Sommer des Zorns - Roberta C. Keil - E-Book

Sommer des Zorns E-Book

Roberta C. Keil

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Beschreibung

Die junge Rancherin Jacklyn Springfield trauert um ihren tödlich verunglückten Mann. Um das Leben spüren zu können, flüchtet sie manchmal in die anonyme Großstadt und sucht nach Abenteuern in Bars und Clubs. Sie ahnt nicht, dass eine solche Nacht ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Ein Mann wird nach einer Nacht mit ihr ermordet aufgefunden und sie gerät unter Mordverdacht. Auf der Ranch geschehen mysteriöse Dinge und als ihr Vater ein lang gehütetes Familiengeheimnis enthüllen muss, verliert sie den Boden unter den Füßen. Jacky weiß nicht mehr, wem sie vertrauen kann. Ist ihr Pflegebruder und Vorarbeiter Aiden McLeod, der ihr gerade jetzt seine Liebe gesteht, derjenige der sie retten kann oder spielt er ein falsches Spiel? Und wie kann sie ihre Unschuld beweisen, nachdem die Polizei ein Video erhält, dass Jacky bei dem Mord zeigt? Ein Abgrund aus Hass, Neid und Lügen liegt vor ihr und sie sieht mehr vom Leben abseits der sonnigen Ranch als sie jemals wollte.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Roberta C. Keil

Sommer des Zorns

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Zwei Jahre danach

Impressum neobooks

Zwei Jahre zuvor

Wutentbrannt stieg Frank in das rote Cabrio. Warum musste Jacky immer so rechthaberisch sein? Immer wieder stritten sie um die gleichen Angelegenheiten.

Er startete den Wagen und der Motor heulte auf, als Frank das Gaspedal durchtrat, dann lenkte er ihn zügig die lange Auffahrt hinunter.

Meist ging es um Aiden und dann merkte Frank, dass er immer noch der Neue war. Er lebte jetzt schon fünf Jahre hier und doch war er ‚Der Neue‘. Manchmal hatte er den Eindruck dieser Mischlingsbursche tat nur so, als würde er ihn als Boss akzeptieren.

Aiden lebte seit seiner Geburt auf der Ranch und war dort aufgewachsen. Er stammte nicht aus der Blutslinie der Springfields, aber er wurde behandelt, als wäre er einer. Jacky behandelte ihn so. Sie vertraute ihm blind. Aber Frank war vorsichtig. Irgendetwas stimmte nicht mit Aiden, fand er.

Doch heute hatten sie wieder einmal über ihre Kinderlosigkeit gestritten. Seit fünf Jahren waren sie nun verheiratet und Jacky noch nicht schwanger geworden. Frank konnte nicht sagen, ob der Kinderwunsch von Jacky selbst kam, oder ob es Jack war, der unbedingt Großvater werden wollte und Druck auf Jacky ausübte.

Er solle sich von Waleah behandeln lassen, hatte sie heute vorgeschlagen. Diese indianische Kräuterhexe, wie Frank sie in seinem Zorn nannte, habe angeblich ein Mittel, das die Fruchtbarkeit des Mannes steigern würde.

Er hatte Jacky eben deutlich gesagt, dass er sich nicht von Waleah behandeln ließe. Eher würde er auf Kinder verzichten!

Frank ließ den Motor aufheulen und schaltete einen Gang hoch. Wenigstens waren sie sich bei dem Wagen einig gewesen. Keine Automatik und feuerwehrrot. Er hatte die Landstraße erreicht und beschleunigte noch mehr.

Der Schmerz, den er in Jackys Augen sah, als er es ausgesprochen hatte, hatte ihm ins Herz geschnitten. Er wollte sie nicht verletzen. Sie war die Liebe seines Lebens. Jedes Mal, wenn er in ihre großen blauen Augen sah, die zwei wunderschönen Planeten gleichten, verliebte er sich auf‘ s Neue in seine Frau. Trotzdem war er nicht bereit, sich einer Schamanin auszuliefern. Noch dazu, wo sie Aidens Mutter war und schon seit langer Zeit in den Diensten der Springfields stand. Nachher würde dann auch der letzte Cowboy auf der Ranch wissen, dass er, Frank Hoover, oder Texas, wie er hier hinter vorgehaltener Hand auch genannt wurde, wegen Unfruchtbarkeit in Behandlung war.

Jacky ließ ihn einfach stehen und ging. Er wusste genau wohin. In den Pferdestall. Immer wenn sie ein Problem hatte, nahm sie ihre Stute und entschwand in den Weiten des Tales.

Frank atmete durch. Er musste das klären. Mit Jacky. Sie musste wissen, dass er sie liebte. Dass er jede Minute ihrer Zweisamkeit genoss. Egal, ob sie gemeinsam die Rinder einfingen, Futtersäcke stapelten oder eine zärtliche Nacht miteinander verbrachten. Aber einen Moment noch würde er sich abreagieren müssen. Dafür bot sich der Wagen an. Der kleine Chrysler mit dem zweieinhalb Liter Motor konnte gut auf Geschwindigkeit kommen. Und der Sheriff würde ein Auge zudrücken, sollte er ihn erwischen. Dafür kannte er die Springfields zu lange.

Frank sah die Kurve und bremste ab. Das Bremspedal gab nach bis zum Bodenblech, ohne dass der Wagen an Geschwindigkeit verlor. Er war zu schnell für diese Kurve. Er trat noch einmal das Pedal, und wieder, und wieder. Nichts.

Langsam drehte er am Lenkrad, aber der Wagen war zu schnell. Er merkte, wie er hinten ausbrach, begann zu schleudern. Frank klammerte sich am Lenkrad fest, zog es in die Kurve. Es nutzte nichts. Er war zu schnell, sah die Felswand auf sich zu kommen, roter Arizonafels, der in der Abendsonne leuchtete wie ein Himmelslicht. Er zog am Lenkrad, riss es herum, überschlug sich, verlor die Orientierung.

Frank spürte den Schmerz in der Brust. Konnte kaum atmen. Versuchte das Fahrzeug zu verlassen. Nahm den Brandgeruch wahr. Sah in diese blauen Planetenaugen.

„Jacky!“ Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie hockte vor ihm und lächelte ihn an. Warum half sie ihm nicht? Warum lächelte sie nur? „Jacky! Hilf…“

„Keine Sorge, mein Liebster. Es wird alles gut. Gleich ist es vorbei.“ Sie lächelte immer noch und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Jacky sagte nie Liebster zu ihm, dachte Frank. Aber es waren ihre Augen. Und ihre Lippen.

„Jacky?“ Es wurde dunkel und kalt. Die Flammen, die an seinen Schuhen zu lecken begannen, bemerkte er nicht mehr.

Kapitel 1

Unerträglich war der Schmerz, der durch mein Herz zog, jedes Mal wenn ich an ihn dachte. Frank.

Ich lag seit Stunden im Gras und starrte in den Himmel. Die Wolken zogen durch das Blau der Unendlichkeit und ich versuchte, Figuren in ihnen zu erkennen. Wie wir es früher schon getan hatten. Ständig in Bewegung, wechselten die Bilder in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während der Hund, der Männchen machte, im Nu zu einem feuerspeienden Drachen wurde, löste sich der behäbige, dunklere Elefant nur langsam in seine Bestandteile auf und entwickelte sich zu einer formlosen Wolkenmasse. Die Bilder linderten den Schmerz, der wie ein Stein in meinem Magen lag und in den Rest meines Seins strahlte.

Ein Grashalm kitzelte mich am Ohr. Ich liebte diese Wiese, kurz bevor sie gemäht wurde. Nächste Woche würde Aiden den ersten Schnitt durchführen. Und jetzt nahm ich das leise Säuseln des Windes wahr. Ich drehte mich auf den Bauch und stützte den Kopf in meine Hände, die Gräser beobachtend, die sich im leichten Sommerwind geschmeidig wiegten. Jedes war anders und doch bildeten sie eine harmonische Oberfläche, die weich wirkte. Weich und rund, wie ein Meer aus Samt, in dem ich jetzt gerne versinken mochte.

