Im Sommer sind die Schatten blau - Mara Meier - E-Book

Im Sommer sind die Schatten blau E-Book

Mara Meier

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Beschreibung

Die Zeichenlehrerin Amanda Amiet-Engel und ihr Mann, der Oberrichter Dr. Arnold Amiet, leben zu Ende des 19. Jahrhunderts als geschätzte Mitglieder der Gesellschaft in Solothurn. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Juli 1900 gerät Amanda in eine tiefe Lebenskrise. Es genügt ihr nicht mehr, das Malen als angenehmen Zeitvertreib zu betreiben. Die Kunst soll ihr Beruf werden. Trotz finanzieller Engpässe und familiärer Pflichten zieht sie in den Künstlerort Dachau, geht unter die «Malweiber», läuft in schmutzigen Stiefeln übers Moor. Sie zeichnet und malt unermüdlich, erkämpft sich ein Leben als eigenständige und selbstbewusste Künstlerin. Dabei schliesst sie neue Freundschaften, so auch mit dem 22 Jahre jüngeren Künstler Oskar Tröndle. Als Oskar lebensgefährlich erkrankt, gesteht Amanda sich ein, wie viel ihr an ihm liegt. Doch gesellschaftliche Konventionen und die Missbilligung von Familie und Bekannten stehen ihrer Verbindung im Weg. Die Hindernisse scheinen unüberwindlich.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Impressum

Titel

Erster Teil

Elektrisches Blau

Paris, Juni 1900

Bleiweiß

Solothurn, Juli 1900

Obsidian

Solothurn, Spätsommer 1900

Grünerde

Solothurn, Herbst 1900

Elfenbeinschwarz

Solothurn, April 1901

Taubengrau

Solothurn, Ende August 1901

Fuchsia

Rapperswil, Mitte September 1901

Orseille

Solothurn, Ende September 1901

Rauchblau

München, Mitte Oktober 1901

Drachenblut

München, Ende Oktober 1901

Kohlenschwarz

München, Mitte November 1901

Umbra

Solothurn, Januar 1902

Aureolin

Solothurn, Frühling 1902

Zweiter Teil

Maigrün

Dachau, Frühsommer 1904

Cyanblau

Dachau, Juni 1904

Gelber Ocker

Dachau, Anfang Juli 1904

Klatschmohnrot

Dachau, Mitte Juli 1904

Pflaumenblau

München, Ende Juli 1904

Honiggelb

Dachau, Anfang August 1904

Zinnoberrot

Dachau, Mitte August 1904

Der Farbkreis

Dachau, Ende August 1904

Seladon

Dachau, Anfang September 1904

Gallengrün

Solothurn, Oktober 1904

Goldbrokat

Solothurn, Oktober 1904

Fieberrot

Solothurn, Oktober 1904

Herbstzeitlosen-Lila

Solothurn, Anfang November 1904

Indigo

Solothurn, Mitte November 1904

Schneeweiß

Solothurn, Ende Dezember 1904

Eisblau

Dachau, Februar 1905

Glutrot

Dachau, März 1905

Kobaltblau

Dachau, April 1905

Farblos

Solothurn, Mai 1905

Rostrot

Dachau, Sommer 1905

Elfenbeinfarben

Möhlin, August 1905

Sonnengelb

München, November 1905

Epilog

Nachwort

Personen

Bibliografie (Auswahl)

Dank

Über die Autorin

Über das Buch

MARA MEIER

IM SOMMER SIND DIE SCHATTEN BLAU

Die Autorin und der Verlag danken herzlich für die Unterstützung:

   Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur miteinem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2022 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Carolin Will, Angelia SchwallerKorrektorat: Helga Loser-CammannCovergestaltung: Sarah-Lea HippCoverbild: Selbstporträt, Amanda Tröndle-Engel, 1900, Foto: Jaël Zürcher

Mara Meier

IM SOMMER SIND DIE SCHATTEN BLAU

Amanda Tröndle-Engel

Romanbiografie

Für Jaël und Judith

«Die Schatten in der Natur sind im Herbst violetter und im Sommer blau.»

Adolf Hölzel, Kurs in Dachau, ca. 1904/05,

Erster Teil

Elektrisches Blau

Paris, Juni 1900

Amanda saß mit dem Skizzenbuch auf den Knien auf einer Steinbank im Garten. Ihre Augen folgten dem kräftigen Stamm der Kiefer, glitten über die Äste, befühlten die Zwischenräume der Verzweigungen, ermaßen den Umfang der Krone. Der Kohlestift in ihrer Hand eilte ihrem Sehen hinterher. Welche Vielfalt an Linien und Formen sich da zeigte! Immer wieder musste sie hinschauen, um das Wesen der Dinge mit dem Stift zu ertasten und es zeichnend zu begreifen. Es nahm kein Ende mit dem Staunen und Lernen, mit dem Zeichnen und Malen. Ein ganzes langes Leben würde nicht ausreichen dafür.

«Schau, was hier in der Zeitung steht», sagte Arnold.

Amanda schreckte auf. Sie hatte ganz vergessen, dass er kaum ein paar Schritte entfernt in einem Korbstuhl saß und las. Widerstrebend riss sie sich vom Zeichnen los, klappte das Skizzenbuch zu und legte die Kohlestifte in ihre Schachtel zurück.

«Cuno Amiet zeigt auf der Pariser Weltausstellung vier Bilder. Wusstest du das?»

Amanda stand auf und beugte sich über Arnold, der mit dem Finger auf einen Abschnitt unten auf der Seite deutete. Tatsächlich! Der Cuno. Vor vielen Jahren war er als Gymnasiast ihr Zeichenschüler gewesen, und jetzt hatte er es so weit gebracht.

Arnold sah lächelnd zu ihr hoch. «Was meinst du? Mit dem Nachtzug von Basel nach Paris ...»

Amanda fiel ihm um den Hals. «Ja! Und ob ich das möchte!»

«Dann ist das also beschlossen», sagte Arnold lachend. «Ich glaube, ich kann gegen Ende Juni ein paar Tage freinehmen.»

Ein paar Tage später kam er mit den Eisenbahnfahrkarten und einem kleinen blauen Buch nach Hause und legte ihr beides in den Schoß. «Guide Lemercier – Catalogue Officiel de l’Exposition Universelle de 1900» las Amanda auf der Titelseite des Büchleins.

