Sommer mit Ben - Frank Claudy - E-Book

Sommer mit Ben E-Book

Frank Claudy

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Beschreibung

Frank ist 16, als er über die Theater-AG seiner Schule Katja kennenlernt, die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Doch dann lernt Frank Katjas Bruder kennen, der außerhalb der Familie offen schwul lebt. Frank und Ben verbringen ein paar ereignisreiche Monate miteinander, in denen Frank lernt, zu seiner Sexualität zu stehen, bis im Sommer ein Unglück geschieht.

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Frank Claudy

Sommer mit Ben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Impressum

Kapitel 1

Als ich Ben traf, war ich zum ersten Mal bei meiner neuen Freundin.

Ich hatte Katja in der Theater-AG unserer Schule kennen gelernt. Sie war 16, ein Jahr jünger als ich. Sie hatte lange, dunkle Haare und war wunderschön.

Katja spielte die Julia. Was sonst hätte an unserer Schule auch gespielt werden sollen als ‚Romeo und Julia’? Mir würden auf Anhieb jede Menge interessantere und aktuellere Stücke einfallen, aber das entsprach natürlich nicht dem Charakter unserer Schule, einem naturwissenschaftlichen, altsprachlichen Gymnasium, das erstmalig in den späten 70er-Jahren Mädchen in seinen Reihen geduldet hatte.

Ich weiß auch gar nicht mehr, wie mein Deutschlehrer es geschafft hatte, mich zu überreden, als sein Regie-Assistent bei dieser Aufführung dabei zu sein. Eigentlich war ich nicht so sehr der gesellige Typ und verbrachte meine Zeit lieber damit zu lesen oder tiefgreifende Essays für unsere Schülerzeitung zu schreiben. Zumindest hielt ich meine Artikel damals für tiefgreifend. Wenn mir heute mal wieder einer zwischen die Finger kommt, ist mir eher peinlich, was für einen Mist ich damals geschrieben habe.

Mein Lehrer, Herr Kästing, hatte mich überredet, mir wenigstens mal eine Probe anzusehen. Er bräuchte jemand, der auch in Stress-Situationen ruhig bliebe, schnell mal einen Text umschreiben könne und auf den er sich verlassen könne. Er hat mir also so viel Honig um meinen nicht vorhandenen Bart geschmiert, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mir das Ganze mal anzusehen.

Und dann sah ich Katja auf der Bühne. Sobald sie die Szene betrat, wurde die Geschichte lebendig. Sie spielte nicht, sie lebte ihre Rolle. Ich nahm ihr einfach jedes Wort ab, das sie sagte, wenn sie da oben stand.

Am erstaunlichsten aber war ihre Verwandlung, wenn sie die Bühne wieder verließ. Plötzlich war sie wieder einfach nur ein Mädchen. Die Katja auf der Bühne hätte ich niemals gewagt anzusprechen. Die Katja, die im Zuschauerraum auf ihren Auftritt wartete, konnte ich dagegen ohne lähmende Angst in eine Unterhaltung über das Stück verwickeln.

Ich sammelte ein paar Requisiten ein und setzte mich dann einfach neben Katja, die ihren Text lernte.

„Romeo und Julia. Wer hat eigentlich das Stück ausgewählt, das ihr spielt?“ fragte ich. „Wir haben alle abgestimmt, aber der Vorschlag kam von mir“, antwortete sie. „Findest du das zu altmodisch?“

Klar, fand ich. Aber nachdem ich sie da oben hatte spielen sehen, war es für mich zu spät, noch eine eigene Meinung zu haben. Und jetzt raubte mir ihre süße Stimme den Verstand. Endlich wusste ich, warum die Jungs aus meiner Klasse jeden noch so kleinen Rest ihres Gehirns verloren, sobald ein Mädchen auftauchte. Bisher hatte ich das pfauenhafte Verhalten meiner Kollegen mit ironischem Lächeln betrachtet. Doch jetzt saß ich selber hier und kramte in meinem Hirn nach einem schlagfertigen, intelligenten Satz, mit dem ich Katja beeindrucken konnte.

Aber alles, was mir einfiel, war: „Nein, gar nicht.“ Mann, ich war doch sonst nicht auf den Mund gefallen und auch niemand, der mit seiner Meinung hinterm Berg hielt. Doch jetzt war alles Blut aus meinem Kopf gewichen, drei Mal dürft Ihr raten wohin.