Am Horizont, dort wo der Himmel die Berge berührte, bauten sich dunkle Quellwolken auf, die Vorreiter eines heftigen Gewitters. Das hatte der Wetterdienst bereits am Morgen angekündigt und die fast nachtschwarze Wolkenwand hinter den in unterschiedlichen Grautönen leuchtenden Kumuluswolken, bestätigten mir den Wetterbericht. Es würde gleich ein Unwetter geben. Die jungen Felder mussten in den letzten Wochen bewässert werden, um nicht zu verdorren. Und unsere Zisternen warteten dringend darauf, aufgefüllt zu werden. Ebenso drohten die Sommerweiden der Rinder und Pferde auszudörren. Das Gras nahm langsam die bräunliche Farbe des Bodens an. Die Sehnsucht nach Regen war mit jeder Faser spürbar.

Mein Blick verweilte an den aufgebauschten Wolkenformationen. Sie waren auch damals dort erschienen, als ich Frank das erste Mal hierherbrachte.

Ich zeigte ihm die riesige Ranch und spürte wie ich in seinem Ansehen stieg. Mein Großvater und mein Vater hatten sie aufgebaut. Mit unermüdlich harter Arbeit hatten sie ein Paradies geschaffen, und ihrer Familie Wohlstand beschert. Und ich arbeitete mit solange ich denken konnte. Eines Tages würde mir Diamond Valley allein gehören. Und fortan nannte mich Frank „seine Prinzessin“.

Damals, bei seinem ersten Besuch ritt ich mit ihm in einen entlegenen Teil unseres Besitzes, als diese Wolken am Horizont erschienen und ein heftiges Unwetter ankündigten. Er, der in Texas aufgewachsen war, kannte sich mit den Wolken hier nicht aus. Es überraschte ihn, schon nur eine halbe Stunde später vor dem starken Regen Schutz suchen zu müssen.

Dafür hatten wir überall auf unserer Ranch diese kleinen Schutzhütten eingerichtet, die mit den notwendigsten Dingen ausgestattet waren. Sie machten es möglich, notfalls auch für Tage in einem Unwetter Schutz und Unterkunft zu bekommen. Von diesem Wetter beeindruckt, nahm Frank brav auf der alten Holzbank vor dem Fenster Platz und sah dabei zu, wie der Regen einen undurchdringlichen Schleier über das Land legte.

Erst später, als es mir gelungen war, ihn davon zu überzeugen, dass mein Vater uns nicht überraschen würde, liebten wir uns in dem kleinen Hinterzimmer, das nur mit einem großen Doppelbett ausgestattet war.

Nur zwei Jahre danach hielt Frank Hoover, der wie ich Agrar- und Wirtschaftswissenschaften studierte, um meine Hand an. Im folgenden Sommer heirateten wir und er zog in das große weiße Ranchhaus ein, das jetzt vor dem schwarzen Unwetterhimmel wie eine weiße Perle leuchtete.

Ich erhob mich, die Erinnerungen abschüttelnd, wie die ersten Regentropfen, die ich im Nacken spürte. Die Regenschwaden am Horizont würden mich in wenigen Minuten erreichen. Ich beeilte mich, um das Haus trocken zu erreichen.

„Wo warst du?“, fragte Jack in strengem Tonfall, als ich ihm im Wohnzimmer begegnete. „Ich habe nach dir gerufen und keine Antwort erhalten.“

„Ich war draußen.“

Er quittierte meine Antwort mit einem Brummen. Mein Vater, der große Jack Springfield, mochte es nicht, wenn er nichtssagende Antworten erhielt. Doch er hatte einsehen müssen, dass ich erwachsen war. Ich musste vor ihm keine Rechenschaft ablegen. Manchmal wusste ich selbst nicht, was ich tat.

Wie heute. Den ganzen Nachmittag hatte ich darauf verwendet, auf der Wiese zu liegen, in den Himmel zu träumen und die Vergangenheit zu zelebrieren. Frank.

In dem ersten Jahr nach seinem Tod war ich fast vor Trauer vergangen. Auf der Ranch arbeitete ich nicht mit und sie hätte nicht bestehen können, wäre Jack, den ich nur selten Vater oder Dad nannte, nicht in seinem Alter noch so rüstig gewesen. Er und Aiden schafften es gemeinsam, den Ranchbetrieb aufrecht zu erhalten. So hatte sie meine Unfähigkeit mitzuarbeiten verkraftet.

Eines Tages suchte Jack mich in meinem Zimmer auf und sah mich lange an.

„Ich denke, du hast nun genug geweint, Jacklyn! Es ist an der Zeit, dein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Und wenn du das nicht schaffst, müssen wir darüber nachdenken, ob wir die Ranch nicht direkt an Aiden verkaufen, denn ich schaffe das nicht mehr allein. Es wäre wirklich angebracht, du würdest dich jetzt zusammenreißen. Ehrlich!“

Diamond Valley an Aiden abzutreten, war ein Gedanke, der mich um Fassung ringen ließ. Das würde nicht passieren. Nicht, weil ich Aiden nicht gönnte, Besitzer einer Ranch zu werden, aber diese Ranch gehörte doch mir. Ich war Diamond Valley! Nicht Aiden. Jacks Argumentation brachte mich zur Besinnung und ich verbrachte den Rest der Nacht trauernd und fasste den Beschluss, nun der Trauer ein Ende zu setzen.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Prescott und änderte auf dem Amt meinen Namen. Ich besann mich auf meine Wurzeln, kehrte zu ihnen zurück. Diamond Valley hatte schon immer den Springfields gehört und nicht einem Fremden aus Texas, dessen Namen ich bei unserer Eheschließung angenommen hatte.

Als die Arbeiter sich zum zweiten Frühstück trafen, verkündete ich meine Rückkehr ins Ranchgeschehen als Jacklyn Springfield. Unsere Mitarbeiter fassten das wohlwollend auf. Aiden lächelte zu meiner Ankündigung. Ich wusste, seine Freude war ehrlich.

Unsere Cowboys respektierten Jacks Entscheidung, Frank zu seiner rechten Hand zu erklären, aber er stammte nicht von hier. Jack hatte Franks Qualitäten schon erkannt, als er das erste Mal auf die Ranch kam. Und es freute ihn zu sehen, wie glücklich ich mit ihm war. Unsere Leute, einschließlich Aiden hatten mit dem gleichen Respekt und Arbeitseifer für Frank gearbeitet, wie zuvor für Jack allein. Dennoch blieb er ein Fremder, der in unsere Welt eindrang. Doch das wusste ich erst heute. Damals genoss er meine volle Bewunderung.

Ich übernahm während meiner Ehe immer mehr die Rolle meines Vaters, der sich langsam aus dem Geschäftsleben zurückziehen wollte. Das gelang ihm in den letzten fünf Jahren fast vollständig. Bis zu dem Ereignis, welches ich immer noch als ein Unglück bezeichnete. Doch es gab Menschen, die unterstellten mir eine gewisse Mitschuld an Franks Unfall.

Ich starrte aus dem Fenster, Richtung Osten, und war froh, dass Jack und sein Vater, der ebenfalls Jack hieß, unser Haus mit dieser überdachten Loggia ausgestattet hatten. Sie verschaffte uns Schutz vor dem Regen für unsere Fenster.

In feinen Streifen peitschte der Regen übers Land. Und ich wusste, die Rinder suchten jetzt Schutz bei den Unterständen. Oder unter den Bäumen, die in kleinen Gruppen überall auf den Weiden standen. Gaben sie bei Hitze Schatten und Schutz vor der sengenden Sonne, schützten sie jetzt vor dem Regen und Sturm. Als Kind hatte ich mir Sorgen um die Tiere gemacht, wenn es ein Unwetter gab. Und einmal zog Großvater Jack mir Regenkleidung an, nahm mich bei der Hand und brachte mich nach draußen auf eine der Weiden in der Nähe des Hauses. Als ich dort sah, wie die Tiere dichtgedrängt unter einem Unterstand aus Holz Schutz gefunden hatten, ging es mir besser. Ich lernte zu der Zeit schon viel über die Tiere und die Bewirtschaftung unserer Ranch. Es war eher mein Großvater gewesen, der mich mitnahm und mir zeigte, was wichtig war. Er erklärte mir, was ich wissen musste, um später die Ranch leiten zu können. Diese Dinge speicherte ich alle in meinem Kopf. Als ich dann mein Studium in Chicago begann, war mir vieles schon aus der Praxis bekannt. Und die zugehörige Theorie zu lernen, fiel mir nicht schwer.

