- offenbar beherrschen sie eine Zeichensprache- vielleicht eine in ihrer Kindheit selbst erfundene.
"Zurücktreten" fordert der Lautsprecher am Bahnsteig auf. Die Frau hebt die Hand mit ausgetrecktem Daumen und Zeigefinger ans Ohr, deutet ein Telefon an.
Der Elegante glaubt eine helle,leise, fast sanfte Stimme der Frau zu hören, wie sie mit einer kleinen Träne im Auge die Worte formt :" Ruf mich an." Der Junge nickt eifrig.
*
Der Elegante starrt das Fenster an.
Der Zug verlässt den Bahnhof, nimmt schnell Geschwindigkeit auf, rast schon mit Höchstgeschwindigkeit durch die Landschaft, die fast nicht erkennbar ist, so schnell rauscht sie vorbei.
Jetzt erst scheint der Elegante aufzuwachen, wendet seinen Blick vom Fenster ab. Inzwischen hat der Junge seinen Rucksack im Gepäcknetz verstaut.
Jetzt sitzt er da, ruhig, den Kopf an die Kopfstütze gelehnt die Augen geschlossen, scheint er zu schlafen. Er öffnet jedoch die Augen wieder, wendet den Kopf, lässt seinen Blick aus dem Fenster gleiten.
Der Elegante räuspert sich: "Solch einen schönen Abschied, bei dem die Freunde einen zum Bahnhof bringen und verabschieden, habe ich schon lange nicht mehr erlebt!" beginnt er ein Gespräch.
Der Junge blickt ihn einen Moment mit seinen grossen, schwarzbraunen Augen an. Mit angenehm tiefer Stimme antwortet er: "Das waren nicht meine Freunde, das waren meine Brüder und meine Mutter."
"Ah, ihre Familie !" stellt der Elegante fest, wonach er, fast geistesabwesend, das Gesicht des Jungen fixiert. Dieser rückt unruhig auf seinem Platz hin und her.
"Oh, entschuldigen Sie, ich wollte sie nicht unhöflich anstarren. Bei einem solchen Abschied ist bei mir die Frage aufgetaucht, wohin sie wohl fahren und wie lange ihre Familie sie wohl nicht mehr sieht?"
Nun lächelt der Junge- es ist fast schon ein feixen, ein satyrisches Grinsen.
"Das ist bei uns normal. 'Grosser Bahnhof' für jeden!" antwortet er betont lässig. "Mum will das so, dabei machen alle Anwesenden mit."
"Er sagt MUM, nicht dieses Maaam, als Abklatsch des englischen- wohl eine Familieneigenheit," denkt der Elegante.
Der Junge spricht sachlich weiter.
"Ich fahre nach M. wo die beste Fakultät für Bauwesen sein soll- ich studiere dort. Zurück komme ich, wenn es nach unserer Mutter ginge jedes Wochenende. Aber da es nach unserem Budget geht nur alle 3-4 Monate".
Er macht eine Pause, noch immer im sachlichen Ton fährt er fort:" Meine Mutter kauft die Karte so, dass sie wirklich preiswert ist, schon Wochen vor der Fahrt. Da bekommt sie die Karten oft zum halben Preis und noch günstiger," schmunzelnd setzt er hinzu : "Ob Wurst, Kleidung oder Fahrkarten- meine Mutter findet immer und überall die echten Schnäppchen."
Sie beginnen einen Smalltalk, der etwas einseitig verläuft: Der Elegante fragt, der junge Mann antwortet.
"Netter junger Mann," geht es ihm durch den Kopf" Gerade- offen- ohne zu brüskieren zeigt er mir dennoch Grenzen. Was er für eine private oder interne Sache hält, blockt er klar ab, ohne Getue." . Er erzählt von zu Hause, von der Familie. "Bonsai?" fragt der Herr interessiert," ist das der kleinere , runde, der gerade so gross ist wie Ihre Frau Mutter?"
"Nein," der Junge schüttelt den Kopf,"das ist Boule, wie das französische Kugelspiel. Er ist so etwas wie unser Alleinunterhalter mit Clownseinlagen. Rund darf man ihn wahrhaftig nicht nennen, er joggt jeden Morgen 11 km zum Bahnhof. Für seine Freizeit hat er allerlei Sportgeräte, von der Hantel bis zum Trainingsfahrrad.
Nein, Bonsai ist unser jüngster Bruder, der lange, breite mit Zopf, der dabei war. Er ist uns inzwischen allen über den Kopf gewachsen."
Er hält inne und lächelt in sich hinein.
