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Die Anthologie aus vierzig Jahren Zirkel schreibender Arbeiter/Friedrichshainer Autorenkreis war der letzte Wunsch unseres Zirkelleiters Klaus-Dieter Schönewerk, der 2014 verstarb. Aufgenommen sind Texte von 58 Autoren sowie zahlreiche Fotografien, Grafiken, Malereien und Dokumente aus der Geschichte unseres Kreises. Die Prosa und Lyrik widerspiegelt, was uns bei unseren vierzehntägigen Treffen an mehr als 2100 Abenden beschäftigt hat. Das älteste Werk ist ein Chanson von Dora Schäfer, entstanden in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die jüngsten Verse sind letzte Gedanken an unseren KD.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Einleitung
Klaus Lettke
Vorwort
Reinhard Johannes
Ingrid Allstedt
Briefe
Die Farben sterben
Die Luft
Meine Mütze
In meinem Garten
Kleine grüne Fliege
Andacht
Reinhard Busch
mensch!
Erlegen
Stefan Butt
Strophen aus dem Zyklus MINTGRÜN
Manifest vorweg prototypische
Pensionsansprüche blechnapf decke hund
Michael Czollek20
Mein planloses Leben
Schusterei
Eigentlich
Monolog des Klaus Störtebecker (Mai 1982)
Andreas Diehl
Das Land zuletzt
Alte Frau
Bald geh ich allein zur Siedlung, Mutter
November
Bitte
Dezember
Mai 1945
Ursula Eichelberger
Sturm, lieber Geselle
Sieben Lenze
Bitte denke laut
… und was es sonst noch gibt
Hanna Fleiß
Besuch bei Heine
Der Lesende
Maik Forberger
der clown
auf der Stufe
sommer
frühlings gefühl
sekundärtumor
pers vers
Robert Göbel
Piazza di San Pietro
Mein Hof
Nach dem Krieg
Ashraf Golpaigani
Freiheit (12)
Alois Hallner
Da Hias reflektiat
nach tausend toden
leben
Le-kwa
Zwillingsschwestern
Rainer Hellige
Für Wassili Schukschin
Zum gleichnamigen Bild von Rainer Herold
Sebastian Himstedt
In den letzten Zügen
Erhard Hornschuh
Das wär` was
Die Flamme
Tian Hung Gurst
Der blinde Bettler
Reinhard Johannes
Bist du
Juli-Requiem
Fragen aus der Fragmentation
Mann im Wachkoma
Von der Treue zum roten Schweden
Sünd wir aber immer noch
Ludmilla Khodai
Ein Korb mit Früchten
Lass mich mein Haar
Robert Klamann
Ich habe die Spinne umgebracht
Henry-Martin Klemt
Genug
Als wir 18 waren
Abschied VIII
Evas Gedichte
Vergessliches Lied
Petra Klingl
Verwandlung
Irrtum
Mein Kummer
Ulrike Künkel
Perfekt
setzte ich die welt in brand
Westerborg
Klaus Lettke
Feldhüter Alexej
Erlebnisse eines Gelegenheitspolitikers
Unvergessliche Klage eines Vergesslichen
Andreas Lenzmann
Athener Elegie
Die Welt was ist das
Doris Luhnburg
Vom Wecker
Barmherzigkeit
Hosentaschen leer machen
Fiedelbogenmann
Beatrice Magdon
Große Stadt I
Große Stadt II
Küstensee
Erinnerung in der Frühe
Fern und fremd, vertraut und nah
Horst-Heinz Meyer
ACHTUNG, Herr Hauptmann Krüger!
Ich, der Pauker von Niklashausen
Grenze
Die bittere Frage
Gruß an Tucho!