Dort lernte ich Frank kennen. Er hielt mich wohl für ein Mädchen, das zwar auf dem Land aufgewachsen war, aber Traktoren nur vom Ansehen her kannte. Einmal fragte er mich, was ich nach meinem Studium mit meinem Wissen anfangen und wo ich es einsetzen würde. Ich lächelte nur und sagte ihm, ich träume von einer Ranch in Arizona. Sicher vergaß ich dabei zu erwähnen, dass es diese Ranch längst gab. Und er nahm an, ich wolle dazu erst ein Stück Land kaufen. Ach, mein lieber Frank. Wir hatten danach einfach nicht mehr darüber gesprochen. Bis zu diesem Tag, als er mich das erste Mal zu Hause besuchte.

„Endlich ist der Regen da! Wurde auch Zeit!“ Mit seinen Worten holte Jack mich in die Gegenwart zurück. Ich wandte mich nicht zu ihm um, weil er sich auch so meiner Aufmerksamkeit bewusst war.

„Hoffentlich zerstört er nicht den jungen Weizen.“

Die Saat war gerade erst zart gewachsen und wir hatten es vor zwei Jahren erleben müssen, als in dem Sommer, in dem Frank starb, ein Unwetter mit Sturm und Starkregen, fast ein Drittel unserer Ernte zerstörte.

Jack trat neben mich, schüttelte bedächtig den Kopf und nahm einen Zug aus seiner Pfeife. Ich liebte den süßlichen Geruch seines Tabaks. Erinnerte er mich an meine Kindheit. Die langen Winterabende, die wir am Kamin verbrachten und Großvaters Geschichten lauschten, Jack Junior mit einem Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte und ich mit großen Augen, die ich oft mühsam offen hielt, damit niemand merkte, wie müde ich war.

„Ich denke, so schlimm wird es dieses Mal nicht werden. Kannst du morgen früh zur Bank fahren?“

„Was gibt es zu erledigen?“ Meine Buchhaltungs-angelegenheiten waren vollständig durchgeführt.

„Ich habe da noch eine Rechnung offen. Aber das ist ein Spezialfall. Vielleicht sollte ich das doch lieber selbst klären.“

Er sog nachdenklich an seiner Pfeife und ich legte meine Stirn in Falten. Rechnungen, von denen ich nichts wusste, warfen Fragen bei mir auf. Aber wenn Jack nicht mehr dazu sagen wollte, würde er mir die Antwort schuldig bleiben. Also fragte ich nicht nach.

Ich hörte, wie sich die Haustür öffnete und schloss, erkannte Aiden am Schritt. So vertraut, wie mir auch seine ständige Anwesenheit war.

„Halleluja, es regnet. Und das nicht mal zu knapp!“

Er lachte und schüttelte die Regentropfen aus seinem langen schwarzen Haar.

„Ja, das alljährliche Aprilunwetter. Sind die Rohre zu den Zisternen in Ordnung?“

„Ja, Sir! Das haben wir letzte Woche alles überprüft.“

Jack nickte wohlwollend. Aiden war unser zuverlässigster Mitarbeiter. Er hatte immer den Blick für das Ganze und arbeitete mit viel Voraussicht. Wir schätzten das sehr.

„Sehr schön, mein Junge. Sehr schön.“

„Jacky, fährst du morgen in die Stadt?“

„Ja!“ „Ich fahre!“

Jack sprach es gleichzeitig mit mir aus. Mein Blick ruhte auf ihm. Warum wollte er diese Angelegenheit unbedingt selbst erledigen? Ich gab mich geschlagen und deutete mit der offenen Hand auf Jack.

„Er fährt!“

„Wir brauchen noch Dachrinnenmaterial. In der Personalunterkunft ist eine Rinne undicht und wir sollten Ersatzmaterial auf Lager legen.“

Jack plante einen Besuch bei Farmers Grocers ein, um das Material zu beschaffen.

Aiden sah mich an.

„Jacky, kontrollierst du dann morgen mit mir die Weiden?“

Ich nickte leicht. Mit Aiden die Weiden zu überprüfen, war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Wir waren gemeinsam hier aufgewachsen.

Seine Mutter Waleah, eine Indianerin, arbeitete schon früh für meinen Vater im Haushalt und Aidens Vater Michael, ein Ire, war schon bei meinem Großvater Cowboy gewesen. Aiden hatte das indianische Aussehen seiner Mutter geerbt und sie hatte ihm sehr viel über ihre Kultur vermittelt. Von seiner irischen Abstammung waren seine Fähigkeiten als Cowboy und Vorarbeiter übriggeblieben. Wer ihn nicht kannte, zählte ihn eher zu den Indianern, als seine irische Abstammung zu vermuten, da er sein pechschwarzes Haar lang trug, mit Stolz auf seinen Ursprung.

Waleah trug jetzt das Abendessen auf. Ich ging ihr dabei zur Hand. Es hatte sich seit Ewigkeiten eingebürgert, dass wir gemeinsam mit Waleah und Aiden unser Essen einnahmen. Und waren auf diese Art ein Stück zur Familie zusammengewachsen.

Aiden setzte sich auf den Platz mir gegenüber. Er war ein stiller Typ, der als Kind für jeden Streich zu haben war. Sein Einfallsreichtum kannte keine Grenzen. Mit dem Erwachsenwerden lehrte seine Mutter ihn die Vernunft. In ihrer Kultur war es wichtig, dass die jungen Männer mit zunehmender Reife auch lernten, weise Entscheidungen zu treffen. Aiden verfügte schon früh über ein Verantwortungsbewusstsein, das seinesgleichen suchen musste. Der Tod seines Vaters verwandelte ihn in einen ernsten jungen Mann, der sich selbst sehr gut kontrollieren konnte. Trotz allem verhielt er sich immer freundlich und gut gelaunt. Dass er mich mitnahm, um die Weiden zu kontrollieren, hatte den Sinn, mich von meinen deprimierenden Gedanken um Franks Tod abzuhalten. Jedenfalls vermutete ich das. Er hätte diese Arbeit auch mit jedem unserer Cowboys durchführen können.

Das erste Mal bat er mich um meine Begleitung, kurz nachdem der Unfall geschehen war. Damals folgte ich ihm wie ein Geist, ohne im Entferntesten etwas zu meiner Aufgabe beizusteuern. Ich sah nur die Orte, an denen ich mit Frank gewesen war und versuchte, mich an unsere Erlebnisse zu erinnern.

Aber Aiden schwieg zu meiner Untätigkeit. Seine Mutter hatte ihm viel über den Tod erklärt, als Michael starb. Damals hatten wir oft am Fluss gesessen und er hatte mir von diesen Dingen erzählt. Waleahs Ansichten über den Tod wichen stark von meinen ab. Sie war als Tochter eines Schamanen aufgewachsen, während mein Großvater mich christlich erzogen hatte, noch heute besuchten Jack und ich manchmal den Gottesdienst der Baptistenkirche in der Stadt.

Wenn wir Zäune kontrollierten sprach Aiden manchmal davon, was seine Mutter ihm vermittelt hatte. Ich schwieg dazu, diskutierte unsere Unterschiede nicht aus. Doch seine Stimme zu hören, war wie ein Streicheln meiner verletzten Seele. Weich und ruhig flossen die Worte dahin, und sein dunkler Tonfall brannte sich in mein Herz.

Es machte für mich keinen Unterschied, wo Frank jetzt nach seinem Tod verweilte, er war gegangen und somit nicht mehr bei mir. Und wie ich damit leben sollte, schien mir damals ein unlösbares Problem.

