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In tiefster Schwärze treibt sich ein unberechenbares Wesen herum. Sein Name: TAUSENDFÜRST. Das Ziel lautet noch immer Solid Yol. Die Suche danach führt die Gruppen zusammen und erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, doch niemand hätte die Gefährten um Caspar und Felina vor den Überraschungen warnen können, welche die Honigtröpfer für sie bereit halten. Durch ihre bisherige Reise gereift, erwartet sowohl Felina als auch Caspar ein Abenteuer, das ganz anders verläuft als gedacht ... Selbst das hellste Feuer kann nicht alle Schatten der Geschichten vertreiben, weshalb man niemals aufgeben sollte, Licht ins Dunkel zu bringen, denn: Gefahren lauern noch im hintersten Winkel.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Nick Finkler
Tausendfürst
Die Macht der Honigtröpfer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zuletzt in SOLID YOL …
Prolog
Besuch im Lager
Eine Villa in Abwehrhaltung
Die Wege vereinen sich
Cléo, die Göttliche Nymphe
Alles oder nichts
Die Fremden im Dorf
Rückkehr nach Wolkenlauf
Die Pläne ändern sich
Eldrit und Kuno
Dunkle Wolken über der Stadt
Im Erdreich
Flucht nach vorn
Die letzten Meter
Der Klang der Hoffnung
Angelswin
Piznimbis Bibliothek
Ein neues Ziel
Verloren und gewonnen
Schneetreiben
Mehr als erwartet
Coracth
Großes Wiedersehen
Rache und Wahnsinn
Das Blatt wendet sich
Über das Endlose Meer
Aussichtslos
Ungeheuer unter sich
Der Kommandant und das Mädchen
Die Zerstörung einer Legende
Der neue Traum
Der Bote
Alte Bekannte
Überleben
Der Gezeitenwal
Neue Hoffnung, neuer Ärger
Schatten der Vergangenheit
Tausendfürst
Das Klagelied
Ins Reich der Finsternis
Brüder
Der Fehler
Personen – Orte – Begriffe
Impressum neobooks
Prolog – In der Menschenwelt:
Eine Zugreisende erzählt von einem Bekannten, den sie nur über seine rote Brieftaube erreichen kann und der sich an einem Ort namens Tremskail Mahsrill aufhalten soll …
Im Dimensionsnetzwerk Bunyarba:In einer Gebirgsvilla hatte sich heraus gestellt, dass die Solid Yol, ein übermächtig scheinendes Schlachtschiff, gebaut auf Befehl der mysteriösen Honigtröpfer, nur von dem alten Kapitän Caspar aus der Menschenwelt gesteuert werden kann, der zudem wissen soll, wo sich der Schalter zur Deaktivierung des Schiffes befindet. Während jedoch Caspar und seine treuen Kampfgefährten von den profitgierigen Belagerern der Villa gefangen gehalten werden, feilen dort das Menschenmädchen Felina und ihre Freunde an einem Plan, die Belagerung lebend zu überstehen …
"Als du drei Monate in deiner Tasche hattest, waren wir die reichsten Kinder der Welt."
"Entschuldige bitte, Karin, aber das ist nicht die Antwort auf meine Frage."
Sie kehrte aus ihren Gedanken zurück und sah sich erschrocken um. Die ganze Klasse der 13a blickte sie mit teils ungläubigen, teils belustigten Augen an. Nur auf dem Gesicht ihres Lehrers zeichneten sich Sorgenfalten ab.
"Karin, ich habe beim Rektor ein gutes Wort für dich eingelegt, damit du in meinem Leistungskurs aufgenommen werden kannst. Also beantworte bitte meine Frage nicht schon wieder mit irgendwelchen Szenen, die du geträumt hast."
Die ganze Klasse lachte. Bis auf ihre beste Freundin Lena, die neben ihr saß und ihr nun beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.
"Sollen wir kurz raus an die frische Luft?"
Karin nickte stumm und sah verlegen zu ihrem Lehrer, um seine Zustimmung zu bekommen. Er machte eine Geste mit der Hand, worauf die beiden Schülerinnen den Raum verließen.
Draußen vor dem Schulgebäude nahm Karin sich ein Kaugummi aus ihrer Hosentasche, steckte es in den Mund und sah kauend in den Himmel hinauf, wo sich bereits dunkle Wolken sammelten.
"Weißt du, du solltest wirklich mal zum Arzt gehen", brach Lena schließlich das nachdenkliche Schweigen. "Es kann ja nicht sein, dass du die Nächte durchmachst wegen deiner komischen Träume und deswegen von der Schule fliegst."
"Ich flieg' schon nicht von der Schule. Dafür sind meine Noten zu gut. Und nenn' sie nicht komisch, immerhin sind es keine Albträume. Glaube ich."
"Ich nenn' sie aber komisch, weil du dauernd von seltsamen Typen redest, die aus deinen abgedrehten Fantasyromanen stammen könnten! Und was sollte dieser Satz eben? Von welchen reichen Kindern hast du geträumt?"
"Mann, ich weiß es doch auch nicht. Irgendwie ... verdammt, vielleicht sollte ich aufhören, soviel zu lesen. Nein, war Spaß. Oder ich muss mir dafür andere Plätze suchen und nicht mehr den Waldrand. Wird sowieso immer gruseliger, seit dieser Teich dort gebaut wurde."
"Der Teich wurde nicht gebaut, sondern die haben gegraben und dabei füllte sich das Loch irgendwie mit unterirdischem Wasser. Und ja, vielleicht solltest du ab sofort zuhause lesen, wie jeder normale Mensch auch. Oder zumindest im Park. Am Tag! Nicht abends."
Karin spuckte ihr Kaugummi auf den Boden und lehnte sich gegen das Schulgebäude.
"Ach, was weiß denn ich … vielleicht geht meine Vorstellungskraft einfach ab und zu mit mir durch. Oder ich bin schwanger. Nee, Scherz beiseite. Aber ich fühle mich dort so wohl. Es ist, als würde der Wald … keine Ahnung, seine Energie an mich abgeben oder so was. Und manchmal scheint der Teich mit mir zu reden. Aber immer spätestens dann, wenn er das macht, pack' ich meine Sachen und geh nach Hause."
"Der Teich redet mit dir? Karin, ich hab' dich abgöttisch lieb, ganz klar, aber langsam drehst du echt durch."
Nach Schulschluss verabschiedeten sich die beiden Freundinnen bis zum nächsten Tag und Karin machte sich auf den Heimweg. Der Vorfall im Unterricht ließ ihr keine Ruhe, weshalb sie einen Umweg machte. Nur kurze Zeit später erreichte Karin die Lichtung mit dem verfallenen Haus und dem Teich, der in direkter Nähe auf sie warten zu schien.
''Lena irrt sich. Wenn sie nur einmal hierhin mitkommen würde, dann könnte ich sie bestimmt davon überzeugen, dass der Wald mir nichts Böses will. Das Haus da drüben macht doch jedem Angst, dabei ist es bloß seit Ewigkeiten unbewohnt.''
Sie näherte sich dem Teich andächtig, stellte ihre Tasche ab und ging in die Hocke.
''Du bist etwas ganz Besonderes, nicht wahr? Gruselig, aber besonders. So wie die Seen und Teiche in manchen meiner Bücher. Lena könnte überhaupt nicht verstehen, was uns verbindet.''
Karin neigte ihren Kopf über die Wasseroberfläche und besah ihr Spiegelbild. Plötzlich wurde sie kreidebleich, denn aus dem Wasser starrte ihr ein unmenschliches Augenpaar entgegen. Und bevor sie überhaupt begreifen konnte, was geschah, verfärbte sich das Wasser und zwei Hände zogen sie mit brutaler Gewalt in den Teich.
Innerhalb von Minuten war das Wasser wieder klar. Von Karin fand man wenige Tage später nicht mehr als ihre Tasche.
Der Tag war lang und unbarmherzig geworden, denn trotz des immer stärker einsetzenden Winters in den Bergen von Ryes gab es ab und zu heiße Tage. Und obwohl die Zelte der Respen, die noch immer die Villa belagerten, wie geschaffen dafür waren, sowohl Kälte als auch Hitze von den Insassen fernzuhalten, so waren die acht Gefährten um Kapitän Caspar und dessen Leibwächter Eldrit diese Wetterumschwünge nicht gewohnt und bekamen die Temperaturen deutlich zu spüren. Ein Soldat kam herein, trank aus einem Lederbeutel kühles Quellwasser und gab auch den Hunden davon. Als aber Yhildrat, der sonst eher ruppige Räuberhauptmann, für sich und die anderen um Wasser bat, gingen sie leer aus.
