Verdamp lang her - Frank Claudy - E-Book

Verdamp lang her E-Book

Frank Claudy

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Beschreibung

Für den 15-jährigen Frank sind Anfang der 80er Jahre Demos wichtiger als die Schule. Zusammen mit seiner besten Freundin Frauke zieht er jeden Samstag los. Bei einer Hausbesetzung lernt er den etwas älteren Malte kennen und verliebt sich in ihn. In der Hausbesetzerszene sind die beiden offen ein Paar, doch für seine Eltern und Schulkameraden ist Frank angeblich weiter mit Frauke zusammen. Nachdem Frank sitzen bleibt, verbringt er immer mehr Zeit mit seinen neuen Schulkameraden und lebt sich mit Malte auseinander, so dass die beiden sich nach den Ferien trennen. Statt dessen wird Tim sein bester Freund. Doch leider gibt es da auch noch Mike, den Sandkastenfreund von Tim. Von der ersten Begegnung an sind Frank und Mike wie Feuer und Wasser und streiten sich wegen jeder Kleinigkeit. Mikes homophober Freund bringt Frank sogar dazu, sich vor den anderen zu outen. Doch was sich liebt, das neckt sich. Auf einer Klassenfahrt merkt Frank auf einmal, dass er sich in Mike verliebt hat. Allerdings dauert es noch lange, bis auch Mike sich traut dazu zu stehen, dass er Frank mag. Auf einer Klassenfeier küssen die beiden sich. Doch auch in ihrer Beziehung können die beiden es nicht lassen, sich immer wieder zu streiten. Als Mike sich nach Tims Tod um dessen Freundin kümmert, in die er lange Jahre heimlich verliebt war, scheint die Beziehung zwischen Mike und Frank erst einmal vorbei zu sein. Doch natürlich können die beiden dauerhaft nicht voneinander lassen und kommen doch wieder zusammen. Erst das Ende der Schulzeit und die Angst vor AIDS bringt die beiden endgültig auseinander.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Frank Claudy

Verdamp lang her

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Impressum

Kapitel 1

Frank Claudy

Verdamp lang her

‚Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Jraav woor ...‘

(BAP, Verdamp lang her, 1981)

Kazong. Ein lauter Knall weckte mich. Autsch. Mein Kopf tat höllisch weh. Langsam öffnete ich meine Augen. Mike kniete vor dem Wohnzimmerschrank und sammelte Scherben auf. "Morgen", murmelte ich. Mike sah mich an: "Sorry. Ich wollte dich nicht wecken. Schlaf weiter." Schlafen. Auja. Ich schloss meine Augen wieder, aber jetzt drehte sich alles in meinem Kopf. Das war letzte Nacht wohl doch ein bisschen viel Whiskey gewesen. Langsam kehrte meine Erinnerung zurück. Wir waren gestern von der Klassenfahrt zurück gekommen, auf der ich Mike gesagt hatte, dass ich mich in ihn verliebt habe. Und dann war ich gestern Nacht bei Tim im Bett gelandet. Tim? Stimmt, der lag noch bei mir im Arm, wo Mike ihn gerade gesehen hatte. Na super. Da hatte ich ja mal wieder so richtig Mist gebaut. Ich guckte zu Mike hinüber, doch der hatte inzwischen mit seinen Scherben das Zimmer verlassen.

Wie hatte ich das nur wieder geschafft?

Kapitel 2

Angefangen hatte alles mit einer Demo gegen Fahrpreiserhöhungen. Wie so oft war ich samstags lieber auf eine Demo gegangen als zur Schule. So richtig wichtig waren mir die Demos eigentlich nicht, aber sie fanden meistens samstags statt, wenn ich eigentlich Unterricht gehabt hätte. Und da wir davon befreit wurden, wenn wir schriftlich begründen konnten, warum wir zur Demo wollten, war ich fast jeden Samstag dabei. Die paar Sätze hatte ich schnell herunter geschrieben, und alles war besser als Schule. Außerdem war es für mich auch immer ein bisschen ein Abenteuer, wenn es zu Ausschreitungen mit der Polizei oder Skinheads kam. Das waren meine Räuber- und Gendarm-Spiele. So richtig ernst genommen habe ich das alles nicht. Auch wenn wir auf einer Demo eine Grüne Minna umwarfen oder mit Wasserwerfern zusammen getrieben wurden, war das für mich alles hauptsächlich Spaß.