In Köln am Rhein
Lia Mößner
Goodbye DDR
Siegfried Modrach
Es ist ein Trotz in mir (Manuskript)
Sanftes Land
Servus Loisl
Die musikalischen Eisenbahner
Jürgen Molzen
Erbschaft
Es sind die leisen Töne
Zwiesprache
Da
Herbst im Friedrichshain
Der Keiler Grunzi Ringelschwanz
Seelia Nahst
Busfahrer
DuDeinBaumDeinWaldgrund
Petra Namyslo
Morgens in Berlin
In der Schönhauser Allee
Doro, Marion und ich
Aus heiterem Himmel
In einem deutschen Kleingarten
Uwe Nietzold
Tageswechsel
Erste Ghasele
Zweite Ghasele
Andreas Pomp
Die große Stunde
Hendrik Peeters
Ich sehe was, was du nicht siehst
Martin Pohl
Gesang auf einen verlorenen Garten
Die Heimsuchung der Tochter
An den Grenzen
Die fünfundzwanzigste Ghasele
Nacktvorstellung
Jürgen Polinske
Tschernobyl
Stillen
Wer nicht hören kann …
Meine Frau bittet mich
Der Zirkel
Chris Rautenberg
Unbenannt
Katrin Reikowski
Dezember
Abendsucht
Abkehr
Begehr
Gesichte
Inge Ruschke
Beweisaufnahme
Erinnerungen
Barfuß
Über den Wolken
Marianne Sämisch
Vater Krauses Ochsengespann
astrid Salzmann
Fehlstelle I
Fehlstelle II
Grete im Glück
Dora Schäfer
Erinnerungen einer Blumenfrau vom Alex
Als blinder Passagier nach Hamburg
Frank Schleinstein
Winter am Meer
Kummer
Der Mond
Des Frühlichs Hohelied
Marlies Schmidl
Hiddensee
Ruinenhalden
Ein gedämpfter Ton
Nachruf auf einen Trudelwindkanal
Leningrader Blockade
Warum
Eva Schönewerk
Abschied
Arbeit
Neuaufbruch
Klaus-Dieter Schönewerk
Poesie
Lied von der großen Scheiße
Sauna in Wolgograd
Der blaue Vogel
Staub
Zu den Orten
Werner Schwieger
Lena
Marion Sekulla
Nach uns die Sintflut
Emanze
Heimatlos
Ahnung
Wolfgang Selchow
Tanzabend
slov ant gali
Origami für Hiroshima
Unschuldsblick
Exil im eigenen Land
Einladung
Vom Königsfloh
Der Kluge Pfeifer und das Liebespaar
Nächte
Feind
Die Schwingen des Vogels
Elviera Thiedemann
Altweibersommer
Auf dem Arbeitsamt
Zwischen Zorn und Zuversicht
HEL Toussaint
Siebenvier
Schon wieder die von der Religion
Passionsspiel vom Haus und den Katzen
Trostlied für NADA
Zirkelleersonette
Querida komm aus dem traum
Frank Unfug
November
Nach dem Regen
Poster an der Wand
himmel – nochmal
Ursula Weiland
Sehnsucht
Hände
Weihnachten
Für einen Leiter
Irene Werfel
Erwachen
Elmsfeuer
Schmetterlingsbaum
Glasbehälter
Arno Wienecke
Tante Liesbeth
Der Traum
Werner Wühst
Altes Berliner Haus
Simpler Morgen
Schorfheider Abend
Der Liebe genügt nicht
Die Grelln oder Notizen über eine Bürgermeisterin
Gedichte von Zirkelmitgliedern für KD
Der Grenzstein
Abschiede
Klaus-Dieter Schönewerk
KDs Erbe
Nachsatz
Anthologien muss man mögen oder auch nicht. Wer sie zu schätzen weiß, wird sich glücklich schätzen, gerade dieses Werk entdeckt zu haben. Was ist das? Es ist keine peinlich beschränkte Auswahl, aber auch kein wüstes Sammelsurium.
Fragt man sich nun, was diese umfangreiche Ansammlung von Texten verschiedenster Autoren im Innersten zusammenhält, so darf man sagen: Es ist die literarische Qualität. Diese Qualität hat der Friedrichshainer Autorenkreis, der 1972 als Zirkel schreibender Arbeiter der Druckerei „Neues Deutschland“ gegründet wurde, seinem Leiter, Klaus-Dieter Schönewerk zu verdanken.