Als es Abend wurde und die eisige Luft sich langsam wieder ins Zelt schlich, wurde sie vom Duft gebratenen Fleisches erfüllt. Den Freunden lief schon das Wasser im Mund zusammen, doch das war rasch vergessen, als der Mann eintrat, der sie so wortlos begrüßt hatte. Anders als beim ersten Mal trug er nun einen dunkelblauen Mantel, sein graues Haar war kurz geschnitten. Auf der Stirn, die morgens noch von der Militärmütze bedeckt worden war, prangte nun ein seltsam verschlungenes Zeichen: Ein schwarzer Kringel, der nahtlos in einen blauen überging. Unter dem Mantel konnte man schwarze Kleidung erkennen, und noch etwas fiel auf. Er trug keine Waffe bei sich, was bedeuten musste, dass er sich seiner Sicherheit vollkommen bewusst war. Langsam und immer noch wortlos schritt er um den Pfahl herum, an dem die acht Gefangenen teils hingen, teils saßen. Mit Stricken waren ihnen die Hände festgebunden worden, wobei die des Edeltrolls noch immer durch den schier endlos dehnbaren Mantel verdeckt wurden. Die Füße waren ihrerseits mit schweren Eisenketten an den Felsboden gebunden und wurden durch stählerne Klammern verstärkt. Zusätzlich war eine lange Kette zwölfmal um die gesamte Truppe gelegt worden, so eng es nur ging, und mit zwei Schlössern versehen worden. Bei Juliet, der pereluanischen Magierin, blieb der wuchtige Mann mit dem hämischen Grinsen stehen und streckte die Hand nach ihr aus. Die Hunde blieben ganz ruhig liegen. Langsam strich er ihr über das angewiderte Gesicht, fuhr die Konturen ab und zog seine Hand wieder zurück. Dann hockte er sich vor sie hin und betrachtete sie genauer.
"Du bist eine Perelua, das sehe ich sofort.''
Seine Stimme klang heiser und bedrohlich. Juliets Augen flammten leicht auf.
"Ja, ich kenne mich mit den Völkern aus. Nicht mit allen, aber mit den meisten. Perelua sind ein aufmüpfiges Volk, das sich nahe der ketrenkischen Wälder aufhält. Groß genug sind die ja, da gibt es zahllose Siedlungsmöglichkeiten. Allerdings sollen viele eures Volkes ums Leben gekommen sein, als die Hauptdörfer von diversen Leuten aufgemischt wurden.''
Er bekam ein breites Lächeln, als er sah, wie Juliets Ausdruck immer verbissener wurde.
"Na, nun schau doch nicht gleich so. Denkst du etwa, dass meine Männer damit zu tun haben? Da muss ich dich enttäuschen. Wir spielen hier oben nur Schatzsucher. Die in der Villa haben etwas, das wir unserem Boss besorgen sollen. Dafür gibt es eine ordentliche Entlohnung. Das ist alles. Mit eurem Völkchen haben wir nichts zu schaffen, aber ich weiß, wer es war.''
Er stand auf und ging um die Gruppe herum, während Juliet immer wütender auf dieses Ekelpaket wurde.
"Ah, und hier sitzt ja ein ganz nettes Tierchen.'' Er stand vor Eldrit. "Hm, von deinem Gesicht her kannst du doch eigentlich nur ein Trollgemisch sein, nicht wahr? Wie nennt ihr euch gleich wieder? Edeltrolle? Nun, was euch so edel machen soll, abgesehen von eurer Schlankheit gegenüber den richtigen Trollen, weiß ich nicht. Aber sehr mächtig scheint ihr nicht zu sein. Soweit mir bekannt ist, gibt es im eurem Reich nur noch einen Regenten, der zudem aus seiner Heimat geflohen ist oder so etwas. Wie erbärmlich!''
Sein Lachen erfüllte das Zelt. Wie gerne hätte Eldrit erwidert, dass er nicht geflohen war, sondern lediglich einen wichtigen Auftrag angenommen hatte. Dann war es an den Räubern, verspottet zu werden.
"Oh, wie reizend. Räuberpack von der Südseite Geryals. Euch erkennt man aber auch überall. Die gleichen zerrissenen Klamotten, die gleichen dämlichen Gesichter.''Besonders große Augen machte er bei dem Stillen, dem zungenlosen hageren Räuber mit den scharfen Augen. "Ach nein, welche Freude! Wenn mir das Gesicht noch richtig in Erinnerung ist, allerdings musst du schwer gehungert haben, armes Kerlchen, dann bist du doch einmal Oberaufseher im Gefängnis von Melarc gewesen, mit deinem schicken Anzug und dem tollen Hut, nicht wahr? Das war noch, bevor man dich zum Bürgermeister einer kleinen Stadt gemacht hatte. Wie man so tief sinken kann. Und dieser breite Kerl hier'', er kam nun ganz nahe an Fugre heran, den stämmigen Räuber, der sich schon oft auf der langen Reise als hilfreich erwiesen hatte, und seine Stimme wurde zu einem bitteren Flüsterton."Warst du nicht der jämmerliche Familienvater, der damals um seine Frau und seine drei Kinder geweint hat? Einige Monate ist das erst her, nicht wahr? Ich war anwesend, musst du wissen.'' Fugres Herz schlug schneller, er begann zu zittern. "Meine Männer sind gute Attentäter, wenn das Geld stimmt. Und sie sind göttliche Attentäter, wenn es ihnen dabei auch noch Spaß macht.''Er erhob sich und zeigte auf Juliet: "Dafür war ich nicht verantwortlich.'' Dann wanderte sein Finger zu Fugre: "Dafür schon.'' Fugre wollte aufspringen, was allein wegen der Ketten schon nicht gelang. Der Mann grinste abermals und ging zu Fenrir weiter.
"Und sieh einer an.''
Das war für einen Augenblick alles, was er sagte. Dieser Mann mit den vielen Tätowierungen flößte ihm offenbar irgendwie Furcht ein. Er erkannte die Abstammung des Mannes, der ehemals ein Dimensionstor bewacht hatte, ehe er sich Eldrit und den anderen anschloss, sofort.
"Sieh einer an. Von euch haben wir auch schon viele besiegt, sehr viele.''
Sowohl er als auch Fenrir wussten, dass das nicht stimmte, Fenrir sah es in seinen Augen. Der Mann hingegen fürchtete sich, auch nur das Volk auszusprechen, dem Fenrir angehörte. Hier saß einer, der ihm wirklich Angst machte. Zuletzt stand der wuchtige General vor Caspar.
"Schau sich einer diesen Haufen Dreck an. Ein ganz gewöhnlicher Mensch, unterwegs mit allem möglichen Unrat von Bunyarba. Wie lustig! Was treibt dich wohl hierher, Menschlein?''
Der bärtige Kapitän war sich zwar der Situation bewusst, in der sie steckten, doch war der ängstliche Blick, den der General Fenrir zugeworfen hatte, nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.
"An mir ist nicht mehr Mensch als an dir, Breitschädel.''
Der Mann wollte etwas sagen, warf dann aber einen Seitenblick zu Fenrir und ging aus dem Zelt.
"Was war das denn jetzt?'' brachte Yhildrat hervor. "Mir ist das Herz bis in die Füße gerutscht, Caspar. Alle Wetter!''
Auch Eldrit war von der Äußerung seines Freundes erstaunt. "Wie konntest du so leichtfertig mit ihm reden wie mit einem Kind? Das gibt garantiert Strafmaßnahmen.''
Caspar indes war vollkommen ruhig. "Nun sorgt euch nicht, ich habe genau das Richtige getan. Ihr habt nicht gesehen, was ich sehen konnte. Aus einem unerfindlichen Grund hat der gute Mann Angst vor unserem Dimensionenwächter. Er wird uns nichts antun, solange Fenrir bei uns ist, warum auch immer.''
Fenrir hingegen weigerte sich, auf die Fragen nach seiner Abstammung zu antworten, weder seinen neuen Freunden noch den Feinden.
Es verging eine halbe Woche ohne größere Vorkommnisse, bis eine Nacht kam, in der es im Nachbarzelt auffällig laut wurde und die Gefährten aufhorchen ließ. Der sarkastische General hatte seine Stimme inzwischen wieder, und sein Gesprächspartner war kaum zu hören, denn meist sprach der General. Aber es schien dennoch ein wichtiger Gast zu sein.
