Söhne der Rosen II - Thorsten Bonsch - E-Book

Söhne der Rosen II E-Book

Thorsten Bonsch

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Beschreibung

Kurzinhalt: Julian Grifter lebt seit fünfzehn Jahren in der Villa, mit der er eine Symbiose eingegangen ist, die ihn nicht altern lässt. Die Zeit nutzte er, um sich auf eine künstlerische Karriere vorzubereiten. Nach Ablauf der Frist begegnet er seinen Nachfolgern, den Brüdern Sinh und Daxx. Die eineiigen, afroasiatischen Zwillinge verbergen ein Geheimnis, das dem von Julian in nichts nachsteht. Trotz anfänglicher Hürden und mysteriöser Schmerzanfälle von Julian verlieben sie sich ineinander, bis eines Tages Alain Blanchard wieder auftaucht.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Himmelstürmer Verlag, part of Production House GmbH

 Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,

www.himmelstuermer.de

E-mail: [email protected] Originalausgabe, Frühjahr 2009

E-book:  August 2012

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

Coverfoto:©  C.Schmidt / www.CSArt Photo.de

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus. 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

ISBN print:     978-3-940818-10-2

ISBN E-pub:  978-3-86361-253-5

ISBN pdf:      978-3-86361-254-2

Der 1. Band erschien unter dem Titel:  Das geheimnisvolle Tattoo im Himmelstürmer Verlag, Frühjahr 2007,

ISBN  978-3-934825-74-1

Thorsten Bonsch

Söhne der Rosen

2. Teil

Die rätselhaften Zwillinge

Ein schwuler Fantasy Roman

Für Cory

Danke für das goldene Licht in der düsteren Passage meiner Vergangenheit.

und für Alfio

Danke für die unbeschwerte, jugendliche Energie.

Thorsten Bonsch, 2005

Donnerstag, 26. Juni 1997 – 15:23 Uhr

Cape Orchid

Manipulierte Raumzeit

„Hey, Muskelprotz“, sagte er und hob die Flasche Olivenöl hoch. „Hast du schon einmal gerungen?“

Alain und ich standen uns in dem sonnendurchfluteten, staubigen Saal gegenüber. Das Licht verlieh seiner Haut unter dem Netzshirt einen blassgoldenen Schimmer.

„Häufiger, als du denkst. Glaub mir.“ Ich grinste.

Ein beinahe unmerkliches Zucken huschte über Alains Gesicht. Ich hatte es in letzter Zeit – wenn man davon sprechen kann – häufiger gesehen, und es machte mir diebischen Spaß, zur Abwechslung mal ihn zu verwirren.

„Okay, aber kennst du auch den griechisch-römischen Stil, in Kombination mit dem türkischen?“

„Beschränken wir uns doch einfach darauf, dass alle Griffe erlaubt sind. Stimmt’s?“

Alain stellte die Flasche Öl neben die Gläsern mit Eistee auf den alten Holztisch zurück.

„Julian, Julian“, sagte er und grinste nun seinerseits. „Fast wäre ich darauf reingefallen, du Hund. Das wievielte Mal ist das jetzt?“

„Keine Ahnung. Ich habe schon lange nicht mehr mitgezählt.“

Ich ging zwei Schritte auf ihn zu, legte meine Arme um seine Hüften und küsste ihn. Obwohl er ganz genau wusste, was vor sich ging, und obwohl er ähnliche Situationen wie diese zu Hunderten selbst erlebt und initiiert haben musste, war er jedes Mal beinahe ein bisschen beleidigt. Die ersten Monate unseres Kennenlernens in der Zeit, die normale Menschen als normale Zeit bezeichnen, war er immer der wissende und geheimnisvolle Typ. Ich glaube, er hat das sehr genossen, besonders, da ich damals ziemlich naiv war.

Endlich legte er seinen Arm auf meine Schulter, streichelte mit seinen Fingern über meinen Nacken und glitt mit der anderen Hand über meinen Po. Dabei sah er mir tief in die Augen.

„Also kann ich ja wohl davon ausgehen, dass mit uns alles gut gelaufen ist. Du lebst nun in dieser Villa, und da wir uns jetzt und hier begegnen, gehe ich weiter davon aus, dass du deinen Nachfolger noch nicht gefunden hast.“

„Was macht dich da so sicher?“

„In dem Fall würdest du bestimmt keine Zeit mit mir verbringen wollen.“

Ich lachte und drückte ihn fester an mich.

„Ach Alain, ich kann es mir noch immer nicht vorstellen, dass ich einen anderen Menschen so lieben könnte wie dich.“

„Das habe ich in deiner Situation auch gedacht. Aber vergiss nicht: dann kamst du.“

Mein Lächeln wurde eine Spur dünner, meine Mundwinkel von einem Hauch Eifersucht auf seinen Vorgänger manipuliert. Noch immer war es schwer für mich zu begreifen, dass Alain zur selben Zeit, da wir dort standen, mit seinem Vorgänger – seinem Ex-Freund, wenn man so will – zusammen war, ihn vielleicht gerade in dem Moment ebenfalls in den Armen hielt. Aber es ist auch nach Jahren nicht leicht zu begreifen, was für Konsequenzen es mit sich bringt, wenn für manche Menschen auch die Zeit mehrere Dimensionen besitzt, ähnlich wie der Raum.

Alain bemerkte sofort meine leichte Gemütsveränderung und versuchte, dieser entgegenzuwirken.

„Hey, hatte ich denn wenigstens einen coolen Abgang? Sag, dass ich bei unserer Trennung nicht geheult habe. Wenn ich geheult habe, bringe ich mich um.“

„Das kannst du gar nicht und das weißt du. Abgesehen davon hast du nicht geweint. Du warst cool wie ein gefrorenes Zäpfchen in einem Eskimohintern.“

Das war eine Lüge, aber eine angemessene. Warum sollte ich sein Ego ankratzen? Außerdem würde dieser Alain später verschwunden sein.

„Haha, das passt zu mir. Aber du hast dich doch bestimmt in Tränen aufgelöst, richtig?“

„Ich habe einen Freudentanz aufgeführt, als du endlich weg warst, alter Mann.“

Lüge.

„Ich hasse es, wenn du mich so nennst. Aber das sage ich wahrscheinlich immer.“

„Jedes Mal.“

„Warum machst du es dann?“

„Weil es mir Spaß macht, dich zu ärgern, du Sexprotz. Komm her.“

Wir küssten uns länger als zuvor, dabei streiften wir langsam unsere Shirts ab.