Klaus-Dieter Schönewerk war Kulturredakteur der Zeitung Neues Deutschland und zweifellos fachlich kompetent. Was ihn aber auszeichnete, war sein Einfühlungsvermögen, sein ebenso behutsamer wie konsequenter Umgang mit Menschen verschiedenster Charaktere. Wo es angebracht war, vermochte er dem zartesten literarischen Pflänzchen zur Blüte zu verhelfen. Aber er konnte auch ausmisten. Diskussionen über vorgetragene Texte zogen sich mitunter bis weit nach Mitternacht hin. Da auch Spötter in der Runde waren, mochte es wohl vorkommen, dass ein Autor, der allzu selbstverliebt sein Werk verteidigte oder es erklären wollte, von seinem Flügelrosse auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde, etwa mit dem Spruch:
„Ein Schreiber, der nicht schreiben kann, gewöhnt sich leicht das Reden an.“ Oder gar mit diesem:
“Was wegzulassen schadet selten, das kann für ganze Werke gelten.“
Das vorliegende Werk sollte weder weggelassen noch liegengelassen werden, sondern in die Hände aufgeschlossener Leser gelangen, gemäß dem Spruch eines der Autoren:
„ … damit es Flügel kriege,
und nicht nur aus Papier,
und von den Lippen fliege,
vielleicht auch hin zu Dir.“
Klaus Lettke
Klaus-Dieter Schönewerk (1942 - 2014)
In der vorliegenden Anthologie wölbt sich ein Bogen, den Schreibende gemeinsam poetisch spannten. Von Teilnehmern des Zirkels schreibender Arbeiter der Druckerei „Neues Deutschland“ der DDR bis zum Friedrichshainer Autorenkreis liegen hier Texte aus mehr als vier Jahrzehnten vor, die Gedichte, Geschichten und Geschehen aufgriffen, metaphorisch verdichteten, philosophisch unterlegten, gesellschaftlich analysierten, phantastisch schmückten, sich ins Universale träumten, Abstraktes und Konkretes, Rationales und Sinnliches, Weibliches und Männliches, Kindliches und Sterbendes, Schreiendes und Flüsterndes, Missionarisches und sich selbst Genügendes, Schamloses und Verhüllendes miteinander verbanden. Professionell und Amateure sind hier literarisch miteinander versammelt und entdeckten, entwickelten und entäußerten auf einzigartige Art und Weise ihr poetisches Credo.
Klaus-Dieter Schönewerk, wir nannten ihn KD, war unser Lehrmeister des Dichtens. Er war grandioser Vermittler einer wahrhaftigen, zukunftsorientierten Ästhetik, ein Germanist und Journalist mit geheimnisvoller Aura, ein Kritiker mit Verve, selbst ein begnadeter Lyriker und ein großartiger Mensch. Wir schätzten und liebten ihn, jeder nach seinem Gusto. Als ich in den frühen 80ger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Zirkel kam, entwickelte sich bei mir in freudiger Erwartung der Freunde ein eigentümliches Laufverhalten. Immer, wenn ich das Gebäude von weitem sah, wo wir uns jede zweite Woche gemeinsam trafen, verfiel ich unbewusst in den Laufschritt. Wir stritten mitunter bis in die Nacht hinein über die Texte.
Ach, wie warm mir heute noch um das Herz wird, wenn ich mich an unseren Auftritt 1986 bei den Arbeiterfestspielen in Magdeburg erinnere. Mit etwa 15 Zirkelfreunden standen wir vor Arbeitern der SKET-Werke in Magdeburg auf der Bühne und hatten das Vergnügen, ein Programm rund um die Liebe (Jazz, Lyrik, Prosa) zu gestalten.
Wir waren Leute, die die Leidenschaft zum Schreiben von Gedichten, Liedern und Geschichten verband. Da standen der Mathematiker neben dem Drucker, die Sekretärin neben der Richterin, die Chemikerin neben dem Lehrer, der Student neben der Physikerin; der Altersunterschied reichte von 16 bis 93, wir waren Arbeiter des Dichtens.
Klaus-Dieter war unser Goldsucher, wusste Spreu und Weizen geschickt voneinander zu trennen. Er konnte den Kern eines Gedichtes zum Klingen bringen.