"Wie dem auch sei. Guten Abend, General Srel.'' Die Stimme war weich und irgendwie sehr jung.
"Guten Abend, Eure Lordschaft. Habt Ihr gut her gefunden?''
"Kommen wir besser zur Sache, General. Wie ist die Sachlage?''
"Nun, zur Zeit befinden wir uns auf einer neutralen Ebene der Belagerung. Wir konnten einige Verluste beim Feind verbuchen, haben allerdings auch selbst Soldaten einbüßen müssen. Darunter ein sehr zuverlässiger Mann, der ...''
"Wie ist das passiert?''
"Nun, tja. Soweit mir bekannt ist, soll ein Drache ...''
"Ich bitte Sie, Srel! In Ryes gibt es keine Drachen. Auch wenn ich schon einige Jahre nicht mehr hier war, so ist mir die hiesige Fauna doch bestens im Gedächtnis.''
"Nun, ein Drache könnte doch durch eines der Tore gekommen sein. Schließlich sind auch wir so nach Ryes gelangt.''
"Es halten sich sämtliche Drachen meines Wissens nur noch in drei Dimensionen auf. Und die sind für die typische Faulheit der Drachen zu weit von hier entfernt, als dass sich jemand von ihnen die Mühe gemacht hätte.''
"Zumindest war es ein Drache, der das Lager angegriffen hat. Das steht fest. Und nun haben wir vor ein paar Tagen Gefangene gemacht, die mir auch höchst seltsam erscheinen.''
"Wieso seltsam?''
"Nun, es ist eine kleine Gruppe von verschiedenen Volksvertretern, deren Absichten mir nicht klar werden. Da wäre dieser Edeltroll, eine Perelua, vier Räuber, ein alter Mensch und ein ...''
Er stockte. Die Abstammung Fenrirs auszusprechen fiel dem General sehr schwer.
"Nun sagen Sie schon! Wer noch, so schlimm wird es nicht sein.''
"Nun ja, ich habe allen Grund zu der Annahme, dass sich im Gefängniszelt ein Solider befindet.''
"Wie bitte? Srel, Sie wollen mich doch wohl auf den Arm nehmen! Erst kommen Sie mir mit der Geschichte von einem Drachen hier in den Bergen, und jetzt soll ich Ihnen auch noch abkaufen, dass sich ein Mantroserker einfach so in Ketten legen lässt und von drei lachhaften Hunden bewacht wird. Sie sollten wissen, dass die Ho... ich meine, dass der Fürst keinen Sinn für diese Art Humor hat.''
"Bitte, seht ihn Euch selber an, Eure Lordschaft. Überzeugt Euch davon, dass ich nicht lüge.''
"Ich verbiete mir einen solchen Ton! Sie wissen, wer ich bin und zu was ich in der Lage bin. Ich muss mich von nichts überzeugen. Nehmen wir mal an, dass Sie die Wahrheit sagen. Gut, aber dann passen Sie besonders auf ihn auf. Sie wissen ja, was man sich sagt: Wenn man einen Soliden gegen die eigene Armee stellt, dann postiert man seine Männer am besten fünf Dimensionen weiter weg. Und das ist sicher nicht nur eine Redewendung. Wegen diesen Monstern hat Bunyarba immerhin schon siebzehn Tore einbüßen müssen.''
"Siebzehn sind es jetzt? Du liebe Zeit!''
"Wie sieht es denn eigentlich mit dem Horus aus, hat er sich wieder mal gezeigt?''
"Nein, bisher nicht. Seine beiden Aufpasser genügen mir auch schon völlig. Wir haben die Villa immer noch nicht eingenommen, dabei läuft die Belagerung jetzt bereits seit zwei Monaten. Wie viel Proviant die da oben haben, möchte ich mal wissen.''
"In Ordnung, ich werde mich jetzt mal wieder auf den Weg machen. Ehe ich mich auf den Heimweg mache, wartet noch ein … Treffen auf mich, mit dem Boten des Fürsten.''
"Der Bote des Fürsten?''
"Oh ja. Ich werde … ich meine, der Fürst wird bestimmt ungeduldig. Er fragt sich gewiss, wann die kostbare Ware aus der Villa geborgen wird. Wenn das so weitergeht, dann verlieren Sie Ihr Leben, Srel. Sie, der Horus und all Ihre Männer. Der Fürst ist ganz bestimmt sehr erbost über die Dauer der Belagerung. Und Sie wissen ja, wie einflussreich er ist.''
"Nur zu gut. Ich werde meinen Männern Dampf machen. Wenn sie hören, dass der Fürst sich zu ärgern beginnt, werden sie sich hundertfach mehr anstrengen.''
"Das ist schön zu hören. Ach ja, und noch etwas. Falls Ihnen der Solide zu viele Sorgen bereitet, dann lassen Sie ihn mit den anderen lieber laufen. Besser wir haben ihn in der Villa, anstatt hier unten bei uns. Und wenn alles nichts helfen sollte, dann gibt es immer noch mich.''
Dann war von draußen ein lautes, organisch klingendes Geräusch zu vernehmen, das einem Grunzen oder Brummen glich. Danach war es wieder ruhig. Bis auf Caspar hatten ausnahmslos alle Anwesenden im Zelt schon von den Soliden gehört, doch noch nie hatten sie einen gesehen. Deswegen war ihnen auch nicht aufgefallen, dass sich in den Tätowierungen, die Fenrir trug, verschlungene Ornamente befanden, die eindeutig auf seine Herkunft hinwiesen. Angst hatte keiner, denn sie waren ja auf seiner Seite. Nur wollten sie nicht in seiner Nähe sein, wenn er kämpfte. Mehr Sorgen machten sie sich eher wegen des geheimnisvollen Fürsten, mit dessen Boten sich der Unbekannte treffen wollte. Wie sich der Verlauf des Gesprächs angehört hatte, schienen sowohl der Fürst als auch der Unbekannte ernstzunehmende Gegner zu sein.Der Kapitän fragte sich, warum Fenrir, wenn er denn so stark war, nichts unternahm, um ihnen zur Flucht zu verhelfen. Andererseits, vielleicht war er zu mächtig und hätte sie nur unnötig gefährdet. Caspar ließ das Grübeln und versuchte lieber zu schlafen. Juliet hatte inzwischen versucht, mit den Hunden zu reden, ob sie in irgendeiner Weise für Telepathie empfänglich waren. Aber auch das war nicht möglich. Wenn diese Tiere einst durch Magie beeinflussbar gewesen sein sollten, so hatte man seitdem perfekt dafür gesorgt, dass sie nur noch auf Befehle von bestimmten Menschen hörten. Yhildrat hatte sich umgesehen. In einer Ecke des Zeltes standen ihre Waffen und der Proviant von Linodarmas, dem Abschnittsmagier. Das Geld hatte sich General Srel geschnappt und es wahrscheinlich seinem eigenen Vermögen beigefügt. Der Räuberhauptmann überlegte, wie man entkommen konnte, ohne direkt von den Hunden angegriffen zu werden. Dann flüsterte er etwas zu Eldrit, der rechts von ihm saß. Eldrit musste zuerst richtig wach werden, bevor er den Plan begriff, dann flüsterte er mit Juliet, die direkt zwischen ihm und Caspar saß. Die Hunde sahen sich nur an und legten ihre Köpfe dann wieder auf die Pfoten. Die Magierin ihrerseits drehte die Hände in den Stricken so, dass die Handflächen nach außen zeigten, und konzentrierte sich. Derweil gab Yhildrat eine Nachricht an Gumbol links von ihm weiter, welche über des Stillen Kopf hinweg Fugre erzählt wurde und dieser flüsterte schließlich mit Fenrir. Er nickte nur und sagte noch etwas zu Caspar, der vollkommen verschlafen, aber auf alles gefasst das Bündel mit ihren Waffen anfixierte. Draußen war es still. Nach der Abreise des fremden Gastes hatte sich wohl alles zur Nachtruhe begeben, weshalb die Freunde allesamt sehr leise sein mussten, wenn der Plan gelingen sollte. Die Hunde waren nicht angeleint, denn sie sollten sich frei bewegen dürfen.Es war trotz des Wintermondes beinahe stockdunkel im Zelt und die Tiere waren leicht schläfrig. Plötzlich regte sich etwas am Boden. Der erste Hund hob seinen Kopf. War da nicht gerade ein roter Punkt erschienen? Jetzt hatte auch der zweite Hund ihn gesehen. Sie knurrten leise, wodurch auch der dritte Dobermann geweckt wurde. Das Trio sah dem roten Punkt hinterher, der langsam über den Boden schwebte, sich an die Zeltwand flüchtete und schließlich an der Decke stehen blieb, bis er blasser wurde und verschwand. Die Hunde sahen sich verdutzt an. Langsam und unruhig legten sie sich wieder hin, da kam der rote Punkt wieder, diesmal in Begleitung von zwei blauen Punkten. Zuerst waren die Hunde zusammen hinter den Punkten her, aber dann bewegte sich jeder woanders hin. Die Hunde versuchten ihnen zu folgen, doch die Punkte waren immer eine Spur schneller. Eldrit, dem die Hunde nun den Rücken kehrten, hatte jetzt die Möglichkeit, seinen Betäubungszauber anzuwenden. Kurzerhand lagen die Hunde schlafend am Boden, und für Fenrir war es das Zeichen, mit sanfter Kraft die Ketten eine nach der anderen zu sprengen., ohne dabei zu viel Lärm zu veranstalten Schließlich waren alle zwölf Ketten entzwei. Dann riss er sachte an seinen Fußketten, damit er aufstehen konnte. Als nächstes waren die Handstricke dran. Er biss sie einfach durch und half nun den anderen auf die Beine. Caspar holte sofort die Waffen aus der Ecke, Gumbol kümmerte sich um den Proviant. Eldrit sah sich sehr vorsichtig draußen um. Es schien wirklich alles ruhig zu sein. Lediglich aus diversen Zelten drang ein kehliges Schnarchen. Juliet machte sich rasch unsichtbar und suchte im Zelt des Generals nach etwas, das nach einer Geldschatulle aussah. Als sie mit leeren Händen zurückkehrte, meinte Eldrit wortlos, dass sie besser zur Villa schleichen sollten, also ging es weiter nach oben durch den Nebel. Auf der blauen Plattform hielten sie an. Aus dem größten Zelt war ein unmenschliches Schnarchen zu vernehmen. Ein Rasseln und Zischen war in die Laute gemischt, die sich keiner erklären konnte. Deshalb gingen sie weiter, doch dann standen sie vor einem neuen Problem: Mitten in den Pfad war eine riesige Kluft gesprengt worden, in der sich der Nebel wie Watte türmte.