"Sie haben mir nicht verraten, wie man sie nennt!"unaufdringlich, eher so nebenbei, fragt der Elegante, mit Interesse im Blick wartet er auf die Antwort. Der junge Mann zeigt ein leichtes rot im Gesicht, fährt sich verlegen durch seinen schwarzen, vollen Haarschopf, dann antwortet er eher zögernd.
"Ich habe 2 Namen, meine Freunde und Geschwister nennen mich Wolle. Aber meine Mutter nennt mich schwarzes Wölfchen, oder nur Wölfchen oder schwarzes." Er atmet kurz durch.
"Ich heisse Wolfram, wie mein Vater- der war breit wie Boule, gross wie Bonsai und hat mir seinen Haarschopf vererbt- so wurde ich Wölfchen." fügt er hinzu, über seine Augen zieht sich ein Schatten.
"War" denkt der Elegante," er hat 'war' gesagt. Nach seinem Blick zu urteilen, ist der Vater verstorben" Schweigend sieht der Junge zum Fenster hinaus, sein Blick scheint leer, nach innen gerichtet scheinen seine Gedanken.
Der Ältere achtet die Stimmung des Jungen, der jetzt tief seufzt. "Anderes Thema," denkt der Elegante. Behutsam, mit einem neutralen Thema nimmt er das Gespräch wieder auf.
"Sie studieren Bauwesen?" der junge Mann nickt. "Auch ich bin Bauingenieur, bei Blaubau in K.," führt der Ältere das Gespräch weiter," haben sie schon davon gehört?"
"Wer in unserem Beruf hat noch nicht davon gehört?" stellt Wolle die Gegenfrage. " Da müssen sie ja wirklich gut sein im Beruf!" "fügt er völlig ungekünstelt hinzu.
"Naja," wehrt der Elegante ab,"bei mir macht die Erfahrung viel aus. " Behutsam verwickelt er den Jungen in ein Fachgespräch.
Etwas später lädt er den Jungen in den Restaurantwagen ein. Dieser nimmt gerne an. Er gesteht, dass er diesen Wagen noch niemals aufgesucht hat, sooft er auch schon mit dem IC nach Hause gefahren ist.
"Zu teuer," erklärt er offen,"ich jobbe nebenher in einemBioladen. Da verdiene ich an einem Nachmittag, was hier ein Brötchen mit einem Kaffee kostet"
Sie unterhalten sich weiter- im Restaurant, dann im Abteil in dem sie noch immer alleine sind. Der Ältere spricht über fertig gestellte Projekte. Stellt Pläne und Fakten vor, beschreibt die entstandenen Schwierigkeiten und Probleme, erläutert die Lösungen.
Der Junge wiederum fragt, wenn er weiteren Informationsbedarf hat, lässt sich erläutern, was er momentan nicht nachvollziehen kann.
Kurzweilig geht die Zeit dahin-- wie im Fluge. Die dezente Stimme aus der Decke erklärt, dass man in wenigen Minuten K. erreichen wird.
Erstaunt äussert der Elegante, dass er überhaupt nicht bemerkt hat, wie die Zeit vergangen ist.
"Leider muss ich hier aussteigen." Echtes Bedauern klingt aus seiner Stimme. "Würden Sie mir ihre Adresse geben?" setzt er höflich hinzu.
Ohne zögern schreibt der Junge seine Adresse im Studentenwohnheim in M. auf.
Derweilen hat der Elegante eine Brieftasche aus der Innentasche seines Sakkos gezogen, eine Visitenkarte herausgenommen, sie in die Aussentasche seines Jacketts gesteckt.
Er nimmt die Adresse von dem Jungen entgegen, legt sie in die Brieftasche, die er wieder in die Innentasche seines Sakkos steckt. Derweilen hat der Junge ganz selbstverständlich den Koffer des Eleganten aus dem Gepäcknetz gehoben und auf einen Sitz gestellt.
Der Zug steht schon fast, der Elegante hat schon seinen Koffer in der Hand, als er seine Visitenkarte aus der Tasche zieht, sie dem anderen übergibt, wobei er so nebenbei äussert: " "Wenden sie sich ruhig an mich, wenn sie einmal einen Praktikumsplatz benötigen:"
Er gibt dem Jungen die Hand, geht aus dem Abteil den Gang entlang zur Aussentür. Jetzt liest der Junge die Karte, in sein Gesicht schiesst eine leichte Röte, aber der Herr ist schon draussen auf dem Bahnsteig.
