Solo für Bottlang - Jörg Meier - E-Book

Solo für Bottlang E-Book

Jörg Meier

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Beschreibung

Eine tragikomische Geschichte von zwei Menschen, die in einer engen Seilbahnkabine stecken geblieben sind und im stürmischen Föhn gemeinsam die Nacht hoch über dem Abgrund verbringen müssen. Alleinunterhalter Fredi Rüegg liebt deutsche Schlager. Den Lokaljournalisten Bongo Bottlang hingegen kann er nicht ausstehen. Auf der mitternächtlichen Talfahrt von der Saxenalp, wo Rüegg (Künstlername Fredi Solo) seinen 936. Auftritt als Alleinunterhalter hatte, stoppt das Niederberger Schiffli auf halber Strecke. Die beiden Passagiere Rüegg und der seltsame Bottlang müssen erkennen, dass sie die Nacht gemeinsam in der engen Kabine verbringen werden, hängend zwischen Himmel und Erde, Wind und Wetter ausgesetzt. Bottlang, der unter Platzangst leidet, engagiert Rüegg. Er soll ihn unterhalten und vom Grauen ablenken, bis Rettung kommt. Aber Bottlang hasst Schlager und erträgt keine Witze. Der Sturm wird stärker und Bottlang gerät in Panik. Die Katastrophe scheint unvermeidlich. In der Not erzählt Rüegg Geschichten aus dem Universum des Alleinunterhalters. Er ahnt nicht, dass eine dieser Geschichten die beiden Männer schicksalhaft verbindet. Ist es wirklich nur Zufall, dass die beiden Passagiere in der hängenden Kabine gestrandet sind?

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für D. M. Sie legte damals die Schallplatte auf das Kopfkissen des verstockten Buben. «Marina» von Rocco Granata. Ein Sonderangebot aus dem Denner.

 

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch – Der Link öffnet das Kapitel «Über das Buch».

1  – Der Link öffnet Kapitel 1.2  – Der Link öffnet Kapitel 2.3  – Der Link öffnet Kapitel 3.4  – Der Link öffnet Kapitel 4.5  – Der Link öffnet Kapitel 5.6  – Der Link öffnet Kapitel 6.7  – Der Link öffnet Kapitel 7.8  – Der Link öffnet Kapitel 8.9  – Der Link öffnet Kapitel 9.10  – Der Link öffnet Kapitel 10.11  – Der Link öffnet Kapitel 11.12  – Der Link öffnet Kapitel 12.13  – Der Link öffnet Kapitel 13.14  – Der Link öffnet Kapitel 14.15  – Der Link öffnet Kapitel 15.16  – Der Link öffnet Kapitel 16.17  – Der Link öffnet Kapitel 17.18  – Der Link öffnet Kapitel 18.19  – Der Link öffnet Kapitel 19.20  – Der Link öffnet Kapitel 20.21  – Der Link öffnet Kapitel 21.22  – Der Link öffnet Kapitel 22.23  – Der Link öffnet Kapitel 23.24  – Der Link öffnet Kapitel 24.25  – Der Link öffnet Kapitel 25.26  – Der Link öffnet Kapitel 26.27  – Der Link öffnet Kapitel 27.28  – Der Link öffnet Kapitel 28.

Glossar – Der Link öffnet das Glossar.

Playlist – Der Link öffnet die Playlist.

Über den Autor – Der Link öffnet das Kapitel «Über den Autor».

 

Über das Buch

Eine tragikomische Geschichte von zwei Menschen, die in einer engen Seilbahnkabine stecken geblieben sind und im stürmischen Föhn gemeinsam die Nacht hoch über dem Abgrund verbringen müssen.

Alleinunterhalter Fredi Rüegg liebt deutsche Schlager. Den Lokaljournalisten Bongo Bottlang hingegen kann er nicht ausstehen. Auf der mitternächtlichen Talfahrt von der Saxenalp, wo Rüegg (Künstlername Fredi Solo) seinen 936. Auftritt als Alleinunterhalter hatte, stoppt das Niederberger Schiffli auf halber Strecke. Die beiden Passagiere Rüegg und der seltsame Bottlang müssen erkennen, dass sie die Nacht gemeinsam in der engen Kabine verbringen werden, hängend zwischen Himmel und Erde, Wind und Wetter ausgesetzt.

Bottlang, der unter Platzangst leidet, engagiert Rüegg. Er soll ihn unterhalten und vom Grauen ablenken, bis Rettung kommt. Aber Bottlang hasst Schlager und erträgt keine Witze. Der Sturm wird stärker und Bottlang gerät in Panik. Die Katastrophe scheint unvermeidlich. In der Not erzählt Rüegg Geschichten aus dem Universum des Alleinunterhalters. Er ahnt nicht, dass eine dieser Geschichten die beiden Männer schicksalhaft verbindet.

