Sommer auf der Blumeninsel - Caroline Säfstrand - E-Book
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Sommer auf der Blumeninsel E-Book

Caroline Säfstrand

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Beschreibung

Dreizehn Wünsche und ein schicksalhafter schwedischer Sommer …

Als Bea und Klas das Haus von Klas‘ verstorbener Mutter Marit ausräumen, finden sie Zettel, auf denen Marit notiert hat, was gern noch erlebt hätte oder was sie wiedergutmachen wollte. Jeder Fund bringt die beiden einer dramatischen, lebensverändernden Enthüllung näher …
Stellas Sommer nimmt eine unerwartete Wendung, als sie eine anonyme Einladung erhält: Jemand hat ihr eine Reise auf die idyllische Blumeninsel Ven bezahlt. Stella weiß nicht wer, doch sie folgt dem Rätsel. Es stellt sich heraus, dass zwei andere Menschen die gleiche Einladung erhalten haben. Was verbindet sie?

Lust auf noch mehr schwedische Wohlfühllektüre? Dann lesen Sie auch die anderen bezaubernden Romane von Caroline Säfstrand!

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Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Als Bea und Klas das Haus von Klas’ verstorbener Mutter Marit ausräumen, finden sie Zettel, auf denen Marit notiert hat, was sie gern noch erlebt hätte oder was sie wiedergutmachen wollte. Jeder Fund bringt die beiden einer dramatischen, lebensverändernden Enthüllung näher …

Stellas Sommer nimmt eine unerwartete Wendung, als sie eine anonyme Einladung erhält: Jemand hat ihr eine Reise auf die idyllische Blumeninsel Ven bezahlt. Stella weiß nicht wer, doch sie folgt dem Rätsel. Es stellt sich heraus, dass zwei andere Menschen die gleiche Einladung erhalten haben. Was verbindet sie?

Autorin

Caroline Säfstrand ist Journalistin und Schriftstellerin. In ihrem Heimatland Schweden ist die Bestsellerautorin bekannt für ihre wunderschönen warmen Geschichten, in denen es oft um Familiengeheimnisse, zerbrochene Beziehungen und heilende Freundschaften geht. Ihre Bücher werden erfolgreich international veröffentlicht. Ihr letztes Buch »Strandhaus Meeresrauschen« wurde außerdem als Buch des Jahres beim schwedischen Feelgood Festival ausgezeichnet. Mit ihren Romanen will sie ihre Leser*innen ermutigen, wegweisende Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen. Sie lebt mit ihrer Familie in Helsingborg.

Von Caroline Säfstrand bereits erschienen

Strandhotel Meeresbrise · Strandhaus Meeresrauschen

Das Geheimnis der Blumeninsel

Caroline Säfstrand

Sommer auf

der Blumeninsel

Ein Schweden-Roman

Deutsch von Stefanie Werner

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Min sista önskan« bei Bokförlaget Forum, Stockholm.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright der Originalausgabe © Caroline Säfstrand, 2024, by Agreement with Enberg Agency

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Ingola Lammers

Umschlaggestaltung und -motiv: © mauritius images / Thomas Ebelt, www.buerosued.de

JS · Herstellung: DiMo

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 3

www.blanvalet.de

Für Peter, Kelvin und Elliot –

mehr kann man sich nicht wünschen.

Man sagt, wenn du einen Schmetterling siehst,

denkt einer oben im Himmel an dich.

Blicke hoch und erinnere dich an all jene,

die dich hier unten beschützen.

Tagebuch, 20. Januar 2023

Einmal fiel mir ein Zitat in die Hände, das lautete etwa so: »Wir Lebende blicken nach vorn, zurück schau’n nur die Toten.« Es war nie meine Art, in der Vergangenheit zu wühlen oder längst Vergangenes zu bereuen. Was geschehen ist, ist geschehen. Mir fällt es nicht schwer, achtsam zu sein und ganz im Hier und Jetzt zu leben. Viele Menschen ringen darum, wenn man den zahlreichen Zeitungsartikeln glauben will, in denen es darum geht.

Aber hat mich das wirklich so glücklich gemacht, wie es immer heißt? Tja, vielleicht nicht glücklich, aber doch ganz zufrieden. Ich hatte hier auf dieser herrlichen Insel Ven ein schönes Leben, habe es mit einem guten Mann geteilt, bin auch zurechtgekommen, als ich Witwe wurde, und darf mich glücklich schätzen, einen Sohn zu haben, der mir sehr nahesteht.

Ganz gemächlich bin ich mit dem Leben Hand in Hand gegangen, immer schön im Gleichtakt. Bin nicht gestolpert, nicht gehüpft, auch nicht vom Weg abgekommen, wenn ich versteckte Pfade entdeckt habe, die haben mich eigentlich nie gelockt. Im Großen und Ganzen würde ich sagen: Ich war ganz zufrieden.

Doch wenn ich mein Leben noch einmal leben dürfte, würde ich etwas anders machen? Ach, ich wünschte, auf die Frage könnte ich eindeutig antworten: Nein. Aber das kann ich nicht, meine Antwort lautet vielleicht. Vermutlich liegt das daran, dass ich nun doch zurückschaue, denn mir sitzt der Tod im Nacken. Und mein Blick geht zu den Menschen in meinem Leben, die ich allein gelassen habe, so wie die Pusteblume ihre Samen dem Wind überlässt. Ich habe sie einfach davonfliegen lassen. Jetzt wundere ich mich, dass meine Gedanken in diesen Stunden gerade zu ihnen gehen und zu der Lücke, die sie hinterlassen haben. Aber vermutlich hat das etwas zu bedeuten.

Ich nehme an, der Artikel über die Villa Nova in unserem Inselblättchen war der Auslöser für meine Rückschau. Bea, die drüben am Landsvägen wohnt, hat die schöne Geschichte über das Haus aufgeschrieben, das drei Generationen Frauen verbindet. Das hat etwas in mir ausgelöst. Auf einmal war diese verdrängte Sehnsucht wieder da. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich den Kampf gegen den Krebs in meinem Körper nicht gewinnen kann. Die Frage ist nur, ob ich genauso sterben will, wie ich gelebt habe: heimlich, still und leise. Oder ob ich noch das in Angriff nehme, was längst überfällig ist, nämlich die Samen zu suchen, die mir weggeflogen sind und irgendwo anders Wurzeln geschlagen haben. Ein schöner Gedanke, als letzte Tat in meinem Leben noch die Menschen zusammenzubringen, die zusammengehören.

Was mich bislang davon abhält? Klas natürlich. Mein Sohn, den ich über alles liebe. Er schlägt so nach mir. Ist zufrieden mit dem, was er hat – sein kleines Leben auf der Insel, seine Arbeit, sein Hund Pappi, ein paar Freunde … Was wird aus ihm, wenn ich jetzt den Stein ins Rollen bringe und Veränderungen herbeiführe, die auch sein Leben auf den Kopf stellen werden? Wird er einen neuen, größeren Sinn im Leben finden oder womöglich ganz den Halt verlieren und abstürzen?

Darüber zerbreche ich mir jetzt schon eine ganze Weile den Kopf. Doch mein Ende rückt näher, von Tag zu Tag, und deshalb muss ich bald eine Entscheidung treffen, wie ich handeln will.

Ach, der Gedanke lässt mich einfach nicht los. Würde ich noch einmal leben, hätte ich einiges anders gemacht. Ich gehe davon aus, dass allein diese Erkenntnis Grund genug ist. Jetzt ist es an der Zeit, die drei Karten auf den Tisch zu legen, die ich schon lange hinter dem Rücken versteckt halte.

Möge mir noch genügend Zeit bleiben, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Bea

Die Geräuschkulisse bei Beerdigungen ist eigentümlich. Als bewegten sich die Schallwellen auf einmal langsamer und bildeten zwischen den dicken Kirchenmauern ganz eigene, andächtige Töne. Bea hörte es der Stimme des Pfarrers an, dem Seitenblättern in den Gesangbüchern und den Geräuschen, wenn die Trauergemeinde aufstand und sich wieder setzte. Alle waren verhaltener. Behutsam.

Bea blickte zu dem Kranz, in dem die Urne stand. Weiße Narzissen, blaue Traubenhyazinthen und, etwas ungewöhnlich, knallgelber Raps. Doch Klas hatte ihr von den letzten Worten seiner Mutter erzählt: Und ich wollte doch so gern den Raps noch mal blühen sehen … Wahrscheinlich war das ganz normal. Wenn man fast sein ganzes Leben auf der Insel verbracht hatte, wollte man, wenn es aufs Ende zuging, die schönsten Bilder mitnehmen. Deshalb prangte Marits Urne in einem Blumenmeer, der Raps stand gerade in voller Blüte.

Es war eine schöne Andacht gewesen. Mit sanften Stimmen hatten sie wie üblich die schönen Kirchenlieder »Großer Gott, wir loben dich« und »Eine feste Burg ist unser Gott« gesungen, und Klas und eine enge Freundin von Marit hatten rührende Ansprachen gehalten und an einen Menschen erinnert, der warmherzig, freundlich und fürsorglich gewesen war.