"Es dauert eine kurze Weile, aber das haben wir gleich.''
Juliet stieg mit dem Stillen schon leicht in die Lüfte, als Caspar sie zurückhielt.
"Warte mal'', flüsterte er. "Mit dieser Kluft stimmt etwas nicht.''
Er nahm einen Stein und warf ihn auf die andere Seite. Doch bis dorthin kam er gar nicht.
"Nachts ist diese Schlucht nicht passierbar. Wartet bis zum Morgengrauen'', grollte es aus der Tiefe.
Der Stein fiel in der Mitte des Fluges steil nach unten.
"Aber das sind noch mehr als vier Stunden!''
Yhildrat sah sich um. Im Osten war noch alles dunkel, und der Mond stand hell und voll an der zweiten Hälfte des Himmels. Auch wenn General Srel Angst vor Fenrir hatte, so wollten sie doch kein Risiko eingehen.
"Was können wir tun, damit wir sofort hinüber dürfen?'' wollte Eldrit wissen.
Die Stimme aus der Tiefe ließ einige Zeit auf sich warten; scheinbar dachte sie nach. Dann aber erklang sie raunend: "Nehmt diesen Körper von mir runter, er schmerzt ungemein.''
Die nächsten Tage verbrachten Felina und die anderen damit, sich an die Umgebung der alten Villa zu gewöhnen. Man teilte ihnen sichere Zimmer in der ersten Etage zu, die nahe am Berg lagen und kein mögliches Ziel für die Respen boten. In den knapp zwei Monaten, die man hier schon aushielt, war einiges passiert. Anfangs hatten sich um Thewak und seine Nichte Yalia etwa hundertzwanzig Mann geschart, und sie hatten den langen Bergpfad bestiegen, weil Gerüchte um die Tochter von Yol bereits bis nach Kisé vorgedrungen waren. Die Kiséer wollten jedoch keine Massenkämpfe in ihren Straßen, weshalb die Kleine verbannt wurde. Glücklicherweise waren einige Nekiséer hilfsbereit genug gewesen, ihre Untergrundstadt zu verlassen und mit Yalia und ihrem Onkel zu ziehen. So fanden sich alle in der Villa wieder und hatten sich etwa zwei Wochen, bevor die Respen kamen, auf einen Angriff vorbereitet. In der Waffenkammer des Kellers fanden sich genügend Utensilien, um es länger auszuhalten. Auch die Vorratskammern waren reich gefüllt - scheinbar hatte der Besitzer des Hauses vorgehabt, bald wiederzukommen. Dann waren die Respen angerückt, und mit ihnen die zwei Monster. Man sah nur Schatten von ihnen, denn sie hielten sich immer im Nebel auf. Aber dass es keine Menschen waren, sah man deutlich. Irgendwann war Vez aufgetaucht, und sie hielten ihn zuerst für einen Feind. Aber dann kam der Zwischenfall mit dem Kind, das durch eine Explosion aus der Villa geschleudert wurde. Es hatte sich beim Aufstieg in ein großes Bündel der Nekiséer gedrängt, weil es Angst hatte, und war nun dort oben. Vez hatte keinen Augenblick gezögert, eine der bereits fertigen Planken genommen und war unter reichem Pfeilhagel nach drüben geeilt, hatte das schwer verletzte Kind geholt und war zurückgekommen. Er hatte keinen Kratzer erlitten, und die Elfe, eine der einzigen vier Heiler in der Villa, hatte das Kind bald wieder gesund gepflegt. Ab diesem Moment war Vez der stärkste Verbündete, den sie hatten. Vor allem war er der einzige, der in der Lage war, eine ganze Planke allein zu verlegen. Kurz nachdem die Kluft am Pfad entstanden war, hatte sich ein weiterer, unbekannter Schutz zu ihnen gesellt: Wollte der Feind mittels eigener Planken oder durch Sprungmanöver hinüber, so zog eine übernatürlich wirkende Kraft Planken und Feinde direkt in die Tiefe. Was immer es war, es agierte nur nachts. So jedoch konnten die Belagerer keine Überraschungsangriffe starten, was den Insassen der Villa einen ruhigen Schlaf ermöglichte, und sie waren tagsüber bereit für die Abwehr. So lief die Belagerung einige Zeit weiter, bis schließlich Felina und die anderen aufgetaucht waren. Und nun wartete man nur noch auf den Menschen und seine Truppe, um endlich stark genug zu sein, dem Feind den Kampf anzusagen, zumindest hoffte das jeder in der Villa. War Vez für sie schon wie ein Held, so dachten sie bei dem Menschen an einen magischen Überflieger, der die Respen mit einem Schlag vom Berg fegen würde.So verliefen die Tage recht mühsam, voll von Angriffen, Abwehrmanövern und Verlusten, mal auf der eigenen, mal auf der gegnerischen Seite. Die Nächte waren friedlich und ruhig, Thewak hatte nicht zu viel versprochen. Das unbekannte Kluftwesen leistete vortreffliche Arbeit, denn jede Nacht konnten sie durchschlafen. Nur Fegat wachte immer mal wieder schweißgebadet auf und erwartete, dass Narbenkralle, sein uredanischer bester Freund, an die Tür klopfen würde, blutbefleckt und halb tot. Doch niemand klopfte. Dennoch hielt er die Heiler, neben der Elfe waren noch zwei Mönchsmagier und ein Himmelskobold im Haus, ständig dazu an, alles vorbereitet zu haben, falls sein Freund doch noch auftauchen würde. Kommandant Ubrum, der andere Uredan, der sich oft mit der Füchsin Moonwolf und dem Wildschwein Plexus unterhielt, schüttelte nur den Kopf. Der Panther glaubte nicht mehr, dass Narbenkralle den Fall in die Kluft überlebt hatte. Stattdessen beratschlagten sie Tag um Tag die besten Angriffstaktiken und spekulierten, was für Kämpfer sich um den Menschen geschart hatten, ob jemand Brauchbares dabei war, und sie machten sich auch Gedanken um die geheimnisvolle dritte Gruppe, die unterwegs war. Sechzig Mann waren keine Kleinigkeit, und je nachdem, was für Wesen sie sein mochten, konnte jeder von ihnen auch so stark wie hundert sein. Von den über Hundertzwanzig, die mit Yalia nach oben gekommen waren, schienen jetzt nur noch weniger als die Hälfte übrig zu sein. Dass sie so überhaupt gegen die Soldaten da draußen Stand halten konnten, grenzte für die Füchsin an ein Wunder.Plexus erwies sich in den Tagen, seit sie angekommen waren, als ein wahrer Stratege. Selbst Ubrum staunte, als der Eber die Bogenschützen der vierten Etage dazu anwies, in einem bestimmten Winkel auf den Feind zu schießen, da die Treffer dann effektiver seien. Auch die Wurfgeschosse der Nekiséer machte er durchschlagskräftiger, indem er täglich daran arbeitete und sie schwerer, schärfer und teilweise sogar explosiv machte.
