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Die Solidarność ist ein beeindruckendes Beispiel für die Kraft von solidarischem Widerstand und friedlichem Protest. Seit ihrer Gründung 1980 bildete die Gewerkschaft unter der Führung von Lech Wałęsa das Zentrum einer Demokratisierungsbewegung, die nicht nur Polen, sondern ganz Europa entscheidend veränderte. Ein polnisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt unter der Federführung des Europäischen Solidarność-Zentrums in Gdansk und der Deutschen Welle und unter Beteiligung von Newsweek Polska erzählt die Geschichte der Solidarność und ihrer Wirkung neu: mit Interviews prominenter Zeitzeugen, Reportagen, historischen Darstellungen und zahlreichen Fotografien. Aber auch die heutige Bedeutung von Solidarność in- und außerhalb Polens wird besprochen. So entstehen die Umrisse eines Umwälzungsprozesses, der 1990 nicht abgeschlossen wurde, sondern in dem sich Europa bis heute befindet.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Katarzyna Domagała-Pereira | Bartosz Dudek | Basil Kerski (Hg.)
Solidarność
Die unvollendete Geschichte der europäischen Freiheit
Mit Übersetzungen aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller, Andreas R. Hofmann und Marcin Wiatr
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2023
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Mit zwei Karten von Peter Palm
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: Das Solidarność-Logo wurde von dem
polnischen Künstler Jerzy Janiszewski im August 1980 entworfen.
Die Variante in Blau und mit Europaflagge wurde 2021 von dem Autor
des Logos erstellt © Jerzy Janiszewski (http://www.jerzy-janiszewski.com/)
Für die Texte aus Newsweek Polska, DW Polnisch und DIALOG
wurde eine Abdruckgenehmigung erteilt.
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau
ISBN Print: 978-3-451-39279-5
ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-82843-0
ISBN E-Book (PDF): 978-3-451-82842-3
Vorwort der Herausgeber
Einleitung: Solidarność – eine (unvollendete) europäische Revolution
Von Basil Kerski
I. Die Streiks von 1980 und das Leben davor
1. Streik! Wir haben genug von Giereks Propaganda
Von Marta Grzywacz
2. Alles lief nach Plan, bis auf eines: Lech Wałęsa war noch nicht auf der Werft
Von Marta Grzywacz
3. Es war schwierig, Pfeffer oder ordentliche Schuhe zu bekommen. Das Leben in der Volksrepublik Polen
Von Aleksander Kaczorowski
4. »Sie hätten mich töten können, aber sie hätten mich nicht besiegt«
Gespräch mit Lech Wałęsa
Von Bartosz Dudek und Tomasz Lis
5. Die Solidarność war weiblich. Die vergessenen Heldinnen der polnischen Bürgerbewegung
Von Aleksander Kaczorowski
6. Wie war die echte Anna Walentynowicz?
Gespräch mit Marek Sterlingow und Dorota Karaś
Von Marek Górlikowski
7. Wie Wałęsa neben Lenin einnickte
Gespräch mit Bernard Guetta
Von Maciej Nowicki
II. Das geteilte Deutschland blickt auf die Solidarność
1. »Solidarność war für uns das Leitbild«
Gespräch mit Thomas Krüger
Von Joanna Maria Stolarek
2. Vielleicht gelingt das bei uns auch. Die Solidarność aus Sicht der DDR-Opposition
Von Magdalena Gwóźdź-Pallokat und Wojciech Szymański
3. »Konterrevolution« in Polen. Die Solidarność in den Akten der Stasi
Von Monika Sieradzka
4. Auf der Seite der Solidarność. Eine Journalistin, die nicht neutral bleiben wollte
Von Jacek Lepiarz
5. »Ausgang der Vereinigung von Ost und West«
Gespräch mit Erzbischof Ludwig Schick
Von Bartosz Dudek
6. Ein Polizist als Schmuggler, erotische Unterwäsche und Pakete für Polen. Alles für die Solidarność
Von Barbara Cöllen
7. Eine deutsche Episode. Das Bremer Solidarność-Büro
Von Katarzyna Domagała-Pereira
III. Mauerfall und Wiedervereinigung
1. Merkel war in Polen, als die Berliner Mauer Stück für Stück verschwand
Von Magdalena Gwóźdź-Pallokat und Katarzyna Domagała-Pereira
2. »Die Sprache der Freiheit ist Polnisch«
Gespräch mit Joachim Gauck
Von Bartosz Dudek und Elżbieta Stasik
3. »Das würde die polnische Gesellschaft nicht ertragen!« Eine diplomatische Offensive während der deutschen Wiedervereinigung
Von Aleksander Kaczorowski
4. »Wir gehören zusammen mit unserer unterschiedlichen Geschichte«
Gespräch mit Rita Süssmuth
Von Markus Krzoska und Krzysztof Ruchniewicz
IV. Das Erbe von Solidarność. Was nun?
1. Der Runde Tisch – der Anfang vom Ende. Über den schwierigen Dialog mit den kommunistischen Machthabern
Gespräch mit Andrzej Friszke
Von Piotr Leszczyński
2. Solidarität, Solidarność. Die Rückkehr einer Idee
Von Jacek Kołtan
3. »Es war die wichtigste politische Erfahrung meines Lebens«
Gespräch mit Timothy Garton Ash
Von Jan Tokarski
4. Solidarność, eine friedliche Revolution und ihre Bedeutung heute
Von Dominika Kozłowska
Dank
Bildstrecke
Bildnachweis und Copyrighthinweise
Glossar
Chronologie der Revolution der Solidarność und der Zusammenbruch des Sowjetblocks
Karten
Über die Autorinnen und Autoren
Über die Herausgeber
Die Idee des Buches entstammt unserer Überzeugung, dass die Entstehung von Solidarność ein Meilenstein nicht nur der polnischen, sondern auch der europäischen Geschichte ist: eine zeitlose, universelle Inspiration.
Diese Geschichte mit all den Menschen, die sie vorangetrieben und gestaltet haben, muss für die nachfolgenden Generationen dokumentiert und bewahrt werden. Diesem Zweck sollte von Anfang an unser Projekt dienen. Aber der verbrecherische Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 führte uns vor Augen, dass die friedliche Revolution in Polen von 1980–1989, symbolträchtig durch den Fall der Berliner Mauer gekrönt, keineswegs eine abgeschlossene Sache ist. Sie hat Energien und Prozesse freigesetzt, die bis zum heutigen Tag nachwirken. Denn diese unvollendete europäische Revolution wurde nicht nur in Danzig, Leipzig, Ostberlin oder Prag, sondern auch 2004 und 2013/14 auf dem Majdan in der Ukraine fortgeführt. Auf tragische Art und Weise trat sie mit Russlands Invasion in eine neue Phase.
Umso mehr lohnt es sich, an die Solidarność zu erinnern, die nicht nur eine Gewerkschaft, sondern vor allem eine Freiheits- und Menschenrechtsbewegung war. Sie macht bis heute anderen Völkern Mut und bleibt für viele ein Vorbild zur Nachahmung. Sie gehört zum Erbgut des sich vor unseren Augen neu formierenden Europa.
Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer einzigartigen deutsch-polnischen Kooperation von sechs Partnern: der Polnisch-Redaktion der Deutschen Welle, der Nachrichtenwebseite und Wochenzeitung Newsweek Polska, des Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG, des Internetportals DIALOG-Forum sowie des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig und der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.
Im Kern besteht das Buch aus den zum Teil erweiterten Texten der Beitragsreihe »Die Zeit der Solidarność«, die 2020 anlässlich des 40. Jahrestages der Entstehung von Solidarność (1980) auf Polnisch auf den Webseiten dw.com und newsweek.pl sowie in der polnischen Ausgabe des Magazins Newsweek publiziert wurde. Eine Auswahl von Beiträgen aus dieser Reihe wurde um Interviews aus dem Magazin DIALOG ergänzt. Die Essays von Dominika Kozłowska, Jacek Kołtan und Basil Kerski wurden exklusiv für diese Publikation geschrieben.
Wir sind überzeugt, dass die Solidarność wie kaum ein anderes Kapitel der europäischen Geschichte die Polen, Deutschen und Ukrainer auf eine einzigartige Art und Weise eint. In einer Zeit, in der sich der Populismus auf dem Vormarsch befindet, scheint es uns eine überaus wichtige Aufgabe, daran zu erinnern.
Wir danken allen, die zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben.
Katarzyna Domagała-Pereira, Bartosz Dudek und Basil Kerski
Köln-Bonn und Danzig, Mai 2023
Von Basil Kerski
Die Solidarność war eine gewaltfreie Revolution von europäischen Träumern. Ihre Protagonisten wollten Mauern stürzen, die sie im Sowjetimperium einsperrten. Diese Träumer waren nicht nur Gegner eines autoritären, von Moskau aus gesteuerten Regimes, sondern Europas (unterschätzte) Visionäre. Ihre Vision bestand darin, den Eisernen Vorhang einzureißen und das europäische Konzert der Großmächte zu überwinden, das Denken in Einflusssphären. Die Politik der Einflusssphären profitierte nicht nur von imperialen Traditionen, sondern auch von den über Jahrhunderte in ökonomischen und politischen Machtzentren entstandenen Stereotypen von Kulturen, Nationen, innereuropäischen Räumen. Die Träumer der Solidarność wollten den Nationen an den Peripherien der traditionellen Machträume eine gleichberechtigte Stimme geben. Und sie träumten nach den beiden Weltkriegen und totalitären Erfahrungen davon, dass nicht die Sprache des Hasses, sondern der Menschenwürde das Verhältnis zwischen den Nationen bestimmt. Die Frauen und Männer der demokratischen Opposition hinter dem Eisernen Vorhang und ihre Verbündeten in der demokratischen Welt waren keine passiven Utopisten, sondern mutige, ihre Gesundheit und ihr Leben riskierende Menschen, die die europäische Landkarte grundlegend veränderten.
Einer der europäischen Träumer hinter dem Eisernen Vorhang war der Solidarność-Mitbegründer Bronisław Geremek. Er fasste seine Erfahrungen 1998 mit den folgenden Sätzen zusammen: »Polen, das der Gewalt von Jalta ausgesetzt war, konnte bis 1989 nicht an der Wiedergeburt der europäischen Einheit teilnehmen. Europa blieb jedoch immer das Ziel des polnischen Traums von Freiheit. Die Wiedervereinigung Europas, die wir an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert erleben, wäre ohne diesen polnischen Traum nicht möglich gewesen, denn er war der Ausgangspunkt für den Fall der Berliner Mauer, das Ende des Kalten Krieges und den Zusammenbruch des Kommunismus. Ich habe immer von Europa geträumt. Vielleicht ist auch das von Bedeutung: Große politische Projekte müssen von Träumen begleitet sein, die den Willen zum Handeln wecken.«
Ich erinnere an diese Worte Geremeks, des Historikers, Holocaustüberlebenden und polnischen Außenministers, weil vor allem im westlichen Europa das europäische Erbe der Solidarność unterschätzt wird, die geistigen und politischen Dimensionen dieser gewaltfreien Revolution heute nicht präsent sind. Solidarność wird oft auf massenhafte Arbeiterproteste, polnischen Nationalismus und eine tiefe Abneigung gegenüber Moskau reduziert. In der Solidarność konnte man zwar die traditionellen Motive des polnischen Widerstands erkennen, doch im Grunde war sie eine neue Bewegung, eine Revolution, die nicht nur von politischen Interessen sprach, sondern auch von universellen Menschenrechten, wie der französische Soziologe Alain Touraine sie treffend charakterisierte.
Touraine reiste im Sommer 1981 nach Polen, um die gesellschaftliche Massenorganisation der Solidarność wissenschaftlich zu erfassen. Den französischen Soziologen faszinierte das Bündnis von Arbeitern und Intellektuellen, die Dimension der gesellschaftlichen Selbstverwaltung in einem von Moskau kontrollierten autoritären Staat. Als sich Touraine in Polen aufhielt, zählte die Solidarność zehn Millionen registrierte Mitglieder. Es war die größte demokratische politische Organisation im Sowjetblock. Als Gewerkschaft stellte die Solidarność das Vertretungsmonopol für die Arbeiterschaft der Kommunisten infrage. Doch Touraine erkannte, dass die Solidarność viel mehr war als eine Interessenvertretung. Sie schuf Freiräume für das Entstehen einer breiten, pluralistischen Zivilgesellschaft. In diesem Raum, legitimiert und geschützt von zehn Millionen Menschen, konnten sich Politik, Kultur und Medien unabhängig von den kommunistischen Dogmen entfalten. In diesem Pluralismus blühte die Vielfalt des politischen Diskurses. Damit meine ich nicht nur die Ausprägung von diversen politischen Identitäten durch offenen politischen Streit, etwa christlich-demokratisch, liberal oder sozialdemokratisch. Ich denke hierbei auch an Leitthemen der politischen Debatten. Zwar standen in Zeiten des Realsozialismus innerpolnische Reformfragen nach der Gesundung des wirtschaftlichen und politischen Systems im Mittelpunkt, doch das Verhältnis zu den Nachbarn, die Überwindung der Teilung Europas sowie der Weg aus dem Einflussgebiet der Sowjetmacht waren ebenso wichtige Themen.