In der Einladung zur Trauerfeier hatte gestanden, dass es Marits Wunsch sei, die Gäste mögen nach dem Akt im Stillen auseinandergehen. Was gibt es Unpassenderes nach einer Beerdigung, als sich den Bauch mit Torte vollzuschlagen, so hatte sie es Klas gegenüber mal ausgedrückt. Und in gewisser Weise hatte sie damit ja recht.

Bea warf einen Blick auf Klas, der neben ihr stand, den Blick an die Urne inmitten der Blumen geheftet. In dem schwarzen Anzug fühlte er sich sichtlich unwohl, er war viel zu eng und zu kurz. Am liebsten hätte Bea ihn in die Arme genommen und gesagt, alles wird gut. Doch sie kannte Trauer und Verlust nur zu gut, als dass sie glaubte, ihm mit einem lockeren Spruch über diese starken Gefühle hinweghelfen zu können. Stattdessen schob sie ihn sanft in Richtung Kirchentür.

»Ich glaube, die Gäste möchten sich gern noch von dir verabschieden, bevor sie gehen.«

Klas nickte und ging zu den anderen, die sich schon am Ausgang versammelt hatte. Sie schüttelten ihm die Hand, sprachen ihr Beileid aus und sagten das ein oder andere liebe Wort über seine Mutter, bevor sie in die Frühlingssonne entschwanden. Bea konnte durch die geöffnete Tür beobachten, wie viele in der frischen Luft erst einmal durchatmeten, kaum, dass sie draußen waren. Nie ist das Leben lebendiger, als wenn man die Nähe des Todes gespürt hat.

Nachdem der letzte Gast gegangen war, zog Klas das Sakko aus und die Krawatte vom Hals und öffnete die zwei obersten Knöpfe seines Oberhemds. Er atmete hörbar auf und nickte Bea zu, dass sie ihm folgen möge. Gemeinsam verließen sie das Gotteshaus und liefen durch die Pforte in der Mauer, die den Friedhof vom Steilhang trennte. Auf der rechten Seite stand eine Bank, da setzten sie sich. Wie so oft schon hatte Bea den einzigartigen Blick auf den Jachthafen von Kyrkbacken unter ihnen und den Öresund, der Schweden von Dänemark trennte, bestaunt. Die weiß getünchte Kirche Sankt Ibb aus dem 13. Jahrhundert galt als eine der romantischsten Kirchen im ganzen Land, was in Anbetracht ihrer atemberaubenden Lage oberhalb der Steilküste der Insel kein Wunder war. Klas lehnte sich zurück an die raue Friedhofsmauer und schloss die Augen.

Bea schielte zu ihm hinüber. Erst im vergangenen Jahr hatten sie sich richtig kennengelernt, nachdem ihr Ehemann Edvin nach vielen Ehejahren plötzlich überraschend die Scheidung eingereicht hatte, und sie gleichzeitig mehr oder weniger genötigt worden war, in den Vorruhestand zu gehen, weil das Unternehmen, in dem sie gearbeitet hatte, seinen Standort wechselte. Ihr Leben war still geworden, und Bea hatte nicht gewusst, wie sie die Tage wieder mit Inhalt füllen sollte. Irgendwann hockte sie nur noch am Küchenfenster, sah hinaus auf den Landsvägen und beobachtete die Touristen, die mit ihren gelben Fahrrädern vorbeikamen.

Aber irgendwann in dieser ereignislosen Zeit war Klas aufgetaucht, hatte sie gegrüßt und das eine oder andere Wort mit ihr gewechselt, wenn er seinen Hund Gassi führte. Immer öfter war er an ihrem Haus vorbeigekommen. Nach einer Weile plauderten sie bei einer Tasse Kaffee, und am Ende hatte sie sogar ihm zu verdanken, dass auch der letzte Rest Edvin aus ihrem Leben verschwand. Und zwar buchstäblich. Edvins alter, abgenutzter Ohrensessel hatte nämlich noch in Beas Wohnzimmer gestanden und sie ständig daran erinnert, was sie verloren hatte und nie zurückbekommen würde. Klas hatte ihn schließlich für sie an die Anlegestelle der Fähre in Landskrona befördert, wo Edvin ihn wohl oder übel abholen musste.

Klas war zehn Jahre jünger als Bea, und niemand hätte geglaubt, dass gerade die zwei sich anfreunden würden, aber er tat alles, um ihre Wunden zu heilen, und brachte Fröhlichkeit in ihren Alltag. Und jetzt, da sein Leben sich von Grund auf veränderte, wollte Bea ihm die Stütze sein, die er für sie gewesen war.

»Deine Mutter hat wirklich eine schöne Beerdigung bekommen«, sagte sie.

Er schlug die Augen wieder auf und nickte.

»Und, wie geht es dir?«, fragte sie ganz vorsichtig.

»Schwer zu sagen. Am Ende hat sie ja so gelitten, dass ich glaube, sie war bereit zu sterben. Da war der Tod ja eine Erlösung.«

Marit hatte im Haus nebenan gewohnt, und Bea wusste, dass die beiden nicht nur eine räumliche Nähe zueinander hatten. Sie standen sich auch emotional sehr nahe. Die Krankheit hatte ihnen zwar Zeit genug gegeben, sich in Ruhe voneinander zu verabschieden, doch auf die Leere, die auf den Tod eines geliebten Menschen eintrat, konnte man sich nie richtig vorbereiten, dachte Bea.

Klas sah ihr ins Gesicht. »Es ist so merkwürdig. Ich habe mich noch nie im Leben einsam und allein gefühlt, aber jetzt, im Alter von fünfundfünfzig, muss ich feststellen, dass ich es bin.«

Bea schüttelte entschieden den Kopf. »Du bist doch nicht allein, du hast doch mich und die anderen hier auf der Insel und deine Arbeitskollegen und die Freunde auf dem Festland. Und Verwandte hast du doch sicher auch noch, die du manchmal triffst?«

»Schon, aber enge Verwandte haben wir nicht mehr, das waren nur Mutter und ich«, antwortete Klas.

Beas Blick hing an einem Segelboot, das gerade den Hafen verließ. Aus der Entfernung kam es ihr vor wie ein Spielzeugboot.

»Das ist bei mir nicht anders. Wenn mein Vater mal die Augen zumacht, und er ist ja auch bald neunzig, dann wird es mir genauso ergehen. Entfernte Verwandte gibt es schon noch, aber die sehe ich fast nie.«

Ein Weilchen saßen sie schweigend nur da. Bea nahm sich vor, ihren Vater Max demnächst wieder in seinem Seniorenheim zu besuchen, das letzte Mal lag eine ganze Zeit zurück. Die Frühlingssonne kitzelte ihre Wangen. Marit hatte sich von ihren Liebsten an einem der schönsten Tage des Jahres verabschiedet, und die aufkeimenden Frühlingsgefühle machten es der Trauergemeinde etwas leichter. Wenn die Sonne verspielte Lichtreflexe auf die Kirchenmauern warf, war es kaum möglich, in der Finsternis der Trauer unterzugehen.

»Wirklich schade, dass ich auf Männer stehe«, sagte Klas und grinste breit. »Sonst hätten wir am kommenden Wochenende wieder herkommen können. Da bieten sie nämlich den ganzen Samstag über Drop-in-Hochzeiten an. Dann wären immerhin wir eine richtige Familie.«

»Aber stell dir mal die verdutzten Gesichter von all denen vor, die sich letztes Jahr den Mund über uns zerrissen haben, weil wir so ein ungleiches Paar sind!«, feixte Bea und versuchte, sich ein Lachen zu verkneifen, das war ja jetzt wirklich unangebracht. Doch vergeblich, und ansteckend war es. Klas musste auch lachen. Es war, als würde in dem Moment die Spannung des ganzen Tages von ihnen abfallen. Als würde das Gummiband, das ihnen vor Krankheit, Tod und Beerdigung die Luft abgeschnürt hatte, endlich reißen und ein befreiendes Lachen freisetzen, das sie beide vergeblich versucht hatten zu unterdrücken.

»Ogottogott … wir können doch nicht hier sitzen und lachen. Doch nicht an so einem Tag«, sagte Bea und wischte sich die Augen trocken.

Da landete eine Silbermöwe auf dem schmalen Trampelpfad vor ihnen, blickte sie mit ihren hellen Augen an und gab auch einen heiseren Lacher von sich.

»Würde mich nicht wundern, wenn sie das wäre«, sagte Klas. »Wenn das Mutter wäre, die uns zuruft, lacht nur, so lange ihr am Leben seid.«

Bea kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche hervor. Heute hatte sie Wimperntusche aufgelegt, was sie sonst nie tat, und jetzt verlief das Schwarz und verschmierte mit den Tränen ihre Wangen, wie Aquarellfarbe auf Papier.

»Weißt du was? Ich glaube, ich habe Mutter nie so lachen sehen, dass ihr die Tränen kamen«, sagte Klas. »Ist doch fast ein bisschen traurig.«

Bea holte einmal tief Luft und wischte sich mit dem Taschentuch die gröbste Mascaraschmiere aus dem Gesicht, dann ließ sie das Tuch wieder in ihrer Tasche verschwinden.

