Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Sommer in Irland - Gisa Stoermer

Caren Ashleigh, eine junge englische Adlige, und der irische Musiker Eric Keane lernen sich in London bei einem Einkaufsbummel kennen. Vom ersten Augenblick an empfinden sie große Sympathie füreinander. Aus Sympathie wird schnell Verliebtsein. Als Erics Aufenthalt in der britischen Hauptstadt dem Ende zugeht, bittet er Caren, mit ihm in seine Heimat zu kommen. Kaum in Irland eingetroffen, steht Caren plötzlich und unerwartet Kian gegenüber, dem Mann, der einmal die Liebe ihres Lebens war, und der zu allem Unglück Erics bester Freund ist. Eric und Kian leben mit drei Freunden in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft zusammen in einem Haus im Westen Irlands. Von einer Sekunde auf die andere gerät Caren in einen Strudel von Emotionen und Ereignissen, die sie pausenlos in Atem halten. Ihr Herz schlägt plötzlich nicht nur für e i n e n Mann. Die Ankunft der schönen Engländerin bringt auch den Fünf-Männer-Haushalt ziemlich durcheinander. Die Hormone spielen verrückt. Jeder möchte die Zuneigung der jungen Frau gewinnen. Es kommt, wie es kommen muss. Plötzlich gibt es in dem Haus am Atlantik nicht nur Liebe und Zuneigung, sondern auch Verlangen, Eifersucht und Streit. Als Caren merkt, dass sie der Auslöser für die Missstimmung unter den Freunden ist, zieht sie die Konsequenzen. Sie verlässt Irland mit dem Wissen, dass nicht nur i h r Herz gebrochen ist. In der Abgeschiedenheit einer Kleinstadt in Cornwall findet sie nicht nur Ruhe und Frieden, sondern auch die Antworten auf nie gestellte Fragen. Und erst jetzt ist Caren in der Lage, auf ihr Herz zu hören und die für sie richtige Entscheidung zu treffen. *Ein Roman voller Liebe und Überraschungen. Mit einzigartigen Charakteren, tollen landschaftlichen Bildern und reichlich Gefühl. Ich würde am liebsten direkt nach Irland reisen, um näher in die beschriebene Welt einzutauchen ... *Wunderschöner Liebesroman, der nicht schwarz-weiß erzählt, sondern jede Handlung der einzelnen Figuren sofort begründet und erklärt. Durch die einzelnen Sichtweisen wird einem jede Figur sympathisch und man wird Teil dieser fünf Freunde und leidet und liebt mit Caren, der Hauptfigur, mit. Obwohl die Hauptliebesgeschichte mit vielen Verletzungen verbunden ist, kommt sie extrem tief und ehrlich rüber. Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem man die tiefe Liebe der Hauptpersonen so intensiv spürt und miterlebt. Sehr, sehr schön!

Meinungen über das E-Book Sommer in Irland - Gisa Stoermer

E-Book-Leseprobe Sommer in Irland - Gisa Stoermer

Caren Ashleigh, eine junge englische Adlige, und der irische Musiker Eric Keane lernen sich in London bei einem Einkaufsbummel kennen. Sie finden sich auf den ersten Blick sympathisch. Aus Sympathie wird schnell Verliebtsein. Als Erics Aufenthalt in der britischen Hauptstadt dem Ende zugeht, bittet er Caren, mit ihm in seine Heimat zu kommen. Kaum in Irland eingetroffen, steht Caren plötzlich und unerwartet Kian gegenüber, dem Mann, der einmal die Liebe ihres Lebens war, und der zu allem Unglück Erics bester Freund ist. Eric und Kian leben mit drei Freunden in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft zusammen in einem Haus im Westen Irlands. Von einer Sekunde auf die andere gerät Caren in einen Strudel von Emotionen und Ereignissen, die sie pausenlos in Atem halten. Ihr Herz schlägt plötzlich nicht mehr nur für einen Mann. Die Ankunft der schönen Engländerin bringt auch den Fünf-Männer-Haushalt ziemlich durcheinander. Die Hormone spielen verrückt. Jeder möchte die Zuneigung der jungen Frau gewinnen. Es kommt, wie es kommen muss. Plötzlich gibt es in dem Haus am Atlantik nicht nur Liebe und Zuneigung, sondern auch Verlangen, Eifersucht und Streit. Als Caren merkt, dass sie der Auslöser für die Missstimmung unter den fünf Freunden ist, zieht sie die Konsequenzen. Sie verlässt Irland mit dem Wissen, dass nicht nur ihr Herz gebrochen ist. In der Abgeschiedenheit einer Kleinstadt in Cornwall findet sie nicht nur Ruhe und Frieden, sondern auch die Antworten auf nie gestellte Fragen. Und erst jetzt ist Caren in der Lage, auf ihr Herz zu hören und die für sie richtige Entscheidung zu treffen.

Gisa Stoermer lebt in Niedersachsen. Die freie Autorin hat sich auf das Schreiben niveauvoller, romantischer Liebesgeschichten spezialisiert.

Ihre Romane sind als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.

Bisher erschienen:

Sommer in Irland

Traumfrau

Herzflimmern

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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1. Kapitel

Über dem Westen Irlands lag strahlender Sonnenschein. Die Temperaturen erreichten Werte, wie es sich für einen richtigen Sommer gehörte. Jedermann freute sich über das schöne Wetter, das nun schon beinahe zwei Wochen andauerte, auch wenn Felder und Wege staubtrocken waren und die Blumen in den Gärten die Köpfe hängen ließen. Bevor der nächste Regen kam, und der kam so sicher wie der Sankt Patrick’s Day, nutzten die Menschen die warmen Tage und lauen Abende für fröhliche Gartenpartys und Grillfeste mit Nachbarn und Freunden.

Ein silbergrauer Aston Martin fuhr in rasantem Tempo die einsame Küstenstraße entlang. Dabei zog er eine lange Staubfahne hinter sich her. Der Weg war dem Fahrer offensichtlich vertraut, denn er steuerte den Wagen sicher an den landestypischen niedrigen Steinmauern entlang, die rechts und links der engen, kurvigen Straße aufgeschichtet waren, und bremste nur hin und wieder, um einem der zahlreichen Schlaglöcher auszuweichen, die er wohl auch gut kannte. Die Straße war sehr schmal. Einem entgegenkommenden Fahrzeug bot sich kaum eine Ausweichmöglichkeit. Aber die Aussicht, in dieser Einöde auf einen weiteren waghalsigen Fahrer zu treffen, war relativ gering.

Das Motorengeräusch, das die in dieser Gegend üblicherweise herrschende Stille durchbrach, veranlasste eine Herde Schafe, ihre sympathisch einfältigen Gesichter zu heben, um den Störenfried in Augenschein zu nehmen. Neugierig sahen sie dem Sportwagen nach, bis er um die nächste Kurve verschwand. Dann war das saftige Grün der Weide wieder das Interessanteste, das ihnen der Tag zu bieten hatte.

Das Brummen des Motors hing noch eine Weile in der Luft. Dann hatte der Aston Martin sein Ziel erreicht. Die Straße endete vor einem schmiedeeisernen Tor, das die Durchfahrt durch eine hohe, mit Efeu bewachsene Mauer versperrte, die allem Anschein nach ein größeres Anwesen umgab.

»Geschafft«, sagte Eric zufrieden und lachte die junge Frau auf dem Beifahrersitz glücklich an. »Wir sind da. Hier bin ich zu Hause.«

Übermütig ließ er den Motor einige Male aufheulen. Dabei klopfte er ein wenig ungeduldig mit den Fingerspitzen auf das Lenkrad, als könne er mit dieser Geste das Tor dazu bringen, sich schneller zu öffnen. Die beiden Flügel bewegten sich jedoch ihrem Alter entsprechend sehr gemächlich zur Seite und gaben nach und nach den Blick auf eine mit alten Kastanienbäumen bestandene Allee frei. Sobald ausreichend Platz war, drängte sich der Wagen durch die Öffnung.