Ich fragte mich, ob der Schmerz darüber abends allein im Bett zu liegen jemals aufhören würde? Ich konnte mir kaum vorstellen, jemandem zu begegnen, der diese Lücke wieder füllte. Diesen Menschen gab es nicht, da war ich sicher. Frank fehlte mir so sehr. Es gab keine Stunde, in der ich nicht etwas bemerkte, was ich jetzt mit ihm besprochen oder getan hätte. Ich sehnte mich nach seinen Berührungen, seinen zärtlichen Worten und den Spielereien, die wir beide so geliebt hatten. Ja, ich vermisste ihn an jedem Tag mehrere hundert Male. Und dafür fand ich keine Lösung. Nur Tränen. Lange Zeit.

„Du isst nicht viel, Kind!“ Waleah unterbrach meine Gedankengänge. Jack und Aiden sprachen über die Ernte. Ich hatte ihnen nicht zugehört. Jetzt schaute ich Waleah an und rang mir ein Lächeln ab. Ich hatte kaum Hunger.

Stattdessen merkte ich, wie die Trauer immer mehr Raum in mir gewann. Und so traf ich meine Entscheidung, die ich häufig dann traf, wenn ich so empfand.

„Ich muss noch weg.“ Ich erhob mich und gab Jack einen versöhnlichen Kuss auf die Wange, verließ den Esstisch, ohne abzuwarten, ob er wissen wollte, wo ich hingehen würde.

In meinem Bad duschte ich, schminkte mich, steckte mir die Haare hoch, ging in mein Zimmer und zog mir die Kleidung an, die ich gerne an solchen Abenden trug.

Ich prüfte mein Aussehen in dem großen Standspiegel. Wenn ich mein blondes Haar hochsteckte, sah man die Locken besser, als wenn ich es offen trug. Ein prüfender Blick glitt über meine Figur. Die Arbeit hielt mich schlank. So konnte ich auf Diäten verzichten, um keinen Speck anzusetzen. Ich drehte mich etwas. Der schwarze Minirock saß wie angegossen, betonte meine Rundungen. Und die helle Westernbluse betonte die Rundungen meines Oberkörpers und meine schlanke Taille. Was ich sah, gefiel mir. Dennoch achtete ich darauf, nicht zu aufreizend gekleidet zu sein. Ich wollte nicht wirken, als wolle ich meinen Körper vermarkten. Nur die wichtigsten Stellen etwas betonen. Ich blieb an meinen blauen Augen hängen. Frank nannte sie immer Planeten. Ein Erbe meiner Mutter, vermutete ich. Jacks Augen waren grau und schmal. Mein Blick riss sich von mir selbst los und fiel auf die kleine weiße Tänzerin der Schmuckschatulle mit Spieluhr, die auf der Kommode neben dem Spiegel stand. Ich liebte diese Dose und griff nach ihr. Sie wog schwer in meiner Hand, gefüllt mit Erinnerungen an meine Kindheit. Verwaschene Erinnerungen, nicht ganz klar. Durch meine Berührung wurde ein Zahnrad in ihrem Inneren in Gang gesetzt und die letzten, zögernden Töne von Greensleeves, der irischen Volksweise, erklangen. Waleahs Stimme erklang in meinem Kopf, wie sie glockenhell dieses Lied sang, während sie im Garten arbeitete. Ich drehte den kleinen Schlüssel, zog das Spielwerk auf und stellte sie auf die Kommode neben dem Spiegel an ihren Platz und nahm den Finger von dem Schlüssel. Die Töne der Melodie reihten sich aneinander. Ich hörte das Lachen von Kindern und Tränen traten mir in die Augen. Als ich den Deckel öffnete, auf dem die Tänzerin brav ihre Runden drehte, fand ich den kleinen Ring mit dem rosa Herzsteinchen, der als einziges Schmuckstück in der Dose lag. Ich hatte oft versucht, die Buchstaben zu entziffern, die in den Ring eingeprägt waren. Der erste war ein großes ‚M‘, danach war eine Lücke und ein ‚Y‘ konnte ich noch erkennen. Mehr nicht. Ich steckte ihn mir an den kleinen Finger, schob ihn bis zum ersten Gelenk. Für mehr war er zu klein. Dann legte ich ihn wieder zurück, schloss den Deckel und sah der Tänzerin zu, bis sie ihren Tanz immer langsamer werdend beendete. Die Töne verklangen. Eines Tages würde ich mir die Zeit nehmen und mit einer Lupe versuchen, die Buchstaben in dem Ring zu entziffern. Den Gedanken hatte ich schon oft gefasst, aber immer kam etwas dazwischen und es geriet in Vergessenheit. Nach einem letzten Blick in den Spiegel, der letzten Versicherung, nicht zu aufreizend gekleidet zu sein, verließ ich mit dem Autoschlüssel in der Hand mein Zimmer.

Der Regen hatte nachgelassen, als ich mein rotes Chrysler Cabrio aus der Scheune fuhr und das Dach schloss. Im Rückspiegel entdeckte ich Aiden, der mit verschränkten Armen in der Tür zum Pferdestall stand und in meine Richtung sah. Sein Gesicht war ernst. Was bewegte meinen Freund, der für mich mehr wie ein Bruder war, solange, wie ich ihn schon kannte? Ich fuhr los, wischte Aidens Blick aus meinen Gedanken fort.

Die umliegenden Städte Prescott, Sedona oder Flagstaff lagen mir zu nahe an der Ranch. Zu viele Menschen kannten mich dort. Mir stand der Sinn nach Tanzen, vielleicht auch nach etwas mehr, wenn es sich ergab. Das wollte ich nicht mit den Menschen meines Umfeldes teilen, die in mir immer noch die trauernde Witwe sahen. Also fuhr ich direkt auf die Interstate 17 in Richtung Phoenix und erreichte nach über einer Stunde Fahrt die Großstadt. In der 7th Avenue parkte ich meinen Wagen auf dem Parkplatz der Bluesbar „Char’s has the blues“. Ihr Ruf, einen Hauch von Chicago nach Phoenix zu bringen, hielt, was er versprach. Ich erinnerte mich gerne an Chicago und liebte die Atmosphäre in dieser Bar. Auch hier in Phoenix regnete es und das ließ den Abend noch dunkler erscheinen, als er es gemeinhin um acht Uhr abends war.

Ein Mann, der sicher die Fünfzig schon überschritten hatte, erreichte gleichzeitig mit mir die Tür und öffnete sie, um mich mit einer galanten Handbewegung zuerst hereinzubitten. Ich lächelte ihn dankbar an, wandte mich aber im Inneren der Bar möglichst schnell von ihm ab, damit er nicht auf falsche Gedanken kam. Älteren Herren gewährte ich höchstens einen Tanz. Und im Übrigen suchte ich nach Männern, die kaum älter als ich waren. Nach einem kurzen Blick zur Orientierung ließ ich mich auf einem leeren Hocker an der Bar nieder. Rick, der Barkeeper zögerte nicht lang und stellte mir meinen obligatorischen „Sex on the Beach“ auf den Tresen.

„Guten Abend, Miss King.“

Ich lächelte dankbar, als er mich mit meinen Decknamen ansprach, und nahm einen kleinen Schluck durch den Strohhalm.

Hier konnte ich meine Erinnerungen und den Schmerz für kurze Zeit hinter mir lassen und die therapeutischen Qualitäten der Atmosphäre dieser Bar genießen. Die Musik, nach der getanzt wurde, das Stimmengewirr, die Gerüche von vielen Menschen, Parfüm, Rasierwasser, Rauch und Alkohol. Und die Fröhlichkeit, die nun auch bei mir überhand gewann. Des Lebens Leichtigkeit gaukelten die Menschen sich hier vor, jeder schien etwas finden zu wollen. Abwechslung oder Vergessen.

Ich lächelte und wandte ich mich dem Raum zu, meine typische Haltung einnehmend. Ich war eine gelangweilte junge Frau, allein hier und wollte mich amüsieren. Oft genug hatte ich diese Position vor dem Spiegel geübt. Seitlich mit einem Arm auf dem Tresen aufgestützt, mein hübschestes Lächeln aufgesetzt. Der andere Arm lag locker auf meinem Oberschenkel und schlug sanft den Takt der Musik mit. Den einen meiner mit Ankleboots beschuhten Füße auf dem Boden verankert, den anderen lässig auf der Fußleiste des Hockers abgestellt.

