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***EIN BILD SAGT MEHR ALS TAUSEND WORTE.
Mit dem Foto eines verliebten Paares in der Pariser Metro veränderte sich alles. Nicht gleich. Nicht sofort. Aber später. Und ganz woanders. In einem Land im hohen, weißen Norden. Dort wo Nanna und Gylfi sich ein ruhiges, beschauliches Leben aufgebaut haben. Sie liebt ihren Garten, er das Fliegenfischen. Alles ist für alle gut geregelt in der Familie. Erst als der französische Fotograf in ihr Leben tritt, gerät das Gerüst ins Wanken.
Kristín Marja Baldursdóttir hat einen meisterlich komponierten Familienroman geschrieben, der über die Familie hinaus die großen Fragen über Veränderungen im Leben, über Bedrohungen und Ängste stellt.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2015
Kristín Marja Baldursdóttir
Sommerreigen
Roman
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
FISCHER E-Books
The trouble came when one of the doors was left open and apparently someone came in.
Louise Bourgeois
Sie betraten die Metro, beide so hell, so strahlend, dass die Fahrgäste, die bis dahin mit gesenkten Köpfen vor sich hingestarrt hatten, um den Blicken der anderen auszuweichen, alle im selben Moment aufschauten. Kurz darauf wieder nach unten sahen oder aus dem Fenster, wo sie auf ihr eigenes Spiegelbild trafen.
Die beiden Zugestiegenen griffen nach der Stange in der Mitte des Wagens, hielten Ausschau nach freien Plätzen in der Nähe, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen. Der Mann entdeckte einen freien Platz neben einem dunkelhäutigen Mann und bedeutete der Frau, sich dort hinzusetzen. Er stellte sich neben sie, griff nach einer der Halteschlaufen, die von der Decke hingen, und redete weiter. Die Frau sah immer wieder zu ihm hoch, warf ein Wort ein, lächelte, ließ ihren Blick dabei über die Fahrgäste schweifen, die ihr am nächsten saßen, drei Farbige mittleren Alters, eine ältere Frau mit einem kleinen Hund auf dem Schoß und ein junger Mann, der afroasiatischer Herkunft zu sein schien. Ihre Augen blieben einen Moment länger an ihm haften als an den anderen Fahrgästen, danach schaute sie ihn nicht mehr an.
Doch er schaute sie an.
Der dunkelhäutige Mann blickte hingegen kein einziges Mal zu der blonden Frau neben sich. Er starrte aus dem Fenster, wo es nichts zu sehen gab außer den düsteren Tunnelwänden, musterte dabei verstohlen sein Spiegelbild. Neugierig betrachtete der junge Mann die Gegensätze aus Nord und Süd, die nebeneinander saßen und sich keines Blickes würdigten.
Der blonde Mann, der neben der Frau stand, ignorierte ihn und hatte nur Augen für die Frau, mit der er sprach. Ebenso wenig beachtete er die anderen Fahrgäste im Wagen, die schwiegen und die Zeit totschlugen, indem sie der Sprache der beiden lauschten.
Der junge Mann, der die Gegensätze aus Nord und Süd neugierig betrachtete, sah, wie sich der Gesichtsausdruck des dunkelhäutigen Mannes ganz langsam veränderte. Er kniff die Augenbrauen zusammen, weitete die Nasenflügel, verzog den Mund. Mit zorniger Miene stand er hastig auf und stellte sich an die Tür. Die Frau blickte ihm verwundert hinterher, nutzte dann die Gelegenheit und rutschte zur Seite, damit der blonde Mann sich neben sie setzen konnte. Was er erfreut tat, ohne seinen Redeschwall zu unterbrechen oder sich um das heftige Benehmen des dunkelhäutigen Mannes zu kümmern.
Die Frau lächelte weiter und schaute ihren Sitznachbarn bewundernd an. Da hatte der junge Mann ein Foto von ihnen gemacht, ohne dass sie es bemerkten.
Die Bäume hatten sich ans Haus herangetastet.
In der Kälte das Warme gesucht. Einige hatten ihre Äste bis auf die Veranda gereckt, die Kriechmispel am aufdringlichsten, hatte sich wie eine Schlange im Dunkeln vorangeschoben, so dass ihre Absicht nicht sofort erkennbar war. Die vermutlich darin bestand, möglichst bald die Terrasse zu erobern.
So ist das nun mal in der Entwicklungsgeschichte der Erde.
Nanna weiß das, sie kennt die Pflanzenwelt, kennt ihre Bäume besser, als sie vermuten. Die können sie so leicht nicht täuschen.
Deshalb kommt es ihr merkwürdig vor, dass sie den Übergriff nicht schon früher bemerkt hat. Als hätte sie letztes Jahr beim Einpflanzen gar nicht damit gerechnet, dass sie wüchsen und gediehen, groß und stattlich würden, mehr Platz bräuchten. Woran hatte sie nur gedacht, als sie die Löcher für sie grub, für diese Winzlinge, die sie damals noch waren?
Die große Tanne und die Kiefern, die schon im Garten standen, als sie das Haus kauften, sind nicht so vorwitzig wie die Kleinen. Allerdings fällt ihnen das auch schwerer in ihrer Behäbigkeit, denn sie sind fest verwurzelt, sich ihrer selbst sicher. Jedes Jahr recken sie sich höher in den Himmel, werfen Schatten, die sich im Sommer in der Abendsonne auf Gärten und Häuser legen. Sind nicht aufdringlich und eifrig wie die Kleinen, die bis an die Tür wollen, um jeden Preis. Nanna hat das bisher nur nicht bemerkt, war im Winter nicht oft draußen auf der Veranda.
Doch nun hat sie gesehen, worauf es hinausläuft. Es gibt kein Zurück mehr. Weder für sie noch für die Pflanzen. Dem muss Einhalt geboten werden, mit der Gartenschere. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, oder ist es vielleicht schon zu spät? Die Bäume haben begonnen, ihr Sommerkleid anzulegen, und die Hecke ist belaubt. Nanna bewaffnet sich mit der Schere. Sie schlüpft in den Gartenoverall, der frisch gewaschen, aber verschlissen ist, genau wie er sein soll, denn eine Gärtnerin macht eine gute Figur in abgetragener Kleidung. Sie zieht das Stirnband an und schiebt die Schubkarre energisch zu der Kriechmispel, nähert sich ihr von hinten wie ein Feind.