Nach wenigen Metern machte der Weg einen Bogen, und zwischen Bäumen und blühenden Rhododendronbüschen kam ein Haus in Sicht. Überall auf der Insel fand man diese prächtigen alten Herrenhäuser, die an die ehemalige Herrschaft des englischen Adels über Irland erinnerten. Viele von ihnen lagen in Ruinen, auf denen im Sommer die Touristen herumkletterten, andere waren liebevoll restauriert worden und befanden sich im Privatbesitz oder hatten einen neuen Verwendungszweck als First-Class-Hotels gefunden. Das Haus, auf das der Sportwagen zusteuerte, war in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden. Das langgestreckte zweistöckige Gebäude machte mit seinen hohen Sprossenfenstern, den Simsen und Erkern sowie den zahlreichen Schornsteinen auf dem Dach einen einnehmend guten ersten Eindruck auf den Betrachter. Es fügte sich hervorragend ein in das parkähnliche Grundstück mit seinen alten Bäumen, Sträuchern und gepflegten Rasenflächen. Weinlaub bedeckte einen Großteil der grauen Hausfassade. Zu beiden Seiten der breiten Steintreppe rankten rosa und weiße Kletterrosen bis fast unters Dach und verströmten einen lieblichen Duft, der die Gäste in Grantham House willkommen hieß.

Der Aston Martin nahm eine letzte Kurve, umfuhr schnittig eine ovale Blumenrabatte und stoppte schließlich auf dem mit schneeweißem Kies bedeckten Vorplatz des Hauses.

»Da sind wir«, sagte Eric noch einmal. Er nahm die Hand seiner Begleiterin und drückte einen Kuss darauf. »Ich kann es keine Minute länger aushalten, dich meinen Freunden vorzustellen. Seit Stunden freue ich mich auf ihre Gesichter.«

Die junge Frau sah sich das Ziel ihrer Reise interessiert an. Was sie sah, gefiel ihr. Trotz seiner lebhaften Schilderungen hatte sie sich Erics Zuhause nicht so schön vorgestellt. Das Haus, die vielen Rosen und die alten Bäume im Park weckten in ihr angenehme Erinnerungen an den Landsitz ihrer Großeltern, wo sie als Kind einige glückliche, unbeschwerte Ferien verbracht hatte.

»Es ist wunderschön. Es gefällt mir sehr. – Aber wo ist das Meer?«, fragte Caren leicht enttäuscht, während sie nach links und rechts schaute. Die Straße von Galway nach Clifden war zum großen Teil in nordwestlicher Richtung am Atlantik entlang verlaufen. Als sie einige Meilen hinter Claddaghduff in die schmale Straße eingebogen waren, die zum Haus führte, hatte sich die Himmelsrichtung jedoch geändert und das Meer war nicht mehr zu sehen gewesen. Auch jetzt, am Ziel, konnte Caren es nirgendwo sehen.

»Das Meer ist hinter dem Haus«, erklärte ihr Eric lächelnd. »Du kannst es von hier aus nicht sehen. Hab nur noch etwas Geduld, bitte. Lass uns zuerst meine Freunde begrüßen. Danach zeige ich dir alles. Natürlich auch den Atlantik.«

Mit einem Lächeln wandte Caren sich dem Mann an ihrer Seite zu. Erics Begeisterung, seine offen gezeigte Freude darüber, dass sie bei ihm war, vertrieb schnell ihre Bedenken, ob es richtig gewesen war, mit ihm nach Irland zu kommen. Sie hatte sich vor einigen Tagen entschieden, ihn in seine Heimat zu begleiten. Weil sie sich in ihn verliebt hatte. Weil sie ihn besser kennen lernen wollte. Und weil sie fort wollte aus London.

Erst wenige Tage bevor sie Eric kennen gelernt hatte, war Caren nach England zurückgekehrt. Leider waren mit ihrer Rückkehr auch die Erinnerungen wieder da. Sie waren zur Stelle wie alte Bekannte und hatten Caren in Empfang genommen, als die Maschine der British Airways aus Mailand kommend in Heathrow landete und sie nach über drei Jahren Abwesenheit zurück nach London brachte. Obwohl so viel Zeit vergangen war, war die Stadt voll mit Erinnerungen, von denen Caren sich befreit zu haben glaubte. Sie war bereit für einen Neuanfang, für ein neues Leben. Das setzte jedoch voraus, dass sie nie wieder an den Mann dachte, den sie einmal geliebt hatte. In Australien war ihr das nach langer, langer Zeit endlich gelungen, und das hatte ihr den Mut gegeben, nach Europa zurück zu kehren. Aber nicht an diesen Mann zu denken, wenn sie beim Bummel durch London an all den vertrauten Plätzen vorbeikam, wo sie Hand in Hand mit ihm gegangen war, fiel Caren unsagbar schwer. Aber sie wusste, gäbe sie ihren Gefühlen nach, würde die schmerzhafte Vergangenheit wieder von ihr Besitz ergreifen und sie dieses Mal vielleicht für immer in ihren unbarmherzigen Klauen halten.

Erst als Caren Eric kennen lernte, fiel es ihr leichter, die Gedanken an früher zu verdrängen. Mit Eric wurde alles leichter. Caren war froh, dass sie ihren Prinzipien, sich in der Öffentlichkeit niemals von einem Mann ansprechen zu lassen, untreu geworden war, und dass Eric den Mut gehabt hatte, sie bei Harrods anzulächeln.

Seit sich herumgesprochen hatte, dass Caren zurück in England war, riss die Flut der Einladungen nicht ab. Die Londoner Gesellschaft hatte ihr anscheinend großmütig den Fehltritt von damals verziehen. Davon zeugten Einladungen zu Tee- und Gartenpartys, zum Lady’s Day in Ascot und weiteren wichtigen Ereignissen. Bei vielen dieser Veranstaltungen verlangten Tradition und Etikette, dass die Damen Hüte trugen. Caren trug nicht gerne Hüte. Nachdem ihre Mutter sie an einem Samstagvormittag jedoch sehr energisch darauf hingewiesen hatte, dass es nunmehr höchste Zeit sei, ihre Garderobe zu komplettieren, hatte sie nachgegeben und sich auf den Weg in die City gemacht. Die Jahre, in denen sie nur in Jeans und T-Shirt herumgelaufen war, waren mit der Rückkehr in ihr Elternhaus vorbei.

Bei Harrods stand Caren recht lustlos vor der großen Auswahl an Hüten für jede Gelegenheit. Viel lieber würde sie an diesem schönen Tag irgendwo draußen sitzen, Menschen beobachten und dabei ein Eis essen. Aber es half nichts, ohne eine angemessene Anzahl passender Kopfbedeckungen durfte sie nicht nach Hause kommen, das hatte ihre Mutter klar zum Ausdruck gebracht. Caren seufzte tief auf und griff beherzt nach einem sehr extravaganten Modell, das weder zu ihrer Jugend noch zu ihrem Stil, geschweige denn zum Anlass passte, und das sie natürlich nicht kaufen würde. Es sei denn, sie hatte Lust, den Damen der Londoner Gesellschaft erneut Anlass zu Klatsch und Tratsch zu geben. Das zu tun, hatte schon immer einen gewissen Reiz auf sie ausgeübt. Und letztendlich war ihr das auch gründlich gelungen.

