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Deutschlands Rolle hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Wie sehen uns die Menschen in anderen Ländern eigentlich? Tun wir international genug oder verspielen wir gerade Vertrauenspotential? Hat Deutschland politisch, wirtschaftlich, kulturell eine Vorbildfunktion oder nicht? Machen wir den Anderen noch oder wieder Angst? Stehen wir für demokratische Werte? Ist Deutschland der Retter der Eurozone oder der Zerstörer? Hanni Hüsch, bis zuletzt Studioleiterin der ARD in Washington, und vierzehn weitere weltweite Auslandskorrespondenten deutscher Leitmedien fangen facettenreiche Stimmungsbilder über uns Deutsche ein. +++ Ägypten Tomas Avenarius (SZ) +++ Brasilien Michael Stocks (ARD) +++ China Andreas Landwehr (dpa) +++ England Annette Dittert (ARD) +++ Frankreich Michael Strempel (ARD) +++ Griechenland Jannis Papadimitriou (taz u.a.) +++ Israel Richard C. Schneider (ARD) +++ Italien Kirstin Hausen (ARD) +++ Österreich Robert Misik (Standard u.a.) +++ Polen Ulrich Adrian (ARD) +++ Russland Tim Neshitov (SZ) +++ Schweiz Daniel Hechler (ARD) +++ Spanien Sebastian Schoepp (SZ) +++ Türkei Jürgen Gottschlich (taz) +++ USA Hanni Hüsch (ARD)
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2013
Ebook Edition
HANNI HÜSCH (HG.)
SO SIEHT UNS DIE WELT
ANSICHTEN ÜBER DEUTSCHLAND
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ISBN 978-3-86489-035-2
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2013
Satz: Publikations Atelier, Dreieich
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
Inhalt
Vorwort
Frankreich: Fremde Freunde oder das Leben in einer Zwangspartnerschaft
Griechenland: Kalter Norden, warmer Süden und eine Hassliebe
Türkei: Zwischen Bosporus und Berlin – eine enttäuschte Liebe
England: Wenn aus Ernst Spaß wird
Schweiz: Die Deutschen – arrogant, laut und »viel zviil«?
USA: Washington wählt Berlin – der (be)wundernde Blick über den Atlantik
Israel: Ein langer Weg zur Freundschaft
Russland: Märchen, Merkel und entspannte Seelen
China: Im Auge des Drachen
Spanien: Gelobt, doch nicht geliebt
Polen: »Segen« am Wahltag oder die deutsch-polnische Vernunftehe
Naher Osten: Zwischen verklärter Bewunderung und verpassten Chancen
Österreich: »Die Deutschen fahren über alles drüber, die Österreicher schlängeln sich durch.«
Brasilien: Wenn Samba auf Blasmusik trifft – ein unterschiedliches, aber meist harmonisches Paar
Italien: Dolce Vita und deutsche Wertarbeit
Die Autorinnen und Autoren
Vorwort
Wenn es eines letzten Beweises bedarf, dass wir Deutschen kaum etwas so lieben wie die Selbstbespiegelung, dann ist es die Vielzahl der Talkshows im deutschen Fernsehen. »Mein« Sender, die ARD, leistet sich sogar fünf solcher Programme. Kein anderes Land bringt das fertig. Und so richtig erfolgreich sind diese Shows dann, wenn wir uns selbst zerlegen, wenn wir uns mal wieder eigenhändig und mit Wollust geißeln: über die soziale Ungerechtigkeit in unserem Land, über den Niedergang der Familie, über Deutschlands bemitleidenswerte Rolle als Zahlmeister Europas. Und darüber, dass uns die anderen nicht mögen.
Wir Deutschen jammern gerne. Eine gewisse Lebensschwere ist uns eigen. Es könnte ja schließlich alles noch schlimmer kommen. Wir mögen es, uns selbst nicht so recht zu mögen. Wir tun uns nicht leicht mit uns selbst. Mit der Last der Geschichte und der Lust auf eine neue Rolle in der Welt. Im besten Fall soll Selbstkritik den Rückfall in den Nationalismus bremsen.
Aber haben wir nicht ein Recht darauf? Womöglich sogar eine Verpflichtung dazu? Die Schrecken des zwölfjährigen Naziterrors haben Deutschland für Jahrzehnte nachhaltig geprägt und auch tief verunsichert. Das Böse war deutsch. Wie sollte man sich also jemals wieder selbst mögen, patriotisch fühlen, womöglich stolz sein können auf ein Land, das so viel Unheil über seine Nachbarn und die ganze Welt gebracht hat? Und wer will mit dieser Bürde am Ende noch führen, den anderen sagen, wo es langgeht? Letzteres wiederum tun wir eigentlich ganz gerne.
Grundsätzlich sind den Deutschen Stolz und Selbstbewusstsein ja nicht fremd. Lokalpatriotismus ist eine urdeutsche Sache. Die Hamburger trällern aus Tausenden verzückten Kehlen »Hamburg meine Perle, du wunderschöne Stadt, du bist mein Zuhaus, du bist mein Leben.« Und bei jedem Heimspiel in Müngersdorf empfängt der Stadionsprecher die Kölner und ihre Gäste mit dem Satz: »Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands!« »Rut und wiess, wie lieb ich dich«, schmachten die rheinischen Sangesbarden von den Bläck Fööss den medioker kickenden FC-Spielern entgegen. Sogar das Mittelmaß ist liebenswert. Solange es lokal ist.
Aber ein erstarktes Deutschland – da wird uns Deutschen bange. Flaggezeigen, Verantwortung und somit Führung übernehmen, auch oder vor allem, wenn es etwas kostet? Lange war das Thema weder von außen gewünscht noch von innen gewollt. Wie beneidenswert ist doch die Schweiz, mögen so manche sich gedacht haben: wirtschaftlich erfolgreich und ansonsten raus aus jedem weltpolitischen Schlamassel.
Das Flaggezeigen haben wir dann ja hinbekommen – in jenem schwül-heißen Sommer 2006. Als sich das Sommermärchen über Deutschland entfaltete. Millionenfach getaucht in Schwarz-Rot-Gold, mit Hymnen und Hupen und unter dem Beifall unserer Nachbarn. Sie nahmen uns nicht übel, dass wir uns gut fühlten, anfingen uns zu mögen, sogar stolz waren auf die eigene Leichtigkeit und den Erfolg der Klinsmänner. Wir kickten uns zwar nicht an die Spitze, aber wir wurden die Weltmeister der Herzen. Wir waren nicht mehr nur regelwütig und bierernst, erfolgreich und besserwisserisch – wir waren cool und liebenswert. Und Berlin sowieso der Hit, ein Sehnsuchtsort für die juvenile Partygemeinde rund um den Globus. Das war Balsam auf die wunde deutsche Seele.