Ich starrte nur auf Katja, die zum Glück nicht mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte, sondern ganz normal mit mir reden konnte. Später gestand sie mir mal, dass sie mindestens genau so nervös war wie ich und selbst nicht wusste, was sie sagen sollte. Da seht Ihr mal, was für eine tolle Schauspielerin sie war, denn ich habe davon überhaupt nichts mit bekommen. Auf mich wirkte sie ganz natürlich und cool.

„Ich sehe dich hier zum ersten Mal. Gehörst du auch zur Theater-AG?“ fragte sie mich. Bis vor 30 Minuten war ich fest entschlossen gewesen, nur dieses eine Mal hierhin zu kommen, mich so schnell wie möglich zu verdrücken und mich auf gar keinen Fall überreden zu lassen, bei diesem Stück mit zu machen. Aber jetzt ….. „Ich bin der neue Regie-Assistent“, sagte ich. „Du bist Frank? Cool. Herr Kästing hat schon von dir erzählt. Da stelle ich mich ja besser mal gut mit dir.“

Hmmm. Ich wüsste da schon ein paar Möglichkeiten. Hatte ich das wirklich gerade gedacht?

„Hat der Kästing dir gesagt, dass du ihn vertreten sollst, wenn er auf Klassenfahrt ist?“ fragte Katja mich. Oh Gott, das wäre wohl jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, um meine Sachen zu packen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Ich sollte jeden verdammten Nachmittag damit verbringen, aus dieser Meute ein vernünftiges Theaterstück heraus zu holen statt gemütlich auf meinem Bett zu liegen und Regal für Regal all die schönen Geschichten zu lesen, die in der Schulbibliothek auf mich warteten?

Ich sollte Katja jeden Tag auf der Bühne stehen sehen und erleben, wie sie sich in Julia verwandelte? Automatisch schlüpfte ich in die Rolle von Thybald und hegte Mordgedanken gegen Romeo. „Nee, hat er mir nicht gesagt, aber wird schon schief gehen“, stammelte ich. Ich Dämien. Ich klang ja wie mein Vater.

Zum Glück kam in dem Moment Herr Kästing: „Frank, Katja. Hallo. Wie schön, ihr habt euch schon kennen gelernt. Wenn Frank sich entscheidet, den Job anzunehmen, werdet ihr demnächst reichlich Zeit miteinander verbringen.“ Bildete ich mir das nur ein oder zwinkerte er mir dabei zu? Wenn ich meine Entscheidung nicht schon längst getroffen hätte, wäre dies der entscheidende Satz gewesen. Ich hätte auch als Maskenbildner gearbeitet oder die Toiletten gereinigt, nur um Zeit mit Katja zu verbringen.

Dummerweise brauchte Herr Kästing mich aber dann, um mit mir das Skript durchzugehen und darüber zu reden, wie er sich die ganze Aufführung dachte. Bis zum Probenende war ich voll eingespannt. Und auch nach der Probe saß ich noch lange mit ihm zusammen, so dass ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte, wie ich Katja nach der Probe abfangen könnte.

Kapitel 2

In der Nacht lag ich im Bett und versuchte erst gar nicht zu lesen. Meine Gedanken kreisten nur um Katja. Ich träumte davon, wie wir beide spazieren gingen, im Gras lagen und lasen und dann wilden Sex an einem See hatten. Mensch, ich war schließlich nur ein Junge, was dachtet Ihr denn, was wir so träumen?

Obwohl ich gestehen muss, dass es auch für mich neu war, von einem realen Menschen zu träumen. Eigentlich drehten sich meine sexuellen Phantasien eher um Wesen aus Büchern, die ich gelesen hatte und die, wie ich gestehen muss, nicht immer unbedingt weiblich waren.

Nachdem ich den ‚Fänger im Roggen’ gelesen hatte, hatte ich wochenlang heiße Nächte mit Holden Caulfield, der erstaunlicherweise das Gesicht meines Mathelehrers und den Körper meines Sportlehrers hatte. In diesen Wochen musste ich im Mathe- und Sportunterricht echt aufpassen, dass ich die beiden nicht zu auffällig anstarrte. Ich ertappte mich einmal dabei, dass ich wohl einige Minuten lang auf den Schritt von Herrn Diefenbach gestiert hatte, während er uns den Satz des Pythagoras erklärte und bin nur froh, dass ich schon immer und ewig in der letzten Reihe sitze, so dass vermutlich niemand aus meiner Klasse meine Blicke bemerkt hat.

