Solche und solche Küsse - Martin Haeusler - E-Book

Solche und solche Küsse E-Book

Martin Haeusler

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Beschreibung

Die Schülergruppe, der junge Mann im Karneval, der Therapeut, der Religionslehrer, der Redakteur, der Partygänger, der Renter, die junge Frau und der Arbeit suchende Schriftsteller: Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie unverhofft mit einem Thema konfrontiert werden, von dem sie glauben, sie hätten es längst im Griff: Der bewegenden Kraft der Sexualität.

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Seitenzahl: 69

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Pampelmusen-Mond

Solche und solche Küsse

Nackte Schönheit im Abendlicht

Betriebsklima

Eine Handvoll

Blind Date

Die Reaktion erhebt ihr Haupt

Blöde Blumen

Lolita-Musik

Ein paar schöne Stunden

Orangenöl

Pampelmusen-Mond

Ich war gerade dabei, das Geschirr abzuwaschen. Unter der Woche, wenn Irmgard nicht da ist, spüle ich immer mit der Hand. Das Bierglas von gestern Abend, ein Frühstücksbrettchen, die Teetasse, Messer und Löffel, was soll ich da die Spülmaschine anstellen?

Vom Spülbecken aus kann ich, wenn ich den Kopf etwas nach rechts drehe, durch das Küchenfenster ein Stück Straße sehen. Nicht, dass jemand denkt, ich stünde wie manche alten Leute den halben Tag am Küchenfenster, um alles zu beobachten. Viel ist sowieso nicht los auf der Straße, da hat sich in den acht Jahren, die ich jetzt hier wohne, nicht viel geändert. Schon wenn ein Fußgänger vorbei kommt, drehe ich fast automatisch den Kopf. Deshalb ist mir auch dieses Auto sofort aufgefallen, ein grünlicher Kleinlaster.

Ich legte die Spülbürste beiseite und ging zum Fenster, um die Aufschrift lesen zu können: A.R.T. Logistics, Frankfurt. Und während ich mich noch fragte, welcher Nachbar denn ein Kunstwerk geliefert bekommen könnte, schellte es, und zwar nicht gerade zögerlich.

Zwei Männer, so grün wie der Lieferwagen, standen vor der Tür, zwischen sich eine etwa anderthalb mal anderthalb Meter große flache Holzkiste. “Hier, für Sie!” Der kleinere der beiden Männer hielt mir ein Blatt vor die Nase, einen Lieferschein. Hatte ich etwas bestellt? Klar, neue Lautsprecherkabel. Auch die Visitenkarten, auf die ich dringend wartete, könnten allmählich kommen. Aber eine Holzkiste?

Meinen Einwand, ich hätte nichts bestellt, wischte der Mann mit dem Hinweis vom Tisch, es handele sich doch zweifelsfrei um meinen Namen und meine Adresse. Nachdem ich das bestätigt hatte, entspann sich ein Wortwechsel, der zeigte, dass der grün gekleidete Mann eine längere Schulung im Umgang mit störrischen Kunden erfolgreich absolviert haben musste. Ich gab auf und willigte ein, die Holzkiste in meinen Flur zu stellen. Schließlich war, wie der Lieferschein, den ich mir unterschreiben ließ, eindeutig sagte, die Ware bezahlt. Wenn die Männer weg wären, so dachte ich, könnte ich die Sache in Ruhe klären.

Die Männer stellten die Kiste in den Flur. Aber als ich die beiden verabschieden wollte, sagten sie: “Moment! Wir sind noch nicht fertig!” Der andere Mann, der bislang geschwiegen hatte, zündete sich in der Tür stehend ohne zu fragen eine Zigarette an. “Die Verpackung, wissen Sie”, erklärte er, “müssen wir wieder mitnehmen. Erstens, weil wir Sie nicht mit der Entsorgung belästigen möchten, und zweitens, weil diese Spezial-Kisten Eigentum der Spedition sind.” Er hatte offenbar die gleiche Schulung absolviert wie sein Kollege. “Und außerdem müssen wir uns bei jeder Lieferung vom Kunden bestätigen lassen, dass die Ware einwandfrei, das heißt ohne jede Beschädigung angeliefert worden ist. Bei diesen wertvollen Kunstwerken müssen wir da ganz pingelig sein. Unsere Firma hat so ihre Erfahrungen, wissen Sie?”

Ich spiele nicht gerne den Widerspenstigen, widersprach also nicht. Mit ein paar Handgriffen öffneten die Männer die Kiste, hoben das darin liegende, mehrfach in irgendwelche Spezialtücher verpackte Bild behutsam heraus und enthüllten schließlich ein im Verhältnis zu der Kiste gar nicht so großes, vielleicht 80 x 100 cm messendes ungerahmtes Gemälde.

Ein Pin-Up-Bild im Stil der 50er Jahre, ziemlich bunt, ziemlich eindeutig. Die spitzen Brüste der Frau sprangen mich geradezu an. Hätte ich ein Tuch zur Hand gehabt, hätte ich es wieder zugedeckt.

“Bitte überzeugen Sie sich, ob irgendwelche Beschädigungen vorliegen. Nehmen Sie sich ruhig Zeit, denn spätere Reklamationen sind leider ausgeschlossen. Wenn alles in Ordnung ist, unterschreiben Sie bitte hier”, sagte der Mann, der mir den Lieferschein gegeben hatte. Ich hätte am liebsten sofort unterschrieben, sah aber ein, dass eine Prüfung nötig war. Während ich die kitschbunten Rosen, die weißen Tücher und den nackten Körper der Frau in Augenschein nahm, wobei ich versuchte, so auszusehen wie jemand, der sich konzentriert, glaubte ich aus den Augenwinkeln zu sehen, wie die beiden Männer sich angrinsten. Oder waren sie einfach nur froh, dass ich unterschrieb?