Sprachlos sieht der Junge aus dem Fenster, wo der Elegante steht und ihm zuwinkt, der Junge winkt zurück. Als der Zug anfährt steht der Elegante noch immer auf dem Bahnsteig und winkt noch einmal. Bevor der Junge die Hand heben kann, hat der Zug schon Geschwindigkeit aufgenommen, der Herr entschwindet aus dem Blickfeld.
Jetzt starrt der Junge wieder auf die Visitenkarte- schweres Büttenpapier, eleganter Golddruck kennzeichnet diese Karte. Im unteren Viertel eine dezente Zeile: Titus Meyersberger-Blau, Blaubau Gmbh, darunter : Telefon privat: eine Handynummer, sowie eine Festnetznummer.
Sorgfältig steckt er die Karte ein- "Vielleicht benötige ich die wirklich einmal, "denkt er.
*
Annagreta dieSchwester von Titus, von allen kurz Netti genannt, holte ihren Bruder am Bahnhof ab.
"Theaterabend !" erklärt sie kurz. Titus weiss Bescheid, einmal im Monat geht das Hauspersonal gemeinsam ins Theater in die Loge der Familie Blau. Im Haus der Familie befinden sich dann zwei Aushilfen- aber nur für Notfälle.
Jeder in der Familie Blau trägt für diesen Abend seinen Teil bei, die beiden nicht zu bemühen, indem er selbstverständlich die Tätigkeiten übernimmt, die er übernehmen kann.
"Norbert holt gerade von Jacques einen Imbiss für Dich," erklärt Netti," wir werden gleichzeitig zu Hause sein."
Norbert ist Nettis Ehemann, gerade haben sie ihren 20. Hochzeitstag gefeiert. Dass er in ein renommiertes Restaurant fährt, um für Titus einen Imbiss zu holen anstatt ihn liefern zu lassen, erstaunt Titus nicht im geringsten. Er weiss, dass Norbert es liebt in den Dämmerstunden auf den fast leeren Strassen mit seinem getunten Golf zu fahren.
Erstaunt bemerkte Titus, dass er hungrig ist. Er war so sehr seinen Gedanken nachgegangen, dass er das gar nicht bemerkt hatte.
"Nette Netti," seit er das Wortspiel in seiner Kindheit erfunden hatte, benutzte er es als ein besonderes "Danke schön". Netti, die das Wortspiel liebte, drehte kurz den Kopf in seine Richtung, lächelte ihn an, und sah dann wieder auf die Strasse. "S. hat gefühlte 1000 Mal angerufen und um Rückruf gebeten".
Seit ewigen Zeiten nannte Netti seine Gespielinnen nach der Stadt in der sie wohnten. "Das ist unpersönlicher," hatte sie erklärt, jedoch auch hinzugefügt,"wenn es Dir einmal ernst ist, lass mich das wissen, ich merke mir dann auch den Namen." Er kannte seine Schwester, und wusste, dass sie dabei bleiben würde.
Irgendwann einmal hatte seine Familie die Angewohnheit einfach übernommen.
"Ist nicht mehr aktuell!" antwortete er kurz. "Dacht ich mirs doch:" war Nettis lapidarer Kommentar. Schweigend fuhren sie weiter.
Angekommen an dem Haupttor des riesigen, mit einer meterhohen Mauer umgebenen Blau'schen Anwesen, bediente Titus die automatische Fernsteuerung für das grosse Tor in der hohen Mauer. Lautlos schwenkten die Torflügel auf. Es zeigte sich, dass es ein Doppeltor war, zwei Flügel schwenketen nach aussen, zwei nach Innen. Netti fuhr hinein, sie war noch nicht ganz im Anwesen, als die grossen Torflügel, die nach aussen geschwenkt waren sich schon wieder bewegten um zu schliessen.
Zwei Kameras zeigten dem Wachpersonal wer da ankam. Keine 100 m weiter lief erneut eine Mauer um das Anwesen, dieses Mal war die Strasse flankiert von zwei Wachhäuschen, die in etwa 5 m Höhe eine Brücke bildeten, in welcher die Wachen hinter raumhohem Panzerglas sassen.
Selbst jetzt bei Nacht waren die rechts und links auf der 2meter Hohen Mauer angebrachten Gitter zu sehen, da diese alle 5 m von einer Leuchte angeleuchtete wurden. Nicht genug davon, tummelten sich in dem Zwischenraum freilaufende Dobermänner, die jeden Überwinder der äusseren Mauer stellten.
Das Wohnhaus, wohl 500m von dem Wachhäuschen entfernt war von einer hohen Sichtschutzhecke umgeben, die in etwa 300m Entfernung um das Haus lief. Erst wenn man an dieser Hecke vorbeigefahren war, war das Haus in seiner ganzen Pracht erkennbar.