Als sie gerade die Gartenschere ansetzen will, denkt sie an den bevorstehenden Sommer, ob er feucht wird oder trocken, ob er eintönig wird oder ob etwas geschieht, das alles verändert. Sie lässt die Schere für einen Moment sinken. Manchmal hat sie das Gefühl, dass sich die Stimmung ohne einen konkreten Anlass verändert. In ihrem Leben, im Leben ihrer Familie, im Leben der Menschen in diesem Land, als löse eine Kette kleiner Ereignisse, die niemand festmachen kann, eine Veränderung im Denken und Verhalten der Menschen aus. Wie ein plötzlicher Niederschlag, für den es keine Erklärung gibt.
Auf einmal wird ihr unwohl, sie hat Angst, dass sich etwas verändern wird, spürt es geradezu körperlich, als läge es in der Luft. Sie schaut sich suchend um. Dann fällt ihr auf, dass sie öfter von solchen Gedanken verfolgt wird, wenn sie im Garten arbeitet, als ginge die Phantasie mit ihr durch, sobald ihr der Geruch der Pflanzen in die Nase steigt, und galoppiere los gen Süden. Ins Blaue hinein. Sie beschließt, ihre wirren Gedanken, die sie noch nicht einmal selber versteht, zu stutzen und hebt erneut die Gartenschere.
Während sie die aufdringlichsten Äste von der Veranda entfernt, achtet sie darauf, nicht zu viel wegzuschneiden. Sie möchte die Geborgenheit bewahren, diese grüne, behagliche Umrahmung, die der Terrasse ein südliches Flair verleiht und Gästen in unbeschwerter Atmosphäre ein warmes und sicheres Gefühl gibt, Gästen, die sie im Sommer zu göttlichem Trunk auf ihre Terrasse einlädt. Die Vorstellung, dass Menschen auf ihrer Terrasse essen und lachen, erfüllt sie mit Glück, das den Garten durchflutet. Hier und da heben Vögel die Köpfe, als hätte man sie gerufen, und hoffen auf Würmer, weil jemand die Erde durchwühlt.
Als Nanna den Blick nachdenklich über das Braun und Grün ihres Gartens schweifen lässt, sieht sie, wie ein gelbbrauner Klumpen gegen das Wohnzimmerfenster prallt. Sie kennt dieses Biest. Und erstarrt.
Eine Wespenkönigin sucht einen Platz für ihr Nest. Hat den Winter über geschlummert, ist gerade aufgewacht, mürrisch und angriffslustig.
Dieses Ungeziefer hat Nannas Sommerglück fast zerstört, und sie wagt es kaum noch, sich im Garten aufzuhalten, wenn die Viecher wild werden. Nichts fürchtet sie mehr, als gestochen zu werden. Wie wundervoll die Sommer in Island früher doch waren, als kaum etwas anderes umherschwirrte als Schmeißfliegen, Schnaken und vielleicht ein paar Hummeln, alles harmlose Insekten, wenn auch lästig. Doch dann änderte sich die Welt an einem Tag. Als die Invasion begann.
Eines schönen Sommertags hatte sie auf ihrem Liegestuhl gelegen und mit zusammengekniffenen Augen eine Zeitschrift gelesen, als plötzlich Fliegen umherschwirrten, die es anscheinend darauf abgesehen hatten, hinter ihren Stuhl zu gelangen. Sie achtete nicht besonders auf sie, hielt sie der Größe nach automatisch für Schmeißfliegen, war allerdings auch gerade in einen Artikel über die globale Wasserversorgung vertieft. Doch irgendwann nervte sie das Gesurre, sie stand auf, rückte den Stuhl von der Hauswand ab, um herauszufinden, worauf die Fliegen es abgesehen hatten, und entdeckte unter der Fensterbank einen Tennisball. Nanna fand den Tennisball, der frei in der Luft an der Fensterbank hing, so bizarr, dass sie sich zunächst gar nicht rühren konnte. Wie würde die Wissenschaft ein solches Phänomen erklären, und woher, mit Verlaub, kam dieser Tennisball? In ihrer Familie spielte niemand Tennis. Sie streckte die Hand aus und wollte den Ball anfassen, hielt jedoch im letzten Moment inne und rief nach Gylfi, weil sie dachte, er würde das Ding vielleicht gerne sehen wollen. Doch der musterte den Ball nur kurz und sagte dann seelenruhig, das sei ein Wespennest. Sie wäre fast durchgedreht. Schweißgebadet und in Panik suchte sie im Telefonbuch nach der Nummer eines Kammerjägers, während Gylfi nicht lange zögerte und mit einem Glas und einem Stück Pappkarton bewaffnet das Nest entfernte. Nanna erfuhr nie, was aus dem Nest geworden war, wohin er es gebracht hatte.
Die Königin ist also von ihrem Winterschlaf erwacht.
Nanna zwingt sich, logisch zu denken, was ihr gerade gelingen will, als das Königinnenviech beschließt, sich lieber im nächsten Garten ein Nest zu bauen. Und davonfliegt. Einfach so.
Das Auto war nicht schuld, dass Dúi zu spät zur Arbeit kam, wie er dem Mädchen von der Nachtschicht erzählte – er konnte sich nur nicht entscheiden, was er anziehen sollte. Das Wetter hatte plötzlich nach hellen Farben verlangt, denn es war so deprimierend, schwarz zu tragen, wenn die Sonne schien und die Bäume vor dem Hotel ihr Sommerkleid anlegten. Also hatte er das dunkelblaue Sakko herausgeholt, das gut zu dem hellgrauen Hemd passte, keine zu auffällige oder zu schrille Sommerfarbe, die dennoch eine gewisse italienische Leichtigkeit ausstrahlte, aber sein hellgraues Lieblingshemd war in der schmutzigen Wäsche gewesen, und er hatte sich eine neue Kombination einfallen lassen müssen. Das hatte eine Weile gedauert.
Dúi kommt nie zu spät zur Arbeit, obwohl er morgens gern lange schläft, deshalb ist so ein Fauxpas noch lange kein Weltuntergang. Aber es ist ihm trotzdem unangenehm, der Hotelbesitzer ist schon da und sitzt mit seinem Computer in der Ecke.
