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Hinter den unzähligen Toren von Bunyarba wartet eine beinahe vergessene Legende darauf, gefunden zu werden: SOLID YOL. Während der alte Kapitän Caspar und sein mysteriöser Leibwächter ein Mädchen unter ihren Schutz stellen sollen und dabei allerhand Hindernisse überbrücken müssen, gerät die aufgeweckte Felina mehr zufällig zwischen die Fronten von Freundschaft, Hass, Verrat und Loyalität. Jeder seinen eigenen Weg beschreitend ahnen weder Felina noch Caspar, auf welche unglaubliche Weise ihre Schicksale miteinander verbunden sind ... Im dichten Nebel der Geschichten lauern unheimliche Geschöpfe, aber auch friedliebende Kreaturen auf jeden Wanderer, der mutig - oder unwissend - genug ist, sich nach Bunyarba zu begeben, denn: Das Abenteuer könnte vor jeder Haustür stehen. Bereits in Arbeit: TAUSENDFÜRST - Die Macht der Honigtröpfer
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Nick Finkler
Solid Yol
Das Geheimnis der Honigtröpfer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Caspar
In nebligen Gewässern
Eine schwerwiegende Aufgabe
Felina und Nigma
Ein Meister und eine Entführung
Nigmas Garten
Unerwartetes Wiedersehen
Wolkenlauf
Unliebsame Begegnung
Pardenfese
Die Erzählungen der Seherin
Der verlorene Sohn
Der See
Kommandant Ubrum
Jirfio weiß viel
Felinas Sinneswandel
Noch immer machtlos
Der Lendrem
Hilfe von allen Seiten
Binadri Sekas
Begegnung mit Nr. 43
Das Schicksal der Kapydú
Juliet, die Perelua
Drachenwut
Das weiße Labyrinth
Das Versprechen
Zwei neue Freunde
Abschied
Schachtwanderungen
In Ryes
Schauspielkünste
Die Stadt im Untergrund
Keptem Linodarmas
Der Reisende Wald
Ein rebellisches Neprecer
Keine Spur von Bergidylle
Fenrir
Wolkenlauf hat neue Gäste
Minus eins
Im Lager des Feindes
Solid Yol
Widmung
Personen - Orte - Begriffe
Impressum neobooks
Irgendwo in Europa schlich sich ein unscheinbares Wesen in den Körper eines Menschen, während hunderte Kilometer entfernt die Tür eines Zugabteils geöffnet wurde.
"Ach, sieh einer an! Julie. Die Welt ist klein.“
Ein sonnengebräunter Mann war herein gekommen, seine sanfte sonore Stimme galt der jungen Frau, die am Fenster des Abteils saß. Sie war allein und ihr schwarzes Haar fiel ihr locker über die Schultern. Ihre offenherzigen Augen blickten zu dem Mann, und sie schenkte ihm ein ehrliches Lächeln.
"Mario! Ja, das kann man wohl sagen“, entgegnete sie. "Setz dich doch.“
Während sie sich unterhielten, blickte Julie immer mal wieder aus dem Fenster. Draußen rauschten üppige Wälder vorbei und wechselten sich mit weiten, abgeernteten Feldern ab. Sie sprachen über die Familie, über Arbeit und kamen schließlich zum Thema Bekanntschaften.
"Ich kenne ja seit gut zwei Wochen diese Frau ... Sina“, begann Mario. "Mit der treffe ich mich ab und zu mal, wir gehen was trinken oder ins Kino. Ist eigentlich ganz angenehm, und vor allem mal eine Abwechslung zu dem ganzen Stress in der Firma.“
Ein Bahnhof wurde angekündigt.
"Wohnt sie denn in der gleichen Stadt wie du?“ fragte Julie.
"Ja, zum Glück, aber am anderen Ende. Außerdem hat sie auch viel zu tun. Arbeitet irgendwo in der Werbebranche.“
"Das nenne ich wirklich Glück“, brachte sie ein melancholisches Lächeln zustande.
"Wieso?“ wollte er nun wissen.
"Ach, weißt du ... vor ungefähr anderthalb Jahren ist Harald, ein guter Bekannter von mir, weit weg gezogen. Und wir halten bloß noch über Briefe den Kontakt aufrecht.“
"Das heißt, ihr seht euch gar nicht mehr? Das tut mir leid. Wo wohnt er denn jetzt?“
"Gute Frage ... der Name der Stadt ist Tremskail Mahsrill.“
"Das klingt ja sehr exotisch. Afrika vielleicht?“
Die junge Frau schüttelte den Kopf, wobei ihr Haar wippte.
"Nein, das glaube ich nicht. Er schreibt immer wieder, dass es dort, wo er jetzt wohnt, sehr kalt sei.“
"Na, dann wird es Skandinavien sein. Oder Island vielleicht. Und da oben in Kanada haben sie doch auch oft so komische Namen für ihre Städte.“
"Mag sein. Aber soll ich dir mal erzählen, wie wir uns Briefe schreiben? Das glaubst du mir nie.“
"Erzähl schon, ich bin gespannt.“
Ein weiterer Bahnhof wurde ausgerufen. Draußen schimmerte die Oberfläche eines Sees durch die Blätter der Bäume. Julie beugte sich vor.
"Also, pass auf. Es fing damit an, dass eine rote Brieftaube an mein Fenster geflogen kam und einen Brief bei sich hatte."
"Eine rote Taube? Was meinst du damit?"
"Ich sag ja, es ist unglaublich. Ich meine damit, dass sie rotes Gefieder hat! Der Brief war von meinem Bekannten, und er schrieb mir, dass die Taube solange bei mir bleiben würde, bis ich eine Antwort abschicken könnte. Im Folgenden habe ich also dafür gesorgt, dass sie sich bei mir wohlfühlt, wenn sie kommt, und habe mich auch mit dem Schreiben beeilt, damit sie schnell zurückfliegen konnte. Und so läuft das bis heute.“
"Aber was ich nicht verstehe, mal ganz abgesehen von der roten Taube, warum benutzt ihr nicht den normalen Postweg? Das wäre doch viel einfacher, oder täusch ich mich?“
"Das ist es ja eben. Harald hat in seinem ersten Brief ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Briefe nicht auf herkömmlichem Wege zu ihm gelangen würden, weil die Post nicht bis zu seiner Stadt finden könnte.“
"Na, das muss aber ein merkwürdiger Ort sein, wo er jetzt wohnt.“
Julie nickte und sah wieder aus dem Fenster.
"Ja, manchmal glaube ich fast, er lebt in einer anderen Welt.“
Der alte Kapitän kam sich verloren vor. Um ihn herum seltsame, nicht ausschließlich von Menschenhand entworfene Gebäude, in der Luft Geräusche des Grauens, sah er sich umgeben von sonderbaren, schattenhaften Gestalten, die wie eine Vorahnung wirkten. Doch sie waren ihm nicht feindlich gesinnt, wie es schien, sondern unterstützten ihn auf der Suche nach etwas Wertvollem. Es krachte in seinen Ohren und plötzlich vernahm er eine Stimme, fern und wispernd, jenseits des Geschehens um ihn herum, doch zugleich so deutlich, als würde derjenige direkt neben ihm stehen.
"Caspar. Ich erwarte dich am Strand, Caspar.“
Fröstelnd erwachte er. Sein Schlafzimmer lag in fahlem Zwielicht und nur durch das Fenster machte sich der Schein des Vollmondes bemerkbar.
Es war wieder nur ein Traum gewesen. Seit Wochen sah er nachts die gleichen Bilder und wusste doch nicht, was sie bedeuteten. Dennoch faszinierten sie ihn, dass es beinahe unheimlich war. Jedes Mal genau die selbe Abfolge von Eindrücken ... nein. Etwas war heute anders. Jemand hatte ihn angesprochen. Die Stimme kam ihm sehr vertraut vor, und er fragte sich keine Sekunde, ob er ihrer Aufforderung folgen sollte.
Ohne zu zögern stand er auf, schnappte sich seinen Bademantel, schlüpfte in die Hausschuhe und ging auf den Flur hinaus.