Die High Society war nie Carens Welt gewesen, obwohl ihre Familie zu Englands upper class gehörte. Sie lehnte die Gesellschaft ab, weil sie ihr die Eltern nahm, weil in dieser Gesellschaft für Kinder kein Platz war. Stattdessen gab es gut ausgebildete Nannys, die ihren Job taten, aber Elternliebe nicht ersetzen konnten. Caren mochte auch nicht mit dem Nachwuchs der Diplomatenfamilien, mit dem sie in den Kindergarten und später in die Schule ging, spielen. Sie suchte den Kontakt zu den Kindern der Köchin, der Putzfrauen und anderer Bediensteter. In Mexiko, Brasilien und in Südafrika, wo sie ihre Kindheit verbrachte, hatte sie fast nur einheimische Freunde gehabt. Bei ihnen zu Hause fühlte sie sich wesentlich wohler als in den Villen der reichen Weißen. Es wurde nie darüber gesprochen, trotzdem wusste sie, dass Freundschaften außerhalb der diplomatischen Kreise von ihren Eltern nicht erwünscht waren. Dass ihre Tochter sich diesen Wünschen widersetzte, erfuhren Lord und Lady Ashleigh nie. Sie hatten wenig Zeit für ihre Tochter. Sie reisten in der Welt herum und Caren blieb allein zurück, betreut von Kindermädchen und Dienstboten. Es war nicht leicht, die Tochter des englischen Botschafters zu sein. Caren war mit dem Gefühl aufgewachsen, dass die Menschen, die ins Haus kamen, ihren Eltern wichtiger waren als sie, und dass sie eine kaum beachtete Nebensache war. Also suchte sie sich die Zuneigung, die sie brauchte, außerhalb ihrer Familie. Für Caren gab es nichts Schöneres, als bei ihren Freunden zu sein, ihre Speisen zu essen, ihre Spiele zu spielen und ihre Sprache zu lernen. Sie interessierte sich sehr für die Sitten und Gebräuche ihres jeweiligen Gastlandes und bat in Brasilien bei einem nächtlichen Voodoo-Zauber, zu dem die Köchin sie mitgenommen hatte, um einen großen blonden Prinzen, der sie zu seiner Frau machen und ihr die Liebe und Geborgenheit geben würde, die sie so vermisste. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr hatte es keine Beständigkeit in Carens Leben gegeben. Kaum war sie heimisch geworden in einem fremden Land, hatte Freunde gefunden und fühlte sich wohl, musste sie wieder Abschied nehmen, weil ihr Vater eine neue Herausforderung wollte und sich versetzen ließ. Und sie musste wieder von vorne beginnen, ein neues Land und neue Menschen kennen lernen. Ihre Freundschaft zu einem jungen Schwarzen sorgte für einen Skandal in Pretoria. Caren war damals zwölf, John dreizehn Jahre alt, und sie liebten sich sehr. Von ihm bekam sie ihren ersten Kuss. Seine Eltern amüsierte diese Kinderliebe, Carens Eltern waren außer sich und schickten sie sofort nach Europa, in ein Schweizer Elite-Internat. Sechs Jahre später beschloss ihr Vater, seinen Abschied vom diplomatischen Dienst zu nehmen und nach London zurückzukehren. Er war Mitte sechzig und wollte jetzt seine Tochter um sich haben. Caren folgte zwar seinem Wunsch und kam nach Hause. Sie hatte jedoch nie ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Vater gehabt, so sehr sie sich als kleines Mädchen auch darum bemüht hatte. Sie kam vor allem aus zwei Gründen zurück aus Lausanne. Sie hatte in der Schweiz mit Bestnoten ihr Abitur gemacht, die Schulzeit war zu Ende. Und sie hatte es geschafft, an der Royal Academy of Dancing angenommen zu werden. Damit war Carens größter Traum in Erfüllung gegangen, bei Milena Marenkova ihre Ballettausbildung abzuschließen, um dann eine gefeierte Primaballerina zu werden. Das Talent dazu hatte sie, das bestätigte ihr Madame Marenkova immer wieder. Caren lebte sich schnell in London ein. Sie schloss Freundschaften mit den Mädchen aus der Ballettgruppe und mit den Söhnen und Töchtern von Freunden ihrer Eltern. Aber zu Hause fühlte sie sich weder in London noch bei ihren Eltern. Nur wenn sie tanzte, verschwand das Gefühl des Ungeliebtseins, der Verlorenheit, der Ruhelosigkeit. Dann spürte sie die Kraft, die in ihr steckte. Dann fühlte sie sich lebendig. Wenn sie tanzte, gab es keine Traurigkeit und auch keine Einsamkeit mehr, sondern nur noch die Musik, die Bewegung, die Freude am Tanzen, am ganzen Leben, und nur dann war sie glücklich. Und drei Monate nach Carens achtzehntem Geburtstag, nur wenige Tage bevor sie in die Gesellschaft eingeführt werden sollte, erfüllten die brasilianischen Geister ihren Herzenswunsch.

An diesem Punkt kehrten Carens Gedanken schnell zurück in die Gegenwart, zurück zu Harrods und ihren Einkäufen. Sie hielt immer noch diesen eleganten, extravaganten Hut in der Hand und war immer noch unschlüssig, was sie damit tun sollte. Kaufen, um zu provozieren, oder zurücklegen? Sie hatte gerade beschlossen, sich jetzt ernsthaft auf ihre Einkäufe zu konzentrieren, da fiel ihr Blick auf einen jungen Mann, der in ihrer Nähe stand und sie ansah. Er war so attraktiv, dass sie gleich noch einmal hinschaute. Und was sie sah, gefiel ihr. Er war kaum größer als sie, dunkelhaarig, mit braunen, verträumten Augen, einem gut geschnittenen Gesicht, gerader Nase und einem weichen Mund.

Als er sah, dass sie ihn bemerkt hatte, lächelte er ihr zu. Er deutete auf den Hut in ihrer Hand und schüttelte den Kopf. Spontan griff Caren nach einem anderen Modell, setzte es auf und blickte ihn fragend an. Wieder schüttelte er den Kopf. Sie zeigte ihm das nächste Modell und bekam die gleiche Reaktion von ihm. Sein Lachen wurde immer breiter und er gefiel ihr immer mehr.

»Sie passten alle nicht zu dir«, sagte der junge Mann kurze Zeit später. Er hatte all seinen Mut zusammengenommen und war näher gekommen. Er sah Caren mit seinen dunklen Augen an und schenkte ihr ein weiteres strahlendes Lächeln.

Der Blick in seine Augen ließ Carens Herz schneller schlagen. »Das habe ich auch gerade entschieden«, lachte sie. Mit einem Dank reichte sie die Hüte an die Verkäuferin zurück.

»Dein Haar ist so schön, du solltest überhaupt keinen Hut tragen. Aber wenn unbedingt, dann muss es etwas sehr Romantisches sein. Etwas, was zu dir passt.«

»Du meinst, romantisch passt zu mir?«

»Absolut. Du siehst aus wie eine Prinzessin, die gerade aus einem Märchenbuch gestiegen ist.«

Der Schmerz kam so plötzlich und unerwartet, dass Caren die Augen schloss und die Lippen aufeinander presste. >Prinzessin<, so hatte er sie genannt. Der Mann, der ihre große Liebe gewesen war.

»Entschuldige«. Zwei dunkle Augen sahen sie erschrocken an. »Ich … Ich wollte nicht ...«

»Es ist nichts«, unterbrach Caren ihn sofort. Es gelang ihr sogar zu lächeln. »Alles in Ordnung.«

»Tust du mir einen Gefallen?«, bat er, sichtlich um einen schnellen Themenwechsel bemüht. »Ich möchte ein Seidentuch für meine Mutter kaufen, aber ich kann mich einfach nicht entscheiden. Hilfst du mir bei der Auswahl?«

Bei der nun einsetzenden Diskussion über Farbe, Muster und Beschaffenheit der verschiedenen Tücher verschwanden Carens trübe Gedanken an die Vergangenheit. Sie hatten beide großen Spaß an der Debatte des Für und Wider, lachten viel miteinander und fanden sich gegenseitig immer sympathischer.

»Als Dank für deine außerordentlich fachkundige Beratung lade ich dich zu einem Kaffee ein«, sagte der junge Mann, nachdem er das hübsch verpackte Tuch bezahlt und in Empfang genommen hatte.

»Ich gehe nicht mit fremden Männern Kaffee trinken«, erklärte Caren und machte ein damenhaftes Gesicht.