Das alles war vor der Stunde null, vor der großen Finanzkrise, die in den USA ihren Ursprung nahm, nach Europa überschwappte und Deutschlands Rolle und Status nachhaltig verändern sollte. 2012 durchlebte die Europäische Union die schlimmste Krise ihrer Geschichte. Das hochverschuldete Griechenland ging zu Boden, andere Südländer wankten bedrohlich. Und nicht nur Washington fürchtete, mit in den Sog des Untergangs gezogen zu werden. Und vielerorts staunte man nicht schlecht – Deutschland ging als Wirtschaftsmacht und Exportnation gestärkt aus der Krise hervor, der Koloss in der Mitte Europas wurde noch kraftund machtvoller. Berlin bestimmte, nicht Brüssel. Und selbst im deutsch-französischen Tandem wechselten die Positionen – plötzlich saßen die Franzosen hinten, und am Lenker klemmte »Madame la rigeur« – die »eiserne Spar-Lady«, Angela Merkel, die neue Zuchtmeisterin Europas.
Das tüchtige, fordernde Deutschland, die auf ihren Vorteil bedachten Deutschen – gab das Anlass zu Bewunderung oder eher zu schlimmsten Befürchtungen? Sollte die Welt einmal mehr am deutschen Wesen genesen, die europäischen Nachbarn am rigorosen Spardiktat zerschellen? Oder taugt das deutsche Modell womöglich als Vorbild?
Die malträtierten Griechen gingen wutschnaubend auf die Straße gegen Deutschlands Vorherrschaft, Zeitungsmacher klebten Angela Merkel wahlweise mal das Hitlerbärtchen an, mal setzten sie ihr Kaisers Pickelhaube auf oder porträtierten die deutsche Kanzlerin als knallharten Terminator. Das Bild vom bösen Deutschen lebte auf Hellas’ Straßen und Plätzen wieder auf.
Das Forbes Magazine kürte unterdessen Angela Merkel nach Barack Obama zur zweitmächtigsten Person auf dem Erdenrund. Die US-Amerikaner verlangen vom Exportmeister jenseits unserer Wirtschaftskraft mehr Verantwortung, sowohl politisch als auch militärisch. Und ausgerechnet aus Polen kamen beachtliche neue Töne: »Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit« – so forderte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski in und von Berlin mehr deutsches Engagement zur Eurorettung.
Soll sich Deutschland also groß machen oder doch eher ducken? Sie sollen erwachsen werden, sagen viele Stimmen in Washington, sich lösen vom Ballast des Vergangenen und den ewigen (und bisweilen bequemen) Selbstzweifeln. Als wäre das so einfach.
Wenn die Deutschen in die Welt reisen, versuchen sie es den Gastgebern besonders recht zu machen: Sie radebrechen Französisch an der Baguette-Theke, sie tragen Cowboyboots auf der Fifth Avenue in New York, sie packen im fernen China sogar die glitschigen Nudeln mit Stäbchen. Man muss uns doch gern haben – wir können uns auch anpassen und wir haben Bach, Beckenbauer und BMW.
Aber mögen sie uns deswegen? Trauen uns die Menschen in anderen Ländern? Jetzt noch oder jetzt erst recht? Wie sehr ist akzeptiert, dass die deutsche Lokomotive schnaubend Europas Fahrtrichtung vorgibt? Es war also höchste Zeit, nachzufragen bei europäischen Nachbarn, bei guten Freunden, bei alten Feinden und bei neuen Partnern. Gemeinsam haben wir, fünfzehn Journalistenkollegen, Stimmungen eingefangen in fünfzehn Hauptstädten und in der Provinz, bei Entscheidern und bei den einfachen Leuten.
Wir alle leben in diesen Ländern oder haben eine längere Zeit dort zugebracht. In Peking, Warschau, Genf, Athen, Rom, Wien, Paris, London, Rio, Tel Aviv und Washington – schätzt man dort das neue Deutschland, den wohlwollenden Hegemon? Oder jagen die Deutschen wieder Furcht ein?
John aus Chattanooga, Ali aus dem türkischen Kuzguncuk, Taxidou aus Thessaloniki, Joan Escuer aus Barcelona, Li Cheng aus Changsha, Amr Hamzawy aus Kairo, Galina Alexandrowna aus Sankt Petersburg und vielen mehr danken wir für offene und klare Worte und die Bereitschaft, sich einmal mehr auf Deutschland und die Deutschen einzulassen.
Mit den Augen unserer Gastländer schauen wir auf dieses Land und haben Verwirrendes, Beschämendes, Berührendes, aber auch Beruhigendes gefunden. Die Palette der Gefühlsregungen ist beachtlich – enttäuschte Liebe, große Bewunderung, unverhohlener Zorn. Am Ende aber scheint es, dass sie uns vielerorts mehr mögen, als wir es selbst tun.
Hanni Hüsch, Januar 2013
Fremde Freunde oder das Leben in einer Zwangspartnerschaft
Von Michael Strempel
Es war ein spannendes Gespräch in Paris. Der Staatssekretär im Finanzministerium hatte unserem kleinen Kreis aus französischen und deutschen Journalisten Einblicke ins Tauziehen zwischen der deutschen und der französischen Seite im Vorfeld des nächsten EU-Gipfels gegeben. Es ging – natürlich – um die Eurokrise. Bertrand, mein Kollege vom Radiosender France Inter, begleitet mich vom imposanten Ministeriumsbau, der wie eine überdimensionierte Brücke in die Seine hineinreicht, zur Metro. An der roten Fußgängerampel bleibe ich stehen. Bertrand merkt es erst, als er die Straße schon zur Hälfte überquert hat. Er blickt nach links und rechts. Kein Auto ist gefährlich nah. »Tu es très allemand«, ruft er mir grinsend zu – du bist sehr deutsch! Kurz darauf kommt es noch besser. Ich werfe auf unserem Gang durch den tristen Metrotunnel am Gare de Lyon einen Blick auf ein Werbeplakat: Champagner im Angebot! Die zweite Flasche ist gratis. Als Bertrand sieht, wie ich offen auf das Plakat schaue, hält er sich die Hand vor die Augen: »Ça, c’est aussi très allemand« – schon wieder sehr deutsch. Wahrscheinlich ist ihm das Plakat auch aufgefallen. Das Schielen auf ein Angebot lässt ein Franzose sich aber nicht anmerken. Wie kleinlich das wirken könnte!
Irgendwie benehme ich mich ein wenig peinlich, auch wenn Bertrand das nie sagen würde. Was habe ich getan? Ganz einfach: Zuerst habe ich mich zwanghaft an eine Regel gehalten, deren aktueller Nutzen gerade nicht erkennbar war. Es hätte uns niemand überfahren, egal wie rot diese Fußgängerampel gewesen sein mochte. Und dann habe ich auch noch, nicht mal verschämt, nach meinem wirtschaftlichen Vorteil getrachtet. Sollte ich Bertrand je wieder zu einem Aperitif einladen – er ginge jetzt davon aus, dass mein Champagner einem Sonderangebot entstammt.
So sind wir Deutsche in vielen französischen Augen: Regeln sind Regeln, ob rote Ampeln oder der Euro-Stabilitätspakt. Und wenn wir etwas günstiger bekommen können, sei es beim Champagner oder bei der Rettung Griechenlands, dann wollen wir es auch günstiger haben. Man kann das auch Geiz nennen.