Ich war 15 und wollte etwas erleben. Und so marschierte ich mit Frauke, meiner besten Freundin, und ein paar Freunden aus der Schule mitten zwischen den Linksautonomen. Wir riefen Parolen, sangen Protestlieder und hatten einfach nur Spaß. Der Frühling hatte gerade begonnen, es war einigermaßen warm, die Sonne schien. Da machte so ein Marsch durch die Innenstadt doch deutlich mehr Spaß als in der Schule zu sitzen.

Am Ende der Demo fand noch eine Kundgebung auf dem Kerstenplatz statt. Auch dort riefen wir unsere Parolen, die sich noch nicht einmal unbedingt gegen die geplante Fahrpreiserhöhung richteten. Hauptsache Protest. Wir sangen, ich knutschte ein bisschen mit Frauke, ein Joint ging herum. Es war ein richtig gelungener Tag. Am Ende der Kundgebung stieg eine Frau aufs Podium und sagte: "Ich wollte Euch noch sagen, dass ein paar von uns heute Nacht eine Villa in der Reichsgrafenstraße besetzt haben. Es wäre schön, wenn Ihr nach der Demo noch dahin fahren könntet. Vermutlich wird die Polizei versuchen, das Gebäude zu räumen. Je mehr Leute dort sein werden, desto besser."

Ich guckte Frauke an. Keine Frage, da waren wir natürlich dabei. Torsten und Kurt wollten auch noch mit. So stiegen wir vier in die Schwebebahn und fuhren nach Barmen. Natürlich bezahlten wir nicht, ebenso wenig wie die anderen Demonstranten, die mit uns einstiegen. Wir hatten ja gerade erst gegen die Fahrpreise protestiert und waren eh alle der Meinung, dass der ÖPNV kostenlos sein müsste. Dafür könnten dann die Bonzen mit ihren dicken Autos bezahlen. Unterwegs stiegen zwei Kontrolleure ein und fragten nach den Fahrkarten. Der erste von uns, der kontrolliert wurde und keinen Fahrschein hatte, sollte seinen Ausweis zeigen, doch dann rief schon der nächste Demonstrant, dass er keine Fahrkarte hätte. Sämtliche Demonstranten, die in der Bahn waren, umringten die Kontrolleure und riefen: "Ich habe nicht bezahlt." Erst versuchten die Kontrolleure noch, uns aus der Bahn zu werfen, doch dann bekamen sie Angst und stiegen selber an der nächsten Haltestelle aus. Wir lachten alle und jubelten über unseren kleinen Sieg.

Am Werth stiegen wir aus und liefen zu dem besetzten Haus. Es war schon von weitem zu erkennen, weil Laken aus den Fenstern hingen mit Sprüchen wie: Dieses Haus ist instand besetzt. Bei dem Haus handelte es sich um eine Gründerzeitvilla, die schon lange leer gestanden hatte. Die Villa hatte einen großen parkähnlichen Garten, der von einem kleinen Zaun mit Tor geschützt wurde. Das Tor war aufgebrochen worden, so dass wir einfach durch den Garten zum Eingang der Villa laufen konnten. In der Villa war es richtig gemütlich. In der Küche stand ein Riesen-Topf mit Nudeln auf dem Herd, in den Zimmern hatten die Leute überall Matratzen verteilt. Eine Stereoanlage hatte Lautsprecher in fast allen Räumen, aus denen die Ton Steine Scherben tönten.

Die Villa selber war wunderschön mit großen Zimmern und hohen Decken. An den Wänden und Decken waren Stuckverzierungen, alles war in Pastelltönen gestrichen. Aber es sah auch alles ein bisschen herunter gekommen aus. Eigentlich schade, dass so lange keiner hier gewohnt hatte. Das Haus hatte zu einer Brauerei gehört, die selber vor ein paar Jahren abgerissen worden war. Jetzt gab es Pläne, auf den Grundstücken neue Hochhäuser zu errichten. Aber das würden wir mit allen Kräften versuchen zu verhindern.

Die meisten Leute in der Villa waren deutlich älter als wir. Wir liefen durch die Zimmer, bis wir in einen großen Raum kamen, in dem ein paar Leute auf dem Boden saßen, die am ehesten unser Alter hatten. Wir setzten uns dazu.