Ist es wirklich nur Zufall, dass die beiden Passagiere in der hängenden Kabine gestrandet sind?

«Ein Betriebsausfall und der stürmische Nachtföhn zwingen zwei ungleiche Helden in einer wackeligen Seilbahnkabine zur persönlichen Lebenskatharsis. Jörg Meier lässt unterhaltsam und reich recherchiert tief in das Leben zweier scheinbar fremder Männer blicken.»

Hanspeter Müller-Drossaart, Schauspieler und Autor

 

1

Fredi Rüegg schwitzte. Er stand in der schwach beleuchteten Bergstation und lud das Keyboard samt Zubehör auf die offene Ladefläche. Die Handorgel legte er auf die bergseitige Holzbank in der Kabine. Schliesslich holte er den Rollkoffer und seine Universalbox aus dem Haflinger, den Ambauen vor der Station abgestellt hatte. Koffer und Box passten exakt in die Lücke zwischen Keyboard und Kabinenwand.

Fertig. Rüegg wischte sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn und trat vor die Station. Er spürte den leichten, angenehm warmen Wind, der vom Tal her kam. Es roch nach feuchtem Gras. Schemenhaft konnte Rüegg die Berge erkennen, die hinter dem Tal in den Nachthimmel ragten.

Nur drei Masten habe die Seilbahn, hatte Ambauen erzählt: Zwei ganz oben, vor der Felswand, der dritte stehe erst wieder unten, vor der Einfahrt in die Talstation. Über tausend Meter hänge das Tragseil zwischen Mast zwei und drei frei in der Luft, an der extremsten Stelle fast fünfhundert Meter über dem Tobel. Das sei nichts für schwache Nerven. Manchmal höre man die Schreie der Passagiere bis auf die Terrasse des Berggasthauses. Niederberger Schiffli heisse diese Art von Seilbahn. Erfunden vor bald hundert Jahren im Kanton Nidwalden. Gemacht für stotzige Hänge mit Alpwirtschaft. Absolut sicher und mit höchster Föhnresistenz. Innert fünf Minuten sei der Kabinenteil abgebaut und durch ein Gatter ersetzt. So könne auch ein ausgewachsenes Kalb problemlos transportiert werden. Oder ein junger Stier.

Rüegg blickte in den Nachthimmel. Sein Vater hatte ihm einst beigebracht, wie man den Polarstern erkennt: zuerst den Grossen Wagen orten. Der Polarstern befindet sich in der Verlängerung der beiden hinteren Sterne des Wagenkastens. Er ist gut erkennbar, weil er heller leuchtet als die Sterne ringsum. Das gemeinsame Suchen und Finden des Polarsterns war eine der wenigen Erinnerungen, die Rüegg an seinen Vater hatte.

Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Himmel nach dem Polarstern abzusuchen, wenn er nachts draussen war. Sobald er ihn entdeckt hatte, war er beruhigt.

Er pfiff die bekannte Pfeifmelodie von Roger Whittaker, deren Titel er aber nicht kannte. Rüegg war mit sich und der Welt im Reinen. Die Schmerzen in der linken Schulter waren zu verkraften und würden nach den üblichen zwei Paracetamol auch diesmal für ein paar Stunden verschwinden.

Er hatte einen grandiosen Auftritt hingelegt. Hatte sofort begriffen, was sein Publikum brauchte und wollte. Er hatte es den Leuten gegeben, aber stets mit der richtig getimten Verzögerung, so wie das eben nur der erfahrene Alleinunterhalter hinkriegt. Er hatte sie auf die Bänke gespielt. Er hatte mit ihnen gesungen und sie schunkeln lassen. Seine Saxenalp-Anekdoten hatten für Heiterkeit gesorgt. Sie jubelten, als er sich in Drafi Deutscher verwandelte und Marmor, Stein und Eisen bricht rockte. Sie waren zu Tränen gerührt, als er zum Schluss doch noch das Saxenalp-Lied brachte und sie den Refrain singen liess. Sie skandierten seinen Namen und bettelten um Zugaben, als er um Mitternacht aufhören wollte. Einzig die Bitte um eine letzte Polonaise durch die Ferienkolonie erfüllte er nicht.

Fredi Rüegg alias Alleinunterhalter Fredi Solo gab sich neun von zehn möglichen Punkten für seinen neunhundertsechsunddreissigsten Auftritt. Es war lange her, seit er das letzte Mal der Perfektion so nah gewesen war.