Sie blätterte darin und konnte es kaum fassen. Endlich würde sie alles mit eigenen Augen sehen, wovon die ganze Stadt seit Monaten redete. Auf dem Heimweg vom sonntäglichen Kirchgang sprach man darüber, und die Damen zeigten einander beim Tee illustrierte Zeitschriften, in denen neben eleganten Pariser Damen exotisch gekleidete Menschen aus fernen Ländern zu sehen waren. Auch die Bilder der Hortikulturschau fanden großen Anklang. Und die Herren diskutierten im Rauchsalon die technischen Neuerungen, den imposanten Dampfdynamo und den viertausendpferdigen Drehstrom-Dynamo.

Wer es sich irgendwie leisten konnte, besuchte die Weltausstellung. Bei der Rückkehr wurde begeistert berichtet, man lerne dort an einem einzigen Tag so viele fremde Länder kennen, wie man sie in einem ganzen Leben nicht bereisen könnte. Eine von Amandas Bekannten erzählte, sie habe mit ihrem Mann in einem mexikanischen Restaurant gegessen. Er habe sich Zigarren gekauft, welche von Mexikanerinnen von Hand gerollt worden seien, vor seinen Augen. Eine andere Freundin hatte mehrere Meter schimmernden chinesischen Seidenstoff erstanden. Natürlich wollte Amanda sich das alles anschauen gehen. Und dazu noch Cuno Amiets Bilder. In ein paar Tagen würde sie also Gelegenheit dazu haben.

In ihrem Hotel in Paris sagte Arnold am ersten Morgen bedauernd, dass er ein paar Akten durchsehen und dringende Briefe schreiben müsse. Amanda seufzte. Er konnte das Arbeiten nicht bleiben lassen, auch wenn er von «freien Tagen» gesprochen hatte. Sie setzte sich auf den Hotelbalkon, las im «Guide Lemercier» und strich alles an, was sie unbedingt sehen wollte.

Nach dem Mittagessen machten sie sich endlich auf den Weg zur Ausstellung. Wie hell ihr die Luft erschien, wie fröhlich das Menschengewimmel ringsum! Sie hatte sich bei Arnold eingehängt und trug den neuen Strohhut, den er ihr geschenkt hatte. Zartgelb, asymmetrisch, an der aufgeschlagenen Seite mit puderblauen Atlasrosetten geschmückt. «Le dernier cri», hatte die Verkäuferin gesagt.

Sie und ihr Mann waren ein schönes Paar, das wusste Amanda. Er machte eine gute Figur im schiefergrauen Anzug, ihr Chiffonkleid spiegelte das Blau des Pariser Himmels und die feinen Spitzen, die ihren Sonnenschirm verzierten, wetteiferten mit den Schleierwolken.

Sie hätte laut singen mögen, als sie auf den Haupteingang der Weltausstellung zuging, so leicht und frei fühlte sie sich. Was für ein Eingangstor das war, wie riesig sich der Bogen über der Place de la Concorde wölbte! Zuoberst auf dem Tor prangte «la Parisienne», im weißen Mantel mit vergoldetem Mieder und ägyptisch anmutendem Kopfputz. Die Statue verkörperte die moderne, chic gekleidete Pariserin, doch der Droschkenkutscher, der sie in der Nähe abgesetzt hatte, nannte die Figur nur «la Poupée». Amanda hatte sich fast verschluckt vor Lachen. Diese Pariser! Doch sie musste dem Kutscher recht geben. Das Riesentor mit der Gipsstatue war monströs – fast ein wenig lächerlich.

In Scharen strömten die Menschen zur Ausstellung, und die Luft surrte von Unterhaltungen in allen möglichen Sprachen. Drei spanische Matronen in Mantillas kamen ihnen entgegen. Sie schwenkten buntbemalte Fächer. Galant hob Arnold seinen Hut. Ein beleibter Herr mit Schnurrbart und Fez überholte sie, dann ein Schwarm Midinettes. Zu zweit oder zu dritt beieinander eingehängt schoben sie sich plaudernd durch die Menge.

Arnold drückte Amandas Arm. «Und, hast du entschieden, was du als Erstes sehen möchtest? Wahrscheinlich die Kunstausstellung, Cunos Bilder?»

Amanda lächelte ihn an. «Es ist ein so schöner Tag. Lass uns zuerst am Seineufer entlangschlendern.»

Der Pont Alexandre III überspannte den Fluss in kühnem Bogen. Weibliche Figuren saßen zu Füßen der Pylone links und rechts, darauf standen geflügelte Pferde, die von jungen Frauen am Halfter geführt wurden. Sie stellten die Fama der schönen Künste und des Ackerbaus dar. So stand es im «Guide Lemercier».

Am Rand der Brücke verteilten sich zahlreiche kleinere und größere Skulpturen. Amanda strich über den steinernen Lockenkopf einer Kinderstatue, tat so, als kniffe sie ihr in die Wangen. Lachend lehnten sie sich ans Geländer und schauten auf die Seine hinunter. Gerade fuhr ein kleines Dampfboot, eine Mouche, untendurch. Sein Kielwasser bildete eine glitzernde Gasse im grünlich schimmernden Fluss.

Am Ende der Brücke angelangt, bogen sie nach rechts ab und folgten der Seine. Dicht gedrängt standen die Häuser, welche die europäischen Länder repräsentierten, zum größten Teil historisierende Bauten. Italien und Belgien hatten auf Neugotik gesetzt, Spanien gab sich maurisch, Großbritannien jakobinisch.

Nachdem sie all die verzierten Fenster und Torbogen, Erker und vergoldeten Kuppeln der Häuser und Paläste an der Rue des Nations bestaunt hatten, gingen sie nach rechts und überquerten die Seine auf dem Pont d'Iéna. Von Weitem erschien der Trocadéro-Hügel wie eine Fata Morgana: Türme und Minarette, weiße und grüne Kuppeln. Der graue Trocadéro-Palast auf der Hügelkuppe wirkte wie ein altersmüder Elefant. Beim Näherkommen erblickten sie zwischen den weißen Häusern bunt gekleidete Menschen aus fernen Ländern.