'Eine besondere Scheusslichkeit 'hatte Netti die zweite Mauer genannt, als diese gebaut wurde. "Sieht aus wie ein Knast," hatte Norbert mit Blick auf die Panzerglasbrücke hinzugesetzt. Aber sie waren sich einig, dass das eben sein musste, wenn das Gebäude von der Wachmannschaft gesehen werden sollte.
Auf dem Parkplatz des riesigen, palastähnlichen Hauses der Familie Blau stand schon der Golf von Norbert. Dieser öffnete auch die Tür. Er deutete mit dem Daumen irgendwo nach hinten "Steht schon im Esszimmer," sagte er knapp, "ausserdem : S. hat angerufen bittet um Rückruf, wenn Du zu Hause bist!" Titus schnaubte.
Anzüglich grinste Norbert "Mal wieder abgesprungen, alter Freund? Wenn du meinen Rat befolgst suchst Du Dir mal eine Frau, bei der Du bleiben kannst. Vielleicht mal eine, bei der nicht auf der Stirn geschrieben steht ' Mir ist in erster Linie das Geld wichtig, Du kannst da alt sein wie Methusalem, Hauptsache, wenn's mit den Kröten stimmt."
Titus schnaubt noch gereizter als zuvor. Schweigend schiebt er seinen Schwager beiseite, begibt sich in das kleine Speisezimmer, wo er den späten Imbiss einnimmt. Seine Gedanken beschäftigen sich mit der sonderbaren Begegnung mit dem jungen Bauingenieur im Zug.
Gestärkt, erfrischt durch eine kurze Dusche, frisch umgekleidet hat er die äusseren Anzeichen der langen Bahnfahrt abgeschüttelt.
Er tritt in den kleinen Salon, das privateste Zimmer im Haus, das noch immer die Ausmasse eines grossen Schulklassenzimmers hat.
Wie immer am Theatertag sitzen die Familienmitglieder, heute ohne Oma und Opa Blau, zusammen. Norbert spielt mit seinem Schwiegervater Schach, Netti unterhält sich mit ihrer Mutter, die ein aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoss liegen hat.
Die Eltern sind beide an die 70. Die Mutter, klein und zerbrechlich, ist nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt, aber noch immer mit scharfem Verstand. Der Vater ist gross, kräftig und rüstig. Aber sein Geist ist eher einseitig geworden.
Titus beugt sich zur Mutter, küsst sie auf die Stirn, gibt dem Vater die Hand. Er geht zum grossen Frankfurter Schrank, dessen Inneres mit einer gut bestückten Hausbar versehen ist.
"Du bist also früher da, und S. ist Geschichte."stellt die Stimme seiner Mutter fest, während Titus sich eine Flasche Remi- Martin nimmt, sich ein Glas einen Finger breit füllt.
Er giesst den Cognac in einem Zug hinunter, nimmt die Flasche unter den einen Arm, das Glas in die Hand. Mit der anderen Hand schliesst er die Tür des Schrankes. Er geht zu einem Sessel stellt Glas und Flasche auf einen kleinen Tisch der neben dem Sessel steht, lässt sich dann in den Sessel fallen, füllt sein Glas erneut, stürzt auch dies wieder hinunter.
Der alte Meyersberger-Blau hat sein Schachspiel unterbrochen, verkündet jetzt seine Meinung. "War ja klar ! "knurrt der alte Herr,"dass das 'ne kurze Sache wird. Zu jung, zu dumm, zu gierig." Er zieht an seiner teuren Zigarre." Und ich habe noch immer keine Enkel:" mäkelt er.
"Du willst doch darauf keine Antwort!!" die Stimme der kleinen Frau im Sessel konnte trotz eines sanften Tones tief treffen.
Der alte Mann lehnt sich in seinen Sessel zurück, zieht wieder an seiner Zigarre. Er beobachtet derweilen seinen Sohn, der schon wieder sein Glas in einem Zug leert, sofort neu nachgiesst, dann das Glas auf den kleinen Tisch stellt.
"Liebe Güte!" schnarrt der Alte,"was nimmt Dich denn so mit? Ich hätte Dir gleich sagen können, dass sie zu nichts taugt!"
"Du mit Deinem untrüglichen Gespür für die Qualitäten von Frauen!" tönt es spitz aus dem Sessel. Netti verkrampft ihre Hand in der Armlehne ihres Sessels 'Wenn das wieder anfängt, fange ich an zu schreien,' denkt sie.
Nur zufällig fällt ihr Blick auf das Gesicht ihres Bruders. Seine Miene lenkt sie ab, hält sie ab etwas zu sagen.