Die Bezeichnungalter Mannwar zwar halbwegs richtig, aber nicht zutreffend. Technisch gesehen besaß Alain die Erfahrung von übervierzig Jahren, nur, dass er mit einundzwanzig aufgehört hat, zu altern, so wie ich mit neunzehn Jahren. Moderne Peter Pans, ewig jung, nicht den zerfressenden Gesetzen der Zeit und der Welt ausgeliefert. Dafür aber einigen anderen. Alles hat seinen Preis.

„Und, was machen wir jetzt?“, fragte Alain mit unschuldiger Miene. „Bleibt es beim Ringen, oder hast du etwas anderes für diesen Nachmittag geplant?“

„Sagen wir mal, ich habe an etwas Ähnliches gedacht.“

Mit diesen Worten fuhr ich mit meinem Zeigefinger langsam von seinem Solarplexus über seinen Bauchnabel bis hin zum Bund seiner kurzen Sporthose. Alain stellte ein ehrliches Grinsen zur Schau, um das ihn sämtliche jungen Götter der Antike beneidet hätten.

„Oh man, du schaffst mich. Bevor ich den Eistee geholt habe, hatte ich es mit einem unsicheren, schüchternen und besonders liebenswerten Julian zu tun. Kaum bin ich mit den Getränken zurück, hast du dich prächtig entwickelt.“

„Es fühlt sich so an, als würde sich in deiner Hose gerade ebenfalls etwas prächtig entwickeln.“

„Warte es ab, dann wirst du schon sehen, wie kompliziert es ist, sich mit einer zeitverschobenen Person auseinandersetzen zu müssen. Warum genießt du die Vergangenheit nicht einfach so, wie sie war?“

„Und dir den ganzen Spaß überlassen? Wieder in einem See aus Zweifeln zu ertrinken? Wieder die ständige Angst vor meinem Vater, dem General, haben zu müssen? Das möchte ich im Moment wirklich nicht. Du kannst mir glauben, ich bin schon häufig zurückgekehrt und habe unsere damaligen Ereignisse ohne das Wissen um meine Gegenwart so erlebt, wie sie waren. Weil jede Sekunde mit dir in jenem – diesem – Sommer wie ein Diamant in einem langen Kollier ist. Oder war. Ach, zum Teufel.“

„Lass es gut sein. Ich weiß, wie komplex das ist, und du bist bestimmt nicht gekommen, um physikalisch-philosophische Gespräche zu führen?“

Plötzlich zeigte sein Gesicht einen übertrieben gespielten Ausdruck der Unsicherheit.

„Oder etwa doch?“

Ich lachte.

„Nein, du Spinner.“

Alain zog mich langsam in Richtung der roten Weichbodenmatte, die einsam in der Mitte des großen Saals lag.

„Wenn es sich nicht um Gespräche han...“

Alain verschwand. Das heißt, er sah aus wie ein halbtransparentes Negativbild seiner selbst. Die Kraft, mit der er mich an meiner Hose zog, ließ nach, die Sessel, der Schachtisch, die Zeitungsstapel und der Ankleidespiegel verschwanden ebenfalls zum Teil und tauchten doppelt auf. Der ganze Saal schien irgendwie zu zittern. Ich spürte einen kurzen Druck an meiner Stirn, so, als hätte mich dort ein Tennisball getroffen. Das alles geschah in einem Sekundenbruchteil, begleitet von einem Geräusch zerreißender elektrostatischer Entladungen.

„...delt, kann ich mir schon denken, was du willst.“

Ich musste schlagartig blass geworden sein, denn Alain sah mich plötzlich besorgt an.

„Was ist los, Julian? Doch noch schüchtern?“

„Das ist es nicht. Hast du das gerade nicht mitbekommen?“

„Was denn?“

„Ich weiß auch nicht. Für einen Moment gab es, ... eine Art ... Erschütterung, oder so etwas.“

„Ich sehe das mal als Lob an.“

„So meine ich das nicht. Wie soll ich das erklären? Du warst für einen Augenblick fast unsichtbar. Weißt du, wovon ich rede?“

„Nein. Ist mir jedenfalls nie passiert.“

„Seltsam.“

„Seltsam genug, um dich von deinem eigentlichen Vorhaben abzubringen?“

Zögern.

„Nöö. Aber nicht auf der Matte.“

„Wo dann?“

Noch leicht verwirrt, ging ich zu einem der offenen Fenster, durch die man auf den prächtigen Rosengarten blicken konnte, der drei Stockwerke unter uns lag. Alain folgte mir.

„Hier?“, fragte er interessiert.

Statt zu antworten nahm ich ihn in die Arme. Wir streichelten und küssten uns lange und streiften dabei unsere Shorts ab. Ich wollte ihm Zeit geben, schließlich war es fürihnjetzt das erste Mal, dass wir uns liebten. Schon merkwürdig, bedenkt man, wie oft ich schon mit ihm geschlafen hatte. Nackt pressten wir unsere Körper etwas fester aneinander. Eine leichte Sommerbrise strich – gleich unseren Fingerspitzen – zärtlich über unsere Leiber und trug dabei den süßen Duft der Rosen mit sich.

„Ich möchte, dass wir springen.“

Alain sah mich mit einer Mischung aus Überraschung und belehrender Miene an.

„Das verstehst du unter Sex? Was habe ich nur falsch gemacht? Dir müsste eigentlich klar sein, dass du dich hier, im Gegensatz zu mir, verletzen kannst. In dieser Zeit kannst du dich noch nicht regenerieren.“

Ich strich ihm ein paar seiner langen, glänzenden Haare aus dem Gesicht.

„Ich weiß, und das habe ich auch nicht vor.“

„Sondern?“

„Ich möchte, dass du eine bestimmte Region der Raumzeit verlangsamst.“

„Meinst du uns, beim Fallen? Das bringt nichts. Wenn ich unseren Sturz verlangsame, werden wir keinen Unterschied feststellen können.“

„Du sollst auch nicht unsere Zeit dehnen, sondern die der Luftmoleküle unter uns.“

Alain überlegte kurz.