Sicher, die Interpretation unseres kleinen Spaziergangs mag etwas überspitzt sein. Außerdem mögen wir uns, Bertrand und ich. Wir teilen auch viele Ansichten über die Lage Europas. Dennoch ist mir diese kleine Szene nachhaltig in Erinnerung geblieben – symbolisch für unsere Unterschiede, vielleicht auch symbolisch dafür, dass Deutsche und Franzosen sich manchmal einfach nicht verstehen.
Zwischen Bertrand und mir ist das kein Problem. Wir müssen weder die Eurokrise gemeinsam lösen noch Vorschläge zur Besetzung des EZB-Direktoriums machen. Wir können uns über unsere Unterschiede amüsieren. Doch da von Deutschland und Frankreich momentan gemeinsames politisches Handeln erwartet wird, da manche die ganze EU in Gefahr sehen, wenn die beiden Großen nicht zusammenfinden, werden Unterschiede in Mentalität und Kultur manchmal ein Politikum.
Madame »la rigueur«
Fünf Jahre war ich in Paris. Es waren die Jahre der Finanzkrise, aus der die Eurokrise wurde. Ich war dabei, als Nicolas Sarkozy von heute auf morgen die Spitzen der Euroländer zur dramatischen Krisensitzung in den Elysée-Palast einbestellte und sich anschließend über diese entscheidungslahme »Frau aus dem Osten« mokierte, die später sein größtes politisches Idol zu werden schien. Und ich war dabei, als in Frankreich ein Wahlkampf losbrach, in dem die Frage »Wie hältst du es mit Deutschland?« eine Art Gretchenfrage der französischen Politik wurde. »La rigueur allemande« – die strenge deutsche Sparsamkeit. Für die Konservativen wurde das deutsche Vorbild die letzte Hoffnung, Frankreich vor dem Absturz zu bewahren. Für die Linke, zumindest die jenseits der gemäßigten Sozialisten, war es eine teuflische Ideologie: Deutschland wurde das Synonym für einen kalten Neoliberalismus, der ganz Europa an den Abgrund geführt hat.
Diese »rigueur allemande« hat eine Symbolfigur, die die Franzosen auf seltsame Art fasziniert: eine Frau, die ihre Weiblichkeit derart unbedeutend zu finden scheint, dass es französische Betrachter zur Fassungslosigkeit treibt. »Wer ist ihr Schneider?«, wurde ich gerne nach den Pressekonferenzen von Angela Merkel in Paris gefragt. »Sagt ihr denn niemand, dass diese kurzen Blazer zu eng sind?« Im Land der Haute Couture und der großen Mode-Defilees gibt es kein Staatsbankett, nach welchem die Garderobe der Politikerinnen oder Politikergattinnen nicht in den gängigen Klatschzeitschriften kommentiert würde. Dazu musste nicht erst Carla Bruni auf der politischen Bühne erscheinen. Wo eine Justizministerin fünf Tage nach einem Kaiserschnitt mit hochhackigen und nadelspitzen Absätzen perfekt gestylt wieder ins Kabinett stöckelt, da spielt der modische Auftritt eben eine Rolle. Wer ihn so nebensächlich findet wie die deutsche Regierungschefin, gibt zu denken.
Madame Merkel – die perfekte Allegorie für »la rigueur«: So wie Marianne, die Trikolore in der Hand und in zerrissenem Kleid, auf die Barrikaden stürmt, so scheint die Kanzlerin in engen Blazern und unvorteilhaften Beinkleidern das Banner Europas an sich gerissen zu haben. Beeindruckend? Beängstigend? Die Franzosen haben sich noch nicht entschieden. Alle Umfragen bescheinigen Angela Merkel in Frankreich großen Respekt. Auf die Pressefotos, die sie zu Hause im Freizeitlook an der Kasse eines Supermarktes zeigen, als Bürgerin wie jede andere, wurde ich oft angesprochen. Welch ein Kontrast zur französischen Politikerkaste, deren Gier nach Privilegien derart skurrile Blüten treibt, dass ein Staatssekretär letztlich zurücktreten musste, weil er ernsthaft Zigarren für 12 000 Euro zu »Bewirtungszwecken« aus der Ministeriumskasse kaufen ließ.
»Madame la rigueur« ist der Gegenentwurf dazu. Den finden viele Franzosen trotz modischer Defizite attraktiv. Allerdings nur, solange ihnen dieses »modèle allemand« nicht zu penetrant vor die Nase gehalten wird. Dann reagieren sie allergisch.
Das ewige »deutsche Modell«
Es wurde penetrant. Seit klar war, wie gut Deutschland die Finanzkrise von 2008 überwunden hatte, überboten sich Zeitungen und Magazine mit Titelseiten und Geschichten, die das deutsche Erfolgsgeheimnis zu erklären versuchten. Die Wochenzeitschrift Le Point brachte sogar eine Sonderausgabe über Deutschland heraus. »L’Allemagne, pourquoi elle gagne«: Warum Deutschland gewinnt war da in allen Facetten nachzulesen. Andere Blätter kamen mit ähnlichen Analysen des deutschen Modells. Eine Art kollektiver Minderwertigkeitskomplex schien sich zumindest eines Teils der französischen Presse bemächtigt zu haben.
Und nicht nur der Presse. Ein Werbespot machte in Frankreich Furore. Ausgerechnet die in Deutschland so gebeutelte Automarke Opel ging in einer Art in die Offensive, die ihre Fahrzeuge noch vor zwanzig Jahren wohl völlig vom französischen Markt vertrieben hätte: eine Fernsehwerbung auf Deutsch! Mit französischen Untertiteln wurde jedes Extra eines Opel-Kleinwagens als geniale Schöpfung deutscher Konstrukteurskunst gepriesen. Der einzige Satz auf Französisch: »Man muss kein Deutsch sprechen, um zu verstehen, dass dieser Opel ein wahres deutsches Auto ist.« Am Ende durfte der deutsche Autoverkäufer in grauenvollem Französisch noch den attraktiven Kaufpreis nennen. Wenigstens die französische Aussprache verriet noch deutsche Schwächen. So viel Rücksicht auf den Reststolz der einheimischen Kundschaft musste doch noch sein …
Für sich genommen lustig, in der Summe war die Glorifizierung der deutschen Wirtschaftskraft irgendwann jedoch schwer zu ertragen. Die Abwehrreaktionen kamen prompt.
Im Fernsehen, wo der unmittelbare Ausbruch von Emotionen ja wie in keinem anderen Medium zur Geltung kommen kann, hatten wir vom Pariser ARD-Studio schnell mit einer simplen Methode Erfolg: Auf den großen Demonstrationen gegen die französische Rentenreform haben wir den Demonstranten wiederholt das deutsche Rentenmodell in Kurzform skizziert. Die französische Reform sollte das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre hochsetzen. (Wer die volle Rentenhöhe erreichen will, muss jedoch zumeist länger arbeiten.) In Deutschland hatte die Bundesregierung die Rente mit 67 ja längst beschlossen. Anfangs wurden wir noch freundlich belehrt, Frankreich gehe eben seinen eigenen Weg. Doch je schlechter die Wirtschaftsnachrichten klangen, je stärker die Krise den Reformdruck auf Frankreich erhöhte, desto besser funktionierte meine Standardfrage: »Was denken Sie, dass Deutschland die Rente mit 67 eingeführt hat?« Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, da gab es schon die schönsten Wutausbrüche vor der Kamera. »L’Allemagne, l’Allemagne«, wiederholten die Demonstranten genervt, diese arbeitsversessenen Deutschen sollten doch machen, was sie wollten. Am liebsten erinnere ich mich an den brüllend vorgetragenen Hinweis, Frankreich sei schließlich eine Republik. Was Deutschland hingegen sei – dafür brachte der hoch erregte Gewerkschafter zum Glück keine Bezeichnung mehr heraus. Eine Republik war es jedenfalls nicht.