Indische Teppichhändler saßen im Schneidersitz auf ihren farbenprächtigen Waren. Ein türkischer Händler verkaufte Seife und überwältigend duftendes Rosenöl, ebenso bot ein arabischer Barbier unter freiem Himmel seine Dienste an. Sein kleiner Sohn zog Arnold am Ärmel und wollte ihn zu seinem Vater führen. Arnold fuhr sich mit der Hand über die Wangen, um zu zeigen, dass er bereits glatt rasiert sei. Er drückte dem Jungen einen Sou in die Hand, und das Kind hüpfte davon, auf den nächsten Besucher zu.

Amanda bedauerte, ihren Skizzenblock nicht mitgenommen zu haben. Besonders gefielen ihr die Frauen aus Französisch-Kongo. Wie gerne hätte sie ihre stolze Haltung gezeichnet, in der sie hohe Krüge auf den Köpfen balancierten. Dazu sangen sie, als spürten sie die Last nicht.

«Sie sehen so zufrieden aus», sagte Amanda.

«Ja, ist es nicht unglaublich? Dabei gibt es in Belgisch-Kongo, das gerade neben ihrem Land liegt, einen mörderischen Krieg. König Leopold II. lässt dort ganze Völkerscharen niedermetzeln.»

Typisch Arnold, dachte Amanda. Er konnte sich nicht einfach an dem freuen, was er gerade sah, an der Vielfalt der Menschen, den prächtigen Farben. Dafür wusste er zu viel und machte sich zu tiefgründige Gedanken. Das Schicksal anderer Menschen, Krieg, Leid und Ungerechtigkeit gingen ihm nahe.

Sie zog ihn weiter, vorbei an Weberinnen und Töpferinnen, an Holzschnitzern und an Kupferschmieden. Wie schnell der Nachmittag vergangen war! Langsam bekam sie Appetit aufs Abendessen.

«Da ist der chinesische Pavillon», sagte Arnold in diesem Moment. «Wie wär’s mit Schwalbennestersuppe?»

Amanda lachte. «Vielleicht haben sie auch etwas anderes.»

Im chinesischen Pavillon wurden sie zu einem niedrigen Tisch geführt, neben dem seidene Kissen auf dem Boden lagen. Während Amanda sich geschmeidig niederließ, fiel es Arnold schwer, sich zu setzen. Zwei Chinesinnen sahen ihm amüsiert zu, wie er steif in die Hocke ging und sich unelegant auf ein Kissen plumpsen ließ.

Die Frauen hatten das schwarze Haar mit Schildpattkämmen hochgesteckt. Die eine trug ein jadegrünes Kleid mit weißem Kragen, die andere ein hellblaues. Sie brachten Schalen mit Reis, mit Fleischstückchen in einer dunklen Sauce und gekochtem Gemüse, reichten Amanda und Arnold Stäbchen aus Elfenbein und zeigten ihnen, wie sie damit essen sollten. Amanda begriff schnell, legte mithilfe der Stäbchen etwas Fleisch und Gemüse auf eine Reisschale, hielt sich diese nahe vors Gesicht und beförderte das Essen fast ohne Verluste zum Mund. Die Chinesinnen nickten und lächelten.

Arnold war ungeschickter. Nach zwei, drei Versuchen, bei denen er sich die Hosen mit Reiskörnern besprenkelt hatte, stellte er entmutigt die Schale auf den Tisch und steckte die Stäbchen senkrecht hinein. Ihre Gastgeberinnen rissen die Augen auf und schlugen sich die Hände vor die Münder. Amanda schien es, als seien ihre Gesichter unter der dicken Puderschicht kreidebleich geworden.

Dann kniete sich die hellblau gekleidete Frau neben den Tisch, zog rasch die Stäbchen aus dem Reis, stand auf, verneigte sich und ging davon. Bald kam sie mit einem Porzellanlöffel zurück, den sie Arnold mit einer weiteren tiefen Verbeugung reichte.

«Offenbar habe ich gerade einen Fauxpas begangen», flüsterte Arnold Amanda zu. «Aber wenigstens kann ich jetzt essen. Schmeckt gar nicht so schlecht. Aber du, du isst gar nicht mehr?»

Sie sah ihn an. Hatte er nichts bemerkt? Die Stimmung im Raum hatte sich verändert. Das Lächeln war aus den Gesichtern der Chinesinnen verschwunden, nachdenklich starrten sie zu Boden. Vielleicht war das mit den Stäbchen im Reis mehr als ein Fauxpas gewesen. Eine tödliche Beleidigung. Oder sonst etwas Ungutes.

Amanda schüttelte die unangenehmen Gefühle ab. Gewiss bildete sie sich nur etwas ein. Die Frauen mussten es gewohnt sein, dass tapsige Europäer ihre Sitten nicht kannten und sich danebenbenahmen. «Sei nicht übersensibel, genieß den Abend mit Arnold, statt unnützen Gedanken nachzuhängen», schalt sie sich.

Nach dem Essen stand Amanda mühelos von ihrem Kissen auf, während Arnold sich beklagte, ihm seien die Füße eingeschlafen. «Ich komme nicht mehr auf die Beine. Bin ein gesetzter Herr geworden – während du dich noch immer wie ein junges Mädchen bewegst», sagte er.

Amanda lachte, zog ihn an beiden Händen hoch und klopfte ihm die Reiskörner von der Kleidung. Als sie den Pavillon verließen, verbeugten sich die Frauen wieder mehrere Male. Arnold zog den Hut.

Amanda hängte sich bei ihm ein. «Komm, wir gehen zum Trottoir roulant», sagte sie.

Wie auf einem fliegenden Teppich schwebten sie auf der Stufenbahn durch die Ausstellung. Um sie her wurde es gar nicht richtig dunkel. Nicht nur der Palast der Elektrizität strahlte im Licht von Scheinwerfern und Tausender Glühbirnen. Der Glaspalast schimmerte bläulich, wie in Eis gehauen, und aus vielen Brunnen sprühten farbige Lichtfontänen. Hell beleuchtet ragte der Eiffelturm in den Nachthimmel. Jede einzelne Rippe und Sprosse war mit Glühlampen bestückt worden. Amanda lehnte sich an Arnold, ermüdet von all den Eindrücken.

«Ist das nicht zauberhaft», murmelte sie. «Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume.»

«Träumen könnten wir auch im Hotelbett. Ich bin müde. Gehen wir?»

Hinter dem Ausgang fanden Arnold und Amanda eine freie Droschke. Auf der Fahrt döste Amanda beinahe ein, und auch Arnold war sehr still. Der Kutscher setzte sie fünfzig Meter vom Eingang des Hotels entfernt ab – er sei in Eile und weiter vorn könne er nicht wenden, sagte er.