Er lachte. »Entschuldige. Du hast völlig recht, ich hätte mich längst vorstellen müssen. Ich heiße Eric. Eric Michael Patrick Keane.«

»Das sind sehr hübsche Namen«, sagte sie. »Es freut mich, dich kennen zu lernen, Eric Michael Patrick. Ich bin Caren Ashleigh.«

»Die Freude ist absolut auf meiner Seite, Caren«, behauptete Eric und wieder lachte er sie an. »Darf ich dich jetzt zu einem Kaffee einladen?«

»Ja, das darfst du.«

Beim Abschied bat er um ihre Telefonnummer, bekam sie auch und rief sie noch am gleichen Abend an. Seitdem sahen sie sich täglich. Sie trafen sich zu Spaziergängen, besuchten Museen und Ausstellungen, am Abend gingen sie ins Kino, in die Oper und in Konzerte. Sie fühlten sich wohl miteinander, diskutierten über Gott und die Welt und lachten über die gleichen Dinge. Innerhalb kurzer Zeit hatten beide das Gefühl, sich schon jahrelang zu kennen.

»Ich hasse diesen anderen Mann«, sagte Eric eines Abends auf dem Weg die Themse entlang nach Hause. Sie waren in einem indischen Restaurant gewesen, um den Tag feierlich zu begehen, an dem sie sich vor drei Wochen kennen gelernt hatten.

Caren blieb stehen und sah in sein Gesicht, das jetzt ein wenig finster dreinschaute. Sie wusste sofort, von wem Eric sprach, obwohl sie ihm nie etwas erzählt hatte.

»Er hat dich so sehr verletzt, dass du keinem anderen mehr traust. Ich spüre das, seit wir uns kennen.«

Auch das war etwas, das Caren an Eric gefiel, seine Feinfühligkeit, seine Sensibilität. Es gab sehr viel, was sie an ihm mochte. Sie genoss die Fürsorge und die Aufmerksamkeit, mit der er sie umgab. Sie schätzte seine Intelligenz, seinen wachen Verstand, und sie liebte seinen Humor. Sie mochte sogar den kleinen Bauchansatz, den er ihr sehr verlegen gestand. Der störte ihn mehr als sie. Caren mochte Männer nicht dünn und knochig, sondern eher ‚knuffig‘, wie sie es nannte. Eric lachte sehr über diesen Ausdruck. Was sie jedoch am meisten an ihm schätzte, war seine Zurückhaltung. Nach zwei Wochen wagte er zum ersten Mal, sie in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken. Die Tatsache, dass sie es zuließ, hatte ihn damals ermutigt, beim Weitergehen nach ihrer Hand zu greifen. Von diesem Tag an gingen sie Hand in Hand durch die Stadt.

»Du musst auf ihn nicht böse sein«, sagte Caren. »Es ist wahr, ich habe mir geschworen, mich nie wieder zu verlieben. Nie wieder soll mir ein Mann so sehr wehtun.«

»Verdammtes Schwein«, murmelte Eric so leise, dass Caren ihn kaum verstand.

»Aber weißt du, seit drei Wochen geht mir ein dunkelhaariger, gut aussehender junger Mann nicht mehr aus dem Kopf. Und ...«

Einen Moment stand Eric sprachlos da. »Ist das wahr, Caren?! Ist das wirklich wahr?«, brach es dann aus ihm heraus. Seine Augen strahlten sie an. »Ich habe dir bisher nie gesagt, was ich für dich empfinde, weil ich spürte, du willst es nicht hören. Ich hatte Angst, etwas kaputt zu machen. Aber… Ich liebe dich, Caren.«

Mit einer zärtlichen Geste legte Caren ihre Hände auf seine Wangen und sah in seine Augen. »Ich werde dich nie belügen, Eric«, sagte sie mit weicher Stimme. »Ich hasse Lügen. Ich weiß nicht, was ich für dich empfinde. Ist es Liebe? Ist es Verliebtheit? Ich habe ein wenig Angst, darüber nachzudenken. Ich brauche noch etwas Zeit, Eric. Glaubst du, du kannst mir diese Zeit geben?«

»Aber natürlich kann ich das, Caren. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich werde geduldig warten.«

»Oh Eric«, sagte sie darauf nur, schlang die Arme um ihn und küsste ihn. Das erste Mal, seit sie sich kannten, küssten sie sich. Und Caren fühlte dabei, dass sie auf Eric reagierte, wie eine Frau auf einen Mann reagiert, den sie attraktiv und begehrenswert findet.

Auf der Liste der Londoner Sehenswürdigkeiten, die Eric nach Carens Meinung unbedingt sehen musste, stand am nächsten Tag die National Gallery, und in ihr einige Gemälde von Renoir, Cezanne und Turner, die sie besonders liebte, die er nicht kannte, aber gerne sehen wollte. Ihr Ausflug begann gut gelaunt und lachend. Als sie in der Regent Street an den Schaufenstern eines Juweliers vorbeikamen, wollte Eric stehen bleiben und Ringe ansehen. Ohne ein Wort zu sagen zog Caren ihn fort. Und als er in ihr Gesicht sah, bemerkte er, dass sie sehr blass war und die Zähne fest aufeinander biss.

»Was ist los, Caren?«

Erst nach nochmaliger Wiederholung der Frage antwortete sie, unerwartet heftig und voller Emotionen. »Ich kann London nicht ertragen. Ich hasse diese Stadt!«

Eric wusste sofort Bescheid. »Es ist wegen ihm, nicht wahr? – Willst du mir nicht erzählen, was ...« fuhr er fort, da sie nicht antwortete.

»Nein!«

Mit einer heftigen Bewegung wollte sie ihm ihre Hand entziehen, aber Eric ließ nicht los. Sanft drückte er ihre Finger. Seine liebevolle Geste beruhigte sie beinahe sofort.

»Ich will nicht hier sein. Ich möchte fort von hier«, sagte Caren leise. »Weit, weit fort.« Ihre Stimme klang belegt und sehr unglücklich.

Erics Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Wenn Caren fort ging, irgendwo hin, vielleicht wieder zurück nach Australien, und er sah sie nie wieder … Ein unvorstellbarer Gedanke.

»Lass … Lass uns nach Irland fahren«, schlug er so überhastet vor, dass er beinahe ins Stottern geriet. So mit der Tür ins Haus zu fallen, hatte er zwar nicht geplant. Aber für all die schönen Worte, die er sich in den letzten Tagen zurechtgelegt hatte, um Caren zu bitten, ihn in seine Heimat zu begleiten, war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. »Bitte, komm mit mir nach Irland«, bat er ruhiger.

»Nach Irland?«, fragte Caren verwirrt.

»Ja. Ich muss zurück, meine Ferien sind vorbei. Ich will nicht ohne dich nach Hause. Bitte, komm mit mir.«

»Ich kann nicht ...«, begann Caren, hielt jedoch sofort inne. Sie konnte London nicht ertragen. Und London ohne Eric würde noch unerträglicher sein. Eric musste heim. Wenn sie nicht mit ihm ging, würde er allein fahren. Er hatte keine andere Wahl, er musste nach Hause.

»Ich kann doch nicht so einfach mit dir kommen.«

»Doch, das kannst du. Ich wohne mit vier Freunden zusammen. Die Jungs sind schwer in Ordnung, du wirst sie mögen. Unser Haus liegt einige Meilen nordwestlich von Galway, direkt am Atlantik. Ich bin sicher, es wird dir gefallen.«

»Und deine Freunde? Was werden sie sagen, wenn ich so einfach mit dir komme?«

»Sie werden sich freuen«, behauptete Eric.

