Solange es noch Tag ist - Mara Meier - E-Book

Solange es noch Tag ist E-Book

Mara Meier

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Beschreibung

Walter Trösch wächst in den 1880er-Jahren als Sohn eines Schuhmachers in Herzogenbuchsee auf, seine grosse Leidenschaft sind Bücher. Trotz guten Noten darf er nach der Primarschule keine weiterführenden Schulen besuchen, weil er aus einfachen Verhältnissen stammt. Entgegen allen Hindernissen absolviert er bei Fischer in Münsingen eine Lehre als Schriftsetzer und Buchdrucker. Nach mehreren Jahren als Typograf in Paris, London und Newark lässt er sich in Olten nieder und gründet 1905 die Neue Freie Zeitung. Eine neuartige Setzmaschine, die Linotype, trägt dazu bei, dass seine Arbeiterzeitung ein Erfolg wird. Trösch setzt sich unermüdlich für soziale Anliegen und das Frauenstimmrecht ein. Er träumt von einem eigenen Verlag, der zu einer friedlichen und gerechteren Welt beitragen soll. Doch die bürgerlichen Kreise reagieren wenig erfreut, teils spöttisch oder gehässig. Einzelne Patrons verbieten ihren Arbeitern gar die Lektüre der Zeitung. Kann sein Lebenswerk alle Widerstände überstehen?

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Impressum

Titel

Vorbemerkung

Teil I

Schusterjunge

Herzogenbuchsee, Sommer 1884

Schmalbahn

Herzogenbuchsee, Winter 1884

Schlagzeilen

Herzogenbuchsee, November 1887

Flattersatz

Wangen an der Aare, Frühjahr 1888

Parenthese

Nods, Frühling 1891

Lettern

Münsingen, Frühling 1895

Grauwert

Graßwil, Januar 1896

Guillemets

Paris, Anfang Februar 1898

Aux pièces

Paris, Frühling 1898

Serifen

Paris, Sommer 1898

Farbläufer

Cowes, Isle of Wight, Ende Oktober 1898

Linotype

Berlin, Herbst 1899

Typen

Münsingen, Herbst 1901

Schiff

Auf dem Atlantik, November 1902

Gedankenstrich

St. Louis, Sommer 1904

Teil II

Einzug

Olten, Ende April 1905

Zugrichtung

Olten, Mai 1905

Nonpareille

Herzogenbuchsee, Februar 1906

Schmutztitel

Olten, 6. Oktober 1907

Prinzipal

Olten, März 1908

Großformat

Olten, Sommer 1908

Blindmaterial

Olten, Januar 1909

Schriftfamilie

Olten, Weihnachten 1909

Fleisch

Solothurn, 15. März 1911

Grotesk

Olten, August 1911

Linksbündig

Zürich, 17. August 1913

Bleisatz

Olten, November 1914

Abfallen

Olten, Sommer 1915

Blindtext

Olten, 8. Juli 1916

Makulatur

Olten, Ende August 1916

Ligatur

Olten, Mitte Oktober 1917

Kriegspapier

Olten, Sommer 1918

Bruchwiderstand

Olten, Anfang November 1918

Kontrast

Olten, Ende November 1919

Bleiwüste

Olten, März 1921

Teil III

Eierkuchen

Olten, Juni 1924

Fliegenkopf

Olten, Juni 1924

Leseband

Olten, Februar 1925

Windsbraut

Olten, Sommer 1925

Widerdruck

Aarau, 28. Januar 1926

Abquetschen

Olten, Februar 1926

Leerraumgeviert

Bern, April 1926

Rotunda

Olten, Januar 1927

Ausschießen

Baden, 1. Februar 1927

Druckerschwärze

Olten, Frühsommer 1927

Laufweite

Olten, Ende Mai 1927

Sperren

Olten, Sommer 1927

Abgang

Olten, September 1927

Satzspiegel

Olten, 21. November 1927

Umbruch

Im Zug nach Lausanne, Frühsommer 1928

Reißprobe

Genf, Juli 1929

Blei zu Gold

Cademario, Frühling 1930

Anhang

Epilog

Nachwort

Bildteil

Kleines Glossar zu Satz und Druck

Lebensdaten

Über die Autorin

Über das Buch

MARA MEIER

SOLANGE ES NOCH TAG IST

Die Autorin und der Verlag danken für die Unterstützung:

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit ei‍n‍em Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2024 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Angelia SchwallerKorrektorat: Helga Loser-CammannCoverbild Vordergrund: Walter Trösch, Ausschnitt aus Familienporträt, ca. 1917, Fotograf unbekannt, vermutlich F. E. Aeschbacher, Olten. © Privatbesitz Familie.Coverbild Hintergrund: Handsatz, Tagblatt – Setzersaal. Tagblatt der Stadt Zürich 1930/1940. © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_05142–017-AL / Public Domain Mark.Covergestaltung: Hug & Eberlein, LeipzigeBook-Produktion: 3w+p, Rimpar

Mara Meier

SOLANGE ES NOCH TAG IST

Walter Trösch: Verleger, Sozialist und Pazifist

Romanbiografie

Diese Geschichte beruht auf Tatsachen, die zu einer Romanbiografie gestaltet wurden. Wörtliche Zitate aus den von Walter Trösch niedergeschriebenen Erinnerungen und Briefen sind kursiv gesetzt (siehe Nachwort). Um die Atmosphäre dieser Texte zu bewahren, wurde die Rechtschreibung nicht modernisiert und auch die leicht dialektal gefärbte Schreibweise beibehalten.

Namentlich bekannte Personen werden mit ihrem richtigen Namen genannt, mit Ausnahme des Pfarrers, der mit Rücksicht auf etwaige noch lebende Nachkommen ungenannt bleibt.

Für

Hans-Rudolf Binz

Mariann Reinhard

Marie-Louise Tardent Ingold

Auf der Erde soll der Mensch wirken, solange es Tag ist, und soll sich ein Denkmal der Liebe und Güte im Herzen seiner Mitmenschen schaffen.

Teil I

Schusterjunge

Herzogenbuchsee, Sommer 1884

Häuptling Schnell-wie-der-Wind lag flach auf dem Boden, im Schatten der Johannisbeerhecke. Rufe und Schritte näherten sich. Er hielt den Atem an. Die Bleichgesichter wollten ihn zum Holzspalten verurteilen. Doch sie würden ihn nicht entdecken, wenn er reglos verharrte. Dann konnte er noch ein paar Seiten lesen, sobald sie weg waren.

Am liebsten würde er den ganzen Tag mit Büchern verbringen, sich mit ihrer Hilfe in die Welt hinausbegeben und Neues lernen. Wie gern hätte er solche Bücher besessen, wie der Lehrer sie manchmal in der Schule zeigte, mit Bildern von fernen Ländern, von Erfindungen und Entdeckungen. Freie Zeit fürs Lesen war rar, und Bücher waren ungerecht verteilt, wie so vieles andere auf dieser Erde. Sein Schulkamerad Max hatte sich damit gebrüstet, dass er ein ganzes Regalbrett davon besitze. Und nicht etwa nur Wildwesthefte, sondern richtige Bücher mit festem Einband. Warum gab es nicht für alle Menschen genug von dem, was sie brauchten? Manche von ihnen hatten überflüssige Dinge, wie Max, der seine vielen Bücher kaum anschaute, und anderen fehlte es am Notwendigen. Vielleicht würde er eines Tages lesen, warum das so war. Und wie es zu ändern wäre.

Die Rufe kamen näher. Schnell-wie-der-Wind robbte auf dem Bauch noch tiefer unter die Hecke. Doch es half nichts.

«Komm sofort!», rief die Mutter.

«Du Donnersbub, mach, was die Mutter sagt!», schallte es aus der Werkstatt hinter dem Haus. Für einmal waren sich die Eltern einig. Schnell-wie-der-Wind musste sich der Übermacht ergeben. Er ließ das Wildwestheft unter dem Hemd verschwinden, kroch aus der Hecke und lief in ihrem Schutz bis zum Schuppen hinüber.

Fritz, der neben dem Stapel von Buchenholzspalten wartete, lachte schadenfroh.