Revolutionär war innerhalb der Solidarność die neue Sicht auf die Nachbarschaften. Sie legte das Dogma der deutschen Teilung als Garantie für Polens Staatlichkeit ad acta. Die Solidarność unterstützte die Idee der Einigung Deutschlands, und das zu einem Zeitpunkt, als selbst viele Deutsche nicht an die Einheit glaubten und ihr auch nicht vertrauten. Aus polnischer Sicht durfte aber kein neutraler deutscher Staat entstehen. Deutschland musste in das westliche Bündnis integriert sein. In der Einigung Deutschlands sahen polnische Demokraten die Chance zum Rückzug der Sowjetarmee aus Mitteleuropa und der Veränderung der geopolitischen Lage Polens. Revolutionär war auch die Neudefinition des Verhältnisses zu den östlichen Nachbarn. Die Solidarność trat für die Unabhängigkeit Litauens, der Ukraine und Belarus ein. Der Traum von unabhängigen osteuropäischen Nachbarn sollte Moskaus Einfluss auf die Mitte Europas reduzieren. Was dabei aber besonders war, ist, dass die von Stalin diktierten Ostgrenzen Polens nicht infrage gestellt wurden. Polen akzeptierten den Verlust von Vilnius und Lemberg. Gleichzeitig setzte in der Solidarność-Bewegung eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen historischen Politik gegenüber Nachbarn und nationalen Minderheiten ein. Diese Kultur des selbstkritischen Patriotismus schuf Vertrauen bei den Nachbarn. Nicht nur die Größe und politische Macht der Solidarność faszinierte die Europäer hinter dem Eisernen Vorhang, sondern auch die Offenheit der Polen zum Dialog. Dieser Dialog war natürlich schwierig, denn hinter der Berliner Mauer versteckten sich andere hohe Mauern und Zäune. Moskau hatte Angst, dass das Freiheitsvirus der Solidarność die staatlichen Grenzen innerhalb des Sowjetblocks überschreiten würde. Zusätzlich versuchte der Sowjetstaat, polnische Freiheitskämpfer als Brandstifter, Gefahr für den Weltfrieden und gar als Faschisten zu diskreditieren. Diese antipolnische Propaganda steigerte aber nur das Interesse und die Faszination für die Solidarność-Revolution.
Polens Freiheitsträumer waren auf die Solidarität mit der Solidarność angewiesen. Ich meine dabei nicht nur die politische und materielle Hilfe aus der demokratischen Welt, sondern auch die Solidarität der Menschen innerhalb des Sowjetblocks. Den Protagonisten der Solidarność-Revolution war es bewusst, dass ihr polnischer Kampf für die Freiheit nur Erfolg haben würde, wenn die Revolution der Demokraten auch die Nachbarnationen erfassen würde. Aus dieser Erkenntnis heraus war die Solidarność, soweit sie es unter den Einschränkungen der Diktatur unmittelbar tun konnte, an Zusammenarbeit mit anderen europäischen Demokraten, an der Solidarität mit anderen Bürgerrechtlern interessiert. Nur die Vision eines europäischen Kampfes »für unsere und eure Freiheit« konnte Polen Demokratie und Unabhängigkeit bringen.
Als im August 1980 auf der Danziger Lenin-Werft die Forderung nach einer von den Kommunisten unabhängigen Gewerkschaft Solidarność ausgerufen wurde, war die Überwindung der Teilung Europas eine Utopie, die gesamteuropäische, über die politischen Blöcke hinausreichende Solidarität ein Traum. Es gelang jedoch, diesen Traum zu verwirklichen, gewaltfrei, für wenige Monate. Am 31. August 1980 erlaubte das kommunistische Regime im Danziger Abkommen das Entstehen einer freien Gewerkschaft. Diese wurde schließlich im Herbst 1980 gerichtlich registriert, ohne dass im Statut der Solidarność das Machtmonopol der Kommunisten festgeschrieben war. So entstand eine tatsächlich freie, demokratisch organisierte und pluralistische Massenorganisation, die alle arbeitenden Menschen versammelte. Zehn Millionen Polinnen und Polen traten ihr bei, unter ihnen auch Hunderttausende Mitglieder der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP). Innerhalb weniger Monate entstanden landesweit Strukturen der Solidarność, in jedem Betrieb, an den Hochschulen, in Dörfern, Kleinstädten, Metropolen – Räume der Freiheit, die der Ostblock in dieser Dimension nicht gekannt hatte. Im Herbst 1981 versammelten sich fast tausend demokratisch gewählte Delegierte aus ganz Polen zu einem über Tage dauernden Kongress in Danzig. Dieser erste Kongress der Solidarność wirkte wie ein demokratisches Parlament. Die Weltpresse war anwesend. Zentrale politische Herausforderungen wurden offen diskutiert. Der erste Vorsitzende wurde gewählt. Der charismatische Elektriker Lech Wałęsa, Streikführer auf der Lenin-Werft in Danzig, wurde Chef der Solidarność. Er war somit 1981 die einzige politische Führungspersönlichkeit mit einem demokratischen Mandat im gesamtem Ostblock. Lech Wałęsa wurde zum Symbol des Freiheitskampfes in Europa. Der Danziger Werftarbeiter sprach offen aus, dass er sich von den Kommunisten nicht vertreten fühlte. Die Millionen Solidarność-Mitglieder um Wałęsa entzogen der selbsternannten Partei der Arbeiter und Bauern ihre Legitimität, stellten ihr Machtmonopol infrage. Es war ein politisches Erdbeben mit weltweiter Ausstrahlung.
Die sowjetischen Machthaber um Leonid Breschnew konnten diese Revolution der Freiheit nicht akzeptieren. Sie wussten, wie gefährlich die Solidarność für die Aufrechterhaltung ihrer internationalen Diktatur war. Im Rahmen des Warschauer Paktes wurde ein Einmarsch der Truppen des Bündnisses erwogen, ein Szenario wie im Augst 1968 in der Tschechoslowakei. Doch die Gefahr eines antisowjetischen Aufstandes in Polen schien Moskau sehr real. Breschnew setzte auf die innerpolnische Lösung ohne sichtbare Intervention von außen.
Am 13. Dezember 1981 wurde in Polen schließlich das Kriegsrecht eingeführt, die Solidarność blutig niedergeschlagen, 10 000 Aktivisten in über 50 Lagern eingesperrt, Wałęsa in Einzelhaft isoliert. Die 16 Monate der Freiheit im kommunistischen Polen gingen zu Ende. Dieser militärische Putsch wurde von der kommunistischen Propaganda als »patriotische Rettung« kommuniziert. Die Macht der Kommunisten war vorläufig nicht nur in Polen, sondern auch im gesamten Sowjetreich gerettet.
Die Solidarność setzte im Untergrund ihre gewaltfreie Revolution fort. Dank der Kraft der friedlichen Bürgerproteste im gesamten Sowjetblock lebte die Solidarność weiter, war die einzig glaubwürdige politische Kraft in Polen. 1983 wurde Lech Wałęsa mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Seine Frau Danuta nahm in Oslo die Auszeichnung entgegen. Aus Angst vor einer eventuellen Ausbürgerung blieb Wałęsa in Polen, um seinen friedlichen Kampf in der Heimat fortsetzen zu können.
Ende der 1980er-Jahre vertiefte sich die Krise des Realsozialismus so sehr, dass die Machthaber dem Druck der Gesellschaft nach Reformen und mehr Freiheit entgegenkommen mussten. Im Februar 1989 setzten sich Vertreter des Regimes mit der Solidarność an den Runden Tisch in Warschau, die Solidarność wurde im April 1989 legalisiert, sie gewann am 4. Juni 1989 die ersten halbfreien Wahlen. Infolge dieses Triumphes übernahm die Solidarność im August 1989 die Regierungsverantwortung.