Er hatte Caren bisher nicht erzählt, womit er sein Geld verdiente. Nach seiner letzten gescheiterten Beziehung war er vorsichtig geworden. Und als er soweit war, es ihr zu sagen, traute er sich plötzlich nicht mehr. Da kannte er ihre Vorliebe für klassische Musik, für Ballett und Oper, da hatte er sie einige Male heimgebracht und hatte das Haus gesehen, den Stadtteil, die Straße, in der sie wohnte, und Eric wusste, er schwieg besser noch eine Weile. In Irland würde er Caren erzählen, was er machte, und sie konnte dabei gleich seine Freunde kennen lernen.

»Wenn ich mit dir komme, Eric, wirst du nicht erwarten, dass ich ... dass ich sofort in einem Zimmer mit dir schlafe, nicht wahr?«

»Ich habe dir versprochen, zu warten, Caren. Ich werde warten. Egal, wie lange es dauert.«

Caren hatte keine andere Reaktion von ihm erwartet. »Ich bin so froh, dass es dich gibt, Eric. Ich liebe dich«, sagte sie glücklich. Es war das erste Mal, dass sie es sagte. Und sie meinte es auch so.

Die Entscheidung war getroffen. Wenige Tage später befand sich Caren zusammen mit Eric auf dem Weg nach Irland. Schmerzlich kam die Erinnerung für einen Moment, als sie das Flughafengebäude in Heathrow betrat. Von hier war sie vor Jahren mit einem anderen Mann nach Irland geflogen, nach Dublin, und von dort weiter nach Sligo, einer Stadt an der Atlantikküste, in der auch Eric geboren war. >Was hat das zu bedeuten?<, war Carens erster Gedanke gewesen, als er es ihr erzählte. >Warum treffe ich immer nur irische Männer? Warum sind sie alle in Sligo geboren? Als gäbe es keine andere Stadt in Irland!< Das Wissen, dass Sligo eine Kleinstadt war, in der viele Menschen sich kannten, bereitete ihr Unbehagen. Es konnte sein, dass Eric und ... Nicht daran denken! Bloß nicht an ihn denken!

Die Gedanken gingen vorüber, auch die Traurigkeit verschwand. Was blieb, war ein angenehmer Flug, eine problemlose Einreise, Erics Aston Martin, der in einem Parkhaus am Shannon Airport auf sie wartete, und eine sehr vergnügliche Fahrt von knapp drei Stunden, bis sie durch das Tor fuhren und das schöne alte Haus vor ihnen auftauchte.

»Was werden deine Freunde sagen, dass du nicht alleine kommst?«, fragte Caren, während sie beim Aussteigen Erics ausgestreckte Hand ergriff.

»Sie werden völlig aus dem Häuschen sein. Sie werden neidisch und eifersüchtig sein und sich ärgern, dass sie dich nicht vor mir kennen gelernt haben«, entgegnete Eric mit tiefer Zufriedenheit in der Stimme.

»Sie scheinen richtig gute Freunde zu sein.«

»Das sind sie«, bestätigte er lachend.

Durch eine grün-weiß lackierte Doppeltür, deren rechter Flügel einladend weit offen stand, betraten sie das Haus und standen in einer mit schwarz-weißen Fliesen ausgelegten Eingangshalle, die von vier großen Fenstern, durch die das strahlende Sonnenlicht fiel, erhellt wurde. Eine breite Treppe mit einem wundervoll geschnitzten Geländer führte in das obere Stockwerk. Den schweren Tisch aus dunkler Eiche, der rechts an der Wand stand, und den eine große Vase mit einem üppigen Strauß bunter Sommerblumen schmückte, die Wandteppiche und die hübschen Bilder konnte Caren nur flüchtig im Vorbeieilen ansehen, da Eric zielstrebig auf eine Tür mit einer schön gearbeiteten Holzvertäfelung zusteuerte, ohne ihre Hand loszulassen.

»Ich zeige dir gleich das ganze Haus«, versprach er.

Die Tür, vor der Eric stehen blieb, war so dick, dass die Stimmen und das Lachen aus dem Zimmer nur sehr leise nach außen drangen. Eric drückte die Klinke herunter und ließ Caren den Vortritt in den Raum.

Beim Eintreten fiel ihr Blick auf einen übergroßen Spiegel in einem barocken Goldrahmen, der über dem hohen Kamin hing. Zwei Kerzenleuchter und eine antike Uhr schmückten den Sims aus dunklem Marmor. Die Bücherschränke, die rechts und links neben der Tür sowie an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand standen, zeugten davon, dass es sich um die Bibliothek handelte. Ein großer Aubusson-Teppich bedeckte den spiegelblank gebohnerten Parkettboden. Eine dezent gemusterte Tapete, die farblich mit den Gardinen der beiden Fenster harmonierte, zwei üppige Farne auf weißen Postamenten sowie geschickt angeordnete Leselampen auf edlen Rosenholztischchen vervollständigten die geschmackvolle Einrichtung. Es war ein heller, gemütlicher Raum, der eine sehr angenehme Atmosphäre ausstrahlte. Vor dem Kamin, in dem an diesem warmen Tag kein Feuer brannte, standen in loser Anordnung fünf Ohrensessel mit jeweils unterschiedlichen Bezügen.

»Hallo, Jungs«, sagte Eric.

Die drei jungen Männer, die lässig in den Sesseln lagen, jeder mit einem Glas in der Hand und die Beine weit von sich gestreckt, waren im ersten Moment sprachlos. Sie schienen zu keiner anderen Reaktion fähig, als das Mädchen anzustarren, das neben Eric stand und sie lächelnd betrachtete.

Schließlich machte einer den Mund auf. Mehr als ein »Hallo« brachte er jedoch nicht heraus.

»Da bist du ja endlich wieder«, sagte der Mann neben ihm.

Und der dritte fügte hinzu: »Wurde Zeit, dass du kommst. Morgen fangen wir mit den Proben an.«

»Ja, ich weiß. Deshalb bin ich ja hier«, sagte Eric. »Jungs, ich möchte euch Caren vorstellen. Sie ...«

Seine Freunde ließen ihn nicht ausreden. Fast gleichzeitig sprangen sie aus ihren Sesseln hoch und kamen näher. Dass sie immer noch ihre Gläser in den Händen hielten, merkten sie erst später.

»Du verdammter Kerl! Deshalb musstest du also unbedingt in London bleiben!« Der große Rotblonde lachte breit. Mit seinen unzähligen Sommersprossen im Gesicht sah er wie ein Lausbub aus, fand Caren.

»Du Egoist! Du hättest uns sagen müssen, dass es dort solche Engel gibt. Dann wären wir auch noch geblieben.« Der Dunkelhaarige neben ihm schüttelte tadelnd den Kopf. Als er vor ihr stand sah Caren, dass er blaue Augen hatte. Sie mochte blaue Augen bei dunkelhaarigen Männern.

»Engel, das ist das richtige Wort«, sagte der Dritte im Bunde. Er war ebenfalls blond, etwas kleiner als die anderen beiden, und seine blauen Augen blitzten vor Übermut. Im linken Ohr trug er einen Brillanten. Männer mit Ohrring konnte Caren überhaupt nicht leiden. »Wo, zum Teufel, hast du diese Wahnsinnsfrau kennen gelernt, du Mistkerl?!«

Erics Begleiterin sah wie ein Engel aus, darin waren sich die jungen Männer einig. Langes, goldblondes gelocktes Haar umrahmte ein makellos schönes Gesicht mit großen, dunkelblauen Augen, hübscher kleiner Nase und einem umwerfenden Kussmund. Ihre Figur konnte einen Mann zum Träumen bringen, und beim Blick auf ihre Beine nicht anerkennend zu pfeifen, fiel schwer. Sie trug ein kurzes, oben eng anliegendes schwarzgeblümtes Sommerkleid, so dass die Freunde sich mit diskreten, aber fachmännischen Blicken davon überzeugen konnten, dass ihre Maße ideal waren. Keiner von ihnen hatte jemals ein so schönes Mädchen gesehen. In ihrem Beruf trafen sie zwar viele attraktiver Mädchen, aber dieses hier war einfach traumhaft schön. Sie trug schwarze Sandaletten mit halbhohen Absätzen und war deshalb genauso groß wie Eric. Er mit seinem dunkelbraunen, fast schwarzen Haar und sie mit ihren blonden Locken sahen sehr gut zusammen aus. Die beiden waren ein verdammt schönes Paar. Der Mann war zu beneiden.