Die ganze Zeit war so viel passiert, dass ich gar nicht zum Nachdenken gekommen war. Doch jetzt, wo ein bisschen Ruhe einkehrte, spürte ich auf einmal die ganze Aufregung und bekam auch langsam Angst. Eigentlich hatte ich ja längst zu Hause sein sollen. Und dann hatte die Frau auf der Kundgebung davon gesprochen, dass die Polizei das Haus räumen wollte. Den anderen ging es genauso. Wir fingen an darüber nachzudenken, was mit uns passieren würde, wenn die Polizei uns festnehmen würde. Die Älteren waren ja alle ganz cool gewesen, aber wir kriegten doch so richtig Angst und beschlossen, lieber nach Hause zu gehen.

Doch es war gar nicht mehr so einfach, aus dem Haus heraus zu kommen. Inzwischen hatte die Polizei das gesamte Grundstück umstellt und ließ niemand heraus oder hinein. Wir versuchten, hinten durch den Garten zum Zaun zu kommen. Doch gerade, als wir über den Zaun kletterten, wurden wir von zwei Polizisten angehalten. Zum Glück sahen wir alle noch ziemlich jung aus, deswegen sagte ich ganz dreist: "Wir sind erst 13 und unsere Eltern warten auf uns." Das war den Polizisten dann vermutlich zuviel Ärger, deswegen sagten sie nur zu uns: "Macht, dass Ihr nach Hause kommt, Ihr habt hier wirklich nichts zu suchen." Während wir weg liefen, hörten ich noch, wie der eine zum anderen sagte: "Wenn das mein Sohn wäre, dem würde ich ordentlich den Hintern versohlen."

Tja, meine Eltern waren zum Glück gegen körperliche Gewalt und gingen auch sonst ganz locker damit um, als ich ihnen von der Hausbesetzung erzählte. Ihr einziger Kommentar war, dass ich mich nicht erwischen lassen sollte.

Wo die ganze Aktion eigentlich ganz glimpflich verlaufen war, beschlossen Frauke und ich, am nächsten Tag zu dem Haus zurück zu kehren und zu gucken, ob es geräumt worden wäre.

Als wir dort ankamen, waren alle damit beschäftigt, eine Gartenparty vorzubereiten und wir kamen gerade richtig, um Tische und Essen nach draußen zu tragen. Das Wetter war immer noch besonders schön und warm, und wir saßen unter den Bäumen auf Decken oder im Gras, tranken billigen Rotwein und aßen Baguette dazu. Ein Mann spielte Gitarre und wir sangen alle deutsche Volkslieder mit unseren eigenen Texten, die sich hauptsächlich gegen den Staat und die Parteien richteten. Ein Joint ging herum und ich ließ ihn zum ersten Mal im Leben nicht vorbei gehen, sondern zog auch daran. Es war eine richtig schöne freundschaftliche Atmosphäre. Ich fühlte mich leicht und glücklich und genoss mein Leben.

Frauke lag bei mir im Arm. Zwischendurch küssten wir uns.

Kapitel 3

Vielleicht sollte ich etwas über Frauke und mich erzählen. Wir beide kannten uns seit dem Kindergarten. Wir waren seit der Grundschule in der gleichen Klasse und machten alles gemeinsam. Andere Jungs hatten ihren besten Kumpel, ich hatte Frauke. Ich zog zwar auch mit anderen Jungs herum, aber Frauke war immer dabei. Sie war Kumpel und beste Freundin und Schwester in einem, und seit neuestem küssten wir uns auch. Aber verliebt war ich nicht in sie. Es gehörte halt einfach dazu, dass ich eine Freundin hatte. Und mit Frauke war alles ganz einfach und unkompliziert. Es hatte sich einfach so ergeben. Außerdem hielt sie mir die anderen Mädchen vom Hals, die mir in der Schule Briefchen zusteckten, ob ich mit ihnen gehen wollte. Denn eigentlich wäre ich viel lieber mit Torsten gegangen, doch der war eindeutig nur an Mädchen interessiert und schleppte jede Woche eine andere ab.

