So weit so grün -  - E-Book

So weit so grün E-Book

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Beschreibung

Die Anthologie aus vierzig Jahren Zirkel schreibender Arbeiter/Friedrichshainer Autorenkreis war der letzte Wunsch unseres Zirkelleiters Klaus-Dieter Schönewerk, der 2014 verstarb. Aufgenommen sind Texte von 58 Autoren sowie zahlreiche Fotografien, Grafiken, Malereien und Dokumente aus der Geschichte unseres Kreises. Die Prosa und Lyrik widerspiegelt, was uns bei unseren vierzehntägigen Treffen an mehr als 2100 Abenden beschäftigt hat. Das älteste Werk ist ein Chanson von Dora Schäfer, entstanden in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die jüngsten Verse sind letzte Gedanken an unseren KD.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Einleitung

Klaus Lettke

Vorwort

Reinhard Johannes

Ingrid Allstedt

Briefe

Die Farben sterben

Die Luft

Meine Mütze

In meinem Garten

Kleine grüne Fliege

Andacht

Reinhard Busch

mensch!

Erlegen

Stefan Butt

Strophen aus dem Zyklus MINTGRÜN

Manifest vorweg prototypische

Pensionsansprüche blechnapf decke hund

Michael Czollek20

Mein planloses Leben

Schusterei

Eigentlich

Monolog des Klaus Störtebecker (Mai 1982)

Andreas Diehl

Das Land zuletzt

Alte Frau

Bald geh ich allein zur Siedlung, Mutter

November

Bitte

Dezember

Mai 1945

Ursula Eichelberger

Sturm, lieber Geselle

Sieben Lenze

Bitte denke laut

… und was es sonst noch gibt

Hanna Fleiß

Besuch bei Heine

Der Lesende

Maik Forberger

der clown

auf der Stufe

sommer

frühlings gefühl

sekundärtumor

pers vers

Robert Göbel

Piazza di San Pietro

Mein Hof

Nach dem Krieg

Ashraf Golpaigani

Freiheit (12)

Alois Hallner

Da Hias reflektiat

nach tausend toden

leben

Le-kwa

Zwillingsschwestern

Rainer Hellige

Für Wassili Schukschin

Zum gleichnamigen Bild von Rainer Herold

Sebastian Himstedt

In den letzten Zügen

Erhard Hornschuh

Das wär` was

Die Flamme

Tian Hung Gurst

Der blinde Bettler

Reinhard Johannes

Bist du

Juli-Requiem

Fragen aus der Fragmentation

Mann im Wachkoma

Von der Treue zum roten Schweden

Sünd wir aber immer noch

Ludmilla Khodai

Ein Korb mit Früchten

Lass mich mein Haar

Robert Klamann

Ich habe die Spinne umgebracht

Henry-Martin Klemt

Genug

Als wir 18 waren

Abschied VIII

Evas Gedichte

Vergessliches Lied

Petra Klingl

Verwandlung

Irrtum

Mein Kummer

Ulrike Künkel

Perfekt

setzte ich die welt in brand

Westerborg

Klaus Lettke

Feldhüter Alexej

Erlebnisse eines Gelegenheitspolitikers

Unvergessliche Klage eines Vergesslichen

Andreas Lenzmann

Athener Elegie

Die Welt was ist das

Doris Luhnburg

Vom Wecker

Barmherzigkeit

Hosentaschen leer machen

Fiedelbogenmann

Beatrice Magdon

Große Stadt I

Große Stadt II

Küstensee

Erinnerung in der Frühe

Fern und fremd, vertraut und nah

Horst-Heinz Meyer

ACHTUNG, Herr Hauptmann Krüger!

Ich, der Pauker von Niklashausen

Grenze

Die bittere Frage

Gruß an Tucho!