«Hätte es früher nie gegeben», murmelte Arnold. «Nun, die Zeiten ...»

«... ändern sich», ergänzte Amanda und tat einen Satz zur Seite. Fast wäre sie von einem Velozipedisten umgefahren worden. Jetzt war sie wieder hellwach. Der junge Mann sprang von seinem Rad.

«Désolé! Pas de freins, Madame. Pardonnez-moi», stieß er atemlos hervor.

«Pas de freins? Mais écoutez donc, Monsieur ...». Arnold war empört.

«Isch doch glych, isch ömu nüt passiert», sagte Amanda.

Der Mann reagierte erfreut. Ob sie aus der Schweiz seien? Sehr angenehm, er komme aus Olten, sei Typograf, heiße Trösch und bilde sich hier in Paris weiter. Und eben, leider, sein Rad habe keine Bremsen, und es sei nicht das erste Mal, dass er fast verunglückt wäre, einmal habe er tatsächlich eine Frau umgefahren, die sei wie hypnotisiert gerade vor ihm stehen geblieben, eine dumme Geschichte. Doch zum Glück sei dieses Mal nichts passiert, trotzdem, er bitte tausend Mal um Entschuldigung.

Dann setzte er sich auf sein Rad, tippte an die Stirnmütze und sauste davon, in die Pariser Nacht hinein.

«Die Zeiten haben sich wirklich geändert», sagte Arnold später im Hotelzimmer. Er hatte sich in einen Polstersessel fallen lassen. «All diese Hektik, dieser Geschwindigkeitswahn – der Mann auf seinem Velo ohne Bremsen ...»

«Seine Zunge hatte auch keine Bremsen», sagte Amanda und lachte.

Arnold blieb ernst. «Der Kutscher, der keine Zeit hatte, uns vor dem Hoteleingang abzusetzen, all diese Leute, die beständig ihre Taschenuhren zücken, weil sie dringend irgendwohin müssen ...»

«Ja, Paris ist hektischer geworden. Aber bei uns zu Hause ...»

«Paris ist uns nur wenig voraus. Du wirst sehen, bald gibt’s auch in unserem gemütlichen Solothurn jede Menge Velos und Autos. Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Welt dreht sich immer schneller, und es gibt keine Ecke, in die wir uns retten können.»

«Uns retten? Aber ...»

«Du willst sagen, dir gefällt das? Dass wir in eine unbekannte Zukunft rasen? In ein paar Jahren wird nichts mehr so sein, wie wir es immer gekannt haben.»

«Ach komm, du bist nur müde. Morgen siehst du alles mit anderen Augen. Lass uns zu Bett gehen.»

«Ich muss noch einen Brief beantworten, damit er morgen früh zur Post geht», sagte Arnold.

Amanda kannte ihn zu gut, um darauf etwas zu erwidern. Während er nach Briefpapier und Feder griff, begann sie, ihr Haar zu lösen.

Am nächsten Tag besuchten sie die Kunstausstellung im Grand Palais. Amanda steuerte durch die Säle mit den russischen, schwedischen und dänischen Künstlern direkt auf den Schweizer Ausstellungsraum zu, ohne sich damit aufzuhalten, unterwegs etwas näher zu betrachten.

Und dann standen sie vor Cuno Amiets monumentalem Gemälde «La Richesse du Soir». Fünf Frauen auf einer mit Margeriten übersäten Wiese. Flankiert von Grün leuchten ihre Berner Trachten blau, rot und weiß. Ihre mit Silberketten behängten hellen Mieder wirken wie Harnische.

«Bleu, blanc, rouge – die französischen Farben», sagte Amanda.

Sie wurde übertönt von zwei Frauen, die sich ebenfalls vor das Bild gestellt hatten und in St. Galler Dialekt Ferdinand Hodlers Einfluss auf Cuno Amiet diskutierten.

«Unverkennbar, man sieht es gleich.»

«Ach, dieser Hodler und seinesgleichen, ich kann’s nicht mehr sehen. Immer diese tiefgründige Symbolik, einfach unerträglich.»

Amanda sah sich nach ihnen um. Die kleinere der beiden trug Männerhemd und Krawatte zum Rock, darunter schauten Pumphosen hervor. Mit ihrem Filzhut und dem festen Schuhwerk sah sie aus, als hätte sie sich für einen Malnachmittag im Freien angezogen, nicht für einen Ausstellungsbesuch. Ihre Begleiterin war korrekt gekleidet, mit Bluse und bodenlangem Rock. Sie schien der Frau im Männerhemd, die sich weiter über Hodler und seinesgleichen echauffierte, amüsiert zuzuhören.

Schließlich zogen die beiden St. Gallerinnen weiter, und Amanda und Arnold konnten Cuno Amiets Bild in Ruhe anschauen. Ihr gefielen die starken Farben, die Kraft und Ruhe, die von den fünf Frauen ausging, jede von ihnen eine Persönlichkeit mit eigenem Charakter.

Der von der Frau im Männerhemd geschmähte Hodler hatte drei Bilder ausgestellt. Auf dem Gemälde «L'Eurythmie» waren fünf in weiße Roben gekleidete ältere Männer zu sehen, barhäuptig und auf bloßen Füßen in einer herbstlichen Landschaft. Die kalten Farben ließen Amanda frösteln. Amiets selbstbewusste Frauen und seine kräftigen Töne waren ihr lieber.

Auch Bilder von Malerinnen aus der Schweiz waren zu sehen. Marguerite Burnat-Provins zeigte Walliserinnen in Tracht und Louise-Cathérine Breslau war mit mehreren Ölbildern und Pastellen vertreten. Lange blieb Amanda vor «La Chanson Enfantine» stehen.

«Kein Wunder, dass die Breslau als Porträtistin so gefragt ist», sagte sie zu Arnold. «Schau nur – sie hat die beiden Mädchen ganz lebendig erfasst, und diese Stimmung ... das Licht ...»

Später saßen sie an einem runden Tischchen im Ceylonesischen Teehaus. Ein Singhalese in einem langen weißen Gewand bediente sie und servierte ihnen dreieckiges Toastbrot, mit Butter bestrichen und mit hauchdünnen Gurkenscheiben belegt.

«Schmeckt gut, der Schwarztee», sagte Arnold.