Dass Chiara nicht gekommen war, war zwar schade, aber nicht überraschend. Wie hätte sie auch vom Abschiedsfest erfahren können? Dass die Kolonie verkauft worden war? Ob sie ihn erkannt hätte, nach so langer Zeit? Vielleicht hätte Marina sie an ihn erinnert. Damals hatte sie sich gekugelt vor Lachen. Vorhin hatte Rüegg das Lied wieder gespielt. Auf dem gleichen Akkordeon, nur routinierter, gelassener. Und vorsichtshalber mit deutschem Text. Rüegg war sich sicher, dass er Chiara erkannt hätte. Garantiert.

Er wechselte die Pfeifmelodie: Auf Roger Whittaker folgte Marina.

Er ging zurück in die Station zum wartenden Niederberger Schiffli. Er kontrollierte die Ladung, überlegte sich, ob er sie festbinden sollte.

Unter der Stretchhose juckten die Oberschenkel. Das war unangenehm, aber auszuhalten. In wenigen Minuten würde er ohnehin unten auf dem Parkplatz bei seinem Auto stehen und die zu enge Hose gegen die weite Jeans tauschen, die genügend Platz für seine stämmigen Oberschenkel bot. Dann noch zwei Stunden Fahrt durch die Nacht, davon die meiste Zeit auf der leeren Autobahn. Rüegg hatte zwei Espressi getrunken, fühlte sich hellwach. Spätestens um drei Uhr in der Früh würde er zu Hause sein. Da blieben noch ein paar Stunden Schlaf bis zu seinem nächsten Auftritt am Waldfest des Männerchors.

Ambauen, der inzwischen den Haflinger mit Getränken beladen hatte, betrat die Station. «Ich bin fertig», sagte er. «Die letzte Bier-Fuhre in der Geschichte der Kolonie ist bereit.»

«Was machst du mit dem Haflinger?», fragte Rüegg, «verkaufst du ihn dem Holländer?»

«Eher lass ich ihn im Tobel zerschellen», knurrte Ambauen.

Während vierundzwanzig Jahren hatte sich Meinrad Ambauen als Verwalter im Teilamt um das Ferienheim gekümmert. Er organisierte, reparierte, kochte und war dafür besorgt, dass sich die Gäste an die Regeln hielten. Ausserhalb der Betriebszeiten machte er bei Bedarf auch den Seilwart. Sie nannten ihn Sheriff und er empfand das als Auszeichnung. Der Haflinger gehörte ihm. Er hatte ihn in Thun von der Armee ersteigert. Den Transport des ausrangierten Militärfahrzeugs per Helikopter auf die Alp hatte der Rotary-Club finanziert.

Mit dem Verkauf der Kolonie an den Holländer war auch Sheriff Ambauens Zeit auf der Saxenalp vorbei. Vor einer guten Stunde hatten ihn die Gäste nach einer launigen Lobrede des letzten Präsidenten der Ferienkolonie Saxenalp mit Standing Ovations in die Pensionierung verabschiedet. Alleinunterhalter Fredi Solo hatte Stars and Stripes aus dem Keyboard geholt, als der Sheriff scheinbar ungerührt zur Ehrung auf die Bühne schritt.

«Ich bin bereit», sagte Rüegg.

Ambauen blickte prüfend auf die Ladefläche. «Wo ist die Handorgel?»

«In der Kabine. Meine Hohner reist immer mit mir», antwortete Rüegg.

«Auch im Flugzeug?»

«Im Flugzeug erst recht.» Er begann, die Ladung festzuzurren. Ambauen intervenierte: «Das ist nicht nötig», sagte er, «das Wetter ist perfekt.»

«Doch», sagte Rüegg und kratzte sich mit beiden Händen an den Oberschenkeln, «ich muss die Bagage sichern. Sonst zahlt die Versicherung nicht, falls etwas passiert.»

«Es passiert nichts», sagte Ambauen ungeduldig. «Der Föhn kommt frühestens morgen früh. Steig endlich ein! Ich muss zurück ans Fest. Ich kann die Bande nicht so lange allein lassen.»

Rüegg kontrollierte den Spanngurt, stieg in die waldgrüne Kabine mit dem gewölbten Blechdach und setzte sich neben das Akkordeon.

«Was muss ich tun?»

«Drücken», sagte Ambauen. «Sobald du das Signal hörst, drückst du die grüne Taste.»

«Das ist alles?»

«Du bist nicht der Erste, den ich um Mitternacht abseile.»

«Und du?»

«Ich bringe ihnen das letzte Bier. Danach schicke ich sie ins Bett. Ich räume das Gröbste auf, fülle die Abwaschmaschine. Dann werde ich mich betrinken. Übrigens: Du warst gut. Vielleicht engagiere ich dich mal.»

«Hast du meine Karte?»