Holden Caulfield wurde dann abgelöst von Rosa, der rothaarigen Verführerin des Professor Unrat und seiner Studenten. Aber Holden war nicht der einzige Mann, von dem ich träumte. Es gab da im Nachbarhaus einen Jungen, dem ich manchmal auf der Straße begegnete. Er war der Held unseres Viertels, weil er in der Juniorenmannschaft des Fußballvereins unserer Stadt spielte und man ihm eine große Karriere als Profi voraussagte. Ich stellte mir vor, wie wir beide auf unserem Bolzplatz um den Ball kämpften und bei einem Foul beide zu Boden gingen. Er landet auf mir, wir fangen an uns zu käbbeln, rollen gemeinsam über den Platz und plötzlich spüre ich die Ausbuchtung in seiner Hose. Ich schaue in Richtung seines Schritts und muss einfach dahin fassen. Da er sich nicht wehrt, hole ich ihm langsam einen herunter.

Klar machten mir solche Phantasien am Anfang Angst. Ich meine, ich bin doch nicht schwul. Aber dann habe ich so viel darüber gelesen, dass fast alle Jungen mal homoerotische Phantasien haben, dass ich gelernt habe, das einfach zu genießen.

Und jetzt war schließlich Katja in mein Leben getreten und hatte mir gezeigt, dass ich nicht anders bin als andere Männer. Okay, zumindest in dieser Beziehung.

Die nächsten Tage konnte ich es immer kaum erwarten, bis die Theater-AG endlich anfing. Leider beschränkte sich mein Kontakt zu Katja meistens darauf, ihr Tipps zu ihrem Spiel zu geben oder Texte für sie umzuschreiben. Dummerweise war sie auf der Bühne so gut, dass ich da nicht viel zu tun hatte. Romeo und Thybald dagegen nahmen fast meine ganze Zeit in Anspruch, weil sie sich ausnahmslos dämlich anstellten.

Kapitel 3

Am Freitag nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte Katja während der Probe ganz beiläufig: „Sollen wir nach der Probe noch was trinken gehen?“ Ich hoffe nur, es klang so cool wie es klingen sollte.

Zu meiner großen Freude machte Katja keine Ausflüchte, sondern schien sich über meine Frage zu freuen und sagte frei heraus: „Gerne. Soll ich draußen auf dich warten?“

Ich glaube, den Rest der Probe war ich nicht mehr sehr konzentriert. Die ganze Zeit konnte ich nur daran denken, dass ich gleich mit Katja allein sein würde. Ich war total aufgeregt. Und gleichzeitig hatte ich höllische Angst. Das war das erste Mal, dass ich so etwas wie ein Date hatte. Ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass ich nicht gerade der Partylöwe bin. Meine sozialen Kontakte beschränkten sich mehr oder weniger auf Schule, Lehrer, Schülerzeitungsredaktion und seit neuestem die Theater-AG. Es ist nicht so, dass ich unbeliebt gewesen wäre. Ich bekam schon immer wieder mal Einladungen zu irgendwelchen Parties. Ich ging nur nie hin.

Andere Menschen interessierten mich nicht wirklich. Auf Parties langweilte ich mich nur, und die Gespräche von Jungs in meinem Alter waren nicht gerade geistig anregend. Bisher hatte ich auch wenig mitzureden. Also verbrachte ich meine Zeit lieber mit meinen Träumen, was ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben bedauerte. Worüber sollte ich nur mit Katja reden? Und wie sollte ich ihr klar machen, dass ich nicht annähernd so langweilig oder geistig minderbemittelt war, wie ich wohl auf sie wirken musste? Mir fehlte einfach die Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit Mädchen.

Als ich nach der Probe nach draußen kam, saß Katja auf den Stufen zu unserer Schule und las. Ich hatte mich abwechselnd beeilt und getrödelt, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was besser war: so schnell wie möglich bei ihr zu sein oder den angstbeladenen Moment so lange wie möglich hinaus zu zögern; sie auf mich warten zu lassen oder ihr zu zeigen, was sie mir bedeutet, indem ich ganz schnell bei ihr bin; cool bleiben oder ehrlich sein und meine Aufregung zeigen.

Als ich näher kam, sah ich, dass sie meinen Artikel in der letzten Ausgabe unserer Schülerzeitung las, in dem ich über das Pro und Kontra von Schuluniformen geschrieben hatte.