Als erstes ging ich wieder zu meinem Spülbecken und beobachtete, wie der grüne Kleinlaster mit der Aufschrift A.R.T. Logistics verschwand. Was tun? Während ich die Küchenarbeitsplatte abwischte, fiel mir der Lieferschein ein. Da hatte doch der Name einer Galerie drauf gestanden. Ich hängte das Handtuch zum Trocknen über die Heizung, holte den Lieferschein und ging zum Computer. Verkauft hatte das Bild laut Lieferschein eine gewisse “Grapefruitmoon Gallery”. Pampelmusenmond-Galerie - seriös hörte sich das nicht gerade an. Zu meiner Überraschung war die Galerie bald gefunden, “spezialisiert auf Originalwerke aus der großen Zeit der amerikanischen Illustration” verkündete die Homepage, auf der mich wie zur Bestätigung, dass es sich um die richtige Galerie handelte, auch direkt ein paar Pin-Up-Mädels anlachten.

Schwieriger war es schon, die Adresse der Pampelmusenmond-Galerie herauszufinden, ein Impressum gab es nicht, nur eine amerikanische Telefonnummer und ein Kontaktformular. Erst über einige Links fand ich heraus, dass die Galerie, die ihr Geschäft wohl hauptsächlich online macht, ihren Sitz in Minneapolis, Minnesota hat. Ich klickte mich durch das Angebot der Galerie. Hoppla, billig war das nicht, was die da unter die Leute bringen wollten. Na ja, nur Originale, behaupteten sie. War mein Bild also ein Original und nicht nur, wie ich wie selbstverständlich angenommen hatte, eine auf Leinwand aufgezogene Reproduktion, wie man sie in Postershops oder sogar Baumärkten dutzendfach angeboten bekommt?

Ich inspizierte das Bild, das immer noch auf dem Sofa stand. Nun bin ich ja kein Fachmann, aber es sah genau so aus, wie ein Ölbild halt aussieht. Deutlich waren Pinselspuren zu erkennen, eine billige Reproduktion, da war ich mir sicher, sah anders aus. Auf der Vorderseite, links unten, unübersehbar, eine Signatur: Elogren, Elvgren, Eligren oder so etwas. Nie gehört, aber im Angebot der Pampelmusenmond-Kunsthändler wurde ich bald fündig: Gil Elvgren (1914 - 1980), Great American Pin-Up-Artist. Das Netz war voll von seinen Bildern, außer Pin-Up-Mädels schien der nichts gemalt zu haben. Da, schon hatte ich einen Preis: 140.000 $ wollten die Pampelmusenmond-Leute für ein Bild von Elvgren, das verglichen mit meinem geradezu züchtig wirkte. Geht es bei solchen Pin-Up-Bilder nach dem Motto: Je freizügiger, desto teurer? Dann, so überlegte ich, könnte mein Bild an die 200.000 $ wert sein.

Ich suchte nach weiteren Preisen, kam allerdings nicht weit, da es schellte. Joachim stand vor der Tür, und als ich ihn sah, fiel mir sofort ein, dass er heute seinen freien Tag hatte und wir zum Joggen verabredet waren. “Du bist ja noch gar nicht umgezogen”, rief er und kam herein, ohne sich von meinem zögerlichen Verhalten irritieren zu lassen. “Los, mach voran, so viel Zeit habe ich nicht!” Er setzte sich in den Sessel und bewegte die Arme, eine Bewegung, mit der er mich wohl zur Eile antreiben wollte. Ich schaltete den Computer aus und ging zurück ins Wohnzimmer. Da saß er in seiner ferrariroten Jogging-Kluft, die ich so peinlich fand, dass ich beim gemeinsamen Laufen den Leuten am liebsten zugerufen hätte, dass ich nur zufällig neben diesem Mann herlaufen würde, und schaute sich mein Bild an.

“Wann hast du dir das denn gekauft?” fragte er. Ich versuchte vergeblich, aus seinem Gesichtsausdruck etwas herauszulesen.

“Gekauft?”, antwortete ich, “du hast keine Ahnung, wie viel man für so ein Bild auf den Tisch legen muss!”

“Nun gib mal nicht so an, wird schon nicht die Welt gekostet haben”, sagte Johannes, ohne den Blick von der nackten Frau zu lassen.

Ich erzählte ihm von den beiden Männern in Grün, zeigte ihm die Signatur und legte als Beweismittel den Lieferschein vor. Er studierte stumm den Lieferschein, drehte ihn herum, las noch einmal das, was auf der Vorderseite stand.

“Über 150.000 $, sagst du?”

“Klar, mindestens, ich war gerade dabei, weitere Preise zu recherchieren.”

“Und du willst es einfach so behalten?”

“Einfach so? Name und Adresse sind o. k., Lieferschein auch. Was heißt da ‘einfach so’?”

“Mach keinen Scheiß, Junge”, sagte Johannes und legte den Lieferschein neben sich auf den Teppich.

“Ist doch ein scharfes Bild”, sagte ich. Er schaute auf seine Hände.

“Ob da nun eine scharfe Frau drauf ist oder ein Hecht mit scharfen Zähnen, wenn du mich um Rat fragst, dann ruf bei dieser Pampelmusen-Galerie an und frag, wie du es zurück geben kannst.”

“Ich rufe doch nicht irgendwo in den USA an! Sollen die anrufen, ich habe nichts falsch gemacht.”