Der 4. Juni 1989 ist ein Datum von welthistorischer Bedeutung. An diesem Tag entzogen nicht nur in Polen Bürgerinnen und Bürger an den Wahlurnen den Kommunisten ihre politische Legitimität, an diesem Tag rollten auch in China Panzer, die eine gewaltfreie Demokratiebewegung blutig niederschlugen. Polen öffnete den Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft, Chinas KP-Führung entschied sich für die Einparteiendiktatur mit Kapitalismus und ohne offene Gesellschaft. Beide Ereignisse verbanden Solidarność und Perestroika. Der Runde Tisch in Polen, die Legalisierung der Solidarność und die Reformpolitik Michail Gorbatschows inspirierten Chinas Jugend im Frühjahr 1989 zu gewaltfreien Protesten für die Reform des chinesischen Kommunismus. Als Ende Mai zu den Studenten Arbeiter dazustießen und freie Pekinger Gewerkschaften formierten, verstand das Politbüro, dass dies eine gefährliche politische Mischung darstellte, die zur Geburt einer chinesischen Solidarność führen könnte. Vor dem Hintergrund polnischer Erfahrungen entschied die KP-Führung, diesen Prozess gewaltsam zu stoppen.
Die Erfolge der Solidarność beschleunigten den Zusammenbruch der alten europäischen Ordnung. Ohne die Solidarność wäre die Berliner Mauer nicht gefallen, ohne sie wäre es nicht zur deutschen Einheit gekommen.
Als 2019 der Norddeutsche Rundfunk und ARTE an den 30. Jahrestag des Falls des Eisernen Vorhangs erinnern wollten, produzierten sie einen Dokumentarfilm über die Revolution der Solidarność. Der Film trägt den Titel Solidarność – Der Mauerfall begann in Polen. Symbolisch wurde dieser Film auf ARTE am 9. November im Rahmen eines Themenabends über den historischen Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 gezeigt.
1989 öffnete nicht nur den Weg zur deutschen Einheit, es war auch die Geburtsstunde des politischen Europa, in dem wir heute leben. In Deutschland wird dieser revolutionäre Umbruch heute vor allem der Reformpolitik des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow zugeschrieben, der Glasnost und Perestroika. Weitgehend unterschätzt wird dagegen die Rolle der Zivilgesellschaften östlich des Eisernen Vorhangs, insbesondere der Solidarność. Die vergessene Wechselwirkung zwischen dem Freiheitskampf der Polinnen und Polen sowie den Reformen Gorbatschows brachte der polnische Historiker Jerzy Holzer treffend auf den Punkt: Die Geburt der Solidarność im August 1980 und ihre politischen Folgen seien, so Holzer, nach Machtantritt Gorbatschows 1985 zu einem Katalysator für die Perestroika geworden, und umgekehrt beschleunigte die Perestroika den weiteren Wandel in Polen. Den Reformwillen Gorbatschows nutzte die Solidarność-Führung um Lech Wałęsa zu Gesprächen am Runden Tisch in Warschau, die bereits in Februar 1989 begannen und deren Ende Anfang April das Tor zur Demokratisierung Polens öffnete. Die Wiederzulassung der Solidarność im Frühjahr 1989 und ihr Wahlsieg am 4. Juni 1989 lösten eine Kettenreaktion aus, die im späten Frühjahr 1989 zum ungarischen Runden Tisch und im Herbst zu Massenprotesten in der DDR und der Tschechoslowakei führte.
Der Sieg der Bürgerrevolutionen in Mitteleuropa im Jahr 1989 gab den Deutschen die unerwartete Chance zur Vereinigung, die schon ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, vollzogen wurde. Die deutsche Einheit wäre nicht möglich gewesen ohne die Zustimmung der Alliierten, aber auch nicht ohne die Akzeptanz der Nachbarn. Durch ein in den westlichen Strukturen integriertes vereinigtes Deutschland rückte der Westen unmittelbar an die polnische Grenze. Die deutsche Vereinigung hatte den Rückzug der sowjetischen Truppen aus Zentraleuropa zur Folge. Moskau verlor damit die militärische Kontrolle über das östliche Mitteleuropa. Kolonien des sowjetischen Imperiums verwandelten sich in souveräne Nationen. Die Bürgerrevolutionen in Polen, Ungarn, der DDR und Tschechoslowakei verstärkten den Freiheitswillen der Völker der Sowjetunion. Außer den baltischen Nationen forderten auch andere Völker der Sowjetunion, Ukrainer, Georgier, Armenier oder Belarussen, die Rückkehr in die nationale Eigenständigkeit und pochten auf Unabhängigkeit von Moskau.
Die Revolutionen in Polen, der DDR oder Ungarn konnte und wollte Moskau 1989 nicht mit Panzern ersticken. Angesichts des massenhaften Protestes der Bürger war das Risiko einer unkontrollierten politischen Krise zu groß. Aus der damaligen sowjetischen Perspektive sollte der friedliche Wandel die Krisen im Herrschaftsbereich 1989 mindern und somit das Zentrum der Macht in Moskau stärken. Doch die Rechnung der Machthaber ging nicht auf, die mitteleuropäische Revolution von 1989 strahlte auf das gesamte Imperium aus. Innerhalb der UdSSR setzten die Kommunisten daraufhin zum Teil auf Gewalt, um den Wandel zu stoppen. Gorbatschow schickte Truppen in die baltischen Republiken. Kommunistische Betonköpfe wollten im Sommer 1991 Gorbatschow stürzen und beschleunigten damit nur den Zusammenbruch des Sowjetreiches. Auf den Trümmern des roten Imperiums entstand die Russische Föderation. Die baltischen Staaten wurden souverän, die Ukrainer konnten nach mehreren erfolglosen Versuchen im 20. Jahrhundert endgültig ihren eigenen Staat errichten.
Die neu entstandene Ukraine verzichtete auf ihr Atomwaffenpotenzial. Im Gegenzug garantierte Russland im Budapester Memorandum 1994 die Unantastbarkeit der ukrainischen Grenzen. Territoriale Integrität der Ukraine und im Gegenzug das militärische Atommonopol Russlands in Osteuropa, das war damals der Deal. Ein wichtiges Element der politischen Ordnung Europas nach 1989, einer Ordnung, die Russlands Präsident Putin mit der Invasion in der Ukraine schon 2014 unmittelbar infrage gestellt hat.
Angesichts des blutigen Krieges im Osten Europas um Souveränität und Grenzen ist es bemerkenswert, dass nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in Mitteleuropa, also um Polen herum, kein blutiger Konflikt um Minderheitenrechte oder Grenzverläufe ausbrach. Dabei war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Nationen Mitteleuropas geprägt. Nicht nur der deutsche Expansionismus stürzte Europa in den blutigsten Krieg. Der Frieden war auch durch Konflikte zwischen Polen, Litauern, Ukrainern oder Belarussen gefährdet. Nationalismus und Antisemitismus zerstörten die demokratischen Fundamente Mitteleuropas.