Zudem gab es Verachtung für die Wehrlosigkeit, mit der die deutsche Arbeiterschaft jeden Sozialabbau ertrage: die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die Leiharbeit. »Les réformes Hartz« sind unseren Nachbarn inzwischen ein Begriff. Hartz IV ist das Symbol der Kapitulation einer kastrierten Arbeiterklasse. Zumindest für echte französische Linke und eingefleischte Gewerkschafter. In Frankreich kämpft man eben noch, singt mit Pathos die »Internationale« und entzündet auf Demonstrationen bengalische Feuer – unsere Redaktionen zu Hause konnten kaum genug davon bekommen: Revolutionsromantik.
Eine Szene aus der Provinz hat sich mir besonders eingeprägt. Die Gewerkschaften von Soisson, einer Kleinstadt vor den Toren von Paris, haben zum »Barbecue de lutte«, zum »Kampfgrillen« auf einer begrünten Verkehrsinsel eingeladen. Freundliche Menschen bauen Tapeziertische auf, die roten Fahnen der Gewerkschaften CGT und Force Ouvrière wehen im Wind. Darauf abgestimmt gibt es rote Merguez-Würstchen und billigen Rotwein. Am Ende kommt einer der Gewerkschafter mit einem Anhänger vorgefahren, beladen mit alten Autoreifen. Was er damit wolle, frage ich ihn. »Na, anzünden«, antwortet er mir etwas erstaunt. Dann erklärt er mir, in Frankreich sei es eben anders als in Deutschland. »Soziale Konflikte haben bei uns noch etwas Kämpferisches!«
Ach so. Deshalb müssen über einem kreuzbraven Grillfest am Ende stinkende, pechschwarze Rauchwolken aufsteigen. Das sieht dann so aus, als rauchten die Trümmer des Kapitalismus. Zumindest kann sich mein sonst sehr friedlich wirkender Gewerkschafter das für einen Moment so ausmalen. Bringt einen zum Husten, aber wärmt das Herz. Es lässt auch vergessen, dass die französischen Gewerkschaften eigentlich schwach sind. Nicht einmal zehn Prozent der französischen Arbeiter sind gewerkschaftlich organisiert. In Deutschland ist der Anteil doppelt so hoch. Auch die betriebliche Mitbestimmung geht im Land der »neoliberalen Rationalisierer« sehr viel weiter als in französischen Unternehmen. Dafür sieht es in Deutschland halt nie nach Revolution aus. Das können Franzosen – zumindest optisch – einfach besser. Die konsensorientierte deutsche Sozialpartnerschaft, in der Gewerkschaften und Arbeitgeber Verhandlungspartner und nicht wie in Frankreich eher Kriegsparteien sind, würde Präsident Hollande zumindest in Teilen gerne nach Frankreich zu importieren. Die Chancen sind aber nicht allzu rosig. Gewerkschaften mit so schwacher Basis sind nur stark, wenn es qualmt oder sie in Paris mit wenig Aufwand die Metro lahmlegen. Wieder nichts mit dem deutschen Modell …
Fremder als Inder oder Chinesen
Auch die Wirtschaftsbosse tun sich mit der deutsch-französischen Zusammenarbeit manchmal schwer, allerdings aus anderen Gründen. Deutschland ist Frankreichs wichtigster Handelspartner, sowohl beim Export wie beim Import. Umgekehrt ist das anders. Zwar ist auch für die deutsche Wirtschaft Frankreich der größte Abnehmer. Aber die Deutschen lassen sich weit weniger von französischen Produkten verführen als es umgekehrt der Fall ist: Beim Import nach Deutschland lagen die Niederlande und die USA zuletzt deutlich vor Frankreich. Die in politischen Festreden gerne hoch gelobte deutsch-französische Wirtschaftspartnerschaft lässt im Alltag Manager auf beiden Seiten bisweilen verzweifeln. Ein früherer Chef der deutschen Außenhandelskammer in Paris seufzte, Deutsche und Franzosen seien sich in geschäftlichen Fragen manchmal fremder als Deutsche und Inder oder Chinesen. Das ist vor allem ein Problem der Wirtschaftskultur. Frankreich setzt auf große Strukturen, in die der Staat sich gerne einmischt. Der Autokonzern PSA, in dem Citroën und Peugeot vereinigt wurden, ist so ein Beispiel. Der Mischkonzern Alstom ebenso, der nur durch einen beherzten Griff in die Staatskasse vor einem Einstieg des deutschen Konkurrenten Siemens bewahrt wurde. Der französische Staat kaufte lieber selbst Alstom-Anteile. Die Rettung von Alstom wurde zum Symbol dafür, dass Frankreich seine Industrie nicht in fremde Hände fallen lässt. Vor allem nicht in deutsche.
Die Wirtschaftsbosse schlucken die staatliche Einmischung meist ohne Murren. Während der Finanzkrise 2008 ließ Präsident Sarkozy die Konzernchefs reihenweise im Elysée-Palast antanzen, um ihnen Marschbefehle zu erteilen. Sie kamen alle. Als die Großbank Société Générale von einem einzigen kleinen Börsentrader fünf Milliarden Euro versenken ließ, da war der Zorn des Präsidenten so groß, dass er öffentlich »Konsequenzen in der Führungsebene« forderte. Kurz darauf trat der Vorstandsvorsitzende Daniel Bouton zurück. Wäre er Chef der Deutschen Bank gewesen, er hätte den politischen Druck wohl einfach verpuffen lassen. Die zimperlichen Reaktionen in Deutschland, wenn der Staat sich in Unternehmensfragen einmischt, verstehen viele französische Manager nur schwer. Wechsel zwischen Wirtschaft und Politik in den Chefetagen kommen in Frankreich viel häufiger vor als bei uns. Entsprechend eng sind die Seilschaften zwischen beiden Bereichen.
Bei den Wirtschaftsbeziehungen bremst auch ein weiteres kulturelles Unverständnis. Die deutsche Art, in Geschäftsfragen »zur Sache« zu kommen, empfinden Franzosen oft als Überrumpelung erster Güte. Umgekehrt strapaziert es die Nerven manch deutscher Manager sehr, wenn sie nach dem fünften Treffen mit Mehrgängemenü und hoher Spesenrechnung den Abschluss noch immer nicht unter Dach und Fach haben. Das alles hat den Handel beider Länder bisher nicht zum Erliegen gebracht. Aber es erklärt, warum die beiden wichtigsten europäischen Wirtschaftskräfte doch relativ selten zu unternehmerischen Initiativen zusammenfinden. Wenn sie es tun, so ist die gemeinsame Konzernleitung gerne ein Drama. Bestes Beispiel: Europas Rüstungs- und Luftfahrtriese EADS. Das deutsch-französische Gleichgewicht in der Konzernführung auszutarieren erinnert nicht selten an amerikanisch-russische Rüstungskontrollverhandlungen zu Beginn der achtziger Jahre. Immerhin: Am Ende funktioniert es. Die EADS-Tochter Airbus hat den US-Konkurrenten Boing in den letzten Jahren überflügelt. Das beweist, wie sehr sich die Mühsal lohnen kann, die deutsch-französischen Verklemmungen zu überwinden.