„Aha, ich verstehe. Du bist ja ein ganz Schlauer geworden.“

„War ich schon immer.“

„Wenn ich die Raumzeit der Luft unter uns verlangsame, wird sie dickflüssiger als Wasser.“

„Stimmt. Die Gasmoleküle lassen sich dann nicht mehr so schnell verdrängen. Wir würden wie auf Wolken nach unten gleiten. Aber du musst darauf achten, dass das Zeitfeld nur den Raum unter uns betrifft, sonst ersticke ich.“

Alain brachte seine Vorfreude durch ein erneutes, göttergleiches Lächeln zum Ausdruck.

„Du gerissener Hund. Warum bin ich nie auf diese Idee gekommen?“

„Weil ich nun mal klüger bin. Und scharf auf dich.“

„Das musst du mir erst beweisen. Beides.“

Ohne zu zögern packte er mich an der Schulter und schubste mich durch das offene Fenster. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass Alain zumindest einen kurzen Moment der Konzentration benötigen würde, daher stieß ich einen abgehackten Schrei aus Überraschung und Angst aus. Ich riss meinen Kopf herum, so dass ich die Bäume und Rosensträucher auf mich zurasen sah. Obgleich sich alles in Sekunden abspielte, erschien es mir viel länger.Das war’s, dachte ich, dann erschien der kleine, braunweiße Fleck unter einemder Büsche.Dina. An diesem Tag hatte ich meine Katze das erste Mal gesehen.

Da ich in meiner Panik jedes Detail um mich herum deutlicher und intensiver wahrnahm als normal, bemerkte ich gar nicht, dass mein Sturz mehr als anderthalb Stockwerke über dem Erdboden endete. Alain war plötzlich über mir, ich spürte seinen schweißnassen Körper an meiner Haut, seine Erektion an meiner Hüfte. Ein Blitz wohliger Wärme durchzuckte meinen Körper.

„Es funktioniert, mein Großer“, hauchte er mit einem fast diabolischen Lächeln. „Alles okay bei dir?“

„Klar, es ist fantastisch. Wie steht es mit dir?“

Ich wusste, dass sein Enthusiasmus daher rührte, dass er es wieder geschafft hatte, mich in die Rolle des Unsicheren zu drängen. Er hatte abermals die Fäden in der Hand. Letztendlich machte mich aber gerade diese Situation so glücklich, denn so hatte ich ihn kennen – und lieben – gelernt.

„Ich fühle mich prima! Deine Idee ist phantastisch.“

Das wollte ich ihm nicht ohne weiteres glauben. Es war deutlich, dass er sich sehr hatte anstrengen müssen, oder sogar immer noch anstrengen musste. Aber er genoss es. Und ich vertraute ihm. Ich vertraue Alain bis ans Ende der Zeit und ich weiß, wir werden sie erleben.

Langsam griff er nach meinem Glied, das durch den Schock schlaff auf meinem Oberschenkel lag, und bewegte es zärtlich vor und zurück. Ich hatte den Sprung in einen Zeitabschnitt gewählt, an dem ich meine Schamhaare noch nicht wie die Alains rasiert hatte, aber das ließ sich nicht ändern, da diese temporale Periode für meine Idee, Sex in der Schwerelosigkeit zu haben, nun mal bestens geeignet gewesen war.

Blut schoss in meinen Penis. Er wuchs zwischen Alains Fingern, während ich ein leichtes Prickeln an meinem Rücken spürte. Ein Effekt der verlangsamten Raumzeit unter uns; ein Gefühl, als würde man durch Wasser gleiten, aber auch wieder ganz anders. Unsere feuchten Zungen streichelten einander, sein nasser Körper glitt langsam über meinen. Wir drehten uns gemächlich, und als ich oben war, setzte ich mich aufrecht auf seine Brust. Ich spürte die sanfte Bewegung seiner Muskeln an meinen Schenkeln. Die Sommersonne ließ funkelnde Lichtspiele auf seiner verschwitzten Haut entstehen. Tief unter uns lag der Garten, erforscht von Schmetterlingen und Bienen. Ich sah für einen Moment auf, über die Kronen der Apfel-und Kirschbäume hinweg über die hohe Hecke und die mit stilvoll errichteten Wohnhäuser gesäumten, leichten Hänge Cape Orchids; genoss das Gefühl zu schweben und die gleichzeitige Berührung Alains nackten Körpers. Wir würden nie sterben und das Paradies sehen, sofern es existiert – aber was könnte paradiesischer sein als ein solcher Moment?

Ich winkelte meine Beine, die in einer trägen Substanz schwammen, an und berührte mit meinen Füßen seine Pobacken, während ich meinen Körper auf seinem nach vorn bewegte, so dass er seine Lippen um mein steifes Glied schließen konnte. Die feuchtwarme Berührung ließ kleine tanzende Lichtpunkte vor dem stahlblauen Himmel entstehen.

Pure Ekstase.

Ich griff hinter mich und streichelte ihn zwischen seinen Beinen, fuhr mit den Fingern durch seine Pofalte und rieb sein stahlhartes Glied. Ein Lusttropfen vermengte sich mit dem Schweiß. Aus vollen Zügen nahm ich jetzt den süßen Duft der Rosen wahr, der für mich für alle Zeit untrennbar mit Alain verbunden sein würde.

Irgendwie schaffte Alain es, dass wir uns nach einer Weile wieder drehten. Hier gab es kein wirkliches Oben oder Unten – wie im All war die Empfindung immer gleich, wider allen optischen Bezugspunkten. Er hob meine Unterschenkel über seine Schultern und näherte seine Hüfte meinen gespreizten Pobacken. Seine Schwanzspitze berührte mich.

„Warte“, sagte ich besorgt, aber mit nicht besonders viel Enthusiasmus. Ich wollte es so sehr.

„Das ist schon okay, solltest du eigentlich wissen. Da das hier deine Reise ist, dürfen wir so weit gehen. Nichts wird sich ändern, wenn du wieder in deiner Zeit bist.“

Ich wusste es wirklich nicht. So weit war ich bei keinem meiner Sprünge je gegangen. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ ich ihn gewähren und in mich eindringen. Entgegen seiner sonst so dominanten Art war er auch dieses Mal sehr vorsichtig und feinfühlig. Langsam bewegte er sich in mir, umfasste meinen linken Fußknöchel und leckte mir die nackte Sohle. Ein Gefühl, vergleichbar mit der Farbenpracht eines Regenbogens, durchflutete meinen Körper.Schon damals hast du gewusst, dass ich ein Fußfetischist bin. Meine Liebe zu ihm machte einen weiteren Quantensprung.