Für mich war es nicht wirklich etwas Neues, dass ich mir nichts aus Mädchen machte. Das wusste ich spätestens, seit ich mit 11 Matt Dillon in einem Film mit Christy McNichols und Tatum O'Neill gesehen hatte. Matt war so cool in dem Film, dass ich so sein wollte wie er und danach nur noch in Jeans, weißen T-Shirts und Cowboy-Boots herum lief. Außerdem fing ich damals mit dem Rauchen an, weil das so cool war. Aber gleichzeitig wollte ich auch Christy McNichols sein und Matt Dillon küssen. Von da an war mir ziemlich klar, dass ich nicht wirklich etwas für Mädchen empfand. Mädchen waren für mich immer nur Kumpel gewesen, Freundinnen, mit denen ich über alles reden konnte. Solange wir Kinder waren, machte es eh keinen Unterschied. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es bestimmt 50 Kinder in allen Altersklassen. Wir spielten alle zusammen Fußball oder Tischtennis, kletterten auf Bäume und klauten Äpfel aus den Gärten, Jungs und Mädchen gemeinsam. Erst als wir älter wurden, trennten wir uns nach Geschlechtern. Aber Frauke war immer noch bei uns Jungs dabei. Ich glaube, keiner von uns nahm sie wirklich als Mädchen wahr. Die anderen Jungs fingen dann langsam an, sich wieder für Mädchen zu interessieren und über sie zu reden. Da merkte ich dann, dass ich mich viel mehr dafür interessierte, wie sich die Körper meiner Freunde veränderten als dafür, dass die Mädchen Brüste bekamen.

Und dann lernte ich durch die Demos und Teestuben Alternative und Linksautonome kennen und hatte kaum noch Kontakt zu meinen alten Freunden. Auch in der Schule war ich fast nur mit Leuten aus der SV zusammen. Diese Gruppen lebten alle nach dem Motto der sexuellen Freiheit, was bedeutete, dass es völlig egal war, ob man auf Jungen, Mädchen oder beides stand. Irgendwie machte dort jeder mit jedem herum. Und ich fing an, mir selbst gegenüber dazu zu stehen, dass ich auf Jungs stand. Aber meine Erfahrungen gingen trotz allem noch nicht weiter, als diese Küsse mit Frauke und jede Menge Herumspielerei mit mir selber. Und Frauke war auf jeden Fall gut für mein Image. Sie sah toll aus, war beliebt und hatte jede Menge Jungs, die sich für sie interessierten. Da kam es in der Schule ganz gut, dass sie als meine feste Freundin galt. So sehr ich auch mit mir selber im Reinen war, war ich trotz allem noch lange nicht bereit, das auch in der Schule zu verbreiten (oder bei meinen Eltern).

Kapitel 4

Auf der Party in dem besetzten Haus lernte ich dann Malte kennen. Malte war ein paar Jahre älter als ich. Er trug einen Vollbart und war komplett in Schwarz gekleidet mit einem roten Tuch um den Hals. Er kam zusammen mit Karin, die Frauke und ich von der Schule kannten. Die beiden setzten sich zu uns auf den Boden. Frauke und Karin fingen an, über die Schule zu reden. Malte und ich hörten eigentlich nur zu und guckten uns zwischendurch immer wieder an. Inzwischen ging ein neuer Joint durch die Runde. Da Karin nicht kiffte, reichte Malte ihn an mich weiter und mir wurde ganz warm beim Gedanken daran, dass meine Lippen den Joint an der gleichen Stelle berührten, an der seine Lippen kurz zuvor gewesen waren. Während ich tief inhalierte, guckte Malte mich an. Ich bin mir sicher, dass er ziemlich genau wusste, woran ich dachte.

Wir blieben den ganzen Abend draußen auf der Wiese, auch nachdem es dunkel geworden war und die anderen ins Haus gegangen waren. Wir redeten über unsere Schule, die letzte Demo, Politik und alles mögliche andere. Dabei lag Frauke in meinem Arm und Karin bei Malte, aber obwohl die beiden sich eng aneinander kuschelten, war ich mir sicher, dass Malte mich die ganze Zeit beobachtete.

Leider mussten Frauke und ich relativ früh nach Hause. Wir verabschiedeten uns von Malte und Karin. Frauke nahm Karin und Malte in den Arm, Karin nahm mich in den Arm, also umarmte ich auch Malte zum Abschied und spürte, dass er mir mit der Hand über den Rücken strich. Ich konnte Frauke gar nicht schnell genug nach Hause bringen, um in mein Bett zu kommen und von Malte zu träumen.

