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Thórsteina Thórsdóttir ist Lehrerin und hat die perfekte Fassade aufgebaut: selbstbewusst, unnahbar und scharfzüngig. Doch dann wird ein junger Mathematiklehrer an ihre Schule versetzt, und ihr Leben gerät mächtig durcheinander. »Kristín Baldursdóttir formuliert mit scharfer Klinge - und es scheint ihr diebische Freude zu bereiten.« Amazon.de
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2013
Kristín Marja Baldursdóttir
Roman
Die isländische Lehrerin Thórsteina Thórsdóttir ist bei ihren Schülern wegen ihrer Strenge und Scharfzüngigkeit gefürchtet. Auch das restliche Kollegium schwankt wegen dem kecken Auftreten ihrer attraktiven Kollegin zwischen Faszination und Neid. Als aber ein junger Mathemathiklehrer an ihre Schule versetzt wird, sieht sich Thórsteina gezwungen, ganz andere Saiten aufzuziehen…
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Kristín Marja Baldursdóttir ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Journalistinnen in Island. Im Fischer Taschenbuch Verlag sind lieferbar:
»Möwengelächter«, »Eismalerin«, »Die Farben der Insel«, »Hinter fremden Türen«, »Sterneneis«. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Reykjavík.
Covergestaltung: bürosüd°, München
Coverabbildung: ©Darren Greenwood/Design Pics/Corbis
Erschienen bei FISCHER E-Book
Die isländische Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Kular af degi« im Verlag Mál og Menning, Reykjavík.
© Kristín Marja Baldursdóttir 1999
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer GmbH, Frankfurt am Main 2002
ISBN 978-3-10-402765-4
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[Kapitel 1]
[Kapitel 2]
[Kapitel 3]
[Kapitel 4]
[Kapitel 5]
Das Wörterbuch, das ich kaufte und mit nach Hause nahm, hat ein Gewicht von achthundert Gramm und einen Umfang von siebenhundertsechs Seiten. Kaum zur Tür hereingekommen, wog ich es und registrierte Gewicht und Seitenzahl in meinem grauen Buch, noch bevor ich mir den Mantel auszog, nicht aus Obsession, sondern wegen der Vergesslichkeit, die sich immer stärker bemerkbar macht. Als ich so im Spaß meine Vergesslichkeit dem Antiquar gegenüber erwähnte, um die Konversation während des Kaufs in Gang zu halten, sagte er und hatte es ganz offensichtlich schon zu vielen anderen gesagt, dass das menschliche Gehirn sich nicht im richtigen Verhältnis zum technischen und wissenschaftlichen Fortschritt entwickelt habe, und deswegen sei es nicht imstande, sich die ungeheure Menge der Informationen anzueignen, die ihm aus allen Richtungen zugetragen würde. Was ist mit den Gehirnen, die diese Entwicklungen in Gang setzen, fragte ich, aber dann erklärte er, dass er seine Frau anrufen müsse, und verschwand in einem kleinen Hinterzimmer.
Was sie mit der Sache zu tun hat, weiß ich nicht.
Französisch-Französisch, und in schlechtem Zustand. Die Umschlagdeckel fehlen und auch die ersten Seiten mit den Informationen über Herausgeber und Erscheinungsjahr. Alter somit unbekannt. Natürlich sah ich sofort, dass das Erscheinungsjahr fehlte, aber ich kaufte es wegen der Farbillustrationen. Es ist einmalig, ein Wörterbuch mit Illustrationen von Kleidung, Gerätschaften und Lebensmitteln zu finden und mit allem, was für den, der Französisch lernt, eine Rolle spielt. Es genügt mir nicht mehr, in dieser Sprache nur radebrechen zu können, ich will sie richtig beherrschen, damit ich mit meinen Freunden, die in Südfrankreich leben, über Politik und Künste reden kann. Dort, wo van Gogh sich das Ohr abgeschnitten hat, beziehungsweise ganz in der Nähe. Ich möchte sie auch zum Essen einladen, wenn ich mir da im Süden eine Wohnung mit Blick auf das Mittelmeer gekauft habe. Aber das steht auf einem anderen Blatt, darüber werde ich mir morgen beim Frühstück Gedanken machen. Lehrerinnen denken nach einer anstrengenden Unterrichtswoche nicht logisch.