Wir änderten noch mehrmals die Positionen. Während der gesamten Zeit senkten wir uns um höchstens vier bis fünf Fuß. Als wir eng umschlungen, uns gegenseitig befriedigend, zum Höhepunkt kamen,waren wir gerade zwischen dem ersten und dem zweiten Stock angekommen. Hoch genug, um zu bewundern, wie unser Sperma, das nicht an unseren Körpern hängen blieb, wie in der Schwerelosigkeit einer Raumkapsel langsam wabernd durch die Luft glitt.

Wahre Erfüllung ist nichts anderes als das intime Zusammensein mit einem Menschen, den man abgöttisch liebt und dem man sein eigenes Leben absolut anvertraut.

Nach dem wiederhallenden Echo der Ekstase stürzten wir ungebremst dem Erdboden entgegen. Blitzschnell drehte Alain uns, so dass ich auf seinem Körper zwischen den Rosensträuchern und dem Pfad aus Bruchsteinplatten aufschlug. Der Aufprall war heftig, presste mir die Luft aus den Lungen, aber den meisten Schaden nahm Alain. Ich hörte einige seine Knochen knacken und brechen. Ich selbst fing mir nur ein paar Schürfwunden an Ellenbogen und Kniescheiben ein.

Dennoch lächelte er unter mir. Seine Zähne waren blutverschmiert. Schuldgefühle überkamen mich.

„Kuck nicht so besorgt, mon ami. Du wirst ja wohl wissen, dass gleich wieder alles in Ordnung ist.“

„Schon. Aber ... dich so zu sehen ... es ist trotzdem ein Schock.“

„Du lebst noch nicht besonders lang in der Villa, richtig?“

„Nein“, log ich. Nach normaler Zeitrechnung waren es bereits fast zehn Jahre. Dennoch hatte ich nie allzu oft von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, in der Zeit zurück zu reisen und gemeinsame Momente zwischen Alain und mir so, wie sie waren, oder mit dem Wissen von heute, zu erleben. Besonders letzteres schien mir eigentlich nicht richtig.

Eine wachsende Blutlache unter seinem Kopf färbte die braune Erde tiefschwarz, sickerte teilweise ein und wurde absorbiert.

Symbiose. Mensch und Natur.

Dennoch blickte ich ihn traurig an. Alain wirkte geschwächt, war verletzt. Seltsamerweise steigerte es meine Liebe zu ihm, auch wenn ich es niemals für möglich gehalten hätte, ihn noch mehr lieben zu können.

Eine Bewegung wenige Fuß von uns entfernt lenkte uns ab. Neugierig, aber mit einer gewissen Vorsicht, näherte sich uns die Katze.

„Dina“, rief ich erfreut.

„Du hast ihr einen Namen gegeben?“

„Sie gehört jetzt mir. Sie vertreibt mir ein wenig die Einsamkeit, wenn ich ... wenn ich nicht zu dir zurückkomme.“

„Seltsam.“

„Was denn?“

„Ach, nichts.“

Donnerstag, 9. August 2007 – 17:03 Uhr

Cape Orchid

Allgemeine Raumzeit -

Etwa eine Stunde normaler Zeitrechnung, nachdem ich auf Alains blutendem Körper gelegen hatte, kehrte ich in meine Zeit zurück. Nach unserem Apollo-Stunt waren wir im Rosengarten geblieben, hatten uns in das hohe Gras gesetzt und geredet.

Gespräche dieser Art halfen mir, mein Schicksal und meine Existenz als das, was ich jetzt war, besser zu verstehen. Einst ein Mensch, nun ein Geschöpf, das nicht altert, das in perfekter Symbiose mit der Natur im Ganzen lebt, mit belebter und unbelebter Materie und – nicht zuletzt – mit der Zeit. Teil eines Wechselspiels zwischen Elementen, eingebunden in eine makellose Spirale ohne Anfang oder Ende. Als ich damals, im Sommer 1997, mit meinen Eltern nach Cape Orchid gezogen war und mich still und – na ja,unheimlich– in Alain, den Nachbarsjungen verliebt hatte, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass ich jetzt, zehn Jahre später, allein im Inneren einer lebendigen Villa hausen und nicht älter werden würde. Ich hätte es mir nicht nur nicht vorstellen können, ich hätte es schlicht und ergreifend nicht begriffen.

Aber es ist nun einmal die Realität, und was diesen Begriff angeht, hat sich mein Horizont enorm erweitert.

Natürlich war mir Alain damals seltsam vorgekommen, so frisch, so unkonventionell und so unkompliziert, aber auch, dass er allein in dieser riesigen Villa lebte. Die erstgenannten drei Gründe – abgesehen von mindestens Tausend  anderen – waren  die  Gründe,

weshalb ich mich in ihn verliebt hatte, die vierte Eigenart war unwichtig und verschwamm in der typischen Blindheit der Verliebten. Außerdem war Alain stark und rettete mir letztendlich das Leben, als sämtliche bekannten – und vermutlich auch einige bislang unerforschte – Psychosen und Neurosen den General, von einem strengen, aber dennoch gerechten Vater, in ein amoklaufendes Monstrum verwandelt hatten, der mich und meine Mom töten wollte. Seine Raserei hatte begonnen, als er erfahren hatte, dass seine Frau andere Interessen als die seinen vertrat, und dass sein Sohn – ich – schwul war. Geendet hatte sie mit seinem Tod. Hier, auf diesem Grundstück, in dieser Villa.

Danach hatte Alain den Kelch, die Fackel, die Bürde oder die einmalige Chance, sein Nachfolger zu werden, an mich weitergereicht. Seither wohne ich im Inneren dieser organischen Lebensform, die nach Außen hin wirkt, wie eine spätgotische Villa, die mich weder altern lässt, noch erlaubt, sie zu verlassen, die mich quasi unverwundbar macht, aber mich dennoch von allen anderen Menschen isoliert. Die mentale Energie aus meiner Liebe zu Alain bezogen hat und mich seither mit allem versorgt, was ich benötige. Und die mir gezeigt hat, dass Zeit keine konstante, lineare Bewegung ist, sondern ein dreidimensionales Gebilde ähnlich eines Raums, in dem wir uns relativ frei bewegen können. Dadurch kann ich in bestimmte Abschnitte meiner eigenen Vergangenheit reisen, ohne die Geschichte als solche zu verändern.