Die hier vorliegenden Texte wurden bei den Treffen in Anwesenheit unseres Lektors diskutiert). Für mich einzigartig.
Nun möchte ich die Schönewerks von uns allen in der „Zwischenwelt“ (ein Zitat aus dem Epitaph von KD) grüßen.
Das Schöne Werk lebt fort.
Reinhard Johannes
Ingrid Allstedt
Als ich sie
verbrannte:
Flüstern
in den Flammen
Unsere Liebe
Schall
und Rauch
Vor dem Herbst
Die Lüge wärmt
Wie ein dünner Mantel
Im Winter
Ingrid Allstedt, Zeichnung von W. Schwieger
Ist gelb in Beijing
Die Straßen
Sind sauber –
Gestern
Haben sie einige
Erschossen
Buddha lächelt
Seine Mahlzeit ist ihm
Gewiss
Sitzt schief
Der Wind treibt mir Tränen ins Gesicht
Im Park sind die letzten Rosen längst erfroren
Der alte Ahornbaum kennt nur meinen Hund
Der ihn anpinkelt
I
Mittags
eine Ringelnatter
sonnt sich
Die blauen Stunden schlafen
im Baum
Auf dem Traumpfad
lauert
die große Schlange
II
Ich
entfache das Feuer
Die Dunkelheit
zerspringt
Schatten tragen
heiße Asche
in den Wind
Am Fenster der Straßenbahn
Eingekratzt
Diepgen vom Storch gebissen
Kastanien öffnen ihre Blüten
Steig mit mir aus
Kleine grüne Fliege
Scheiße
Liegt überall
Ich bete
Die Blume des Bösen
Öffnet ihr Auge
Ein Kater lauert
Sein Schwanz
Hält den Mond
In Schach
Bis meine Brüste
Blühen
Reinhard Busch
Soldat bei der SS gewesen zu sein,
ist schlimmer,
als ein Soldat in der Türkei zu sein
Punker im Land zu sein,
ist schlimmer,
als rechts-militant zu sein
Geheimdienstmitarbeiter in der DDR
gewesen zu sein,
ist schlimmer,
als ein nicht verurteilter Faschist
in der BRD zu sein
Kurde in Deutschland zu sein
ist nicht so schlimm,
wie Kurde in der Türkei zu sein
Ein Magdeburger unter Punkern zu sein,
ist nicht so schlimm,
wie ein Punker in Magdeburg zu sein
DDR Bürger gewesen zu sein,
ist nicht so schlimm,
wie Ausländer in Deutschland zu sein
und schließlich:
ein Mensch auf dieser Erde zu sein,
ist nicht so schlimm,
wie eine Erde voller Menschen
dem Regen gleich
nach wirren Wegen
nun kühl und bleich
als ich es fand
hab ich verspürt wie es war
als dein kühles Haar
und deine Hand
an meinem Leibe waren
dieses Einzelne aus deinen Haaren
mit einer Farbe wie Sand
Stefan Butt
exemplare unauffällig auffällig
Hinten abriegeln nach vorne aufwiegeln
mobile zivile demotivieren
Ein wannenbad in der menge zu nehmen
behelmte ordnungshüterrudel lungern
wittern brandherd im aufruhrgebiet
lassen wir uns gehen am spalier vorbei
Hass hasso hass! drei Proleten arier
dicke Hunde mit schlägervisagen
Schreihälse aufgedreht herum schubsen sie
nicht sofort gerissen ich bin bald hindurch
kurzes zwischen hoch bahnen sonderkonto
einrichten und saniert wie geschmiert
die stulle volle pulle zug aus dem rohr
Treppenrollenspiele TUNNELBANDEL
du zu du mit ihr durch den basar der
sachte da ruht der platz die tauben alt und
grausam hören frieden langsam wieder mal
Ich es buntherum fliegt es wie jubel
bellt die stadt lau bekannt ich doch im grünen
vögeln auf masten ballone ein flugzeug
gepackt lechs nach verschlings aus den wolken
Ländliche Liegenschaften zierbeet belegt
hei-no ja-marika röck rumdösenbierseelig
Stefan Butt, Autor und Künstler
Michael Czollek
Mein planloses Leben ist planvoll geworden.