Um diesem blutigen Erbe des 20. Jahrhunderts zu begegnen, setzten sich unabhängige Intellektuelle im politischen Untergrund in Mitteleuropa vor 1989 für eine kritische Reflexion mit der eigenen Nationalgeschichte ein. Die nationale Souveränität sollte einhergehen mit Distanz zu einem egoistischen Nationalismus, mit Offenheit gegenüber der Sicht der Nachbarn, mit Toleranz gegenüber den ethnischen und religiösen Minderheiten. Als dann der Sowjetblock niederging, erwies sich das in den Debatten des Untergrundes geübte Denken in Form von selbstkritischer Reflexion über die eigene polnische Geschichte als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Nationen. Obwohl Stalin die Grenzen Polens nach 1945 festlegte, akzeptierten die Solidarność-Revolutionäre sie, um den Frieden im östlichen Mitteleuropa zu sichern. Sie verzichteten auf gefährliche Grenzveränderungen vor allem im Osten und setzten auf Verständigung in Versöhnung, auf die Solidarität unter den für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Nationen. Deutsche und Polen, Ukrainer und Polen, Litauer und Polen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts feindlich gegenübergestanden hatten, wurden nun zu Verbündeten. Gemeinsam erreichten sie ihre volle Unabhängigkeit. Das war eine geradezu kopernikanische Wende in der modernen europäischen Geschichte.
Das Ende des Kalten Krieges war viel mehr als nur eine Folge der ökonomischen und sozialen Krise des Realsozialismus, von Misswirtschaft und Armut. Der Epochenwechsel der Revolution von 1989 war das Verdienst mutigen Eintretens von Menschen für die eigene Freiheit und die der anderen. Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde eine universelle Erfahrung deutlich: Für einen positiven zivilisatorischen Wandel bedarf es nicht nur des Eintretens für die eigene Freiheit, sondern auch für die der anderen, der Fremden. Es bedarf der Bereitschaft zur kollektiven, über die Grenzen der eigenen Erfahrungsräume, vor allem des traditionellen Nationalstaates hinausreichenden Verantwortung.
Das Ende des Kalten Krieges setzte in Europa einen neuen Integrationsprozess frei. 1993 wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in die Europäische Union weiterentwickelt, später der Euro eingeführt. Neutrale Staaten wie Österreich, Finnland und Schweden wurden 1995 EU-Mitgliedsländer. Das politische Europa, in dem wir heute leben, ist ein Kind der Revolution von 1989.
Obwohl die polnische Solidarność-Revolution maßgeblich am europäischen Epochenwechsel beteiligt war, blieben Polen und andere Mitteleuropäer viele Jahre nach 1989 nur eine ökonomische Einflusszone des Westens, waren keine gleichberechtigten Partner. Erst 2004 wurde Polen EU-Mitglied, 2007 fielen die Grenzkontrollen zu EU-Ländern. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union wurde der Traum Bronisław Geremeks und anderer Solidarność-Revolutionäre wahr, der Traum, ein rechtlich gleichberechtigter Akteur in einer Europäischen Union gleichberechtigter, demokratischer Nationen zu sein.
Doch mit der EU-Osterweiterung wurde nur ein Teil der Solidarność-Vision realisiert. Belarus und die Ukraine blieben außerhalb der Europäischen Union, sind seit Jahren Opfer einer mörderischen Politik neoimperialer Machthaber in Moskau. Putins Krieg gegen die Ukraine und die belarussische Zivilgesellschaft ist ein Angriff auf die Neubegründung Europas nach 1989, auf das Entstehen einer demokratischen, gegen die imperialen Traditionen Europas gerichteten Ordnung auf dem Kontinent. Putin will die politischen und staatlichen Grenzen in Europa verschieben, will zurück zu einer Politik der Interessensphären der Großmächte. Der von Putin regierte Staat ist ein Gegner der europäischen Integration.
Putins Russland testet unsere Solidarität, aber auch, wie sehr sich unsere kulturellen Kompetenzen der neuen politischen Landkarte nach 1989 angepasst haben, inwieweit sich unsere mentale Landkarte verändert hat. Karl Schlögel bezeichnete die EU-Osterweiterung vor zwei Jahrzehnten als eine kulturelle Horizonterweiterung. Nicht nur die politische und ökonomische Ordnung müsse sich den neuen Realitäten anpassen, auch die kulturellen Vorstellungen, die mentale Landkarte der Europäer. Westeuropa müsse die historischen und kulturellen Erfahrungen der damals neuen EU-Mitgliedsländer annehmen, verstehen, damit mentale Grenzen verschwänden.
Ich verstehe diesen Prozess als eine Aufforderung an alle Europäer. Auch Menschen in Polen, Tschechien oder Ungarn müssen ihre kulturellen Horizonte in Richtung Westen, Norden oder Süden erweitern. Sie dürfen Empathie nicht nur für sich als Opfer imperialer sowjetischer Politik einfordern, sondern auch Empathie und Lernbereitschaft gegenüber anderen Regionen Europas praktizieren. Das ist für alle Akteure ein schwieriger Prozess des Sich-Begegnens auf Augenhöhe.
Schlögels spezifische Sorge um die kulturellen Kompetenzen des alten Westens gegenüber dem neuen Osten bekommt aber heute, fast zwei Jahrzehnte nachdem er sie formuliert hat, eine neue Bedeutung. Denn viele EU-Europäer verstehen nicht, dass der europäische Traum nicht an der polnischen Ostgrenze, der Außengrenze der Europäischen Union und der NATO enden darf. Das Fundament des europäischen Friedens nach den beiden Weltkriegen und der europäischen Einigung bildet nicht nur die historische Aussöhnung zwischen Deutschen und den westlichen Nachbarn. Dieses Fundament ist mittlerweile breiter geworden, es umfasst auch die Versöhnung der Polen mit den Deutschen und auch die Verständigung der Polen mit ihren östlichen Nachbarn, vor allem mit Litauen und der Ukraine. Diese Kette neuer Verständigungen und Partnerschaften hat die Landkarte Europas von Frankreich bis in die Ukraine grundlegend verändert. Sie bietet die Chance zur Erweiterung des Bündnisses demokratischer Staaten. Putins Krieg gegen die Ukraine ist ein Kampf gegen ein solidarisches Europa der Verständigung, gegen die Überwindung historischer Teilungen.
Der Krieg in der Ukraine hat uns ins Gedächtnis gerufen, dass die Bürgerrevolutionen der Jahre 1989 bis 1991 noch nicht beendet sind. Der Diktator Putin ist ein politischer Akteur, dessen Biografie zeigt, wie sehr diese Ereignisse miteinander zusammenhängen. In den 1980er-Jahren diente Putin als KGB-Offizier in der DDR in Dresden und er war damit befasst, aktive Maßnahmen gegen die Bürgerrevolution zu betreiben. Sein Chef, General Wladimir Krjutschkow, leitete 1991 den autoritären Putsch gegen Gorbatschow ein. Krjutschkow und sein Untergebener Putin gehörten zu denen, die die europäischen Bürgerrevolutionen und darüber hinaus die Transformation der Sowjetunion in einen Raum demokratischer Staaten aufhalten wollten. Gegenwärtig beabsichtigt Putin im Bewusstsein der begrenzten Zeit, die ihm selbst noch zur Verfügung steht, einmal mehr, die Revolution der Menschenrechte aufzuhalten und ihre dynamische Entwicklung zu stoppen. Dies tat er schon früher in vielen Ländern und an vielen Orten, ob nun in der Russischen Föderation oder beim Überfall auf Georgien 2008 sowie auf die Krim und die Ostukraine 2014. Daneben ist er einer der Initiatoren des neuen nationalistischen, antisolidarischen Populismus in Europa und den Vereinigten Staaten.