Erst recht nicht an diesem Freitag.
Jetzt gilt es, die Ruhe zu bewahren, ein Raucherstündchen einzulegen und so zu tun, als sei nichts passiert.
Ein Wörterbuch mit Farbillustrationen. Äußerst praktisch für Anfänger. Heute Abend wird darin geblättert. Von hinten bis vorne. Ein Wort herausgegriffen. Gelernt. Zehn Wörter dahinter. Zehn Wörter davor.
Auf diese Weise schlachte ich Wörterbücher aus.
Mit anderen Büchern habe ich nichts am Hut, ich lese nicht den Unsinn, den die Leute verzapfen.
Wie herrlich, im Dämmerlicht einen Zigarillo zu rauchen und die Woche hinter sich zu lassen. Durch die Topfblumen einen Blick auf die Häuser ringsum zu werfen. Immer ist Betrieb bei der Nachbarin von gegenüber, der Reiki-Meisterin. Oder ist sie Aura-Spezialistin? Bei diesen Leuten gibt es jetzt so viele Berufsbezeichnungen. Das ist nicht so zu verstehen, als verfolge ich ihre Unternehmungen mit, man kommt aber einfach nicht umhin, durch das erleuchtete Fenster hineinzusehen, die Person hat nicht so weit gedacht, sich Gardinen oder Rollos zu-zulegen. Eine bemerkenswerte Frau, tagsüber Bankangestellte in Dienstkleidung und abends Reiki-Meisterin in geblümtem Kleid. Soweit ich sehen kann, haben sich da drüben sechs versammelt, da ist womöglich ein Wochenend-Workshop im Gange? Mir wurde gesagt, dass sie mit solchen Veranstaltungen gutes Geld macht. Lauter Frauen bei Geistheilung und esoterischer Massage. Was für Gestalten sind das wohl? Wo habe ich das Fernglas hin-getan?
Aha, sie streichelt sie also und tätschelt sie. Na, da schau her. Ja, ich wünschte, mir würde auch jemand den Rücken kratzen.
Na ja, das ist alles ganz nett und positiv. Aber man ist gezwungen, auf das erleuchtete Fenster zu starren, denn Licht zieht Aufmerksamkeit auf sich. Gesetzmäßigkeit des Auges.
– Aber ist nirgends Licht bei dir, Thórsteina?
– Nein, ich liebe die Dunkelheit.
– Nirgends Licht im Haus?
– Nicht, dass ich wüsste. In der Wohnung unten ist im -Augenblick niemand zu Haus.
– Aber im Keller, ist dort Licht?
– Wie soll ich das wissen? Aber sind dort nicht gerade erst die Birnen ausgewechselt worden?
Achthundert Gramm. Umschlagdeckel weg, Erscheinungsjahr in alle Ewigkeit ein ungelöstes Rätsel. Unglaublich, wie rücksichtslos Leute mit einem Wörterbuch umgehen können. Ein Wörterbuch, in dem man bis ans Ende seiner Tage nachschlagen kann, kein Vergleich zu den Einwegromanen, die im Regal Staubmilben zum Opfer fallen. Was für eine verkrachte Exis-tenz hat dieses Buch besessen? Ein isländischer Schlunz, der mit seinen Sachen nicht gut umgeht, seine Bücher zerfleddert, seine Schuhe nicht putzt, sich bekleckert und sich den Mund am Ärmel abwischt.