In Köln am Rhein

Lia Mößner

Goodbye DDR

Siegfried Modrach

Es ist ein Trotz in mir (Manuskript)

Sanftes Land

Servus Loisl

Die musikalischen Eisenbahner

Jürgen Molzen

Erbschaft

Es sind die leisen Töne

Zwiesprache

Da

Herbst im Friedrichshain

Der Keiler Grunzi Ringelschwanz

Seelia Nahst

Busfahrer

DuDeinBaumDeinWaldgrund

Petra Namyslo

Morgens in Berlin

In der Schönhauser Allee

Doro, Marion und ich

Aus heiterem Himmel

In einem deutschen Kleingarten

Uwe Nietzold

Tageswechsel

Erste Ghasele

Zweite Ghasele

Andreas Pomp

Die große Stunde

Hendrik Peeters

Ich sehe was, was du nicht siehst

Martin Pohl

Gesang auf einen verlorenen Garten

Die Heimsuchung der Tochter

An den Grenzen

Die fünfundzwanzigste Ghasele

Nacktvorstellung

Jürgen Polinske

Tschernobyl

Stillen

Wer nicht hören kann …

Meine Frau bittet mich

Der Zirkel

Chris Rautenberg

Unbenannt

Katrin Reikowski

Dezember

Abendsucht

Abkehr

Begehr

Gesichte

Inge Ruschke

Beweisaufnahme

Erinnerungen

Barfuß

Über den Wolken

Marianne Sämisch

Vater Krauses Ochsengespann

astrid Salzmann

Fehlstelle I

Fehlstelle II

Grete im Glück

Dora Schäfer

Erinnerungen einer Blumenfrau vom Alex

Als blinder Passagier nach Hamburg

Frank Schleinstein

Winter am Meer

Kummer

Der Mond

Des Frühlichs Hohelied

Marlies Schmidl

Hiddensee

Ruinenhalden

Ein gedämpfter Ton

Nachruf auf einen Trudelwindkanal

Leningrader Blockade

Warum

Eva Schönewerk

Abschied

Arbeit

Neuaufbruch

Klaus-Dieter Schönewerk

Poesie

Lied von der großen Scheiße

Sauna in Wolgograd

Der blaue Vogel

Staub

Zu den Orten

Werner Schwieger

Lena

Marion Sekulla

Nach uns die Sintflut

Emanze

Heimatlos

Ahnung

Wolfgang Selchow

Tanzabend

slov ant gali

Origami für Hiroshima

Unschuldsblick

Exil im eigenen Land

Einladung

Vom Königsfloh

Der Kluge Pfeifer und das Liebespaar

Nächte

Feind

Die Schwingen des Vogels

Elviera Thiedemann

Altweibersommer

Auf dem Arbeitsamt

Zwischen Zorn und Zuversicht

HEL Toussaint

Siebenvier

Schon wieder die von der Religion

Passionsspiel vom Haus und den Katzen

Trostlied für NADA

Zirkelleersonette

Querida komm aus dem traum

Frank Unfug

November

Nach dem Regen

Poster an der Wand

himmel – nochmal

Ursula Weiland

Sehnsucht

Hände

Weihnachten

Für einen Leiter

Irene Werfel

Erwachen

Elmsfeuer

Schmetterlingsbaum

Glasbehälter

Arno Wienecke

Tante Liesbeth

Der Traum

Werner Wühst

Altes Berliner Haus

Simpler Morgen

Schorfheider Abend

Der Liebe genügt nicht

Die Grelln oder Notizen über eine Bürgermeisterin

Gedichte von Zirkelmitgliedern für KD

Der Grenzstein

Abschiede

Klaus-Dieter Schönewerk

KDs Erbe

Nachsatz

Einleitung

Anthologien muss man mögen oder auch nicht. Wer sie zu schätzen weiß, wird sich glücklich schätzen, gerade dieses Werk entdeckt zu haben. Was ist das? Es ist keine peinlich beschränkte Auswahl, aber auch kein wüstes Sammelsurium.

Fragt man sich nun, was diese umfangreiche Ansammlung von Texten verschiedenster Autoren im Innersten zusammenhält, so darf man sagen: Es ist die literarische Qualität. Diese Qualität hat der Friedrichshainer Autorenkreis, der 1972 als Zirkel schreibender Arbeiter der Druckerei „Neues Deutschland“ gegründet wurde, seinem Leiter, Klaus-Dieter Schönewerk zu verdanken.