„Hey, das ist nicht gerade das beste, was ich geschrieben habe“, begrüßte ich sie. „Mir gefällt’s“, antwortete sie mir. „Ich finde gut, dass du objektiv bleibst und einfach nur die Argumente aufzählst, so dass jeder sich seine eigene Meinung bilden kann.“ – „Das war in dem Fall ganz leicht, weil ich tatsächlich keine Meinung zu dem Thema habe.“

Du meine Güte, das ging ja ganz einfach. Wir hatten tatsächlich schon so etwas wie ein Gespräch. Meine ganze Angst und Nervosität waren wie weg geblasen, als ich neben Katja stand. Ich fühlte mich einfach wohl mit ihr.

Katja packte die Schülerzeitung ein, stand auf und wir gingen zusammen los, ohne eigentlich zu wissen, wo wir überhaupt hin gingen. Wir liefen einfach nebeneinander her und quatschten. Es stellte sich heraus, dass sie sich diese Woche sämtliche alten Ausgaben unserer Schülerzeitung besorgt und alle Artikel von mir gelesen hatte. Was mich daran am meisten faszinierte, war dass sie mir das ganz offen erzählte. Wenn Katja für die Zeitung geschrieben hätte, hätte ich mir bestimmt auch alle Artikel von ihr besorgt, aber ich hätte das doch nie ihr gegenüber zugegeben.

„Wo gehen wir eigentlich hin?“ fragte sie plötzlich. Jetzt hatte sie mich. Ich hatte doch keine Ahnung, wo man so hin ging. Ich kannte keine coolen Plätze, keine Cafés, die in waren oder Kneipen. Klar hatte ich das ein oder andere Mal dabei gestanden, wenn in der Schule über neue angesagte Läden geredet wurde, aber es hatte mich nie genug interessiert, um mir auch nur einen Namen zu merken. Warum war Katja eigentlich mit einem Loser wie mir unterwegs? „Keine Ahnung“, sagte ich. „Hast du einen Vorschlag?“ – „Es ist so schön draußen. Sollen wir uns nicht einfach was zu trinken kaufen und uns ans Flussufer setzen?“ Wow. Das gefiel mir. Keine laute Kneipe, in der wir uns hätten anschreien müssen, kein angesagtes Café, in dem wir die halbe Schule getroffen hätten, einfach nur wir beide, ein lauschiges Plätzchen und …. und ungefähr 587 Leute, die die gleiche Idee hatten wie wir.

So sehr der Vorschlag auch meiner romantischen Ader entgegen kam, erwies sich die Umsetzung doch als schwierig. Wir waren in den nächsten Laden gegangen und hatten eine Flasche Wein gekauft, den „guten“ mit Schraubverschluss, weil natürlich keiner von uns einen Korkenzieher dabei hatte. Ich gehöre nun mal nicht zu den Jungen, die immer ein Schweizer Messer für solche Fälle in der Tasche haben. Außerdem hatte ich noch eine Packung Kekse gekauft.

Und jetzt standen wir am Flussufer inmitten all der anderen Menschen, die versuchten, den Frühling in der Stadt zu genießen.

Ich muss dazu sagen, dass sich der Fluss zwar durchs ganze Stadtgebiet schlängelt, es aber nur wenige Möglichkeiten gibt, an seinem Ufer sitzen zu können. Und diese Möglichkeiten schienen komplett besetzt zu sein.

Zum Glück hatte Katja die Idee, zu einer alten verfallenen Villa zu gehen, die in den 80ern mal von einer Gruppe Autonomer besetzt worden war und seit der letzten Räumung wieder in einen Märchenschlaf versunken war. Sie hatte einen wunderschönen Garten mit alten Bäumen und einem privaten Zugang zum Fluss. Man musste halt nur die ganzen ‚Zutritt verboten’-Schilder ignorieren und über zwei niedrige Zäune klettern, um dann fernab vom Großstadtlärm am Flussufer sitzen zu können. Auch diese Idee hatten außer uns schon ein paar andere junge Menschen gehabt, aber hier war trotzdem noch genug Platz für Katja und mich.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ganz froh darüber war, dass wir beide nicht alleine waren. Ich war noch nie mit einem Mädchen, das ich mochte, allein gewesen, und hätte keine Ahnung gehabt, wie ich mich hätte verhalten sollen. Was macht man beim ersten Date? Hätte ich nur mit ihr reden sollen? Oder hätte sie erwartet, dass ich die Möglichkeit nutze und mich gleich auf sie stürze?