"Verrate mir mal, wie du ein solcher Kampfexperte werden konntest'', kam der Panther eines Tages zu ihm.
"Ich habe viel gelernt. Auf unserer Reise waren gute Kämpfer und ich habe aufgepasst. Naja, und manches habe ich mir auch selbst beigebracht.''
Sein Können verhinderte leider nicht, dass den Eber ein Fernangriff des Feindes erschlug, als er gerade dabei war, eine Stelle an der Außenseite des Gebäudes auszubessern. Fiskus, der riesige Falke, hatte daraufhin zusammen mit einem Einhorn auf den obersten Trümmern eines Schornsteins Platz genommen und hielt seitdem mit ihm Ausschau. Nachts lag alles unter Nebel und nichts war zu erkennen, aber tagsüber fiel jeder Schatten sofort auf, der sich der Villa auf weniger als hundert Fuß näherte. Tipkin und Tekpan, die beiden jungen Krieger aus dem Reisenden Wald, hatten sich dazu bereit erklärt, die zerstörten Teile des Hauses wieder zu erneuern. Es war erstaunlich, wie raffiniert die Waldzwillinge es verstanden, mit ein paar dicken Ästen und Zweigen, die eigentlich für den großen Kamin im Wohnzimmer gedacht waren, eine vernünftige Wand nach der anderen zu zimmern. Als der Vorrat knapp wurde, machte der Sphärenteufel Windhauch, den alle nur Wisi nannten, einen kurzen Erkundungsflug um den Gipfel. Tatsächlich entdeckte er ein kleines Wäldchen, zu dem ein schmaler Pfad von der Rückseite der Villa führte und den sie kurzerhand Stabwald tauften. So hatten die Zwillinge binnen kurzer Zeit große Teile der sechsten Etage nicht nur wiederhergestellt, sondern auch verstärkt.Felina unterhielt sich während dieser ganzen Zeit mit ihrem Dimensionenzwilling Yalia, oben in dem großen Zimmer, wo sie sich zum ersten Mal gegenüber gestanden hatten. Die beiden Mädchen hatten sich viel zu erzählen, und Felina fand zu ihrer Freude heraus, dass Yalia sogar mal in ihrem Reich gewesen war. Damals hatte Yol ein Bauprojekt nahe des königlichen Schlosses gehabt und Yalia durfte ihn, wie schon so oft, begleiten. Felina war erstaunt, denn sie hatte dieses Gebäude ab und zu mit ihren Eltern besucht, als sie kleiner war. Und auch in den letzten Tagen, bevor sie nach Hauptbunyarba geriet, war sie dort gewesen. Es handelte sich um einen sehr hohen Turm, von dessen oberstem Fenster aus man weite Teile des Königreiches erblicken konnte. Es war auch der einzige Turm, dem der König es gestattete, höher als sein eigenes Schloss zu sein. Bei all den Erzählungen wusste aber auch Yalia nicht, wie man in Felinas Welt kommen konnte. Damals war sie noch zu klein, um sich den genauen Ort des Tores zu merken. Sie wusste nur noch, dass es in dem Dorf war, in dem sie anfangs gewohnt hatten. Und ob dieses Tor, falls Felina es überhaupt fände, auch noch in die gleiche Welt führen würde, war ebenfalls zu bezweifeln.
"Also lautet meine nächstmögliche Station wohl Angelswin, hm?'' seufzte Felina. "Denn wenn ich überhaupt einen Anhaltspunkt habe, so unwahrscheinlich er auch sein mag, dann sollte ich ihn auch nutzen. Das ist immerhin besser als nichts.''
Yalia nickte. "Wenn das alles hier vorbei ist, will mein Onkel auch wieder zurück nach Angelswin. Du kannst ja gern mitkommen, wenn du magst.''
So vergingen die Tage, und noch immer warteten alle auf die Ankunft des Menschen und seiner Gruppe.
Immer tiefer kletterten der Räuberhauptmann, die beiden Kolosse und Fenrir nach unten in den Nebel hinab, während die anderen oben am Rand standen und ihre Freunde schon lange nicht mehr sahen. Man hatte es für besser gehalten, die stärksten Männer nach unten zu schicken, da niemand wusste, was für einen Körper es anzuheben galt. In der halben Stunde, die die vier jetzt bereits an der Felswand hingen, war nirgendwo etwas zu erkennen gewesen. Doch schon gute zehn Minuten später bildeten sich unter ihnen im Nebel gewaltige Konturen ab. Den enormen Walkörper, der dort eingeklemmt zwischen den massiven Felsen lag, erspähte Gumbol als Erster, und er begann beinahe zu weinen, so sehr nahm ihn dieser Anblick mit. Darum war sein Blick auch zu verwischt, und Fenrir, der als nächster kam, sah die Absonderlichkeit dieses Wesens. Zwar sah es aus wie ein Buckelwal, doch anstatt den üblichen Flossen wuchsen Beine, denen eines überdimensionalen Dackels sehr ähnlich, aus seinem Bauchbereich. Große, braune Buckel waren warzengleich über den gesamten Rücken verstreut, und zuerst nahm keiner der vier Kletterer wahr, was den Wal eigentlich so schmerzte. Dieser begann plötzlich zu sprechen, und sofort war klar, dass von ihm die Stimme aus der Tiefe gekommen war.
"Ah, endlich jemand, der mir helfen möchte.'' Seine gewaltigen, tiefschwarzen Augen blickten kreisend an der Wand entlang. "Nehmt mir diese Last bitte herunter.''
Yhildrat näherte sich dem glatten Körper und besah sich die Sache genauer. Dann kramte er seinen höflichsten Tonfall heraus.
"Erzählt mir, mein Freund, was Ihr seid und wie Ihr in diese missliche Lage gekommen seid. Und im Übrigen sehe ich nichts, wovon Ihr zu befreien wäret.''
"Ich bin ein Steinwal, und dieses Gebirge ist meine Heimat. Wir schlafen gerne in engen Höhlen tief in den Bergen, doch vor einiger Zeit wurde die Decke meiner Höhle zerstört. Da wurde ich wütend, und nun sauge ich nachts jeden ein, der über meinen Schlafplatz will. Nur tagsüber finde ich Ruhe. Misslich ist meine Lage nicht, weil ich hier unten liege. Nein, das ist sie deswegen, weil ich jetzt schon zweimal aus meinem Tagesschlaf gestört wurde. Es dauert leider noch einige Zeit, bis die Decke wieder zuwächst. Solange werde ich wohl öfter mit Störungen zu rechnen haben. Und der zweite Störenfried fühlt sich an, als wiege er viele Tonnen. Er liegt auf meinem Rücken, bitte nehmt ihn runter, damit ich mich ausruhen kann.''
"Ich dachte, Wale halten sich nur im Meer auf. Von deiner Gattung habe ich noch nie etwas gehört. Und was ist mit dem ersten Störenfried passiert?'' wollte Gumbol, der starke Tierfreund, wissen.
"Wir Steinwale leben, seit ich denken kann, in den Gebirgen Bunyarbas. Wir wandern auf ihnen umher, fressen hier und da ein paar Felsenziegen, und jagen die Riesen, wenn sie vorbeikommen. Ich habe einen Onkel, der lebt wirklich im Meer. Allerdings ist das weit entfernt von hier, weshalb ich ihn selten sehe. Tja, und die erste Störung kam von so einem haarigen Ungetüm. War vom Volk der Werwölfe, schätze ich mal. Er blutete stark, aber als er von oben herabfiel, sprang er direkt von meinem Rücken auf die Felsen und begann, nach oben zu steigen. Wie er das aushielt, weiß ich auch nicht. Dann wurde er ohnmächtig, und landete wieder auf mir. Ich schaute mir das Schauspiel eine Weile an, bis er schließlich aufgab und sich hinlegte. Am nächsten Tag versuchte er es wieder, und als es wieder nicht klappte, befühlte er seinen Kopf, zog sich den Pfeil aus seiner Schläfe, wobei mehr Blut sprudelte, und legte sich wieder schlafen. Einen Tag später sah ich dann nur noch, wie er oben im Nebel verschwand. Hat kein Wort gesprochen, der Kerl. Und seit zwei Tagen liegt jetzt dieser Brocken auf mir, und ich bekomme kein Auge mehr zu. Jetzt nehmt ihn aber bitte runter von mir.''