Klaus-Dieter Schönewerk war Kulturredakteur der Zeitung Neues Deutschland und zweifellos fachlich kompetent. Was ihn aber auszeichnete, war sein Einfühlungsvermögen, sein ebenso behutsamer wie konsequenter Umgang mit Menschen verschiedenster Charaktere. Wo es angebracht war, vermochte er dem zartesten literarischen Pflänzchen zur Blüte zu verhelfen. Aber er konnte auch ausmisten. Diskussionen über vorgetragene Texte zogen sich mitunter bis weit nach Mitternacht hin. Da auch Spötter in der Runde waren, mochte es wohl vorkommen, dass ein Autor, der allzu selbstverliebt sein Werk verteidigte oder es erklären wollte, von seinem Flügelrosse auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde, etwa mit dem Spruch:

„Ein Schreiber, der nicht schreiben kann, gewöhnt sich leicht das Reden an.“ Oder gar mit diesem:

“Was wegzulassen schadet selten, das kann für ganze Werke gelten.“

Das vorliegende Werk sollte weder weggelassen noch liegengelassen werden, sondern in die Hände aufgeschlossener Leser gelangen, gemäß dem Spruch eines der Autoren:

„ … damit es Flügel kriege,

und nicht nur aus Papier,

und von den Lippen fliege,

vielleicht auch hin zu Dir.“

Klaus Lettke

Klaus-Dieter Schönewerk (1942 - 2014)

Vorwort

In der vorliegenden Anthologie wölbt sich ein Bogen, den Schreibende gemeinsam poetisch spannten. Von Teilnehmern des Zirkels schreibender Arbeiter der Druckerei „Neues Deutschland“ der DDR bis zum Friedrichshainer Autorenkreis liegen hier Texte aus mehr als vier Jahrzehnten vor, die Gedichte, Geschichten und Geschehen aufgriffen, metaphorisch verdichteten, philosophisch unterlegten, gesellschaftlich analysierten, phantastisch schmückten, sich ins Universale träumten, Abstraktes und Konkretes, Rationales und Sinnliches, Weibliches und Männliches, Kindliches und Sterbendes, Schreiendes und Flüsterndes, Missionarisches und sich selbst Genügendes, Schamloses und Verhüllendes miteinander verbanden. Professionell und Amateure sind hier literarisch miteinander versammelt und entdeckten, entwickelten und entäußerten auf einzigartige Art und Weise ihr poetisches Credo.

Klaus-Dieter Schönewerk, wir nannten ihn KD, war unser Lehrmeister des Dichtens. Er war grandioser Vermittler einer wahrhaftigen, zukunftsorientierten Ästhetik, ein Germanist und Journalist mit geheimnisvoller Aura, ein Kritiker mit Verve, selbst ein begnadeter Lyriker und ein großartiger Mensch. Wir schätzten und liebten ihn, jeder nach seinem Gusto. Als ich in den frühen 80ger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Zirkel kam, entwickelte sich bei mir in freudiger Erwartung der Freunde ein eigentümliches Laufverhalten. Immer, wenn ich das Gebäude von weitem sah, wo wir uns jede zweite Woche gemeinsam trafen, verfiel ich unbewusst in den Laufschritt. Wir stritten mitunter bis in die Nacht hinein über die Texte.

Ach, wie warm mir heute noch um das Herz wird, wenn ich mich an unseren Auftritt 1986 bei den Arbeiterfestspielen in Magdeburg erinnere. Mit etwa 15 Zirkelfreunden standen wir vor Arbeitern der SKET-Werke in Magdeburg auf der Bühne und hatten das Vergnügen, ein Programm rund um die Liebe (Jazz, Lyrik, Prosa) zu gestalten.

Wir waren Leute, die die Leidenschaft zum Schreiben von Gedichten, Liedern und Geschichten verband. Da standen der Mathematiker neben dem Drucker, die Sekretärin neben der Richterin, die Chemikerin neben dem Lehrer, der Student neben der Physikerin; der Altersunterschied reichte von 16 bis 93, wir waren Arbeiter des Dichtens.

Klaus-Dieter war unser Goldsucher, wusste Spreu und Weizen geschickt voneinander zu trennen. Er konnte den Kern eines Gedichtes zum Klingen bringen.

Die hier vorliegenden Texte wurden bei den Treffen in Anwesenheit unseres Lektors diskutiert). Für mich einzigartig.

Nun möchte ich die Schönewerks von uns allen in der „Zwischenwelt“ (ein Zitat aus dem Epitaph von KD) grüßen.

Das Schöne Werk lebt fort.