Sein zweistöckiges Haus war dunkel. Wo das satte Mondlicht keinen Weg hinein fand, hüllten sich Wände und Winkel in Finsternis. Caspar stieg die Treppe hinab, durchquerte das Wohnzimmer und kam dabei an der Küche vorbei. Nachdenklich kratzte er sich den dichten, weißen Bart und den beinahe kahlen Kopf. Er überlegte, ob es sinnvoll war, sich eines der Küchenmesser mitzunehmen, kam aber zu dem Schluss, dass hier an der Küste, nahe seines Hauses, keine wirkliche Gefahr zu erwarten sei. Irgendwie enttäuschte ihn dieser letzte Gedanke. Schon zu früheren Zeiten hatte er seine Fertigkeiten mit Klingen erproben können, doch inzwischen gab er keinen ernstzunehmenden Widersacher mehr ab, sondern glich mehr dem Weihnachtsmann als dem Burschen, der er einst war. Als junger Wildfang hatte Caspar es nicht abwarten können, endlich auf Reisen zu gehen, die Welt zu sehen und alles zu entdecken, was nicht auf Karten verzeichnet war. Wie viele seltsame Personen ihm begegnet waren und in welche unglaublichen Abenteuer er verstrickt worden war, vermochte er bald nicht mehr zu zählen. Er war mit den Jahren so abgebrüht geworden, dass ihn wortwörtlich nicht mehr viel schockieren konnte. Umso schwieriger gestaltete sich aber auch die Suche nach neuen Eindrücken, neuen Entdeckungen, neuen Reisen. Als Caspar sich im Laufe seiner Berufslaufbahn schließlich sein eigenes kleines Schiff gekauft hatte und mit Frachttransporten selbst die hintersten Winkel der Erde ihm nicht mehr fremd waren, musste er sich notgedrungen damit begnügen, auf altbekannten Wegen zu fahren. Zeitweise war ihm diese Eintönigkeit sogar willkommen, um sich im Sommer bei einem schönen Glas Rum hinter seinem Haus die Sonne auf die narbige Brust scheinen zu lassen und hin und wieder ein lauschiges Wort mit einem der Nachbarn zu wechseln. Doch lange hielt diese Idylle nicht an - zu stark zog die Sehnsucht nach neuen Abenteuern ihn wieder aufs Meer hinaus, ohne Erfolg. Eine nächtliche Begegnung am Strand, direkt nach einem seiner seltsamen Träume, erschien ihm somit wie ein Zeichen des Himmels.
Neben der Haustür lag seine Pfeife. Auf ausgedehnten Spaziergängen am Strand oder noch lieber entlang der Bucht, wo weniger Menschen waren, gönnte Caspar sich gerne ein paar Züge aus diesem schmuckvoll verzierten Erbstück. Er steckte sie sich in den Mund, um seine gespannte Erwartung zumindest an ihr auslassen zu können.
Das Städtchen schlief tief und friedlich. Der Alte ließ seinen Blick über die Dächer schweifen, sog die eisige Luft ein und fühlte sich bereit. Mit dem Blick auf den Leuchtturm gerichtet, stieg er die Stufen zum Strand hinunter. Dort lag in einiger Entfernung sein kleines Schiff vor Anker, die Cerpat. Gepflegt sah sie aus mit ihren Segeln und ihrer matt weiß glänzenden Lackierung. Unzählige Male schon war er damit unterwegs gewesen, hatte fremde Länder gesehen und das raue Leben auf See genossen. Nun aber machte sich das Alter bei ihm bemerkbar und er war gezwungen, sich demnächst zur Ruhe zu setzen.
Plötzlich fiel ihm eine Bewegung im Schatten einer hohen Böschung auf. Er erkannte die Gestalt, die dort stand. Es war Pépe, sein ehemaliger Schiffsjunge.
"Hallo“, sagte Caspar mit freundlicher Stimme. "Was treibt dich denn um diese nachtschlafende Zeit hierher, du Leichtmatrose?"
Der Schiffsjunge antwortete nicht. Er starrte ihn nur an. Caspar wurde langsam etwas kühl in seinem Bademantel.
"Komm, Junge, es ist doch kalt hier. Lass uns reingehen."
Der Schiffsjunge blieb stumm. Seine stahlblauen Augen durchdrangen den Alten. Ihm wurde es gruselig zumute und er bewegte sich langsam einen Schritt auf Pépe zu.
"Komm doch endlich, beim Klabautermann! Du erkältest dich noch."
Noch immer keine Regung. Caspar wurde nun sichtlich ungeduldig und streckte eine Hand nach der Schulter des Jungen aus.
"Komm gefälligst mit, Menschenskind..."
Mitten im Satz stockte ihm der Atem. Die Pfeife fiel ihm aus dem Mund in den weichen Sand. Der Schiffsjunge war aus dem Schatten hervor gekommen und hatte den Kapitän an der Kehle gepackt. Immer fester schloss sich die für einen fleißigen Schiffsjungen eigentlich zu kindlich aussehende Hand um den stämmigen Nacken des Alten. Nun, im Mondlicht, war der hagere Pépe viel besser zu erkennen. Sein kurzes schwarzes Haar stand in alle Richtungen ab; seine stahlblauen Augen blickten wie in Trance durch Caspar hindurch und seine Kleidung bestand nur aus Lumpen. Vom reinen Aussehen her wog er höchstens halb soviel wie sein Opfer.
Caspar rang nach Luft und keuchte ein heiseres "Wer... bist ... du...?", während sich die Hand immer fester um seinen Hals schloss.
Dann aber atmete er erleichtert auf, während sein Körper zu Boden sackte. Der Schiffsjunge hatte unfreiwillig den Griff lockern müssen, und der Alte sah nach einem kurzen Kopfschütteln auch den Grund. Zwischen ihm und dem mordlüsternen Pépe mit der Kindeshand stand eine groß gewachsene Gestalt. Ihr Mantel wehte schwarzgold im nächtlichen Wind und trug einen Hauch von Seetang und Fisch mit sich, als wäre sie geradewegs aus dem Meer gekommen. In Windeseile nach seiner Pfeife tastend, ließ Caspar diesen fremden Lebensretter nicht aus den Augen. Inzwischen hatte sich eine dicke Wolkenformation vor den Mond geschoben. Doch die schwarzgoldene Gestalt war keineswegs zu verfehlen, da ein seltsames Leuchten von dem Mantel ausging. Es versetzte den Alten in eine Art Rauschzustand, wie er ihn nur von gelegentlichen Besuchen in der örtlichen Hafenspelunke kannte. Dennoch bekam er alles mit, was um ihn herum geschah. Er versuchte, das Gesicht des Fremden zu erhaschen, aber außer seinen dunklen grünen Haaren, die bis zu den breiten Schultern reichten, und spitzen Ohren, die in einem halbwegs glatten Gesicht endeten, war nichts sonst zu erkennen.
"Scher dich fort, was immer du sein magst. Greif deinesgleichen an, aber nicht ihn hier!"
Eine Reibeisenstimme ließ Caspar zusammen zucken. Sie kam von dem Lebensretter.
Eine leisere, beinah greinende Stimme erwiderte: "Verzeiht, Herr. Es wird gewiss nicht mehr passieren, Herr.“
Der Schiffsjunge verbeugte sich tief, sah aber verschlagen zu dem Gesicht des Fremden hoch und seine Augen blitzten auf. Caspar stürzte zu seinem Retter und schubste ihn zur Seite. Im rechten Augenblick, denn just in dem Moment erwischte den Alten die andere Hand des Schiffsjungen, ein zerfurchter Klumpen Haut geballt zu einer Faust. In hohem Bogen und mit einem Schmerzensschrei flog der Kapitän gegen eine Felskante ganz in der Nähe und blieb liegen. Der schwarzgolden verhüllte Mann stand auf und sah von dem Verletzten hinüber zum Attentäter. Dieser sah den Fremden an und lachte auf eine unmenschliche Art.
Mit wütender, keine Gnade kennender Stimme sprach der Fremde:
"Ich verfluche dich, du Monstrum. Wenn du ihm ernsthafte Schäden beigebracht haben solltest, wirst du unser nächstes Treffen nicht überleben. Und nun mach dich fort mit deinen Entstellungen. Euer Volk bekommt ihn nicht, und kein anderes Volk wird ihn bekommen. Richte das deinen Auftraggebern aus!“
Lachen tönte abermals aus dem Mund des Schiffsjungen, und er geiferte. Mit der gehobenen Kindeshand als Zeichen des Abschieds sprang er in die Schatten der Nacht und war verschwunden. Schnell besann sich der Große und eilte zu Caspar. Behutsam hob er ihn auf seine Schultern und ging langsamen Schrittes den Weg hinauf zu Caspars Haus, fand die Haustür unverschlossen vor, legte ihn aufs Sofa und setzte sich neben ihn.
Das Haus stand so günstig auf der Küstenklippe, dass am nächsten Vormittag ein paar Sonnenstrahlen durchs Fenster schlüpften und Caspar, der immer noch auf dem Sofa lag, an der Nase kitzelten. Mit einem heftigen Nieser wachte er auf. Sofort fiel ihm die vergangene Nacht wieder ein und er fasste sich an den Kopf. Zu seiner Verwunderung aber war dieser verbunden. Er schaute sich um, entdeckte aber nichts und niemanden. Ein zweites Mal wanderte sein Blick durch den Raum, blieb dieses Mal allerdings an dem Durchgang zur Küche hängen. Denn dort stand plötzlich sein Lebensretter und lächelte. Verwundert und wortlos saß Caspar einfach nur da und sah den Mann an, der immer noch unverändert lächelnd in seinem schwarzgoldenen Mantel stand wie ein halber Riese. Langsam kam er näher ans Sofa heran und setzte sich schließlich auf die Lehne.
"Nun, wie fühlen wir uns heute? Tut der Kopf noch sehr weh?"