«Jetzt bist du dran, Kleiner. Ich gehe Vater helfen.» Er drückte ihm die Säge in die Hand und trottete davon.

Fritz tat zwar großspurig, doch das war leicht zu durchschauen. Lieber hätte er selbst noch länger mit der stumpfen Säge die Spalten mühsam auf eine handliche Länge gebracht und diese danach mit der Axt zu Scheiten zerteilt. In der Schuhmacherwerkstatt sangen zwar die Kanarienvögel, doch der Vater hatte keine Geduld, schimpfte und fluchte, wenn man einen Fehler machte.

«Da bist du ja», sagte die Mutter, als sie am Schuppen vorbeikam. «Und so fleißig.» Sie lächelte ihn an.

Er wurde rot. Gerade noch einmal davongekommen. Zum Glück hatte sie ihn nicht beim Lesen erwischt. Sie hätte ihm das «Schundheftli» sonst weggenommen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie ins Haus ging. Sie würde am Hut für Frau Moser weiterarbeiten und über dem Nähen alles andere vergessen.

Aus der Werkstatt drangen grobe Fluchwörter, dann polterte es, und Walter meinte, einen unterdrückten Schrei zu hören. Er duckte sich unwillkürlich, griff dann nach dem Beil und stellte ein vom Bruder gesägtes Stück Holz auf den Hackklotz.

Wenn er mit dem Spalten des Holzes fertig war und alles ordentlich gestapelt hatte, konnte er sich davonstehlen. Auf leisen Sohlen. Mit etwas Glück würde er im Ziegenstall versteckt die Geschichte doch noch zu Ende lesen. Morgen musste er Max das Heft zurückgeben.

Schmalbahn

Herzogenbuchsee, Winter 1884

Drei Buben von damals 14, 10 und 6 Jahren, Fritz, Walter und Ernst, machten Betrieb im Hause, doch sie wurden frühe dazu angehalten, nützliche Arbeit zu leisten. Zwei Geissen im Anbau dienten neben dem Milchspenden zur Beschäftigung der Buben. In der Küche, im Garten, in der Hofstatt1, ums Haus herum und auf dem Pflanzblätz2 gab es viel Arbeit. ...

Das Schlimmste für die Buben war immer das Sägen und Spalten und Versorgen des Holzes. So ein Klafter Buchenspälten3 lag einen ganzen Sommer hindurch wie ein Albdruck auf ihnen. Immer wieder musste daran gegangen werden. Die Säge schien auch gar schlecht zu schneiden.

Die Schatten der flackernden Petroleumlampe tanzten auf den Wänden um den Tisch, an dem Walter mit Ernst und der Mutter saß. Die Buchenscheite, die ihn im Sommer so viel Schweiß gekostet hatten, brannten im Ofen. Jetzt, im Winter, gab es anderes zu tun. Aus der Wolle seiner roten Weste sollte Walter Pulswärmer stricken. Die Mutter hatte sie aufgetrennt, weil sie ihm zu klein geworden war.

Pulswärmer waren einfach zu stricken, immer rundherum, zwei rechts, zwei links. Man musste nur aufpassen, dass man keine Maschen fallen ließ.

Ernst mühte sich neben ihm mit Nadel und Faden und einem widerspenstigen Hosenknopf ab. Stricken und Knöpfe annähen müssten sie können, das sei keine Frauenarbeit, fand die Mutter. Sie könne nicht alles machen, habe genug mit der Haushaltung, dem Garten und als «Hüetlere4» zu tun.

Er hätte noch Schulaufgaben zu erledigen gehabt, doch die Mutter hatte ihm nach dem Abendessen das Strickzeug in die Hand gedrückt. Er wusste, es gab keine Widerrede. Auch wenn er morgen die Planeten auswendig der Reihe nach aufsagen musste, vom innersten zum äußersten und wieder zurück. Während er langsam eine Masche nach der anderen von der Nadel hob, versuchte er sich zu erinnern, was der Lehrer gesagt hatte.