Die Prüfung der »Erbfreundschaft«
Die »Erbfreundschaft«, die Adenauer und de Gaulle den beiden so lange bitter verfeindeten Nachbarvölkern hinterlassen wollten, macht momentan eine schwere Prüfung durch. Manche glauben, sie gehe nach Jahrzehnten der ritualisierten Bekenntnisse in ihre erste echte Bewährungsphase. Die rührenden Versöhnungsszenen von Kriegsveteranen, die unzähligen Trinksprüche auf die deutsch-französische Freundschaft bei den Jubiläen der Städtepartnerschaften – für die Jüngeren ist das etwa so attraktiv wie das Schlagerfest der Volksmusik. Dass es zwischen Deutschland und Frankreich andauernden Frieden gibt, ist eine banale Selbstverständlichkeit geworden, aus der sich keine Begründung für ein immerwährendes Sonderverhältnis mehr ableiten lässt. »Ich hatte nicht vor, in Frankreich einzumarschieren!«, hat die Tochter des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel ihrem Vater geantwortet, als der ihr die historische Notwendigkeit der deutsch-französischen Freundschaft nahebringen wollte. So erzählt Gabriel es zumindest. Gute Nachbarschaft ist normal, die Vorstellung eines Krieges absurd geworden, auch wenn der prominente französische Historiker Max Gallo inzwischen warnt, das müsse nicht für den Rest der Menschheitsgeschichte so bleiben. Momentan klingt Gallos Warnung noch wie ein bemühter Versuch, die eingefahrenen deutsch-französischen Beziehungen durch etwas Dramatisierung wieder spannender zu machen.
Tatsächlich ist das deutsch-französische Verhältnis, nachdem es lange pathetisch überhöht wurde und das Bild von den Hände haltenden Staatsmännern Kohl und Mitterand alle Differenzen überdeckte, nun mitten im politischen Alltag angekommen. Gegensätze und manchmal auch Desinteresse aneinander werden immer weniger als politisch unkorrekt empfunden. Das zeigt auch, dass die institutionalisierten Beziehungen mit ihren Jugendaustauschprogrammen und Städtepartnerschaftsrekorden nur relativ zarte Wurzeln geschlagen haben. Seinem jungen Publikum hatte Charles de Gaulle vor fünfzig Jahren in seiner berühmten Ludwigsburger Rede noch auf Deutsch zugerufen: »Man braucht ja nur die Flamme in Ihren Augen zu beobachten (…), um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat!« Vielleicht etwas schwülstig, aber voller Hoffnung. Mit seinem unnachahmlichen Pathos machte der Ex-General, der in zwei Kriegen gegen Deutschland gekämpft hatte, dann weiter: Junge Deutsche seien »Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes!« Keine zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren das Worte für die Geschichtsbücher. Viele Zuhörer mochten damals eine Gänsehaut gespürt haben. Das ist lange her.
Heute ist die junge Generation auf beiden Seiten des Rheins vom Nachbarland – man muss es wohl so sagen – oft angeödet. Deutsche Schüler finden Französisch zunehmend uncool, ihre französischen Altersgenossen fanden unsere harte, komplizierte und unmelodiöse Sprache nie wirklich attraktiv. Es gab einen Hoffnungsschimmer, als die deutsche Boygroup Tokio Hotel die französischen Charts stürmte und die Teenies wissen wollten, was Sätze wie »Komm und rette mich, ich verbrenne innerlich« denn eigentlich bedeuten. Als die Jungs aus Magdeburg aber wieder aus den Top Ten abgestiegen waren, blieb von der kurzzeitig gewachsenen Zuneigung zu ihrer Sprache auch nicht mehr viel übrig. Wozu auch – Deutsch verspricht nicht gerade den Zugang zur großen, weiten Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in meinem Bekanntenkreis irgendjemanden habe, der noch nie in Frankreich war. Hingegen habe ich in den letzten fünf Jahren viele Franzosen in meinem Alter kennengelernt, die noch nie einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben. Wenn doch, dann waren es oft dienstliche Termine in Städten, die eine private Rückkehr nicht unbedingt erstrebenswert scheinen ließen. Das Wetter so grau wie das Brot, das für französische Gaumen quälend oft als zentrales Nahrungsmittel gereicht wird – was will man da?
Berlin, Berlin!
Ausnahme: Berlin! Die deutsche Hauptstadt ist für viele, vor allem Jüngere, das einzig wirklich attraktiv erscheinende Ziel jenseits des Rheins. Lea, eine Tattoo-Künstlerin Mitte zwanzig, bekommt funkelnde Augen, als sie von Berlin erzählt. Wir haben Lea bei unseren Dreharbeiten für eine Paris-Reportage kennengelernt. Ihr Atelier liegt nur ein paar Meter entfernt vom heimlichen Pariser Strich auf der Rue Saint-Denis. Das frivole Paris mit seinen Netzstrumpf-Damen, das der Maler Toulouse-Lautrec verewigt hat, ist von einem ehrgeizigen Innenminister namens Nicolas Sarkozy gesäubert worden. Aber etwas von der alten Szene hat sich hier gehalten. In den ewig gleich schönen Fassadenfluchten, die Paris manchmal ein wenig wie ein Freilichtmuseum erscheinen lassen, ist die Gegend um die Rue Saint-Denis wenigstens noch ein bisschen anrüchig geblieben.
Leas Tattoo-Salon passt hierhin. Nach Paris ansonsten nicht. »Wenn ich mir eine Stadt in Europa aussuchen könnte, ich würde nach Berlin gehen«, schwärmt Lea. Sie sei nicht so glatt, nicht so postkartenschön, dafür lebendig und in Sachen Tattoo Paris weit voraus. Das sehen auch viele ihrer Freunde so. Berlin – das steht allerdings nicht wirklich für Deutschland. Berlin scheint eine Welt für sich zu sein, eine wilde Mischung aus Ost- und Westeuropa, die viele junge Franzosen eben nicht mehr mit den deutschen Grundklischees Ordnung, Disziplin und Sauberkeit in Verbindung bringen.