Die Reibeisenstimme hatte wieder gesprochen. Und nun, da dieser Fremde so dicht und bei Sonnenschein vor ihm stand, konnte Caspar auch endlich das Gesicht seines Retters genauer in Augenschein nehmen. Abgesehen von den grünen Haaren und spitzen Ohren, die er schon in der vergangenen Nacht entdeckt hatte, sah man jetzt, dass der Fremde ein ziemlich schmales Gesicht besaß. Eine hohe Stirn reichte bis zu buschigen Augenbrauen, die ebenso grün waren wie die Haarpracht. Geheimnisvolle Augen, deren Farbe nicht festzustellen war, ließen darauf schließen, dass sie schon viel gesehen hatten. Die Beschaffenheit der teils grün schimmernden, teils menschlich rosa wirkenden Haut, die er schon nachts bemerkt hatte, gab ihm nun noch mehr zu denken. Manchmal schien sie eher glatt zu sein; bewegte der Fremde jedoch seinen Kopf nur ein wenig nach rechts oder links, meinte man, die Haut wäre zerfurcht von einigen Narben. Der restliche Körper wurde von dem schimmernden Mantel des Fremden verdeckt und noch immer war ein Duft aus dem Meer wahrnehmbar. Caspar war überzeugt, kein menschliches Wesen vor sich zu haben. Der Fremde stand auf und verneigte sich.
"Verzeih, wie konnte ich nur meine guten Manieren vernachlässigen? Mein Name ist Eldrit, ich bin ein Trollenprinz vom Volk der Edeltrolle und dein guter Geist."
Der Kapitän nickte nur und erwiderte leise:
"Angenehm. Mein Name ist Caspar, ich bin ein alter Seebär, gehöre bald zum alten Eisen und bin nicht im Bilde, was hier vor sich geht. Gestern Nacht zog mich irgendwas aus meinem Bett, ich ging zum Strand, traf auf Pépe, einen eigentlich recht freundlichen Schiffsjungen, der mir oftmals auf meinen Reisen zur Seite stand und der demnächst unter neuer Anleitung zu einem guten Matrosen hätte werden können. Doch dann griff er mich an und auf einmal warst du da und ich blicke nun überhaupt nicht mehr durch. Ich dachte, Trolle und dergleichen gibt es nur im Märchen. Und was soll das mit dem guten Geist? Du musst mir wohl einiges erklären, Eldrit."
Der Prinz lächelte und neigte sich zum Gesicht des Kapitäns herunter.
"Mein guter Caspar, alles zu seiner Zeit. Im Moment musst du nur wissen, dass Pépe vielleicht noch längst kein Einzelfall war. Da du aus bestimmten Gründen, die allerdings auch mir bisher verborgen geblieben sind, beschützt werden musst, wurde ich als dein Leibwächter abkommandiert. Sieh dich also vor und pass auf, wem du dein Vertrauen schenkst."
Mit diesen Worten erhob sich der Prinz und ging aus dem Haus. Caspar saß immer noch auf dem Sofa und kratzte sich am Bart.
"Ich glaube, das muss ich erst mal mit einem schönen Glas Rum besprechen. So ein sonderbarer Kerl ist mir ja noch nie untergekommen, auf meinen gesamten Seereisen noch nicht. Na ja, womöglich wache ich morgen früh auf und das alles war wieder bloß einer meiner beknackten Träume. Falls allerdings nicht, dann wird das unter Umständen ein ganz nettes Abenteuer."
Er stand auf und ging in die Küche. Während er verwirrt dem Alkohol zusprach, schlich Eldrit wieder ins Haus und setzte sich aufs Sofa.
"Caspar", schüttelte er nachdenklich den Kopf. "Ich frage mich, weshalb du so interessant für deine Feinde bist. Bisher war der Junge von letzter Nacht immerhin der einzige Angreifer. Ich will hoffen, dass es auch dabei bleibt. Aber Hoffnung, habe ich mal gehört, ist nur dann Vorbote des Erfolges, wenn Pech ihr nicht entgegen reitet."
Wellen schlugen gegen die Felsformation, die groß und prächtig vom Festland ins Meer ragte. Die kleine Bucht, in der einsam das Schiff vor Anker lag, beherbergte ein paar hundert Möwen, die hier friedlich ihr Vogeldasein fristeten. Inmitten des ganzen Hafentreibens, der Fischer, die ihren Fang unter die Leute brachten und der verträumten Hafenarbeiter, schlenderte Caspar, Kapitän der Cerpat, über den Strand, der den Hafen mit dem kleinen Fleckchen am Leuchtturm verband, zu seinem Schiff und zog genüsslich an seiner Pfeife. Mehrere Möwen begleiteten den alten Seebären, der seine weißblaue Kapitänsmütze erhobenen Hauptes trug. Die Luft wehte salzig und kühl um die Nase des Alten, während er auf eine Gestalt am Ufer zusteuerte. Es war Eldrit, der Trollenprinz, der ihn dort bereits erwartet hatte und die Möwen beobachtete. Als Caspar sich näherte, drehte er sich zu ihm um und lächelte. Caspar sah an Eldrit vorbei zu den Vögeln, die inzwischen im Sand saßen und ihr Federkleid putzten. Plötzlich bewegte sich eine von ihnen beinahe unmerklich auf Eldrit zu und öffnete leicht den Schnabel. Der Prinz tat so, als merke er es nicht. Caspar sah sich das Schauspiel an und stutzte, sagte aber kein Wort. Als die Möwe ganz dicht bei dem Prinzen stand, klappte der Schnabel unnatürlich weit auf und ihm entstieg ein bestialischer Gestank wie von tausend faulen Eiern. Der alte Kapitän hielt sich seine weißblaue Kapitänsmütze vors Gesicht, um nicht zu ersticken. Selbst dem Trollenprinz sah man an, dass ihm die Luftverpestung nicht gerade behagte. Auf einmal wurde die Möwe so groß wie Eldrit, die weißen Federn fielen reihenweise in den Sand und zum Vorschein kamen fledermausähnliche, bizarr in die Länge gezogene Schwingen mit enormer Spannweite. In der Dunkelheit des Schnabels flammten zwei gelbe Punkte auf und aus den vermeintlichen Augen wuchsen lange Hörner, die an ihrer Spitze einer Spirale glichen. Caspar sah zu Eldrit, doch dieser rührte sich keinen Millimeter vom Fleck.
Er flüsterte dem Kapitän nur leise zu: "Ich sagte doch, schenke dein Vertrauen den richtigen Wesen!"
Mit diesen Worten drehte sich der Prinz um und versetzte der Kreatur einen dermaßen harten Schlag, dass diese zu Boden stürzte und in die Möwenmenge rutschte. Das eigenartige an der Szene war, dass keine Faust des Prinzen zu sehen gewesen war, sondern diese weiterhin von seinem Mantel verhüllt wurde. Als der Prinz im nächsten Moment sah, was er da gerade geschlagen hatte, versagte ihm für einen kurzen Moment der Atem, so als hätte er mit einer anderen Erscheinung gerechnet. Mit ernstem Blick nahm Eldrit den total verwirrten Caspar mühelos auf die Schulter, so als hätte er dies schon sein gesamtes Leben über getan, und rannte zum Schiff. An Bord angekommen, setzte er Caspar wieder ab, wandte sich rasch um und sah, wie die Kreatur sich langsam wieder aufrichtete und samt dem kompletten Möwengefolge, welches ihr zu gehorchen schien, dem Schiff näherte. Sofort holte Eldrit, zu Caspars Verblüffung, den Anker ein und setzte die Segel. Günstigerweise bließ mittlerweile ein stärkerer Wind und trieb die beiden Flüchtenden vom Strand fort. Während der Trollenprinz das Steuerrad übernahm, behielt Caspar die kreischende Möwensippe samt ihrem grausigen Anführer im Auge.
Der Wind meinte es gut mit ihnen, denn sie kamen schneller voran als ihre Verfolger. Bald schon war das Festland nicht mehr in Sichtweite, und sie fuhren noch immer. Schließlich, als Caspar verlauten ließ, dass keine Gefahr mehr bestünde, holten sie das Segel ein und erholten sich von der überstürzten Flucht. Nach einiger Zeit war noch immer nichts von dem Schnabeldrachen, wie Caspar das Geschöpf nannte, zu sehen.
Caspar lehnte sich an die Reling: "Eldrit, nun erklär mir mal Punkt für Punkt, was uns da eben an den Kragen wollte. Und wer hat dich zu meinem Leibwächter ernannt? Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie lange ich noch den Unwissenden spielen will."
Der Prinz lächelte. "Ich kann dich ja verstehen. Also gut, ein wenig sollst du erfahren. Zuerst einmal zu unseren Verfolgern. Wie wir gesehen haben, waren sie alles andere als friedlich. Dein sogenannter Schnabeldrache war ein Cheberim. Cheberims sind grässliche Dämonen, die jede beliebige Gestalt annehmen können. Ihr wahres, ursprüngliches Aussehen kennen nur die wenigsten, doch es soll schrecklich sein. Generell greifen sie nicht ohne Grund an, sondern jagen hauptsächlich und schlafen außerdem tagsüber, es sei denn, man richtet sie zur Jagd ab, aber Cheberims sind so unbezähmbar wie kein anderes Lebewesen, dem ich je begegnet bin. Das Exemplar vorhin war sehr schwach, weshalb ich ihn auch so leicht abfertigen konnte. Vermutlich handelte es sich um ein Jungtier. Wir hatten Glück, dass es kein ausgewachsener Dämon war; die sind meistens stärker. Warum er es gerade auf uns abgesehen hatte, will mir nicht in den Kopf. Denn der Grund, weshalb ich auf dich Acht geben soll, ist auch mir nicht wirklich bewusst."