So beobachtete ich die Szene, mich ab und zu meinem Cocktail zuwendend. Ich erspähte einen Mann, der mir gefiel und flirtete ihn zaghaft an. Nur mit Blicken, die von ihm soeben erhascht werden sollten. Ich hatte gut geprüft, ob er auch wirklich allein da war. Männer in einer Gruppe ließ ich aus. Sie bargen zu viele Gefahren. Und in weiblicher Begleitung waren sie tabu.

Er reagierte auf meinen Blick und kam jetzt langsam zu mir herüber. Seine Augen ruhten abschätzend auf mir und ich spürte dieses nervöse Kribbeln im Bauch. Er war groß und schlank, trug eine zerrissene Dieseljeans und ein schwarzes Hemd mit aufwendiger Stickerei auf seiner Brust. Seine Haare glänzten schwarz wie die Nacht und seine dunkelbraunen Augen fesselten meine. Ich nahm ihn in die engere Wahl und wandte mich kurz meinem Drink zu. Dann erhaschte ich den Anschluss an seinen Blick.

„Ma‘am!“ Er nickte mir kurz grüßend zu und setzte sich auf den Hocker neben mir, der gerade passend frei geworden war. Der tiefe Klang seiner Stimme ging mir unter die Haut.

„Noch ein Bier, bitte.“

„Gerne, Mister.“

Rick reichte dem Mann sein Bier.

„Mein Name ist David. Und Sie scheinen Langeweile zu haben.“ Er hob sein Glas kurz grüßend in meine Richtung.

Ich schenkte ihm ein Lächeln und hob mein Glas ebenfalls, um mit ihm anzustoßen.

„Nun, gerade scheint sich das Blatt für mich zu wenden.“

Er trank einen Schluck und ließ die Zunge über seine schmalen Lippen gleiten, um den Schaum zu entfernen.

„Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, er stellte sein Glas auf den Tresen, „aber ich könnte mir vorstellen, Sie auf die Tanzfläche zu entführen.“

Sein Lächeln war charmant. Ich prüfte seine Körpersprache. Feine, filigrane Hände, die gerade und schlank waren, die Finger nicht zu lang und sehr gepflegt. Seine entspannte Haltung spiegelte wider, dass er nichts zu verbergen hatte. Sein war Blick offen. Und seine Augen lächelten mit.

„Gern“, antworte ich deshalb und stellte ebenfalls mein Glas weg.

Die Hand, die er mir reichte fühlte sich warm und weich an. Sein Händedruck war fest, aber nicht zu fest oder gar besitzergreifend, und er führte mich auf das Parkett, schloss mich leicht in seine Arme. Auch dieses Mal nur so fest, wie es für den Tanz notwendig war. Er ging es langsam an. Das gefiel mir.

Genauso hatte es Frank damals bei unserer ersten Begegnung gemacht. In der Studentenbar verbrachte ich mit einigen Kommilitonen einen gemütlichen Abend, als er eintrat. Ich sah ihn und unsere Blicke begegneten sich. Seine Augen wanderten erst weiter, kehrten dann zurück zu mir und wir lächelten uns an. Dann war er auf mich zugekommen und reichte mir die Hand. Genauso wie David heute Abend. Ich konzentrierte mich wieder auf seine braunen Augen. Sie waren so sanft und tiefgründig.

„Was macht ein Mädchen wie du in solch einer Bar?“

Ich lachte nur.

„Willst du dich amüsieren? – Oder suchst du etwas Ernsthaftes?“

Mein Blick wurde bewusst ernst.

„Hey, Cowboy, das Leben ist ernsthaft genug. – Ich bin nur auf der Suche nach etwas Abwechslung von der Langeweile meiner Ranch.“

Er schmunzelte und nickte.

„Okay, Cowgirl, ich habe verstanden.“ Er zog mich jetzt etwas fester an sich. Und ich ließ es zu.

Wir tanzten fast den ganzen Abend, fanden einen gemeinsamen Rhythmus, schwammen auf den Klängen von Eric Clapton und Earl Hooker. Ich erfuhr, er kam aus Chicago und besuchte Phoenix geschäftlich. Zu Hause wartete niemand auf ihn und deswegen war er noch eine Nacht länger hiergeblieben. Sein Hotel…

Ich küsste ihn. Kurz. Brachte ihn damit zum Schweigen. Zumindest für eine halbe Minute. Das hatte ich mich damals bei Frank noch nicht getraut. Mir fehlte einfach die Erfahrung. Ich lauschte seiner angenehm weichen Stimme und ließ mich von ihr durch den Abend tragen. Wir sahen uns am nächsten Tag in einer Vorlesung über die ökologische Bewirtschaftung von Feldern in trockenen Regionen wieder. Ich hielt es für einen Hinweis des Schicksals, als er sich, ein paar Minuten zu spät, auf den Sitz neben mir gleiten ließ und mich anlächelte. Zuerst nur freundlich und dann freudig erstaunt.

Jetzt war ich erstaunt, wie weich und gefällig Davids Lippen waren. Wie leicht sie auf mich eingingen, erwartet hatten, was ich tat.

„Okay, ich habe verstanden!“, sagte er dicht an meinem Ohr und jagte mir einen Schauer über den Rücken. Mein Blick tauchte in den dunklen Samt seiner Augen ein. „Du willst dich nur amüsieren.“, sagte er dann leise und zog mich fester an sich. Ich hatte ihm ein Signal gegeben und er ging darauf ein. Ein warmes Gefühl durchflutete mich. Das war es, was ich haben wollte. Diese Wärme, diese Nähe eines attraktiven Mannes spüren. Etwas, was mir sehr fehlte, seit Frank… - Nein! Nur nicht mehr an Frank denken, jetzt. Ich konzentrierte mich auf die braunen Augen, die im Moment versuchten, meine zu ergründen. Dunkel und unergründlich erschienen sie mir. Ich blendete die Vergangenheit aus und küsste ihn noch einmal, während wir uns in einen engen Blues fallen ließen.

„Lass uns gehen!“ Er forderte nach einer Weile und seine Stimme klang rau. Ich senkte den Kopf und sah ihn von unten herauf an.

„Sicher?“

Er nickte. „Absolut sicher!“

Sein Hotel befand sich in der Nähe. Auf dem Weg dorthin nutzten wir jede Nische der Häuserfluchten, um wilde Küsse auszutauschen. Sie ließen nur schwach erahnen, was uns erwartete.

David öffnete seine Zimmertür und kaum hatte sie sich hinter uns geschlossen, begann er fast schon hektisch, mich zu entkleiden.

„Stopp, mein Lieber!“ Ich fasste seine Handgelenke und schob ihn etwas zurück. „Ich mag es, wenn wir es langsam angehen.“

Er holte tief Luft und warf einen verzweifelten Blick zur Decke, bevor das Lächeln in sein Gesicht zurückkehrte. Dann küsste er meine Hände.

„Okay, Baby, entschuldige bitte, aber du bist so heiß, dass ich glatt meinen Anstand vergessen habe.“

Ich lächelte ihn an. „Schon okay. Lass mich für einen Moment ins Bad, ja?“

Wenn er jetzt keine Abwechslung bekam, war mein Abend in zehn Minuten zu Ende und danach stand mir nicht der Sinn. Ich küsste ihn zur Entschädigung und schubste ihn dann sanft weg und begab mich in das kleine Bad und schloss die Tür hinter mir.

Innen atmete ich erst tief durch. Mein Blick begegnete mir im Spiegel. Ich wich ihm nicht aus. Ich konnte mir noch in die Augen schauen, auch wenn das, was ich hier gerade tat, vielleicht verwerflich war. Zumindest würde mein Vater das so bezeichnen, wenn er es wüsste. Aber ich musste für einen Moment lang das Gefühl haben, zu leben, begehrenswert zu sein. Eine Anerkennung, die ich auf der Ranch nicht bekam, seit Frank… Nach seinem Tod hatte ich versucht, mir diese Bestätigung durch meine Ausflüge nach Phoenix zu verschaffen. Und manchmal endete es wie heute, in diesen Hotelzimmern, mit den Davids, die die Stadt mir bot. Nicht immer, nicht jedes Mal. Aber heute.