Amanda nickte und nahm sich ein Stück Toast. Sie war in Gedanken noch bei den Bildern, die sie gesehen hatten, doch aus dem leisen Surren der Stimmen rings um sie her drangen auf einmal klar und scharf einzelne Wörter: «Paris ... diese akademische Malerei, das ist dermaßen passé ... kein Sinn für Farben ... München, liebe Freundin ... da lernt man etwas ... die Künstlerinnenschule ... für mich gibt’s nur noch München. Mit Paris ist es vorbei.»

«Die St. Gallerinnnen», sagte Arnold. «Jetzt wissen wir’s also: Paris ist passé – die moderne Künstlerin geht nach München.»

Er zwinkerte Amanda zu, stand auf und bot ihr seinen Arm. Während sie durch die plaudernde Menschenmenge zurück zur Kunstausstellung gingen, klang in ihrem Ohr die Stimme der jungen Frau noch immer nach. Und wenn sie recht hatte? Vielleicht gab es in München interessante Entwicklungen. Eine Künstlerinnenschule, die Malerinnen Neues zu bieten hatte? Die Frau hatte so überzeugt und begeistert geklungen.

Doch jetzt war sie mit Arnold in Paris, und sie würde die Tage hier auskosten. München – nun, vielleicht später einmal. Das hatte Zeit.

Bleiweiß

Solothurn, Juli 1900

Amanda und Arnold waren begeistert aus Paris zurückgekehrt. Arnold hatte seiner Mutter einen chinesischen Seidenschal mitgebracht, mit exotischen Blumen und Vögeln auf blauem Grund. Sie hängte ihn in ihrem Zimmer an die Wand und sagte, er sei zu schön zum Tragen. «Vielleicht mag Sophie nicht sagen, dass er ihr zu bunt ist», dachte Amanda. Zélie hingegen hatte sich über den verzierten Hornkamm gefreut und ihn sich gleich ins Haar gesteckt. Für Albertina hatten sie eine moderne Reibemaschine gekauft, mit der das Zerkleinern von Gemüse einfacher und schneller gehen sollte. Albertina hatte sich bedankt, aber Amanda hatte das Gerät später unbenutzt in einer Ecke stehen sehen, während Albertina wie immer die Kartoffeln von Hand rieb.

Ein paar Tage später saßen Arnold und Amanda auf der Gartenbank unter dem alten Ahorn. Amanda sog die laue Luft des Sommerabends ein. Neben dem schweren Parfüm der Engelstrompeten nahm sie den zarten Geruch der Mondviolen wahr.

«Am liebsten würde ich das jetzt malen», sagte sie. «Die Farben dieser Düfte.»

«Ich kann sie heute kaum ertragen. Viel zu intensiv. Der Kopf tut mir weh.»

Amanda sah Arnold besorgt an. Er selbst hatte den Nachtblüher-Garten angelegt. Sonst klagte er nie über Unpässlichkeit. Wenn sie es sich recht überlegte, wirkte er seit der Rückkehr aus Paris matt und kraftlos. Heute hatte er sein Abendessen kaum angerührt, dafür Zélie um einen Cognac gebeten. Das Mädchen hatte Mund und Augen aufgerissen. Amanda hatte lachen müssen über ihre erstaunte Miene, doch die Bitte war tatsächlich außergewöhnlich. Arnold trank während der Arbeitswoche nie Alkohol, Branntwein schon gar nicht.

«Bring mir ein Glas Malaga», hatte sie gesagt. Sollte Zélie denken, sie hätten etwas zu feiern.

Auch auf ihrer Reise nach Paris im Juni hatte Arnold sich an Wasser gehalten. Sie hatte Beaujolais getrunken, während er sich vom Kellner einen Krug Wasser holen ließ. Für das nächtliche Aktenstudium brauche er einen klaren Kopf, sagte er.

Es war in letzter Zeit wohl alles zu viel gewesen für ihn. Was musste er auch all die Papiere mitnehmen, wenn sie einmal ein paar freie Tage miteinander verbringen konnten! Aber so war Arnold, die Arbeit ging vor.

Ihr fiel ein, was sie kurz nach ihrer Rückkehr in der Zeitung gelesen hatte. Eine Sommerkrankheit gehe um, mit Müdigkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Mit ausreichend Schlaf, lauwarmen Bädern und Wermut-Tee sei das Übel leicht zu kurieren.

«Geh du schon zu Bett», sagte sie. «Ich bringe dir einen Tee.»

«Danke, Liebes.» Arnold stand mühsam auf, schwankte einen Moment im Stehen. Amanda hängte sich bei ihm ein auf dem Weg zurück zum Haus.

Am nächsten Morgen fühlte er sich krank. Amanda saß an seinem Bettrand und legte ihm die Hand auf die Stirn.

«Du hast Fieber. Soll ich den Doktor rufen?»

«Nicht nötig. Habe nur schlecht geschlafen. Ich bleib noch kurz liegen, dann muss ich aufstehen und zur Arbeit gehen.»

Amanda zog die Vorhänge zu und verließ leise das Schlafzimmer. Zélie gab sie die Anweisung, der Herr solle nicht gestört werden.

Der Sommertag kam Amanda endlos lang vor. Das Wetter war viel zu warm für Arnold. Das Fieber stieg stetig. Von Aufstehen und zur Arbeit gehen konnte keine Rede sein. In der Nacht wälzte er sich unruhig hin und her, und am nächsten Morgen fühlte er sich elend, wollte aber von einem Arzt noch immer nichts wissen.

Sein Haar war dunkel vor Schweiß, wirr stand es um das bleiche Gesicht. Amanda holte einen nassen Lappen und den Kamm. Als sie ihn im Bett aufsetzte, um ihn zu waschen, klagte er über Seitenstechen, hustete und fiel in die Kissen zurück.

Amanda hatte Sophie nicht erzählen wollen, wie es um ihn stand. Doch als er erneut beim Frühstück fehlte, bestand Sophie darauf, zu erfahren, was mit ihm sei. Und dann wurde sie energisch. Man müsse den Arzt rufen. Sofort! Dieses steigende Fieber erinnere sie daran, wie es damals bei ihrem Mann angefangen habe mit seiner tödlichen Krankheit, dem Typhus.

«Bitte, sag das nicht. Ich lasse Doktor Pfähler rufen», sagte Amanda.

