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"Sommer, Sonne, Schmetterlinge" ist eine Sammlung von Lovestorys, die ihre Leser*innen mitnehmen auf die Reise an fremde Orte, nach Paris und Spanien, nach Mexiko, Indien, in die Bretagne, nach Italien und weitere schöne Plätze dieser Erde. Wir erleben die Aufregung der ersten Liebe, romantische Wiedersehen, tragische Trennungen, Leidenschaft und Herzklopfen. Dazu eine Prise Mystik, eine große Portion Sonnenschein und ein paar Löffel Schmetterlinge, die im Bauch Kapriolen schlagen. "Sommer, Sonne, Schmetterlinge" ist eine Lektüre für den Urlaub, für zwischendurch, für seliges Seufzen und wehmütige Erinnerungen an eigene Erlebnisse.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Jessie und der Strand von San Michele
von Britta Bendixen
Türen
von Werner Hajek
Thatos Tafelrunde
von
Anka Chilla
Mamas Paella
von Gianna Goldenbaum
Entscheidung am Strand
von Britta Bendixen
100 Postkarten für Antonio
von Charlotte Armao
Der italienische Traum
von Marten Petersen
Auf der Durchreise
von Beate Weirich
Wineglass Bay
von Herbert Glaser
Seňorita „Bohnita“
von Britta Bendixen
Bretonischer Sommer
von Ulrike Kemmling
Gipfelglück hoch zwei
von Christa Reusch
Letzter Sommer
von Werner Hajek
Trocadero
von Jana Rösner
Liebeszauber & Küchenmagie
von Charlotte Armao
Blumen, Brot und Totenköpfe
von Britta Bendixen
Die Autoren
Die Autorenwiese
von Britta Bendixen
„Sie dürfen das nicht zu nah an sich heranlassen, Maja“, hat mir meine Chefin geraten, als ich mich in den Feierabend verabschiedete, doch das ist leichter gesagt als getan. Bedrückt schließe ich meinen Fiat auf und steige ein.
Vor meinem inneren Auge sehe ich noch immer den herzerweichenden Gesichtsausdruck der Frau, die sich von unserer Kanzlei Hilfe erhofft. Ihr Noch-Ehemann beleidigt und bedroht sie, schickt laufend bösartige Nachrichten und hetzt die Kinder gegen sie auf. Natürlich gibt es rechtliche Möglichkeiten, doch der Kummer dieser Mandantin nimmt mich echt mit.
Ich drehe den Zündschlüssel und rolle wenig später vom Firmenparkplatz. So langsam zweifle ich daran, dass Anwältin der richtige Beruf für mich ist. Die Theorie fiel mir leicht, doch nun, da ich die harte Praxis im Referendariat mitbekomme, fürchte ich, einen riesigen Fehler gemacht zu haben.
Als an einer roten Ampel die Klavierklänge von ›Jessie‹ aus dem Radio fließen, muss ich schlucken. Bei diesem Lied geschieht das immer, denn es holt einen Haufen romantischer Erinnerungen aus der Kramkiste meines Gehirns, so wie ein Magier ein Kaninchen aus dem Hut zieht.
Die Ampel springt auf Grün und zeitgleich erklingt die sanfte Stimme von Joshua Kadison. Sie gibt mir den Rest.
Ich beginne hemmungslos zu heulen, muss mir ständig über die Augen wischen, um nicht blind zu fahren. Er singt von einer Frau namens Jessie, die ihn anruft und dazu überredet, gemeinsam mit ihr in einem Wohnmobil nach Mexiko zu fahren, um Tequila zu trinken und nach Muscheln zu suchen. Er ringt mit sich, kann ihr aber nicht widerstehen.
Wechsle den Sender, drängt eine Stimme in meinem Kopf, doch das bringe ich nicht fertig. Ich liebe diesen Song so sehr, erinnert er mich doch lebhaft an Manuel, diesen liebenswerten und verrückten Mistkerl.
Ich lausche Joshuas sehnsüchtigen Worten, während ich in meiner Handtasche nach einem Taschentuch suche.
Selbst, wenn man das Lied zum ersten Mal hört oder den Text nicht versteht, spürt man vermutlich, dass die Story nicht gut endet, dass Joshua am Schluss allein und todtraurig sein wird.