Die Sonne war das Zentrum, wie die Mutter. Alles kreiste um sie. Dann kam Merkur, der Kleinste, wie Ernst. Die Katze, die zwischen Ernst und ihm unter dem Tisch hockte, stellte die Venus dar. Er selbst war die Erde, der Ort, wo all die fernen Länder lagen, die ihn interessierten, und wo so viele verschiedene Völker lebten.

Der Vater hingegen zog weit außen im Sonnensystem seine Bahnen, ein ferner, kalter Planet wie Uranus, den man kaum zu sehen bekam. Nach der Arbeit in der Schuhmacherwerkstatt war er ins Wirtshaus gegangen, wie so oft in letzter Zeit. Walter war es recht, wenn der Vater wegblieb. So musste er das Fluchen nicht anhören, mit dem dieser fast alles, was er tat, begleitete, oder gar, wie er die Mutter mit groben Worten anfuhr.

Auch Fritz war irgendwo draußen unterwegs. Mit fast vierzehn sei er zu alt, um zu Hause bei der Mutter zu hocken, hatte er gesagt. War Fritz Jupiter, Saturn oder Neptun? Nichts davon passte richtig zu ihm.

Nun konnte Walter nicht länger über die Planeten nachdenken, denn die Mutter hatte begonnen, von früher zu reden. Er beobachtete, wie sie mit winzigen Stichen blaue Bänder an einem Hut festnähte. Selbst wenn er die alten Geschichten schon oft gehört hatte, mochte er es, wenn sie erzählte. Die Strickarbeit sank auf seine Knie, und auch Ernst saß mit offenem Mund da und hatte seinen Hosenknopf vergessen.

Küefers-Jokeb habe man ihren Vater gerufen, erzählte sie. Alle Leute im Dorf hätten ihn so genannt. Er habe als Gramper gearbeitet.

«Was ist ein Gramper?», fragte Ernst, wie jedes Mal, wenn die Mutter vom Großvater redete.

«Ein Gleisarbeiter», antwortete die Mutter geduldig. «Er musste das Schotterbett unter den Schwellen der Bahngleise instand halten. Das ist eine anstrengende Arbeit, vor allem im Sommer, wenn die Sonne brennt. Für zwölf Stunden Arbeit bekam er sieben alte Batzen.»

Daneben habe er sein zerstückeltes Land bebaut, fuhr sie fort. Sozusagen mit bloßen Händen. Nicht einmal eine Sense habe er gehabt. Wenn sie ihm als Mädchen bei der Feldarbeit helfen musste, habe sie oft erlebt, wie er zornig aufbrauste. Besonders, wenn er mit seinen mageren Kühen ackerte. Die hatten große Mühe, den Pflug vorwärtszubringen. Doch sein wüstes Schimpfen habe natürlich auch nichts genützt.

Fast das ganze bisschen Milch von den Kühen musste in die Käserei geliefert werden. In den Zichorienkaffee für die Familie träufelte die Großmutter jeweils nur ein paar Tropfen davon.

Die Mutter verstummte. Der Faden war ihr aus der Nadel geglitten. Sie nahm das Fadenende zum Befeuchten in den Mund und stieß es durchs Nadelöhr. Dabei kniff sie angestrengt die Augen zusammen.

Eilig nahm Walter die Arbeit wieder auf und strickte ein paar Maschen. Sie sollte nicht merken, dass er ihr untätig zugehört hatte.

Er dachte nach. Warum war die Welt so eingerichtet, dass die einen mit starken Gäulen fette Äcker pflügen konnten, während die anderen mit mageren Milchkühen fluchend in steinigen Böden Furchen zogen? Vielleicht mussten die Menschen ihre Wege in vorgegebenen Bahnen gehen, genauso wie die Planeten. Die Bahnen der einen waren breit, die der anderen schmal.

Doch die Mutter redete immer wieder davon, dass man nicht alles als gottgegeben hinnehmen dürfe. Sie jedenfalls wolle mit ihrer Arbeit Geld verdienen, damit ihre Kinder es einmal besser hätten. Sie sollten einen guten Beruf lernen.

Er war gespannt darauf, welchen Weg er einschlagen würde, wenn er groß war. Wenn er endlich selbst bestimmen konnte. Vorläufig musste er tun, was die Eltern und der Lehrer befahlen, zur Schule gehen, Holz hacken und Pulswärmer stricken.