Reinhard Johannes

Ingrid Allstedt

Briefe

Als ich sie

verbrannte:

Flüstern

in den Flammen

Unsere Liebe

Schall

und Rauch

Die Farben sterben

Vor dem Herbst

Die Lüge wärmt

Wie ein dünner Mantel

Im Winter

Ingrid Allstedt, Zeichnung von W. Schwieger

Die Luft

Ist gelb in Beijing

Die Straßen

Sind sauber –

Gestern

Haben sie einige

Erschossen

Buddha lächelt

Seine Mahlzeit ist ihm

Gewiss

Meine Mütze

Sitzt schief

Der Wind treibt mir Tränen ins Gesicht

Im Park sind die letzten Rosen längst erfroren

Der alte Ahornbaum kennt nur meinen Hund

Der ihn anpinkelt

In meinem Garten

I

Mittags

eine Ringelnatter

sonnt sich

Die blauen Stunden schlafen

im Baum

Auf dem Traumpfad

lauert

die große Schlange

II

Ich

entfache das Feuer

Die Dunkelheit

zerspringt

Schatten tragen

heiße Asche

in den Wind

Kleine grüne Fliege

Am Fenster der Straßenbahn

Eingekratzt

Diepgen vom Storch gebissen

Kastanien öffnen ihre Blüten

Steig mit mir aus

Kleine grüne Fliege

Scheiße

Liegt überall

Andacht

(nach dem Holzschnitt von Masereel „Die Blumen des Bösen“)

Ich bete

Die Blume des Bösen

Öffnet ihr Auge

Ein Kater lauert

Sein Schwanz

Hält den Mond

In Schach

Bis meine Brüste

Blühen

Reinhard Busch

mensch!

Soldat bei der SS gewesen zu sein,

ist schlimmer,

als ein Soldat in der Türkei zu sein

Punker im Land zu sein,

ist schlimmer,

als rechts-militant zu sein

Geheimdienstmitarbeiter in der DDR

gewesen zu sein,

ist schlimmer,

als ein nicht verurteilter Faschist

in der BRD zu sein

Kurde in Deutschland zu sein

ist nicht so schlimm,

wie Kurde in der Türkei zu sein

Ein Magdeburger unter Punkern zu sein,

ist nicht so schlimm,

wie ein Punker in Magdeburg zu sein

DDR Bürger gewesen zu sein,

ist nicht so schlimm,

wie Ausländer in Deutschland zu sein

und schließlich:

ein Mensch auf dieser Erde zu sein,

ist nicht so schlimm,

wie eine Erde voller Menschen

Erlegen

den Zurückbleibenden gewidmet

dem Regen gleich

nach wirren Wegen

nun kühl und bleich

als ich es fand

hab ich verspürt wie es war

als dein kühles Haar

und deine Hand

an meinem Leibe waren

dieses Einzelne aus deinen Haaren

mit einer Farbe wie Sand

Stefan Butt

Strophen aus dem Zyklus MINTGRÜN

Manifest vorweg prototypische

exemplare unauffällig auffällig

Hinten abriegeln nach vorne aufwiegeln

mobile zivile demotivieren

Ein wannenbad in der menge zu nehmen

behelmte ordnungshüterrudel lungern

wittern brandherd im aufruhrgebiet

lassen wir uns gehen am spalier vorbei

Hass hasso hass! drei Proleten arier

dicke Hunde mit schlägervisagen

Schreihälse aufgedreht herum schubsen sie

nicht sofort gerissen ich bin bald hindurch

Pensionsansprüche blechnapf decke hund

kurzes zwischen hoch bahnen sonderkonto

einrichten und saniert wie geschmiert

die stulle volle pulle zug aus dem rohr

Treppenrollenspiele TUNNELBANDEL

du zu du mit ihr durch den basar der

sachte da ruht der platz die tauben alt und

grausam hören frieden langsam wieder mal

Ich es buntherum fliegt es wie jubel

bellt die stadt lau bekannt ich doch im grünen

vögeln auf masten ballone ein flugzeug

gepackt lechs nach verschlings aus den wolken

Ländliche Liegenschaften zierbeet belegt

hei-no ja-marika röck rumdösenbierseelig

Stefan Butt, Autor und Künstler

Michael Czollek

Mein planloses Leben

Mein planloses Leben ist planvoll geworden.

In meiner Küche sind Milch und Brot,

Käse und Wurst. Der Wein im Kühlschrank.