Mit kaltem Wasser kühlte ich mir die Handgelenke. Dann kontrollierte ich mein Make-Up und hoffte, dass David sich jetzt etwas entspannt hatte. Ich öffnete an meiner Bluse einen Knopf mehr und schob meinen kurzen Stretch-Rock ein wenig höher, zog meine Boots aus. Dann verließ ich das Bad.

Er telefonierte. Er gab mir ein kurzes Zeichen, aber ich war schon dabei, meine Schuhe wieder anzuziehen. Und er verstand mein Signal sofort.

„Hörzu, wir müssen das morgen klären. Ich habe noch einen Termin und muss jetzt Schluss machen!“, erklärte er der Gegenseite.

Ich hatte die Tür schon erreicht und öffnete sie einen Spalt, als er sie von hinten wieder zudrückte.

„Hey! Du wirst doch nicht so ungeduldig sein.“ Er lehnte jetzt auch den zweiten Arm gegen die Tür und schloss mich damit zwischen ihnen ein. Sein fragender Blick traf mich. „Oder magst du nicht mehr?“

„Ich dachte, du hättest das Interesse verloren.“

Er lächelte und küsste mich leicht am Hals. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut. Fühlte das leichte Prickeln auf meinem Körper, das sich ausbreitete, je öfter seine Lippen ihn berührten.

„Wie könnte ich bei einer so schönen Frau das Interesse verlieren? – Ich schalte mein Telefon jetzt aus. – Keine Störung mehr, okay?“

„Okay.“ Ich legte meine Arme um seinen Hals und ließ mich in einen langen Kuss fallen. Ich wollte meine Boots abstreifen. Doch er drehte mich leicht herum und stieß mich sanft Richtung Bett.

„Lass sie ruhig an. Finde ich besser!“

Er zog mich an sich. Sein Kuss war von Verlangen geprägt und er presste meinen Unterleib gegen seinen. Ich spürte seine Erregung und schloss für einen Moment die Augen, um zu genießen, wie sie sich auf meinen Körper übertrug. Ich atmete tief ein.

„Zieh mich bitte aus!“, befahl er leise. „Aber langsam!“ Seine höfliche Art gefiel mir und ich gehorchte. Langsam öffnete ich einen Knopf nach dem Anderen seines Hemdes. Ich erhaschte einen Blick auf sein Sixpack, das Tattoo auf der Brust. Ich ließ meine Finger zart darüber gleiten, malte die Schrift nach. Unsere Blicke verschlangen einander. Er küsste mich, wir ließen uns fallen. Ja, ich wollte diesen Körper, spürte seine Muskeln nach, als ich das Hemd über seine Schultern abstreifte und dabei meine Hände über seine Oberarme gleiten ließ. Ich wollte diesen Mann, jetzt!

Es dämmerte bereits, als ich mich vorsichtig aus seinen Armen befreite. Für einen Moment verweilte mein Blick an seinen gepflegten Händen. Ich dachte daran, wie sie in der Nacht weich und feinfühlig meinen Körper erforscht hatten. Leise raffte ich meine Sachen zusammen, sah die Visitenkarte auf dem Nachtschrank liegen, griff danach und schlich mich ins Bad. Lauschte kurz seinen regelmäßigen Atemzügen. Um keinen Preis der Welt wollte ich ihn wecken. Kein Abschied, keine leeren Versprechungen von einem möglichen Wiedersehen. Auch wenn mir die Nacht gefallen hatte, ich wollte ihn nicht noch einmal treffen.

Wenig später zog ich vorsichtig die Tür seines Hotelzimmers ins Schloss, hoffend, danach von innen kein Geräusch zu hören. Erst als ich auf der Straße vom kühlen Nachtwind umfangen wurde, atmete ich auf. Leichten Schrittes lief ich zum Parkplatz des ‚Char‘s‘ zurück, um nach Hause zu fahren.

David war Vergangenheit. Ich erreichte meinen Wagen.

„Hallo Schönheit!“

Vor Schreck fiel mir der Autoschlüssel aus der Hand, gerade als ich ihn ins Schloss der Fahrertür stecken wollte. Ich wandte mich langsam um. Diese Stimme kannte ich. Sie gehörte zu dem halslosen Kopf mit schütterem Haar. Zu den rötlichen Wangen, die auf einen erhöhten Blutdruck hinwiesen und den wässrigen blassblauen Augen. Dem Angestellten unserer Bank in Prescott. Ich lächelte verlegen.

„Hallo.“

„Na? Eine gute Nacht gehabt?“

„Kann ich helfen?“ Ich hatte ihn in unserer Bank nur kurz gesehen und gehofft, dass er mich nicht entdeckt hatte. An seinen Namen erinnerte ich mich gerade nicht, aber er war einer der Männer gewesen, die ich an einem dieser Abende im Char‘s getroffen hatte und abblitzen ließ. Er glich einem Frosch. Und ich hatte nicht einmal mit ihm getanzt. Warum lauerte er mir jetzt hier auf?

„Ich bin froh, dass ich dich noch mal hier treffe. Ich dachte schon, ich würde dich nie wiedersehen“, sagte er.

Ich lachte leicht.

„Ich bin immer wieder einmal hier.“

„Ja, Springfield, das weiß ich inzwischen auch.“

Das er meinen Namen kannte, traf mich! Er wusste, wer ich war! Das erschreckte mich jetzt wirklich.

„Ich weiß nicht, wovon du redest!“, sagte ich, bemüht, ihn meine Verunsicherung nicht spüren zu lassen. Ohne Erfolg.

„Es erschreckt dich wohl, erkannt worden zu sein, Lady, oder?“

„Ich weiß wirklich nicht, was meinst du?“ Ich hob jetzt meinen Schlüssel auf und hatte für einen Moment den Boden unter den Füßen wiedergewonnen. Als ich mich aufrichtete, stand er so dicht vor mir, dass ich den Alkohol des gesamten Abends in seinem Atem identifizieren konnte. Mir wurde übel.

„Du bist Jacklyn Springfield. Die Tochter von Jack Springfield und du bumst dich hier durch die Landschaft.“

Er grinste jetzt widerlich.

„Und ich weiß das!“ Sein Mund zog sich noch mehr in die Breite und er kam noch näher.

„Was willst du? Soll ich dir einen blasen, damit du es für dich behältst?“ Sarkasmus war seit geraumer Zeit mein Begleiter. Und für einen kurzen Moment ließ ich mich auf sein verbales Niveau hinab. Doch er gehörte zu den Menschen, die das nicht bemerkten.

„Kleine, damit kommst du mir nicht davon. Ich habe Großes mit dir vor. Was Jack Springfield wohl zu deinen Eskapaden hier sagen würde?“

„Wenn du nichts dagegen hast, fahre ich jetzt nach Hause.“ Ich setzte mein zauberhaftestes Lächeln auf, das ich unter diesen Umständen hervorbringen konnte und öffnete die Tür meines Wagens. Er kannte meinen Vater. Ich wollte einsteigen, wegfahren, verschwinden. Mich in Luft auflösen. Doch mit einem schnellen Stoß drückte er meine Autotür wieder zu.

„Sorry Baby, ich bin noch nicht fertig mit dir!“ Er drängte sein rechtes Knie zwischen meine Schenkel und berührte mich damit im Schritt. Ich konnte nicht weiter zurückweichen.

„Gibt es Probleme, Jacky?“

Ich atmete auf und befreite mich von diesem Mann, der durch die Ansprache Davids für einen Moment abgelenkt war und mir etwas Platz ließ. David stand hinter Ted. Ich fragte mich, wo er jetzt herkam? Es war mir egal. Er war da. Das zählte allein.