In meiner Küche sind Milch und Brot,
Käse und Wurst. Der Wein im Kühlschrank.
Die Fahne vorm Fenster ist ausreichend rot.
Manchmal jedoch scheint sie wieder geblichen,
Bin ich dem Guten mir nicht so gewiss.
Ist es noch immer die gleiche Fahne,
Da meine alte beim Umzug zerriss -?
Nimmt mir die Blässe der Fahne die Ruhe,
Härtet das Brot und säuert den Wein.
Hab` wieder ausgetretene Schuhe.
So es mir gut geht, komm ich zum Stehen;
Muss ich zerreißen den Fangstrick am Bein.
Um auf unserer Seite zu gehen.
Michael Czollek, Lesung bei den Arbeiterfestspielen
In der Straße Jacques Duclos
Steht eine Schusterei.
Wie viele Menschen gehen täglich
Blind an ihr vorbei
Was gibt es da schon zu sehen,
ist doch wahrlich nichts daran,
eben eine Schusterei,
von einem alten Mann -.
Ist noch in Fraktur geschrieben
Seine Öffnungszeit
Und ein altes Spannzeug steht
Im Schaufenster bereit.
Links im Fenster steht ein Schild
Mit alter, deutscher Schrift;
Garantie sechs Monate.
Was Wertarbeit betrifft.
Da ist kein Plakat zu finden
Und kein Spruch von unserer Kraft.
Ach, viele Worte war‘ n wohl niemals
Seine Eigenschaft.
In der Mitte aber steh‘ n
Zwei Fotos, schon recht grau.
Wird mir doch der Rücken kalt,
wenn ich auf sie schau:
Eine Frau und auch ein Mann,
der einen Zwicker trägt.
Die haben da noch nicht gewußt,
wer sie und wann erschlägt.
Wie lange stehen sie bei ihm -?
Vielleicht schon sechzig Jahr.
Zwölf Jahre hat er sie versteckt,
wo das Parteibuch war.
Vielleicht ist alles auch ganz anders
Pflanz` ich Bäume in den Wald,
aber eins ist sicher: Diese Bilder
sind bestimmt so alt.
Eigentlich bin ich Jahre jetzt älter,
Eigentlich fehlt es noch immer an Kraft,
Eigentlich werden die Tage jetzt kälter,
Eigentlich habe ich wenig geschafft.
Eigentlich suchte ich alle die Jahre,
Eigentlich habe ich die Liebe verflucht.
Eigentlich fehlten mir Amseln und Stare:
Eigentlich hab` ich nur Dich gesucht.
Eigentlich war mein Lachen vorhanden,
Eigentlich, wenn ich sang, warst Du hier.
Eigentlich haben wir beide verstanden.
Eigentlich bin ich noch immer in Dir.
Noch dreht die Erde sich im Kreis
Noch ist sie nicht für mich verloren
Noch wird mir kalt, noch wird mir heiß
Noch werd ich täglich neu geboren
Noch kann ich meine Meere sehn
Noch steigt die Möwe in den Himmel
Noch muss ich unter Waffen gehen
Der Tod jagt mich auf seinem Schimmel
Sooft er kam, ging ich durchs Land
Steh nicht mehr einsam vor dem Henker
Ist neben mir der neue Stand
Des Volks der Dichter und der Denker
Wenn fast mein Schiff im Sturm zerschellt
Ich werd mich in die Segel krallen
Ich gehe erst von dieser Welt
Wenn auch die letzten Mörder fallen
Die Erde ist noch nicht so kalt
Wie sie, wenn sie für mich verloren
Ich bin nicht jung, ich bin nicht alt
Ich werde täglich neu geboren
Andreas Diehl
Meine Worte fielen auf dich herab
Wie Steine über gefrorenem Schnee
Du hast mich nicht gehen lassen
Ascheweiß im achten Jahr
Wir betteln und
Niemand glaubt uns
Der letzte
lange Sieg
Jahre wie
Hunderte
wie
Male dem Weg
nun haltlos
Wogen
schlagen
über dich
unfassbar noch
hausen wir
so
nach dem
Sieg
L. Mößner, R. Johannes, A. Diehl, E. Thiedemann, Zirkelarbeit im Garten
Ursula Eichelberger
Sturm, lieber Geselle, zerreiße
Das Wolkenkleid über mir.