Ich hätte gerne über die Umschlagdeckel streichen, mit den Fingerspitzen die Oberfläche abtasten mögen. War sie glatt oder rau? Vielleicht wie winzige Sandkörnchen? Besonders alt ist es nicht, von den Illustrationen her zu urteilen vermutlich aus den siebziger Jahren. Ich blättere aber nicht gleich darin, kommt nicht infrage, ich spare mir das bis Mitternacht auf. In diesem Haushalt sind die Dinge geordnet und geregelt. Hier ist alles geplant und verläuft programmgemäß. Nach der Raucherstunde packe ich meine Tasche aus, ordne die Lehrbücher links, Hefte und lose Blätter rechts, plane den Unterricht für die nächste Woche, trage das Wetter ein, bestelle die Pizza, sehe mir die Nachrichten an, sortiere die Garderobe, gehe in die Badewanne und dann ins Bett. Dann erst hole ich das neue Wörterbuch hervor.
Blättere von hinten bis vorne. Fische mir ein Wort heraus.
Bei welchem Wort ich wohl landen werde?
In einem Zug lerne ich einundzwanzig Wörter, zehn dahinter und zehn davor, aber selbstverständlich dauert es ein paar Tage, bis sie im Gedächtnis verankert sind. Ausländische Wörter muss man mindestens sechsmal hören, bevor sie sich einen Platz im Sprachzentrum des Gehirns erobern.
Sprachlehrer sollten das beachten.
Ich beachte das bei meinen Schülern; meine Methode, ihren Wortschatz zu erweitern, ist unfehlbar. Nach jedem Kapitel nehme ich zwanzig Wörter heraus, lasse sie in Übersetzungen und kurzen Texten vorwärts und rückwärts damit arbeiten. Die besten Schüler erhalten die Aufgabe, ein Gedicht zu schreiben, in dem mindestens die Hälfte dieser Wörter vorkommt. Die Gedichte sind dilettantische Stümpereien der schlimmsten Sorte, aber sie betrachten sich als große Dichter und gehen mit geschwellter Brust aus dem Klassenzimmer, die bewundernden Blicke der Mitschüler im Nacken. Die Lehrerin lächelt spöttisch. Eine gute Durchschnittsnote bei der zentralen Englischprüfung ist gesichert. Die Reimereien kommen in eine kleine Mappe, und wenn ich die Gedichtblätter zusammenhefte, sehe ich am Gesichtsausdruck meiner Kollegen, dass das Eindruck schindet und sehr kulturbeflissen wirkt.
Dann sind da aber noch die schlechten Schüler, die nie und nimmer auch nur eine Zeile zustande bringen können und kaum in der eigenen Sprache lesen gelernt haben, geschweige denn in Englisch. Um sie etwas hochzuhieven, was leider wegen der Durchschnittsnote notwendig ist, verwende ich die immer gleich populären Ausspracheübungen. Gebe ihnen einen bestimmten Abschnitt als Hausaufgabe auf, gehe dann mit ihnen einzeln in einen Nebenraum und lasse sie auf Band sprechen, nehme die Kassette mit nach Hause und höre mir den Quatsch unter Qualen an. Am nächsten Tag bespreche ich ernsthaft einzelne Wörter mit ihnen, sage ihnen, wo in dem Abschnitt sie besonders gut waren, was hingegen verbessert werden müsste, und ich rede mit jedem Einzelnen von ihnen wie mit einem angehenden Fernsehstar bei der BBC. Eines schönen Tages werden sie dann anfangen, kurze Nachrichten zu schreiben.
Meine Methoden sind ausgeklügelt.
Ich bin Lehrerin von Gottes Gnaden.
Meiner wird man zweifelsohne lange gedenken.