Den Rest des Wochenendes lief ich herum wie ein Zombie. Ich war geistig überhaupt nicht anwesend und träumte die ganze Zeit nur von Malte. Und auch Montag konnte ich an nichts anderes denken. Frauke merkte natürlich, dass etwas nicht stimmte und sprach mich in der großen Pause in der Schule darauf an. Wir hatten uns wie immer hinter der Schule getroffen, um eine Zigarette zu rauchen. Leider hatte Frauke im 7. Schuljahr Latein genommen, während ich Französisch lernte, so dass wir in unterschiedlichen Klassen waren. Aber wir verbrachten natürlich jede Pause miteinander und lästerten über unsere Lehrer und die lieben Streber unserer Klasse, wobei die Schüler ihrer Klasse deutlich schlimmer waren, denn wer nimmt schon Latein als zweite Fremdsprache? Frauke selber hatte da ellenlange Diskussionen mit ihren Eltern drüber gehabt, die sich aber letztendlich durchgesetzt hatten mit dem Argument, dass Frauke im 9. Schuljahr immer noch Französisch nehmen konnte.

Wir standen also hinter der Schule und rauchten eine Zigarette. Unsere Freunde waren noch nicht aufgetaucht, also konnten wir reden. Frauke fragte mich gleich: „Was ist los mit dir?“ Ich versuchte erst einmal so zu tun, als hätte ich keine Ahnung, wovon sie spricht, aber sie ließ nicht locker. „Ich merk doch, dass was nicht stimmt mit dir. Seit gestern bist du total abwesend. Das einzige, worüber man mit dir noch reden kann, sind Karin und Malte.“ Sie stutzte einen Moment. „Hast du dich etwa in Karin verliebt.“ – „So’n Quatsch“, fuhr ich sie an. „Karin ist doch gar nicht mein Typ.“ Frauke überlegte eine Weile, dann fing sie an zu grinsen. „Ja klar. Jetzt weiß ich: Du hast dich in Malte verguckt.“ Verflucht, warum war ich eigentlich so’n heller Typ. Ich merkte, wie ich rot wurde. Das passierte mir andauernd in den unpassendsten Momenten. Wann immer mir etwas peinlich war oder wenn ich wütend wurde, bekam mein Gesicht gleich die Farbe einer Tomate. Ich bin halt blond mit ziemlich heller Haut. Am besten ist es, das einfach komplett zu ignorieren. Je mehr ich versuche, nicht rot zu werden, umso roter werde ich. Und so war es natürlich jetzt auch. Ich versuchte, an etwas anderes zu denken, aber es nützte nichts. Mein Gesicht wurde ganz heiß. Ich guckte auf den Boden und druckste herum. Es hätte jetzt wirklich nichts genutzt, den Gedanken weit von mir zu weisen. Frauke kannte mich viel zu lange und viel zu gut. Sie stupste mich an: „Hey. Ist doch nicht schlimm. Malte ist ja auch toll.“ Ich guckte Frauke an: „Findest du wirklich?“ Ich freute mich, endlich mit jemand über mich und meine Gefühle für Jungs reden zu können. „Klar. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er dich auch mochte.“ – „Wie jetzt? Als Kumpel oder anders?“ Frauke lachte: „So wie der immer zu dir rüber geguckt hat, könnte da auch mehr gewesen sein.“ Moment mal. Hatte ich jetzt gerade so etwas wie ein Coming Out gehabt? Ich hatte doch Frauke gegenüber gerade zugegeben, dass ich auf einen Mann stand, oder? Und es war irgendwie gar nicht schlimm gewesen. Ich nahm Frauke in den Arm und drückte sie fest: „Ist das okay für dich, dass ich Malte mag?“ Frauke drückte mich auch: „Wie lange kennen wir uns jetzt eigentlich? Glaubst du wirklich, ich hätte noch nicht gemerkt, dass du dir nichts aus Mädchen machst?“ Sie hielt mich ein Stück von sich weg und guckte mir in die Augen: „Mensch, Frank. Wie lange gelte ich jetzt offiziell als deine Freundin? Zwei Jahre? Drei? Und bisher hast du noch nicht einmal versucht, mir unter den Pullover zu fassen. Hältst du mich eigentlich für blöd?“ – „Warum hast du denn nie was gesagt?“ fragte ich sie. „Ich habe es ein paar Mal versucht, aber ich wusste nie, was ich sagen sollte. Und dann dachte ich, du wirst es mir schon sagen, wenn du so weit bist. Ich war mir auch nicht sicher, ob du es selber schon weißt.“ – „Doch. Das weiß ich schon lange, aber es ist nicht so einfach, darüber zu reden. Du bist der erste Mensch überhaupt, der Bescheid weiß. Oder meinst du, die anderen wissen was?“ fragte ich ganz ängstlich. „Nee, keine Sorge, die glauben doch, du bist mit mir zusammen.“ – „Aber ist das denn okay für dich?“ – „Solange du nicht eifersüchtig wirst, wenn ich mit einem anderen herum mache“, lachte Frauke.