„Ich denke, Ted wollte gerade gehen. Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Mir war der Name gerade wieder eingefallen. Ted Middleton.

„Wir sind noch nicht fertig miteinander!“, zischte Ted mir zu und zog sich zurück.

„Ich dachte, du könntest mir deine Telefonnummer geben, falls ich noch mal in die Stadt komme.“ David kam näher heran und stand jetzt unmittelbar neben Ted, musterte in abschätzend.

„Vergiss es, Junge. Sie betreibt es fast wie eine Professionelle.“ Ted lachte laut und übertrieben und mir schossen die Tränen in die Augen. Was wusste er schon. Zwei oder drei One-Night-Stands mochten es vielleicht gewesen sein, zu denen ich mich hatte hinreißen lassen. Dass er mich eine Hure nannte traf mich.

David sah mich an. „Jacky?“

„Tut mir leid. Ich bin müde und muss jetzt gehen.“

Ich stieg in meinen Wagen und fuhr weg. Ted würde schon dafür sorgen, dass David erfuhr wer und was ich war. Es interessierte mich im Augenblick nicht. Ich wollte David nicht wiedersehen, und Ted erst Recht nicht. Der Ärger, erkannt worden zu sein, beschäftigte mich. Wenn er meinem Vater berichtete, was auch immer er zu wissen glaubte, erwartete mich zu Hause eine hitzige Diskussion. Ich würde mich darauf einstellen. Ich war erwachsen und musste mich für mein Sexualleben nicht vor meinem Vater rechtfertigen. – Ich fühlte mich, als würde mein Wagen selbst den Weg durch die Stadt auf die Interstate suchen.

Kapitel 2

„Tut mir leid! Ich bin zu spät.“

Ich hatte das gemeinsame Frühstück verschlafen und Aiden grinste mich vielsagend an. Für einen Moment tauchte sein ernstes Gesicht von gestern wieder vor meinem geistigen Auge auf.

„Das war mir schon klar, als du gestern Abend wegfuhrst. – Was machst du dann eigentlich so?“ Seine Frage klang eine Spur zu beiläufig.

„Ich denke, du willst das nicht wissen!“

Ich wich seinem prüfenden Blick aus. Aiden war für mich mehr ein Freund, als nur der Mitarbeiter. Fast schon ein Bruder, aber die Details meiner Nächte in Phoenix musste er nicht kennen. Sie gingen ihn nichts an.

Damit beendete ich das Gespräch um die vergangene Nacht. Ted Middleton nistete sich in meinem Kopf ein und versetzte mich in schlechte Laune. Ich konnte ihn schlecht einschätzen. Wie würde er mit seinen Informationen umgehen? Ich fragte mich, ob ich seine Drohung ernst nehmen sollte. Doch was konnte ich dagegen unternehmen? Mir fiel ein, dass Jack heute Morgen zur Bank fahren wollte.

„Ich dachte mir, wir beginnen auf den Nordweiden.“

Ich stieg auf mein Pferd und kehrte gedanklich zu meiner Aufgabe zurück. Es war mir gleich, ob wir im Norden oder im Süden beginnen würden. Aiden war für den Überblick verantwortlich.

„Finde ich gut“, sagte ich, damit er meine Gleichgültigkeit nicht wahrnahm.

Er lenkte sein Pferd in diese Richtung und ich folgte ihm gedankenversunken.

Die Nordweide, jene Weide, die ich damals Frank als erste gezeigt hatte, als uns das Unwetter überraschte. Mein Blick wanderte an den Himmel. Einige kleine Wattewölkchen ließen das Unwetter von gestern vergessen. Ich wusste, dass nun die ständige Hitze unseres Wüstenstaates Überhand nehmen würde. Wenn er, also Frank, nun von einer dieser Wolken uns beobachtete, was würde er über meine Nächte in Phoenix denken?

„Denkst du noch oft an ihn?“

„Was?“ Ich löste meinen Blick nur zögernd von dem endlosen Blau und sah Aiden an.

„Ich meine Frank. Denkst du noch oft an ihn?“

„Ich vermisse ihn sehr.“

„Denkst du nicht manchmal über eine neue Beziehung nach?“

Ich musste lachen. Mit wem sollte ich denn hier eine neue Beziehung eingehen? Mir war nicht ein Mann bekannt, der als Partner für mich in Frage kommen würde. Hier lebten nur Cowboys. Und wieso fragte Aiden mich danach?

„Nein.“

„Möchtest du denn den Rest deines Lebens allein sein?“

„Nein, möchte ich nicht, aber soll ich mich deswegen dem Erstbesten an den Hals werfen? Männer wie Frank Hoover regnet es nicht vom Himmel.“ Ich lachte unsicher.

„Na ja“, Aiden blieb ernst, „vielleicht ist dein Anspruch ja auch zu hoch.“

„Meinst du denn nicht, ich hätte den Besten verdient?“

Er lächelte mich an. Aber ich glaubte, in seinen Augen einen Funken Spott erkennen zu können.

„Ja, aber das Beste ist nicht immer offensichtlich. Man muss es auch erkennen wollen.“

„Lass mich raten: Du zitierst gerade eine alte Indianische Weisheit.“

Er deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf mich.

„Gut erkannt, Schülerin!“

„Arroganter Mensch!“ Er wusste genau, dass ich es nicht mochte, wenn er den Lehrer spielte und mich als seine Schülerin betrachtete. Ich glaubte mich ihm wissensmäßig überlegen. Ich hielt ihn nicht etwa für dumm, absolut nicht. Aber ich war diejenige, die studiert und auf meinen Reisen mit Frank die Welt gesehen hatte. Nicht er. Er war über Arizona noch nicht hinausgekommen.

Er lachte nur über meine Beschimpfung und das wiederum liebte ich an ihm. Bei ihm konnte ich ehrlich sein und sagen was ich dachte. Es gab nicht viel, was er mir übelnahm. Allerdings musste ich von ihm genauso viel einstecken. In dem Punkt waren wir uns ebenbürtig.

„Mach jetzt deine Arbeit, Cowboy!“, flachste ich ihn an. Und auch das nahm er mir nicht übel. Dafür kannte er mich zu gut.

Wir brauchten den ganzen Tag, um alle Zäune unseres Besitzes abzureiten und die Grenzzäune auf ihre Unversehrtheit zu überprüfen.

Und erst beim Abendessen begegnete ich Jack für heute zum ersten Mal.

„Hallo Jack!“, begrüßte ich ihn locker.

Aber er brummte nur. Offenbar hatte er schlechte Laune, doch ich beschloss, mich davon nicht beeindrucken zu lassen.

„Bei Gilyard Trees muss der Zaun ausgebessert werden. Die wilden Mustangs können ungehindert in unser Gelände eindringen. Aiden sagte, er hätte dort schon häufig Herden gesehen.“

Aiden nickte bestätigend.

„Hm.“

„Meinst du, es würde Sinn machen, einige von ihnen zu fangen und mit ihnen eine Zucht aufzubauen?“

Wieder nur brummte Jack als Antwort.

„Jack? Alles okay?“

Er hob den Kopf und sah mich jetzt an. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Sagt dir der Name Ted Middleton etwas, Jacklyn?“

Ich schluckte. Ted Middleton in Kombination mit meinem vollständigen Namen, war eine ernste Ansage. Es klang nach Ärger. Ich bemühte mich, so unbedarft wie möglich zu tun.

„Habe ihn schon mal getroffen. Warum?“

„Er machte heute so eine seltsame Bemerkung. – Ich meine, er ist ja nur so ein Speichellecker, aber als er die Unterlagen in die Besprechung mit Mister Withaker reichte, bestellte er mir schöne Grüße an dich. Das Grinsen in seinem Gesicht dabei gefiel mir überhaupt nicht.“

Jack beobachtete mich jetzt eingehend. „Als ich ihm später in der Bank begegnete, raunte er mir etwas über deine Rocklänge zu, die er dir, wäre er an meiner Stelle, verbieten würde.“

Er hob etwas den Kopf, jedoch ohne mich aus seinem Blick zu entlassen.