»Meinst du? Ich würde sagen, sie war eine Frau, die ganz zufrieden war, mit oder ohne Lachanfall.«

Klas nickte. »Ja, da hast du wohl recht. Enttäuscht war sie irgendwie nie. Sie war … ja, zufrieden ist wohl das richtige Wort. Ich bin sicher, sie würde alles genauso wieder machen, wenn sie noch einmal leben würde, und dann kann man wohl sagen, sie hat ein gutes Leben gehabt, auch wenn sie nicht gerade große Spuren in der Welt hinterlassen hat.«

»Stimmt. Und ihre Spuren, das bist ja vor allem du, und du bist ganz schön groß.«

Da verstummten sie und hingen ihren Gedanken nach. Weder sie noch Klas hatten eigene Kinder. Welche Spuren würden sie eines Tages hinterlassen, wenn es so weit war?

Bea schauderte, und Klas zeigte rüber zum Friedhof. »Was meinst du, wollen wir langsam heimgehen? Der Wind ist doch noch frischer, als man denkt.«

Sie nickte, und sie standen auf, gingen zurück zum Tor und liefen über den ältesten Teil des Friedhofs. Vor dem Grabstein mit der Inschrift Hier ruhen die taubstummen Schwestern Bengtsson, Ingar 1832 – 1892 und Petronella 1838 – 1914 blieb Bea stehen.

»Ist schon irgendwie komisch, dass am Ende eines Lebens nur so wenige Worte übrig bleiben«, sagte sie.

Klas schmunzelte. »Stimmt, aber dieser Grabstein macht einen immerhin neugierig, man fragt sich ja gleich, wer das war, die taubstummen Schwestern.«

»Da hast du recht. Ich glaube, es gab auch noch einen taubstummen Bruder, und ich habe gehört, dass es auf der Insel mal eine Schule für Taubstumme gegeben hat, die die Stille Schule hieß. Sogar Fredrika Bremer ist da zu Besuch gekommen und hat sie sich angesehen«, sagte Bea und strich ein bisschen Laub vom Grabstein.

»Vielleicht sollte man sich für seinen eigenen Stein schon mal etwas Besonderes überlegen«, sagte Klas und begann zu gestikulieren. »Hier ruht ein Mann mit dreizehn gut gehüteten Geheimnissen.«

Bea zog die Augenbrauen hoch.

»Na, du hast mir doch selbst erzählt, dass jeder Mensch dreizehn Geheimnisse hat! Und fünf davon so geheim sind, dass wir mit keinem darüber sprechen!«, fuhr er fort.

Damit hatte Klas vollkommen recht. Wissenschaftler der Columbia University hatten in einer Studie herausgefunden, dass jeder Mensch im Durchschnitt dreizehn Geheimnisse hat. Letzten Sommer hatte Bea einen Beitrag darüber in einer Radiosendung gehört, und das war auf gewisse Weise der Startschuss dazu gewesen, dass auf der Insel das eine oder andere Geheimnis gelüftet wurde. Und obwohl es gar nicht ihre eigenen Geheimnisse gewesen waren, hatten sie auch Beas Leben verändert.

Jetzt fuchtelte sie mit den Armen wie Klas: »Und hier ruht eine Frau, die trotz aller Widrigkeiten wie ein Phönix aus der Asche wieder auf die Füße kam.«

Klas grinste. »Wohl wahr.«

Dann hakte er sich bei ihr ein, und so spazierten sie zu seinem Wagen.

Es war ganz ungewohnt für Bea, die Insellandschaft durchs Autofenster zu betrachten. Mit einer Fläche von siebeneinhalb Quadratkilometern, von der fast neunzig Prozent aus bewirtschafteten Feldern bestand, war Ven eine Insel, auf der man keinen Wagen benötigte. Das Fahrrad leistete bessere Dienste, und in den letzten Jahren waren auch Golfcarts sehr beliebt geworden. Bea hatte ihr Auto vor Kurzem verkauft und verließ sich auf dem Festland auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Und Klas’ Wagen konnte sie jederzeit ausleihen.

Nachdem sie den Kyrkvägen entlanggefahren waren, bogen sie in den Landsvägen ab. Wenige Minuten später hielt Klas vor Beas kleinem grauen Backsteinhaus mit der blauen Haustür. Er lächelte, doch sie bemerkte, wie fest er sich ans Steuer klammerte, seine Knöchel waren schon ganz weiß.

Sie legte ihre Hand auf seine und wartete, bis er sich ein wenig beruhigt hatte.

»Und die Urnenbeisetzung ist morgen?«, fragte sie leise.

Klas nickte.

»Du bist sicher, dass ich nicht mitkommen soll?«

Wieder Nicken. »Ich glaube, dieses Ritual brauche ich für mich allein.«

»Ruf mich jederzeit an, wenn du es dir anders überlegst. Ist mein Ernst«, sagte sie.

»Danke dir. Danke für alles.«

Sie stieg aus dem Wagen und sah ihm hinterher, bis er verschwunden war. Mit einem Seufzer drehte sie sich um und ging ins Haus, zog im Flur die Schuhe aus, stellte die Handtasche hin, und da fiel ihr Blick auf ihr Gesicht im Spiegel.

Nachdem sie Mann und Arbeitsplatz verloren hatte, hatte es seine Zeit gebraucht, bis sie über die Phase der Verbitterung hinweggekommen war, aber dann hatte sie sich verändert, sowohl innerlich wie auch äußerlich. Sie hatte sich Strähnchen färben lassen, um die dominanten Grautöne abzudecken, hatte die zehn Kilo Kummerspeck auf den Hüften weggewalkt und sich neue Kleider gegönnt – und dabei entdeckt, wie gut es tun kann, an einem stinknormalen Mittwoch einen bunten Rock anzuziehen.

Bea zupfte ihre Frisur zurecht und musste daran denken, was Klas über Marit gesagt hatte, dass sie mit ihrem Leben offensichtlich ganz zufrieden gewesen war. Und was war mit ihr selbst, war sie auch zufrieden mit ihren Strähnchen und den knalligen Kleidern? Ja, schon. Aber war das genug? Würde sie heute eine tödliche Diagnose erhalten, würde sie sich da entspannt zurücklehnen und sagen können, ihr Leben war gut, so wie es war, oder würde sie enttäuscht feststellen müssen, dass sie gar nicht richtig gelebt hatte? Sie wandte den Blick wieder ab. Solche Fragen führten zu gar nichts. Die Beerdigung war überstanden, und das Leben ging für die, die übrig waren, weiter wie gewohnt.

Sie ging ins Schlafzimmer, zog das schwarze Kleid aus und hängte es auf einen Bügel, streifte die Nylonstrumpfhose vorsichtig ab, rollte sie zusammen und legte sie in die Schublade ihrer Kommode, dann schnappte sie sich ein paar bequeme Jeans und ein dunkelblaues Sweatshirt. Darauf ging sie in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und ließ sich am Küchentisch nieder. Ohne viel nachzudenken, platzierte sie ihr Glas ungefähr an der Stelle, wo auf der alten Wachstischdecke die fünfte blaue Blume von links gewesen wäre. Als sie nach ihrer Scheidung den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, war das ihre Rettung gewesen, ihre Tasse oder ihr Glas exakt dorthin zu stellen, und so die Kontrolle über ihr inneres Chaos wiederzuerlangen. Als sie die Krise dank Klas schließlich überwunden hatte, hatte sie auch damit aufgehört und die Tischdecke zurück in den Schrank geräumt.

Vielleicht war sie nicht gerade wie ein Phönix aus der Asche gestiegen, wie sie es zu Klas auf dem Friedhof gesagt hatte, doch sie hatte sich eindeutig zu ihrem Vorteil verändert. Sowohl ihr Spiegelbild, das sie gerade betrachtet hatte, als auch die Tatsache, dass sie die Tischdecke nicht mehr brauchte, waren der Beweis. Der Beweis, dass da wieder fester Boden unter ihren Füßen war. Aber um nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen, rückte sie ihr Glas doch lieber ein bisschen näher ans Fenster.

Auf der anderen Straßenseite stand Lucys Sommerhaus. Ein paar Feriengäste waren schon im Frühjahr da gewesen und hatten es einige Wochen lang gemietet, doch nun stand es wieder leer. Bea fragte sich, wer da wohl als Nächstes einziehen würde. Sie konnte nur hoffen, dass es jemand war, der auch gern am Küchenfenster saß und ihr freundlich zuwinkte. Jemand, der einfach von einem schönen Urlaub an einem sehr romantischen Ort träumte.