Peitsche das Meer, schick` weiße,
schneeweiße Wellen zu mir.
Schlage den Sand, weil er träge sich unter den Füßen formt;
Schlag nicht das Grün,
das zu leben beginnt.
Fahr in die Liebe und fahre ins Licht,
denn beide sind dir gewachsen.
Stärker als beide nein, das bist du nicht –
Und sollte eins brechen …,
dann birst es von innen entzwei.
Sieben Lenze krochen aus dem Eis.
Sieben Sommer fielen von den Bäumen.
Sieben Winter ward mir - frierend - heiß
Nach dir, in sieben Träumen.
Doch gestern, in dem achten…
Wir küssten, liebten, tranken uns
… und lachten.
Lass mich die Hand auf deinen Körper legen.
Erschrick nicht vor dem Dunkel meiner Haut.
Ich werde dir mit mir ein bisschen Sonne geben.
Du wirst sie spüren … Bitte … Denke laut!
Du stehst vor mir.
Ich spüre deine Nähe.
Deine Ohren sind kalt
(und was ich sonst noch sehe),
doch unter deinem Hemd, dem Schlips, dem Kragen,
da ist es heiß. (Wer wagt das noch zu sagen?)
Du stehst vor mir und küsst behende
die Lippen mir, die Brüste und die Hände
und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …
Schon regen sich die Geister,
die Teufel werden dreister …
Du wühlst in meinen Haaren.
Du willst, dass wir erfahren
Den Taumel Zweisamkeit
und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …
Nur fort mit Schlips und Kragen;
Ich kann es kaum ertragen.
Ich helfe dir beim Knöpfen,
dann werden wir ihn köpfen,
den Dämon Einsamkeit.
Wir bieten uns zum Kusse
Und sonstigem Genusse
Von Kopf bis zu den Füßen.
Laß doch die Zeit zerfließen
Und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …
Hanna Fleiß
Dort oben auf dem Sockel sitzt der Heine.
Erst siehst du seine langen Dichterbeine,
riskierst du aber einen Blick noch höher,
kommt dir der ganze Kerl entschieden näher.
Den hat man hier so halb und halb versteckt,
du hast ihn im Vorbeigehn nur entdeckt.
Die Uni thront in seinem Bronzerücken.
gewiss heut nicht zu jedermanns Entzücken.
Passt der noch rein in diese deutsche Welt?
Den hat man beinah heimlich hingestellt,
so abseits von dem allgemeinen Trubel.
Na ja, er wollte sicher keinen Jubel.
Dir fallen ein paar Verse vor die Füße,
du schickst nach oben deine besten Grüße.
Und du besinnst dich, wirfst noch einen Blick
Zu Heine hin, und langsam geht’s zurück.
(13.1.2013)
Ein Buch – das sind nur Seiten von Papier.
Doch lies darin, es öffnet sich dir Welt
Und manches ungeprüfte Urteil fällt.
Du ahnst, das Buch hat Köpfe im Visier.
Du liest den Anfang und da sind es Verse.
Wie du Erschrickst: Das ist kein Buch für Dich.
Du blätterst weiter, prüfst dein Über-Ich
gerätst mit deinem Buch in Kontroverse.
Und nach und nach geschieht da was mit dir –
gebannt studierst du jedes Wort der Zeile.
Und dann, nach einer langen, langen Weile,
ergreift dich unverhofft die Lesegier.
Du suchst, worin der Worte Sinn mag liegen.
Scheu blickst du auf, und die Gedanken fliegen.