Sheriff Ambauen nickte und schob die Kabinentüre zu.

Da klingelte das Telefon an der Stationswand.

Rüegg sah zu, wie Sheriff Ambauen zum Telefon ging und den Hörer aus der Halterung nahm. Es war ein kurzes Gespräch. Ambauen kam zurück und öffnete die Kabinentüre.

«Du kannst wieder aussteigen», sagte er. «Wir warten noch ein paar Minuten.»

«Warum?», fragte Rüegg.

«Es kommt noch ein zweiter Passagier.»

«Das war anders abgemacht: Extrafahrt für Fredi Solo um Mitternacht. Ich habe keine Lust, hier noch länger zu warten.»

«Jetzt tu nicht heikel! Auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt es doch nicht an.»

«Doch, kommt es. Und wie!», blaffte Rüegg. «In zehn Stunden habe ich bereits meinen nächsten Auftritt. Ich bin müde. Ich will nach Hause.»

«Dann mach doch ein Nickerchen, bis der zweite Passagier kommt», schlug Ambauen vor.

«Wer ist der zweite Passagier?», fragte Rüegg.

«Der Journalist.»

«Bongo Bottlang?», fragte Rüegg.

«Ja, ich glaube, so heisst er. Bottlang. Er will nun doch nicht übernachten.»

Rüegg fluchte. Seine gute Laune war verflogen. «Bottlang ist ein Arschloch», sagte er.

«Vielleicht. Ich kenne ihn nicht. Ist mir auch egal. Du musst ihn nicht mögen. Du musst nur mit ihm ins Tal fahren. Acht Minuten. Das ist alles.» Sheriff Ambauen hatte gesprochen. Widerspruch war zwecklos.

«Warum will Bottlang plötzlich nach Hause? Es war doch abgemacht, dass ausser mir alle Gäste in der Kolonie übernachten. Die Festivitäten gehen morgen ja noch weiter.»

«Keine Ahnung», sagte Ambauen, «aber du kannst ihn fragen, wenn ihr zusammen runterfahrt. Dann habt ihr was zu besprechen.»

Rüegg kletterte aus der Kabine und setzte sich neben Ambauen auf die Wartebank.

«Bezahlt er dich, wenn du auf ihn wartest?», fragte Rüegg.

Ambauen nickte.

«Ich bezahle dir das Doppelte, wenn du nicht wartest.»

«Nein, das wäre gegen die Abmachung.»

«Wer hätte das gedacht», höhnte Rüegg, «Sheriff Ambauen ist bestechlich.»

Wieder nickte der Sheriff: «An meinem zweitletzten Arbeitstag fasse ich die Regeln etwas weiter.»

Rüegg antwortete nicht.

«Wir teilen uns das Wartegeld. Einverstanden?», schlug Ambauen vor.

«Nein. Von Bottlang nehme ich nichts.»

«Wie du willst. Was hast du gegen Bottlang?»

«Das ist eine persönliche Sache», sagte Rüegg.

«Verstehe.»

«Du verstehst gar nichts.»

Rüegg war gereizt. Die Oberschenkel unter der Kunststoffhose juckten, das nassgeschwitzte Unterhemd klebte kalt am Rücken und die lädierte Schulter schmerzte. Er stand auf und zog den Reissverschluss der gelb-braunen Trainingsjacke hoch.

«Du bist im Turnverein?», fragte Ambauen, als er das aufgedruckte Vereinslogo sah.

«Nicht mehr.»

«Gesundheitliche Gründe?»

«Nein.»

Ambauen wechselte das Thema. «Warst du auch für den Verkauf der Kolonie?»

Rüegg schüttelte den Kopf. «Ich habe dagegen gestimmt. Wie fast alle, die heute hier sind. Aber wir hatten an der Gemeindeversammlung gegen die Neuzugezogenen keine Chance. Die sehen nur das Geld. Die Tradition der Kolonie ist denen egal.»

Warum sie das Haus ausgerechnet dem Körnlipicker aus Holland verkauft hätten, leuchte ihm noch immer nicht ein, sagte Ambauen. In Holland hätten sie ja nicht einmal Berge.

«Er war der einzige ernsthafte Interessent», erklärte Rüegg. «Hättest ja mitbieten können, wenn es dir nicht passt.»

Ambauen gab keine Antwort.

«Was wird aus dir, wenn du nicht mehr der Sheriff von der Saxenalp bist?», fragte Rüegg. «Was machst du?»

Ambauen zuckte mit den Schultern. «Weiss noch nicht. Was Pensionierte halt so machen.»

Sie warteten schweigend. Ein Windstoss, der vom Tal herauf kam, erreichte die Bergstation. Die Kabine schaukelte sanft, beruhigte sich aber rasch wieder.