Der Herr ist mein Hirte, an nichts wird es mir mangeln. Heute nehmen wir Abschied von Thórsteina Thórsdóttir, die ihr Leben der Unterweisung der isländischen Jugend opferte. Mir steht noch heute deutlich vor Augen, als ich Thórsteina zum ersten Mal begegnete. Wir Kinder hingen vor dem Klassenzimmer herum und warteten auf die Englischlehrerin. Wir hatten gehört, dass diese Frau streng wäre, und hatten beschlossen, sie gleich in der ersten Stunde matt zu setzen. Aber Thórsteina setzte uns bereits matt, als sie den Flur entlangkam. Das Klacken ihrer soliden Lehrerclogs erinnerte an regelmäßige Glockenschläge. Sie ging erhobenen Hauptes einher und war makellos gekleidet, schwarzer enger Rock und grauer weicher Pullover. Das schwarze glänzende Haar war nach hinten gekämmt und zu einem Knoten geschlungen, ihr Blick war scharf und stechend. Als wir im Klassenzimmer waren, sagte sie keinen Ton, grüßte uns nicht wie die anderen Lehrer, sondern blickte mit Eiseskälte über die Klasse und sagte dann mit dunkler Stimme, in der ein Hauch von Verachtung mitschwang: Ihr schreibt jetzt einen englischen Aufsatz. In dem müssen euer Name, eure Hobbys und eure Zukunftspläne vorkommen. Wir waren erst vierzehn Jahre alt. Dann sammelte sie die Aufsätze ein, teilte neue Lehrbücher aus, gab uns etwas auf und sagte, dass wir bis zum Ende der Stunde still arbeiten müssten. Auf diese Weise vergingen einige Wochen in offener Feindseligkeit von ihrer Seite, aber ehe wir uns versahen, hatten wir angefangen, wie verrückt für ihre Stunden zu arbeiten. Sie schien jeden Einzelnen von uns im Visier zu haben, wusste um unsere schwachen Seiten, aber auch um die starken, die vielleicht in diesen Jahren nicht sehr viele waren, kannte unsere Sehnsüchte und Wünsche. Ich hatte in diesen Jahren großes Interesse an Modedesign und bekam eine Aufgabe über genau dieses Thema, Übersetzung, Aufsatz und Grammatikübungen über Modedesign. Ein Junge in der Klasse, der von früh bis spät nichts anderes als Fußball im Kopf hatte, bekam eine sehr schwierige Aufgabe über englischen Fußball und die bekanntesten Spieler. Die er selbstverständlich mit Feuereifer bewältigte. Die Unterrichtsmethoden von Thórsteina waren vom ersten Tag an ausgeklügelt. Sie war eine Lehrerin von Gottes Gnaden.
Ich habe festgestellt, dass die Leute zusammenfahren, wenn sie hören, was für eine dunkle Stimme ich habe. Sie verstummen und starren mich an in der Hoffnung, dass ich weiter spreche. Praktisch für einen Lehrer. Ich hätte mir aber gewünscht, dass mehr auf meine Kleidung eingegangen worden wäre. Es hätte beispielsweise erwähnt werden können, dass ich nicht immer Clogs anhabe. Oft hochhackige Schuhe.
Aber das sind meine Methoden, das ist korrekt. Ich gebe nie auch nur ein Gramm nach.
Du gibst kein Gramm nach, sagte eine erfahrene Lehrerin vor zwanzig Jahren zu mir. Diese ungewöhnliche Ausdrucksweise prägte sich mir ein. Sie traf mich im Lehrerzimmer an, als mir nach Heulen zumute war. Da hatte sie achtzehn Jahre lang bereits Jugendliche unterrichtet, ich einen Monat. Voll gepfropft mit Pädagogik und einem Universitätsabschluss in Englisch, wurde ich nicht mit dieser Teenagerhorde fertig und war nach jeder Unterrichtsstunde fix und fertig mit den Nerven. Niemand hatte mir gesagt, wie man am besten den Schülern gegenüber auftritt, niemand hatte mir gesagt, dass am Anfang das Auftreten des Lehrers die wichtigste Rolle spielt. Disziplin. Damals war das Wort Disziplin verpönt. Aber die erfahrene Lehrerin scherte sich nicht um die Theorien der Pädagogen, zog ihren Stil durch und unterrichtete so, wie es ihr passte. Zeigte nach einem Block von sechs Stunden sozusagen keinerlei Ermüdungserscheinungen. Und in einer Ecke des Lehrerzimmers flüsterte sie mir die Geheimnisse erfolgreichen Unterrichtens zu. Du erhebst niemals die Stimme, sagte sie. Sprichst leise und drohend und stellst permanent Anforderungen. Verlangst, dass sie ein Arbeitsheft anlegen, und setzt sie in der Jahresnote herunter, falls ein Blatt fehlt. Wenn sie kapiert haben, was die Glocke geschlagen hat, kannst du es etwas ruhiger angehen und ihre Talente zur Geltung kommen lassen. Aber denk daran, niemals ein Gramm nachgeben.