Und so stiegen die vier auf den Rücken des Wals und suchten nach dem Körper. Die Buckel waren groß, sie sahen aus wie Schildkrötenpanzer oder braune Steine. Etwa in der Mitte des langen Leibes wurden sie dann endlich fündig. Zu ihrem Erstaunen erkannte jeder sofort die Herkunft des Körpers, denn sie alle hatten schon von den Kiesleuten gehört. Die Kiesleute, das Volk der Steine, war eines der ältesten Völker von Bunyarba. Der Steinwal hatte nicht gelogen, als er meinte, der Körper würde Tonnen wiegen. Dieser braune Riesenfels lag zwischen den Buckeln und rührte sich keinen Meter. Kiesleute konnten ewig schlafen, denn sie hatten Zeit. Er sah wirklich wie ein Fels aus, nur sein beständiges Auf und Ab beim Atmen enttarnte ihn. Fenrir ging nahe an das Gebilde heran und stupste es mit dem Fuß an.
"Entschuldige, Steinschädel, aber du bist hier fehl am Platze, wenn du ein Nickerchen halten willst.''
Der Brocken regte sich, und Sekunden später stand ein wuchtiger Felsenmann vor ihnen. Er überragte selbst Fenrir, und sein Äußeres glich dem einer Schildkröte mit muskelbepackten Armen und Beinen, nur dass die Muskeln abgeschliffene Steinklumpen waren. Sein Gesicht war eine Furchenlandschaft und die Augen wirkten wie die Ausschnitte einer Wiese, so grün leuchteten sie den Vieren entgegen. Als er noch gelegen hatte, war nicht mehr als ein Felsbrocken mit vielen kleineren Steinen drum herum zu sehen gewesen. Jetzt aber waren die kleinen Steinchen als kräftige Finger zu identifizieren, die womöglich jeden Feind zerdrücken konnten. Kiesleute waren kein jähzorniges Volk, auch kannten sie keine Rachegelüste in bestimmten Situationen. Beleidigungen empfanden sie als wertlos, da es nur Worte waren und Worte allgemein als vergänglich betrachtet wurden. So machte er sich nichts aus dem Kommentar des Soliden, der hier vor ihm stand. Auch dass dessen Volk schon viele seiner Artgenossen getötet hatte, aus Versehen natürlich, ließ ihn kalt. Kiesleute lebten nun einmal mit dem Risiko, für Steine gehalten zu werden. Dieser Brocken war bei seinem Spaziergang unvorsichtig gewesen und in die Kluft gefallen. Im Fall war er dann eingeschlafen und auf dem weichen, nachgiebigen Walkörper gelandet. Und nun standen hier vier ihm völlig Fremde und wagten es, ihn zu wecken. Seine Stimme klang schwer und arrogant, wie bei allen Felsenmännern.
"Wenn die Frage erlaubt sein darf, würde ich gern wissen, warum meine Ruhe gestört wird.''
Während Yhildrat es wieder einmal mit der Angst zu tun bekam, ging Fenrir etwas näher auf den Steinmann zu.
"Entschuldige bitte, aber der Wal, auf dem du gelandet bist, beklagt sich darüber, dass du auf seinem Rücken liegst. Er möchte gerne weiterschlafen, und wir werden erst über die Kluft gelassen, wenn du fort bist.''
Da erklang die Stimme des Wals: "Davon habe ich nie etwas gesagt, ich wollte nur, dass dieser Brocken endlich von mir runterkommt!''
Der Felsenmann erwiderte: "Das ist mal wieder typisch für euch Steinwale! An euch selbst denken, das könnt ihr meisterhaft, aber anderen helfen ist nicht drin?''
"Halt dich doch geschlossen, du elender Klumpen Staub! Bestimmt habe ich es euren kindischen Spielen zu verdanken, dass meine Schlafhöhle kaputt ist. Und mit der Reparatur strengt ihr euch auch nicht genügend an!''
"Das reicht! Ich werde mir nicht diese Anschuldigungen gefallen lassen! Nein, mein Herr, ich nicht!''
Und er stampfte mit einem Fuß so hart auf, dass der Steinwal sein ohrenbetäubendes Heulen losließ und alle oberhalb des Nebels aufschreckten. Der Brocken sah die Vier an.
"Wenn ihr oben noch Freunde habt, dann sagt ihnen Bescheid, dass ihr nun hinüber könnt. Ich kümmere mich darum, dass es sicher ist'', schloss er mit einem kantigen Grinsen im Gesicht.
Als die vier ihm gedankt hatten und auf dem Weg nach oben waren, rief er ihnen noch nach:
"Das Volk der Steine ist mit euch!''
Mit seiner Hilfe konnten alle Gefährten noch in dieser Nacht über die Kluft gelangen, indem Juliet sie einzeln hinüber trug. Es waren noch über zwei Stunden bis zur Dämmerung, als die Nachtwache der Villa alles aus den Federn rief, weil eine Gruppe Wanderer vor der Tür stand und sich augenscheinlich der sehnsüchtig erwartete Mensch unter ihnen befand. Sofort gab es großes Aufsehen und vor allem Fegat und seine Freunde wollten unbedingt den Menschen sehen, um den sich alles drehte. Im großen Versammlungssaal der dritten Etage stand ein langer, ovaler Tisch. Am einen Kopfende saßen Thewak, Moonwolf, Ubrum, Fegat, Felina und Yalia nebeneinander; die anderen Plätze waren von der restlichen Truppe Fegats und einigen Insassen der Villa besetzt. Für die Ankömmlinge hielt man selbstverständlich Plätze frei. Ein Nekiséer führte den Trupp um Caspar und Eldrit zu der Tür, und sie traten ein. Alle standen auf, als die Gäste den Saal betraten, und Thewak sprach mit feierlicher Stimme:
"Seid uns gegrüßt, Fremde. Mein Name ist Thewak. Lange schon haben wir eure Ankunft erwartet, und endlich seid ihr da. Herzlich willkommen!''
Eldrit und die anderen verbeugten sich tief, während unter den Insassen reges Getuschel herrschte. Dieser vermummte Edeltroll, konnte man ihm trauen? Und der Solide dort drüben, das konnte nicht der angekündigte Retter sein, obwohl viele es sich wünschten. Der Bärtige, war das etwa der Mensch? Nein, er sah doch viel zu unbedeutend aus! Wer war die Frau dort im Umhang? Und was hatte es mit den vier Räubern auf sich? Thewak bat um Ruhe, denn Caspar machte Anstalten zu sprechen. Eldrit hielt es für besser, wenn sein Klient das Wort hatte, da dieser für viele Leute wichtig zu sein schien.
"Habt Dank für eure Gastfreundschaft. Mein Name ist Caspar, und wir freuen uns, endlich hier zu sein.''