Ist Berlin der Beweis dafür, dass Deutschland ganz anders geworden ist? Oder eher die große Ausnahme? Jérôme Bony war Deutschlandkorrespondent für den Sender France 2. Er hat Berlin geliebt. Mit seinem an Pariser Preisen orientierten Mietzuschuss konnte er sich eine Wohnung am Gendarmenmarkt leisten. »Das deutsche Fernsehen hat sogar bei mir gefilmt, wegen des tollen Blicks«, erzählt Jérôme leicht verschämt. Seine Chefs fanden die Miete ziemlich günstig. »Für uns war es schwer, aus Berlin wieder wegzugehen«, seufzt Jérôme. In Paris wohnt er mit seiner vierköpfigen Familie jetzt im Vorort Billancourt. Die explodierten Wohnungspreise in der Innenstadt kann er sich nicht mehr leisten. Das Frankreich, in das Jérôme Bony zurückgekehrt ist, ist das Frankreich der Misere. Die Stimmung wird allmählich depressiv. »Ende der neunziger Jahre hieß es noch, Deutschland sei der kranke Mann Europas«, erinnert sich Jérôme. Von Krankheit hat er nicht mehr viel gesehen – dafür spürt er die jetzt zu Hause. Aber am deutschen Modell will der französische Patient nicht genesen. »Wir müssen unseren eigenen Weg finden«, glaubt auch Jérôme.
Die 35-Stunden-Woche mag wirtschaftlich ein Klotz am französischen Bein sein, doch in einem Land, in dem die Mehrheit der Frauen trotz statistisch höherer Kinderzahl vollzeitbeschäftigt ist, zählt jede freie Stunde für die Familien. Da wird auch manch Konservativer kleinlaut, wenn es um die Frage der 35-Stunden-Woche geht. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist die Quelle einer höheren Geburtenrate – davon sind zumindest die vielen jüngeren Familien, die ich nicht zuletzt durch meinen sechsjährigen Sohn in Frankreich kennengelernt habe, überzeugt. Die relativ hohe Geburtenrate ist einer der wenigen Stützpfeiler, die das angeknackste französische Selbstbewusstsein noch hat. Das Forschungsinstitut Ifri prognostiziert bei jeweils gleichbleibendem Bevölkerungswachstum für Frankreich ab 2050 mehr Einwohner als für Deutschland. Balsam für die geschundene Seele manch französischen Politikers.
»À la Bismarck«
Arnaud Montebourg ist einer von ihnen. Der 50-jährige, jungenhafte Montebourg gehört zu den Youngsters in der von Präsident François Hollande berufenen Regierung. Er ist Minister für die produktive Sanierung der Industrie – so viel zur kreativen politischen Wortschöpfung. Montebourg arbeitet sich gern an Deutschland ab.
Im Vorwahlkampf war er als Außenseiterkandidat der Sozialisten für die Präsidentschaftskandidatur angetreten und hat überraschend viele Stimmen bekommen. Das sicherte ihm Einfluss. Er wollte der Kandidat der »Entglobalisierung« sein. Französische Politiker haben es in Wahlkampfzeiten gerne eine Nummer größer. Zu seinen Lieblingsgegnern in der globalisierten Welt gehören die exportversessenen Deutschen. Die Kanzlerin, so wetterte Montebourg vor der Wahl, betreibe in Europa eine Politik »à la Bismarck«. Da war sie plötzlich wieder, die deutsche Pickelhaube. Bismarck ist zwar nicht Hitler, aber in der französischen Beliebtheitsskala deutscher Staatsmänner ist sein Platz nicht weit von diesem entfernt. Bismarck hat Frankreich erst besiegt und dann gedemütigt – er rief in Versailles Wilhelm I. zum deutschen Kaiser aus. Frankreich hat in der Welt Montebourgs von Angela Merkel also noch Schlimmes zu erwarten.
Natürlich weiß er, dass die »eiserne Kanzlerin« und der »eiserne Kanzler« ein ziemlich an den Haaren herbeigezogener Vergleich ist. Aber Montebourg ist ein begabter Populist. Er versteht es, geeignete Feindbilder im richtigen Moment an die Wand zu malen, um sie dann wieder zu übertünchen. Denn als Mitglied der Regierung ist er auch realistisch und weiß: Mit Deutschland mag es zäh sein, ohne Deutschland geht es jedoch gar nicht. Auch nicht für den Linksaußen im französischen Kabinett. Deshalb holte er uns deutsche Journalisten, die wir so auffällig kritisch nach den Methoden seiner »Entglobalisierung« gefragt hatten, nach einer Pressekonferenz auch noch einmal zu sich. Die Beziehungen zu Deutschland lägen ihm sehr am Herzen, doch, doch! Es gehe ja nur um die Auswüchse der Merkelschen Spardoktrin. Es ist die weichgespülte Botschaft für die deutschen Medien. Auch Arnaud Montebourg will es sich nicht wirklich mit dem Nachbarvolk verderben. Auch er weiß, dass deutsches Geld in der Eurokrise unverzichtbar ist. Frankreich wird für die gemeinsame Währung eine immer schwächere Stütze. Das ist ein bedeutendes Argument für den Fortbestand der Zwangsehe.
Das Ende des »bösen boche«
Die mittlerweile eher unbekümmerte Art, in der Deutsche und Franzosen übereinander den Kopf schütteln können, ist – so paradox es klingen mag – das Ergebnis einer historischen Erfolgsgeschichte. Nirgendwo sonst in Europa haben sich zwei Nachbarländer so beharrlich gegenseitig verletzt und gedemütigt wie die beiden Erben des Frankenreiches. Die deutsche Nationalbewegung hat niemand mehr beflügelt als Napoleon und die französischen Besatzungen. Frankreich fühlte sich durch die Ausrufung des neuen deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles erniedrigt. Der Hass, der zu zwei verheerenden Weltkriegen führte, wuchs auf tiefem, lang beackertem Nährboden. Diesen Hass gibt es heute nicht mehr, zumindest ist er nirgends mehr prägend.
Es ist ein trüber Januartag, als ich Serge Martin kennenlerne. Wenn ich in Frankreich einen Menschen getroffen habe, dem ich den alten Hass auf die Deutschen verziehen hätte, dann ihm. Serge Martin stammt aus Maillé, einem kleinen Dorf in der Loire-Region. Am 25. August 1944 metzelten deutsche SS-Truppen es nieder – als Racheaktion für Partisanenangriffe. Das Schicksal von Maillé wurde in Frankreich lange vergessen. Das Massaker geschah am selben Tag, an dem Paris im Freudentaumel die Befreiung von den deutschen Besatzern feierte. Der Tag ist in der französischen Geschichte ein Glückstag. Wie sehr die Besatzer auf ihrem Rückzug noch wüteten, wurde verdrängt. Der damals zehnjährige Serge Martin war an diesem 25. August zu Besuch bei den Großeltern im Nachbardorf. Das rettete ihm das Leben – als einzigem in seiner Familie. Er zeigt uns bei unserem Besuch in Maillé das kleine Museum, in dem an die Opfer des deutschen Terrors erinnert wird. Serges Familie wird da auf einer Fotosäule gezeigt: die Eltern und ihre vier Kinder. Junge, glückliche Menschen. Er sah sie den Rest seines Lebens nur noch auf diesem Bild. Am Ende des Tages lädt er uns zu sich ein. Seit ein deutscher Staatsanwalt den Versuch unternommen hat, die Täter von Maillé noch ausfindig zu machen, sind häufiger Journalisten zu Serge Martin gekommen, auch deutsche. »Einige waren zu Tränen bewegt von meinem Schicksal, das hat mich berührt«, sagt der bescheidene, kleingewachsene Mann, »ich weiß, dass die junge Generation in Deutschland heute eine ganz andere ist.« Europa ist für ihn das Versprechen, dass Deutsche und Franzosen sich nie wieder so etwas antun. Bei Serge Martin sind Deutsche willkommen.