«Diesen Arzt, der erst gerade seine Praxis aufgemacht hat? Wo denkst du hin. Hol den Doktor Kottmann. In unserer Familie haben wir immer den Doktor Kottmann gehabt. Früher den alten, jetzt den jungen.»

So jung war der auch nicht mehr, dachte Amanda. Er musste über fünfzig sein. Aber vielleicht hatte Sophie recht. Ein erfahrener Arzt, zu dem Arnold Vertrauen hatte, konnte ihm besser helfen als ein junger Mediziner. Sogar wenn dieser aus dem Studium über die neuesten Methoden Bescheid wusste.

Doktor Kottmann kam am späten Abend, nach seinem langen Tag am Bürgerspital. Er besah sich den Patienten und tastete seinen Bauch ab. Arnold zuckte zusammen. Die Berührung des Hörrohrs auf seiner Brust schien er kaum zu ertragen. Er hustete. Lange fühlte der Arzt den Puls, sah dabei auf die Taschenuhr.

«Beschleunigt, geringe Spannung, dikrot. Wie ich es mir gedacht habe», murmelte er und steckte die Uhr wieder ein.

Arnold musste die Zunge herausstrecken. Wie Amanda erst jetzt sah, war sie am Rand rot und ausgefranst.

«Das wird wieder, mein Freund», sagte der Arzt und deckte seinen Patienten zu. «Schön im Bett bleiben und ausruhen. Bei Ihrer starken Konstitution sind Sie bald wieder auf den Beinen.»

Arnold fiel ächzend in die Kissen zurück, schloss die Augen und schlief sofort ein.

Amanda und der Arzt verließen das Zimmer. Doktor Kottmann verlangte nach Wasser und Seife, schrubbte sich Unterarme und Hände gründlich und wies sie an, es ihm nachzutun.

«Wenn es das ist, was ich vermute, dann ist es hochansteckend.»

«Was hat er?»

«Der Name tut vorläufig nichts zur Sache. Aber wir müssen ihn in ein eigenes Zimmer verlegen. Es sollte möglichst kühl sein.»

«Das Nordzimmer also.»

«Außer Ihnen und der Krankenwärterin, die ich Ihnen schicken werde, darf niemand zu ihm. Er braucht absolute Ruhe.»

«Eine Krankenwärterin? Das kann ich doch allein.»

«Sie werden auf mich hören müssen, meine Liebe. Und sich an die Hygieneregeln halten.»

Amanda hatte das Gefühl, nicht alles auf einmal verstehen zu können. Angestrengt versuchte sie zu begreifen, was über sie hereinbrach. Der Arzt war so ernst, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.

«Wie das? Was soll ich machen?», fragte sie.

«Die Wärterin weiß Bescheid und wird alles Nötige mitbringen. Halten Sie sich an ihre Anweisungen.»

Amanda nickte.

«Geben Sie ihm vorläufig nichts zu essen. Solange das Fieber so hoch ist, darf er nur eine leichte Bouillon oder mit Wasser verdünnte Milch zu sich nehmen.» Doktor Kottmann verabschiedete sich.

Am nächsten Morgen kam die Krankenwärterin. Fräulein Roth hieß sie, war lang und hager, doch ungemein kräftig. Mit ihr hielten Flaschen voll Desinfektionsmittel Einzug, lange weiße Überschürzen und ein strenges Regime. Das Nordzimmer wurde gelüftet, Teppiche, Polstermöbel und Zierkissen wurden daraus entfernt, dafür wurde ein Bett hineingetragen und frisch bezogen. Zélie und Albertina halfen mit.

Alles sollte leicht zu reinigen sein. Sie könne keine Staubfänger brauchen, sagte Fräulein Roth. Amanda schluckte leer. Staubfänger? Ihre geschmackvollen Vasen und Teppiche? Aber das war jetzt unwichtig. Das Einzige, was zählte, war, dass Arnold richtig gepflegt und schnell gesund würde.

Als alles bereit war, trugen Doktor Kottmann, Fräulein Roth und Amanda Arnold aus dem Schlafzimmer ins Krankenzimmer. Er stöhnte leise, reagierte aber sonst kaum auf die Veränderung.

Amanda lernte, sich mit der nach Teer riechenden Kresolseifenlösung die Hände zu reinigen und die Tassen, die Arnold benutzt hatte, zu desinfizieren. Seine stets trockenen Lippen zu befeuchten und die Mullläppchen, die sie dafür verwendet hatte, zu sammeln und hinterher zu verbrennen. Sie lernte, Sophie beruhigende Antworten zu geben, wenn diese sie mit Fragen bestürmte. Arnold wurde bestimmt wieder gesund, und es hatte keinen Sinn, wenn seine Mutter krank wurde vor Sorge.

Doch das Fieber blieb unverändert hoch, zwischen 39 und 40 Grad. Arnold schien kaum mehr anwesend zu sein. Wenn Amanda sein Zimmer betrat, war es darin völlig still. Er lag bewegungslos im Bett. Nur manchmal fuhren seine Hände durch die Luft, als wollten sie etwas erhaschen, was ihm immer wieder entwischte.

Die Diagnose war inzwischen klar: Typhus. Der Arzt sagte etwas von einem neuartigen Erregernachweis, Gruber-Widal-Reaktion genannt. Er habe Chinin und Antifebrin verschrieben. Das Wichtigste sei, dass der Patient eine starke Konstitution habe. Die umnebelten Sinne und das hohe Fieber, das gehöre zum Krankheitsbild. Außerdem seien die erhabenen rosafarbenen Flecken ein zu erwartendes Symptom. Sie verschwanden, wenn Amanda darauf drückte, erschienen aber gleich darauf wieder.

Sie als pflegende Angehörige dürfe sich nicht überarbeiten und müsse kräftig essen, damit sie sich nicht anstecke, sagte Doktor Kottmann. Das mit der Hygiene mache sie sehr gut, wie ihm Fräulein Roth berichtet habe.

Amanda nickte. Sie war müde und hatte Kopfschmerzen. Ob das die Überarbeitung war oder die ersten Krankheitssymptome? Bei Arnold hatte es vor ein paar Tagen genauso angefangen, mit dieser außerordentlichen Mattigkeit.