Der Trollenprinz musterte inzwischen die illustre Tischgemeinschaft. Dieser Junge mit dem Flossenkopf war sicherlich der Harpan. Misstrauisch sah Eldrit dem Panther in die Augen, und lange blieb sein Blick an Felina und Yalia hängen: Wer von den beiden war ihr Schützling? Sie sahen sich so ähnlich, waren es am Ende zwei Schutzsuchende? Auch Yhildrat und den anderen gingen ähnliche Gedanken durch ihre Köpfe, während sie sich umsahen. Dann nahmen die Gäste Platz. Es gab viel zu bereden, und nach einer Weile verließen einige Einhörner und Nekiséer den Saal; sie waren enttäuscht, dass der Kapitän wirklich ihr großer Retter sein sollte. Gegenseitig erzählten sich die Gruppen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, es wurden viele Fragen gestellt und beantwortet. Fegat überschlug sich fast vor Freude, als Fenrir vom Gespräch mit dem Steinwal erzählte, und dass Narbenkralle aus der Kluft geklettert sei, wenngleich auch unklar war, wo der Werwolf sich im Augenblick befand. Yhildrat brachte die sehr persönliche Frage ins Spiel, wie Thewak denn Yalias Onkel sein konnte, wenn er ihr doch in keinster Weise glich, was damit erklärt werden konnte, dass Yalias Großeltern ihn adoptiert hatten, als er noch sehr klein gewesen war.Schließlich nahm Thewak Caspar mit aus dem Raum; und während die anderen sich noch über die Abenteuer austauschten, erfuhr der erschrockene Kapitän von Yalias Vater und der Solid Yol. Thewak ließ nichts aus, und als er an die Stelle kam, die von ihm, Caspar, handelte, musste er sich auf den rötlichen Teppich im Gang setzen. Das war eindeutig zu viel und ging über seinen Verstand hinaus. Er stellte Thewak viele Fragen, hakte nach. Und dann erinnerte er sich an seine Träume.Caspar hatte in den letzten Jahren immer wieder einen bestimmten Traum gehabt, den er aber irgendwann zu ignorieren begann, und den er kurz vor seiner ersten Begegnung mit Eldrit erneut gehabt hatte. In diesem Traum wandelte er durch eine seltsame Küstenstadt. Er ging durch einige Straßen und auf vielen Wegen entlang, an Geschäften vorbei und zwischen Gebäudetrümmern hindurch. Viele schattenhafte Gestalten hatten ihn auf der Suche begleitet, während die Luft von grausamen Geräuschen erfüllt gewesen war. Letztlich, am Ende des Traumes, bückte er sich nach etwas, um es aufzuheben, und immer hatte er sich selbst gesehen, wie er etwas in seiner Hand anstarrte. Nie hatte er sich Gedanken gemacht, was genau er da aufgehoben und was er angesehen hatte. Jetzt machte alles Sinn. Und auch an einen Mann, der exakt Yols Aussehen hatte, konnte Caspar sich erinnern.Dieser Mann hatte sich damals als Reporter vorgestellt und Caspars Arbeit dokumentieren wollen. Nach der Schiffsreise, die über einige Wochen gegangen war, hatte er sich aber nie wieder blicken lassen. Thewak klärte ihn auf, dass etwas ähnliches in Yols Notizen stand, dass sein Bruder den geeigneten Kapitän für die Solid Yol gefunden habe. Überaus enttäuscht, dass er mit der Geschichte vom großen Beschützer nur geködert worden war, wollte Caspar noch wissen, wie überhaupt Thewak von der Wahrheit erfahren hatte. Zu seiner Verwunderung bekam er zu hören, dass Caspars genaue Position im Dimensionenreich von Bunyarba und dessen genaues Aussehen in Yols Notizen beschrieben worden waren.Thewak führte den ungläubigen Kapitän in sein Arbeitszimmer, welches voll von Büchern war, und holte aus einem hölzernen Kasten einige Papiere heraus. Der Kapitän las Wort für Wort, was der Erfinder über ihn aufgeschrieben hatte. Alles stimmte: Datum, Ort, Uhrzeit, jedwede Handlung auf See. Sogar Analysen waren erstellt worden über die genaue Vorgehensweise an Bord. Yol hatte ihn für den perfekten Steuermann gehalten und die Solid Yol nach Caspars Parametern modifiziert. Allein die Anpassung des Schiffes an sein Reaktionsvermögen, seine Ausdauer und seine Wachsamkeit sowie seinen Elan und etliche andere Eigenschaften hatte den Erfinder gut ein halbes Jahr gekostet, wenn man die Daten der Eintragungen betrachtete. Der Mann musste verzweifelt nach einem Ausweg gesucht haben, dass sein Werk nicht von den falschen Händen gesteuert werden konnte. Zwar benötigte die Solid Yol keinen Kapitän, um zu funktionieren, aber nur durch ihn bekam sie wirklich einschlagende Macht.Caspar war fassungslos. Er erkundigte sich nach dem Vorhandensein des Rumvorrates und begab sich sofort in den Keller. Inzwischen erzählte Thewak auch den anderen von der ganzen Geschichte. Sie waren nicht weniger geschockt als der Kapitän, und Eldrit sorgte sich um seinen Klient und Freund. Zusätzlich konnte Yalias Onkel nun mit den neuen Erkenntnissen aufwarten, die erst recht alle in Erstaunen versetzten.
"Dann sehe ich keinen Grund, warum wir nicht auf schnellstem Wege nach Angelswin reisen sollten, um dem ganzen Spuk ein Ende zu machen'', äußerte sich Ubrum.
"Natürlich müssen erst einmal die Respen außer Gefecht gesetzt werden, was jetzt keine große Sache mehr sein sollte. Und danach sollten wir in Erfahrung bringen, wie wir nach Angelswin kommen.'' Der Edeltroll gab sich gewohnt realistisch. "Außerdem muss Caspar nach diesen Erkenntnissen wahrscheinlich erst einmal gründlich seinen Rausch ausschlafen, sobald er wieder aus dem Keller zurück ist."
"Sollten wir nicht auf die Rückkehr von Narbenkralle warten? Die Heiler im Haus sind sehr zuverlässig; mit ihm haben wir eine noch größere Chance auf Erfolg'', meinte Felina. Auch Fegat stimmte dem zu.
"Also gut'', entgegnete Thewak. "Wer dafür ist, dass wir auf den Werwolf warten, um unsere Angriffsstärke zu vergrößern, der hebe bitte die Hand.''
Es meldeten sich alle, bis auf Moonwolf, Eldrit und Ubrum. Der Edeltroll rechtfertigte sich. "Ich denke, ich spreche für uns drei, wenn ich sage, dass wir schon einmal so hart angreifen sollten, wie es uns möglich ist. Wenn dann der Werwolf kommt, haben wir noch einen Trumpf in der Hand, mit dem die Respen nicht rechnen.'' Die Füchsin und der Panther nickten zu seinen Worten.
"Das klingt plausibel. Was sagen die anderen?'' fragte Thewak in die Runde. Alle nickten, während die Sonne schon hoch am Morgenhimmel stand und in den Saal schien. "Gut, heute Abend greifen wir an!''
Was passierte eigentlich im Hause des Kapitäns, nachdem Eldrit mit den vier Räubern abgezogen war? Die erste Zeit geschah nichts Aufregendes, außer dass der Baum im Vorgarten sich nun nicht mehr näher zum Haus bewegte. Die restliche Räuberbande ließ es sich weiter gutgehen; und wenn einer der Nachbarn zu einem Plausch mit Caspar vorbeikam, wurden alle still, um den Anschein zu erwecken, dass niemand daheim sei. Bald aber machte der Meister, dieser Junge in Mädchengestalt, ihnen unmissverständlich klar, dass man nicht wissen konnte, wann der Trollenprinz mit dem Kapitän wiederkehrte. Deshalb machten sich drei der Räuber daran, Caspars Platz einzunehmen. Bei den anderen Gesellen verursachte dieses Schauspiel meistens Gelächter, aber das störte sie nicht weiter. Alle drei hatten in etwa die Statur des Kapitäns, und sie waren wie Fugre durch unglückliche Umstände in die Bande gekommen, weshalb es ihnen nicht weiter schwer fiel, sich zu waschen und abzuschrubben, bis sie glänzten. Durch einige Kleidungsstücke des Kapitäns, welche nicht unbedingt als seine identifiziert werden konnten, machten sie in der Nachbarschaft schließlich den Eindruck, dass der alte Kauz von der Küste ein paar Tage verreist sei und diese netten Herren auf sein Haus aufpassten. Sie schauspielerten wirklich gut. Die drei waren im Gegensatz zu ihren Räuberkumpanen noch die ansehnlichsten Vertreter der Bande, weshalb man in dem Städtchen annahm, dass sie bei irgendeiner Agentur als Sicherheitsleute für Gebäude angestellt waren.So vergingen die Tage, und der Meister diskutierte immer öfter mit dem Stellvertreter von Yhildrat über die momentane Situation. Das erste endgültige Gespräch hielten sie, als in Keptem Linodarmas' Schloss der sadistische Oberst Zerval gerade die Axt des Zweihorns Chakt zu spüren bekam. Wie bei jeder Diskussion saßen der Meister und Yhildrats Stellvertreter am Küchentisch, während zwei der haushütenden Räuber unten am Strand das Schiff des Kapitäns reinigten.
"Es ist lange her, seit Hauptmann Yhildrat ging'', sagte der Räuber gerade. "Eigentlich sollten wir Caspar unterstützen, aber nun sitzen wir hier und drehen Däumchen. Langsam mache ich mir Sorgen.''
Der Meister nickte. Sein langes Haar vibrierte leicht, und seine Augen glänzten.