Caspar lächelte etwas verzerrt. "Vielleicht hatte er einfach mal Lust auf etwas Neues, oder er wurde tatsächlich abgerichtet."
Eldrit nickte.
"Ich sehe, du machst dir Gedanken darüber. Wenn du Recht hättest, dass er abgerichtet worden wäre, dann muss uns das zu denken geben, denn wer solch mächtige Wesen wie Cheberims unter seine Kontrolle bringen kann, der hat selbst eine noch viel größere Macht. Und was den abweichenden Appetit angeht, auf den du anspielst: Cheberims verspeisen lediglich Waldtiere wie Hirsche, Eulen oder gelegentlich mal einen Fuchs. An Menschen sind sie gar nicht interessiert, das Fleisch wäre zu zäh."
Caspar sprang empört auf: "Na hör mal! Mein Fleisch ist vielleicht alt, aber immer noch erstklassig!"
Eldrit lachte leise.
"Bitte, tu dir keinen Zwang an. Du kannst gern zurück und dich als Mittagessen anbieten. Das würde ich allerdings an deiner Stelle lassen. Denn du scheinst aus einem mir unbekannten Grund wenigstens bei diesem einen Cheberim ein gewisses Interesse zu wecken. Vielleicht ist ja auch das der Grund, weshalb ich dir als Leibwächter zugeteilt wurde."
"Und wie finden wir das nun raus?" fragte Caspar wissbegierig.
Eldrit stand auf. "Lass uns erst mal schlafen gehen. Wir sollten noch ein wenig Zeit verstreichen lassen, bevor wir zum Strand zurückfahren. Und später lässt sich immer noch über das Problem nachdenken.“
Und so begaben sich beide unter Deck, während am Himmel die Sonne den Nachmittag begrüßte. Und wenn man über das Rauschen der Wellen hinweg hörte, konnte man in weiter Ferne ein heiseres Kreischen vernehmen, das langsam aber sicher immer leiser wurde und schließlich ganz abebbte.
Nebel hatte sich wie eine unbequeme Decke über die Umgebung gelegt, als die beiden an Deck kamen. Mehrere Stunden waren inzwischen vergangen, und doch hing die Sonne als heller Kreis noch halbwegs sichtbar über dem Horizont. Caspar sah sich misstrauisch um, doch entdeckte er nirgends eine Spur des Cheberims und dessen Gefolgschaft. Zur Verwunderung der beiden erklang nun irgendwo im Nebel eine seltsam fremdländische Melodie. Sie schien einen eigenartigen Zauber auszuströmen, der das Gefühl von Vertrauen vermittelte. Sie sahen sich nach allen Seiten um, doch keiner konnte etwas erspähen.
"Eldrit, da!" flüsterte Caspar plötzlich und deutete auf eine bestimmte Stelle mitten im Nebel.
Der graue Schleier ließ ein großes Gebilde ans Licht. Es glich einem alten Wikingerschiff, mit Ausnahme des Segels, das ein exotisch anmutendes Wappen trug. Obwohl kein Wind sich rührte, war das Segel beinahe zum Bersten aufgeblasen. Von diesem alten Kahn schien die Melodie zu kommen und gebannt sahen die beiden zu, wie er sich der Cerpat näherte. Als er längs neben ihnen zum Stehen kam, rührten sie sich nicht.
"Na, ihr Landratten? So weit draußen? Habt ihr denn keine Angst allein auf See?"
Eine raue, beinah blecherne Stimme ertönte aus dem Inneren des Kahns. Dann vernahmen sie etwas, das wie Klopfen auf Holz klang. Ein Schnaufen kam aus dem Schiffsrumpf immer näher an die Oberfläche. Schließlich trat der vermeintliche Kapitän des Schiffs an Deck, eine recht imposante Gestalt.
Sein beleibter Körper wurde mittig von einem olivgrünen Stoffgürtel umschlungen, eine golden und silbern glitzernde Weste prangte darüber, die Hose war aus edel aussehender, violettfarbener Wolle gefertigt und hatte dort, wo der Fremde ein Holzbein besaß, eine Aussparung.
Das freundliche, gewitzte Lächeln des Mannes passte zu seinem rundlichen, strahlenden Gesicht, dessen deutlicher Blickfang neben den illuminierend gelben Augen vor allem der ausnehmend kunstvoll geformte Bart war, dessen fein gestutzte Konturen eher wie gemalt denn natürlich gewachsen anmuteten.
Erst jetzt bemerkte Eldrit, dass dieser seltsame Mann den Nebel, aus dem er kam, auf eine unerklärliche Weise mitgebracht zu haben schien. Nun also waren sie mitsamt dem anderen Schiff in dieser Nebelbank und wussten nicht, wohin. Im Nu war der füllige Kapitän auf Augenhöhe mit ihnen und grinste sie an.
"Ihr wollt doch sicher etwas kaufen, habe ich nicht recht?" kicherte die Blechstimme.
Eldrit bekam angesichts dieses seltsam harmlosen Mannes Mut und räusperte sich.
"Mein guter Mann. Wir sind Reisende und zudem auf der Flu- ... ich meinte, auf dem Weg nach Hause. Es bedarf keinerlei Kaufgeschäft, um dorthin zu kommen. Und nun geh bitte auf dein Schiff zurück und lass uns ziehen."
Der fremde Kapitän lächelte. "Aber, aber. Wie wollt ihr denn nach Hause kommen in diesem undurchdringlichen Nebel, wenn man fragen darf?"
Caspar flüsterte dem Prinzen zu: "Da hat er ja wohl recht, wenn ich mich so umsehe."
Eldrit nickte widerwillig. "Nun gut, dann sag uns mal, mit wem wir es zu tun haben."
Der fremde Kapitän verbeugte sich. "Verzeiht mir, mein Name ist Gostov und ich bin ein bescheidener Kaufmann. Dies hier ist mein tüchtiger Handelsfrachter, mit dem ich schon etliche Jahre auf See unterwegs bin. Ich verkaufe die verschiedensten Sachen aus aller Herren Länder an Leute, die sie benötigen. Und nun bitte ich euch, kommt und seht euch um, was ihr nehmen mögt." Und schon war Gostov wieder unterwegs, griff nach einem breiten Brett, positionierte es zwischen die beiden Schiffe als Überquerung für seine Kundschaft und verschwand anschließend unter Deck.
Caspar sah Eldrit misstrauisch an. "Hier wäre Vorsicht durchaus angebracht, nicht wahr?"
Eldrit aber schüttelte den Kopf. "Nein, dieser gutmütige Kaufmann meint es ehrlich mit uns. Du musst noch ein Gespür für die Ehrlichkeit der Leute bekommen." Damit folgte er Gostov unter Deck seines Frachters. Caspar zuckte die Schultern und folgte ebenfalls.
Im Laden von Kapitän Gostov gab es allerlei Krempel, aber auch durchaus wertvolle Gegenstände. Da häuften sich Goldketten über silbernem Besteck, eingelegte Heringe standen neben rot glänzenden Äpfeln, Taschenlampen hingen im Regal zusammen mit Hundeleinen, Kameras und Harpunen. Die bunt gemischte Auswahl ließ keinen Zweifel daran zu, dass Gostov tatsächlich viel herum gekommen war. Bei seinem Erscheinungsbild und dem seines Schiffes hätte Caspar nie damit gerechnet, moderne Technik in dessen Angebot zu finden.
Während beide ihre Nasen zwischen die Regale steckten, bemerkte Caspar plötzlich in einer leicht mit Staub bedeckten Holzkiste ein schwach glimmendes Licht, das ihn förmlich anlockte. Er griff hinein und zog etwas heraus, das wie ein langes Messer aussah, in dessen ledernen Griff zwei Klingen statt einer eingearbeitet waren. Es sah unglaublich scharf aus, und als Gostov sich zu ihm gesellte, legte Caspar es rasch zurück. Der Händler lachte aus tiefer Kehle.
"Ha, nun? Du magst Gefallen daran finden, habe ich nicht Recht? Dieses schmucklose Ding ist ein Dolto, eine Doppelklinge aus östlich liegenden Landen bei ... ach, der Name würde dir vermutlich eh nicht viel sagen. Aber nimm es ruhig, ich verlange auch einen höchst bescheidenen Preis dafür. Hatte ich schon erwähnt, dass ich beinahe jede Form von Bezahlung akzeptiere?“
Während Caspar sich weiter überreden ließ, hatte Eldrit in einer anderen Ecke des mehr als gut ausgestatteten Ladens einen langen Holzstab entdeckt, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Holz selbst war übersät mit ineinander verschlungenen Ornamenten, während an einem Ende des Stabs eine Speerspitze thronte. Als der Trollenprinz gerade danach greifen wollte, vibrierte der Stab, als hätte er ein Eigenleben. Eldrit wich kurz zurück, erkannte dann aber, was es mit dem Gegenstand auf sich hatte und streckte seine verhüllte Hand erneut aus, diesmal mit Konzentration. Nun erhob sich der Stab aus seiner Ecke und glitt wie von Geisterhand geführt in die Hand des Prinzen. Gostov trat herbei und hob anerkennend eine Augenbraue.