Die Fahne vorm Fenster ist ausreichend rot.

Manchmal jedoch scheint sie wieder geblichen,

Bin ich dem Guten mir nicht so gewiss.

Ist es noch immer die gleiche Fahne,

Da meine alte beim Umzug zerriss -?

Nimmt mir die Blässe der Fahne die Ruhe,

Härtet das Brot und säuert den Wein.

Hab` wieder ausgetretene Schuhe.

So es mir gut geht, komm ich zum Stehen;

Muss ich zerreißen den Fangstrick am Bein.

Um auf unserer Seite zu gehen.

Michael Czollek, Lesung bei den Arbeiterfestspielen

Schusterei

(Dezember 1978)

In der Straße Jacques Duclos

Steht eine Schusterei.

Wie viele Menschen gehen täglich

Blind an ihr vorbei

Was gibt es da schon zu sehen,

ist doch wahrlich nichts daran,

eben eine Schusterei,

von einem alten Mann -.

Ist noch in Fraktur geschrieben

Seine Öffnungszeit

Und ein altes Spannzeug steht

Im Schaufenster bereit.

Links im Fenster steht ein Schild

Mit alter, deutscher Schrift;

Garantie sechs Monate.

Was Wertarbeit betrifft.

Da ist kein Plakat zu finden

Und kein Spruch von unserer Kraft.

Ach, viele Worte war‘ n wohl niemals

Seine Eigenschaft.

In der Mitte aber steh‘ n

Zwei Fotos, schon recht grau.

Wird mir doch der Rücken kalt,

wenn ich auf sie schau:

Eine Frau und auch ein Mann,

der einen Zwicker trägt.

Die haben da noch nicht gewußt,

wer sie und wann erschlägt.

Wie lange stehen sie bei ihm -?

Vielleicht schon sechzig Jahr.

Zwölf Jahre hat er sie versteckt,

wo das Parteibuch war.

Vielleicht ist alles auch ganz anders

Pflanz` ich Bäume in den Wald,

aber eins ist sicher: Diese Bilder

sind bestimmt so alt.

Eigentlich(25.3.1980)

Eigentlich bin ich Jahre jetzt älter,

Eigentlich fehlt es noch immer an Kraft,

Eigentlich werden die Tage jetzt kälter,

Eigentlich habe ich wenig geschafft.

Eigentlich suchte ich alle die Jahre,

Eigentlich habe ich die Liebe verflucht.

Eigentlich fehlten mir Amseln und Stare:

Eigentlich hab` ich nur Dich gesucht.

Eigentlich war mein Lachen vorhanden,

Eigentlich, wenn ich sang, warst Du hier.

Eigentlich haben wir beide verstanden.

Eigentlich bin ich noch immer in Dir.

Monolog des Klaus Störtebecker (Mai 1982)

Noch dreht die Erde sich im Kreis

Noch ist sie nicht für mich verloren

Noch wird mir kalt, noch wird mir heiß

Noch werd ich täglich neu geboren

Noch kann ich meine Meere sehn

Noch steigt die Möwe in den Himmel

Noch muss ich unter Waffen gehen

Der Tod jagt mich auf seinem Schimmel

Sooft er kam, ging ich durchs Land

Steh nicht mehr einsam vor dem Henker

Ist neben mir der neue Stand

Des Volks der Dichter und der Denker

Wenn fast mein Schiff im Sturm zerschellt

Ich werd mich in die Segel krallen

Ich gehe erst von dieser Welt

Wenn auch die letzten Mörder fallen

Die Erde ist noch nicht so kalt

Wie sie, wenn sie für mich verloren

Ich bin nicht jung, ich bin nicht alt

Ich werde täglich neu geboren

Andreas Diehl

Das Land zuletzt

Alte Frau

Bald geh ich allein zur Siedlung, Mutter

November

BitteAn U.

Dezember

(im Gedenken an Ulla)

Meine Worte fielen auf dich herab

Wie Steine über gefrorenem Schnee

Du hast mich nicht gehen lassen

Ascheweiß im achten Jahr

Wir betteln und

Niemand glaubt uns

Mai 1945

Der letzte

lange Sieg

Jahre wie

Hunderte

wie

Male dem Weg

nun haltlos

Wogen

schlagen

über dich

unfassbar noch

hausen wir

so

nach dem

Sieg

L. Mößner, R. Johannes, A. Diehl, E. Thiedemann, Zirkelarbeit im Garten

Ursula Eichelberger

Sturm, lieber Geselle

Sturm, lieber Geselle, zerreiße

Das Wolkenkleid über mir.