Das wichtigste Projekt des neuen Populismus ist die Unterminierung der Solidarität der Zivilgesellschaften, ob nun innerhalb der NATO oder der Europäischen Union. Hier investiert Putin in alle wichtigen Anti-EU-Parteien. Der Vertrag von Maastricht von 1992 legte die Grundlagen für die Vertiefung der Union, für die Einführung einer Gemeinschaftswährung und die Erweiterung der EU nach Osten. Putin unterstützt die nationalistischen Populisten innerhalb der EU und bekämpft so nicht nur die europäische Solidarität, sondern auch die positiven Folgewirkungen der Bürgerrevolutionen von 1989.
Putin hat uns ins Gedächtnis gerufen, dass die europäischen Revolutionen der Jahre 1980–1991, die mit der Gründung der Solidarność begannen, noch nicht beendet sind. Die heutige Generation junger Europäer, geboren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, muss sich damit auseinandersetzen, ein Erbe zu verteidigen, das auf die Zeit vor ihrer Geburt zurückgeht. Die Idee und Erfahrung der Solidarność und anderer Bürgerrevolutionen sind auch im 21. Jahrhundert aktuell: Ohne Demokratie gibt es keinen allgemeinen Wohlstand, gibt es keine wirtschaftliche und technologische Entwicklung, gibt es keine Sicherheit und kein ökologisches Gleichgewicht. Nur ein durchweg demokratischer Staat und eine offene Gesellschaft fördern Umweltschutz und wirtschaftlichen Wohlstand, der nicht nur das Privileg einer oligarchischen Gruppe ist. Dies alles richtet sich gegen jegliche Tyranneien, wie Putins Russland, die kommunistische Diktatur Chinas oder das Mullah-Regime in Iran.
An Bronisław Geremek, den Solidarność-Mitbegründer, habe ich zu Beginn meines Textes erinnert. Er habe immer von Europa geträumt, betonte Geremek nach dem Sieg der polnischen Freiheitsrevolution. Grundlegende politische Veränderungen müssten von Träumen begleitet werden, betonte der polnische Historiker und Politiker.
Polens Träume veränderten Europa im 20. Jahrhundert, brachten den Eisernen Vorhang zu Fall. Heute sind es die Träume der Ukrainer sowie der Menschen in Belarus, die Europas Politik verändern. Polen war in den 1980er-Jahren das Epizentrum des Freiheitskampfes in der Welt, heute sind es die Ukraine und Belarus. Selenskyj, Klitschko, Schadan, Zichanouskaja und Bjaljazki sind heute die Ikonen der Freiheit. Damals waren es Wałęsa, Walentynowicz, Kuroń und Geremek.
Die Solidarność wollte den Kontinent gewaltfrei verändern. Sie stieß dabei aber auf gewaltsamen Widerstand der kommunistischen Machthaber. Diese erwiesen sich jedoch als zu schwach, um die friedliche Revolution der Millionenbewegung Solidarność aufzuhalten. Der Systemwechsel im östlichen Mitteleuropa konnte dadurch 1989 weitgehend friedlich verlaufen. Doch schon der Umsturz in Rumänien verlief in den letzten Tagen des Jahres 1989 blutig. Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens mündete in Kriege und »ethnische Säuberungen«. Und der Zusammenbruch der Sowjetimperiums löste gewaltsame Konflikte aus, deren Folgen im Westen viele Jahre unterschätzt wurden. Die militärischen Interventionen Gorbatschows in Litauen und Lettland, Jelzins und Putins Kriege in Tschetschenien, Moldawien und Georgien oder den armenisch-aserbeidschanischen Dauerkrieg haben die Westeuropäer lediglich zur Kenntnis genommen, die überregionale Bedeutung dieser Entwicklungen für die Sicherheit in Europa aber kaum erfasst.
Putins brutaler Angriffskrieg gegen die ukrainische Nation, gegen unschuldige Zivilisten – Frauen, Kinder und ältere Menschen –, hat unseren europäischen Traum von einem friedlichen Wandel Europas nach 1989 endgültig beendet. Wer Freiheit und Demokratie im Osten Europas will, muss heute diese Ideale militärisch verteidigen. Polens gewaltfreie Solidarność-Revolutionäre begrüßen heute Waffenlieferungen an die demokratische Ukraine. Sie sehen keine Alternative zu einer Stärkung der militärischen Verteidigungsfähigkeit der Ukraine. Diese Haltung trifft in Polen auf eine breite Zustimmung. Die enorme Bereitschaft der polnischen Bevölkerung, Millionen von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine zu helfen, erinnert an die gesellschaftliche Massenmobilisierung zur Zeit der Solidarność. Durch den russischen Überfall auf die Ukraine fühlen sich auch Polen unmittelbar bedroht. Empathie für die Opfer und die Bereitschaft zur Verteidigung der europäischen Freiheit, das sind die beiden Motive, die die polnische Zivilgesellschaft zur Solidarität mit der Ukraine mobilisieren.
Der Ukrainekrieg hat auch Deutschland verändert. Hunderttausende Menschen aus der Ukraine sind in der Bundesrepublik aufgenommen worden. Die Bundesregierung schickt Waffen und viele Milliarden Euro Finanzhilfen in die Ukraine. Polen und Deutschland sind gemeinsam mit den USA diejenigen Staaten, die für die Opfer der russischen Aggression die größte Unterstützung leisten.
Doch in Polen sieht man nicht nur die deutsche Solidarität mit den ukrainischen Nachbarn, sondern nimmt auch die kritische Haltung weiter Teile der deutschen Gesellschaft zur Ukrainepolitik der Bundesregierung wahr. Für Polen kann es Friedensverhandlungen mit Russland nur geben, wenn Moskau die Grenzen seines militärischen Handelns erkennt, nur dann, wenn die Ukraine auf dem Schlachtfeld Erfolg hat. Diese Perspektive teilt nur eine knappe Mehrheit der Deutschen.
Beachtenswert ist, dass vor allem ehemalige DDR-Bürgerrechtler, also Vertreter der gewaltfreien Revolution von 1989, ähnlich wie die polnischen Nachbarn denken und Verständnis für die deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine haben. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Epochenwechsels 1989 scheint mir der Schlüssel zur deutschen Ukraine- und ganz allgemein zur gegenwärtigen Europadebatte zu sein. Diejenigen, ob in Ost oder West, die sich mit den europäischen Revolutionen von 1989 identifizieren und daraus eine neue Verantwortung Deutschlands für Europa herleiten, zeigen größeres Verständnis für die ukrainischen Interessen, mehr Solidarität mit den Nachbarn. Sie sind auch frei von der Nostalgie nach einer Koexistenz der politischen Blöcke durch Abgrenzung der Einflusssphären, so wie sie vor 1989 praktiziert wurde. Damals profitierten die Großmächte und die westlichen Gesellschaften von diesem »Kalten Frieden« mit Moskau, aber nicht die unterdrückten Mittel- und Osteuropäer.