"Ich stimme dir zu. Zwar kann man nie wissen, wie lange eine Rettungsmission dauert. Dennoch bin auch ich voller Sorge. Aber eher um den Schützling. Solange der Kapitän nicht wieder unter uns weilt, wird niemand ruhig schlafen können, denn schließlich soll er der beste Beschützer für sie sein. Nun, zumindest glauben das alle.''
Der Räuber legte seinen Kopf schief. "Wie meint Ihr das, Meister?''
"Nun, lass mich offen sprechen.'' Er blickte sich um, ob auch niemand zuhörte. Selbst die anderen Räuber sollten nichts mitbekommen. "Caspar mag wohl eine ganz andere Aufgabe zuteil werden; die Geschichte von ihm als Beschützer soll erfunden sein.''
"Und woher habt Ihr das?''
"Von oberster Stelle.''
Der Stellvertreter des Hauptmanns bekam große Augen. Soweit bekannt war, konnten nur speziell ausgewählte Personen den Weg zu den Reichen Traryden beschreiten, wo die Oberen lebten.
"Von oberster Stelle?'' wiederholte er leise. "Verzeiht die Frage, Meister. Ich weiß, dass wir Eure grenzenlose Macht nicht anzweifeln dürfen, aber wie habt Ihr das geschafft?''
Der Meister lächelte. "Es sei dir verziehen. Doch werde ich dir eine Antwort auf ewig schuldig bleiben, denn dieses Wissen zu besitzen bist du nicht berechtigt. Es soll dir genügen, dass ich einen Weg gefunden habe. Und wenn alles stimmt, was ich hörte, dann müssen auch wir bald aufbrechen. Ich möchte zu gerne wissen, was genau mit dem Kapitän geplant ist. Denn das ist es, was ich nicht habe herausfinden können. Lass heute Mittag alle Männer im Wohnzimmer antreten. Ich werde inzwischen unsere Abreise vorbereiten.'' Damit ging der Meister wie schon oft aus dem Haus.
So erfuhr die gesamte Bande am Mittag von der bevorstehenden Reise und wohin sie ging. Obwohl der Meister von einer baldigen Abreise gesprochen hatte, kamen Eldrit und die anderen bereits in Wolkenlauf an, als der Aufbruch stattfand. Wie bei den Gefährten, die mit Kuno im Gasthaus einkehrten, so war es auch bei den Räubern in der Menschenwelt gerade finstere Nacht. Der Meister hatte mit den Oberen die Bedeutung des Baumes im Vorgarten diskutiert, jedoch riet man ihm davon ab, diesen als Portal zu benutzen, weil die Reise dadurch zu lange dauern würde. Man hatte es für besser empfunden, ihn und die Räuber über das Meer zu schicken. Mitten auf See sollte es einen Zugang in eine andere Welt geben, wo sie schon erwartet würden. Also machten sich alle mit der Cerpat auf den Weg. Zum Glück hatte ein schlanker, sportlicher Räuber mit kräftigen Armen Erfahrung mit Schiffen. In dieser Nacht machten sie ordentlich Fahrt, und als das dritte Mal der Mond schien, kam Nebel auf. Der Meister hielt alle dazu an, sich umzusehen. Irgendwo musste bald etwas zu sehen sein, meinte er. Und er behielt Recht: Aus dem Nebel stieß ein kleines Ruderboot hervor, das ohne Besatzung war. Der Meister hatte seine Anweisungen, und so kletterte man in kleinen Gruppen über eine Strickleiter in das Boot und fuhr in den Nebel hinein. Der sportliche Räuber sollte mit der Cerpat zurückfahren, und einer der haushütenden Räuber sollte seine Rolle weiterspielen. Jede Gruppe, die in den Nebel fuhr, fand sich plötzlich in einem weißen, grellen Raum wieder, an dessen Wänden in roter Schrift nur ein Satz geschrieben stand:
Wartet hier!
Das Boot wurde zurückgestoßen, damit die nächste Gruppe herkommen konnte. Als schließlich der Meister mit Yhildrats Stellvertreter und zwei anderen Räubern im Boot saß, wünschten die beiden übrigen ihnen noch viel Glück und das Schiff fuhr davon.Sie staunten über den Raum. Er schien genau hier aus dem Wasser zu ragen, und das weiße Ufer führte ins Meer hinein. Als alle anwesend waren, versank das Boot und der Raum schloss sich um sie herum; die rote Schrift verschwand. Dann nahm die Helligkeit langsam ab, und sie konnten die Umgebung erkennen: Sie befanden sich in einem Gefängnis. Zu allem Unglück waren sie im Inneren einer großen Zelle gelandet, und es schien ein gewaltiges Gebäude zu sein. Durch die Gitterstäbe konnte man eine große, bräunliche Halle erkennen, die von einigen steinernen Säulen gestützt wurde und an deren Seiten links und rechts auf sieben Ebenen die anderen Zellen verteilt waren. Sie selber waren im Erdgeschoss gefangen und gerade wollte der Stellvertreter des Hauptmanns seinen Unmut äußern, als ...
"Ah, ihr seid da!''
Sie drehten sich um, und hinter ihnen auf einem der vier rostigen Stahlhochbetten lag eine atemberaubend schöne Frau, allem Anschein nach eine Göttliche Nymphe. Ihre dunkelblauen Haare, die sich bis zu den Hüften erstreckten, hüllten sie ein wie eine Decke, und ihre bronzefarbene Haut schimmerte im Zwielicht. Die Augen glichen mandelförmigen Vollmonden. Pupillen besaß sie scheinbar nicht, doch wenn man genauer hinsah, konnte man die grüne Iris als winzigen Punkt ausmachen. Ihre Kleidung ließ darauf schließen, dass sie noch nicht lange hier verweilt hatte, denn wie aus einem Königshaus muteten das mit Diamanten besetzte, knappe Oberteil und der leichte, mit Spitzen versetzte Rock an. Als sie den Meister erblickte, blitzten ihre Augen auf, und sie lächelte.
"Seid willkommen. Ich bin Cléo, eure Begleitung für die nächsten Tage. Niemand kennt sich so gut in dieser Welt aus wie ich, und niemand wird euch helfen, wenn ihr von dem Weg abkommen solltet, den ich euch entlang führe. Tut, was ich sage, das ist die Bedingung. Und nun kommt, ihr starken Männer. Legt euch schlafen.''
Ihre Stimme war wie Glockenklang in ihren Ohren; einzig den Meister konnte sie nicht erreichen, vielleicht auch mit Absicht. Sofort legten sich alle Räuber auf den groben Steinboden und auf die Betten, und rasch waren sie eingeschlafen. Der Meister sah sie mit ernstem Gesicht an.
"Wo ist unser richtiger Kontaktmann? Und warum hast du gerade mich von deinem Schlafzauber verschont?''
Er wusste direkt, dass etwas nicht stimmte, als er Cléos Stimme hörte. Laut seinen Informationen sollte ein Waldkobold auf sie warten. Die Frau lächelte.
"Gut erkannt, mein junger Freund. Ich kenne dich und deinesgleichen. Ihr wart einst ein zahlreiches Volk, aber inzwischen hat man dafür gesorgt, dass es nur noch drei von euch in ganz Bunyarba gibt. Dass du den Trollenprinzen täuschen konntest, wundert mich nicht. Ich frage mich nur, was du dir davon erhofftest.''
Der Meister zuckte mit keiner seiner langen, weiblichen Wimpern. "Erst will ich wissen, was du weißt und warum du hier bist.''
Cléo nickte. "Na fein. Es ist ja kein allzu großes Geheimnis, dass die Bruderschaft den Oberen irgendwann lästig wurde. Nur, dass sie drei Mitglieder übrig gelassen hatten, war ihnen entgangen. Ihr habt eine hervorragende Art, euch zu tarnen und sämtliche Details eurer Vergangenheit zu verwischen. Von dem dummen Kobold hatte ich kurz vor seinem Ableben erfahren, dass bald eine kleine Räubergruppe herkommen soll. Ich dachte eigentlich nur an ein nettes Gemetzel zum Schluss, aber als ich deine Augen sah, war mir sofort bewusst, wen ich vor mir hatte.''
"Und woher kennst du meine Augen?'' fragte der Meister schon mit fast eindeutiger Gewissheit, die Antwort bereits zu kennen.
"In diese Augen habe ich geschaut, als mich der Mörder meiner Schwester anblickte, bevor er abzog. Du hast mich damals verschont. Auch dies ist eines der Rätsel, die du mir aufgibst, junger Freund.''