«Im Dorf nennen wir ihn den Rennfahrer», sagte Rüegg.

«Wen?»

«Bottlang. Er fährt einen alten schwarzen Porsche Carrera.»

«Er ist ein Raser?», fragte Ambauen.

«Eben nicht. Innerorts fährt er nicht mehr als Schritttempo; ausserorts kannst du ihn mit einem guten E-Bike überholen. Und die Autobahn benutzt Bottlang nicht. Nie.»

«Obwohl er einen Porsche fährt?»

«Nix Autobahn. Bottlang schleicht lieber durch die Dörfer.»

«Aber deshalb ist er noch lange kein Arschloch», warf Ambauen ein.

«Nein, deshalb nicht.»

«So», sagte Sheriff Ambauen unvermittelt. «Genug gewartet. Der Herr Bottlang hatte seine Chance. Ich seile dich jetzt ab.»

«Wurde auch langsam Zeit», knurrte Rüegg.

Just als er breitbeinig in die Kabine steigen wollte, hörte er, wie jemand rief: «Hallo, Herr Ambauen – sind Sie noch da? Bitte warten!»

Sekunden später stand Bongo Bottlang in der Station. Er war ausser Atem und hielt eine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand.

«Ich habe im Dunkeln den Weg zur Station nicht auf Anhieb gefunden», teilte er mit, «danke fürs Warten.»

Ausser einer ledernen, prall gefüllten Umhängetasche hatte er kein Gepäck. Im schummrigen Licht wirkte er auf Rüegg wie der ausgemergelte Zwillingsbruder von Guildo Horn.

«In der Kabine ist Rauchverbot!», donnerte der Sheriff, als Bottlang mit der brennenden Zigarette in die Kabine steigen wollte.

Bottlang nickte, blieb stehen, drückte Ambauen einen Hunderter in die Hand. Dann machte er die Zigarette aus, stopfte den Stummel in den Aschenbecher an der Wand, zwängte sich durch die Türöffnung und setzte sich geduckt auf die Sitzbank, mit dem Rücken zum Tal.

Rüegg sass ihm gegenüber, neben sich die in der gepolsterten Hülle verpackte Handorgel.

«Ich lasse euch jetzt runter», sagte Ambauen. «Wie gesagt: Wenn ihr das Signal hört, die grüne Taste drücken. Das ist alles. Gute Heimkehr!»

«CiaoSheriff», rief Rüegg, «mach’s gut!»

Der Hüttenwart nickte, schloss die Kabinentür und löste die Fahrt aus. Ein heiseres Hupen ertönte. Rüegg drückte die grüne Taste. Langsam glitt die Kabine aus der Bergstation und ruckelte in Richtung des ersten Mastes.

Sie liessen die Alp und die Ferienkolonie mit den letzten Feiernden zurück. Die Kolonie gehörte nun dem Holländer, der die offensichtlichen Mängel des Ortes für Qualitäten hielt: weder Handyempfang noch WLAN, einfache Infrastruktur und nur zu Fuss zu erreichen. Oder mit einem Niederberger Schiffli, das pro Fahrt maximal vier Personen oder ein ausgewachsenes Kalb transportieren konnte.

Bottlang fixierte das Riffelblech am Boden; Rüegg schaute angestrengt ins Tal hinunter. Er war fest entschlossen, die nächsten acht Minuten zu schweigen. Das würde er problemlos aushalten. Rüegg sah auf seine Uhr. Es war sechzehn Minuten vor eins.

 

2

Das Niederberger Schiffli ratterte über den ersten Masten. Es glitt weiter in geringer Höhe über die sanft abfallende Weide bis zur zweiten Stütze, die sich vor dem Abgrund an die Felswand krallte.

Von da gehe es fadengerade runter ins Tobel, hatte Ambauen gesagt. Erst kürzlich sei hier wieder ein Wildheuer zu Tode gestürzt.

Das Fahrgestell rumpelte über den Mastausleger. Die Kabine liess die Felskante hinter sich und rauschte abrupt in die Tiefe. Bottlang entfuhr ein leiser Schrei. Auch Rüegg erschrak, obwohl ihn Ambauen vor dem Achterbahn-Effekt gewarnt hatte. In seinem Magen rumorte es. Die mit Raclette-Käse überbackene Saxenalp-Rösti stiess ihm auf. Die zweite Portion war zu viel gewesen.

Die Kabine sauste in Schräglage abwärts. Rüegg sass oben, Bottlang unten. Rüegg stemmte die Füssen gegen den Boden, um nicht von der Bank zu rutschen. Im letzten Moment konnte er die Handorgel festhalten, die gegen Bottlang kippen wollte.