Das war doch jetzt toll gelaufen. Ich wusste schon, warum Frauke meine beste Freundin war. Aber jetzt wollte ich doch zu gerne über Malte reden. „Was meinst du? Steht Malte auch auf Jungs?“ – „Ich habe keine Ahnung, aber er hat sich mit Sicherheit mehr für dich als für mich interessiert. Ich habe die ganze Zeit versucht, ihm schöne Augen zu machen, aber er hat mich überhaupt nicht beachtet.“ – „Echt? Aber bin ich nicht viel zu jung für ihn?“ Vielleicht hätte ich als guter Freund jetzt darauf eingehen sollen, dass Frauke anscheinend auch auf Malte stand, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, selber an Malte zu denken, um überhaupt zu bemerken, dass Frauke ihn mochte. Und Frauke nahm mir das gar nicht übel, vielleicht fand sie es auch einfach nur toll, über Malte zu reden. Wir verbrachten den Rest der Pause damit, uns gegenseitig zu erzählen, was Malte am Samstag gemacht und gesagt hatte und wie er ausgesehen hatte und wie fest die Beziehung mit Karin wohl wäre. Es ist doch echt toll, eine beste Freundin zu haben, die den gleichen Geschmack hat wie man selber, zumindest was Männer angeht, und mit der man stundenlang über einen Mann reden kann.

Nach der Schule konnten Frauke und ich es kaum erwarten, zu dem besetzten Haus zu kommen und dort hoffentlich Malte zu treffen. Wir hatten in der Schule Karin gesucht, sie aber nicht finden können. Leider befand sich ihre Klasse in einem ganz anderen Teil des Schulgebäudes, weswegen wir uns eigentlich nie zufällig über den Weg liefen. Aber obwohl Frauke und ich uns so viel wie nur möglich in den Gängen von Karins Klasse herum getrieben hatten, waren wir ihr trotzdem nicht begegnet.

Auch nachmittags in der Villa trafen wir sie nicht. Malte war auch nicht dort. Frauke und ich machten unsere Hausaufgaben in der Villa, quatschten mit den Bewohnern, hörten Musik, rauchten einen Joint und gingen erst so spät wie möglich nach Hause.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Wir suchten in der Schule nach Karin und gingen nachmittags zur besetzten Villa, aber erst am Donnerstag trafen wir Karin in der Schule. Wir begrüßten sie wie eine alte Freundin, obwohl wir bisher eigentlich kaum Zeit miteinander verbracht hatten. Sie erzählte uns, dass sie die ganze Woche lang in den Pausen damit beschäftigt gewesen war, die nächste Demo zu organisieren. Die Schülervertretung unserer Schule wollte gemeinsam daran teilnehmen und malte Transparente dafür. Stimmt, ich hatte völlig vergessen, dass Karin unsere stellvertretende Schülersprecherin war.