Eric lachte nur zu den Bemerkungen seiner Freunde. Er hatte gewusst, dass sie so reagieren würden. Stolz legte er seinen Arm um Carens Taille, während er ihr seine Freunde vorstellte.

»Eine große Klappe haben sie alle, das hast du ja gehört. Und in Kurzform sind sie einfach nicht zu beschreiben. Am besten lernst du sie selber kennen. Dann wirst du sehen. – Also, das ist Kevin, neben ihm Danny, und neben ihm Rob.«

»Dia dhuit. Conas atu tu.« Caren, die dem Wortwechsel der Freunde lächelnd zugehört hatte, streckte den drei jungen Männern ihre Hand entgegen.

»Nicht nur schön, sie spricht auch noch Gälisch«, sagte Rob bewundernd.

»Hat Eric dir das beigebracht?«, wollte Kevin wissen.

»Das war beinahe schon alles, was ich in Gälisch sagen kann«, bekannte Caren. »Madainn Math, tha mi duilich, Buiochas, damit hört es auch schon auf.«

»Mit ‚Guten Morgen, es tut mir leid, und Danke’ kommst du schon ganz gut durch Irland.«

»Wenn du immer nur ‚Tha‘ sagen würdest, wäre ich zum Beispiel sehr zufrieden«. Rob grinste sie an und kniff dabei vielsagend ein Auge zu.

»Bist du immer so vorlaut?« Caren schaute von seinem lachenden Gesicht in seine blauen Augen, die sie herausfordernd anblitzten. Sie wusste nicht so recht, was sie von diesem jungen Mann halten sollte. »Immer nur Ja sagen, ist doch viel zu langweilig.«

»Kommt drauf an.«

»Damit ihr Bescheid wisst, Caren ist das Mädchen, das ich heiraten werde«, verkündete Eric in die Runde. »Benehmt euch also entsprechend.«

Seine Freunde wie geplant mit dieser Nachricht zu überraschen, gelang.

»Das gibt’s ja nicht!«

»Du machst Witze!«

Während ein Wort das andere gab, hörte Caren undeutlich durch das Gewirr der Bemerkungen und das Lachen der jungen Männer eine Stimme. Sie kam aus einem Sessel, der dem Kamin direkt zugewandt stand, so dass er von ihrem Standort nicht einsehbar war. Es war eine Stimme aus der Vergangenheit. Eine Stimme, die sie nie, niemals wieder hören wollte. In ihrem ganzen Leben nicht!

»Gleich muss ich kotzen«, sagte die Stimme.

Mit großen Augen starrte Caren auf die Rückenlehne des Sessels. Sie war wie gelähmt und nicht mehr in der Lage, sich an dem Gespräch mit den vier jungen Männern zu beteiligen. Sie fühlte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich, wie ihr schwindelig wurde. Die Welt stand plötzlich still. Sie sah und hörte nichts mehr. Nur die laute Stimme in ihrem Kopf, die immer wieder schrie: Nein! Nicht! Bitte, bitte nicht! Dann wurde ihr kalt. So kalt, dass sie zu zittern anfing. >Mir wird schlecht<, dachte sie entsetzt. >Ich werde ohnmächtig. Wenn er es wirklich ist, dann … dann … dann sterbe ich<.

Aus dem Sessel am Kamin erhob sich jetzt die Gestalt, die dort gesessen hatte. Ein junger Mann kam langsam auf Caren zu. Es war ein sehr gut aussehender junger Mann, groß und schlank, mit blondem Haar und schönen blauen Augen. Den schönsten blauen Augen, die Caren je gesehen hatte. Bei seinem Anblick wurde sie leichenblass. Sie zitterte so sehr und fühlte sich so schwach, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ihre Kraft schien auch nicht auszureichen, die wenigen Schritte bis zu Eric zu gehen, um bei ihm Schutz zu suchen.

Eric ging sofort auf seinen Freund zu und begrüßte ihn mit einem strahlenden Lachen. »Hi, Kian. Du bist ja doch da. Das freut mich. Ich dachte...«

Kian beachtete Eric nicht. Er sah nur Caren, die mit blassem Gesicht dastand und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Sie freute sich nicht, ihn zu sehen, das war nicht zu übersehen.

»Hallo, Caren«, sagte Kian mit leicht zitternder Stimme.

Caren öffnete den Mund, um seinen Gruß zu erwidern, aber es kam nur ein krächzender Ton heraus.

»Schön, dich zu sehen, Kian«, wiederholte Eric. »Ich möchte dir Caren vorstellen. Sie ist die Frau, die ich heiraten werde«, fügte er stolz hinzu. »So schnell wie möglich.«

Kian holte einige Male tief Luft, um seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Er musste jetzt den Starken spielen, und dabei durfte seine Stimme nicht zittern.

»Das ist ganz bestimmt nicht die Frau, die du heiraten wirst«, sagte er. Er sah dabei Caren an und biss die Zähne so fest aufeinander, dass sein Gesicht wie eine Maske wirkte.

»Doch, das ist sie. Da bin ich mir absolut sicher«, sagte Eric arglos. »Ich meine natürlich, wir sind uns sicher, Caren und ich.«

»Du wirst diese Frau nicht heiraten«, wiederholte Kian.

Eric sah auf seinen Freund, der mit abweisendem Gesicht vor ihm stand und eine Umarmung zur Begrüßung erneut brüsk abwehrte.

»Freu dich doch mit mir«, bat er etwas verunsichert durch Kians merkwürdiges Verhalten. »Ich habe die Frau fürs Leben gefunden. Ich werde Steve schon irgendwie beibringen, dass ich Caren heiraten werde.«

»Du wirst Caren nicht heiraten!«

Eric sah seinen Freund aufmunternd an. »Sei nicht so pessimistisch. Du wirst sehen, es …«

Er versuchte erneut, seine Hand auf Kians Arm zu legen. Aber dieser wich mit soviel Abscheu im Gesicht vor ihm zurück, dass es Eric so langsam dämmerte, dass hier etwas nicht stimmte.

»Ich sag es dir jetzt zum letzten Mal: Du wirst Caren nicht heiraten«, unterbrach Kian ihn erneut. Seine Stimme war eisig, und er betonte jedes einzelne Wort.

Verwundert aber zunehmend ärgerlich sah Eric seinen Freund an. Er verstand nicht, warum Kian so gereizt auf seine freudige Nachricht reagierte, und seinen Ton würde er sich auch nicht länger gefallen lassen.

»Was soll das, Kian? Ich werde Caren heiraten! Und du bist der Letzte, der mich daran hindert!«, entgegnete Eric ärgerlich.

»Da irrst du dich aber gewaltig.«

»Was, zum Teufel, soll das, Kian?! Was ...«

»Du wirst Caren deshalb nicht heiraten, weil sie bereits verheiratet ist.«

»Ha, ha, sehr komisch. Ich lach mich kaputt.«

»Tu das.« Kian hob geringschätzig die Augenbrauen. »Ich finde es ziemlich merkwürdig, dass sie dir diese Tatsache anscheinend verschwiegen hat.«

Jetzt hatte Eric genug. »Was redest du da, verdammt?! Hör auf, solch einen Scheiß zu reden!«

»Hör zu, verdammt! Caren ist verheiratet! Sie ist ...«

»Hör auf damit, Kian! Ich will nichts mehr hören!«, rief Eric aufgebracht.

»Caren ist meine Frau! Hörst du?! Meine Frau!« Kian schleuderte ihm jedes einzelne Wort entgegen.

Schlagartig wurde es still im Raum, die Anwesenden standen wie erstarrt da. Nur der keuchende Atem von Kian und Eric war zu hören.