Die Ukraine hat die Chance, den Krieg gegen Putin zu gewinnen. Der ukrainische David kann den russischen Goliath besiegen. Mit der Vertreibung von Putins Truppen aus der Ukraine ginge der ukrainische Traum von Freiheit und Unabhängigkeit in Erfüllung. Dieser Sieg wäre auch ein Erfolg derjenigen europäischen Demokraten, die an der Seite der Ukraine stehen. Die nach dem Brexit geschwächte Europäische Union würde von den erfüllten Träumen des ukrainischen Verbündeten profitieren. Nicht nur der Begriff der europäischen Solidarität hätte dann eine neue Glaubwürdigkeit erfahren. Wie in 1989 könnte in der Ukraine wieder die grundlegende Erfahrung deutlich werden, dass offene Gesellschaften stärker sind als autoritäre Gesellschaften, Demokratien widerstandsfähiger als totalitäre Systeme. Eine neue Welle der Demokratisierung könnte der ukrainische Triumph hervorrufen, so wie es der Sieg der Solidarność Ende des 20. Jahrhunderts getan hat.
Von Marta Grzywacz
Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller
Allgegenwärtige Korruption, leere Regale in den Geschäften, zunehmende Preiserhöhungen, Vernachlässigung der Bedürfnisse der Gesellschaft. Der Boden für die Revolution der Solidarność war bereit.
Der Werftarbeiter Jerzy Borowczak war gerade von einem samstäglichen Empfang nach Hause gekommen, als jemand an sein Fenster klopfte. Es war Bogdan Borusewicz. Er trat nicht ein, rief nur: »Komm, wir müssen reden.« Und fragte: »Machen wir den Streik oder nicht?« Der konspirativen Gruppe schlossen sich Ludwik Prądzyński und Bogdan Felski an. Und Lech Wałęsa wurde zum Anführer der Arbeiter gewählt. Am 14. August 1980 begannen die Streiks an der polnischen Ostseeküste.
Der Jahrhundertwinter 1978/79 legte für zwei Monate das Land lahm. In den Geschäften, wo es ohnehin schon wenig zu kaufen gab, fehlte es an Grundnahrungsmitteln: Milch, Käse, selbst Brot. Tausende Nutztiere starben, es gab viele Todesopfer in der Bevölkerung, und das durch das Wetter verursachte Chaos wurde von der organisatorischen Ohnmacht der Regierung verschlimmert. Die Wirtschaft hatte riesige Verluste zu verzeichnen, was sich auf die Stimmung in der Gesellschaft auswirkte. Immer öfter notierte der Sicherheitsdienst1, dass »die Menschen sich aggressiv ausdrücken und die Partei verunglimpfen«, sie kritisierten die »riskante Wirtschaftspolitik« und »mangelhafte Organisation«. Viele Polen waren der Meinung, dass »die Verhängung des Katastrophenfalls vom wirtschaftlichen Chaos ablenken und die dafür Verantwortlichen entlasten sollte«. »Andererseits«, schreibt der Historiker Maciej Zaremba, hat der »Jahrhundertwinter« die Polen zusammengeschweißt, die bei Gesprächen auf den Fluren, wenn sie sich eine Kerze oder Salz borgten, ihre politischen Ansichten austauschten und sich solidarisierten, indem sie gemeinsam auf das System und die Partei schimpften, die längst keine nationale Autorität mehr waren.
Diese Stelle nahm im Oktober 1978 der polnische Papst – Karol Wojtyła – ein, als er bei seiner ersten Pilgerfahrt nach Polen, die er am 2. Juni 1979 antrat, vom Vaterland, von der Gemeinschaft und vom Patriotismus sprach, aber auch von dem Recht, in einem souveränen Staat zu leben, was – das werden später viele Historiker schreiben – Polen aus seiner Lethargie und aus dem Konformismus riss. Plötzlich hörten sie trotz der lebendigen Erinnerung an die Repressionen, die sie 1956, 1970 und 1976 erlebt hatten, auf, sich vor der offenen Konfrontation mit dem Regime zu fürchten, denn die Präsenz von Johannes Paul II. in Rom gab ihnen die Hoffnung, dass im Fall der Fälle jemand hinter ihnen stehen würde. Im Juni 1979 sammelte der Sicherheitsdienst in Radziejowo bei Wrocław eilig Flugblätter ein, die »Tod den Kommunisten« kündeten, und in Legnica wuschen Funktionäre die Aufschrift »Weg mit der polnisch-sowjetischen Freundschaft« von Mauern.
Im März 1980, kurz vor den Wahlen zum Sejm2 und zu den Nationalräten,3 organisierte die Opposition die in ihrer Geschichte größte Verteilungsaktion von Flugblättern. Darauf stand: »Wähler, bleib zu Hause. Breschnew stimmt für dich ab.« Wie viel das Bündnis mit der Sowjetunion wert war, zeigten die Olympischen Spiele in Moskau. Als Władysław Kozakiewicz im Stabhochsprung seinen sowjetischen Rivalen besiegte und seine symbolische Geste zeigte,4 brach in Polen Euphorie aus.
Die allgegenwärtige Korruption und die zunehmenden Preiserhöhungen, während die Bedürfnisse der Gesellschaft ignoriert wurden und sich gleichzeitig Parteifunktionäre bereicherten, führten zu einer Stimmung voller Frust und Zorn.
Der Boden für die Revolution der Solidarność war bereitet.
Im Frühjahr legten angesichts der steigenden Fleischpreise mehrere Betriebe die Arbeit nieder, im Juli stand Mielec still, im Lubliner Land streikten die Eisenbahner. Überall wurden Lohnerhöhungen gefordert. Die Opposition informierte die Welt über die rebellischen Stimmungen in vielen polnischen Arbeitsbetrieben, und die Nachrichten kamen über den Sender Radio Free Europe wieder zurück nach Polen. Blitzschnell waren die Empfangsgeräte für Kurzwellen in den Geschäften ausverkauft. Die wirtschaftliche Lage Polens war fatal, sodass selbst manche Regierungsmitglieder sich nichts mehr vormachen konnten. Mieczysław Rakowski, Chefredakteur des Magazins Polityka, traf sich Mitte Juni mit dem damaligen Ministerpräsidenten Edward Babiuch und erfuhr, dass »die Wahrheit so brutal ist, dass man sie dem Volk nicht mitteilen kann«.
Insgesamt streikten 177 Betriebe und 81 000 Menschen. Die Regierung entschied sich jedoch dagegen, die Proteste gewaltsam aufzulösen. Zunächst genügte es, Lohnerhöhungen zu versprechen und die bevorstehende Sommer- und damit die Urlaubszeit abzuwarten. Die Streikstimmung legte sich etwas, sodass der dadurch beruhigte Edward Gierek, der Erste Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (polnisch: Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, kurz: PZPR) zusammen mit zwölf Mitgliedern des Zentralkomitees (ZK) auf die Krim fahren konnte.
Und dann erwachte Danzig.