Bottlang fixierte weiterhin vornübergebeugt den Boden; mit beiden Händen hielt er sich an den Latten der Sitzbank fest. Er atmete schwer. Hatte Bottlang Angst? Rüegg wünschte es ihm. Er beschloss, ihn nicht zu beachten. Er hoffte einzig, dass Bottlang nicht kotzen würde.

Die schwarzen Berggipfel hoben sich vom helleren Nachthimmel ab. Rüegg kannte die Namen der Gipfel nicht. Irgendeiner davon war der Uri Rotstock. Über Berge wusste Rüegg wenig. Berge interessierten ihn nicht. Ein Einheimischer, ein Lehrer, vermutete Rüegg, hatte beim Apéro erzählt, dass viele Gipfel im Urnerland erst einen Namen bekamen, als man sie kartografisch erfasste und zu diesem Zweck auch besteigen musste. Für die Urner gab es keinen Grund, auf irgendwelche Gipfel zu klettern. Die hatten anderes zu tun, hatte der Lehrer gesagt. Das fand Rüegg vernünftig.

Das Niederberger Schiffli glitt weiter abwärts, leicht vibrierend, begleitet von einem tiefen, beruhigenden Dröhnen. Rüegg juckten die Oberschenkel. Er verkniff es sich, die wunden Stellen zu kratzen, und verfluchte sich gleichzeitig, dass er die Hose nicht gewechselt hatte. Höchstens fünf Minuten galt es noch durchzuhalten, tröstete er sich. Dann wäre er unten und könnte sie ausziehen. Er würde in der Unterhose nach Hause fahren. Um diese Zeit würde das nicht auffallen.

Doch dann verlangsamte die Kabine ihre Fahrt und stand schliesslich still. Sie schaukelte nur noch leicht, bewegte sich aber nicht mehr von der Stelle. Das tiefe Dröhnen, das die Fahrt begleitet hatte, war weg. Ebenso das sanfte Vibrieren.

«Nein, bitte nicht!», flüsterte Bottlang.

Rüegg war beunruhigt, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. «Nur keine Panik. Wir fahren jeden Moment weiter. Wahrscheinlich eine falsche Fehlermeldung des Windmessers.»

Bottlang zündete sich eine Zigarette an. «Hier wird nicht geraucht», bellte Rüegg. Doch Bottlang rauchte trotzdem.

«Sorry, ich brauche jetzt eine Zigarette», erklärte er unbeeindruckt. Die Kabine füllte sich mit Qualm.

«Eine Zigarette», erwiderte Rüegg. «Dann ist aber fertig. Ich will keine Rauchvergiftung.» Er öffnete das kleine Schiebefenster. «Sie haben vor ein paar Tagen einen elektronischen Windmesser eingebaut», sagte er. «Wenn die Windgeschwindigkeit fünfzig km/h übersteigt, wird die Kabine automatisch gestoppt.»

«Wer sagt das?»

«Ambauen.»

Bottlang hustete.

«Ich rufe mal oben in der Station an», sagte Rüegg. Als er nach dem Telefonhörer greifen wollte, nahm die Kabine wieder Fahrt auf. Das Dröhnen war von Neuem hörbar und auch die Vibration kam zurück.

«Wir fahren. Wie ich gesagt habe: eine kurze Störung des Windmessers», verkündete Rüegg triumphierend. Er versuchte, seine Erleichterung zu verbergen.

Bottlang rauchte wortlos weiter.

Rüegg entspannte sich. Er war zufrieden mit sich. Im Gegensatz zu Bottlang war er souverän geblieben. Im Augenwinkel sah er, wie die von unten kommende Kabine vorbeirauschte.

«Halbzeit», dachte er. Noch vier Minuten bis zur Talstation. Er pfiff Atemlos durch die Nacht und hoffte, sein Pfeifen würde Bottlang ärgern.

In diesem Moment realisierte Rüegg, dass die Kabine wieder langsamer wurde. Wenige Sekunden später ein Ruck, dann der völlige Stillstand. Gerade so, als hätte jemand die Notbremse gezogen. Die Kabine hing jetzt zwischen Himmel und Abgrund. Sie war dem Wind ausgesetzt, der sie als Willkommensgruss sanft schaukeln liess.

«Vertamisiech!», fluchte Rüegg und drückte sich die Fingernägel in die wunden Oberschenkel. «Dieser verfluchte Windsensor wurde wohl von einem Idioten montiert. Aber wir werden auch diesmal bald weiterfahren. In spätestens dreissig Sekunden. Wollen wir wetten?»

Sie warteten schweigend. Rüegg zählte langsam und still bis dreissig. Hoffte, dass er auch diesmal recht behalten würde.