Sie zwang sich zum Essen, selbst wenn mit den nach Kresol riechenden Händen nichts so recht schmecken wollte. Sie musste stark sein für Arnold. Das war das Wichtigste. Albertina gab sich alle erdenkliche Mühe, sie zum Essen zu verleiten. Sie blieb bis spätabends in der Küche sitzen und bot Amanda an, ihr eine Omelette zur Stärkung zuzubereiten, bevor sie zu Bett ging, oder wenigstens eine Tasse Kakao. Amanda war gerührt, wenn die Fürsorge ihr auch oft fast zu viel wurde.

Doktor Kottmann kam jeden Abend. Wenn er nach der Visite aus dem Krankenzimmer trat, saß Sophie gewöhnlich im Salon auf dem Sofa, mit einem Rosenkranz in der Hand. Wie es ihrem Sohn ginge, fragte sie dann. Der Arzt meinte, man dürfe hoffen. Bis jetzt habe er das hohe Fieber gut vertragen. Sophie befingerte die dunklen Perlen des Rosenkranzes und nickte. Sie bete für ihn, sagte sie. Das könne nicht schaden, sagte Doktor Kottmann.

Amanda begleitete ihn nach draußen und ging mit ihm bis zum Gartentor. Der Duft der Engelstrompeten lag süß und schwer in der Abendluft.

Sorge mache ihm einzig diese Lungengeschichte. Der Husten, und vor allem das feuchte Rasseln beim Einatmen, sagte Doktor Kottmann beim Abschied.

Am nächsten Morgen kam Herr Dompropst Eggenschwiler, um seinen kranken Freund zu besuchen. Er saß im Salon neben Sophie, als Amanda eintrat. Sie sagte, sie könne ihn nicht zu ihrem Mann lassen. Hochwürden hob die buschigen dunklen Augenbrauen bis fast zum weißen Haaransatz, aber sie blieb dabei. Arnold brauche absolute Ruhe, habe der Doktor gesagt.

Eggenschwiler redete vom geistlichen Zuspruch, der oft mehr bewirke als jede Medizin. Amanda sagte, Arnold sei vom Fieber dermaßen benebelt, dass er ohnehin nichts von dem verstehe, was man zu ihm sage. Und er sei hochansteckend. Sophie sah sie an, Missbilligung im Blick, die Lippen zusammengepresst. Die schwarzen Perlen des Rosenkranzes glitten unaufhörlich durch ihre pergamentenen Finger. Dompropst Eggenschwiler neigte sich zu ihr hinüber und sprach leise auf sie ein. Amanda entschuldigte sich, sagte, sie müsse nach ihrem Mann sehen, drehte sich um und verließ den Raum.

Sie hätte die Türe zuschlagen und schreien mögen! Sophie hatte den Dompropst rufen lassen, ohne sie zu fragen. Das ging nicht an.

Auf der Treppe, auf dem Weg zu Arnolds Zimmer, redete sie sich selbst zu. Nicht zürnen, Amanda. Sophie hatte es nur gut gemeint. Ihren Sohn so krank zu wissen und nichts für ihn tun zu können war schwer. Und Eggenschwiler hatte nicht ahnen können, dass sein Besuch nicht opportun war. Dass niemand zu Arnold durfte. Und dass Amanda jetzt nichts ertragen konnte, das ihr Höflichkeit abforderte.

Wieder eine Arztvisite. Amanda stand in ihrer weißen Schürze an Arnolds Bett, gegenüber dem Doktor und Fräulein Roth, die beiden ebenfalls weiß beschürzt. Vielleicht war es die Müdigkeit, die bewirkte, dass dieses Bild von einem anderen in ihr überlagert wurde: weiße Malkittel, Staffeleien, das milde Licht von Norden, der Geruch von Terpentin. Das Pariser Atelier, in dem sie Kurse nahm. Sie hatte ein Bild davon gemalt, vom Licht auf dem Haar und den Händen der Schülerinnen, die auf hohen Stühlen vor ihren Staffeleien saßen. Licht und Schatten auf den Falten ihrer weißen Kittel. Ganze Tuben Bleiweiß hatte sie gebraucht für das Ölbild, mit dem sie die Szene eingefangen hatte.

Zum ersten Mal, seit sie Arnold hierhergebracht hatte, sah sie das Krankenzimmer mit ihrem Malerinnenauge: die bläulichen Schatten auf dem weißen Laken. Grünlichgrau auf Weiß: die Schürze der Wärterin. Rötlichweiß: die Wangen des Doktors. Gelblichweiß mit grauen Schatten: Arnolds Gesicht. «Das Sterbezimmer» würde sie dieses Bild nennen. Nein, das durfte sie nicht denken. Nein!

Amanda lief aus dem Raum, steckte im Vorzimmer flüchtig die Hände ins Becken mit dem Desinfektionsmittel, riss sich die Schürze vom Leib, stürmte hinaus in den Garten. Arnold war mit ihr verbunden, selbst wenn er seit Tagen nicht mehr gesprochen hatte. Er konnte noch immer hören und fühlen, was ihr durch den Sinn ging. Sie durfte nicht ans Sterben denken, musste stark sein. An seine Genesung glauben. Er würde gesund werden, ganz bestimmt. Der Arzt hatte immer wieder davon gesprochen, dass seine starke Konstitution ihm helfen würde, den Typhus zu überwinden. Er musste die Krankheit besiegen. Zwar hatten das hohe Fieber, der Husten und der Durchfall ihn geschwächt, doch hieß das nichts.

Sie wollte ihn bedingungslos unterstützen. Sie würde nur noch hilfreiche Gedanken und Gefühle in sich zulassen. Wenn er nur erst wieder essen könnte!

Am nächsten Morgen war das Fieber etwas gesunken. Seit dem Krankheitsausbruch hatte Arnold nicht so wach gewirkt.

«Amanda?», flüsterte er, als sie an sein Bett trat. Er versuchte, sich aufzurichten. Dann schüttelte ihn ein heftiger Hustenanfall. Er sank zurück.

«Geht es dir besser?»

Arnold nickte. Er lächelte ein wenig, fast nur mit den Augen.

Amanda erwiderte sein Lächeln. Ihr kamen die Tränen, und Erleichterung überflutete sie wie helles, warmes Licht.

An diesem Morgen nahm sie zum ersten Mal seit Tagen ein richtiges Frühstück zu sich: Milchkaffee, ein Butterbrot und ein weiches Ei. Zu Sophie sagte sie, Arnold sei eindeutig auf dem Weg der Besserung.

Den ganzen Vormittag über hielt Arnolds verbesserter Zustand an. Er sagte nichts mehr, doch er folgte Amanda mit den Augen, versuchte zu lächeln.