Stella

Ein gelber Zitronenfalter tänzelte durch die Luft. Stella reckte sich und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Solange sie denken konnte, hatte sie der Anblick eines Schmetterlings berührt. Besonders die Zitronenfalter im Frühling. Sie spürte es sogar körperlich, denn sie bekam eine Gänsehaut, und mit jedem Flügelschlag schoss ihr Puls nach oben und trieb ihr die Hitze ins Gesicht, wie berauscht war sie dann. Dabei hatte sie das Gefühl, als überbrachten ihr die kleinen Tierchen eine Botschaft. Los, komm schon! Es ist an der Zeit! Sie wusste zwar nie genau, was das bedeuten sollte, aber oft, wenn sie den ersten Schmetterling des Jahres gesichtet hatte, veränderte sie irgendetwas in ihrem Leben. Das konnten Kleinigkeiten sein wie ein neuer Haarschnitt oder die Anschaffung eines ausgefallenen Möbelstücks oder auch größere Veränderungen wie ein neuer Job, eine neue Wohnung oder der Umzug in eine andere Stadt. Dabei war es nie so, dass sie mit dem, was sie hatte, unglücklich war, vielmehr handelte es sich um eine Art Neugierde auf das Leben, das hinter der nächsten Wegkreuzung auf sie wartete.

Stella stand auf und folgte dem Falter. Er war hellgelb, ein Weibchen. Sie erwachten meist kurz nach den Männchen, die eine leuchtend gelbe Farbe hatten. Dieses Jahr hatte Stella noch gar kein Männchen zu Gesicht bekommen, obwohl sie, wenn es warm genug war, meist schon Ende März durch die Luft flatterten. Gerade wollte sie den Arm ausstrecken, um dem Falter einen Landeplatz anzubieten, da spürte sie, wie jemand sie an der Jeansjacke zupfte. Sie fuhr herum.

»Leo!«, rief sie und nahm ihren Sohn in die Arme.

»Was machst du?«, fragte er sie.

»Ach, ich hab nur den Zitronenfalter beobachtet. Hast du gesehen, wie schön er ist?«

Leo war sieben, er selbst würde sagen, sieben Jahre und drei Monate, und Stella kannte niemanden, der mehr auf Zack war. Jetzt blickte er vom Schmetterling zu seiner Mutter und wieder zurück.

»Das ist ein Insekt«, sagte er nüchtern. »Und die magst du doch nicht.«

Stella musste lachen und wuschelte ihm durchs Haar, dann warf sie einen letzten Blick auf den Schmetterling, der jetzt seinen Platz in einem Busch gefunden hatte, und versuchte, ihre Sehnsucht, wieder einmal den Flügelschlägen ins Ungewisse zu folgen, zu unterdrücken. Jetzt hatte sie Leo, und der brauchte festen Boden unter den Füßen und keine Mama, die bei der erstbesten Gelegenheit davonflatterte.

Sie nahm seine Hand, und so gingen sie los. Stella war dankbar für jeden Tag, an dem sie seine warme, weiche Kinderhand noch halten durfte. Die Zeit würde kommen, wenn er sie lieber in die Hosentasche steckte. Sie warf einen Blick auf ihn. Er war stiller als sonst. Normalerweise quasselte er wie ein Wasserfall, wenn er aus der Schule kam. Jedes Wort, das er von seinen Klassenkameraden und Lehrern gehört hatte, musste er loswerden. Doch heute war er ruhig, verstockt ging er neben ihr, seine Bewegungen auch nicht so ungestüm wie sonst.

»Und wie war’s heute in der Schule?«, fragte sie schließlich.

»Gut«, war seine Antwort.

»Wirklich?«

Er nickte, doch nachdem sie eine Weile gelaufen waren, blickte er auf zu ihr.

»Johannes wohnt diese Woche bei seinem Papa.«

»Aha«, sagte Stella.

Johannes war einer von Leos besten Freunden, und seine Eltern hatten sich vor einiger Zeit getrennt. Von Johannes’ Mutter hatte Stella schon erfahren, dass die Kinder sich an die neue Situation ganz gut gewöhnt hatten und damit klarkamen, abwechselnd eine Woche bei Mama und eine bei Papa zu wohnen.

»Er hat gefragt, warum ich nie bei meinem Papa wohne.«

»Aha«, sagte Stella erneut und merkte selbst, dass ihre Stimme angestrengter klang.

»Ich hab ihm gesagt, ich hab keinen Papa«, fuhr Leo fort. »Aber Johannes hat gemeint, jeder hat einen Papa.«

Fieberhaft dachte Stella nach. Auf den Moment hätte sie sich vorbereiten sollen. Je älter Leo wurde, desto mehr Fragen würde er stellen. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

»Und was hast du dazu gesagt?«, fragte sie, um noch ein paar Sekunden Zeit zu gewinnen.

»Das, was du immer sagst, manche Kinder haben eben zwei Mamas oder zwei Papas oder vier Eltern. Und andere Kinder nur eine Mama. Ich hab gesagt, das ist nichts Besonderes.«

»Stimmt ja auch«, sagte Stella und hoffte inständig, dass er sich damit zufriedengeben würde.

Leo sagte kein Wort, heftete seinen Blick nur stur an den Fußweg.

Stella versetzte es einen Stich. So wie jedes Mal, wenn der Zweifel sie überkam. Sie wusste, wer Leos Vater war, doch das würde sie ihm nie erzählen können.

Er hieß Lars und wohnte mit Frau und drei Kindern in Stockholm. Stella hatte mit ihm geschlafen, als er in Göteborg auf einer Konferenz gewesen war und in dem Restaurant gegessen hatte, in dem sie kellnerte. Hinterher hatte er es bereut und beteuert, dass er noch nie fremdgegangen sei und seine Frau über alles liebe. Doch Stella hatte ihn beruhigt und versichert, seine Frau müsse nichts erfahren, sie hätten einfach eine schöne Nacht miteinander verbracht und er solle ohne schlechtes Gewissen zurück in sein Familienleben gehen. Sie selbst hatte mit einem One-Night-Stand kein Problem und auch keinerlei Erwartungen, dass daraus mehr werden würde.

Rein aus Neugier hatte sie ihn hinterher auf Instagram gesucht und sich die Fotos von seiner Bilderbuchfamilie angesehen. Danach hatte sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet, bis zu dem Tag, drei Monate später, als sie einen Schwangerschaftstest machte und entsetzt auf zwei Striche starrte. Dann hatte sie seine Handynummer im Internet ausfindig gemacht. Sie hatte sich ihre Worte vorher gut zurechtgelegt und ihm mitgeteilt, dass er sich um das Kind nicht kümmern müsse, denn sie wisse ja, dass es seine private Situation komplett auf den Kopf stellen würde. Aber sie hatte beschlossen, das Kind zu behalten. Er reagierte erst geschockt, dann verschreckt, und am Ende mit Dankbarkeit.

Als das Jugendamt sich nach der Vaterschaft erkundigte, hatte Stella angegeben, Leo sei bei einer Kneipentour gezeugt worden, sie sei stockbetrunken gewesen und könne sich an den Mann, der der Vater ihres Sohnes war, nicht mehr erinnern, sie wisse nur noch, dass er auf der Durchreise gewesen war. Die Sorgenfalte auf der Stirn der Sachbearbeiterin war während des ganzen Gesprächs nicht gewichen, und die Frau hatte betont, dass sie die Aufgabe hätten, die Vaterschaftsfrage im Sinne des Kindeswohls zu klären. Stella hatte erwidert, das könne sie verstehen und sie wüsste es ja selbst gern – eben, um es Leo sagen zu können. Damals hatte sie sich für ihre Lüge sehr geschämt und hatte der Frau kaum in die Augen sehen können, doch sie hatte keine andere Wahl gehabt. Lars und sie hatten eine Entscheidung getroffen, und die war zum Wohle aller. Sie erhielt das alleinige Sorgerecht, und von dem Tag an waren sie ein Zweierteam, Stella und Leo. Für immer.

»Du bist mein Glückstreffer, das weißt du doch?«, sagte sie, weil ihr nichts Besseres einfiel.

Leo nickte kaum merklich.

Stella betrachtete ihren Sohn, der zwar vom Wesen her ganz anders war als sie, aber äußerlich viel Ähnlichkeit mit ihr hatte. Sie hatten blondes Haar und tiefblaue Augen, dasselbe hübsche Gesicht. Darüber war sie heilfroh, wie gut, dass er sie nicht an jemand anders erinnerte. Sie biss sich auf die Wange. Würde sie ihrem Sohn eines Tages dieselbe Lüge auftischen – dass sie sich nicht mehr erinnern konnte, wer sein Vater war? Welche Folgen hätte das wohl für ihn?

Leo zeigte auf die kleine Stadtteilbibliothek, und Stella nickte. Mit neuen Büchern kam er sicher schnell auf andere Gedanken. Leo war eine Leseratte, und nach der Schule führte der erste Weg meist in die Bücherei.

Sie folgte ihm, als er zielstrebig auf ein Regal zuging, wo das Buch, das er ausleihen wollte, stand. Das große Buch vom Weltall. Wie oft sie das ausgeliehen hatten! Leo ging an die Theke, wartete, bis er seinen PIN-Code eintippen konnte, und scannte das Buch. Dann klemmte er es unter den Arm, und so verließen sie die Bücherei. Da hüpfte er auch wieder von einem aufs andere Bein, ganz normal, und Stella atmete auf. Vielleicht hatte sich der Sturm diesmal gelegt, bevor er zum Orkan anschwoll. Ihr war klar, dass Leo die Vaterfrage wieder zur Sprache bringen würde, und sie nahm sich fest vor, bis dahin eine vernünftige Antwort parat zu haben.