Der Zigarillo ist geraucht. Die besinnliche Stunde zu Ende, und immer noch ist die Reiki-Meisterin zugange. Ich habe den Eindruck, dass sie wirklich in Fahrt ist, sie hebt die Hände, hält sie da irgendetwas? Ich muss mir ein besseres Fernglas anschaffen, so geht das nicht. Vor vielen Jahren unterrichtete ich ihren Sohn und hielt ihn für einen Trottel, aber das war nicht der Fall. Der Arme war bloß so unterdrückt. Sein Vater prügelte seine Mutter viele Jahre lang, und zwar bis sie ein Wochenendseminar in Geistheilung mitmachte und sich ihre Lizenz erwarb. Dann warf sie alle bösen Geister aus ihrem Leben hinaus, und der Bengel schnitt bei der zentralen Abschlussprüfung ganz ordentlich ab. Seitdem grüßt sie mich immer zuvorkommend.
Das Rauchen hat mich nicht ruhiger gemacht, ich habe ganz offensichtlich mit den Nachwirkungen einer Gemütserregung zu kämpfen. Meine Aktionen heute Morgen waren aber überlegt und umsichtig, sie wurden ruhig und entschlossen durchgeführt, als sei alles von langer Hand geplant gewesen.
Ich lasse mir trotzdem meinen Wochenendfrieden durch nichts verderben. Im Bett werde ich das ganze Wochenende liegen, mit einem Wörterbuch. Mich ausruhen. Ohne die nervenaufreibende Geschäftigkeit von Stígur in der Wohnung unten. Nicht oft ist man ihn gleich für mehrere Tage los.
Verflixt, es ist schon nach sechs. Hätte beinahe vergessen, das Wetter zu registrieren.
Sechs Grad im Nordfenster.
Sechs Grad im Ostfenster.
Sechs Grad im Südfenster.
Überall die gleiche Temperatur. Das macht der Nieselregen. Keine Sonne im Süden, kein Wind aus dem Norden.
Die Fenster hier an der Südseite sind eigentlich kein Anblick mehr, man sieht kaum noch in den Garten. Falls nicht bald neue Scheiben eingesetzt werden, ziehe ich weg. Am besten erwähne ich das Stígur gegenüber, wenn er zurückkommt, setze meine klassische missvergnügte Miene auf, damit er versucht, mir zu Gefallen zu sein. Die Zeiten sind vorbei, als er dachte, ich sei diejenige, die es ihm recht machen müsste. Eigentlich sollte ich ihn mir ganz und gar aus dem Haus schaffen. Er ist zu lästig.
An dem Tag, als ich in das Haus hier einzog, war er mit der Kellertür an der Ostseite beschäftigt. Fuhrwerkte mit Hammer und Säge, als sei er der einzige Schreiner in der Stadt. Als er mich sah, kam er herbeigeeilt, die Werkzeuge in der Hand, und verlangte, dass der Möbeltransporter wegen des Hydranten zurückgesetzt wurde, der aber noch viele Meter entfernt war. Erwartest du die Feuerwehr, fragte ich kühl. Nein, aber es könnte jederzeit ein Feuer ausbrechen, und dann können sie nirgendwo parken, erklärte er und schüttelte sich vor Gram. Ich wusste nicht, dass Stígur ein fanatisches Faible für Feuerwehrautos hatte und sich verpflichtet fühlte, die Interessen der Feuerwehr zu vertreten. Als ich nichts erwiderte, stiefelte er grantig auf dem Trottoir hin und her, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und ließ mit dem Theater nicht ab, bis der Fahrer den Wagen zurückgesetzt hatte. Im Handumdrehn war er wie verwandelt und gab sich von seiner kooperativsten Seite, legte die Waffen nieder und war ganz wild darauf, den Packern beim Hereintragen der Möbel zu helfen. Stígur muss immer bei allem mit dabei sein.