Gylfi beginnt den Tag normalerweise damit, dass er in seinem kleineren Hotel Kaffee trinkt und auf dem Laptop ausländische Zeitungen liest. Das macht er an jedem Wochentag ab acht Uhr, wenn er sich nicht gerade zum Angeln auf dem Land oder im Ausland befindet. Er bleibt ungefähr vierzig Minuten sitzen und lässt sich von der erwachenden Stadt nicht stören. Wenn er die internationalen Nachrichten durch hat, wirft er den Empfangsmitarbeitern und dem Mädchen an der Kaffeetheke einen Gruß zu und begibt sich in sein Büro im großen Hotel. Jenem Hotel, das Dúi in Zukunft gerne führen würde. Deshalb sind kleine Patzer schlecht für seine Karriere.
Dúi wirft dem Hotelbesitzer, seinem Vetter, einen verstohlenen Blick zu und überlegt, ob er ihn reinkommen sehen hat, aber Gylfi hat weder aufgeschaut noch seine Beinstellung verändert, seit Dúi ins Foyer getreten ist. Doch Dúi weiß, dass man intelligente Menschen nie unterschätzen soll.
Er löst das Mädchen von der Nachtschicht ab und scheucht seinen Hund unter den Empfangstresen, wo der tagsüber auf einer weichen Matte schläft. Der Hund gibt nie einen Mucks von sich und tapst nur gelegentlich zur Stärkung der Gesundheit durch die Halle, er humpelt nämlich. Er fällt niemandem zur Last, sondern erheitert die Mitarbeiter, allen voran sein Herrchen, das die Oberaufsicht über den Empfang und die kleine Kaffee-Ecke hat, wo sich die Hotelgäste vor ihren Besichtigungstouren beratschlagen.
Die Bedienungen in der Kaffee-Ecke stecken dem Hund unauffällig Kekse zu, woraufhin er sie mit aufrichtiger Bewunderung anhimmelt. Dem können sie nie widerstehen, nehmen ihn auf den Arm, streicheln und kraulen ihn. Dúi hat nichts dagegen, versteht ihre Begeisterung, hält Olli jedoch von den Hotelgästen fern und pfeift ihn schnell zurück, wenn Gruppen eintreffen. Dann weiß Olli, dass er jetzt ein Nickerchen halten muss. Man kann ja nie wissen, wie die Gäste auf den Hund reagieren, er könnte ihnen auch auf die Nerven gehen.
Allerdings ist Dúi schon aufgefallen, dass die meisten gutbetuchten ausländischen Touristen Schoßhunde wie Olli mögen. Sie sehen ihn manchmal zufällig, stoßen verzückte Rufe aus und erhalten dafür selbstverständlich den besten Service, den das Hotel zu bieten hat.
Aber es kommen auch kauzige Touristen, Einzelgänger und Exzentriker, die mit Fahrrad und Rucksack durch die Welt reisen und aus Orten mit so kuriosen Namen stammen, dass Dúi sie nicht aussprechen kann – wie soll er wissen, was die von Hunden halten?
Der Mann zum Beispiel, der mit seiner Teetasse am Fenster sitzt und Reisebroschüren studiert, könnte aus einem solchen Ort stammen, auch wenn seine Kreditkarte in Frankreich ausgestellt wurde. Das hat nicht viel zu sagen, die Leute sind inzwischen so multikulturell. Aber er sieht gut aus, und die Kamera, die er vor sich auf dem Tisch aufgebaut hat, ist nicht die schlechteste, solche Geräte haben nur Profis.
Das Mädchen von der Kaffeetheke stöckelt mit zwei Tassen in der Hand zu Dúi, wie sie es morgens immer macht, wenn es am Empfang ruhig ist, eine für sich und eine für ihn. Sie tauschen die letzten Neuigkeiten aus, sie erzählt ihm, dass ihre Katze sie gegen fünf Uhr geweckt habe, und er schwärmt von dem Hähnchengericht, das er gestern Abend für sich und seinen Onkel Finnur zubereitet hat, wie er beim Kochen improvisiert und ein phantastisches Gericht kreiert hat.
Dúi kommt nicht mehr dazu, die Zubereitung zu erklären, denn aus dem Aufzug strömen nun Hotelgäste, die auf eine Besichtigungstour wollen. Sie verlangen Auskünfte über dieses und jenes, während sie auf den Bus warten, und plötzlich steht der Fotograf vor ihm.
Er ist ungefähr fünf Zentimeter größer als ich, fällt Dúi als Erstes ein. Der Mann will sich über Mietwagen informieren, und Dúi holt die Preisliste von der Autovermietung, zeigt ihm die günstigsten Konditionen, leiert Zahlen herunter, doch als der Gast nicht reagiert, hebt er den Kopf, um zu sehen, ob er ihm überhaupt zuhört. Was er nicht tut. Er starrt über Dúis Schulter hinweg geradewegs in die Ecke, in der Gylfi sitzt.
Er wirkt so, als hätte er ein Wunder gesehen.
Erst spiegelt sein Gesicht Erstaunen, er öffnet den Mund, senkt die Lider, seine Augen fangen an zu glänzen, als stünde sein Team kurz vor dem Sieg, dann Freude, als hätte er im letzten Moment den Zug noch erwischt, schließlich Bewunderung, als stünde er vor dem Kunstwerk seiner Träume.
Der Fotograf sieht ihn an, weist dann mit dem Kopf Richtung Gylfi und fragt in hervorragendem Englisch, ob das eine bekannte Persönlichkeit sei. Dúi wirft einen kurzen Blick über die Schulter auf Gylfi, als hätte er gar nicht bemerkt, dass dort jemand sitzt, und antwortet knapp und diskret, das sei nicht der Fall. Er zeigt mit Nachdruck auf die Zahlen in der Preisliste und wartet auf eine Reaktion, doch der Fotograf fragt nur, ob er wisse, wer der Mann dort in der Ecke sei.
Dúi gerät in Verlegenheit, weil er nicht weiß, ob er eine solche Frage beantworten soll, findet dann aber, dass es albern wäre, so zu tun, als sei das ein Geheimnis, und sagt, das sei der Hotelbesitzer.
Wie heißt er?, fragt daraufhin der Fotograf, und weil er bei der Frage lächelt, nennt Dúi ihm den Namen. Fragt dann selber hastig – er merkt später, dass er besonnener hätte reagieren sollen –, warum er denn den Namen wissen wolle. Da entgegnet der Fotograf, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, er habe diesen Mann in einer ausländischen Zeitung gesehen, also müsse er doch wohl bekannt sein. Dúi bestätigt, dass die meisten Isländer ihn kennen würden, zumindest vom Foto, er sei wegen seines Berufs öfter in den Medien.