Stella ging die Treppen bis zu ihrer Wohnung im dritten Stock hinauf, Leo benutzte den Fahrstuhl. Sie veranstalteten immer ein kleines Wettrennen. Heute ging Stella absichtlich etwas langsamer und ließ ihn gewinnen. Als sie die Wohnungstür aufschloss, keuchte sie übertrieben laut. Schnell streifte er im Flur seine Sneaker ab und verschwand in seinem Zimmer. Stella ließ die Schuhe einfach liegen, machte es sich in dem großen Rattan-Pfauensessel bequem und schnürte in Ruhe ihre weinroten Stiefel auf.

Den Stuhl hatte sie auf einem Flohmarkt gefunden. Wenn man in die Wohnung kommt und als Erstes auf ein Möbelstück blickt, auf dem schon so viele legendäre Frauen posiert haben – Elizabeth Taylor, Marilyn Monroe, Zsa Zsa Gabor –, dann kann der Tag nicht mehr schlecht werden, hatte sie sich gedacht und ihn mit Leos Hilfe nach Hause geschleppt. Er hatte es ziemlich peinlich gefunden, mit dem auffälligen Stuhl in der Straßenbahn, aber Stella war ganz im Glück gewesen und hatte die Blicke der anderen Fahrgäste einfach ignoriert.

Sie schmunzelte und fuhr über die Armlehnen. Sie hatte recht behalten, allein da Platz zu nehmen, machte glücklich. Sie stand wieder auf, hängte ihre Jacke an den Haken und legte die Post aus dem Briefkasten auf den Küchentisch. Dann holte sie Nudeln, Tomaten, Olivenöl, Oregano, Basilikum und Knoblauch und begann, das Essen vorzubereiten. Heute würde es Spaghetti mit italienischer Tomatensoße geben.

Als sie etwas später dastand und in ihrem Topf rührte, wanderte ihr Blick aus dem Fenster. Der Wohnblock gegenüber war so hoch, dass sie von hier aus nur auf Beton und dunkle Fenster sah. Dabei überkam sie eine brennende Sehnsucht nach einer schönen Aussicht, blauem Himmel und weiten Feldern. Das kannte sie nur zu gut. Sie seufzte, wandte den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf ihre Tomatensoße.

Als Leo ein paar Minuten später bei ihr am Küchentisch saß, hatte er sein Weltraumbuch dabei und zeigte auf ein Foto. »Was ist das?«, fragte er und sog seine Spaghetti ein, dass ihm die Soße bis auf die Nase spritzte.

Stella lächelte, zog das Buch zu sich hin und las vor: »Das Hubble-Teleskop ist ein Weltallteleskop. Eins der bekanntesten Bilder davon trägt den Spitznamen Pillars of Creation und sieht aus wie die Landschaft in einem Science-Fiction-Film. Die Säule, die du auf dem Foto siehst, besteht aus Feuchtigkeit und Staubpartikeln und ist eigentlich die Geburt eines Sterns.«

»Wow«, sagte Leo und seine Augen funkelten. »Magisch.«

»Genauso magisch wie ein Zitronenfalter«, sagte Stella, stand auf und räumte ihren Teller ab.

Ein paar Stunden später lag Leo im Schlafanzug in seinem Bett. Stella hatte sich wie immer neben ihn gekuschelt und las ihm vor. Als sie beide nur noch gähnten, klappte sie das Buch zu, aber blieb noch liegen.

»Ich habe gehört, dass es Sterne gibt, die von alleine leuchten, und die man an die Zimmerdecke kleben kann. Magst du so einen Sternenhimmel haben?«

Leo strahlte. »Au ja!«

Sie lagen eng beieinander und blickten an die Decke, bis Leo schwerer atmete und Stella merkte, dass er eingeschlafen war. Sie streichelte ihm über die Wange, die nicht mehr ganz so rund war wie früher, doch noch genauso weich. Ganz langsam erhob sie sich, legte ihm die Bettdecke über und schlich sich aus der Tür, als ihr Blick auf eine Zeichnung auf Leos Schreibtisch fiel. Sie erkannte zwei Menschen, Leo und sie. MEINEFAMILIE stand oben am Rand, mit einem F, das falsch herum war.

Sie schluckte, ging leise aus dem Kinderzimmer, holte sich ein Weinglas aus der Küche und schenkte sich Rotwein ein. Normalerweise trank sie Alkohol nur in Gesellschaft, doch heute war ein besonderer Tag. Der erste Tag, an dem ein Zitronenfalter durch die Luft geflattert war – und an dem sie ihrem Sohn die Wahrheit verschwiegen hatte.

Natürlich hatte sein Freund Johannes recht, jeder hatte einen Vater, und sie hatte Leo keine brauchbare Antwort geliefert, die er wiederum seinen Freunden geben konnte. Er hatte nur diese Kinderantwort parat, die er von klein auf zu hören bekommen hatte, dass jede Familie anders aussah.

Sie setzte sich an den Küchentisch, nippte am Rotwein und ging die Post durch. Ein Brief machte einen formellen Eindruck, in der oberen Ecke stand Anwaltskanzlei Löwenstam. Mit einem Tafelmesser ritzte sie das Kuvert auf. Was war das für ein Schreiben?

Schnell überflog sie das Papier, runzelte die Stirn und las noch einmal ganz in Ruhe. Es handelte sich um eine Schenkungsurkunde einer verstorbenen Person, die anonym bleiben wollte, und es ging um einen Urlaub auf der Insel Ven vom 11. bis 25. Juni.

Nachricht des Erblassers: Ich hoffe, du nutzt die Gelegenheit und besuchst dieses schöne Fleckchen Erde. Das Sommerhaus gehört Lucy und liegt direkt am Landsvägen. Es ist auf deinen Namen gemietet. Weitere praktische Informationen findest du in diesem Brief.

Ven? Wer sollte ihr denn einen Ferienhausurlaub auf Ven schenken? Stella griff zu ihrem Handy. Zuerst googelte sie die Anwaltskanzlei, wollte wissen, ob es die überhaupt gab, dann suchte sie nach der Insel, von der sie schon gehört hatte. Sie wusste nur nicht genau, wo sie eigentlich lag.

Ven ist eine schwedische Insel und liegt im Öresund, etwa 4,5 km von der Westküste in Schonen entfernt und 8,5 km von Sjelland in Dänemark. Auf der Insel leben ungefähr 370 Menschen. Sie ist bekannt für ihre spektakuläre Steilküste Backafall.

Stella stand auf und ging zu ihrem Weltall-Wandkalender, den Leo unbedingt haben musste. Sie blätterte vor. Elfter Juni, das war noch gut einen Monat hin. Das Kalenderblatt war leer, da begannen Leos Sommerferien. Aber sie konnte ja wohl kaum einen Urlaub antreten, den ein wildfremder Mensch für sie einfach gebucht hatte?

Bea

Als Bea und ihr Ex-Mann Edvin vor Ewigkeiten ihr Häuschen auf Ven fanden, stand der Raps auch in voller Blüte. Bea erinnerte sich noch, als wäre es gestern gewesen, wie sie durchs Haus gingen und sie Edvin sagen hörte, das sei aber alles ein bisschen klein, und wie sie die Terrassentüren öffnete und ein gelbes Blütenmeer erblickte, das sich wie zur Begrüßung vor ihr verneigte, als der Wind sanft darüberstrich. Der süßlich-herzhafte Duft hatte sie in der Nase gekitzelt, sie hatte sich zu Edvin umgedreht und gesagt: »Hier bleiben wir.«

Über dreißig Jahre lang hatte sie sich nun immer an diesem ganz besonderen Duft erfreut. Mancherorts in Schonen wachse der Raps schlecht in diesem Jahr, hatte sie in der Zeitung gelesen, doch hier auf Ven stand er da wie eine gelbe Armee.

Bea ging zu ihrer kleinen Hecke, die rund um ihren Garten gepflanzt war, und spazierte an ihr entlang, die Hand immer wieder an ihren Blumen. Letztes Jahr war es ihr so schlecht gegangen, dass sie das gelbe Rapsfeld kaum hatte ansehen können, ohne in Tränen auszubrechen. Jetzt blieb sie stehen und betrachtete es. Wie schön es war. Doch die pure Freude, auf die sie gehofft hatte, die sie ganz kribbelig im Bauch machte, wollte sich nicht einstellen. Stattdessen spürte sie eher eine Art Wehmut. Marit ging ihr einfach nicht aus dem Sinn. Klas’ Mutter hatte die Rapsblüte nur um wenige Wochen verpasst. Es war wirklich traurig. Bea seufzte, ging zurück ins Haus und setzte sich an ihren Platz am Küchenfenster.

Eigentlich sonderbar, so gut hatte sie Marit ja gar nicht gekannt, dennoch berührte sie ihr Tod sehr – möglicherweise weil er die Erkenntnis mit sich brachte, dass das Leben nur eine kurze Reise, fast nur ein laues Lüftchen war. Ein Windhauch, kaum gespürt, schon vorbei. Eine Erkenntnis, die unweigerlich dazu führte, dass sie ihr eigenes Leben auf den Prüfstand stellte.