Eric starrte Kian eine Weile sprachlos an. »Das lügst du! Das ist nicht wahr!«, stieß er dann atemlos hervor. Sein Gesicht war schneeweiß.

Erics Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte das Gefühl, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Sein ganzer Körper bebte. Er ballte die Hände zu Fäusten, um die Kontrolle über sich nicht zu verlieren. Trotz des Chaos, das in seinem Kopf herrschte, ahnte er, dass sein Freund nicht log. Er musste nur in dessen Gesicht sehen um zu wissen, dass Kian die Wahrheit sagte. Aber er verdrängte diesen Gedanken sofort.

»Hör auf, solch einen Schwachsinn zu reden! Wie ... wie kann Caren deine Frau sein? Sie kennt dich doch gar nicht. Sie ... Sie ist doch nie ...«.

»Viel scheint sie dir nicht von sich erzählt zu haben«, unterbrach Kian ihn sarkastisch.

Caren sah den hilfesuchenden Blick nicht, den Eric ihr zuwarf. Sie stand nur da und starrte Kian an, unfähig, etwas anderes zu tun, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Sie fühlte sich wie in einem Traum, wie in einem dieser schrecklichen Albträume, in denen man voller Panik davonlaufen möchte, aber nicht in der Lage ist, auch nur einen Schritt zu tun.

»Caren ist meine Frau«, wiederholte Kian. Seine Stimme war eisig, zitterte jedoch leicht. »Lass die Finger von ihr, Eric! Hast du verstanden?!«

Hilflos stand Eric da und sah auf das Mädchen, das er liebte. Seit Tagen sprach er von nichts anderem als davon, wie schön ihr Zusammenleben sein würde, wie glücklich ihre Zukunft. Caren lachte immer nur dazu, versprach ihm aber, eines Tages seine Frau zu werden. Es konnte nicht sein, was Kian da sagte. Caren konnte nicht verheiratet sein. Und schon gar nicht mit ihm!

»Caren, sag doch was«, bat Eric schließlich in das unerträgliche Schweigen hinein. »Sag, dass du Kian nicht kennst. Du bist doch nie in Irland gewesen, oder? – Sag was, Caren. Bitte, sag, dass er lügt.«

Erics verzweifelte Stimme befreite Caren aus ihrem Albtraum und brachte sie zurück in die Wirklichkeit. Es ging hier nicht allein um ihre Gefühle, sondern vor allem um seine. Er hatte keinen Grund, traurig oder verzweifelt zu sein, denn Kian redete Unsinn.

»Es ist nicht wahr, Eric«. Ihre Stimme zitterte nur leicht, und Caren war froh darüber, dass sie halbwegs fest klang. »Ich bin nicht mehr seine Frau. Das ist lange her. Wir sind längst geschieden.«

»Oh nein, sweetheart, wir sind nicht geschieden.«

»Mein Vater hat sich um die Scheidung gekümmert. Seine Anwälte haben damals ...«

»Sie haben mir viel Geld geboten, wenn ich dich freigebe. Seine Lordschaft war wirklich sehr großzügig, das muss ich sagen. Ich denke aber nicht daran, mich scheiden zu lassen.«

»Wir ... Wir sind nicht geschieden?!« Fassungslos sah Caren Kian an. Sie konnte nicht glauben, was er da sagte.

Ihr ganzes neues Leben, das sie sich so mühsam geschaffen hatte, war darauf aufgebaut, dass sie geschieden war. Alles, was sie an ihre Ehe, an Kian erinnerte, hatte sie damals zurückgelassen: Fotos, Liebesbriefe, ihren Ehering, sogar Paul Francis, den über alles geliebten Teddybär, den Kian ihr nach vier Wochen Ehe geschenkt hatte. Obwohl Pass und Führerschein immer noch auf den Namen Caren Brentwood lauteten, benutzte sie seit der Trennung wieder ihren Mädchennamen. Sie wollte ihre Ehe vergessen, sie wollte Kian vergessen. Sie wollte nie wieder an ihn denken, nie wieder von ihm sprechen und vor allem, ihn nie wieder sehen! Nur so war es ihr gelungen, neu anzufangen. Kian hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben. - Dass diese Aussage nicht stimmte, wusste sie seit wenigen Minuten. Ob sie es wahrhaben wollte oder nicht, Kian gehörte immer noch in ihr Leben. Sie war immer noch nicht frei von ihm. Er war immer noch ihr Mann. Dass er sich nach allem, was passiert war, weigerte, sich scheiden zu lassen, war eine Unverschämtheit! Er hatte kein Recht dazu!

»Wir sind nicht geschieden?!«, wiederholte sie ihre Frage, jetzt nicht mehr fassungslos, sondern sehr wütend.

»Nein, wir sind nicht geschieden.«

»Warum nicht?«

»Ich habe es dir damals gesagt. Wenn du mich heiratest, wird es für immer sein. Le gra go deo, weißt du noch?«

»Leider hatten wir völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was Ehe bedeutet«, sagte Caren heftig. »Ich bin damals nicht ohne Grund gegangen. Weißt du noch?«, ahmte sie ihn bissig nach.

Mitten im Raum standen sie sich mit blassen Gesichtern gegenüber und funkelten sich wütend an.

»Ich will die Scheidung! Was du tust, ist unfair! Aber so bist du immer gewesen. - Du kannst mich nicht zwingen...«, begann Caren erneut, weil Kian nichts auf ihre Worte sagte. Was sollte er auch sagen? Er wusste, dass sie die Wahrheit sprach.

»Ich muss dich nicht zwingen«, fiel er ihr ins Wort. »Ich stimme einer Scheidung nicht zu. Und du wirst für immer und ewig meine Frau sein, wie du es einmal versprochen hast.«

»Das ... das glaube ich nicht«, stammelte Caren, obwohl Kians Verhalten keinen Zweifel daran ließ, dass er die Wahrheit sprach. »Ich werde sofort meinen Vater anrufen und ...«

»In diesem Fall kann nicht einmal seine Lordschaft mit all seinem Geld und all seinen Beziehungen etwas ausrichten. Wir wurden nach irischem Recht getraut und das sieht eine Scheidung nicht vor.«

»Es sei denn, beide Partner sind einverstanden«, stellte Rob richtig.

Er machte diese Bemerkung ganz automatisch, ohne nachzudenken. Er war gar nicht in der Lage, klar zu denken. Ebenso fassungslos wie Eric, Kevin und Danny stand Rob da und sah völlig entgeistert auf Kian und die schöne junge Frau, von der er behauptete, sie sei seine Frau. Kian verheiratet! Kian mit all seinen Affären, der Playboy unter ihnen. Der sich nie für ein Mädchen entscheiden konnte. Der seine Freundinnen wechselte, wie andere Leute ihre Hemden. Rob hatte ihm immer unterstellt, seine Rastlosigkeit sei nichts anderes als die Suche nach der einzigen wahren Liebe, nach einer romantischen Märchenbuchliebe. Solch eine Schwärmerei passte zu keinem so gut wie zu Kian. Der tat das zwar immer als Unsinn ab, aber jetzt hatte Rob den Beweis, dass seine Vermutung der Wahrheit entsprach. Irgendwann in der Vergangenheit hatte Kian sich entschieden, weil er diese Liebe gefunden hatte. Anders konnte es nicht sein, er hätte sonst niemals geheiratet. Aber was war geschehen? Warum hatte er diese Liebe wieder verloren? Und warum hatte er nie mit seinen Freunden darüber gesprochen?

Rob war ein sehr spontaner Mensch, dem das Herz oft auf der Zunge lag, der immer sagte, was er dachte oder fühlte. Er scheute sich nicht nachzufragen, wenn ihm etwas nicht klar war oder ihn besonders interessierte. Diese Geschichte hier interessierte ihn ganz besonders. Aber angesichts der angespannten Atmosphäre im Raum schien es wohl besser zu sein, den Mund zu halten. In Kians wütendem Blick, den dieser ihm zuwarf, las er dasselbe. >Misch dich nicht ein!<, stand deutlich darin zu lesen.