Das war vor fünfzehn Jahren. Damals war Stígur ein zwanzigjähriger unverheirateter Lkw-Fahrer, der bei seiner betagten Mutter wohnte und nie das Elternhaus verlassen hatte. Daran hat sich nichts geändert, nur seine Mutter ist gestorben, wohnt jetzt im Jenseits, und er ist fünfzehn Jahre älter. Und immer noch will keine Frau Stígur.
Stígur tritt auf der Stelle.
Ich bin mir ganz sicher, dass seine Art zu gehen etwas mit dem Desinteresse der Weiblichkeit zu tun hat. Stígur ist auf den ersten Blick nicht unansehnlich, aber seine Gehweise gibt den Ausschlag. Nicht genug damit, dass er einen Seemannsgang hat, er zieht die Schultern hoch bis zu den Ohren, kehrt die Handrücken nach vorn und strebt dann vorwärts wie ein Gorilla vor der Attacke. Manchmal könnte ich ihn umbringen.
Ob ich ihn nicht doch noch irgendwann einmal vergifte?
Lehrerin vergiftet Hausgenossen aus der unteren Etage. Ein Lkw-Fahrer Mitte dreißig wurde heute Morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die verzerrten Gesichtszüge des Toten deuten darauf hin, dass ihm Gift verabreicht wurde. In der Wohnung gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, und deswegen geht man davon aus, dass der Täter Zugang zur Wohnung des Toten hatte. Eine Lehrerin mittleren Alters, die auf der oberen Etage wohnt, wurde unter dem Verdacht, am Tod des Fahrers beteiligt zu sein, verhört. Sie streitet jegliche Beschuldigungen ab und hat ihrerseits eine Klage gegen die Kriminalpolizei wegen Ruhestörung am Samstagmorgen eingereicht. Der Tote war unverheiratet und kinderlos.
Mit dem Ausdruck ›mittleren Alters‹ bin ich vielleicht nicht ganz einverstanden und würde das selbstverständlich mit dem Reporter besprechen. Vor fünfzig Jahren waren Mittvierziger mittleren Alters, vor allem Frauen, aber nicht mehr heutzutage. Als meine Oma sechzig war, hinkte sie wegen Gelenkrheuma und konnte sich nie daran erinnern, wo sie ihre Lesebrille hingelegt hatte, aber eine Kollegin von mir, eine fünfundsechzigjährige Großmutter von fünf Enkelkindern, geht jetzt zum Weiterstudium ins Ausland. Wir werden immer rüstiger, in ein paar Jahrhunderten wird es ein Luxus sein, beizeiten krepieren zu dürfen.
Ich bin durchaus in der Lage, Stígur zu vergiften, denn hin und wieder bin ich gezwungen, ihn zum Essen einzuladen, damit ich mir seine Fähigkeiten in Bezug auf Autoreparaturen zunutze machen kann. Ganz zu schweigen von seiner Universalbegabung, was die Unterhaltung von Haus und Garten betrifft. Außenarbeiten, an denen ich mich als Miteigentümerin des Hauses eigentlich auch beteiligen müsste, die ich aber geflissentlich ignoriere. Und wegen profunder Kenntnisse von Problemen in der Nachbarschaft nehme ich unerträglichen Gang, kindische Großspurigkeit und Tischmanieren auf primitivstem Niveau in Kauf. Hin und wieder wird er – wie gesagt – zu einer Mahlzeit bei der respektablen Lehrerin auf der oberen Etage eingeladen. Die Zigarillos raucht und Leute durch das Fernglas beobachtet. Deswegen ist es wichtig, dass die Fensterscheiben in Ordnung sind.