(24.1.2013)
Maik Forberger
hat seine maske abgelegt
nun kommt er
zu uns
und keltert den jungen wein.
er füllt ihn
in krüge
und säuft.
wir sollen singen
und tanzen
brüllt er
doch wir
sind nur winzer
zur nacht
bin ich
ein stern
für dich
du versprichst
mir das blaue
vom himmel
während du
deinen ofen
befeuerst
schornsteine rauchen,
eine amsel singt.
ein zug
hält im bahnhof,
laute.
ein mann malt
sein haus an,
schwarz
mit deinem haar.
er malt sterne
und knochen.
du aber singst
im abendrot
und klebst
mit deinem Blut
blätter
an eine vertrocknete rose
18.2.2002
der schnee
meiner fensterbank
vergeht
im rausch
dich
habe ich aufgehängt
im Keller
zu den kleidern
für die heilsarmee
mit der leichtigkeit
eines Vogels
der gegen
mein fenster fliegt
lebe
auf mich zu
10. - 22.2.2010
novemberwolken
sonnenstrahlenfetzen fallen
durch fenster
der großstadt eine narzisse
spiegelt sich
im trübem
wasser
der computertomograph
hämmert im technotakt
schwarz-weiß-bilder
an den monitor
der mich überwacht
ehe ich ihn ausschalte
und mich
14.11.2010
gesichter werden leiser
und stimmen verblassen
vögel fliegen
rückwärts
auf ungebauten trassen
eisenbahnen kaufen gäste
blumen trinken blut
auf seinen spitzen kopf
setzt sich ein mann
den hut
23.2.2010
Robert Göbel
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
seh` ich die Linien wundervoll sich fügen,
seh` wie sie meinen Blick genial betrügen
und so den Dom um vieles höher deuten.
Hinwandelnd unter schwebenden Figuren
Umarmen flügelgleich mich Kolonnaden,
ich spüre einen Hauch von Euer Gnaden,
verfalle fast den flüsternden Auguren.
Vom Obelisken gurrt`s, jäh mein Erwachen,
die Taube ließ den Ölzweig längst schon fallen.
Ich höre Bomben in die Häuser krachen.
Und seh` entsetzt die vollen Leichenhallen,
die Blutspur des zum Gott ernannten Drachen.
Ich hör Posaunen, die von fern erschallen.
Rom, 22. März 2003
Am 20. März 2003, um 5.33 Uhr (Ortszeit),
Beginn der Bombardierung Bagdads
Es war einmal ein großer Hof
Umsäumt von hohen Häusern
Die einen alt die andern neu
Sie waren zu veräußern.
Im großen Hof da spielten gern
In Büschen und in Ecken
Die Kinder miteinander
Da ließ sich`s gut verstecken.
Und mitten in dem großen Hof
Gab`s auch `nen Buddelplatz
Dort treff ich oft die Schmidts
Zum Streiten und zum Schwatz.
Verhökert nun die Häuser
Privat ist der Besitz
Durchtrennt der Buddelkasten
Am Zaun wink ich den Schmidts.
29.4.2004
M. Schmidl, Achim, R. Göbel, slov ant gali, A. Haller, K. Lettke, Autorentreff im Garten
In der Eingangshalle durchschreite ich die Stube des heiteren Wetters, hinter mir lasse ich Regen und Wind.
Als ich aus dem Pavillon des ruhigen Mondscheins heraustrete und auf die duftenden Osmanthus Stämmchen schaue, werde ich still.
Sitze im Oktogonalpavillon, sehe den schwankenden Bambus:
Ich hab` mich zu oft gebeugt und wieder aufgerichtet.
Aus dem Steinboot am See, durch das glasklare Waser,
seh` ich ihn liegen, regungslos, auf dem Grund, einen hungrigen Hecht.
Der gewundene Weg zur kleinen Steinbogenbrücke ist umsäumt
von mageren zerklüfteten Steinen, faltig wie ein Hundertjähriger.
Zögernd betrete ich die Zick-Zack-Brücke inmitten des Sees:
Schau ich zurück, seh` ich keine Gerade.
Im Teehaus zum Osmanthussaft reicht mir Yale Yu, die Teemeisterin,
die Schale. Aus ihren mandelförmigen Augen spricht sie zu mir:
„Wie ich sehe, hast du siebenmal innegehalten.“
Mit aneinandergelegten Handflächen verneigt sie sich.