Die Kabine schlingerte leicht, bewegte sich aber nicht von der Stelle.

Die dreissig Sekunden waren längst vorbei. Zwischen den schweren Atemzügen von Bottlang hörte Rüegg ein leises Sirren, das von draussen kam. Einen Moment lang hoffte er, es könnte das wieder anschwellende Fahrgeräusch sein. Doch das Sirren blieb unverändert leise.

Dann begriff Rüegg, dass der Klang vom Tragseil kam. Das Tragseil, das über einen Kilometer lang frei über dem Abgrund hing, war auch eine gigantische Saite, die Töne und Geräusche von sich gab, wenn Wind und Wetter über sie strichen. Unter anderen Umständen wäre er fasziniert gewesen. Jetzt war er beunruhigt. Höchst beunruhigt.

«Sie hätten die Wette verloren», sagte Bottlang.

Rüegg packte den Hörer des Kabinentelefons und drückte die Sprechtaste. Er hörte einen schwachen Summton. Rüegg wartete angespannt. Niemand meldete sich. Er versuchte es erneut. Doch mehr als der Summton war da nicht.

«Da ist keiner mehr», empörte er sich. «Das kann nicht sein! Ambauen hat versprochen, das Telefon ins Berggasthaus umzustellen. Ob er es vergessen hat? Das gibt’s ja gar nicht! Diese Habaschen!»

Wieder fluchte er. Diesmal heftiger.

«Haben Sie Ambauens Handynummer?», fragte Bottlang.

«Nein», fauchte Rüegg, «aber die bringt mir auch nichts. Auf der Alp gibt es keinen Handyempfang. Ausser auf der Terrasse beim Berggasthaus. Aber dort ist jetzt keiner mehr. Und hier haben wir erst recht keinen Empfang. Aber wir können es trotzdem versuchen.»

«Ich muss runter. Dringend», sagte Bottlang. «Ich rufe jetzt die Polizei.»

Rüegg wählte die Nummern von Feuerwehr und Rettungsflugwacht. Beinahe hätte er aus lauter Gewohnheit auch die Nummer von Rita gedrückt.

Doch ihre Versuche bestätigten nur, was sie bereits wussten: Telefonieren funktionierte nicht.

«Was jetzt?», fragte Bottlang.

«Abwarten. Der Sensor gibt die Fahrt nächstens frei. Kein Grund zur Sorge. Hoffen wir einfach, dass der Wind nicht zum Sturm wird.»

«Ich verlasse mich nur ungern auf die Hoffnung», sagte Bottlang.

«Haben Sie eine bessere Idee? Wenn ich nicht auf Sie hätte warten müssen, wäre ich jetzt längst auf der Autobahn und schon bald zu Hause.»

Rüegg war wütend. Er leuchtete mit dem Handy auf den in Grossbuchstaben geschriebenen Hinweis, der neben dem Telefon hing:

Bei Betriebsstörung Ruhe bewahren, die Alarmierung wird automatisch ausgelöst. Bis zur Betriebsaufnahme kann eine Wartezeit von rund ½ Stunde vergehen.

«Was steht da?», fragte Bottlang.

«Lesen Sie doch selber!»

«Wir müssen auf uns aufmerksam machen», keuchte Bottlang. «Mit Lärm und Licht.»

«Witzbold!», antwortete Rüegg. «So laut, dass man uns hört, können wir beide gar nicht schreien. Und mein Akkordeon klingt auch nicht bis ins Tal.»

Eine Taschenlampe habe er schon dabei. Aber die befinde sich in der Werkzeugbox draussen auf der Ladefläche. Hinauszuklettern halte er für schwierig und gefährlich. Aber wenn Bottlang es versuchen wolle, nur zu.

Da begann Bottlang mit der Handylampe ins Tal zu leuchten und rief gleichzeitig um Hilfe.

Rüegg zweifelte, dass um diese Zeit noch irgendwer unten im Dorf ausgerechnet zur Saxenalp aufschauen und zufällig entdecken würde, dass da schwache Lichtsignale aus einer blockierten Kabine kamen. «Das ist sinnlos», sagte Rüegg. «Man sieht uns nicht, man hört uns nicht.»

Da begriff Bottlang die offensichtliche Lächerlichkeit seines Tuns und gab auf. Rüegg riet ihm, die Batterie des Handys zu schonen.

«Niemand vermisst um diese Zeit die beiden Kabinen. Und wir beide werden auch nicht vermisst. Oder werden Sie erwartet?»

«Nein. Und was bedeutet das für uns? Im schlimmsten Fall?», fragte Bottlang.