Pizza mit Schinken?? Was zum Kuckuck soll das bedeuten? Was für ein Depp ist dieser Pizzalieferant? Ist er nicht schon oft genug hierher gekommen, um zu wissen, dass in diesem Haus nur Pizza mit Salami bestellt wird? Hat er das mit Absicht gemacht? Sah ich da etwas aufflackern in seinem Blick? Wollte er womöglich meinen Geschmack verändern? Mir Pizza mit Schinken aufzwingen? Glauben diese Pizzatypen wirklich, dass sie Thórsteina Thórsdóttir manipulieren können?
Standpauke beendet. Es ist mir ein ganz spezielles Vergnügen, Leuten die Leviten zu lesen. Das steigert den Appetit und muntert mich auf. Ich spüre es, wenn ich die Schultern anhebe. Es war – wie gesagt – höchst anregend und vergnüglich, den Besitzer der Pizzeria zur Schnecke zu machen und als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten eine gratis Pizza geschickt zu bekommen. Er hat sich mit dieser Pizza Mühe gegeben, der Knilch, sie könnte kaum besser schmecken, das kann man nicht anders sagen. Ich hatte aber auch gedroht, mich wegen des schlechten Service an die Presse zu wenden, hätte schon angefangen zu schreiben.
Über mich ist gesagt worden, dass ich schön esse.
Ich esse schön. Schneide immer nur kleine Stücke. Fasse das Besteck geschickt mit langen Fingern. Sitze kerzengerade, strecke den Hals würdevoll.
Die Haltung wird natürlich derangiert, wenn vor dem Fernseher gegessen wird. Aber ich bin wahrscheinlich gezwungen, die Nachrichten anzuschauen, obwohl ich weiß, dass heute Abend niemand als vermisst gemeldet wird. Erst nach frühestens vierundzwanzig Stunden geben die Angehörigen im Rundfunk und im Fernsehen eine Suchmeldung durch. Wahrscheinlich wird es morgen Mittag in den Radionachrichten bekannt gegeben, und abends in den Fernsehnachrichten. Aber auf jeden Fall verfolgt man die Nachrichten mit, um es diesen Typen im Lehrerzimmer im Zweifelsfall stecken zu können.
Was ist denn das für eine Nachrichtentussi? War die schon einmal da? Nein, die ist noch nie da gewesen. Sie scheint fließend Französisch zu können. Wie heißt sie eigentlich? Wo ist das Telefonbuch? Ich muss wissen, wo sie wohnt. Gudrún. Gudrún. Gudrún, ja. Sólheimar, aha. Ob sie da in den Hochhäusern wohnt?
Ja, ich esse schön. Schaufele das Essen nicht in mich hinein wie die meisten Isländer. Ich habe ja schließlich auch die ganze Welt bereist und bin es gewohnt, mit kultivierten Menschen zu essen.
Thórsteina Thórsdóttir reist gern, und sie hat eine ganz besondere Vorliebe für Frankreich. Französische Einflüsse machen sich bei ihr in Kochkunst und Geschmack bemerkbar. In der eleganten Wohnung der Lehrerin sind die Wände cremefarben, die samtartigen Teppichböden chamois, die Seidenkissen auf dem Sofa hingegen und die Tischlampen sind altrosa und alabaster gehalten. Die weißen, von der Decke bis zum Boden reichenden Gardinen im Wohnzimmer, das mit gediegenen alten Kirschholzmöbeln aus Italien und Südfrankreich eingerichtet ist, verleihen dem Raum eine ruhige Note. An das Wohnzimmer schließt sich eine kleine Bibliothek an, und dort sieht Thórsteina auf einem hundert Jahre alten Florentiner Sofa fern. Aber unser Blick richtet sich auf den Esstisch im vorderen Raum, ein kostbares Stück aus der Champagne, neunzehntes Jahrhundert, den Thórsteina mit erlesenem Meißner Porzellan und englischem Silber deckt. Das Dinner, das sie ihren Gästen präsentiert, besteht aus fünf Gängen, selbstverständlich französische Küche. Als Vorspeise französische Landpastete, dann Kammmuscheln in Zitronenmarinade und danach gegrillte Grapefruit, um den Fischgeschmack wegzunehmen. Im Hauptgang gibt es Hühnchen in Rotwein, und die Nachspeise bildet eine Marzipantorte. Zu den ersten vier Gängen kredenzt Thórsteina edle französische Weine, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat, und zum Dessert gibt es Kaffee und Likör. Thórsteina erklärt, dass diesmal der Käse in der Speisenfolge fehle, weil sie schon seit etlichen Monaten nicht mehr in Frankreich gewesen sei. Der Unterricht hindere sie daran, im Winter zu reisen, aber sobald er im Frühjahr zu Ende sei, würde sie gen Süden ziehen, nach Paris fliegen und mit der Bahn zum Mittelmeer fahren. Dort hält sie sich in der Regel den Sommer über auf.