Da kam eine Gestalt mit üppigem, blondem Lockenkopf den Landsvägen hinabgeradelt und hielt vor Beas Gartenzaun. Es war Lucy. Diese junge Frau war das Gegenteil eines lauen Lüftchens, dachte Bea und schmunzelte. Sie war eher die Kategorie Wirbelsturm. Lucy war von Cornwall hierhergezogen, weil sie sich in Liam verliebt hatte, und sie vermietete das Ferienhaus auf der anderen Straßenseite. Gleichzeitig führte sie sehr erfolgreich ihr Café Uferschwalbe, das eine Mischung aus Café, Kneipe und Flohmarkt war.

Bea konnte sich denken, warum Lucy auf dem Weg zu ihr war. Als es Bea im vergangenen Jahr so schlecht ging, hatte Lucy sie regelrecht gezwungen, einmal in der Woche bei ihr im Café aufzutauchen, einfach nur, damit sie mal das Haus verließ. Diese Gewohnheit hatte Bea auch später noch beibehalten, doch jetzt lag ihr letzter Besuch im Café Uferschwalbe schon wieder einige Wochen zurück.

Anstatt an die Tür zu klopfen, ging Lucy ein paar Schritte aufs Küchenfenster zu und beugte sich vor, dabei hielt sie sich wegen der Sonne die Hand über die Augen. Als sie merkte, dass Bea sie auch sah, machte sie einen Satz. Sie musste lachen und wedelte mit einer Tüte Kekse, dann zeigte sie zur Tür. Bea nickte.

»Komme ich ungelegen?«, rief Lucy in den Flur.

»Überhaupt nicht«, antwortete Bea, die bereits aufgestanden war und die Kaffeemaschine befüllte.

»Du warst schon so lange nicht mehr im Café«, sagte Lucy, als sie sich auf einem Küchenstuhl niederließ.

»Nein, es war einfach viel los.«

Lucy blinzelte sie misstrauisch an.

Dieselben Worte hatte Bea benutzt, als sie sich im vergangenen Jahr von allem und jedem zurückgezogen hatte, sie hätte so viel zu tun. Was reinweg gelogen war. Auch jetzt war das nicht die Wahrheit, sie hatte gar nicht viel um die Ohren. Sie drehte Lucy den Rücken zu und wartete darauf, dass der Kaffee fertig war. Dann schenkte sie ihnen zwei Tassen ein und setzte sich zu Lucy an den Tisch.

»Besser gesagt, seit Marit gestorben ist, zerbreche ich mir ziemlich den Kopf«, korrigierte sie ihre Antwort.

»Worüber denn?«, fragte Lucy und schob ihr die Keksschale hin.

Bea nahm sich einen der knusprigen Mürbeteigkekse mit Apfelmus in der Mitte, schmeckte das angenehm süßsäuerliche Aroma und zuckte mit den Schultern. »Über das Leben?«

»Wenn jemand stirbt, kommt man leicht ins Grübeln. Hast du Marit denn nahegestanden?«, fragte Lucy.

Bea schüttelte den Kopf. »Nein, gar nicht. Das ist ja das Komische. Seit ich hier lebe, weiß ich, wer sie ist, wir haben das eine oder andere Wort miteinander gewechselt, aber gekannt habe ich sie nicht richtig. Und jetzt ist sie auf einmal weg. Ihr Leben kommt mir vor wie ein laues Lüftchen.«

Lucy nippte an ihrem Kaffee. »Ich glaube, kein Leben ist wie ein laues Lüftchen. Es ist eher so, dass es manchen in eine andere Richtung verschlägt und es dort dann weht und stürmt. Dass wir hier nicht mehr als einen Hauch davon spüren, muss nicht heißen, dass nicht woanders kräftiger Wind geht.«

Bea blickte hinaus auf den leeren Landsvägen. »Da hast du möglicherweise recht.«

»Nicht möglicherweise, ich habe recht.«

Bea grinste. »Ich weiß.«

Dann erzählte Lucy überschwänglich von den exotischen Möbelstücken, die sie hereinbekommen hatte, und von dem deutschen Ehepaar, das sich in den Tisch, an dem es saß, so verguckt hat, dass es ihn kurzerhand gekauft hat. Da in Lucys Café alles käuflich war, kam es immer wieder zu witzigen Situationen. Gickernd versuchte sie zu beschreiben, wie es ausgesehen hatte, als die zwei mit dem Tisch zwischen sich den Landsvägen nach Hause gestolpert waren.

Bea schüttelte nur lächelnd den Kopf und nickte dann hinüber zum Ferienhaus. »Wann bekommst du denn die nächsten Gäste?«

»Ab morgen hat einer gebucht, der nur übers Wochenende bleiben will. Dann gibt’s wieder eine Lücke, und ein paar Wochen später hat sich eine Frau namens Stella mit ihrem Sohn Leo für zwei Wochen hier eingemietet.«

»Freut mich«, sagte Bea. »Es ist ein bisschen langweilig, hier zu sitzen und auf ein verlassenes Haus zu starren.«

Lucy stand auf und räumte die Kaffeebecher ab. »Genau das will ich sagen, bleib nicht wieder hier am Küchentisch hocken und schau nur aus dem Fenster. Das ist nichts anderes als destruktives Verhalten. Das musst du durchbrechen, und zwar right now!«

»Hast ja recht …«, sagte Bea und folgte Lucy in den Flur. »Danke für deine leckeren Kekse, und dann bis bald bei dir im Café.«

»Ich nehme dich beim Wort«, sagte Lucy grinsend und ging zu ihrem Fahrrad. »Und soll ich dir mal was sagen«, rief sie, als sie schon auf dem Sattel saß. »Ein laues Lüftchen ist nicht bloß ein laues Lüftchen, es kann frischen Wind bringen oder sich in einen Sturm verwandeln. Bye bye!«

Bea sah ihr hinterher, wie sie davonradelte, und lächelte. Dann zog sie ihre Turnschuhe an und ging aus dem Haus. Jetzt wollte sie bei Klas vorbeischauen. Er hatte um vier Uhr Feierabend und schaffte es meistens auf die Fähre, mit der er um fünf Uhr zurück auf Ven war. Seit der Beerdigung hatten sie sich nur kurz gesehen, und jetzt kam sie sich richtig schlecht vor, weil sie darauf wartete, dass er, mitten in der Trauerphase, die Initiative ergriff und von sich hören ließ.

Pappi bellte gar nicht, als sie an die Tür klopfte. Ob sie draußen waren? Bea sah hinüber zum Nachbarhaus. Vielleicht war er ja drüben, in Marits Haus, und hatte zu tun. Erst zögerte sie, doch dann ging sie hinüber und klopfte an die Tür. Da erklang auch Pappis lautes Bellen, doch erstarb sofort, als Klas öffnete und der Hund Bea erkannte.

»Na so was, hallo«, sagte er und klang erstaunt.

»Hallo. Ich mache gerade einen kleinen Spaziergang, da kam mir die Idee, ich schau mal, wie es dir geht. Bei dir war niemand zu Hause, deshalb dachte ich, ich versuch’s mal hier.«

»Komm rein«, sagte er und ließ die Tür offen. »Ich bin heute etwas früher heimgekommen, um mal mit dem Ausräumen anzufangen.«

Bea zog ihre Schuhe im Flur aus und folgte Klas ins Wohnzimmer. Im Haus lag ein eigenartiger Duft, etwas staubig und süßlich, wie so oft bei älteren Leuten, die schon jahrzehntelang im selben Haus wohnten. Als hätten sich all die Jahre in den Polstermöbeln festgesetzt und erinnerten an die Zeit, die vergangen war. Bea schluckte und nahm vorsichtig auf dem Sofa Platz.

»Magst du einen Kaffee?«, fragte Klas.

»Nein danke. Ich habe gerade einen mit Lucy getrunken.«

Er nickte, hob einen Karton hoch und stellte ihn vor Bea auf den Couchtisch.

»Ich habe jede Menge alte Fotos gefunden. Schau mal, da ist Mama mit ihrer Schwester Mona.«

Bea hielt sich das Schwarz-Weiß-Foto dicht vor die Augen und erkannte zwei junge Frauen, die vor einer großen, knorrigen Eiche standen und Spaß machten.

»Ihre Schwester ist schon lange tot, sie starb bei einem tragischen Autounfall. Da war ich neunzehn.«

»Ist ja furchtbar«, sagte Bea. »Hatten sie eine enge Beziehung?«

»Na ja, Mama ist als Siebzehnjährige nach Schonen gezogen, um einen Sommerjob in einem Hotel anzunehmen, und dann ist sie hier unten hängen geblieben. Dann haben sie sich nur noch selten gesehen, sie waren doch ganz schön weit entfernt voneinander. Aber ich kann mich erinnern, dass sie oft miteinander telefoniert haben. Da saß Mama stundenlang am Telefon. Als Mona tot war, wurde es recht still bei uns.«

Er griff zu einem anderen Foto und lächelte, ein Hochzeitspaar. Der Bräutigam trug einen marineblauen Anzug, die Braut ein schlichtes weißes Kleid mit einem Blumenkranz im Haar. »Und hier heiratet sie meinen Vater.«

»An deinen Vater Oscar kann ich mich noch gut erinnern. Er war so sympathisch, hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen, wenn er einem über den Weg lief.«

»Sympathisch trifft es gut.« Klas legte den Kopf ein wenig schief. »Was würdest du sagen, wie könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben?«

Da musste Bea nicht lange nachdenken. »Fröhlich und freundlich.« Dann legte sie das Bild auf den Tisch. »Und mich?«, fragte sie.