Am 9. August holte die 51-jährige Kranführerin Anna Walentynowicz nach 30 Jahren Arbeit auf der Danziger Werft ihr letztes Gehalt ab. Sie war am Tag zuvor entlassen worden, weil sie offen im Freien Gewerkschaftsbund aktiv war und Untergrundzeitschriften und Flugblätter auf das Werftgelände geschmuggelt hatte. Es hatten ihr wenige Tage gefehlt, um das Recht auf Rentenzahlungen zu bekommen.
Walentynowicz’ Kollegen waren erschüttert. Sie feierten gerade bei Freunden die Freilassung von zwei Kollegen aus dem Gefängnis, als Jerzy Borowczak, Lech Wałęsa und Bogdan Felski von Bogdan Borusewicz herausgerufen wurden. »Wir müssen etwas tun«, drängte Borusewicz. Jerzy Borowczak sagte Jahre später, dass selbst unter ihnen »damals keine Streikstimmung herrschte«. Aber Borusewicz’ Frage »Machen wir den Streik oder nicht?«, bejahte er.
Felski erinnert sich so: »Wir sprachen ab, dass wir auf Teufel komm raus innerhalb des Betriebes bleiben mussten. Draußen konnte es zu Provokationen kommen, zu Diebstahl, zu Vandalismus, es konnte passieren, dass Scheiben eingeworfen würden. Und wir wollten nicht, dass die Arbeiter wie 1970 als eine Bande Faulpelze und Hooligans wahrgenommen würden.«
Ihr Plan war, den Streik auszurufen, bevor die Werftarbeiter mit der Arbeit begannen, noch in den Umkleideräumen. Dann wollten sie die Menschen zum historischen Tor führen, wo im Dezember 1970 das Blutvergießen stattgefunden hatte, und der Opfer mit einer Schweigeminute gedenken. Dort sollte schon Lech Wałęsa warten, der vier Jahre zuvor für seine Kritik an der parteizugehörigen Gewerkschaft entlassen worden war. »Wir dachten, dass der Streik den Donnerstag und den Freitag dauern würde und dass man vielleicht über Nacht bleiben müsste«, sagte Felski. »Niemand hat damit gerechnet, dass sich das so lange hinzieht.«
Von Marta Grzywacz
Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller
Andrzej Wajda sagt den Streikenden, dass sie gerade Geschichte machen. »Meistens zieht die Geschichte an uns vorbei, aber hier ist sie zu spüren. Hier sieht man ihre Gegenwart ganz direkt.«
Am frühen Morgen des 14. August tauchen in den Zügen, die die Arbeiter in die Danziger Betriebe bringen, Flugblätter auf, auf denen gefordert wird, dass Anna Walentynowicz, Trägerin des Goldenen Verdienstkreuzes, »mustergültige Mitarbeiterin und ein Mensch, der sich stets gegen Unrecht und Ungerechtigkeit eingesetzt hat«, ihre Arbeit wieder aufnehmen darf. Jerzy Borowczak: »Die Werften begannen um sechs Uhr mit der Arbeit […], deshalb fingen wir sehr früh am Morgen mit der Aktion an. Wir stiegen in Przymorze ein, jeder in einen anderen Waggon, wir liefen durch mehrere Waggons, verteilten die Flugblätter, nach drei Stationen stiegen wir aus und fuhren mit der Bahn in die andere Richtung. Das wiederholten wir mehrmals bis sechs Uhr morgens.«
Die ersten Arbeitergruppen versammeln sich vor dem Elektrodenlager, bei den Garderoben, der Werkzeugabteilung und den Abteilungen K-1, K-3, C-5 sowie der Motorenabteilung. Borowczak: »Wir holten mehrere Dutzend, vielleicht hundert Menschen aus meiner Abteilung zusammen, manche hatten bereits mit der Arbeit begonnen, schalteten aber ihre Maschinen wieder aus. […] Wir liefen durch die Werft und riefen: ›Kommt mit‹. […] Die Leute schlossen sich uns an, nahmen die Flugblätter.«
Alles lief nach Plan, bis auf eines: Lech Wałęsa war noch nicht auf der Werft. Später sagte er, er habe, als er seine Wohnung verließ, bereits die Werftsirenen gehört, die zum Streik aufriefen, aber in der Straßenbahn seien ihm Leute vom Geheimdienst aufgefallen, die ihm folgten. Er kam mit zweistündiger Verspätung auf der Werft an.
Die Historikerin Anna Machcewicz schreibt in ihrem Buch Bunt. Strajki w Trójmieście 1980 (Aufstand. Die Streiks in Dreistadt 1980), dass »Lech Wałęsa ein enormes Risiko einging, als er das Betriebsgelände betrat, ohne hier Mitarbeiter zu sein, um sich dem Versuch, einen Streik auszurufen, anzuschließen, und das mit seiner beachtlichen oppositionellen Vergangenheit, seiner Verbindung zum KSS KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) und mit dem Brandmal der Arbeitslosigkeit. Er riskierte es, verhaftet zu werden, und brachte seine Familie in Gefahr. Einige Tage zuvor war sein sechstes Kind geboren worden. Kann man sich einen schwierigeren Moment vorstellen für eine Aktion, die leicht hätte schiefgehen können?«
Als Wałęsa endlich auf der Werft ankommt, herrscht dort bereits ein Durcheinander. Der Sicherheitsdienst kann ihn nicht aufhalten, Wałęsa springt über den Zaun und gelangt auf das Betriebsgelände. Der Funktionär des Sicherheitsdienstes Krzysztof Adamski gibt später zu, dass es keinen Befehl gegeben hatte, Wałęsa festzunehmen. Ursache dafür war womöglich das Chaos im Büro, wo gerade Schichtwechsel war.
Kurz nachdem Lech Wałęsa auf einen Bagger gesprungen war und den Besetzungsstreik ausgerufen hatte, fordert jemand, einen Dienstwagen zu Anna Walentynowicz zu schicken. Sie schließt sich dem Streik an. Es wird eine Arbeiterwache gebildet, die die Leute, die sich auf dem Betriebsgelände befinden, nicht rauslässt, damit sie keinen Wodka auf das Werftgelände holen. In der Zwischenzeit stellen die Streikenden der Direktion der Danziger Werft ihre Forderungen vor: dem gesamten Streikkomitee Sicherheit garantieren, Anna Walentynowicz und Lech Wałęsa wieder einstellen, die Leistungen für Familien und die Löhne um 2000 Złoty anheben, für die Opfer von 1970 ein Denkmal aufstellen und die Versorgung des Marktes mit Lebensmitteln verbessern. Die Gespräche finden anfangs im Büro des Direktors statt und werden dann in die Arbeitsschutzhalle verlegt, die mit einer Lautsprecheranlage ausgestattet ist, sodass die gesamte Belegschaft mithören kann. Das Chaos, in das die Gespräche geraten waren, brachte Lech Wałęsa wieder unter Kontrolle, schreibt Machcewicz. Wałęsa »schaffte es, den Dialog wieder zu ordnen, und sorgte dafür, dass die Gespräche gemäß der Forderungsliste verliefen; er unterschied klar bereits verhandelte von offenen Fragen. Gemäß der Oppositionstaktik, die im Flugblatt Wie gestreikt wird stand, verlangte er, dass die Arbeiter das Recht bekommen, nach dem Streik die Umsetzung der Postulate zu überwachen.«