Frauke und ich hatten schon unseren Antrag für die Befreiung vom Unterricht gestellt, so dass wir bei dieser Demo auch wieder dabei sein würden. Zum Glück stellte dann Frauke die Frage, die mich selber am meisten interessiert: „Wird Malte auch dabei sein?“ Karin guckte Frauke an: „Ja. Warum?“ – „Och. Nur so“, druckste Frauke herum. „Willst du etwa was von Malte?“ fragte Karin. „Nö. Ich fand den nur nett. Außerdem ist er doch mit dir zusammen.“ Karin lachte: „Malte? Mit mir zusammen? Guter Witz.“ Jetzt mischte ich mich auch ins Gespräch: „Aber ihr seid doch zusammen gekommen.“ – „Malte ist genauso wenig mit mir zusammen wie du mit Frauke.“ Woher wusste sie das denn jetzt? Außer Frauke wusste das doch keiner. Ich guckte Frauke vorwurfsvoll an. „Guck mich nicht so an, ich habe keinem was erzählt“, pflaumte Frauke mich an. „Keine Sorge. Ich sag schon nichts“, meinte Karin beruhigend. „Malte war sich ziemlich sicher, dass du auf Jungs stehst. Er meinte, Schwule hätten da so was, das man Gaydar nennt, womit sie sich untereinander erkennen können. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber es macht schon irgendwie Sinn. Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich je für jemand anders als für Frauke interessiert hättest. Und du warst am Samstag schon ziemlich auf Malte fixiert.“ Ich war jetzt viel zu überrascht darüber, was Karin mir über Malte erzählt hatte, um darüber nachzudenken, dass ich mich gerade schon wieder geoutet hatte. „Heißt das, dass Malte auch schwul ist?“ fragte ich ganz aufgeregt. „Malte behauptet, dass er bi ist, aber ich glaube, das sagt er nur, weil das besser ankommt“, antwortete Karin.

Ich hätte jetzt gerne noch stundenlang über Malte geredet, aber es klingelte und wir mussten zurück zum Unterricht, den ich mir eigentlich hätte schenken können, weil ich sowieso nichts mehr mit bekam.

Den Rest des Tages und auch den nächsten Tag verbrachte ich auf einer Wolke. Malte war schwul. Und er hatte mit Karin über mich geredet, das heißt, er interessierte sich für mich. Die Zeit verging einfach viel zu langsam bis zum Samstag.

Frauke und ich gingen zwar auch am Donnerstag und am Freitag nach der Schule zu dem besetzten Haus, aber Malte war immer noch nicht dort. Doch ich wusste ja, dass er am Samstag auf der Demo sein würde. Freitagabend ging ich viel zu früh ins Bett. Ich wollte ganz schnell einschlafen, denn wenn ich aufwachen würde, wäre es Samstag und ich würde Malte wieder sehen.

Aber das klappte natürlich nicht, die ganze Nacht wälzte ich mich hin und her und konnte einfach nicht einschlafen. Dauernd sah ich auf die Uhr, ob die Nacht denn endlich vorbei wäre, aber die Stunden zogen sich wie Kaugummi.

Kapitel 5

Endlich war es Zeit zur Demo zu fahren. Frauke holte mich ab und gemeinsam stiegen wir in die Schwebebahn nach Elberfeld zum Treffpunkt. Dummerweise nahmen außer uns noch mindestens tausend Menschen an der Demo teil, so dass ich die arme Frauke durch die Massen zog, um nach Karin und Malte zu suchen. Zum Glück war es auf den Demos nicht anders als in anderen Ansammlungen. Die Leute gruppierten sich mit ihren Freunden, Clubs, Parteien etc. Frauke und ich gingen normalerweise mit den Anarchosyndikalisten, und zu denen gehörte auch Malte, so dass wir ihn bei unseren gemeinsamen Freunden fanden. Wir machten unsere Runde und nahmen alle zur Begrüßung in den Arm. Malte drückte mich fest an sich und ich blieb danach gleich neben ihm stehen.

Während der Anfangskundgebung redeten Karin, Frauke und Malte über ihre Woche und was im besetzten Haus passiert war. Ich stand nur dabei und hörte kaum zu. Malte stand so dicht neben mir, dass mir alles andere egal war und ich nur an seine Schulter denken konnte, die an meine stieß. Er war kaum größer als ich, ich hätte jetzt prima meinen Kopf auf seine Schulter legen können, aber das hätte ich mich natürlich nie getraut.

Als wir dann los gingen, blieb ich die ganze Zeit neben Malte. Wir grölten gemeinsam die Parolen und irgendwann hielten wir uns an den Händen. Okay, das war nichts besonderes, weil die ganze Reihe sich an den Händen hielt, um Geschlossenheit zu zeigen oder so. Aber ich spürte nur Maltes Hand in meiner. Sie war ganz warm, und zwischendurch strich er mit dem Daumen über meinen Handrücken. Dann dachte ich, ich müsste jeden Moment in Ohnmacht fallen, weil mir das ganze Blut aus dem Kopf schoss.