"Nun, ich sehe, du verstehst dein Handwerk. Um einen Magubo zu kontrollieren, braucht es schon mehr als Taschenspielertricks. Er kann als Nahkampfwaffe verwendet werden, dient dir aber zusätzlich als Verstärkung deiner magischen Energie. Pass also besser auf, bevor du ihn irgendeinem Säufer zwischen die Rippen stichst und er dabei abbricht. Das wäre wirklich ein Jammer, sag ich dir!“
Als Caspar schließlich noch auf ein Paar Scheinwerfer stieß, wollten sie nicht länger bleiben. Sie bezahlten den gutmütigen Händler, wobei dieser schmunzelnd den Kopf schüttelte, als er das von Caspar erhaltene Geld in seiner Hand betrachtete, und gingen anschließend mit den neuen Waren zurück auf die Cerpat. Mit den Scheinwerfern konnten sie durch den Nebel navigieren und der mittlerweile zurückgekehrte Wind lud sie zum Aufbruch ein.
Beide Schiffe nahmen wieder ihren Kurs auf. Caspar sah dem Kahn noch lange nach, bis dieser schließlich im Nebel verschwunden war. Auf der Rückfahrt diskutierten die beiden darüber, wie ein Handelsschiff, das magische Gegenstände bei sich führte, in diese Gewässer gelangen konnte, die Caspar wie seine Westentasche kannte. Doch sie kamen zu keiner schlüssigen Lösung. Stattdessen bewunderten sie ihre neuen Waffen und sprachen über mögliche Verwendungen gegen Feinde, außerdem lobte Eldrit seinen Schützling dafür, Geld bei sich geführt zu haben, was Caspar mit einem Schulterzucken der Selbstverständlichkeit abtat.
Endlich war wieder Land in Sicht, die Klippe zeichnete sich deutlich gegen den Horizont ab. Beinah in Jubelschreie ausbrechend, überhörten die beiden Heimkehrer nur knapp das furchterregende Kreischen. Caspar war sich sicher, dass das Kreischen direkt vom Leuchtturm ausgehen würde. Doch dort war nichts zu entdecken. Sie steuerten direkt darauf zu und ankerten. Die Füße wieder auf festem Boden, sahen sie sich vorsichtig um. Nirgends war etwas Verdächtiges zu erkennen. Langsam schlichen sie zum Eingang des Turms. In dem aufziehenden Mond schimmerten ihre Schatten gruselig lang und unheimlich.
"Ja ja, so sieht man sich also wieder, meine Lieben! Habt ihr mich vermisst? Das hoffe ich doch stark!" In Windeseile drehten sich beide um und sahen Pépe vor sich stehen, wie er hämisch grinste und die Arme verschränkt hielt. Seit ihrem letzten Zusammentreffen waren seine Arme komplett zu undefinierbaren Hautklumpen verwachsen. Caspar wollte gerade zu ihm gehen, als Eldrit den Kapitän zur Seite nahm.
"Warte. Irgendwas ist faul an ihm. Ich glaube ehrlich gesagt nicht einmal, dass es noch der Pépe ist, den du kennst."
Caspar sah ihn an. "Ich kenne nur diesen einen Pépe, und der wird gleich mächtig Ärger bekommen", schnaubte er wütend.
Doch bevor er etwas sagen oder tun konnte, wich Caspar erschrocken zurück, denn vor ihm stand nicht mehr der Schiffsjunge, der einst auf vielen Fischkuttern mitgearbeitet und auch Caspar tatkräftig zur Seite gestanden hatte. Stattdessen hatte sich Pépe direkt vor ihren Augen in den Schnabeldrachen verwandelt, der sie mit seiner Möwenschar verfolgt hatte. Nun kreischte er in einem derart schrillen Ton, dass sie sich die Ohren zuhalten mussten. Mit ängstlichen Augen sahen sie, wie der Cheberim sich in die Lüfte erhob und auf der Spitze des Leuchtturms landete. Weit hatte er seine Schwingen ausgebreitet und streckte den Kopf in die Luft, als wolle er die Sterne am Himmelszelt fressen. Seinen Blick nicht von dem Ungetüm abwendend, flüsterte Caspar mit Eldrit, was nun geschehen solle. Der Trollenprinz sah sich um, dann dachte er angestrengt nach. Schließlich einigten sie sich darauf, die bei Gostov gekauften Waffen zum Einsatz zu bringen, die sich noch auf der Cerpat befanden.
Als der Cheberim seinen Blick für einen Moment seinen Kopf drehte, preschten sie los, so schnell ihre Beine sie tragen konnten. Wie geplant waren sie rasch auf dem Schiff und liefen unter Deck. Kampfbereit packten sie ihre schneidigen Helfer und stürmten zurück an Land. Das heißt, so bereit war Caspar noch nicht. Ein großes Schiff durch die wildeste See zu leiten, ohne dass es sinkt, war eine Sache. Auch die zeitweise auftauchenden Reibereien der Matrosen an Deck waren kein echtes Problem für ihn gewesen. Aber mit Waffen konnte er nicht besonders gut umgehen, seine Messerkünste waren indes passabel genug. Außerdem gab es nun plötzlich üble Monster in seinem Leben, die es aus irgendeinem Grund auf ihn abgesehen hatten. Also würde er kämpfen, koste es, was es wolle.
Natürlich wurden sie bereits erwartet, als sie vom Schiff kamen. Nicht nur war der Cheberim wieder am Boden, sondern er hatte auch noch gut zwei Dutzend Möwen um sich geschart. Ohne einen Ansatz von Furcht zu zeigen, stapften die beiden Waffenträger durch den Sand, der im hellen Mondlicht golden leuchtete. Etwas erstaunt über den plötzlichen Mut des Feindes, verharrte der Cheberim kurze Zeit und gab seiner kleinen Armee keine Anweisungen. Diesen Moment nutzte Caspar, um sich auf den grässlichen Anführer zu stürzen. Doch dieser bemerkte rechtzeitig den Angriff, wich mühelos aus und das Dolto erwischte stattdessen eine Möwe. Unmittelbar darauf folgte der Gegenschlag von der restlichen Möwenschar. Ihren Genossen rächend, hieben sie mit ihren harten Schnäbeln auf den schreienden Caspar ein. Mit wilden Schlägen seines Doltos versuchte Caspar, sich seiner Haut zu erwehren. Inzwischen stellte sich Eldrit dem Cheberim. Die Spitze des Magubos auf die Bestie gerichtet, schritt der kampfeslustige Prinz auf den wild kreischenden Widersacher zu.
"Na, du schnuckeliges Tierchen? Gefällt es dir nicht mehr da, wo du herkommst? Warum bist du hier? Was hast du vor? Und die wohl wichtigste Frage ist, warum interessierst du dich so brennend für meinen Klienten?"
Der Cheberim legte den Kopf schief.
"Dein Klient? Ich verstehe nicht..." Ihm war sein Unwissen anzumerken. "Ich habe Befehl, den Menschen auszuliefern, tot oder lebendig. Und kein dahergelaufener Irgendwas wird mich davon abbringen."
Eldrit hatte indes keine große Lust, den allwissenden Lehrmeister zu spielen.
"Fein, also habe ich es wohl nicht nur mit einem schwachen Cheberim, sondern auch noch mit einem Trottel zu tun. Daraus ergibt sich, dass du noch sehr jung sein musst. Du wurdest hierher geschickt, ohne deine Aufgabe wirklich begriffen zu haben. Zudem hast du, vermutlich durch Gedankenkontrolle, einfache Vögel zu deinen Dienern gemacht. Das entehrt dich als Vertreter deiner Spezies; auch wenn eure Spezies allgemeinhin nicht sehr ehrenvoll ist. Euer Volk war einstmals kooperativ genug, mit meinem die Handelswege aufrecht zu erhalten, lange bevor ihr euch entschieden habt, wie wilde Bestien zu leben. Aber ich erspare dir und mir mein königliches Geschwafel und das Schwelgen in alten Zeiten, indem ich dich jetzt zu deinen weitaus ruhmreicheren Vorfahren schicke. Leb wohl."
Mit diesem Satz stieß Eldrit dem immer noch unwissenden Ungetüm den Magubo mitten in die Brust. Kurz stöhnte er auf, dann sank er kraftlos zu Boden. Eldrit zog seinen Stab aus dem leblosen Körper und reinigte ihn vom Blut. Dann warf er einen eher unbeteiligten Blick zu Caspar. Unmittelbar wurde ihm bewusst, dass dieser ja noch mit den Möwen zu kämpfen hatte. Sofort lief der Prinz auf den Kapitän zu, über dem die Vögel stolz kreischten. Ein paar wenige saßen noch auf ihm und hackten gelangweilt herum; der Tod ihres Anführers hatte sie irritiert. Entschlossen hieb Eldrit nach den Möwen und sie flogen kreischend in den Nachthimmel davon. Eldrit beugte sich besorgt über den zusammengekauerten Caspar, wie er so sein Dolto festhielt und zitterte. Nach einiger Zeit sah er auf und blickte Eldrit direkt in die Augen.