Auch als Arnold nach dem Mittag auf einmal sehr erschöpft aussah, beharrte sie auf der Hoffnung. Zwar gab er beim Atmen rasselnde Geräusche von sich, aber daran war sie mittlerweile gewöhnt. Er wird gesund, sagte sie sich immer wieder. Sie hielt sich an diesem Moment des Glücks fest, als er sie am Morgen angesehen und ihren Namen gesagt hatte.

Am späteren Nachmittag kam der Arzt. Sie erzählte ihm, dass Arnold eine Zeit lang wacher gewesen sei als sonst. Doktor Kottmann sagte nichts, schaute sich den Kranken an, fühlte seinen Puls. Dann drehte er sich brüsk zu Amanda um.

«Lassen Sie schnell einen Pater kommen. Ihr Mann soll die Krankensalbung empfangen. Der große Arzt da oben vermag mehr, als ich kann.»

Amanda lief aus dem Haus, durch den Garten, aus dem Tor, die Kapuzinergasse hinauf und läutete beim Kloster. Hastig erzählte sie dem Bruder Pförtner, was Doktor Kottmann gesagt hatte.

«So, so, die letzte Ölung also», sagte er. Es klang fast vergnügt. «Ich hole einen Pater.»

Er drehte sich um und ließ die Tür hinter sich zufallen.

Die letzte Ölung? Der Arzt hatte nur von der Krankensalbung gesprochen, nicht von den Sterbesakramenten. Amanda stützte sich an der Mauer vor der Klosterpforte ab. Sie starrte auf die geschlossene Türe. Warum brauchte der Pater so lange?

Endlich trat ein alter Kapuziner aus dem Kloster. Er hatte eine Tasche bei sich. Auf dem Rückweg hatte sie das Gefühl, sich beeilen zu müssen, redete sich jedoch gut zu und versuchte, sich zu beruhigen. Es konnte nicht dermaßen dringend sein. Der Pater in seiner langen Kutte trippelte mit winzigen Schritten neben ihr her. Sie wollte ihm die Tasche abnehmen, aber das ließ er nicht zu.

«Es ist noch nicht alles verloren, liebe Frau. Oft bringt gerade die letzte Ölung eine Wendung zurück ins Leben», sagte er. Seine Stimme war überraschend tief für den kleinen Mann.

«Die Krankensalbung», sagte Amanda, «nicht die letzte Ölung.»

Als sie ins Haus kamen, trat ihnen Sophie am Stock entgegen. Amanda bemerkte auf einmal, wie welk und gebeugt sie aussah.

«Zu spät», sagte Sophie. «Zu spät, zu spät.» Ihre Stimme klang heiser.

Zu spät, dachte Amanda. Wofür denn?

Plötzlich begriff sie. Arnold. Die Beine knickten ihr weg, und der Teppich sauste ihr entgegen. Dröhnen in ihren Ohren. Dann schwarze Stille.

Obsidian

Solothurn, Spätsommer 1900

Der Arzt hatte verboten, den Leichnam aufzubahren. Aus hygienischen Gründen, wie er sagte. Familie und Freunde konnten nicht Abschied nehmen. Der Sarg, in den man Arnold legte, musste sofort versiegelt werden, und das Begräbnis innerhalb von 24 Stunden stattfinden.

Wie betäubt ließ Amanda den Trauergottesdienst über sich ergehen. Sie konnte sich später kaum mehr daran erinnern, wusste nicht mehr, wessen Hand sie gedrückt hatte, wer ihr tröstende Worte hatte sagen wollen, wer zu einem Kondolenzbesuch gekommen war. Obwohl es helle Sommertage gewesen sein mussten, und obwohl sie gewiss viele Stimmen gehört hatte, waren die Wochen nach Arnolds Tod in ihrer Erinnerung absolut still, schwarz und leer.

Nun war es Spätsommer geworden, und Amanda saß an ihrem Schreibtisch. Endlich fühlte sie sich in der Lage, die Berge von Post zu beantworten. Sie hatte die Jalousien schräggestellt, sodass Licht und Schatten in Streifen auf den Schreibtisch fielen. Im Haus war es kühler als draußen. Zu ihrer Linken türmten sich die Briefe, alle mit breitem schwarzen Rand. Vor ihr lagen ein paar Bogen Schreibpapier, darauf der Federhalter.

Sie wühlte in der Post. Las hier und dort ein paar Worte: «Aus dem Leben gerissen. Mit größtem Bedauern. Erst 42 Jahre alt. Unbegreiflich. Die Wege des Herrn. Unfasslich. Wohltäter der Armen. Stütze der Kirchgemeinde. Mein lieber Studienkamerad. Der allseits geschätzte Jurist. Nicht mehr unter den Lebenden. Wie konnte das. Erschüttert.»

Sie wusste nicht, wie sie all die Briefe beantworten sollte. Die gut gemeinten, die neugierigen, und diejenigen, aus denen sie die Trauer des Absenders spüren konnte, sein Entsetzen über Arnolds plötzlichen Tod.

Sie musste Menschen trösten, die mit ihrem Mann befreundet gewesen waren, ihn gekannt hatten oder meinten, ihn gekannt zu haben. Ausgerechnet sie, die selbst keine Worte für das Geschehene hatte. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie zu Arnold gehen, ihm eine Briefstelle zeigen, ihn um seine Meinung dazu fragen wollte.

«Solothurn, Haus Rosenhag, im August 1900», schrieb sie auf einen Briefbogen. Dann kam sie ins Stocken. Sie starrte auf die Tintenflecke an ihren Fingern, riss die Schublade auf, um nach einem Lappen zu suchen. Hinten rechts ertastete sie ein Stück Stoff, darunter ein Couvert. Sie zog beides heraus und rieb ungeduldig mit dem Stoff über ihre Finger. Das half nichts, die Tinte war eingetrocknet. Sie legte den Lappen weg und öffnete den Briefumschlag.

Es waren hellblaue Bogen, mit violetter Tinte beschrieben, in sorgfältiger, fast etwas gezierter Schrift. Wie sehr sich ihr heutiger, flüssiger Duktus davon unterschied! Die Briefe hatte sie vor mehr als zwanzig Jahren aus dem Institut in La Neuveville an Arnold geschrieben, als er noch in Leipzig Rechtswissenschaften studierte. Sie begann zu lesen.