Peitsche das Meer, schick` weiße,

schneeweiße Wellen zu mir.

Schlage den Sand, weil er träge sich unter den Füßen formt;

Schlag nicht das Grün,

das zu leben beginnt.

Fahr in die Liebe und fahre ins Licht,

denn beide sind dir gewachsen.

Stärker als beide nein, das bist du nicht –

Und sollte eins brechen …,

dann birst es von innen entzwei.

Sieben Lenze

Sieben Lenze krochen aus dem Eis.

Sieben Sommer fielen von den Bäumen.

Sieben Winter ward mir - frierend - heiß

Nach dir, in sieben Träumen.

Doch gestern, in dem achten…

Wir küssten, liebten, tranken uns

… und lachten.

Bitte denke laut

Lass mich die Hand auf deinen Körper legen.

Erschrick nicht vor dem Dunkel meiner Haut.

Ich werde dir mit mir ein bisschen Sonne geben.

Du wirst sie spüren … Bitte … Denke laut!

… und was es sonst noch gibt

Du stehst vor mir.

Ich spüre deine Nähe.

Deine Ohren sind kalt

(und was ich sonst noch sehe),

doch unter deinem Hemd, dem Schlips, dem Kragen,

da ist es heiß. (Wer wagt das noch zu sagen?)

Du stehst vor mir und küsst behende

die Lippen mir, die Brüste und die Hände

und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …

Schon regen sich die Geister,

die Teufel werden dreister …

Du wühlst in meinen Haaren.

Du willst, dass wir erfahren

Den Taumel Zweisamkeit

und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …

Nur fort mit Schlips und Kragen;

Ich kann es kaum ertragen.

Ich helfe dir beim Knöpfen,

dann werden wir ihn köpfen,

den Dämon Einsamkeit.

Wir bieten uns zum Kusse

Und sonstigem Genusse

Von Kopf bis zu den Füßen.

Laß doch die Zeit zerfließen

Und was es sonst noch gibt, und was es sonst noch gibt …

Hanna Fleiß

Besuch bei Heine

Dort oben auf dem Sockel sitzt der Heine.

Erst siehst du seine langen Dichterbeine,

riskierst du aber einen Blick noch höher,

kommt dir der ganze Kerl entschieden näher.

Den hat man hier so halb und halb versteckt,

du hast ihn im Vorbeigehn nur entdeckt.

Die Uni thront in seinem Bronzerücken.

gewiss heut nicht zu jedermanns Entzücken.

Passt der noch rein in diese deutsche Welt?

Den hat man beinah heimlich hingestellt,

so abseits von dem allgemeinen Trubel.

Na ja, er wollte sicher keinen Jubel.

Dir fallen ein paar Verse vor die Füße,

du schickst nach oben deine besten Grüße.

Und du besinnst dich, wirfst noch einen Blick

Zu Heine hin, und langsam geht’s zurück.

(13.1.2013)

Der Lesende

Ein Buch – das sind nur Seiten von Papier.

Doch lies darin, es öffnet sich dir Welt

Und manches ungeprüfte Urteil fällt.

Du ahnst, das Buch hat Köpfe im Visier.

Du liest den Anfang und da sind es Verse.

Wie du Erschrickst: Das ist kein Buch für Dich.

Du blätterst weiter, prüfst dein Über-Ich

gerätst mit deinem Buch in Kontroverse.

Und nach und nach geschieht da was mit dir –

gebannt studierst du jedes Wort der Zeile.

Und dann, nach einer langen, langen Weile,

ergreift dich unverhofft die Lesegier.

Du suchst, worin der Worte Sinn mag liegen.

Scheu blickst du auf, und die Gedanken fliegen.