Wenn meine Zeit in der Villa abgelaufen ist und sie ihren Lebenszyklus aufs Neue mit meinem Nachfolger beginnt, werde ich dank der Villa drei Mal existieren, wie Drillinge oder Klone. Einer von mir wird dort weitermachen, wo ich aufhörte, als ich die Symbiose mit der Villa eingegangen war. Einer wird ein cooles Leben mit Alain führen und einer mit meinem Nachfolger, wenn der so weit ist, die Villa zu verlassen. Das habe ich bis jetzt gelernt.

Ach ja, und, dass Katzen ihren eigenen Willen haben.

Nach der Rückkehr saß ich nun nicht mehr auf dem Rasen, sondern auf meinem Bett, eingehüllt vom goldenen Glanz der späten Nachmittagssonne. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, immer nur zur jeweiligen Uhrzeit in die Vergangenheit zu gehen, in der ich auch auftauchen würde. Die gleiche Regel galt für die Rückkehr. Auch nach all den Jahren waren Zeitsprünge noch immerverwirrend genug, als dass ich zudem Jetlags benötigte, obgleich ich keine räumliche Distanz zurücklegte.

Die Beine angewinkelt, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf dazwischen vergraben und die Augen geschlossen saß ich einige Minuten nach meiner Rückkehr unbewegt da – in einem tranceähnlichen Zustand. Diese Form der Meditation machte mir den Wechsel leichter. Obwohl ich die Lider geschlossen hielt, hatte ich das Gefühl, durch sie meine Arme und Beine hindurch auf dem Bettbezug sehen zu können. Ein interessanter Nebeneffekt meines autogenen Trainings, der mich jedes Mal aufs Neue faszinierte. Wach sein und träumen zugleich. Keine Droge der Welt kann so gut sein.

Zu der angenehmen Melodie aus Vogelgezwitscher gesellten sich leise klickende Geräusche und zogen mich behutsam aus meiner Halbtraumwelt: Krallen auf dem Fenstersims.

Dina war gekommen, um meine Rückkehr zu begrüßen. Katzen bewegen sich in der Regel lautloser als ein treibendes Blatt Papier im Weltraum, aber ihre Art mich daheim Willkommen zu heißen begann immer mit der sensiblen Weise, mit ausgefahrenen Krallen ein gehauchtes Drummersolo beim Schleichen zu erzeugen. Langsam hob ich meinen Kopf und blinzelte zum Fenster. Mit einer fließenden Bewegung beendete Dina ihr Umherstolzieren, setze sich und schlang den Schwanz um ihren Körper. Mehr Zuneigung konnte man von einer Katze nicht erwarten – nun war es an mir aufzustehen, zu ihr zu gehen und wiederum sie zu begrüßen. Katzen haben ihren Stolz und man tut besser daran, diesen nicht überzustrapazieren. Ich liebte sie für ihre Selbstständigkeit.

Langsam schlenderte ich zu ihr, genoss die warme Brise, die durch das offene Fenster hineinwehte und den Duft der Rosen mit sich brachte, an dem ich mich seit so vielen Jahren erfreute. Mein Blick schweifte über den prächtigen Garten, als ich sie streichelte. Eine unerwartete Bewegung hinter einem der dichteren Rosensträucher riss mich vollends aus meiner Lethargie. Ein handballgroßes Stück löste sich aus der Natur und sprang mit einigen Sätzen im Zickzack umher, immer wieder verdeckt von Bäumen und Sträuchern. Ein Ochsenfrosch! Dann, als mir weniger Blätter und Zweige die Sicht versperrten: eine Bulldogge. Ich war mir sicher gewesen, einen Frosch gesehen zu haben, aber das Tier war nun eindeutig ein Hund. Ein junger, wilder Hund.

Verspielt hüpfte er umher, kläffte vergnügt, als jage er etwas, das nur er sehen konnte. Dina reagierte überhaupt nicht auf ihn. Entweder nahm sie ihn nicht wahr, oder sie schätzte dieses bellendeTohuwabohu nicht als würdig genug ein, von ihr bemerkt zu werden.

Scheinbar ziellos näherte er sich der Stelle, die den ehemaligen, geheimen Durchgang zum Nachbargrundstück darstellte, auf dem ich mit meinen Eltern vor meiner Veränderung gelebt hatte. Mit jedem Yard wuchs in mir eine merkwürdige Anspannung. Immer wieder von Blättern und Gestrüpp verdeckt, wirkte der Hund beinahe transparent in dem großen Garten. Die tätowierte Rose auf meiner Brust begann plötzlich zu kribbeln. Etwas sollte sich ändern, das war mir schon damals klar. Noch drei Sprünge, bis die kleine Bulldogge die Stelle erreichen würde, noch zwei, einer.

Der Hund verschwand zwischen den sanft wogenden Blättern. Ich spürte einen leichten Stich in meiner Brust, nicht schmerzhaft, eher angenehm.

Samstag, 16. Juni 2012 – 22:48 Uhr

Cape Orchid

Allgemeine Raumzeit

In weißes Mondlicht getaucht lag der Rosengarten mit seinen harten Schatten wie ein Scherenschnitt vor mir. Ich hatte es mir auf der Terrasse in einem Liegestuhl bequem gemacht, genoss die Nachtluft und die mit ihr einhergehende Temperatur und streichelte Dina, die es sich auf meinem Bauch liegend gut gehen ließ. Auf einem kleinen, runden Klapptisch neben mir stand ein Glas mit Eistee, das erste, das ich seit über zwei Jahren trank. Die Vermutungen um die bevorstehenden Ereignisse und das gleichzeitige Unwissen über deren konkrete Formen hatten mich seit dem frühen Abend immer nervöser werden lassen. Mit der Stille der Nacht, die ohne die tagsüber herrschende Geräuschkulisse sogar das Rauschen des Meeres an mich herantrug, kam die herbeigesehnte Entspannung.

Meine Tätowierung hatte sich verändert, ähnlich wie im Sommer 2007, vor fünf Jahren. Ähnlich, aber nicht gleich. Ich war am Vormittag gerade damit beschäftigt gewesen, Dinas Futtertopf aufzufüllen, während sie um meine Beine strich und zugleich schmeichelnd und fordernd maunzte. Ich hatte die Dose Katzenfutter noch nicht ganz geleert, als ich ein Kribbeln aufmeiner Brust spürte. Ich dachte an ein Insekt, wischte instinktiv über die Stelle, aber das merkwürdige Gefühl blieb. Dann dämmerte es mir, und als ich hinsah, bemerkte ich ein weiteres Blatt, das der Doppelrosegewachsenwar.