Endnoten

1Obstgarten

2Gemüsebeet

3Meterholz

4Hutmacherin

Schlagzeilen

Herzogenbuchsee, November 1887

Walter blieb sozusagen aus Versehen in der Primarschule. Der Lehrer Born, ein älterer Mann, vertrat der Mutter gegenüber den Standpunkt, wer nach der Schule nicht weiterstudieren könne, für den habe die Sekundarschule keinen Wert! Solch ein Urteil eines Volksschullehrers!

Die Folge war, dass Walter nach vier Schuljahren in der Primarschule blieb, während die andern guten Schüler auszogen ins Sekundarschulhaus für fünf Jahre bessere Ausbildung.

Walter trödelte auf dem Heimweg von der Schule, Hausaufgaben hatte er ohnehin keine. Es gab für ihn kaum noch Neues zu lernen, und so langweilte er sich jeden Tag mehr. Herr Lehrer Born hatte beschlossen, er müsse trotz seiner guten Noten in der Primarschule bleiben, und die Mutter hatte dagegen nichts ausrichten können. Er brauche ein Zugpferd in der Klasse, hatte der Lehrer behauptet. «Und überhaupt, was will der Bub in der Sekundarschule? Einer wie er kann ohnehin nicht studieren. Das ist Ihnen doch klar, Frau Trösch. Ich meine, mit welchen Mitteln denn auch?»

Wie jeden Tag sah Walter am Bahnhof den Zügen zu und bewunderte die Lokomotiven. Dann riss er sich los. Er ging heimwärts, in Richtung Lorraine, als ihm zwei Herren in den Weg traten. Sie fragten ihn nach der Druckerei des Ulrich Dürrenmatt. Es mussten Auswärtige sein. Im Dorf kannte jedes Kind den kurz geratenen Mann mit dem zerzausten Bart und dem stechenden Blick hinter den runden Brillengläsern. Und wusste, wo die Druckerei stand, in der er die «Buchsi-Zeitung» herausgab, wie man die «Berner Volkszeitung» nannte, weil sie in Herzogenbuchsee gedruckt wurde.

In jeder Nummer erschien ein von Dürrenmatt verfasstes Titelgedicht. Angriffig und auf Berndeutsch. Er mache sich nicht nur Freunde damit, dass er andere als Schurken und Schufte bezeichne, hatte die Mutter gesagt. Vor ein paar Jahren sei er deswegen am Bahnhof Neu-Solothurn verprügelt worden, und in Herzogenbuchsee habe man ihm gar Steine an den Kopf geworfen, erzählte der Vater.

Vielleicht hätte Walter es sich deshalb zweimal überlegen sollen, bevor er den beiden Fremden antwortete. Doch er war dazu erzogen worden, allen Menschen gegenüber freundlich und hilfsbereit zu sein, und so gab er die gewünschte Auskunft.

«Dä mues jetzt ha uf e Gring!», sagte der eine der beiden daraufhin. Also, der muss jetzt eins übergezogen kriegen. Dann marschierten sie los.

Walter lief hinterher. Die Männer klingelten, warteten und wurden schließlich hineingelassen. Sofort hörte Walter laute Stimmen, ein Rumoren und dann ein Klirren. Eine Fensterscheibe war zerbrochen und gab den Blick frei auf die Ereignisse im Innern des Gebäudes. Die zwei Auswärtigen prügelten auf Dürrenmatt ein; seine Frau und die Angestellten der Druckerei eilten ihm zu Hilfe. Dann verlagerte sich der Kampf vor das Haus. Ein Passant mischte sich ein und schlug einen der Angreifer mit einer Dachlatte auf den Kopf, dass es krachte.

Schließlich gewannen Dürrenmatt und seine Leute die Oberhand.

Kleinlaut und ernüchtert zogen sich die beiden Angreifer zurück und begaben sich auf den Weg nach Langenthal, von wo sie gekommen waren; die übermütige Stimmung war ihnen gründlich vergangen.