„Kannst du mir sagen, was er damit meinte, Jacky?“

Ich zog die Schultern an und rang nach Worten.

„Ehrlich gesagt, erinnere ich mich kaum an die Begegnung mit ihm. Geschweige denn daran, was ich dabei für Kleidung trug.“

Seinem intensiven Blick vermochte ich nicht auszuweichen. Er hob etwas die Stimme.

„Jacklyn! Ich weiß deine nächtlichen Ausflüge nicht einzuordnen. Es geht mich ja auch nicht unbedingt etwas an, weil du erwachsen bist. Aber vielleicht denkst du doch mal darüber nach, wer und was du bist. Dieser, dieser Middleton benutzte das Wort Hure, oder so ähnlich. Ich weiß nicht, was er damit sagen wollte, aber du warst es, die zum Namen Springfield zurückgekehrt ist. Also berücksichtige das bitte bei dem, was du tust.“

Er erhob sich von seinem Stuhl und verließ das Esszimmer. Das hatte er noch nie getan. Jack blieb immer bis zum Schluss. Er war wohl über die Bemerkung von Ted Middleton wirklich verärgert.

Aiden wich meinem Blick aus und stocherte in seinem Essen herum. Seine Mutter nahm ihm abrupt den Teller weg.

„Wenn es dir nicht schmeckt, musst du es nicht essen!“, sie klang verärgert und ich wusste nicht, worüber sie sich ärgerte war.

Ich rückte meinen Stuhl zurück und nahm meinen Teller, um ihn in die Küche zu stellen.

„Tut mir Leid, Waleah. Gutes Essen, schlechte Stimmung. Nicht deine Schuld.“

Damit verließ ich das Esszimmer.

Hure! Middleton hatte sich tatsächlich die Frechheit herausgenommen und meinen Vater auf unsere Begegnung angesprochen. Nachdem ich das verarbeitet hatte, musste ich mir genau überlegen, wie ich darauf reagieren wollte. Ich ging in mein Zimmer. Dort war es mir selbst am weitgeöffneten Fenster zu stickig. Die Hitze des Frühjahres lag auf den Dächern der Gebäude. Deswegen fand mich wenig später bei den Pferdeställen wieder.

Princess schnaubte freudig, als sie mich erkannte. Ich streichelte ihr samtweiches Maul. Sie schnaubte wieder. Es klang wie eine Aufforderung, sie aus der Box zu befreien.

„Okay, Lady, wie du willst. Ich habe aber schlechte Laune.“

Sie schlug wild mit dem Kopf, als würde sie mich verstehen und meiner Meinung sein. Ich lächelte und tätschelte ihr den Hals.

Schon wenige Minuten später verließen wir den Hof und sobald wir die Paddocks hinter uns gelassen hatten, ließ ich ihr freien Lauf.

Das Schönste hier auf der Ranch war, diese Freiheit zu fühlen, wenn ich auf dem Rücken meines Pferdes dahinflog. Die gleichmäßigen Bewegungen meiner Stute zu spüren, die mich in einem sanften Rhythmus schaukelten, wie in einem großen, weiten Meer.

Ich löste die Zügel aus den Händen, ließ sie sinken, streckte die Arme weit aus. Ein Freudenschrei entglitt meinen Lippen. Ich war so frei. Frei, zu tun und zu lassen, was auch immer ich wollte. Und niemand, wirklich niemand, auch kein Ted Middleton, würde mir sagen können, was ich tun oder lassen sollte. Ich war frei und selbst die Berge konnten mich nicht einschränken.

Ich kam erst wieder zu mir, als Princess ihren Lauf verlangsamte. Sie ging in einen leichten Trab über und wechselte in den Schritt. Die Zügel aufnehmend suchte ich den Weg vor mir nach der Ursache ihrer Reaktion ab. Ihre Anspannung spürte ich durch meine Schenkel.

„Was ist los, meine Liebe?“

Sie tänzelte etwas und wollte nicht weitergehen.

„Was ist los?“, fragte ich noch einmal, als ich auch schon das Fauchen vor uns registrierte. Princess stieg auf die Hinterläufe und weil ich damit nicht gerechnet hatte, stürzte ich von meinem Pferd. Sehr unsanft landete ich auf dem Rücken, mitten auf dem harten Weg.

Für einen Moment raubte mir der Sturz die Sinne, während Princess immer noch wild mit den vorderen Hufen schlagend auf den Hinterläufen stand. Ich schaffte es soeben noch, zur Seite zu rollen, um nicht selbst von ihr getreten zu werden. Denn sie drehte jetzt um und galoppierte davon.

Ich erhob mich langsam und bewegte meine Gelenke durch. Das Fauchen hatte ich natürlich richtig eingeordnet. Meine linke Hand fuhr automatisch an meine rechte Hüfte, aber ich hatte mein Messer vor dem Abendessen abgelegt. Mit einem Pfiff versuchte ich meine Stute zu mir zurück zu locken, doch sie dachte nicht daran, auch nur einen Moment länger hier zu verweilen, als notwendig. Mit den Augen suchte ich nach einem Stock, den ich zur Abwehr benutzen konnte. Es war aussichtlos, weil es hier keine Bäume gab. Also griff ich nach einem größeren Stein. Das einzige, was mir zur Wehr blieb.

Wieder hörte ich das Knurren und Fauchen des Berglöwen, der mein Pferd so sehr erschreckt hatte. Und dann konnte ich ihn auch sehen. Geschmeidig bewegte er sich durch das hohe Gras der Weide zu meiner Linken. Dann trat er selbstbewusst auf den Weg. Unsere Augen fixierten sich. Dabei wusste ich nur zu gut, es war genau das, was ich nicht tun durfte. Aber ich war zu wütend, um darüber nachzudenken. Alle Warnungen, die Aiden und die Jacks mir beigebracht hatten, waren vergessen. Jetzt stand die Wildkatze nur da und starrte mich an. Und ich starrte sie an.

„Verzieh dich!“ Ich konnte genauso fauchen, wie dieses Tier. Und das Land hier gehörte mir. Und wegen dem Sturz taten mir jetzt meine Glieder weh. Das alles machte mich wütend.

„Hau ab!“ Ich schrie es laut aus mir heraus und die Raubkatze zuckte leicht zusammen. Aber an Rückzug dachte sie nicht. Ganz im Gegenteil, sie setzte zum Sprung an. Ich erkannte diese Haltung, wenn sie leicht zurück in die Beuge ging, um Schwung für den Absprung zu holen. Wusste genau um die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, wenn sie springen würde. Und sie würde springen.

Ich war verloren. Ohne Waffe war ich verloren. Regungslos verharrte ich, das Tier anstarrend. Sie hatte schon mehrmals Menschen angegriffen und wir jagten sie bereits seit einigen Wochen. Ohne Aussicht auf Erfolg. Ich war verloren. – Frank, dachte ich in diesem Moment, ich sehe dich jetzt wieder! Sie setzte zum Sprung an. Ich wich zur Seite und behielt sie fest im Blick, aber sie hatte meine Bewegung verfolgt und drehte noch im Sprung, als ein Schuss die tödliche Stille zwischen der Katze und mir zerriss. Der Berglöwe brach getroffen vor meinen Füßen zusammen und ich flog herum zu dem, der geschossen hatte. Atemlos.

Es war Aiden, der mit dem Gewehr im Anschlag hinter mir stand.

„Das war knapp!“ Er ging an mir vorbei, das Gewehr immer noch im Anschlag haltend, falls der Berglöwe noch einmal zucken würde. Ich sank auf die Knie. Und mir wurde bewusst, ich hatte soeben mit meinem Leben abgeschlossen. Als Aiden auch schon wieder auf mich zu kam und mir die Hand reichte, um mir auf die Beine zu helfen.

„Wo warst du nur mit deinen Gedanken? Dieser Ted Irgendwas scheint ja mit seiner Bemerkung was angerichtet zu haben.“

Ich starrte Aiden an. Wer dachte denn jetzt an Ted Irgendwas?

„Danke!“, murmelte ich nur.

„Schon gut. Eigentlich wollte ich mit dir reden, und nicht deinen Hintern retten.“