Der Mensch ist ein Wesen, das in der einen oder anderen Weise grundsätzlich Angst vor Veränderungen oder Neuem hat, selbst wenn der momentane Zustand beklagenswert ist. Zwar fällt diese Angst mal stärker und mal schwächer aus, aber sie ist vorhanden. Schon Shakespeare, dessen gesammelte Werke erfreulicherweise Bestandteil meiner Bibliothek waren, ließ Hamlet in seinem berühmten Monolog darüber sinnieren, dass ein Mensch, dem es schlecht geht, doch eher das Leben dem Selbstmord vorzieht, aus Angst, was nach dem Tod kommen könnte.

Ich selber hatte keine Angst vor dem Tod. Er stellt das Ende des linearen Zeitablaufs eines Lebewesens dar. Zwar war ich ein Lebewesen und hatte einen Anfang – nämlich meine Geburt -, aber seit meinem neunzehnten Lebensjahr galt für mich kein linearer Zeitablauf mehr.

Wovor also hatte ich an diesem Vormittag Angst gehabt? Sobald ich mir die Frage erstmalig direkt stellte, war die Antwort offensichtlich. Ich hatte Angst davor, zu versagen. Angst, mit dem, was mir bevorstand, nicht so gut fertig zu werden, wie seiner Zeit Alain. Nach all den Jahren liebte ich ihn noch immer wie in dem Sommer, in dem wir uns kennengelernt hatten. Wie sollte ich diese Liebe aufteilen, für jemand Fremdes empfinden? Wer könnte dem Vergleich mit Alain standhalten?

Ich kam mir wie ein Betrüger vor.

„Hilf mir, Dina. Was soll ich tun, hm?“

Bei der Erwähnung ihres Namens hob meine Katze ihr rechtes Augenlid zur Hälfte, blickte mich desinteressiert an und schloss es wieder. Von dieser Seite war keine Hilfe zu erwarten.

„Vielen Dank für nichts. Ich werde das bei deiner nächsten Fütterung berücksichtigen.“

Dina erhob sich, streckte sich und ließ sich auf die Seite fallen, um mir ihren Bauch zu präsentieren. Gedankenverloren kraulte ich ihn. Sollte ich Alain um Rat fragen? Seine Meinung zu dieser Sache wäre in jedem Fall besser, nicht nur, weil er den überaus großen Vorteil gegenüber den Felidae hatte, zwei Daumen zu besitzen, sondern weil er einmal in derselben Situation gesteckt hatte. Diese Idee bereitete mir fast noch mehr Angst. Ich liebte Alain und liebe ihn auch heute noch, aber er sah in mir immer den schwachen, unbeholfenenJungen, der ich nicht sein wollte. Vielleicht liebte ich ihn, weil er mein Beschützer gewesen war und vielleicht liebte er mich, weil ich beschützt werden musste. Natürlich könnte ich in der Zeit zurückkehren, ihn ausfragen und mich darauf verlassen, dass die Alains, die jetzt existieren und von denen ich einen nach meinem Verlassen der Villa wiedertreffen würde, nichts davon wissen. Aber die Möglichkeit bestand, dass er es eben doch wissen würde. Viel wichtiger aber,ichwürde es wissen.

Meine Entscheidung stand damit fest. Abwarten und mich dem Neuen stellen.

Wenn ich nur geahnt hätte, was damit auf mich wartete ...

Wir rannten einen Gang entlang, Alain vor mir, eine Person direkt hinter mir. Obwohl ich sie nicht sah, wusste ich, dass sie zu uns gehörte. Der Gang war weiß gestrichen, Rohrleitungen und Kabelschächte verliefen unter der Decke. An den Wänden waren Streifen mit Richtungspfeilen zu den Notausgängen mit Leuchtfarbe aufgemalt. Die Neonröhren über uns flackerten, zwischen unseren Schritten war ihr elektrisches Summen zu hören. Ihr blitzendes Licht mischte sich mit dem roten Licht einer Alarmbeleuchtung. Ich war außer Atem und ohne Zuversicht, obwohl ich nicht wusste, was ich erhoffte. Weit hinter uns im Gang ertönte das metallische Knarren einer schweren Metalltür, die aufgestoßen wurde. Meine Panik wuchs. Der Gang, in dem wir uns befanden, endete in einem T-Stück. Alain bog nach links und wir folgten ihm. Ein großes Plexiglasschild mit Hinweispfeilen diente als Wegweiser, doch obgleich die Buchstaben darauf groß und deutlich zu erkennen waren, ergaben sie keinen Sinn für mich. Ich rannte so schnell ich konnte, gehetzt wie ein Tier im Scheinwerferlicht, aber der Abstand zwischen Alain und mir wurde immer größer. An der nächsten Kreuzung bog er rechts ab. Mein Versuch, ihn zu rufen, endete in einem kläglichen Ausstoßen gepresster Luft. Als ich endlich die Kreuzung erreichte und ebenfalls abbog, sah ich Alain keine zehn Yard von mir entfernt stehen. Er trug plötzlich einen Kittel und sah mich erschrocken an, seine Gesichtszüge verschwammen, als würde man durch trübes, unruhiges Wasser sehen. Ich blieb abrupt stehen, Puls und Atmung normal, als wäre ich überhaupt nicht gerannt. Sein Gesicht nahm bizarre Formen an, kam nicht zum Stillstand. Ich fühlte einen schweren, metallischen Gegenstand in meiner Hand.

„Warum?“, rief das menschenähnliche Wesen vor mir. Im Wechselspiel zwischen Neon- und Alarmbeleuchtung sah es beinahe so aus, als sei es blutüberströmt.

Was ich als nächstes sagte, ging im lauten Knall eines Schusses unter.

Als wäre ich getroffen worden, schreckte ich hoch. Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich orientiert hatte. Der Pulvergeruch in meiner Nase wich dem angenehmen Duft der Rosen. Ich saß aufrecht im Liegestuhl auf meiner Terrasse. Die Morgensonne blendete mich, aber ich begrüßte sie erleichtert. Ich hatte die Nacht draußen verbracht, war eingeschlafen, ohne es bemerkt zu haben. Dina war verschwunden. In der frischen Morgenluft bemerkte ich den kalten Schweiß, der das T-Shirt auf meinen Körper heftete.