Klas runzelte die Stirn. »Ein bisschen eigenbrötlerisch, aber recht nett.«

Bea stand vor Staunen der Mund offen, dann nahm sie ein Dekokissen, auf dem ein Fasan aufgestickt war, und klatschte es ihm auf den Arm.

»Eigenbrötlerisch, sagst du? Da kennst du mich aber schlecht.«

»Ach ja … was bist du dann?«, rief Klas lachend und duckte sich vor dem Sofakissen.

»Umgänglich und freundlich würde es wohl besser treffen?«

»Aha.« Klas zwinkerte. »Dann könnten wir heute Abend vielleicht essen gehen? Erste Gelegenheit, deine soziale Ader zu zeigen.«

»Das ist eine ausgezeichnete Idee«, sagte sie und warf den Kopf in den Nacken, dann puffte sie das Kissen zurecht und platzierte es wieder da auf dem Sofa, wo es hingehörte. Sie stand auf. »Dann sehen wir uns in einer Stunde vor dem Heimatmuseum.«

Klas lächelte und salutierte. »Wird gemacht.«

Bea streichelte seinen kleinen Zwergspaniel und verließ Marits Haus. Ihr fiel auf, wie erleichtert sie jetzt heimging. Sie sollte sich Lucys Worte hinter die Ohren schreiben und nicht am Küchentisch hocken bleiben. Sie musste raus. Unter die Leute. Reden. Lachen. Das Leben genießen. Sich nicht in Grübeleien festbeißen und niemals wieder so zum Stillstand kommen wie im vergangenen Jahr.

Stella

Zögerlich wanderten Stellas Finger über die Tastatur. Sie hatte die Homepage Ventrafiken.se auf ihrem Laptop aufgerufen und auch schon zwei Fahrkarten – ein Kind, eine Erwachsene – in den Warenkorb gelegt. Es war nicht das erste Mal, dass sie die Seite besuchte, in letzter Zeit hatte sie schon mehrmals kurz davorgestanden, den Buchungsvorgang abzuschließen. Auf der einen Seite hätte sie diesen eigenartigen Brief des Anwalts gern ignoriert, denn es war sogar ihr unheimlich, eine Reise anzutreten, die jemand anonym für sie gebucht hatte. Auf der anderen fand sie es aufregend und bekam Lust, dieser Einladung zu folgen, schließlich hatte sie am selben Tag, als der Brief eintrudelte, einen Zitronenfalter entdeckt – und das musste doch etwas zu bedeuten haben.

Sie warf einen Blick aufs Geschäftspapier und tippte die Nummer der Anwaltskanzlei Löwenstam in ihr Handy ein. Nach drei Klingeltönen nahm Solveig Persson ab, die sich als Fachanwältin für Familienrecht vorstellte. Stella räusperte sich.

»Ja, hallo, mein Name ist Stella Axelsson, und ich habe einen Brief von Ihnen bekommen, in dem Sie schreiben, jemand hat mir einen Aufenthalt auf Ven geschenkt. Das kommt mir ziemlich komisch vor … Ich habe nämlich keine Ahnung, von wem das Geschenk sein könnte.«

»Stella Axelsson? Würden Sie bitte kurz in der Leitung bleiben?«

Stella hörte, wie die Frau etwas in ihren Computer eingab und kurz darauf wieder am Apparat war.

»So, da bin ich wieder, schön Sie zu sprechen. Genau, die Person, die Ihnen diese Schenkungsurkunde über unsere Kanzlei überreicht hat, wollte sichergehen, dass Sie die Reise nach Ihren Wünschen gestalten und die Erlebnisse auf der Insel Sie weiterbringen. Das habe ich Ihnen jetzt wortwörtlich aus der Verfügung vorgelesen.«

»Aber …« Stella fand, das klang jetzt noch merkwürdiger. »Ich kann doch nicht einfach zufällig ausgewählt worden sein. Die Schenkung muss doch von jemandem stammen, der mich kennt, oder nicht?«

»Leider darf ich Ihnen dazu im Moment nicht mehr sagen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass alles für Ihren Urlaub vorbereitet ist, so, wie es im Brief steht. Der Schlüssel liegt unter einem Stein auf der Treppe vor dem Haus. Und ein Fahrrad gehört auch zum Häuschen, Sie müssen also keins am Fährhafen leihen.«

Stella war so verdutzt über dieses merkwürdige Arrangement, dass ihr keine weiteren Fragen einfielen. Sie sagte nur: »Okay, haben Sie vielen Dank.«

Ihre Hand zitterte noch leicht, als sie den Cursor mit der Maus auf den Button Buchen lenkte. Kurz kamen noch einmal Zweifel auf, sie hielt die Luft an, doch dann klickte sie.

Als die Buchung bestätigt war, sprang sie auf und lief in der Küche kopfschüttelnd auf und ab. Diese Sache fand sogar sie völlig verrückt. Allerdings passte diese Reise hervorragend in ihren Terminkalender, denn sie hatte jetzt ein paar Wochen frei, bis sie ihre Festanstellung in dem Secondhandladen antreten sollte, in dem sie schon lange als Aushilfe jobbte. Jetzt musste sie nur noch Leo ins Boot holen. Und sie nahm an, dass sie das Einiges an Überzeugungskraft kosten würde.

Ein paar Stunden später stand sie vor Leos Kinderzimmertür. Er hatte sich eingeschlossen und mitgeteilt, sie könne alleine fahren. Mehrmals hatte sie schon an seine Tür geklopft.

»Geh weg«, rief er wieder, und seiner Stimme merkte sie an, dass er sein Gesicht im Kopfkissen vergraben hatte.

Da ließ sie sich auf den Boden sinken, den Kopf an der Kinderzimmertür.

Im Gegensatz zu ihr konnte Leo Überraschungen und plötzliche Veränderungen überhaupt nicht leiden. Als er eingeschult worden war, hatte er immer wieder gesagt, dass er nie eine andere Schule besuchen wolle und gleichzeitig auf seine etwas altkluge Art darauf hingewiesen, dass er auch ihre Wohnung sehr gern mochte. Das hatte er natürlich deshalb so betont, weil er nicht wollte, dass Stella eines Tages wieder mal nach Hause kommen und verkünden würde, sie würden umziehen, wie schon so oft. In Leos sieben Lebensjahren hatte er bereits in drei Städten und fünf verschiedenen Wohnungen gelebt. Natürlich könnte man meinen, dass Kinder sich an so einen Lebensstil gewöhnen, wenn sie es von klein auf kennen, doch bei Leo war das nicht der Fall. Schon als Baby hatte er unruhig geschlafen, wenn man ihn in ein anderes Zimmer oder in fremde Arme gelegt hatte. Stella hätte gewettet, dass sich das mit der Zeit ändern würde, doch weit gefehlt. Im Gegenteil. Leos Bedürfnis nach Beständigkeit und Geborgenheit war ebenso groß wie Stellas Bedürfnis, ihre Impulsivität auszuleben. Als er dann in die erste Klasse kam, hatte sie ihm versprochen, dass er die Schule nicht mehr wechseln müsse und dass sie in ihrer Wohnung bleiben würden, bis er selbst umziehen wollte. Und das war ihr wirklich schwergefallen.

Da sie ihren Sohn kannte, wusste sie im Vorhinein, dass ihr Vorschlag, in den Ferien zwei Wochen auf eine Insel zu fahren, obwohl abgemacht war, dass sie nur kleine Ausflüge vor Ort unternehmen würden, für Unmut sorgen würde. Leo wollte einfach nur zu Hause sein. Vielleicht sollte sie die Reise doch wieder abblasen.

Als die Tür schließlich leise aufging, hatte Stella, weil sie so schief auf dem Boden hockte, schon einen Krampf im Bein. Leo setzte sich neben sie und fragte dann verkniffen: »Wo war das noch mal?«

Stella zog ihn an sich und holte das Handy aus der Tasche. »Die Reise, von der ich dir erzählt habe, habe ich quasi gewonnen. Schau mal, das ist eine ganz kleine Insel …« Sie rief ein Foto von Ven auf. »Du begeisterst dich doch so für das Weltall. Vor mehreren Hundert Jahren hat da auf der Insel ein Astronom gelebt, also ein Wissenschaftler, der das Universum erforscht. Er hieß Tycho Brahe, und er hat eine Supernova im Sternbild Kassiopeia entdeckt, die unglaublich hell war. Darüber hat er auch ein Buch geschrieben, das hieß De Nova Stella – Von einem neuen Stern.«

Leo wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und nickte. »Du meinst, so wie du heißt? Heißt Stella Stern?«

Stella nickte.