"Sind... sind sie weg?" wisperte er, von Angst erfüllt. Eldrit nickte nur lächelnd. Caspar hatte sich kaum Verletzungen geholt. Um ihn herum lagen ungefähr sieben Möwen verstreut und rührten sich nicht mehr.
Frisch gebadet, erzählte Eldrit dem staunenden Seebären vom merkwürdigen Gespräch mit dem Cheberim und welchen Schluss er daraus zog.
"Ich denke, dass du einen weitaus größeren Gegner als die Cheberims zu fürchten hast. Denn wer eine solche Kontrolle hat und einen Unerfahrenen zu uns schicken kann, der muss große Macht besitzen. Der Anführer der Cheberims, ein Kommandant namens Gogre Dihn, würde keinen Anfänger schicken. Ich frage mich nur, wer neben meinem Vater soviel Macht besitzen könnte."
Nachdenklich kratzte sich Caspar am Bart und ging ans Fenster. In dieser Nacht wurde nicht mehr von möglichen Feinden oder Eldrits Vater geredet.
Es klingelte. Lange und beständig klingelte es. Caspar kam verschlafen die Treppe hinunter und ging an die Tür. Doch da war keiner. Es klingelte immer noch. Müde lief er zum Telefon.
"Ja, hallo?"
Niemand antwortete, das Klingeln hörte nicht auf. Caspar wurde etwas unruhig.
"Eldrit? Komm doch bitte mal zu mir!"
Langsam wacher werdend rieb er sich die Augen. Als Caspar wieder aufblickte, stand Eldrit vor ihm. Wie üblich in den goldschwarzen Mantel gehüllt, sah dieser den Seebären fragend an.
"Was ist denn los, so früh am Morgen? Die Sonne geht gerade mal am Horizont auf, und du weckst mich aus den schönsten Träumen", sagte er leicht entrüstet.
Ohne nachzuhaken, wovon Trollenprinzen träumen, erwähnte Caspar direkt den mysteriösen Muntermacher.
"Ich weiß beim besten Willen nicht, woher dieses Klingeln kommen könnte. Weißt du vielleicht Rat?"
Eldrit ging an die Tür.
"Klasse, aber auf die Idee bin ich schon gekommen - ohne Erfolg", warf Caspar ein.
Doch Eldrit ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Etwas mürrisch, da ihm wie üblich nichts erzählt wurde, ging der gähnende Kapitän hinterher, um dem Klingeln auf den Grund zu gehen. Ein paar Schritte über den kurzen Kiesweg, der zwischen dem Vorgarten des Hauses entlang führte, stand Caspar schließlich auf dem Bürgersteig und entdeckte den Prinzen, der auf der Straße stand und in die Ferne blickte. Neugierig, was es da zu sehen gab, schlich sich Caspar an und fragte leise:
"Und? Schon was gefunden?"
Eldrit deutete ihm mit einer Handbewegung, ruhig zu sein und hinzusehen. Caspar sah in die selbe Richtung. Ihm stockte beinahe der Atem. Weit in der Ferne sahen sie einsam auf einem Hügel einen großen Baum stehen. Und in der Krone des Baumes war ein blaues Licht. Es verlosch nicht, sondern leuchtete konstant weiter. Nun auch merkte Caspar, dass das Klingeln direkt von dem Baum ausging. Fast unmerklich zog ihn jetzt dieser Anblick einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Schließlich ertappte er sich dabei, wie er auf den Baum zu rannte und nicht einmal versuchte, anzuhalten. Immer näher schien ihm der Baum zu sein, und doch blieb der Hügel, wo er war.
"Caspar! Wach auf! Das musst du dir ansehen!"
Caspar öffnete die Augen. Über ihm lächelte Eldrits narbiges und doch nicht narbiges Gesicht.
"Na los, du Schlafmütze! Komm raus, wir haben Besuch!"
Mit diesen Worten ging Eldrit fort und ließ den verblüfften und gleichzeitig schläfrigen Caspar allein zurück. Der Kapitän blickte sich verdutzt um. Er saß auf dem Sofa, hatte ein Kissen im Nacken und war zugedeckt. Vermutlich hatten sie die ganze Nacht über Caspars Abenteuer auf See gesprochen, von denen Eldrit schrecklich gerne hörte. Sollte Caspar das Ganze nur geträumt haben, obwohl es so täuschend echt schien? Er stand auf und ging dem Prinzen hinterher.
Draußen zuckte er vor Schreck und Ungläubigkeit zusammen. Da stand der Baum, direkt auf dem Rasen seines kleinen Vorgartens. Und das selbe blaue Licht leuchtete konstant aus der Krone heraus. Auch war nicht festzustellen, was dieses Leuchten verursachte, da das Blattwerk der Krone dermaßen dicht an dicht hing, dass man nur ein blaues Licht inmitten von viel Grün sah. Hastig sah sich Caspar nach Eldrit um. Er erspähte ihn ein paar Meter weiter vorne auf dem Bürgersteig zusammen mit einem älteren Mann. Dieser hatte einen langen weißen Bart, ein prächtig verziertes Gewand und einen wichtig aussehenden Hut auf der hohen Stirn. Seine Augen blickten gütig, aber ernst. Eldrit winkte, dass Caspar zu ihnen kommen solle. Zögerlich ging Caspar an dem unheimlichen Baum vorbei zu ihnen. Dabei meinte er, eine Stimme aus dem Bauminneren gehört zu haben. Als er aber lauschte und keinen Ton mehr vernahm, ging er zu Eldrit und beäugte den Fremden. Zum Glück war es noch früh am Morgen. Wie würden die Nachbarn von ihm denken, wenn sie da plötzlich diese beiden Gestalten mit ihm reden sahen? Er mochte es sich nicht vorstellen, aber andererseits war es ihm mittlerweile auch so gut wie egal geworden.
Mit einer seltsam beruhigenden Stimme redend reichte ihm der Alte die Hand.
"Sei mir gegrüßt, oh Caspar. Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin der Kadmentor von Angelswin. Angelswin dürfte dir sicher kein Begriff sein; es ist die Stadt, in der ich lebe und arbeite. Sie ist sehr weit weg von hier, doch du magst sie sicherlich eines Tages zu Gesicht bekommen. Dein Leibwächter Eldrit erzählte mir bereits von den vergangenen Tagen, die ihr zu meiner Freude heil überstanden habt. Ich habe außerdem von deinen Fortschritten als Kämpfer gehört, meinen Respekt."
Caspar nickte freundlich, dann sah er zu Eldrit: "Was will er hier?"
Der Kadmentor kam dem Prinzen zuvor. "Ich bin gekommen, um meinen Schützling vorerst in eure Obhut zu geben. Bei uns in Angelswin wäre sie nicht sicher."
Eldrit schaute den Kadmentor ungläubig an. "Soll das heißen, wir spielen Aufpasser oder habe ich da was missverstanden? Und wer ist sie überhaupt? Wo ist sie, denn ich sehe niemanden bei Euch. Warum gerade wir? Ich bin außerdem bereits alleine für Caspar hier verantwortlich gemacht worden. Um einen zweiten Klienten kann ich mi- ...“
Caspar legte ihm eine Hand auf den Mund.
"Wisst Ihr, Herr Kadmentor, er redet manchmal etwas viel. Aber sonst ist er ganz nett. Wobei es mich natürlich auch interessiert, welche näheren Umstände Euch zu dieser Bitte geführt haben."
Der Kadmentor lächelte.
"Ich sehe, du besitzt Anstand und lernst dazu. Nun, zuerst mal bitte ich euch nicht darum, auf meinen Schützling aufzupassen. Ich brachte sie einfach her. Die Situation in meiner Stadt erforderte dieses unhöfliche Verhalten. Es herrscht Krieg, könnte man sagen, obwohl das sicher noch nicht die korrekte Umschreibung dafür wäre. Aber um es grob zu sagen: Wir stecken in einer misslichen Lage, und mein junger Schützling hat auf gewisse Weise damit zu tun. Deshalb sah ich es als das Beste, sie hierher zu bringen, denn ihr beide habt in den letzten Tagen bewiesen, dass ihr dafür bereit seid. Das bestärkt mich in meinem Entschluss, euch mit dieser Aufgabe zu betrauen. Ihr werdet sie bald kennenlernen. Momentan ist sie verhindert, was ein sofortiges Erscheinen hier verzögert. Aber das wird sich bald erledigt haben, denke ich. Für welchen Zeitraum sie bei euch bleibt, liegt nicht in meinem Ermessen. Höchstwahrscheinlich, solange der Krieg andauert. Bisweilen werde ich zu euch kommen und nach dem Rechten sehen, wenn es meine Zeit erlaubt. Doch rechnet nicht mit mir. Im Übrigen müsst ihr die Aufgabe auch nicht alleine bewältigen. Passt nur auf, dass ihr kein Leid geschieht."
Er verneigte sich. "Lebt wohl und auf bald."
Mit diesen Worten klatschte er zweimal in die Hände, worauf ein Falke von der Größe eines Pferdes wie aus dem Nichts heranflog und den Kadmentor aufsitzen ließ. Dann trug er ihn in den morgendlichen Himmel und verschwand.