Der Fotograf ist vom Tresen verschwunden, bevor Dúi ihn fragen kann, in welcher ausländischen Zeitung er ein Foto von Gylfi gesehen habe, das würde er nämlich gerne wissen, doch der Mann scheint kein Interesse mehr an Mietwagen zu haben. Er hantiert mit wichtigtuerischer Miene im Stehen an einem der Kaffeetische mit seiner Kamera herum, geht dann hinaus zu der Gruppe, die auf den Bus wartet, und scheint sich ihr anschließen zu wollen.
Als Nächstes sieht Dúi, wie der Mann sich plötzlich zu einem der Hotelfenster dreht, durch die man das Foyer gut einsehen kann, und seine Kamera zückt.
Die Kellerfenster blicken ausdruckslos in den Garten.
Dahinter befindet sich der Arbeitsplatz der Gärtnerin in einem großen Raum, Wohnzimmer und Küche in einem, und an einem kleinen Flur neben der Küche liegt das Bad. Hinter dem Apartment, das ab und an Gäste beherbergt, sind die Abstellkammern. In einer von ihnen bewahrt Nanna ihre Gerätschaften auf: Gartenscheren in unterschiedlichen Größen, Schaufeln und Harken jeglicher Art, Plastiksäcke mit Erde, Dünger, Samen, Schädlingsbekämpfungsmittel, Pflanzkübel und Töpfe.
Die Töpfe stehen der Größe nach sortiert in den Regalen, einige aus Kunststoff, andere aus Ton, sind ineinandergestapelt, sauber und stolz, alte und neue, bei einigen glänzt der Ton. Nanna wählt sie sorgfältig aus, wenn sie Blumen umtopft oder Stecklinge einpflanzt. Alle Zimmerpflanzen werden auf dem Küchentisch in der kleinen Wohnung bearbeitet und dürfen sich dort anschließend ausruhen, denn es strengt an, von einem Topf in einen anderen umgepflanzt zu werden, zumal die Wurzeln manchmal empfindlich sind. Häufig ist der Küchentisch beladen mit Topfpflanzen zum Aufpäppeln, und die kleinsten Töpfe mit den Stecklingen, die noch Wurzeln schlagen und Ruhe brauchen, stehen neben der Spüle in einer langen Reihe. In die Kellerwohnung, die nach Süden liegt, fällt viel Licht, und Nanna zieht die Vorhänge fast nie zu. Sie schaut gerne in den Garten, während sie sich mit den Zimmerpflanzen beschäftigt.
Die Blütezeit der Rachenrebe ist vorbei, sie blüht vom Winter bis ins Frühjahr, während andere Pflanzen mit dem dunklen Winter zu kämpfen haben, doch nun sind die gelben und roten Blüten verwelkt und von den hängenden Ranken gefallen.
Jetzt muss Nanna die immergrüne Pflanze auf ihren sommerlangen Schlaf vorbereiten. Sie stellt sie in einen etwas größeren Topf, gibt ihr neue Erde, streicht vorsichtig mit einem nassen Lappen über die samtigen Blätter, ermuntert sie und versichert ihr, dass der Schlaf sie beleben werde, sie werde bestimmt nichts verpassen, wenn sie den Sommer über schlummere. Sobald Nanna überprüft hat, dass die Rachenrebe in einem guten Zustand und wohlauf ist, wird sie sich aufs Sofa setzen und sich über ein paar Sträucher informieren, mit denen sie liebäugelt und die die Glanzmispel ersetzen könnten. Auf dem Couchtisch liegt ein ganzer Stapel Gartenbücher, doch als sie einen kurzen Blick aus dem Fenster wirft, sieht sie einen Kopf an der Hecke.
Da fällt ihr wieder ein, dass sie sich vorgenommen hatte, die Hecke frühzeitig einzusprühen, damit die Raupen nicht die Blätter wegfressen. Sie überlegt, ob sie sich erst auf die Hecke stürzen und dann die Glanzmispel ausmerzen soll oder umgekehrt – eine schwierige Entscheidung, denn es tut ihr leid, die Mispel zu verlieren. Diese wundervolle Pflanze, die sich im Herbst so hübsch rot verfärbt, was ihr jedes Mal, wenn sie sich zu Fuß oder mit dem Auto ihrem Haus nähert, Freude bereitet, die muss sie opfern. Die schöne rote Farbe. Blühende Mispeln locken Wespen an.
Nanna weiß, welche Pflanzen die unterschiedlichen Insektenarten bevorzugen, denn sie hat sich eine Zeitlang mit dieser Wissenschaft beschäftigt. Sie hätte gerne Bücher über Ökologie übersetzt, aber weil sie keinen Abschluss in dem Fach hat, wollte sie den Verleger nicht danach fragen. Dem war es ohnehin lieber, wenn sie weiter Krimis übersetzte, die wurden immer viel gelesen.
Nach kurzem Überlegen beschließt sie, das Einsprühen der Hecke der Tötung der Mispel vorzuziehen, und geht zur Gartenkammer, um die Giftmischung vorzubereiten. Sie setzt die Schutzbrille auf, holt mit den gelben Gartenhandschuhen an den Händen einen Fünf-Liter-Sprühkanister mit Zerstäuber, füllt ihn mit Wasser und gibt einen Teelöffel Insektenvernichtungsmittel hinein.
Sie sprüht die gesamte Hecke ein und braucht lange dafür, trödelt geradezu bei der Arbeit, wohl wissend, dass sie nur die Vernichtung ihrer Lieblingspflanze hinauszögert.
Die Glanzmispel steht vor der Hecke. Drei Sträucher in einer Reihe, die Blätter noch klein und frisch, beben vor Lebenslust. Nanna kommen die Tränen, als sie sie tötet, als sie den ersten Strauch runterschneidet. Erst geht sie langsam zu Werke, es strengt die Armmuskeln an, doch dann arbeitet sie schneller, beugt sich über die Pflanze, und schon nach kurzer Zeit bricht ihr der Schweiß aus.
Endlich weichen die spärlichen Wolken der aufdringlichen Sonne, die in den Garten strömt und die gelben Gartenhandschuhe aufheizt. Als Nanna sich abrupt aufrichtet, um ihr Gesicht ebenfalls wärmen zu lassen, sieht sie ihn.
Er steht an der Hecke. Betrachtet sie versonnen. Die Zeit kriecht voran, sie fixieren einander, dann lächelt er entschuldigend, nickt und geht weiter wie jeder andere Spaziergänger. Sie sieht ihm nach, er hat eine imposante Kamera in der Hand und die dazugehörige Tasche über die Schulter gehängt.