Als im März 2012 der hassbesessene jugendliche Attentäter Mohamed Merah erst drei Soldaten und dann drei Kinder und einen Lehrer an einer jüdischen Schule in Toulouse tötet, ist Nicole Yardeni noch am selben Tag vor Ort. Sie ist die regionale Vorsitzende der CRIF, dem französischen Pendant zum deutschen Zentralrat der Juden. Sie gibt Interviews, unglaublich besonnen und beherrscht. Plötzlich sieht sie hinter den Kameras ein Auto vorbeifahren. Die kleine Schwester eines des jüngsten Opfers Merahs sitzt darin. Die Fassade hält nicht mehr. Nicole Yardeni bricht in Tränen aus. Sie ist eine Freundin der Familie. Ein Kameramann und ich versuchen, sie zu trösten. Er ein Araber, ich ein Deutscher, die Jüdin Yardeni in unserer Mitte. Sie dankt uns, fragt mich, woher ich komme. Meine deutsche Herkunft macht mich in diesem Moment etwas verlegen. Nicole Yardeni nimmt meine Hand: »Ihr habt Eure Arbeit getan«, sagt sie, »die Deutschen haben verstanden, was damals passiert ist. Sie haben gelernt!« Die feste Überzeugung einer französischen Jüdin.
Die Zeiten des ewigen »boche« sind in Frankreich vorbei. Es ist dieses Schimpfwort für uns Deutsche, das uns gerne mit knallenden Lederstiefeln und grauen langen Mänteln in Verbindung bringt, und bei dem Sprachwissenschaftler sich streiten, ob es wirklich ursprünglich »Dickschädel« heißt. In den letzten Jahren haben sich die Franzosen nicht mehr nur mit dem »boche«, sondern verstärkt mit ihrer eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Filme wie »La Rafle« von Rose Bosch (in Deutschland: »Die Kinder von Paris«) oder die großartige Fernsehserie »Un Village Français« im öffentlich-rechtlichen Sender France 3 arbeiten die schmerzliche Geschichte der französischen Kollaboration und die Zerrissenheit des Landes während der deutschen Besatzung bemerkenswert auf. Man versteckt sich nicht mehr nur hinter dem teuflischen SS-Mann, auch wenn der noch oft genug über die Mattscheiben läuft. Entsprechend habe ich auch nur Kopfschütteln geerntet, als ich anlässlich der Teilnahme einer Bundeswehrdelegation an der Parade zum 14. Juli im Publikum gefragt habe: »Stört Sie das noch?« Es störte niemanden mehr, auch keinen der Älteren.
Dass die Keime der »Erbfeindschaft« verschwunden sind, ist großartig. Unlängst wurde die deutsch-französische Aussöhnung als wesentliche Begründung für die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU herausgehoben.
Das reicht aber nicht aus, um damit europäische Zukunft zu gestalten. Die Herausforderung in den deutsch-französischen Beziehungen ist es heute, aus Normalität keine Banalität werden zu lassen. Bei aller, oft beißender Kritik am deutschen »Spardiktat« und an deutschem Egoismus in der Eurokrise wurden in Frankreich noch keine Plakate von Angela Merkel in Nazi-Uniform hochgehalten. Noch gibt es zumindest Respekt vor den besonderen Beziehungen zum deutschen Nachbarn. Wenn daraus wieder Leidenschaft werden soll, müsste vor allem den Politikern auf beiden Seiten bald mehr einfallen, als lediglich an der »Zwangsehe« festzuhalten.
Bertrand und ich sind nach unserem Spaziergang übrigens noch zusammen Metro gefahren. Wir haben über unterschiedliche Verkehrserziehung und die deutsche Vorliebe für Lebensmitteldiscounter diskutiert. Neugier aufeinander belebt jede Beziehung. Auch zwischen »Erbfreunden«.
Kalter Norden, warmer Süden und eine Hassliebe
Von Jannis Papadimitriou
»Zone des freien Denkens« nennt Areti Georgili ihre neu eröffnete Buchhandlung nebst Kinderspielecke und Espressobar am Rande des Athener Bohème-Viertels Exarcheia. Der Name ist Programm: Dicht nebeneinander platziert liegen in den Regalen die Klassiker des Marxismus, Anarchismus und Wirtschaftsliberalismus; Straßendichtung ist im Buchsortiment genauso vertreten wie rechtskonservative Schriften und griechische Migrantenliteratur. Georgili will, dass Ideen Gehör finden und kontrovers ausdiskutiert werden, auch wenn sie ketzerisch oder extrem klingen. Sie wolle keine Buchhandlung wie jede andere führen, sondern eine Ideenschmiede, die nebenbei auch Bücher verkauft, sagt die 40-Jährige.
Mit ihrer Aufforderung zum freien Denken will Georgili bewusst provozieren. In Zeiten der Krise vermisse sie eine Kultur des Dialoges in Griechenland, erklärt die studierte Historikerin und Archäologin: »Die Griechen sind empört, strömen demonstrierend auf die Straße und streiten mit Leidenschaft über Politik, aber sie hören einander gar nicht zu. Da wollte ich ein Zeichen in die andere Richtung setzen. Ich will, dass die Menschen hierher kommen und ihre Ideen bei einer Tasse Kaffee verteidigen, und zwar mit Argumenten, nicht mit Gewalt oder Ignoranz gegenüber Andersdenkenden.«
Was sich da zusammenbraut gegen Deutschland sei eben typisch für eine mangelnde Dialogkultur, klagt die streitbare Buchhändlerin. Oft bekomme sie erzählt, dass Angela Merkel und die Deutschen das Böse verkörperten, genauso wie die aus EU, EZB und IWF bestehende Troika. Einmal musste sie miterleben, wie zwei Frauen aus Deutschland laut redend in ihre Buchhandlung kamen und dabei von anderen Kunden argwöhnisch beäugt wurden. Absolut schwachsinnig sei dieses Verhalten, meint Georgili: »Für mich ist Deutschland das Land von Goethe, Schiller und Wagner – eine Kulturnation im wahrsten Sinne des Wortes, die heute immer noch Ideen und Kreativität produziert.«
Solch erfreuliche Erkenntnisse stammen aus eigener Erfahrung: Über zehn Jahre arbeitete Georgili als Marketingexpertin in Griechenland, zuletzt in leitender Funktion und mit Verantwortung für den Gesamtumsatz ihrer Firmengruppe in Südosteuropa. Berufsbedingt habe sie viele Deutsche kennen und schätzen gelernt, berichtet die Frau aus Athen. Liebend gerne besucht sie ihre Freunde im Land von Goethe und Schiller, und auch die Frankfurter Buchmesse sei ihr eine Reise wert. Ich frage sie, ob sie ihren gut bezahlten Job wegen der Wirtschaftskrise habe aufgeben müssen. »Das nicht, aber ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Griechenland in die Schuldenkrise rutschte, bekam auch ich meine ganz persönliche Midlife-Crisis«, sagt Georgili selbst-sarkastisch. »Ich sagte mir, du machst jetzt mit vierzig endlich nur das, wovon du schon immer träumtest. Also eröffnete ich eine Buchhandlung nebst Café als Anlaufstelle für Ideen und Treffpunkt für meine Freunde.«
Ihr Streben nach Selbstverwirklichung wird dadurch erleichtert, dass Georgili in jahrelanger Arbeit ein Finanzpolster angespart hat – als Startkapital sozusagen. Doch die angehende Unternehmerin wird nun mit Schwierigkeiten konfrontiert, die sie nicht ansatzweise geahnt hätte: Dass in einer Athener Buchhandlung Espresso serviert wird, ist im Gesetz nirgendwo ausdrücklich vorgesehen und wird deshalb vorerst verboten. Für eine Genehmigung sind mehrere Behörden zuständig, die einschlägige Vorschriften unterschiedlich auslegen: »Die Stadt Athen meint, ich dürfe sehr wohl Kaffee servieren in meiner Buchhandlung, aber die Kreisverwaltung stemmt sich dagegen. Was nicht explizit vorgesehen ist, gilt für sie als gesetzwidrig«, ärgert sich die kulturbegeisterte Geschäftsfrau. Während der Streit mit den Behörden weiter tobt, laufen ihre Kosten davon. Das wäre in Deutschland nicht passiert, schwärmt Georgili.