So erging es mir auch jedes Mal mit Manuel. Er ist wie Jessie; eine rastlose Seele, die Herzen ebenso mühelos berührt wie bricht. Deshalb muss ich jedes Mal weinen, wenn ich diesen Song höre. Schmerz, Sehnsucht und Wehmut erwachen und drücken vehement auf meine Tränendrüsen.
Es ist ein kleines Wunder, dass ich zwar verheult aber heil zu Hause ankomme. Als ich die Treppe zu meiner Wohnung hinaufgehe, öffnet sich die Tür der Hausmeisterin. Es kommt mir vor, als hätte sie hinter dem Spion auf mich gewartet.
„Sie, I hob da wos für Eahna“, ruft sie mir zu, dreht sich um und ist verschwunden.
Ich nutze die Zeit, um meine Wangen trockenzuwischen und die schlimmsten Spuren meines emotionalen Ausbruchs zu entfernen.
„Jo mei, haben’S neue Schuh bestellt, jetzt, wo der Frühling kimmt?“, will sie wissen, während sie mir neugierig lächelnd ein Paket in die Hand drückt.
Ich schüttle den Kopf, bedanke mich und flüchte in meine vier Wände. Dort setze ich mich mit dem Päckchen auf mein Sofa und suche vergeblich nach einem Absender.
Es wird doch wohl nichts Gefährliches darin sein, überlege ich mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Wenn ich den Karton schüttle, raschelt es leise.
Da es nur einen Weg gibt, um herauszufinden, was darin ist und wer es mir geschickt hat, hole ich ein Messer aus der Küche und zerschneide das Klebeband. In dem Päckchen befindet sich, umringt von Zeitungspapier, eine Schachtel.
Schlicht weiß und von der Größe eines Kinderschuhkartons. Neugierig hebe ich den Deckel.
Zunächst schaue ich verständnislos auf ein Sammelsurium von Gegenständen. Ein Umschlag mit meinem Namen, ein kleiner Beutel aus Stoff, Muscheln, ein getrockneter Seestern, ein Fotoalbum für die Handtasche.
Ahnungsvoll schlage ich es auf. Da lacht mir Manuel entgegen, im Arm hält er seine Promenadenmischung Flip, die noch immer so aussieht wie ein aufgeplatztes Sofakissen.
Ich verspüre augenblicklich eine unbändige Sehnsucht nach den beiden und kämpfe schon wieder mit den Tränen.
Die nächsten Bilder sind Schnappschüsse aus unserer gemeinsamen Zeit. Manuel und ich auf einem Felsen bei Sonnenuntergang, wir gemeinsam mit Flip am Strand von San Michele, beim Spaghettiessen bei unserem Lieblingsitaliener in Rimini ...
Ich kriege mich nicht mehr ein. Renne ins Bad und kühle mein verheultes Gesicht mit kaltem Wasser.
Dann gieße ich mir ein Glas Weißwein ein und setze mich aufgewühlt auf die Couch. Hebe die Schachtel auf meinen Schoß.
In dem Umschlag befindet sich ein Brief von Manuel.
Ausgerechnet heute, denke ich. An einem Tag, an dem ich mich ohnehin verletzlich fühle, an dem nach einer Ewigkeit mal wieder Jessie im Radio lief.
Ausgerechnet an diesem Tag erhalte ich eine Nachricht von Manuel.
Zufall? Oder Schicksal?
Ich öffne seinen Brief. In dem Beutel sei Sand aus San Michele, schreibt Manuel. Er sei nach längerer Reise gerade dort und würde mich gern wiedersehen.
„Du fehlst mir. Wenn Du mich auch ein wenig vermisst, dann komm. Wir zelten wie früher in unserer kleinen Bucht, lauschen der Brandung, besuchen Pedro in seinem Ristorante und trinken Pino Grigio. Flip hat übrigens auch Sehnsucht nach Dir. Lass den Alltagswahnsinn hinter Dir und genieße mit uns das Leben. La Dolce Vita. Bis hoffentlich bald, wir warten am Strand von San Michele auf Dich. Dein Manuel“
Meine Hand zittert, als ich den Brief sinken lasse. Soll ich dasselbe tun, wie Joshua Kadison? Die Gelegenheit ergreifen, ohne nach dem Morgen zu fragen?