»Also gibt es doch eine Lösung«, sagte Caren triumphierend. Sie griff nach Erics Hand und drückte sie aufmunternd. »Ich werde mit Vaters Anwälten sprechen. Sie werden etwas finden, womit sie Kian zwingen, sich scheiden zu lassen. Das verspreche ich dir, Eric.«

»Keiner kann mich zwingen«, versicherte Kian mit einem verächtlichen Schnauben. »Du bist meine Frau. Und das bleibst du. Und ich werde weder zusehen noch dulden, dass du Ehebruch begehst.«

»Ich habe nicht den Ehrgeiz, dir auf diesem Gebiet Konkurrenz zu machen«, entgegnete Caren bissig.

»Ich dulde auch kein gemeinsames Zimmer, ist das klar?«, fuhr Kian ungerührt fort. »Wenn du nicht zu mir kommen willst, nimmst du eines der Gästezimmer!«

Am liebsten hätte Caren ihn für diese Worte geohrfeigt. Was fiel ihm ein, so mit ihr zu reden?! Sie hatte genug von ihm. Nicht eine Sekunde länger hielt sie es hier aus. Nicht eine Sekunde länger konnte sie Kians Anblick ertragen. Der Gedanke, dass sie immer noch seine Frau war, schnürte ihr die Kehle zu. Heftige Emotionen tobten in ihrem Inneren und bewirkten, dass sie sich elend und krank fühlte.

»Eric, lass uns bitte in ein Hotel gehen«, bat sie mit gepresster Stimme. »Ich will nicht hier bleiben.«

»Du gehst mit ihm in kein Hotel!«, fuhr Kian sie an, bevor Eric auch nur den Mund auftun konnte. »Tu es und ich zeige dich wegen Ehebruchs an!«

»Pah!« machte Caren verächtlich. »Wo sind wir denn hier? Im Mittelalter?«

»In Irland«, sagte Kian lapidar.

Die betroffenen, besorgten Gesichter der anderen zeigten Caren, dass es vielleicht doch keine leere Drohung war, die Kian da ausgesprochen hatte. Sie kannte das irische Recht nicht. War es möglich, dass es in diesem erzkatholischen Land wirklich ein Gesetz gab, das Ehebruch bestrafte?

»Hör auf, Kian«, mischte sich jetzt Kevin mit eindringlicher Stimme ein. »Das ist doch ...«

»Caren gehört mir! Ich dulde nicht, dass sie ...«.

»Ich gehöre dir nicht!«, schrie Caren ihn unbeherrscht an. »Ich gehöre niemandem! Dass unsere Ehe kaputtgegangen ist, ist ganz allein deine Schuld. Lass mich zufrieden! Verschwinde aus meinem Leben! Lass mich mit Eric ...«

»Nie! Niemals! Solange ich lebe nicht!«, schrie Kian ebenso unbeherrscht zurück.

Genauso fassungslos wie seine drei Freunde hörte Eric dem Streit zwischen Caren und Kian zu. Er konnte nicht glauben, was er in den letzten Minuten erfahren hatte. Er wollte es nicht glauben. Das Mädchen, das er liebte, und sein bester Freund waren verheiratet. Das musste sie ihm erklären. Das alles konnte doch nur ein Irrtum sein.

»Ich bin völlig durcheinander«, gestand er Caren, während er nach ihrer Hand tastete. Er bemühte sich um ein Lächeln, das jedoch kläglich misslang. »Lass uns einen Spaziergang machen, bitte. Ich brauche frische Luft.«

»Vergiss nicht, meine Frau nach eurem trauten Spaziergang ins Gästezimmer zu bringen und nicht irrtümlich in dein Apartment«, sagte Kian, wobei er ironisch das Wort ‚irrtümlich‘ betonte.

An der Tür drehte Eric sich um und sah seinem Freund ins Gesicht. Dass dieses Gesicht schneeweiß war und wie in tausend Stücke zerschlagen aussah, bemerkte er wohl.

»Du bist ein Scheißkerl«, sagte er trotzdem, zog Caren aus dem Zimmer und gab der Tür einen kräftigen Tritt, so dass sie mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss fiel.

2. Kapitel

Mit vorgetäuschter Ruhe und Gelassenheit erschien Caren am nächsten Abend zum Dinner, ihrer ersten offiziellen Mahlzeit in diesem fremden Haus. Das Frühstück am Morgen hatte Eric ihr ans Bett gebracht und zum Lunch war sie mit ihm ins nahe gelegene Claddaghduff gefahren. Kian war sie glücklicherweise nicht wieder begegnet. Carens Herz klopfte zum Zerspringen bei dem Gedanken, ihn gleich beim Essen wieder zu sehen. Mit ihm an einem Tisch zu sitzen und vielleicht sogar ein Gespräch mit ihm führen zu müssen, bereitete ihr größtes Unbehagen. Alles in ihr sträubte sich gegen diese Vorstellung. Bei dem Gedanken an das gestrige Wiedersehen mit ihm krampfte sich auch heute noch ihr Magen zusammen.

Caren konnte nicht glauben, dass das Schicksal so grausam sein konnte. Sie war nach Irland gekommen, um hier den Frieden zu finden, den sie in London vergeblich gesucht hatte. Die ganze Stadt hatte sie traurig gemacht. Alles dort hatte sie an die Vergangenheit, an ihre Zeit mit Kian erinnert.

Bei dem Juwelier, an dessen Schaufenster Eric vor einigen Tagen ahnungslos stehen geblieben war, hatten Kian und sie damals Ringe angesehen. Eng umschlungen waren sie durch Londons Straßen gegangen. Im Hyde-Park hatten sie träumend im Gras gelegen, den Kopf voll mit Plänen für die Zukunft. Trafalgar Square, zu Füßen Lord Nelsons, war ihr Treffpunkt gewesen. Dort kam ihr Kian lachend entgegen, nahm sie in seine Arme und küsste sie zärtlich. Bei seinem Anblick hatte Caren jedes Mal weiche Knie bekommen. In seinen Armen war sie so glücklich gewesen, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Seit dem Tag, an dem Kian in ihr Leben gekommen war, kannte sie die Bedeutung des Wortes LIEBE. Und sie hatte ihm geglaubt, als er versprach, sie würde niemals ohne ihn sein.

Jede Straße, jeder Platz in London barg Erinnerungen an ihre Liebe. Konnte es sein, dass sie nach all den Jahren der Trennung immer noch so empfand? War es normal, dass die Gedanken an Kian sie immer noch traurig machten? Würde es immer so bleiben? Würde es nie vorbei sein? Auf diese Fragen konnte nur die Zukunft eine Antwort geben. Caren hatte nicht damit gerechnet, dass London sie so traurig machen würde. Sie war sicher gewesen, die Vergangenheit überwunden zu haben. Sonst wäre sie noch nicht heimgekommen. Aber schon wenige Tage nach ihrer Rückkehr hatte sie festgestellt, dass sie nicht in London bleiben konnte. Sie konnte nicht bleiben, weil sie Kian dort fast körperlich spürte. Auch deshalb war sie mit Eric nach Irland gegangen. Und traf hier Kian!

Carens erste Reaktion auf das unverhoffte Wiedersehen mit ihm am gestrigen Tag war Panik gewesen. Zum Glück war es ihr gelungen, auf Kians Gegenwart sehr kühl und beherrscht zu reagieren. Aber innerlich herrschte ein Gefühlschaos in ihr, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Sie wollte dieses Chaos nicht, sie wollte die Realität nicht akzeptieren. Sie wollte, dass sich diese ganze unerträgliche Situation als böser Traum herausstellte. Wenn sie aufwachte, wäre Kian weit, weit fort und Eric und sie wieder allein, und alles wäre wieder gut.