Nanna überlegt, ob er wohl ein Foto von ihr gemacht hat.
Der Hund sitzt auf der Prachtausgabe.
Auf den großen Büchern auf Finnurs Schreibtisch hockt er am liebsten, während Dúi in der Küche das Essen zubereitet. Der Koch ist dabei so ungestüm, dass es für kleine, humpelnde Hunde gefährlich sein kann, ihm im Weg zu sein. Deshalb zieht er es vor, sich wie Finnur in das friedliche Arbeitszimmer zurückzuziehen, solange es beim Kochen hoch hergeht, leisen Arien zu lauschen und die Buchhaltungszahlen zu inspizieren, die Finnur nicht richtig hinkriegt. Sie zappeln über den Computerbildschirm, und er hat alle Hände voll zu tun, sie zu bändigen.
Die Nachmittagssonne ist tiefer gesunken, steht nun auf Höhe der Fenster, ein Sonnenstrahl fällt auf den Bildschirm und in Ollis Auge, der auf der Prachtausgabe aussieht wie ein einäugiger Seeräuber.
Der Lärm in der Küche nimmt zu, Dúi hat das Radio lauter gestellt, um mehr Schwung ins Kochen zu bringen, und Finnur weiß, dass er jetzt an dem Weißwein nippt, den er für die Soßen verwendet, denn die Sonne hat ihm Appetit gemacht. Finnur versucht, Dúis Musikgeschmack zu tolerieren, weil er weiß, dass das Gejaule aufhört, sobald das Essen auf dem Tisch steht. Die Stimmung in der Küche lässt darauf schließen, dass eine Kneipentour bevorsteht. Dúi lässt kein Partywochenende aus, es sei denn, er hat Schicht oder die Grippe, weshalb Finnur sich nicht aufregt, denn er kann in Ruhe seine Musik hören, sobald der Junge weg ist. Er selbst geht nur selten aus, kann sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen, als in einem lärmigen Tanzschuppen zu sitzen und so zu tun, als amüsiere er sich. Dennoch kommt es manchmal vor, dass er nach einer Einladung zum Essen oder einem Abend im Restaurant gezwungen ist, jemanden in eine Kneipe zu begleiten, Ausländer stürzen sich gerne ins Nachtleben.
Wir bleiben heute Abend schön zu Hause, sagt er zu Olli, ich spiele dein Kindermädchen, aber ich muss dir mal sagen, dass ich mir Sorgen um deinen Papa mache, schon merkwürdig, dass er noch nicht verheiratet ist, mit dreißig.
Finnur hat schon öfter darüber nachgedacht, dass Dúi dieser neue Typ Mann ist, der vor allem in Großstädten auftritt. Junge, alleinstehende Männer, die sich nicht binden wollen, aber ständig Verabredungen haben, auf ihr Äußeres achten, auf ihre Kleidung und ihre Frisur, Gesichtscreme und Sonnenschutz benutzen, viele Freundinnen haben, mit denen sie über Mode plaudern – er hat Dúi beim Telefonieren zugehört –, junge Männer, die ihre Wohnung gemütlich einrichten, was Dúi auch getan hat, bevor er seine Wohnung an die Banken verlor, junge Männer, die in Cafés sitzen, Café Latte trinken, Museen und Galerien besuchen. Dúi hat ihn, seinen Onkel, sogar ein paarmal ungebeten zu Symphoniekonzerten begleitet. Nach herkömmlichen Vorstellungen kein besonders maskulines Verhalten, aber er ist ein kluger Junge, sein Neffe Dúi. Finnur wird ihn unterstützen, bis er wieder ein Dach über dem Kopf hat, denn der arme Kerl kann schließlich nichts dafür, dass er seine Wohnung verloren hat. Er wird ihm das Gästezimmer überlassen, so lange er es braucht. Und er kann sich ruhig in der Küche austoben, das scheint ihm Spaß zu machen.
Beim letzten Konzert hat Finnur die Gelegenheit genutzt und drei neue CDs gekauft. Eine ist für Nanna, sie versorgen sich immer gegenseitig mit CDs, von denen sie wissen, dass der andere sie gerne hätte. Ihr Mann Gylfi, sein Neffe, interessiert sich nicht besonders für Klassik, im Grunde hat Finnur keine Ahnung, welche Musik er am liebsten hört. Jedenfalls kauft Finnur immer CDs für Nanna, wenn er auf Reisen ist. Sie fährt nicht oft ins Ausland, sie mag keine Flughäfen.
Finnur schaut vom Bildschirm auf und in Ollis Augen, während er grübelt. Olli blickt fragend zurück und versucht, sein Anliegen zu deuten, doch da schallt der Ruf nach Oliver aus der Küche. Der Hund wird immer beim vollen Namen genannt, wenn er etwas tun soll. Finnur hilft ihm vom Schreibtisch und verspricht ihm, einen Abendspaziergang mit ihm zu machen, wenn er tüchtig sei und seinen Napf leer gefressen habe.
Die Rosen zittern vor Erwartung.
Die Halbbrüder stehen in einem Gewächshaus auf dem Land, und der Ältere fragt den Jüngeren, ob er sich nicht wieder eine Frau suchen wolle wie ein erwachsener Mann.
Sie ragen wie zwei zurechtgestutzte Stängel aus dem farbenprächtigen Blumenmeer, den Duft von Rosen und Geranien in der Nase. Die Rosen sind gespannt auf die Antwort des jüngeren Bruders, möchten wissen, ob er wieder heiraten wird, denn sie nehmen oft an Hochzeiten teil. Doch die Männer warten nur, bis die Verkäuferin die Stiefmütterchen für sie zusammengesucht hat, die vor dem Gewächshaus gezogen werden und sich im Regen langweilen. Die sind für Hjálmars Mutter, sie pflanzt sie im Sommer in Blumenkästen auf ihrem Balkon, will nur die eine Sorte, denn sie vertraut darauf, dass Stiefmütterchen bis zum Herbst durchhalten, unabhängig vom Wetter im Sommer, sie sind so genügsam. Nanna hingegen hat Sonderwünsche für die Bepflanzung ihrer Terrasse und hat auf einem Zettel Blumennamen notiert, die keiner der beiden Brüder kennt.