Beim Aufstehen knirschte es unter meinem rechten Fuß und ein stechender Schmerz schoss die Wade hoch. Ein paar Scherben des Eisteeglases hatten sich in meinen nackten Fuß gebohrt. Nachdenklich betrachtete ich die Splitter, die ich langsam aus den Wunden zog, worauf diese sich binnen einiger Sekunden schlossen.

Das war der Schuss in meinem Traum, dachte ich. Ich habe im Schlaf das Glas heruntergestoßen und bin von dem Aufprall wachgeworden.

Ich ließ die blutigen Scherben zu Boden fallen und wartete darauf, dass die Erde das komplette Blut absorbierte. Nach einer Minute sammelte ich die blitzblanken Glasstücke vorsichtig auf, ging in die Küche und warf sie weg. Die Villa würde ein wenig länger als bei meinem Blut benötigen, die Scherben in sich aufzunehmen und daraus etwas Neues zu formen.

Dina hockte sprungbereit auf der Arbeitsplatte neben dem Herd, als ich mich zu ihr umdrehte, stieß sie sich ab und fiel mich an. Ich drehte mich unter ihr weg, packte sie im Flug am Nacken und zog sie an meine Brust.

„Hör mal, junge Dame, es gibt wesentlich freundlichere Methoden, um Futter zu bitten. Wenn du mich in deiner Gier umbringst, musst du selber lernen, mit einem Dosenöffner umzugehen.“

Als Antwort zog sie ihre unteren Augenlider angriffslustig nach oben und fuhr die Krallen ein wenig aus.

„Du willst mir drohen? Du willstmirdrohen?“, fragte ich sie bei dem Versuch, meine miserable De-Niro-Imitation zur Schau zu stellen. „Wie würde es dir gefallen, morgen früh neben einem Pferdekopf aufzuwachen?“

Sonntag, 17. Juni 2012 – 10:36 Uhr

Cape Orchid

Allgemeine Raumzeit

Der Tag wurde schwül, die feuchte Hitze beinahe lebendig, als ob sie eine aggressive Schlange wäre, die jedermann die Luft abzuschnüren versuchte. Ich war mir sicher, dass, bevor der Tag noch um sei, es ein heftiges Gewitter geben würde. Der Geruch von Ozon war allgegenwärtig. Dinas Stimmung war entsprechend, also ließ ich sie in Ruhe faulenzen und versuchte, mich ebenfalls so wenig wie möglich zu bewegen. Ich entschied mich für ein paar Runden Schach gegen mich selbst, obwohl die Art, wie ich es spielte, nicht ohne Bewegung funktionierte. Allerdings wollte ich auch nicht einfach nur den ganzen Tag faul herumliegen und über das, was mir bevorstehen würde, nachdenken.

In der Bibliothek der Villa war es ein wenig kühler als im restlichen Gebäude und sehr viel kühler als draußen, aber immer noch warm genug, um leicht ins Schwitzen zu geraten. Mein Schachbrett ruhte auf einem runden Barocktisch vor dem Westfenster des Saals in einem Erker, der von den hohen Lorbeerholzregalen, die tapfer der Last der unzähligen Bücher widerstanden, regelrecht eingefasst war. Schachbrett war eigentlich nicht die richtige Bezeichnung, da das Spielfeld nicht flach und quadratisch war, sondern kugelförmig. Ich hatte eines Tages den Werkzeugschuppen, der im Garten direkt an den Westflügel des Hauptgebäudes grenzte, durchstöbert und war dabei auf einen alten Globus gestoßen. Weiß der Herrgott, warum Alain oder einer seiner Vorgänger ihn dort gelagert hatte. Aber als ich ihn dort zwischen Unmengen von Werkzeug, Kisten, Kartons, Staub und Spinnenweben entdeckt hatte, fiel mir sofort eine Verwendung für ihn ein.

Wenn man wie ich nach beinahe zwei Jahrzehnten eines normalen Lebens plötzlich feststellen muss, dass Zeit nicht nur eine, sondern mehrere Dimensionen besitzt, ist das in etwa so verwirrend, wie den Papst bei einer Polka zu erwischen. Von Physikern abgesehen, denken wir normalerweise in vier Dimensionen, drei räumlichen und einer zeitlichen Dimension. Da wir Menschen uns in der Regel dengrößten Teil unseres Lebens auf Land und nicht im Wasser oder in der Luft bewegen, tendieren wir sogar dazu, hauptsächlich zwei der drei räumlichen Dimensionen zu berücksichtigen.

Mein Plan war also gewesen, das mehrdimensionale Denken zu schulen, daher hatte ich mein dreidimensionales Schachspiel konstruiert, in dem ich einen alten Globus mit einhundertvierundsechzig hellen und dunklen Feldern versehen sowie 52 Figuren mit selbsthaftender Unterseite geschnitzt hatte.

Die Bibliothek schien mir damals der rechte Platz für das Schachspiel zu sein, denn obgleich ich vollkommen allein in der Villa lebte – von Dina mal abgesehen – strahlte dieser hohe Saal die Aura und Ruhe einer Kirche aus. Dennoch schaltete ich das kleine Radio an, das Alain und mich so oft begleitet hatte und lauschteOnly the Lonelyvon Roy Orbison, während ich die Figuren aufstellte. Alle Hauptfiguren starteten vom Äquator aus, die hellen auf einer Seite der Kugel, die dunklen auf der gegenüberliegenden. Ich spielte nach den üblichen Regeln, der Unterschied war eben, dass das Schachbrett durch seine Kugelform weder Anfang noch Ende besaß und aus demselben Grund nicht ohne Weiteres überschaubar war. Menschen, die Schach als einen Sport betrachten, kamen hier auf ihre Kosten: Als Spieler musste man in ständiger Bewegung bleiben, da man grundsätzlich immer nur eine Hälfte des Spielfeldes im Auge behalten konnte.

Somit geriet ich während meiner dritten Partie ordentlich ins Schwitzen, nach der fünften Partie – ich hatte bis dahin jedes Spiel gewonnen, haha – zog ich mein nasses Hemd aus und legte es auf den nutzlosen bordeauxroten Ledersessel neben dem Schachtisch.