»Dann will ich da doch hin.«

Stella zwinkerte schnell und nahm ihn in die Arme. »Bist du sicher?«

»Supersicher«, sagte Leo.

Eine Woche später, sie waren mit dem Zug von Göteborg nach Landskrona und von da mit dem Bus weitergefahren, standen Stella und Leo im Fährhafen Skeppsbro und bestaunten die Fähre Uraniborg, die sie nach Ven bringen sollte.

»Die Fähre ist nach dem Schloss benannt, in dem Tycho Brahe auf Ven gewohnt hat«, erklärte Stella.

»Kann man das Schloss anschauen?«, fragte Leo.

»Das gibt es leider nicht mehr, aber sein Observatorium ist unterirdisch wiederaufgebaut worden. Darin hat er damals gearbeitet und die Sterne beobachtet. Das können wir uns ansehen.«

Leo nickte und drehte an seiner Krebsangel, die er in der Hand hielt.

Stella hatte einen Koffer dabei und auf dem Rücken einen schweren Rucksack. Obwohl sich die Junisonne hinter Wolken versteckte, schwitzte sie. Sie blickte sich um, als die ersten Reisenden von Bord gingen. Bei dieser Fähre am späten Nachmittag waren es nicht besonders viele.

»Sie bleiben ein paar Tage, wie ich sehe«, sagte der Kontrolleur und wies auf Stellas Koffer.

Stella lächelte. »Ja, wir haben ein Ferienhäuschen gemietet.«

»Ach, wie nett. Wir sind ja noch in der Vorsaison, jetzt werden die Straßen noch nicht von Tausenden von Fahrradfahrern bevölkert sein. Auf Ven fahren nämlich alle Rad.«

Stella nickte, legte das Handy in die Tasche und nahm Leo an die Hand. Dann schleppten sie ihr Gepäck die steile Stahltreppe hinauf, die zum Sonnendeck führte.

»Ist das unsere Insel?«, fragte Leo und zeigte auf das Eiland, das vor ihm lag. Die Vorfreude stand ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Wut und die Enttäuschung über den Entschluss zu verreisen, waren verflogen, was wohl auch daran lag, dass sein bester Freund Johannes in den ersten Wochen der großen Ferien nun auch im Urlaub war.

Stella nickte, doch sie war nicht ganz so aufgekratzt wie ihr Sohn. Als sie sich durchgerungen hatten, die Reise anzutreten, war sie anfangs auch so aus dem Häuschen gewesen wie immer, wenn sie die Koffer packte und zu neuen Ufern aufbrach. Doch dieses Gefühl war bald schon Nervosität gewichen – und in den letzten Nächten vor der Abfahrt hatte sie kaum ein Auge zugetan. Schließlich war es kein normaler Urlaub, jemand anders hatte die Reise für sie gebucht, und sie wusste weder wer, noch warum.

Leos Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

»Wow, Mama, schau mal. Die steile Küste!«

Sie waren jetzt gut zwanzig Minuten gefahren und näherten sich langsam dem pittoresken kleinen Hafen, der von der berühmten Backafall-Steilküste umgeben war. Je näher sie kamen, desto mächtiger türmte sie sich vor ihnen auf. Stella bekam einen Kloß im Hals, strich Leo nur durchs Haar und schwieg, aus Angst, ihr könnte die Stimme brechen.

Die Fähre legte an. Leo lief mit federnden Schritten an Land und zeigte gleich begeistert auf die Eisbude, wo es hausgemachtes Inseleis gab. Stella kämpfte mit ihrem Koffer, hier kam er ihr viel schwerer vor als auf dem Festland, und sie deutete auf den steilen Hang vor ihnen. Jetzt mussten sie sich erst einmal an den Aufstieg machen, Eis konnte es später auch noch geben.

Einige Male hatten sie anhalten müssen, weil sie ganz außer Atem waren, doch dann waren sie am Fahrradverleih angelangt. Stella hatte gelesen, dass es dort über 1500 Leihräder gab, und alle waren gelb. Sie ging an die Kasse und mietete ein Rad für Leo.

»Willst du denn keins?«, fragte er und knipste den Verschluss seines Fahrradhelms unter dem Kinn zu.

»Im Ferienhaus gibt’s ja ein Fahrrad für mich, deshalb geh ich bis dahin einfach zu Fuß. Ist ja nur ein Kilometer.«

Leo stieg auf sein Fahrrad, und Stella marschierte hinter ihm.

»Du musst diese Straße immer geradeaus fahren, bis du links ein kleines weißes Haus mit einem grünen Gartenzaun siehst. Fahr schön vorsichtig, und wenn ein Auto kommt, hältst du einfach an. Nicht, dass du hinfällst!«

Auf dieser Straße einen Koffer hinter sich herzuziehen, hatte Stella sich nicht so schwierig vorgestellt. Es gab ja keinen Fußweg, und die kleinen Kiesel setzten sich hartnäckig in die Kofferrollen. Hinzu kam, dass die Straße gar nicht einfach geradeaus ging, wie es auf der Landkarte ausgesehen hatte, sondern über lauter Hügel führte, sie mussten hoch und runter. Stella schwitzte und keuchte. Als sie sich dem Tycho Brahe Museum näherten, rief sie Leo zu, dass jetzt Zeit für eine Pause sei.

Er hielt an, hob den Daumen hoch und zeigte auf ein paar sonderbare Kuppeln, die aus der Erde ragten.

»Ist das das Observatorium?«, rief er und drehte sich nicht mal um.

»Könnte sein«, schrie Stella zurück. Leo parkte sein Fahrrad im Ständer, und nun war auch Stella angekommen, sie gingen zusammen ins Café, wo sie zweimal Apfelschorle bestellten und sie beide in einem Zug leerten.

»Das nächste Mal leihe ich mir für einen Tag ein Lastenfahrrad aus«, sagte sie, als sie zurück zu Leos Fahrrad gingen. »Aber jetzt kann es nicht mehr weit sein. Können wir?«

Leo nickte, stieg aufs Rad und fuhr los, doch stoppte ein paar Meter weiter schon wieder. Er zeigte auf eine Statue von Tycho Brahe, die hoch zum Himmelszelt blickte. »Da ist er!«

Stella lächelte. »Stimmt. Kannst ihm sagen, dass wir ihn demnächst mal besuchen kommen.«

Und Leo rief: »Wir kommen wann anders wieder, und dann wollen wir alles über die Sterne wissen!« Stella lächelte, dann packte sie den Koffer wieder am Griff und zog ihn weiter, über die nächsten Hügel, an unzähligen Feldern vorbei. Gerade als sie dachte, sie kämen wohl nie an, hielt Leo an und zeigte auf ein Haus.

»Da ist der grüne Zaun! Wir sind da!«

Das Ziel vor Augen war motivierend, und Stella gab sich einen Ruck, wischte sich den Schweiß von der Stirn und nickte. »Stimmt, das wird es sein.«

Leo öffnete das Gartentor, und Stella schob ihren Koffer und Leos Fahrrad aufs Grundstück und schloss das Tor hinter ihnen. »Unter einem Stein auf der Treppe soll der Schlüssel liegen.«

Leo rannte vor, hob den Stein an und den Schlüssel hoch. Dann steckte er ihn ins Schloss, drehte ihn um und strahlte, als die Tür aufsprang.

Der Boden knarrte, als Stella den Koffer durch die Tür schob, hinein in ein gemütliches, helles Sommerhaus. Alte Holzdielen auf dem Boden, kuschlige Wolldecken und Kerzen, die einen dezenten Vanilleduft verbreiteten. Leo lief zum Küchenfenster, schob die Vorhänge zur Seite und sah hinaus auf den Landsvägen. Da ging ein Lächeln über sein Gesicht, und er winkte.

»Was machst du denn da?«, fragte Stella.

»Da sitzt eine alte Frau, die winkt.«

Stella kam zu ihm. Auf der anderen Straßenseite saß tatsächlich eine Frau am Fenster, halb hinter einer Häkelgardine. Stella lächelte entschuldigend und zog die Vorhänge behutsam wieder zu. Dann sah sie Leo an.

»Wir wollen sie ja nicht stören. Komm, wir schauen mal, ob wir was zu essen finden. Hier im Häuschen soll ein Frühstück für uns stehen, habe ich gelesen, da hätten wir eine kleine Zwischenmahlzeit.«

Leo linste noch einmal durch die Gardine und winkte ein letztes Mal.

Im Kühlschrank standen Butter, Aufschnitt, Milch, Joghurt, Eier und Saft, und auf der Arbeitsplatte waren Brot, Kaffee, Tee und Müsli vorbereitet. Mit ein paar belegten Broten und zwei Gläsern Saft gingen sie raus und setzten sich auf die Veranda, wo ihr Blick auf die Feldmark fiel und auf einen unendlich weiten Himmel.

Stella blieb fast die Luft weg. Genau so eine Aussicht hatte sie sich immer gewünscht, wenn sie zu Hause in ihrer Küche stand und kochte. Auf weite Felder und so einen Himmel zu blicken.