Sein Gesichtsausdruck ist fast starr, auf jeden Fall zumindest extrem angespannt. "Gin," bricht es aus ihm heraus. Seine Mutter hebt die Augenbrauen, Netti steht auf, sie will zum Barschrank gehen.
"Nein, nein, nicht den Gin," winkt Titus ab,"Ich habe Gin gesehen. Im Bahnhof in H." Wieder schüttet er den Cognac hinunter, stellte dann das Glas auf den Tisch neben den Sessel. "Ihr Sohn sass bei mir im Abteil, und wir haben uns unterhalten- Netter Junge."
Er lehnt sich zurück und schliesst die Augen. So kann er nicht wahrnehmen, dass seine Familie ihn anstarrt, als sei er ein Alien.
Der alte Meyersberger-Blau findet als erster seine Sprache wieder. "Alle Wetter," spottet der Alte,"nach 25 Jahren siehst Du eine Frau irgendwo auf einem Bahnhof. Vermutlich hat sie sich überhaupt nicht verändert."
Titus sieht seinem Vater, der ihn fast höhnisch anstarrt, gerade ins Gesicht. "Unsinn, natürlich hat sie sich verändert, genau wie wir. Ausserdem ist sie mollig geworden,- wie Mara," er lächelt,"kein Wunder als Mutter von 5 Kindern." fügt er hinzu."Aber das ist es ja gerade. Ich weiss es, dass sie es ist. Ich habe sie erkannt, als hätte ich sie gestern zuletzt gesehen, da bin ich absolut sicher!" Sein Tonfall klingt definitiv und endgültig- abschliessend.
Der alte Mann will weiter diskutieren, er setzt an zu sprechen.
Aber seine kleine zierliche Frau mit der ruhig- bestimmt-festen Stimme ist schneller. Diesmal klingt kein Unterton in ihrer Stimme mit, sie spricht deutlich und sachlich :"Also, das musste du mir einmal genauer erklären: Du siehst eine Frau, der Du vor rund 25 Jahren zum letzten Mal begegnet bist- das ist in etwa dein halbes Leben. Sie ist inzwischen 5-fache Mutter, runder und älter geworden. Trotzdem bist Du sicher, Du hast sie erkannt, als diese GIN- was an sich schon bemerkenswert ist.
Dann hast Du so etwa 4 Stunden mit einem jungen Mann verbracht, dich mit ihm unterhalten, ohne den Namen, die Adresse zu erfragen- keine Versuche festzustellen, ob du dich getäuscht hast?"
"Ich habe doch gesagt, dass es Gin ist" stellt der Sohn sachlich fest."Den Namen und die Adresse das Jungen habe ich. Er heisst Wolfram Weber.."
Er nippt jetzt an seinem Glas, will weiterreden, aber er wird gänzlich unerwartet unterbrochen, von einer Person, von der er, ebenso wie alle anderen, das nie erwartet hätten.
Netti spricht deutlich, aber mit Erstaunen in der Stimme: "Wolfram Weber? Dann ist sie es!"
"Woher," beginnen nun alle drei Anwesenden, geben dann ein Handzeichen, dass ein anderer sprechen soll . Schliesslich spricht der alte Meyersberger-Blau :" Woher willst Du das wissen? Was macht dich da sicher? Du hast sie ja damals auch nur einmal gesehen -genau wie wir alle."
Sehr leise antwortet Netti: "Das ist recht einfach. Damals, als ich 1/2 Jahr in Südfrankreich war, bin ich ihr 'mal im Supermarchee in Toulouse begegnet. Obwohl sie ihr Haar schwarz gefärbt hatte, habe ich sie erkannt. Sie war dort mit einer süssen kleinen Tochter, und einem Ehemann. Ein grosser, stattlicher Mann, riesengross ,breitschultrig und schwarzlockig. Irgendwie strahlte er Zuverlässigkeit und Charakter aus. Er heisst Wolfram Weber."
Wieder sprach der alte Mann in die Stille, die nach Nettis Erklärung eingetreten war, wobei sein Ton deutlich abschätzend klang." Naja, wer hat heute noch fünf Kinder- religiöse Fanatiker jeder Couleur. Ebenso sonst was in gleicher Art- das wird schon etwas sein...." Er liess das Satzende unausgesprochen in der Luft hängen.
Seine Frau nahm das Wort "Du hast Recht, das wird schon etwas gewesen sein, nämlich eine Menge Arbeit, Zeit und Nervenaufwand für die Eltern... wenn man nicht gerade die Tochter eines Millionärs geheiratet hat." Ihr Ton wird beim Satzende anzüglich.