Aber da wir nicht allein waren, stellte sich mir diese Frage nicht. Wir suchten uns einen einigermaßen ruhigen Platz und setzten uns ins Gras. Wir waren weit genug weg von einer Gruppe, die eine Party organisiert hatte, um in Ruhe reden zu können, aber nah genug, um ihre Musik zu hören. Zum Glück war niemand hier, den wir kannten.

Wir saßen erst so nebeneinander, teilten den Rotwein, den wir beide aus der Flasche tranken, und die Kekse und redeten über die Theaterproben, meine Zeitungsartikel und die Schule. Dann kamen wir auf die Bücher zu sprechen, die wir gelesen hatten. Es stellte sich heraus, dass Katja die gleichen Bücher mochte wie ich. Ich fühlte mich total wohl. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mit einem anderen Menschen so gut verstehen könnte. Katja schien sich genau so gut zu fühlen, denn irgendwann legte sie sich einfach ins Gras, den Kopf in meinem Schoß.

Ich hatte schon reichlich Wein getrunken, aber ich glaube nicht, dass das der Grund war, warum mir ganz schwindlig wurde. Es fühlte sich total gut an. Natürlich regte sich gleich was bei mir. Ich hoffte nur, dass sie das nicht merken würde. Und dann dachte ich wieder, warum eigentlich nicht. Ich saß da, völlig verkrampft, und wusste nicht, was ich mit meinen Händen machen sollte. Erst stützte ich sie hinter mir ab, dann hielt ich sie seitlich. Erstaunlicherweise redeten Katja und ich weiterhin ganz normal miteinander, als sei es das Natürlichste der Welt, dass sie ihren Kopf in meinem Schoß hatte. Eine Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen. Ich strich sie zurück, und wo meine Hand einmal in ihren Haaren war, ließ ich sie einfach dort und fing an, mit ihren Haaren zu spielen. Ihr Haar war ganz weich und fühlte sich total gut an.

Die ganze Zeit hatte Katja mich angesehen, doch jetzt machte sie die Augen zu und schien es zu genießen, wie ich ihr Haar streichelte. Sie kuschelte sich dabei ganz fest an meine Oberschenkel. Mann, ich musste mich echt zusammen nehmen, um nicht an Ort und Stelle zu kommen. Die ganze Zeit dachte ich an meine Mathehausaufgaben und löste im Kopf schon mal die Rechnungen. Naja, zumindest versuchte ich es.

Auf einmal sah Katja auf ihre Uhr: „Verdammt. Ich habe versprochen, heute Abend zu Hause zu sein.“ Sie sprang auf und schnappte ihre Sachen. „Warte. Ich bring dich nach Hause.“ Es war inzwischen dunkel geworden, und ich wollte sie nicht alleine durch die Straßen laufen lassen, aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich mich auch noch nicht von Katja verabschieden. Es war einfach zu schön mit ihr. Ich war nur froh, dass ich eine weite Hose angezogen hatte, das hätte sonst ganz schön unangenehm werden können.

Ich half Katja über den Zaun, obwohl sie das auf dem Hinweg noch ganz gut allein geschafft hatte. Aber ich wollte einfach jede Möglichkeit nutzen, sie anzufassen. Als wir von der Villa weg gingen, nahm ich einfach ihre Hand. Sie zog sie nicht weg und so gingen wir Hand in Hand zu ihr.

Eigentlich gehe ich nicht gerne zu Fuß, aber dieses Mal hätte der Weg ruhig länger sein können. Katjas Hand fühlte sich einfach toll an. Zwischendurch strich ihr Daumen über meinen Handrücken. „6.840 geteilt durch 8 ist gleich…“ Selbst Mathe half mir nicht mehr wirklich.

Gleichzeitig zermarterte ich mir das Gehirn, wie ich sie vor ihrer Haustür verabschieden sollte. Waren wir schon so weit, dass ich sie küssen konnte? Oder sollte ich mir das fürs nächste Treffen aufheben? Würde es überhaupt ein nächstes Treffen geben? Aber so sehr ich auch die Zeit mit Katja hinaus zögern wollte, so sehr wünschte ich mir auch, endlich allein in meinem Bett zu liegen und mir Erleichterung zu verschaffen, natürlich nicht, ohne dabei an Katja zu denken. Endlich würden meine Phantasien eine reale Bezugsperson haben.