Der Kapitän und der Edeltroll sahen sich um, konnten aber niemanden entdecken.
"Wie sollen wir auf ein Mädchen aufpassen, das zu verhindert ist, um in unsere Obhut gebracht zu werden?" meckerte Eldrit.
Caspar sah derweil zu dem Baum, in dessen Krone das Leuchten verschwunden war. Er kratzte sich am Bart und ging auf den Stamm zu. Dort legte er ein Ohr an die Rinde und lauschte. Als er glaubte, leise ein Kichern gehört zu haben, kam Eldrit von hinten heran.
"Na, mein Bester? Was erzählen dir die Holzwürmer?" meinte er und ging ins Haus.
Caspar sah an dem Baum hoch und bewegte sich ein paar Schritte rückwärts. In der Krone raschelte es, ein erneutes Kichern war zu hören und das blaue Leuchten war wieder da. Dann raschelte es abermals und das Blattwerk war wieder dunkel. Caspar zuckte mit den Schultern und ging auch zurück ins Haus.
"Meinst du nicht auch, dass dieser Baum da nichts Gutes bedeutet? Ich habe seit all den Jahren in meinem Vorgarten keinen Zweig gesehen. Und nun steht ein ausgewachsener ... Apfelbaum oder was weiß ich da draußen. Findest du das nicht verdächtig?"
Der Trollenprinz lächelte. "Ich nehme mal an, es wird mit unserem Schützling zu tun haben. Mach dir keine Sorgen. Wie wäre es mit Frühstück?"
Sie erwachte in einer Dunkelheit, die kein Eindringen von Licht erlaubte. Sie fühlte sich allein, verlassen und erschöpft. Zaghaft stand sie auf und tastete nach einer Wand - ohne Erfolg. Sie ging ein paar Schritte, achtete weiter auf einen Widerstand - nichts.
Sie versuchte es ein paar Stunden, streckte die Finger aus und lief in jede Richtung. Sie schien endlos zu laufen, denn nirgends kam eine Wand oder Tür. Langsam schlich sich der Gedanke ein, wo sie überhaupt war. Erinnern konnte sie sich nur noch daran, dass sie am Strand gelegen und ein Buch gelesen hatte. Plötzlich hatte sich dann der Himmel verfinstert und sie war in der Dunkelheit wieder aufgewacht. Es war nicht das erste Mal für sie, in einer fremden Umgebung zu sein. Ihr Vater hatte sie früher öfter in andere Reiche mitgenommen, in andere Welten. Doch dies nun war etwas völlig anderes.
Wie sie bald merkte, trug sie nicht mehr die selbe Kleidung wie vorher und da sie kalten Steinboden unter ihren Füßen spürte, musste sie barfuß sein. Wer hatte ihr die Sachen ausgezogen? Warum war sie hier?
Weitere Stunden verstrichen, sie bekam Hunger und vor allem immer größere Angst. Leise flüsterte sie:
"Hallo? Ist hier denn niemand?"
Angst, niemals mehr das Tageslicht zu sehen. Angst, plötzlich irgendwo hinein zu fallen und sich zu verletzen. Angst, dass kein Licht hier hinein kommen würde. Angst, dass ihr Entführer zurückkehrte und ihr wehtat. All diese Gedanken flogen in ihrem Kopf herum und ließen sie beinahe wahnsinnig werden. Sie begann etwas schneller zu gehen.
Ihre Stimme erhob sich und rief: "Hallo? He! Hallo!"
Keine Antwort. Sie bekam Panik und rannte los.
Unwissend, wohin und ob überhaupt in eine bestimmte Richtung, rannte sie durch die Dunkelheit. Nach einiger Zeit machte sie Pause, sie war am Ende ihrer Kräfte und außer Atem. Sie wollte gerade schon wieder weiter, als sie aufhorchte. Waren da nicht eben Schritte? Oder nur ein Echo ihrer eigenen Füße? Ängstlich stampfte sie mit einem Fuß auf. Zwei Stampfer kamen als Antwort.
"Ha-hallo? Ist da jemand?"
Sie versuchte in dieser undurchdringlichen Finsternis etwas zu erkennen, was gründlich missglückte. Auf einmal hörte sie ganz nahe ein leises Atmen. Ihre Hand fuhr herum, um zu tasten - da war nichts.
"Na, mein Täubchen? Haben wir uns etwas verlaufen? Soll ich dich hinaus führen? Oder soll ich noch etwas Spaß mit dir haben? Mal überlegen..."
Die kalte Stimme mit dem sarkastischen Unterton hallte überall wider und verstummte. Das Mädchen zitterte vor Angst. Momentan blind, waren die eben gehörten Sätze wie Schreie in ihrem Kopf. Sollte sich ihre Befürchtung eines Peinigers etwa bewahrheiten? Gleichzeitig mit ihrer Angst keimte aber auch eine geringe Hoffnung, dass sie jemanden zum Reden hatte und er sie möglicherweise hinaus führte.
"Wer hat da eben gesprochen? Bitte komm her und zeig dich mir. Ich habe Angst so allein hier im Dunkeln. Bitte komm her."
"Aha, wir haben also Angst, wie? Interessant. Nur leider kümmert mich das herzlich wenig, mein Täubchen. Im Gegenteil, es amüsiert mich. Zittere weiter so, das sieht zauberhaft aus."
Das Mädchen fragte sich, wie die Stimme hier überhaupt was erkennen konnte.
"Sag mir wenigstens, wie ich die Stimme anreden soll, die du hast."
Ein Kichern war zu hören.
"Wie du mich anreden sollst ... Nun, wie wäre es denn mit einem Namen, der dir gefällt? Ich habe viele Namen und gleichzeitig keine. Sprich mich an, wie du willst."
Das Mädchen dachte kurz nach, dann sagte sie etwas weniger ängstlich:
"Ich nenne dich Nigma, weil du momentan ein Rätsel für mich bist."
"Nigma also, wie? Fein, der Name gefällt mir."
Nun war die Stimme wieder ganz nahe.
"Und, mein Täubchen? Wie soll ich dich anreden?"
"Ich heiße Felina."
Nigma kicherte vergnügt.
"Erfreut, dich kennenzulernen, Felina. Es ist mir eine Ehre."
Dann war es wieder still. Felina konnte noch immer nichts erkennen, meinte aber, dass sich langsam etwas Ungeheuerliches in ihre Nähe bewegte. Die Luft wurde drückender, bis sie schließlich kaum auszuhalten war. Es roch nach Tier, obwohl Felina nicht hätte sagen können, um welches Tier es sich handelte. Aber etwas war da, ganz dicht bei ihr.
"Hab keine Angst, Felina. Ich und mein Freund tun dir nicht weh."
Die kalte Stimme von Nigma entschärfte die gruselige Stimmung etwas. Doch seltsamerweise kam sie von weiter oben als vorher. Es schien, als sei Nigma in der kurzen Zeit gewachsen. Vorsichtig tastete Felina in die Richtung, aus der die Stimme kam. Nach einer kurzen Leere zwischen den Fingern packten ihre Hände plötzlich in weiches Fell.
"Was ist das, Nigma? Wer ist da bei dir?"
Nigma kicherte und antwortete mit seinem üblichen Tonfall.
"Mein Freund. Hab keine Angst, Felina. Er ist mein Freund."
Das haarige Etwas bewegte sich raschelnd und plötzlich erklang leise ein Glöckchen.
"Was war das?" wollte Felina wissen.
"Ein Erkennungszeichen meines Freundes. Ich bin schließlich beinahe so blind wie du in dieser Finsternis. Da muss ich wissen, wo mein Gefährte sich aufhält, wenn ich ihn benötige. Und nun komm mit uns."
"Aber Nigma, wohin denn? Und wie, wenn ich euch nicht sehen kann?"„Halte dich nur gut in dem Fell meines Freundes fest, du tust ihm nicht weh. Und wohin die Reise geht, wirst du bald genug erfahren. Vertrau mir einfach, Felina. Du hast keine andere Wahl."
Das sah sie ein und tat, was Nigma von ihr verlangte. Sich von Nigma und seinem Gefährten führen lassend, hoffte Felina, dass irgendwann wieder Licht an ihre Augen kommen würde.
Es war einer dieser Tage, die Caspar schon öfter während seiner Zeit auf See hatte. Er wurde wach und direkt stieg ihm dieser spezifische Duft in die Nase. Es war der Duft von Fleisch, das man nicht würde essen können. Und an so einem Tag stand der alte Seebär auf, ging runter in die Küche und da stand Eldrit mit einem verkokelten Gesichtsausdruck.
"Guten Morgen, mein Bester. Wie du siehst, ist mir wohl der Braten etwas verbrannt."
Caspar kratzte sich am Bart und beschloss, nichts zu dem Vorfall zu sagen. Ohne weiter nachzufragen, ob es Sitte von Eldrits Volk war, am frühen Morgen Braten zu essen oder ob man dort überhaupt wusste, wie ein Braten gemacht wird, säuberte Caspar in aller Ruhe die Küche. Eldrit wischte sich das Gesicht ab und stellte sich beschämt in den Kücheneingang. Nebenbei wanderte sein Blick durch den unteren Teil der Wohnung seines Schützlings, Freundes und Gastgebers.