Einfach mitnehmen, was das Leben mir bietet? Die Zeiten mit Manuel gehören zu den leichtesten und wunderbarsten meines Lebens. Sie zu wiederholen, wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Eine Weile sitze ich nur da, meine Finger spielen mit dem Sand und den Muscheln aus San Michele.
Dann nehme ich das Telefon und tippe mit sandigen Fingern eine Nummer ein.
Fröhlich singe ich das italienische Lied im Radio mit.
Das Gespräch mit meiner Chefin lief gut. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich ab dem nächsten Monat auf Verkehrsrecht umschwenke. Bis dahin habe ich zwei Wochen frei. Und ich weiß genau, was ich solange tun will.
Ausgelassen drücke ich aufs Gaspedal.
Einige Stunden später höre ich den Kies auf dem Parkplatz knirschen, der oberhalb der Bucht von San Michele liegt. Ein leichter Wind wirbelt den Sand auf.
Ich steige aus, atme tief ein und strecke meine steif gewordenen Glieder. Am Rande des Parkplatzes entdecke ich Manuels altes Wohnmobil. Meine Hände sinken herab und mein Herz schlägt prompt schneller. Ich kann es kaum erwarten, ihn wiederzusehen!
Von hier oben geht es über eine steinerne und steile Treppe hinunter zum Strand. Der Duft von Pinien und Salz lässt mich schnuppern, während die Sonne mein Gesicht küsst und ich die Wellen ans Ufer rollen höre.
Als ich fast unten bin, sehe ich Manuels Hund im Sand buddeln.
„Flip!“, rufe ich erfreut. „Fli-hip!“
Er hebt den Kopf, entdeckt mich und saust sofort auf mich zu. Es sieht aus, als würde er lachen. Selig vor Wiedersehensfreude falle ich auf die Knie. Meine Finger fahren durch sein feuchtes, sandiges Fell, seine Zunge landet ungestüm auf meiner Wange. Ich muss lachen.
„Du hast meine Nachricht bekommen“, sagt Manuels Stimme in meinem Rücken. „Das freut mich. Das freut mich ehrlich.“
Ich spüre seine Hand auf meiner Schulter und komme wortlos wieder auf die Füße. Klopfe ohne große Sorgfalt den Sand von meinen Knien und drehe mich dann zu ihm um.
Er hat sich nicht verändert. Ist immer noch mein Manuel.
Schlaksig, mit vom Wind zerzausten, ausgebleichten Haaren. Blitzende blaue Augen im braungebrannten Gesicht. Bartstoppeln und dieses verführerische Lächeln mit dem kleinen Grübchen im linken Mundwinkel.
„Ich bin auch froh“, sage ich. „Danke für eine Schachtel voller Erinnerungen.“
Er zieht mich in seine Arme. „Lass sie uns wieder zum Leben erwecken“, flüstert er, ehe seine Lippen sanft meinen Mund berühren und alles in mir zum Kribbeln bringen.
Ich lasse mich fallen, genieße seine Nähe und das verrückte Gefühl, nie wirklich von ihm getrennt gewesen zu sein.
Doch diesmal werde ich nicht alles aufgeben für einen Sommer voller Unbeschwertheit. Anders als Manuel bin ich erwachsen geworden.
Er, der sich treiben lässt und das Leben nimmt, wie es kommt, würde mein Leben spießig nennen und das ist es wohl auch.
Für eine Weile aber werde ich eine verrückte Auszeit mit dem Mann genießen, der es wie kein anderer versteht, mir vorzugaukeln, das Leben sei so leicht wie eine Daunenfeder.
Wir werden in der Bucht schwimmen gehen, am Strand sitzend den Sonnenuntergang beobachten, und nachts engumschlungen in Manuels Wohnmobil liegen, leiser Musik aus dem Radio lauschend.
Es wird mir sicherlich schwerfallen, dieses Leben zu verlassen und wieder in den Alltag zurückzukehren. Aber die Erinnerungen werden mich begleiten und düstere Tage, die vermutlich kommen werden, mühelos aufhellen.
Jessie, you can always sell any dream to me, höre ich die leise Stimme von Joshua Kadison in meinem Kopf, als Manuel und ich barfuß und Hand in Hand am Ufer entlang bummeln, während die Sonne unsere Haut wärmt, Flip aufgeregt um uns herumspringt und die Wellen unsere Knöchel umspielen.