Als wir bei Katja ankamen, nahm sie mir alle Entscheidungen ab. Katjas Eltern bewohnten ein riesiges Haus mit Garten und Gartentor. Katja schloss das Tor auf, küsste mich auf die Wange und lief einfach den Weg zum Haus hinauf. Alles ging total schnell. Wir hatten noch nicht einmal mehr darüber reden können, ob und wie es mit uns weitergehen sollte.

Ich wusste nicht, ob Katja mich vielleicht von innen sehen konnte, deswegen drehte ich mich schnell um und ging so cool, wie es mir möglich war, nach Hause.

Ich hatte noch eine ganze Weile zu laufen. Inzwischen war es ziemlich kühl geworden, doch das Gehen in der frischen Luft tat mir gut. So konnte ich meine Gedanken sortieren, von Katja träumen und der Mitte meines Körpers die Möglichkeit geben, sich wieder zu beruhigen. Natürlich nur, bis ich zu Hause war und meinen Gefühlen für Katja in der Stille meines Zimmers in aller Ruhe nachgehen konnte. Ganze drei Mal.

Kapitel 4

Das Wochenende war langweilig und aufregend zugleich. Zum ersten Mal reichte es mir nicht, mit einem Buch in der Ecke zu sitzen. Ich wünschte mir, bei Katja zu sein. Mehr als ein Mal schlich ich zum Telefon und wählte ihre Nummer, nur um gleich wieder aufzulegen, noch bevor es klingelte. Eigentlich war das ja totaler Quatsch. Ich hätte sie doch ruhig anrufen können. Schließlich hatte sie mich zum Abschied geküsst, auch wenn es nur auf die Wange war. Wer hatte eigentlich die dämliche Regel aufgestellt, dass man ein paar Tage warten soll, bevor man anruft. Gab es so eine Regel überhaupt? Vielleicht saß sie ja zu Hause und wartete nur auf einen Anruf von mir.

Am späten Nachmittag hielt ich es nicht mehr aus und legte nicht auf, bevor es klingelte. Katjas Bruder, Ben, war am Apparat: „Katja ist nicht da, sie verbringt das Wochenende bei unseren Großeltern. Ich sag ihr, dass du angerufen hast.“ Und schon hatte er wieder aufgelegt. Das war übrigens mein erster Kontakt mit Ben. Das sollte mir später noch wichtig sein.

Soviel dazu, dass Katja zu Hause sitzen und auf meinen Anruf warten könnte. Irgendwie ärgerte ich mich jetzt darüber, dass ich angerufen hatte.

Trotzdem verbrachte ich das ganze Wochenende mit Katja. Sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Noch nie hatte ich mich so auf Montag und die Schule gefreut.

Sonst konnte das Wochenende gar nicht lang genug sein, doch jetzt wünschte ich mir, die Zeit würde schneller vergehen, damit ich Katja endlich wiedersehen könnte. Ich träumte mir die wildesten Phantasien mit ihr zusammen, die irgendwie immer damit endeten, dass wir beide Sex am Flussufer hinter der alten Villa hatten.

Montagmorgen war ich zum ersten Mal in meinem Leben eine halbe Stunde zu früh in der Schule. Eigentlich komme ich total schwer aus dem Bett, und die Schule ist nicht wirklich ein Grund für mich, morgens aufzustehen. Bisher hatte ich immer das Glück, dass meine Lehrer beide Augen zudrückten ob meiner chronischen Unpünktlichkeit, was vielleicht auch damit zusammen hing, dass ich erstaunlicherweise immer einigermaßen gute Noten in fast allen Fächern hatte, obwohl mich außer Deutsch nichts wirklich interessierte. Naja, ich muss gestehen, in Sport und Musik waren meine Noten eher bescheiden, aber ich bin heute noch davon überzeugt, dass ich auch dort einer der besten hätte sein können, wenn ich nur ein bisschen Interesse aufgebracht hätte. Wobei ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich während der Zeit meiner Phantasien mit meinem Sportlehrer tatsächlich eine zwei auf dem Zeugnis hatte. Was so ein kleines bisschen Anreiz doch ausmachen kann.

An diesem Montagmorgen jedoch konnte ich gar nicht schnell genug aus dem Bett kommen. Ich hatte eh in der Nacht kaum ein Auge zugemacht, weil ich so aufgeregt war und die Stunden zählte, bis ich Katja endlich wiedersehen würde.