Direkt links von der Eingangstür stand ein großer Eichenschrank, in dem hinter einer Glastür viele verschiedene Fotos von Schiffen, Matrosen und Häfen aufbewahrt und regelmäßig abgestaubt wurden. Der Schrank befand sich im Wohnzimmer, das man sofort betrat, wenn man ins Haus kam. Das große Sofa mit dem graubunten Muster, auf dem Caspar hin und wieder einschlief, stand direkt in der Mitte, davor ein langer Marmortisch. An der weißen Raufasertapete hingen viele Abzeichen, die Caspar auf seinen langen Reisen über Jahre hinweg erhalten hatte. Bis auf eine kleine Kommode in einer Ecke neben der Treppe stand sonst nichts weiter in dem großen Raum mit der vergoldeten Lampe an der Decke. Vom Wohnzimmer aus ging es in die Küche und die Treppe hinauf zu Schlafzimmer und Bad.
Caspar lebte sehr einfach und benötigte keinerlei modischen Kram. Er war ein Verehrer des Mittelalters und des Wilden Westens. Viele Jahre lang war er der Kapitän verschiedener Schiffe gewesen. Er führte seine Mannschaften über alle Seewege und litt an vielen ausländischen Krankheiten. Alles hatte er schon überstanden und sich darum einen Ruhestand sogar mehr als verdient. Doch nun waren nacheinander dieser Trollenprinz und dann auch noch der Cheberim aufgetaucht. Vorbei war es mit der Ruhe, dem Frieden und stillen Angeltagen am Strand. Vorbei die Zeit, als er und der aufgeweckte Pépe die Unterwasserwelt erkundet hatten. Caspar war jedoch regelrecht begeistert davon, endlich mal wieder echte Abenteuer zu bestehen. Die letzten Jahre auf See waren eher schleichend dahin gegangen und hatten keine wahre Herausforderung mehr für den rauflustigen Kapitän geboten. Da kamen Kämpfe mit bösen Kreaturen und Bekanntschaften mit mysteriösen Leuten gerade recht.
"So, das wäre geschafft. Jetzt kann sich meine Küche wieder sehen lassen", schnaufte Caspar und legte den Putzlappen aus der Hand.
In der Tat konnte Eldrit keine Spur mehr von seinem Chaos entdecken. Alles blitzte und strahlte.
"Man sieht, dass du nicht nur ein ausgezeichneter Kapitän bist. An dir ist ein Hausmann verloren gegangen", lachte der Prinz.
Caspar nickte lächelnd. "Da magst du recht haben. Und nun mach ich uns ein richtiges ..."
Es klopfte an der Haustür. Sie sahen sich an. Eldrit packte seinen Magubo und schlich an die Tür. Caspar öffnete sie einen Spalt und sah hinaus. Da stand eine junge Dame von vielleicht sechzehn Jahren und sah etwas unsicher durch den Spalt. "Entschuldigung, aber ich soll zu Ihnen", sagte sie mit einer merkwürdig klaren Stimme.
Caspar lächelte und öffnete die Tür. "Komm nur herein, wir haben dich erwartet. Hab keine Angst."
Eldrit stellte den Magubo wieder weg und sah sich das Mädchen an. Sie trug einfache Lederpantoffeln, die schon einiges mitgemacht haben mussten, und war eingehüllt in simple, braun gemusterte Leinenstoffe; zudem trug sie drei kleine Stoffbeutel bei sich, die ebenso braun waren wie ihre Kleidung. Nachdem sie sich nach dem Badezimmer erkundigt hatte und die Treppen hochgestiegen war, griff Eldrit sofort wieder nach seinem Stab. Dann flüsterte er zu seinem Freund:
"Sei wachsam, Caspar. Sie ist mir nicht geheuer. Etwas an ihr ist seltsam. Sie scheint wohl unser Schützling zu sein und doch mag ich sie nicht als freundlich gesinnt einstufen."
Caspar nickte und setzte sich auf die obersten Stufen der Treppe, sein Dolto griffbereit.
Vom Bad hörten sie nur ein wenig Wasser rauschen, dann war es wieder still. Eldrit sah neugierig, aber auch mit ein wenig Unmut zur Treppe hinauf. Caspar lauschte, merkte aber nichts Ungewöhnliches. Er sah zu Eldrit und zuckte die Schultern. Der Prinz schloss derweil seine Augen und horchte nach leisesten Geräuschen in der unmittelbaren Umgebung.
Mit einem plötzlichen Satz sprang er weit nach rechts. Als hätte er es geahnt, landete direkt an seinem vorherigen Standort ein großer Hammer und ließ die Erde erbeben. Caspar sah ungläubig auf die Waffe und den darunter zerborstenen Boden seines Wohnzimmers und stand sofort auf, sein Dolto fest umklammert.
Kurz darauf war wildes Geschrei zu hören, aber die Verursacher dieses Lärms konnten sie nirgends ausmachen. Stattdessen rannte Eldrit so schnell er konnte zum Bad hinauf an Caspar vorbei, um nach dem Mädchen zu sehen. Doch seine Sorge war unbegründet, wie er nur Sekunden später feststellen musste.
Das Mädchen kam auf ihn zu, ihr im Rücken nicht weniger als zwanzig Männer in verdreckter, altertümlicher Kleidung, gerade so, als wären sie von einer Schlammschlacht im Mittelalter gekommen, mit dem einzigen Unterschied, dass sie alle soeben aus Caspars Badezimmer zu stürmen schienen.
Eldrit hob seinen Magubo und ließ ihn in der Hand kreisen. So einigermaßen gesichert, ging er der ihm deutlich überlegenen Gegnerschar entgegen. Gerade als ein stämmiger Kerl mit wildem Rauschebart auf ihn zusprang, schossen zwei lange, silbern schimmernde Klingen wie Blitze an Eldrit vorbei und trafen den Angreifer mitten in den keulenschwingenden Arm. Caspar hielt das Dolto zitternd in seiner Hand und nickte dem Prinzen nur mühsam lächelnd zu, um sich direkt danach wie ein Berserker in die Menge zu stürzen.
Währenddessen steuerte das Mädchen kontinuierlich auf Eldrit zu. Dieser fühlte sich in seiner Vorahnung mehr als bestätigt und richtete den Stab direkt auf seine vermeintliche Feindin. Doch das Mädchen blieb einfach stehen und lächelte ihn an. Eldrit begriff in diesem Moment gar nichts mehr. Wollte sie ihn denn nicht angreifen? Und was hatte sie mit diesen rauen Burschen zu schaffen? Waren die etwa gar keine Angreifer? Hatten er und Caspar nur etwas falsch verstanden?
"Caspar, zügle dich! Stopp, Caspar! Mein Freund, lass gut sein!"
Der wild um sich schlagende Seebär sah seinen Leibwächter entgeistert an und steckte beinahe widerwillig seine treue Zweiklinge weg. Dann richtete er sich auf und sah auf den gerade verletzten Burschen. Dieser winselte vor Schmerzen und sah sich nach dem Mädchen um. Sie lief auf ihn zu und verarztete die Wunde, so gut es möglich war. Dann drehte sie sich um und sah die beiden Kämpfer an. Zu deren Verwunderung sprach sie nun mit einer sehr männlichen Stimme:
"So was macht man doch nicht mit seinen Gästen. Sie wollten euch nur begrüßen. Ihr solltet euch wirklich was schämen. Das war nicht nett. Allerdings zeigt mir das, wie vorsichtig ihr beiden sein könnt. Kompliment!"
Sie machte eine kurze Handbewegung, worauf einer der größten Kerle vortrat und mit einer Reibeisenstimme sagte:
"Ich bin Hauptmann Yhildrat, und dies sind meine Männer. Wir sind Räuber aus einem euch wahrscheinlich unbekannten Land und beschützen unseren Meister und alle seine Freunde."
Caspar, der sich für kontaktfreudiger hielt als Eldrit, ging auf Yhildrat zu und reichte ihm die Hand, welche der Räuberhauptmann annahm. Caspar konnte seine Neugier unter Kontrolle halten und fragte lediglich:
"Wer ist euer Meister? Und im Übrigen verzeiht mir meine zügellose Tatkraft, ich hielt euch für Feinde."
Yhildrat zeigte auf das Mädchen.
"Er ist unser Meister. Und wie er schon sagte, ihr wolltet lediglich vorsichtig sein, also sei es euch verziehen."
Eldrit und Caspar sahen gleichermaßen verwirrt aus. Sie starrten das Mädchen entgeistert an, bis ihnen dann doch die Sprache wiederkam. Wie aus einem Munde kam ihnen derselbe Gedanke.
"Das Mädchen ist euer Meister? Aber ..."
Die Räuber grinsten, und auch das vermeintliche Mädchen konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann sprach sie mit ihrer Männerstimme weiter:
"Ihr wisst längst nicht alles und außerdem darf ich ja darauf hinweisen, dass euch der Umstand, dass ihr Unterstützung bei der Betreuung des Schützlings bekommt, mitgeteilt wurde. Also hört gefälligst auf, so entgeistert zu schauen." Mit diesen Worten rannte der Meister die Treppe hinunter aus dem Haus.