Auch als die anderen sich los ließen, hielt Malte weiter meine Hand. Wir liefen hinter den anderen her, hielten uns fest und lachten uns zwischendurch immer wieder an. Ich war in dem Moment so glücklich, ich hätte auch für die Einführung der Todesstrafe demonstriert oder für Kernkraftwerke. Es fühlte sich so richtig an, mit Malte durch die Stadt zu laufen. Die anderen Menschen um uns herum nahm ich überhaupt nicht wahr.

Als wir zur Endkundgebung wieder alle zusammen standen, um den Rednern auf dem Podium zuzuhören, legte Malte den Arm um mich und zog mich an sich. Da legte ich dann doch noch meinen Kopf auf seine Schulter und kuschelte mich an ihn. Er roch total gut, nach Vanille. Frauke guckte mich an und zwinkerte mir zu. Ich war froh, dass sie nicht sauer war, weil sie sich doch auch für Malte interessiert hatte.

Nach der Kundgebung fuhren wir alle zusammen wieder in das besetzte Haus. Dort setzten wir uns, wie schon die Woche zuvor, mit Rotwein in den Garten. Auf dem Weg zu dem Haus hatte Malte mich zum Glück nicht wieder in den Arm oder meine Hand genommen. In der ‚normalen Welt‘, also außerhalb der Sicherheit der tausend Demonstranten, wäre mir das auch komisch vorgekommen. In der Schwebebahn saßen schließlich die Familien, die auf dem Weg zum Samstagseinkauf waren oder Väter, die von ihren Samstags-Überstunden nach Hause fuhren. Wir hätten ja auch Klassenkameraden treffen können. Nein, in der Schwebebahn gingen wir automatisch wieder zu unserer alten Paarkonstellation über, Malte mit Karin und ich mit Frauke.

Frauke flüsterte mir ins Ohr: „Ich freu mich für dich.“ – „Ehrlich?“ fragte ich. „Nicht sauer?“ – „Nö. Warum?“ – „Weil du ihn doch auch magst.“ – „Ist schon okay. Ihr beide seid süß zusammen.“ Arghs. Ich knuffte Frauke in die Seite. Süß! Wie furchtbar. Wenn ich eins nicht sein wollte, dann war das süß, und das sagte ich Frauke auch. „Sorry, aber das bist du nun mal. Gewöhn dich dran“, lachte Frauke mich aus.

Im Garten legte Malte dann aber wieder den Arm um mich und ich kuschelte mich wieder an ihn. Wir redeten über die Demo und lästerten über die Spießer, die wir in der Schwebebahn getroffen hatten. Frauke drehte einen Joint, Karin half ihr dabei, und Malte zog meinen Kopf zu sich und küsste mich. Mein erster Kuss von einem Mann. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen und zog fast meinen Mund weg, aber eigentlich war ich schon mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet gewesen und küsste ihn zurück. Erst drückten wir nur unsere geschlossenen Lippen aufeinander, doch dann kam Maltes Zunge und ich öffnete automatisch meinen Mund.

Ich hatte Frauke ständig mit Zunge geküsst, aber mit Malte war es irgendwie ganz anders. Frauke hatte ich geküsst, weil das von mir erwartet wurde. Es war nett gewesen, aber mehr nicht. Ich hatte das immer mehr als Übung gesehen, bis ich irgendwann mal den richtigen küssen würde. Ich hatte bei Frauke immer daran gedacht, was ich als nächstes mit meiner Zunge anstellen könnte oder wie wir wohl dabei aussahen oder was sie empfinden würde. Jetzt mit Malte dachte ich überhaupt nicht mehr. Seine Zunge drückte gegen meine, und ich bestand nur noch aus Kribbeln und Wärme und Luft. Ich wurde ganz leicht, dabei hatte ich noch gar nicht gekifft. Alles um mich herum war verschwunden, es gab nur noch Malte und seinen Mund und seine Hände, die meinen Kopf an seinen drückten. Meine eigenen Händen hingen irgendwo nutzlos an meinem Körper herunter, bis mir einfiel, dass ich damit Maltes Rücken streicheln könnte.