Traditionell gilt das Land von Goethe und Schiller nicht nur als wirtschaftliches Vorbild in Griechenland, sondern auch als wichtigster Handelspartner und Tourismusmarkt des Mittelmeerlandes: 2010 exportierte Deutschland Waren im Wert von 40 Milliarden Euro nach Hellas, während zwei Millionen Deutsche zum Sonnetanken ins Land kamen. Noch vor sechs Jahren erklärten acht von zehn Griechen in Umfragen, Deutschland sei »ein besonders sympathisches Land«. Dazu mag auch Trainerlegende Otto Rehhagel beigetragen haben, der 2004 mit der griechischen Nationalmannschaft völlig überraschend die Fußball-EM in Portugal gewann.
Im Zuge der Wirtschaftskrise scheint sich dies jedoch schlagartig zu ändern: 2011 verzeichneten die deutschen Exporte einen Rückgang um 13 Prozent und fielen auf das Niveau von 2002 zurück. Heute gilt Italien als wichtigster Handelspartner Griechenlands. Laut einer Umfrage des Wochenmagazins Epikairavon 2012 glauben 76 Prozent der Griechen, Deutschland sei ihnen gegenüber feindselig eingestellt. Acht von zehn Befragten waren sogar der Meinung, das Land versuche mit seiner Finanzkraft Europa zu dominieren.
Vielleicht ist dieses Umfrageergebnis nicht mehr als eine unglückliche Momentaufnahme zu einem Zeitpunkt, als den Griechen wieder mal eine Sparrunde bevorstand. Aber es zeigt einen beunruhigenden Trend: Die Finanzkrise droht das Verhältnis der Griechen zu Deutschland zu vergiften.
Emilia Tsoni glaubt, den Grund dafür zu kennen: Deutschland wolle die Führungsrolle in Europa übernehmen und dabei seine eigenen Wertmaßstäbe allen anderen aufzwingen, befürchtet die Zahnärztin und alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern. »Diese Einstellung führt zu Konflikten«, sagt Tsoni und will dies mit einem Beispiel aus dem Alltag erklären: »Wenn du der Chef in deiner Clique werden willst, musst du die Menschen für dich gewinnen, du musst sie überzeugen und inspirieren können. Ständig nur den anderen schulmeisterlich zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, bringt dich nicht weiter.« Auf die politische Großwetterlage übertragen heiße dies: Die Deutschen müssten ihre EU-Partner erst einmal davon überzeugen, dass sie ein attraktives Konzept für die Zukunft Europas bieten, meint die 45-Jährige.
Geld ist halt oft ein Thema in internationalen Beziehungen, das weiß Emilia Tsoni. Auch wenn sie selbst noch nie in Deutschland war, war sie, anders als viele Griechen in ihrem Alter, immerhin schon öfter im Ausland, allein wegen der Kinder: Ihr Ex-Mann kommt aus Schottland, sie pflegen noch einen guten Kontakt und besuchen sich gegenseitig.
Emilia Tsoni hat eine für die griechische Mittelklasse typische Biographie vorzuweisen: Ihre Familie stammt ursprünglich aus Epirus, einer kargen Grenzregion zu Albanien. Die Eltern kamen in den fünfziger Jahren nach Athen auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihre Mutter war selbst Zahnärztin und hat eine erfolgreiche Praxis in der Athener Innenstadt geführt in der Hoffnung, dass die fleißige Tochter den Betrieb übernimmt. So kam es dann auch: Mit Auszeichnung absolvierte Emilia die zahnmedizinische Fakultät an der Universität Athen und machte sich daraufhin selbständig. Besonders gut lief das Geschäft in den Nuller-Jahren, weshalb sich die alleinerziehende Mutter heute erlauben kann, nur jeden zweiten Tag zu arbeiten und dafür mehr Zeit mit ihren heranwachsenden Töchtern zu verbringen.
Wenn es nur diese Krise nicht gäbe, die in Griechenland vor allem die Mittelklasse in die Armut treibt und teils schon ausradiert hat. Da kommt Emilia Tsoni wieder auf die Deutschen zu sprechen: »Ich kann verstehen, dass sie ihr Geld zurückfordern, aber wieso muss ausgerechnet Griechenland innerhalb von drei Jahren einen Sparkurs durchziehen, für den woanders mehrere Jahrzehnte notwendig gewesen wären? Und wieso sind sich die Deutschen sicher, dass sie ihr Geld tatsächlich zurückbekommen, wenn unser Land zu Tode gespart wird?« Gute Frage. Aber andererseits hätten die Deutschen schon recht, wenn sie die grassierende Misswirtschaft vergangener Jahre kritisieren, sagt die Zahnärztin. Insofern liege in der heutigen Krise auch die sprichwörtliche Chance: dass die Hellenen auf Druck von außen endlich mal ihre öffentlichen Finanzen in den Griff bekommen, den aufgeblähten Staatsapparat verkleinern und dem traditionellen Klientelsystem der Regierenden ein Ende setzen.
Auf dem Land
Kammena Vourla heißt der mit viel Beton angelegte Badeort an der Ägäis in der zentralgriechischen Region Fthiotida, knapp drei Autostunden von Athen entfernt. Es ist ein überschaubares Kleinod inmitten blühender Natur am Osthang des wuchtigen Berges Kallidromon. Wer hierher kommt, sucht Erholung zum günstigen Preis und pflegt keine zu hohen Ansprüche an Service und Qualität. Wobei: Eigentlich lag die Messlatte ziemlich hoch damals, in den sechziger Jahren, als mutige Stadtplaner aus diesem grünen Fleckchen Erde so etwas wie ein »griechisches Baden-Baden« herzaubern wollten – mit Heilbädern, gepflegten Parkanlagen und obendrauf mit feinem Sandstrand und Fischtavernen direkt vor der Tür.