Auch Walter machte sich auf den Heimweg. Nicht nur die Aussicht auf das elterliche Donnerwetter, weil er zu spät kam, bedrückte ihn. Zu Beginn war ihm die Prügelei unterhaltsam erschienen, er hatte mitgefiebert. Doch nun fühlte er sich, als habe auch er einen Schlag auf den Kopf erhalten. Dass Menschen derart gewaltsam und roh miteinander umgingen, hatte er noch nie erlebt.

Flattersatz

Wangen an der Aare, Frühjahr 1888

Walter war aufgeregt. Heute musste er, der dreizehnjährige Schuljunge, vor Gericht erscheinen. Seit der Brief des Gerichtes eingetroffen war, nahmen ihn die Eltern auf einmal ernst und respektierten seine Worte. Das war neu.

Die Mutter hatte seine beste Hose gewaschen und gebügelt, die dunkelbraune, die ihm zwar schon etwas zu kurz geworden war, doch hoffentlich würde das mit den hohen Schuhen niemandem auffallen. Er durfte das Sonntagshemd von Fritz tragen, das dieser wenig benutzt hatte. Für Walter war es zu lang, und so steckte er es in die Hose.

Er hatte sich vorgestellt, wie er ganz allein nach Wangen an der Aare gehen müsste, und es war ihm bange gewesen bei dem Gedanken. Doch der Vater sagte, er begleite ihn. Fritz werde in der Werkstatt nach dem Rechten sehen.

Morgens um sechs Uhr brachen sie auf. Der Vater meinte, sie bräuchten etwa zwei Stunden zu Fuß. In der Morgendämmerung schritten sie tüchtig aus. Die Landstraße führte sie über Felder und durch Wälder in das alte Städtchen am Aareufer. Der Vater kannte den Weg; er sagte nicht viel, und Walter war das recht. Er musste in Ruhe nachdenken.

Seit die Vorladung gekommen war, hatte er immer wieder versucht, sich in Erinnerung zu rufen, was genau an jenem Novembertag geschehen war. Seinen Schulkameraden hatte er die Geschichte oft erzählt. Die Ausdrücke der Streithähne waren dabei mit jedem Mal gröber geworden, die Hiebe heftiger und gefährlicher. Wie im Wilden Westen. Doch vor Gericht musste er exakt das erzählen, was die Beteiligten tatsächlich gesagt und getan hatten.

Dürrenmatt war nach der Schlägerei lange krank gewesen, und außerdem waren viele Untersuchungen zum Fall nötig gewesen. Das habe er im «Bären» gehört, hatte der Vater gesagt. Darum wurde der Fall erst jetzt verhandelt, fünf Monate später.

Kurz vor acht Uhr erreichten sie das Schloss in Wangen, ein stattliches Gebäude, in welchem das Regierungsstatthalteramt und das Amtsgericht untergebracht waren.

Zuerst wollte der Türsteher Walter nicht in den Saal hineinlassen. «Minderjährige haben keinen Zutritt», brummte er.

Der Vater erklärte, Walter sei ein wichtiger Zeuge. Ein Herr im Anzug wurde gerufen und befragt, und endlich wurden sie beide eingelassen und zu einer Holzbank an der Seite geführt.

Sie mussten lange warten. Walter versuchte, der Verhandlung zu folgen. Das war nicht einfach. Er hatte das Gefühl, als flattere sein Herz wie ein in seinem Käfig aufgescheuchter Vogel, als wolle es aus seiner Brust ausbrechen. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er in Gedanken seine Antworten auf die Fragen wiederholte, von denen die Mutter gemeint hatte, dass man sie ihm stellen würde.

«Hört, hört!», riefen einige Männer im Publikum. Walter reckte den Hals, aber er konnte die Rufer nicht ausmachen.

«Die Dürrenmätteler», murmelte der Vater.

«Ruhe!», donnerte der Gerichtspräsident. Dann bat er die Angeklagten, ihre Aussage zu wiederholen. Die beiden Herren sagten, sie seien völlig unschuldig in die Prügelei verwickelt worden. Sie hätten Dürrenmatt nur ein wenig necken wollen. Händel hätten sie keine geplant. Walter wusste, dass das nicht stimmte.