ENDE
von Werner Hajek
Da steht er in der Kneipentür, fast wie bei der ersten Begegnung, und lässt seinen Blick schweifen. Sie weiß seinen Namen und seinen angeblichen Wohnort. Sie hatte einmal seine Handy-Nummer. Aber es hatte nichts mehr zu sagen gegeben, und nichts mehr zu fragen.
Was vor drei Jahren zwischen ihnen passierte, war gefühlt mehr als Sex gewesen. Es war wie ein gemeinsames Versinken, das sie bis dahin nicht erlebt hatte, ein Traum von Sichausliefern und Vertrauenkönnen, eine grenzenlose, gegenseitige Hingabe.
So glaubte sie jedenfalls, in jenen kurzen Urlaubstagen auf dem Darß.
Dann war sein letzter Morgen gekommen. Er verließ sie und ging zum Packen in sein Apartment. Danach wollten sie ein letztes Mal an der Strandpromenade zusammen frühstücken.
Dort wartete sie umsonst. Sein Handy war abgestellt und im Gästehaus hatte er längst ausgecheckt.
Wie verprügelt stolperte sie durch eine grau gewordene Sommerkulisse und nahm schließlich Zuflucht in ihrem Zimmer. Sie hatte sich rückhaltlos geöffnet, hatte sich eins mit dem Kosmos gefühlt, hatte gewusst, wofür sie lebte.
Doch am Ende wurden ihr, ohne Warnung, alle Türen vor der Nase zugeknallt - Urlaubsaffäre, Verlängerung unerwünscht.
Das war lange her. An einem anderen Ort, in einem anderen Leben.
Aber jetzt ist wieder Urlaubszeit, sie sitzt wieder in einer Kneipe, diesmal am Chiemsee, und wieder steht er in der Tür.
Sie ist froh, dass er sie in der überfüllten Gaststube noch nicht entdeckt hat. Ihre Hand verkrampft sich im Saum der rot-weiß gemusterten Tischdecke. Hilfesuchend wendet sie ihren Blick zur Seite.
Dort sitzt der Andere.
Damals, nach der Katastrophe, war es zuhause einsam um sie geworden. Kaum jemand aus dem Bekanntenkreis war mit ihrer gewandelten Art zurechtgekommen, ihrer plötzlichen Verschlossenheit und Empfindlichkeit.
Nur dieser Arbeitskollege hatte sich in der Kantine immer öfter an ihren Tisch gesetzt, wenig gesagt, sie nur gelegentlich forschend angesehen. Er war der Einzige, der von ihrem Missgeschick erfuhr. Bei ihm fand sie neue Geborgenheit.
Auch jetzt sitzt er ihr ruhig und Schutz versprechend gegenüber. Wieder einmal fragt sie sich, ob das genug ist.
Es war auf ihrer Seite von Anfang an eine Liebe mit Vorbehalt. Mit Wärme, aber ohne Leidenschaft. Eine Liebe mit angezogener Handbremse.
Wie anders hatten sich die Tage und Nächte mit dem Mann angefühlt, der dort unschlüssig in der Tür steht und den Raum mustert.
Jetzt hat er sie in ihrer Ecke entdeckt.
Sofort schaut er weg, wendet sich brüsk um und verschwindet. Nein, wie ein Eroberer hat er nicht mehr geblickt, eher erschrocken und verloren.
Sie fühlt sich plötzlich merkwürdig leicht, wie befreit. Wer war hier der Verlierer, sie oder er?
Ja, sie war damals arg verletzt worden. Aber das war vorbei.
Sie lächelt ihren Begleiter an. Der hat, sich ganz seinem Spaghetti-Gericht widmend, nichts von dem Zwischenspiel mitbekommen.
Aber jetzt lächelt er zurück.
ENDE
von Anka Chilla
Es ist November und Frühling in Südafrika. Trotzdem ist es auf der Baustelle schon brütend heiß.
Seit knapp sechs Monaten ist Thato nun bei der renommiertesten Straßenbaufirma Südafrikas angestellt und hat sich noch keinen einzigen Tag beklagt. Bis zu zehn Stunden täglich steht er in der Gluthitze am staubigen Straßenrand und schwenkt die Fahne.
Das bedeutet: „Achtung! Baustelle.“ Ungefähr 500 Meter hinter ihm gibt es eine Einengung der Fahrbahn, der Asphalt in Richtung Kapstadt wird erneuert.