Der Nachmittag brachte alle Hitze auf, die unsere Sonne abzugeben vermochte, und hoch aufgetürmte gelbliche Wolken änderten die Lichtverhältnisse in der Bibliothek. Während im Radio gerade Garry LewisCount me insang und ich über die Möglichkeit eines Patts nachdachte, hörte ich ein Geräusch hinter mir. Ich dachte an Dina und sagte: „Na, Lust auf eine Schmusestunde bekommen?“

Dienstag, 17. Juni 1997 – 18:54 Uhr

Cape Orchid

Manipulierte Raumzeit -

„Das hast du zu ihm gesagt, ohne dich vorher umzudrehen? Lust auf eine Schmusestunde?“

„Ich bin davon ausgegangen, dass es Dina war“, antwortete ich verzweifelt. Vergebens. Alain bekam einen erneuten Lachanfall, durch den er beinahe von dem alten Ledersofa gefallen wäre. Frustriert zündete ich mir eine Benson & Hedges an.

„Schmusestunde!“, gröhlte er.

„Das ist überhaupt nicht komisch!“

„Doch, das ist es.“

Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf den Schwarz-Weiß-Fernseher, der gerade Nachrichten aus der Vergangenheit brachte.

„Es tut mir leid, Julian“, sagte Alain versöhnlich, aber noch immer lachend. „Da hast du ja bei – wie heißt er noch mal?“

„Sinh.“

„Da hast du ja bei Sinh gleich den richtigen Eindruck hinterlassen.“

Ich seufzte. „Vielleicht war es doch keine gute Idee, dich zu besuchen.“

Nach der ersten Begegnung mit Sinh war ich so durcheinander gewesen, dass ich letztendlich doch beschlossen hatte, einen Trip in die Vergangenheit zu machen und Alain von den Ereignissen zu berichten. Weil es mir sinnvoll erschienen war, hatte ich den Zeitpunkt unserer ersten Begegnung gewählt. Ich war noch keine Minute hier gewesen, als Alain bereits gemerkt hatte, dass ich nicht ich war, sondern mein für ihn zukünftiges Ich. Kein Wunder, denn ich war noch aufgewühlter als damals, im realen Juni 1997.

„Ach Quatsch“, sagte Alain. „Das war genau richtig. Aber du musst mir versprechen, wenn wir uns nach deinem Verlassen der Villa in der Zukunft wiedersehen, meinem späteren Ich diese Geschichte ebenfalls zu erzählen.“

„Das kannst du vergessen. Ich weiß ja jetzt, wie du darauf reagierst.“

„Och bitte. Ich verspreche dir auch, dass ich dann ernst bleiben werde.“

„Das kannst du gar nicht. Hältst du mich für dumm? Der für mich zukünftige Alain weiß nichts von deinem Versprechen, weil dieser Zeitstrang für ihn nicht existiert. Nicht einmal für dich, wenn ich wieder in meine Zeit zurückkehre, weil ... Oh man, als ob nicht alles schon kompliziert genug wäre!“

Alain, der sich allmählich beruhigte, nahm einen Schluck von seinem Eistee und rutschte dann so nahe an mich heran, dass er seinen Arm um meine Schulter legen konnte.

„Ach komm schon, Großer. Ich habe es doch nicht böse gemeint. Ich weiß doch selber, wie aufgeregt ich heute war, weil ich wusste, dass wir uns das erste Mal begegnen würden.“

„Du bist mir aber nicht aufgeregt vorgekommen.“

„War ich aber.“

„Moment mal. Heißt das, du hattest gewusst, dass ich hier und jetzt im Juni 1997 das Grundstück und die Villa betreten würde und wir uns kennenlernen sollten?“

„Sicher. Wusstest du nicht, dass Sinh auftauchen würde?“

„Nein, nicht wirklich. Mir war klar, dass etwas im Gange war – Veränderungen – aber nichts Konkretes.“

„Dann habe ich meinen Job wohl nicht besonders gut gemacht.“

„Wie meinst du das?“

„Hör zu, Julian. Ich kenne dich jetzt erst seit ein paar Stunden, aber ich weiß, dass wir in meiner Zukunft den Sommer zusammen verbringen werden. Außerdem glaube ich, dass es mit uns hervorragend klappen wird, oder geklappt hat, je nach meiner oder deiner Sichtweise, denn sonst wärest du wahrscheinlich nicht zum jetzigen Zeitpunkt zu mir zurückgekehrt. Aber offensichtlich habe ich dich nicht besonders gut auf die Begegnung mit deinem Nachfolger vorbereitet.“

„Wir haben nie viel darüber gesprochen.“

Das entsprach der Wahrheit und der Grund dafür lag hauptsächlich bei mir. Ich hatte es bewusst vermieden, nach diesen Dingen zu fragen, denn sie betrafen eine Zeit, in der ich von Alain getrennt sein und mich in jemand anderen verlieben sollte – oder müsste. Im realen Sommer ‘97, in den wenigen Monaten, die uns bis zur Trennung bleiben sollten, hatte ich nicht darüber nachdenken wollen.

„Mein Fehler, Großer – stört es dich eigentlich, wenn ich dich so nenne?“

„Nein, das hast du schon häufiger gemacht.“

Das entsprach der Wahrheit, obwohl ich nie verstanden habe, warum er das tat. Ich war weder größer, noch älter als er.

Alain zog mich zu sich heran und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Du bist echt süß, Julian. Mann, ich bin ein richtiger Glückspilz.“

Ich lächelte ein wenig. „Was habe ich denn nun falsch gemacht?“

„Du hast nichts falsch gemacht. Du hättest es dir leichter machen können, das ist eigentlich schon alles.“

„Wie denn?“

„Weißt du eigentlich, dass ich dich schon vor drei Tagen kennengelernt habe?“

„Nein. Vor drei Tagen? Da sind wir doch gerade erst eingezogen.“

„Stimmt. Ich habe deine Ankunft gespürt und dich sogar besucht, bevor du heute hier das erste Mal aufgetaucht bist.“

In dem Moment machte es bei mir Klick. Der Ochsenfrosch, beziehungsweise die Bulldogge. Das neue Blatt an meinem Rosentattoo. Als Alain seinerzeit die Veränderungen durch mich wahrgenommen hatte, musste er mich entstofflicht, also körperlos aufgesucht haben. Unsere Körper können während der Phase des Wartens das Grundstück nicht verlassen, wohl aber unser Geist.

„Du hast mich beobachtet?“

„Ich wollte doch wissen, was mich erwartet. Ich war schon dabei, als du die Umzugskartons zusammen mit dem hübschen Latino in eure Wohnung geschleppt hast.“

Das verunsicherte mich. Obgleich ich Alain unsterblich liebte, kam ich mir jetzt im Nachhinein nackt vor.

„Was hast du sonst noch gesehen oder getan?“