«Was wohl? Wenn der Sensor die Fahrt nicht freigibt, werden wir beide miteinander die Nacht in der Luft verbringen. Das ist ärgerlich und verdammt unangenehm. Aber es ist nicht gefährlich. Denn das Niederberger Schiffli ist sicher und der Föhn ist erst für morgen früh angesagt. Es kann uns nichts passieren.»

«Wenn ich nicht bald aus dieser Kabine komme, kann uns beiden sehr viel passieren», widersprach Bottlang. Es klang panisch.

Der Wind hielt die Kabine in Bewegung. Rüegg achtete auf den Klang der Seilbahnsaite. Er hatte sich verändert. Aus dem Sirren war ein Schnarren geworden.

«Wenn wir schon die Nacht zusammen verbringen müssen, und davon gehe ich inzwischen aus, können wir uns auch duzen», schlug Rüegg vor. «Ich bin der Fredi.»

«Nein», erwiderte Bottlang. «Ich möchte von Ihnen nicht geduzt werden. Wir bleiben beim Sie.»

«Meinen Sie das jetzt ernst?»

«Ich duze niemanden aus meinem journalistischen Revier. Zu viel Nähe trübt den Blick und macht abhängig.»

«Ich darf Sie nicht Bongo nennen?»

«Wie gesagt, wir bleiben bei Rüegg und Bottlang.»

Rüegg war beleidigt. «Sie halten sich wohl für etwas Besseres?», schnaubte er.

«Nein», sagte Bottlang, «das tue ich nicht. Ich bin Journalist. Ich kann nur neutral bleiben, wenn ich Distanz wahre. Ich bin dabei. Aber ich gehöre nicht dazu. Ich bin kein Komplize.»

«Das ist lächerlich», schimpfte Rüegg. «Wir verbringen wahrscheinlich die nächsten Stunden eingeschlossen in dieser Kabine. Wir hocken so nahe, dass wir einander berühren. Sie schnaufen mir Ihren rauchigen Atem ins Gesicht und wenn ich nächstens furze, werden Sie das hören und riechen. Trotzdem siezen wir uns.»

«Ja», sagte Bottlang, «genauso ist es.»

Rüegg wehrte sich nicht länger. Der arrogante Schreiberling hatte es gar nicht verdient, dass er ihn duzte. Akzeptiert. Rüegg wartete eine Weile, dann fragte er: «Heissen Sie tatsächlich Bongo?»

«Warum wollen Sie das wissen?»

«Nehmen Sie es mir nicht übel: Aber wenn ich Bongo höre, denke ich zuerst an einen Affen. Er könnte auch der Held aus einem alten Spaghetti-Western sein: Er nannte sich Bongo. Oder stammen Sie gar aus einem Action-Film: Mein Name ist Bottlang. Bongo Bottlang.» Rüegg lachte.

«In meiner pubertären Findungsphase habe ich mir den Namen zugelegt. Bongo schien mir passender als mein ursprünglicher Vorname. Auch wegen der Alliteration. Seither bin ich Bongo Bottlang. Steht auch so in meinem Pass», sagte Bottlang.

«Sie erwarten wohl, dass ich frage, was eine Alliteration ist. Mache ich nicht. Interessiert mich nicht», erwiderte Rüegg.

«Wenn zwei direkt oder nahe aufeinanderfolgende Wörter mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Donald Duck», erklärte Bottlang.

«Rote Rosen?», tat es ihm Rüegg nach.

«Genau», sagte Bottlang, «oder Geiz ist geil.»

«Drafi Deutscher?»

«Wer ist das?»

«Sie wissen nicht, wer Drafi Deutscher war?»

«Nein. Müsste ich?»

Rüegg war entsetzt. «Er war ein grandioser Schlagersänger. Ohne Drafi Deutscher wäre ich nicht Alleinunterhalter geworden. Marmor, Stein und Eisen bricht kennen Sie hoffentlich?»

«Ja», sagte Bottlang, «kenne ich tatsächlich. Und ja, Drafi Deutscher ist eine Alliteration.»

«Wie lautet Ihr richtiger Vorname?», insistierte Rüegg.

«Den gibt es nicht mehr.»

Wieder spürte Rüegg Bottlangs rauchigen Atem im Gesicht. Die gekrümmte Gestalt mit den langen Armen ähnelte tatsächlich einem übergrossen Schimpansen. Bongo war ein passender Vorname für Bottlang.

Rüegg überlegte, ob er mit dem Künstlernamen Alfred Alone als Alleinunterhalter erfolgreicher gewesen wäre als mit Fredi Solo. Immerhin wäre Alfred Alone eine Alliteration. Er fragte Bottlang. Dieser antwortete, dass er dazu keine Meinung habe, ausser vielleicht: Alfred Alone