Als das Mädchen die Stiefmütterchen zusammengesucht hat, gibt Gylfi ihr den Zettel mit der Bemerkung, dass die angegebenen Kräuter frisch und hübsch sein sollen, sonst würden sie wieder zurückgeschickt. Er merkt sofort, dass er sich keine Sorgen machen muss, das Mädchen strahlt vor Pflichtbewusstsein und Eifer, während es um die Brüder herumscharwenzelt. Dieses Verhalten ist eindeutig auf die Anwesenheit des bekannten Schauspielers zurückzuführen. Sie kann den Blick kaum von Hjálmar lösen, so sehr freut sie sich darauf, ihren Freundinnen zu erzählen, dass sie einen berühmten Mann bedient hat und was er gekauft hat.
Ihre Bewunderung ist dem Schauspieler nicht entgangen. Während er sich mit seinem Bruder unterhält, hat er sie im Geiste bereits taxiert und darüber nachgedacht, ob es sich lohnen würde, mit ihr zu schlafen. Gylfis kritische Bemerkung stört diesen reizvollen Gedankengang und ärgert ihn, so dass er zurückfragt – wobei er ungewollt ein bisschen giftig klingt –, ob er sich denn unbedingt einmischen müsse, wie ein Mann von Mitte dreißig zu leben habe.
Gylfi bestreitet das, er versuche doch nur, Hjálmars guten Ruf und sein Ansehen zu retten, immerhin sei es abwegig, bei der eigenen Mutter zu wohnen, als zweifacher Vater, und zweifelsohne habe er als Bruder volles Recht, das anzusprechen.
Hjálmar schießt durch den Kopf, dass Gylfi hinter seine Abstecher ins Hotel gekommen sein könnte. Dúi besorgt ihm manchmal ein Zimmer, wenn er mit einer seiner Freundinnen eine Unterredung unter vier Augen hat, wie er das nennt, vielleicht für eine Stunde oder so, Dúi weiß, dass er sie nicht mit zu sich nehmen kann, weil seine Mutter zu Hause arbeitet. Zumal deren Charakter jeden normalen Mann davon abhalten würde, eine Geliebte mit nach Hause zu bringen. Dúi hat ihm jedoch eindeutig zu verstehen gegeben, dass es nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, ihm ein Liebesnest zu beschaffen, schließlich sei es ein Kündigungsgrund, falls das herauskomme. Natürlich weiß Hjálmar das oder kann es sich zumindest vorstellen. Sie kennen beide den Hotelbesitzer, und obwohl er als gutmütig gilt, wird er zweifellos wenig begeistert sein, wenn er hört, dass sein Hotel als Freudenhaus benutzt wird. Selbst wenn es sich dabei um seinen geschiedenen Halbbruder handelt.
Hjálmar möchte das Gespräch nicht weiter vertiefen, damit diese Sache nicht zur Sprache kommt, nickt zustimmend und sagt, er verstehe ja seine Sichtweise. Dabei muss er daran denken, dass ihre Vergangenheit immer zwischen ihnen steht, stets ist es Gylfi, der auf gewisse Weise die Oberhand behält, als wäre er besser, reifer.
Was nicht von ungefähr kommt, daran hat ihr Vater schuld. Hjálmar ist ein uneheliches Kind, das der Vater mit einer seiner vielen Geliebten gezeugt hat, während Gylfi von der Ehefrau stammt, und die war aus reicher Familie. Als die Ehe geschieden wurde, kam der Alte zu Geld, allerdings nicht viel, da man seiner Frau vor der Heirat empfohlen hatte, Gütertrennung zu vereinbaren. Nach der Scheidung wurde sie noch reicher, zu seinem großen Verdruss, doch da lebte er bereits mit Ingdís, Hjálmars Mutter, zusammen. Durch krumme Geschäfte und Verschwendungssucht verlor er sein gesamtes Geld und trieb Mutter und Kind nach seinem Tod in den Ruin. Wobei der Tod recht bald kam, man fand ihn am Flussufer, mit einem fetten Fisch im Arm, neben sich einen Flachmann mit Whisky.
Mit dreißig war Gylfi alleiniger Hotelerbe und Vollwaise, weil seine Mutter ebenfalls gestorben war. Sei es aus Sehnsucht nach einer Familie, aus dem für junge Männer typischen Gerechtigkeitssinn, oder um wenigstens Kontakt zu seinen Blutsverwandten zu halten, er gab keine Ruhe, bis sein Bruder, der damals bei seiner Mutter lebte, eine Immobilie besaß. Deshalb gehört Hjálmar offiziell die Wohnung, in der er mit seiner Mutter wohnt, aber aus Geldmangel kann er sie weder vor die Tür setzen, um alleine dort zu wohnen, noch eine andere Wohnung kaufen. Nach seiner Heirat mit Ása hatten sie gemeinsam eine Wohnung gekauft, die Ása jedoch nach der Scheidung behalten hatte, da die Kinder bei ihr geblieben waren. Hjálmar musste zurück in seine eigene Wohnung ziehen, die seine Mutter mittlerweile für sich beanspruchte, zahlte Unterhalt und hatte die Kinder jedes zweite Wochenende.
Manchmal wusste er nicht, ob er seinem Bruder für das Geschenk dankbar sein sollte. Immerhin hatte seine Mutter davon profitiert, und er vielleicht auf gewisse Weise auch, denn die Halbbrüder waren sich nähergekommen. Letztendlich hatten sie viele Gemeinsamkeiten und verstanden sich gut, insbesondere wenn ihr Onkel Finnur, der Bruder ihres Vaters, dabei war. Finnur war nur elf Jahre älter als Gylfi und hatte die Begabung, Meinungsverschiedenheiten beizulegen, die Dinge aus anderen Perspektiven zu beleuchten und Lösungsvorschläge zu machen, mit denen alle einverstanden waren. Ihr gemeinsames Hobby war das Band, das sie zusammenhielt.
Sie waren alle leidenschaftliche Angler, und der Grund für den Ausflug der Brüder in den Westen war das Angeln, oder vielmehr Gylfis Angelhaus, das jedes Jahr auf Vordermann gebracht und für die kommende Saison hergerichtet werden musste. Der Kühlschrank funktionierte schon länger nicht mehr, deshalb hatte Gylfi einen riesengroßen neuen gekauft und seinen kleinen Bruder gebeten, ihn mit ihm gemeinsam hinzubringen. Er wollte das unbedingt selber machen und niemanden damit beauftragen, denn das Angelhaus war sein Heiligtum, ein Zufluchtsort für ihn und seine Familie. Wobei Nanna sich nicht besonders fürs Angeln interessierte, auch wenn sie manchmal mitkam. Doch nun nutzte sie die Fahrt auf ihre Weise, und als Ingdís, Hjálmars Mutter, erfahren hatte, dass die Männer auf dem Rückweg bei einer Gärtnerei vorbeiwollten, ergriff sie die Gelegenheit ebenfalls beim Schopf.