Die Autofahrer sehen seine Fahne und seine Warnweste schon von weitem und gehen runter vom Gas. Das macht Thato glücklich. Die Autos bremsen, weil sie ihn sehen. Sein Job ist wichtig. Er verhindert Unfälle.
Seine Familie ist mächtig stolz auf ihn. Mit sechzehn Jahren ist er der älteste von sieben Geschwistern, die mit Ma und Pa alle zusammen in einer kleinen dunklen Wellblechhütte wohnen. Ohne Wasser. Ohne Strom. Endlich kann er etwas Geld verdienen, um die Familie zu unterstützen.
Vielleicht können sie sich bald eine größere Hütte leisten?
In der Karawane der Pkws, die nach Kapstadt fahren, gibt es eine Lücke. Thato hebt die Wasserflasche an den Mund und trinkt gierig. Er fährt sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und rückt sein Basecap zurecht. Ein dicker weißer Mercedes hält neben ihm und ein ebenso dicker weißer Mann lässt das Seitenfenster hinunter.
Er mustert erst den Jungen, dann die Fahne ausgiebig. Schließlich grinst er und sagt auf Englisch: „In Deutschland haben wir Verkehrsschilder. Und Ampeln. Da braucht niemand stundenlang eine Fahne zu schwenken.“
Thato, der durch ein Kinderhilfsprojekt das große Glück hatte, eine Schule besucht zu haben, versteht was der Mann sagt. Arroganter Schnösel! Einer von der Sorte, die in seine Heimat kommen und in den Hotels ins Trinkwasser kacken.
Thato sieht dem Fahrer in die Augen. „Sehr bedauerlich“, antwortet er. „Denn Verkehrsschilder verdienen kein Geld.“
Das Grinsen des weißen Mannes wird breiter.
„Du gefällst mir“, sagt er. „Ich hätte eher mit einer Antwort wie ›Yes, Sir!‹ gerechnet. Oder gar keiner Antwort. Aber du sprichst gut Englisch. Wo kommst du her?“
Thato hebt die Fahne, da er weiter hinten den nächsten Wagen kommen sieht. „Kennen Sie die Townships vor Kapstadt? Das sind die Ghettos der Schwarzen. Genau da komme ich her.“
Der Mercedesfahrer nickt. „Daran bin ich vorbei gefahren. Ich habe dort Menschen gesehen, die gesungen getanzt haben. Das hat mich erstaunt.“
Die Fahne vollführt eine wütende Bewegung nach unten. „Warum sollten wir nicht singen und tanzen? Tun Sie das nicht? Meine Familie macht das den ganzen Tag.“
Inzwischen steht das nächste Auto hinter dem Mercedes und hupt. Doch der dicke Mann achtet nicht darauf. Er hebt den Daumen und sagt: „Du bist der Richtige! Wie heißt du, Junge?“
Er sagt es ihm.
„Freut mich, Thato. Ich bin Rolf. Meine Freunde nennen mich Rolle.“ Er streckt seine Hand aus dem geöffneten Wagenfenster.
Thato zögert. Der Wagen hinter ihnen hupt wieder. Thato geht nach hinten und winkt ihn mit seiner Fahne vorbei.
Dann kommt er zurück und fragt diesen Mann, der sich Rolle nennt und auch so aussieht: „Was wollen Sie von mir?“
„Wir beide könnten ins Geschäft kommen Thato. Wann hast du Feierabend?“
„Wenn mein Chef sagt, dass ich gehen kann.“
„Wer ist dein Chef?“
„Der ist vorn auf der Baustelle. Ein kleiner weißer Mann mit einem neonfarbenen Shirt.“
Wenig später beobachtet Thato, wie Rolf mit seinem Chef spricht. Ihm ist unwohl. Seine Mutter hat ihn gewarnt. Sie sagt, er sei zu direkt. Er dürfe im Gespräch mit Weißen auf keinen Fall seine Meinung äußern. Zurückhaltung sei der beste Weg, um mit denen klarzukommen.
Thatos Mutter putzt fünf Mal täglich die Toiletten einer nahen Tankstelle und kennt sich aus mit Weißen. War er zu vorlaut? Jetzt sehen beide Männer zu ihm herüber.