Erst gegen Mittag rief ihn der Gerichtspräsident auf. Als er nach vorn ging, wurde ihm heiß, und sein Magen zog sich hart und schmerzhaft zusammen. Es kam auf ihn an, auf das, was er jetzt sagte.

Der Gerichtspräsident fragte ihn, wie er heiße, wo er wohne, und wann er geboren sei. Sogar die Namen seiner Eltern wollte er wissen, und was sein Vater von Beruf sei. Walter gab bereitwillig Auskunft und ergänzte von sich aus den Beruf der Mutter: Modiste, Hutmacherin.

Der Gerichtspräsident nickte und bat ihn zu erzählen, was er an dem Tag erlebt hatte. Walter hörte sich selbst zu. Es war, als ob ein anderer an seiner Stelle stünde, so flüssig brachte er die Geschichte vor. Die Aufregung war weg. Er redete von der Begegnung mit den beiden fremden Herren, von ihrer Frage nach dem Weg zu Dürrenmatts Druckerei, und dass einer der beiden unterwegs gesagt hatte: «Dä mues jetzt ha uf e Gring!»

Das wiederholte er wortwörtlich. Die Mutter war sehr streng damit, was das Lügen anging. Sie hatte ihm von klein auf beigebracht, bei der Wahrheit zu bleiben. Auch wenn das manchmal unangenehm war. Wie jetzt gerade für die beiden Kerle, die Dürrenmatt überfallen hatten.

Der Richter verurteilte sie zu mehreren Wochen Einzelhaft. Außerdem mussten sie Dürrenmatt eine Entschädigung von zweitausend Franken zahlen. So viel Geld! Walter staunte. Im Kopf rechnete er aus, wie viel Brot sich der Drucker davon kaufen konnte: fünftausend Kilolaibe zu vierzig Rappen. Brot für hundert Jahre. Allerdings hatte Dürrenmatt durch den Überfall ja auch großen Schaden erlitten, das zerborstene Fenster war dabei noch das Geringste.

Parenthese

Nods, Frühling 1891

Auf dem Schulweg Walters beim Bahnhof vorbei gab es alle Tage Gelegenheit, die Lokomotiven zu bewundern. Es ist daher gar nicht zu verwundern, dass der Wunsch kam, Lokomotivführer zu werden. Aber nach der Schulzeit fand sein Götti5 Ruch, Werkstattleiter in Thörigen, den Buben zu ‹bring6›, um eine Schlosser- oder Mechanikerlehre bei ihm anzutreten. ...

So wurde man rätig7, Walti ins Welschland zu einem Bauern zu tun, um Französisch zu lernen.

Walter schälte die gekochte Kartoffel in seiner Hand. «Peler une pomme de terre», dachte er. Oder sagte man «éplucher»? Er musste morgen in der Französischstunde Monsieur Bourquin fragen. Langsam und sorgfältig zog er mit dem Messer die Haut ab und versuchte dabei, die Ohren zu verschließen und den Streit der Bäckerleute auszublenden. «J'épluche, tu épluches, il épluche, nous épluchons», konjugierte er lautlos.

Er konnte es nicht mehr hören, wenn Madame Botteron ihren Mann ankeifte wegen seiner Schulden und er polterte, wenn sie besser haushalten könnte, so wären diese längst abbezahlt. Seit Wochen aßen sie morgens, mittags und abends gekochte Kartoffeln und nur sonntags ein wenig Butter und Käse dazu. Zum dünnen Kaffee, der hauptsächlich aus gerösteten Eicheln und Zichorienwurzeln bestand, gab es keinen Tropfen Milch. «Blauen Kaffee» nannte man das daheim. Walter konnte sich nicht vorstellen, wo die Hausfrau noch sparen sollte. Oft knurrte ihm der Magen.

Dort, wo er zuvor ein Jahr verbracht hatte, bei der reichen Bauernfamilie Rollier, war nahrhafte Kost auf den Tisch gekommen. Reichlich Brot, Butter und Käse, Rösti, Speck und Eier, Salat und Gemüse, und am Sonntag sogar Braten.