Und jetzt fragt der Patron mitten in diesem Blumenmeer, ob er sich nicht wieder eine Frau suchen wolle wie ein erwachsener Mann. Hjálmar weiß gar nicht, was er antworten soll, hat nie darüber nachgedacht, was die Formulierung »ein erwachsener Mann« bedeutet. Musste man verheiratet sein, das Leben in festen Bahnen, um nach gesellschaftlichen Maßstäben ein erwachsener Mann zu sein? Hjálmar ist sich nicht sicher, ob er ein solches Leben führen möchte.
Das Fieberthermometer liegt auf dem Waschtisch.
Es zeigt neununddreißig Komma vier Grad, daneben stehen ein Gläschen Ethanol und Vaseline. Niemand, der ins Bad geht und das Thermometer entdeckt, wird übersehen, dass dessen Benutzerin schwer angeschlagen ist. Sogar so schlapp, dass sie noch nicht einmal genug Energie hat, das Thermometer zu reinigen und wieder in die Hülle zu stecken, geschweige denn, dass sie in diesem Zustand in der Lage ist, Kinder zu hüten.
Ingdís liebt ihre Enkelkinder, tut alles für sie, ist aber ein bisschen genervt, weil sie am Wochenende überhaupt keine Zeit mehr für ihre Hobbys und ihre Arbeit hat. Entweder verbringt sie das Wochenende mit Putzen, Waschen, Einkaufen und Kochen oder mit der Bespaßung der Kinder. Das Papa-Wochenende ist im Grunde nicht Hjálmars Wochenende, sondern ihres. Sie muss auf die beiden aufpassen, sie verköstigen, am besten noch etwas Nettes mit ihnen unternehmen, um sie bei Laune zu halten, damit ihr Sohn sich tagsüber ausruhen kann, bevor er auf die Bühne muss, das ist ja immer so stressig, oder zu Proben für Filmaufnahmen oder zu einem Ausritt mit dem Regisseur, schließlich hat es seinen Preis, ein Star zu sein, das weiß niemand besser als sie, und ihr Hjálmar hat Talent, er gehört in die vorderste Reihe. Es ist verwerflich, Künstlern im Weg zu stehen, zumal das alles eines Tages in ihren Autobiographien enthüllt werden wird. Ingdís möchte dieses Risiko nicht eingehen, sie möchte, dass man mit Zuneigung und Respekt an sie zurückdenkt.
Sie hat sich braunes Make-up unter die Augen getupft, um die Augenringe zu verstärken, das Gesicht weiß gepudert, um blasser zu wirken, sich Gel in die Haare geschmiert, damit es aussieht, als hätte sie in der Nacht bei hohem Fieber stark geschwitzt, und jetzt kauert sie in ihrem Zimmer unter der Bettdecke, mit gequältem Gesichtsausdruck. Mit Gliederschmerzen. Wartet darauf, dass ihr Sohn aufsteht und sieht, wie krank sie ist, absolut nicht in der Lage, das ganze Wochenende Kinder zu hüten.
Unter der Bettdecke liegen die Bewerbungen der Autoren für das Theaterstipendium. Sie ist in der Jury, die die aussichtsreichsten Stücke auswählt, und es ist ihr erklärtes Ziel, in so vielen Kommissionen wie möglich zu sein. Ingdís hat sich vorgenommen, das Wochenende unter der Bettdecke dafür zu nutzen, die Bewerbungen durchzusehen und es sich gutgehen zu lassen. Sobald Hjálmar ins Theater gegangen ist, wird sie im Bademantel mit einem Glas Weißwein durch die Wohnung tänzeln, sich wieder wie zwanzig fühlen, Blues auflegen und sich ein Gericht mit Hähnchenbrust kochen.
Als sie ihn ins Bad gehen hört, dreht sie hastig den Kopf nach rechts, damit kein Licht auf ihr Gesicht fällt, und schließt die Augen. Versucht sich vorzustellen, was er tagsüber mit den Kinder machen wird, jetzt, wo sie aus dem Schneider ist. Man kann mit Kindern in der Innenstadt nicht viel unternehmen, die ist für Menschen im Vergnügungsalter ausgelegt. Er könnte ja mit ihnen in ein Einkaufszentrum fahren, da gibt es immer irgendwelche Spielgeräte, tröstet sie sich, hört dann, wie er aus dem Badezimmer kommt und in die Küche geht, ohne zu ihr hineinzuschauen. Sie hört, wie er das Wasser in die Kaffeemaschine gießt, den Kühlschrank öffnet, um Butter und Käse herauszuholen, hört das Knallen des Toasters, das Rascheln der Zeitung, er kommt überhaupt nicht auf die Idee, nach ihr zu sehen. Als wäre er froh, sie los zu sein. Sie ist verletzt und fühlt sich prompt noch kränker.
Plötzlich steht er in der Tür, zum Glück hält sie genau in dem Moment die Augen geschlossen, und sagt, er müsse jetzt die Kinder holen. Ob sie nicht bald aufstehe? Sie antwortet leise und geschwächt, sie habe Fieber und Gliederschmerzen, doch er entgegnet, wie dem auch sei, er müsse die Kinder holen, ihre Mutter gehe zu einem Geburtstag, und er habe am Nachmittag Filmaufnahmen. Ingdís setzt sich halb im Bett auf und sagt, sie könne die Kinder heute nicht nehmen, sie sei krank, das sehe er doch. Sie sind dir ja nicht im Weg, sagt er trocken, als hätte sie durchblicken lassen, seine Kinder seien außergewöhnlich sperrig, dann schauen sie eben fern, ich kaufe ihnen ein paar Filme.
Ingdís’ Ruhm besteht darin, einen berühmten Sohn zu haben. Obwohl sie auf ihrem Gebiet als Autorin wissenschaftlicher Werke über Religionen respektiert und in alle Kommissionen gewählt wird, verblasst ihre eigene Leistung, sobald die Leute entdecken, dass sie die Mutter des berühmten Schauspielers ist. Dann wird ihr ein besonderes Lächeln, ein besserer Service zuteil, sein Glanz fällt auf ihr Selbstbild, durch ihn erlangt sie einen Platz in der Gesellschaft. Das ist ihr wichtig nach dem einsamen Existenzkampf früherer Jahre.