Sprechen über ihn. Rolf macht merkwürdige Verrenkungen, Thatos Chef lacht. Die beiden scheinen sich zu verstehen. Schließlich schütteln sie sich die Hände, als hätten sie ein Abkommen geschlossen und Rolf steigt in sein Auto. Winkt Thato noch einmal kurz zu und fährt los.
Merkwürdig. Gern hätte er gewusst, worüber die Männer gesprochen haben.
Und was für ein Geschäft Rolf gemeint hat. Aber welcher reiche Weiße macht schon Geschäfte mit einem minderjährigen Fahnenschwenker?
Wahrscheinlich hat Rolf in seinem Chef einen ebenbürtigeren Partner gefunden. Deshalb auch der Handschlag.
Thato zwingt sich, nicht enttäuscht zu sein und konzentriert sich auf seine Aufgabe. Verkehrssicherheit. Eine große Verantwortung. Er darf nicht abgelenkt sein.
Dennoch zieht sich der Rest des Tages wie Kautschuk in die Länge.
Gegen Abend, als der Verkehr spürbar abnimmt, kommt sein Chef zu ihm. Auf seinem neonfarbenem Shirt ist ein Surfer aufgedruckt und darüber steht „Ride The Waves“.
Thato fragt sich jedes Mal, ob sein Chef es jemals probiert hat. Surfen. Er muss sich auf die Lippen beißen, um diese Frage nicht zu stellen.
„Du scheinst einen neuen Freund gefunden zu haben, Toto“, sagt der Chef, der sich seinen Namen einfach nicht merken kann. Thato hat es aufgegeben, ihn zu korrigieren.
„Er erwartet dich in dreißig Minuten an der Tankstelle. Will mit dir verhandeln.“ Der Chef grinst vielsagend. „Du kannst gehen. Hast Feierabend.“
Thato sieht am Horizont die Tankstelle. Es ist die, wo seine Mutter putzt. Zu Fuß braucht er keine zwanzig Minuten bis dorthin.
„Okay. Vielen Dank“, sagt er, nimmt seine Wasserflasche und wendet sich zum Gehen. Sein Chef hält ihn am Arm zurück. „Toto“, sagt er und sieht ihn an. „Blamier mich nicht! Hast du verstanden?“
Thato befreit unauffällig seinen Arm und nickt. „Ich gebe mir Mühe.“
Vor dem Eingang der Tankstelle steht der weiße Mercedes. Als Thato sich nähert, steigt Rolf aus und kommt ihm entgegen. Aus seinem Grinsen ist ein Lächeln geworden.
„Du hast einen netten Chef, Thato. Er sagt, ich kann dir vertrauen, und hat nichts dagegen, wenn wir beide ins Geschäft kommen. Möchtest du was trinken?“
Thato hebt wortlos seine halbvolle Wasserflasche.
„Ich meine was Richtiges. Kaffee. Oder Bier?“
Thato schüttelt den Kopf. Typisch Tourist. „Ich mag Rooibos-Tee“, sagt er etwas trotzig.
„Okay. Kein Problem. Kommst du mit rein?“
„Ich bleibe lieber draußen.“
Da drinnen arbeiten Leute, die ihn kennen. Sie werden sowieso über ihn tratschen. Von dem Gespräch sollen sie möglichst nichts hören.
Seitlich neben dem Shop befindet sich eine niedrige Mauer, auf die sich Thato setzt und wartet.
Was könnte dieser Rolf von ihm wollen?
Die Mauer wird zum Tisch, auf der Rolf Kaffee, Tee und Gebäck serviert. Thato beobachtet ihn misstrauisch. Dann endlich erklärt Rolf: „Ich bin Immobilienmakler. Aber im Moment mache ich hier Urlaub. Es geht um eine Frau. Ich möchte sie überraschen.“
Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und fährt fort. „Du hast mir gesagt, deine Familie singt und tanzt gern. Nun, ich wollte fragen, ob ihr das für diese Frau tun könntet? Und natürlich für mich.“
Damit hat Thato nicht gerechnet. Er ist erstaunt. Verblüfft. Greift nach den Keksen, um Zeit zu gewinnen. Kaut und schluckt.
„Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen mit einer weißen Frau zu uns in die Townships kommen, damit wir für sie singen und tanzen?“
Rolf lacht und schüttelt den Kopf. „Nein. Nicht in die Townships. Meine Überraschung soll an einem ganz außergewöhlichen und romantischen Ort stattfinden.“