(24.1.2013)

Maik Forberger

der clown

hat seine maske abgelegt

nun kommt er

zu uns

und keltert den jungen wein.

er füllt ihn

in krüge

und säuft.

wir sollen singen

und tanzen

brüllt er

doch wir

sind nur winzer

auf der Stufe

zur nacht

bin ich

ein stern

für dich

du versprichst

mir das blaue

vom himmel

während du

deinen ofen

befeuerst

sommer

schornsteine rauchen,

eine amsel singt.

ein zug

hält im bahnhof,

laute.

ein mann malt

sein haus an,

schwarz

mit deinem haar.

er malt sterne

und knochen.

du aber singst

im abendrot

und klebst

mit deinem Blut

blätter

an eine vertrocknete rose

18.2.2002

frühlings gefühl

der schnee

meiner fensterbank

vergeht

im rausch

dich

habe ich aufgehängt

im Keller

zu den kleidern

für die heilsarmee

mit der leichtigkeit

eines Vogels

der gegen

mein fenster fliegt

lebe

auf mich zu

10. - 22.2.2010

sekundärtumor

novemberwolken

sonnenstrahlenfetzen fallen

durch fenster

der großstadt eine narzisse

spiegelt sich

im trübem

wasser

der computertomograph

hämmert im technotakt

schwarz-weiß-bilder

an den monitor

der mich überwacht

ehe ich ihn ausschalte

und mich

14.11.2010

pers vers

gesichter werden leiser

und stimmen verblassen

vögel fliegen

rückwärts

auf ungebauten trassen

eisenbahnen kaufen gäste

blumen trinken blut

auf seinen spitzen kopf

setzt sich ein mann

den hut

23.2.2010

Robert Göbel

Piazza di San Pietro

(Petersplatz)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,

seh` ich die Linien wundervoll sich fügen,

seh` wie sie meinen Blick genial betrügen

und so den Dom um vieles höher deuten.

Hinwandelnd unter schwebenden Figuren

Umarmen flügelgleich mich Kolonnaden,

ich spüre einen Hauch von Euer Gnaden,

verfalle fast den flüsternden Auguren.

Vom Obelisken gurrt`s, jäh mein Erwachen,

die Taube ließ den Ölzweig längst schon fallen.

Ich höre Bomben in die Häuser krachen.

Und seh` entsetzt die vollen Leichenhallen,

die Blutspur des zum Gott ernannten Drachen.

Ich hör Posaunen, die von fern erschallen.

Rom, 22. März 2003

Am 20. März 2003, um 5.33 Uhr (Ortszeit),

Beginn der Bombardierung Bagdads

Mein Hof

Es war einmal ein großer Hof

Umsäumt von hohen Häusern

Die einen alt die andern neu

Sie waren zu veräußern.

Im großen Hof da spielten gern

In Büschen und in Ecken

Die Kinder miteinander

Da ließ sich`s gut verstecken.

Und mitten in dem großen Hof

Gab`s auch `nen Buddelplatz

Dort treff ich oft die Schmidts

Zum Streiten und zum Schwatz.

Verhökert nun die Häuser

Privat ist der Besitz

Durchtrennt der Buddelkasten

Am Zaun wink ich den Schmidts.

29.4.2004

M. Schmidl, Achim, R. Göbel, slov ant gali, A. Haller, K. Lettke, Autorentreff im Garten

Siebenfaches Innehalten

In der Eingangshalle durchschreite ich die Stube des heiteren Wetters, hinter mir lasse ich Regen und Wind.

Als ich aus dem Pavillon des ruhigen Mondscheins heraustrete und auf die duftenden Osmanthus Stämmchen schaue, werde ich still.

Sitze im Oktogonalpavillon, sehe den schwankenden Bambus:

Ich hab` mich zu oft gebeugt und wieder aufgerichtet.

Aus dem Steinboot am See, durch das glasklare Waser,

seh` ich ihn liegen, regungslos, auf dem Grund, einen hungrigen Hecht.

Der gewundene Weg zur kleinen Steinbogenbrücke ist umsäumt

von mageren zerklüfteten Steinen, faltig wie ein Hundertjähriger.

Zögernd betrete ich die Zick-Zack-Brücke inmitten des Sees:

Schau ich zurück, seh` ich keine Gerade.

Im Teehaus zum Osmanthussaft reicht mir Yale Yu, die Teemeisterin,

die Schale. Aus ihren mandelförmigen Augen spricht sie zu mir:

„Wie ich sehe, hast du siebenmal innegehalten.“

Mit aneinandergelegten Handflächen verneigt sie sich.

Nach dem Krieg