Seltsam nur, dass in Nods die Hacken und Hauen mit derart kurzen Stielen versehen waren. Abends schmerzte Walter der Rücken, wenn er den ganzen Tag im Kartoffelfeld gearbeitet hatte, bis die Sonne im Westen hinter dem Jura unterging. Zu Beginn hatte er auch Heimweh gehabt, vor allem nach der Mutter und nach Flöri. Sie war erst dreijährig und würde ihn kaum wiedererkennen, wenn er zurückkam. Vielleicht wusste sie schon gar nicht mehr, dass sie einen großen Bruder hatte, der Walti hieß.

Im Sommer hatten die Rolliers während sechs Wochen Heu eingefahren, da war ihm keine Zeit mehr geblieben für wehmütige Gedanken. Zuerst wurde an den sonnigen Südhängen gemäht, dann kamen die Mooswiesen in der Talebene an die Reihe.

Am schönsten war es im Juratal zwischen dem Spitzberg und dem Chasseral gewesen, einige Stunden zu Fuß vom Dorf entfernt. Walter war mit den beiden jüngeren Rollier-Söhnen und einem Knecht dorthin gegangen. Es lohnte sich nicht, über Nacht heimzukehren. Sie hatten aus Ästen und Laub Hütten gebaut und mehrmals darin übernachtet, bis das Gras trocken genug war, es einzubringen.

Abends hatten sie am Lagerfeuer Käse, Wurst und Brot gegessen und Most getrunken. Die drei anderen hatten Lieder gesungen, deren Text Walter nicht verstand, obwohl er in Nods hätte Französisch lernen sollen. Die Sprache kam bei der Landarbeit zu kurz. Man musste nicht reden, konnte ihm auch mit Händen und Füßen zeigen, was er zu tun hatte.

Und doch war er damals glücklich gewesen, als er im letzten Sommer nachts in seiner Laubhütte lag. Wunderbar hatte es geduftet, erst das frisch gemähte Gras und dann das süße Heu. Er hatte sich frei gefühlt, weit weg von der Enge daheim, vom Gezänk der Eltern, wenn der Vater getrunken hatte. Nur zu bald waren Monsieur Rollier und sein ältester Sohn mit Knechten und Fuhrwerken gekommen. Sie luden das Heu auf und kehrten zum Hof zurück.

Nun saß er wieder in einer engen Küche, und statt dem Streit der Eltern musste er demjenigen der Botterons zuhören. Er verstand unterdessen immerhin so viel Französisch, dass er begriff, worum es ging. Dass er endlich in der Pension «Bonjour» in Privatstunden mehr als nur ein paar Wörter dieser Sprache lernen konnte, war sein einziger Trost. Den Teil seines Lohns von den Rolliers, den er nicht nach Hause geschickt hatte, und das Wenige, was ihm der Bäcker für die Mithilfe in der Backstube und für Botengänge zahlte, investierte er in den Unterricht.

Es ging nicht an, dass er nach anderthalb Jahren heimkehrte und kaum einen Satz auf Französisch sagen konnte. Noch immer haderte er damit, dass er die Sekundarschule nicht hatte besuchen dürfen. Der Sprachaufenthalt in der französischen Schweiz war ein lästiger Einschub in seinem Leben. Er verlor viel Zeit, die er auf eine Berufslehre hätte verwenden können, auch wenn er gerne zu Monsieur Bourquin, dem Lehrer in der Pension «Bonjour», zum Unterricht ging. Dieser vermittelte die Grammatik gründlich und genau, ließ keinen Fehler durchgehen. Doch Walter war das recht. Er wollte möglichst fehlerfrei Französisch sprechen und schreiben können.

Er spülte den letzten Bissen der trockenen Kartoffel mit Zichorienkaffee hinunter und bat, vom Tisch aufstehen zu dürfen. Er habe noch Vokabeln zu lernen. Monsieur Botteron achtete nicht auf ihn, doch die Frau nickte ihm kurz zu. Walter atmete auf, als er endlich in seiner Kammer saß und das Französischheft aufschlug.

Endnoten

5Taufpate

6schmächtig, mager

7So kam man überein, ...

Lettern

Münsingen, Frühling 1895