Deshalb kann sie gar nicht unfreundlich zu den Kindern sein, als sie mit ihrem Papa hereingetrippelt kommen. Obwohl sie eigentlich andere Pläne hatte.
Der Windschutz an der Veranda ist so hoch, dass Nanna auf einen Hocker steigen muss, um den oberen Teil zu streichen. Sie hat eine etwas dunklere Farbe gewählt, gelb hatte so viel Ungeziefer angelockt, über das sie gar nicht sprechen will.
Gylfi hat schon den größeren Tisch und die Gartenstühle für sie hinausgetragen, sie hat eine karierte Decke über den Tisch gebreitet und grüngemusterte Polster auf die Stühle gelegt, der Wetterbericht verspricht Sonne und Trockenheit.
Eine Kanne mit Wasser und drei Zitronenscheiben steht auf einem geblümten Tablett auf dem Tisch, eingerahmt von Gläsern, als käme eine Gruppe Gäste zu Besuch.
Gylfi deutet auf die Gläser und fragt, ob sie Gäste erwarte, er kann sich nicht erinnern, jemanden zum Essen oder auf einen Cocktail eingeladen zu haben, doch sie entgegnet, das sei nur wegen der Atmosphäre. Ein Arrangement mit einer Kanne Wasser und Gläsern mache sich so hübsch auf einem Sommerbild.
Er schaut sich verstohlen um, entdeckt auf der Veranda aber keine Kamera, wobei ihm etwas einfällt, das er fast vergessen hätte. Während er in sein Jackett schlüpft, sagt er beiläufig, als sei das nicht besonders wichtig, könne sie aber vielleicht interessieren, dass ein ausländischer Fotograf bei ihm gewesen sei und gefragt habe, ob er ihn in verschiedenen Situationen ablichten dürfe, der Mann mache nämlich ein Buch über Land und Leute.
Und was hast du gesagt?, fragt Nanna, die sich mehr für den Windschutz als für ihn interessiert. Er antwortet, er habe dem Mann versprochen, darüber nachzudenken.
Gylfi reckt sich zu ihr hoch, um ihr einen Abschiedskuss zu geben, tut es, ohne ihr dabei in die Augen zu schauen, und sagt, er würde viel lieber bei ihr auf dem Sommerbild sitzen, als zu diesem Meeting zu gehen, woraufhin sie nickt und sagt, das wisse sie doch. Dann erkundigt er sich nach Alltagsdingen, ob ihre Tochter den ganzen Tag in der Bibliothek lernen wolle, dabei weiß er genau, dass sie das vorhat, er wird sie selber hinfahren, weil ihr Wagen in der Werkstatt ist, und sie auf dem Rückweg wieder abholen.
Nanna bejaht und fügt im Spaß hinzu, man lasse sie den ganzen Tag alleine, es sei aber gar nicht so schlimm, alleine zu sein, wenn man so viel zu tun hätte. Wenn ihr heute Abend nach Hause kommt, kriegt ihr etwas Gutes zu essen, sagt sie, ich mache wahrscheinlich Lammeintopf, darauf könnt ihr euch schon mal freuen.
Als Vater und Tochter losfahren, überkommt sie dennoch die Einsamkeit. Sie krallt sich in ihr Herz, und Nanna kann nichts dagegen machen. Sie fühlt sich erschöpft, leer, muss sich an ihren Sommertisch setzen, bis der Moment vorübergeht.
Nanna hat dieses Gefühl in letzter Zeit öfter gehabt, spürt, dass es mit Gylfi zusammenhängt, weiß aber nicht, woher es kommt.
Sie hält den Pinsel in der Hand, starrt auf die hellbraune Farbe an seinen Borsten und hat eine andere Veranda vor Augen. Alte Steinfliesen, niedrig blühende Pflanzen in großen braunen Tontöpfen, ein gedeckter Tisch unter einem schattigen Obstbaum, eine sattgelbe Weinkaraffe auf einer blaukarierten Tischdecke, eine Schale mit glänzenden Tomaten, eine andere mit Salat, Brot in einem Korb, plaudernde Leute, Klaviermusik dringt aus dem Haus, sie im Sommerkleid und Sandalen legt ein Herz aus Nüssen.
Die Bäume sehen sie in der Stille dasitzen. Nanna weiß, dass sie sie anschauen, und verzieht keine Miene. Sie haben sich im Lauf der Jahre an das Haus herangetastet und denken, sie hätte es nicht bemerkt. Ihnen ist nicht klar, dass Nanna alles bemerkt, auch wenn sie vorgibt, nichts zu sehen. Sie steht auf und sagt zu dem Pinsel, das wird schon vorübergehen. Vielleicht ist es besser, mit dem Windschutz zu warten und stattdessen die Pflanzkiste für den Rucola aufzustellen. Eigentlich ist es dafür höchste Zeit.
In hundert Jahren sind alle, die jetzt in der Küche stehen, tot. Vielleicht schon früher, in siebzig Jahren, fünfzig Jahren, wer wird dann in dieser Küche stehen? Wenn ihre Mutter und ihr Vater tot sind und sie selbst vielleicht auch. Sie hatte schon mal so ein skurriles Massentod-Feeling. Das war in einer Kirche. Da musste sie ihre Eltern zu einer Beerdigung begleiten. Sie ließ den Blick über die Leute in der Kirche schweifen und dachte, in hundert Jahren sind die alle tot. In zehn Jahren sind es fünf weniger, in zwanzig Jahren sechzehn und so weiter, bis alle weg sind. All diese Leute, die glauben, sie wären unsterblich.
Als sie klein war, dachte sie, ihre Eltern würden sich äußerlich niemals verändern und ewig leben. Dann kam die schlimme Zeit, als sie entdeckte, dass sie sterben würden wie andere Leute auch. Diese dämlichen Leute, die ständig krepieren mussten. Ihre Eltern waren schon steinalt, das musste sie zugeben, beide schon weit über vierzig. Und so furchtbar normal, die machten nie was Interessantes. Dabei waren sie eigentlich immer noch ganz süß, wie sie sich da in der Küche ständig in die Quere kamen, während sie das Frühstück für sie zubereiteten, weil sie früh in die Bibliothek musste, um für diese scheiß Prüfung zu lernen.