Eigentlich hätte man etwas ausführlicher auf die Tischtücher eingehen können, nicht alle besitzen Klöppelarbeiten aus Burano, und in der Tat sind sie grün und gelb vor Neid, die Mädels, wenn ich sie zum Essen lade. Es ist ihnen noch nicht gelungen, mich zu überbieten. Nicht seitdem ich vor drei Jahren mit einer französischen Speisenfolge zurückgekommen war. Das hat sie völlig umgehauen. Das Essen war perfekt, zumal vorher an Stígur getestet.
Mein lieber Stígur, hast du für heute Abend schon etwas zum Essen eingekauft?
Ja, ich denke schon, ich habe Würstchen, Remoulade, Brot und Waschpulver gekauft.
Dann hast du wohl keine Lust, nach oben zu kommen und französische Landpastete zu probieren?
Pastete?
Ja, eine französische Vorspeise.
Jetzt?
Nachher, so um die Abendessenszeit.
Auf Brot?
Nein. Man isst sie als Vorspeise, und anschließend bekommst du französische Fischsuppe.
Um sieben?
Ja, ja, um sieben. Wenn du möchtest, kannst du vorher fahren und mein Auto voll tanken und die Scheibenwischanlage kontrollieren lassen.
Schlag sieben erschien er mit den Zeitungen unter dem Arm, mein Morgenblatt von gestern und sein neuestes Tageblatt, trat auf dem Treppenabsatz von einem Fuß auf den anderen, wie gewöhnlich mit verdüsterter Miene wegen dem, was in den Zeitungen stand. Er tat so, als seien sie der Anlass des Besuchs und nicht meine besagte Einladung. Unsicherheit im Blick entlarvte ihn jedoch und gab zu erkennen, dass er sich über seine gesellschaftliche Position nicht ganz im Klaren war, ob die Lehrerin es ernst gemeint hatte, als sie ihm Pastete als Vorspeise anbot, oder ob sie ihn nur auf den Arm nehmen wollte.
Nimm am Küchentisch Platz, lieber Stígur. Es ist alles so gut wie fertig.
Hier hast du dein Morgenblatt von gestern wieder und mein Tageblatt von heute, ich habe nur die Sportnachrichten herausgenommen, falls es dir nichts ausmacht.
Du brauchst das nicht immer wieder zu sagen, Stígur, du weißt, dass es mir überhaupt nichts ausmacht.
Wir haben gestern verloren, führten mit einem Tor, und dann kam dieser Pass von Gudjón zu Haukur, und Fram konnte ausgleichen, und dann kamen sie nach einem Steilpass sieben Sekunden vor Spielschluss in Führung.
Tatsächlich? Ich wusste gar nicht, dass du Fußball spielst?
Die Sportskanone hatte keine Antwort parat und konzentrierte sich auf die Leckerbissen, schaufelte die Pastete in sich hinein, schlürfte die Suppe hinunter. Ich bewahrte trotzdem Ruhe. Ich sehe keinen Grund, Stígur wegen seiner Tischsitten zu ermahnen, wenn die halbe Nation nicht mit Messer und Gabel umgehen kann. Aber auch wenn die Tischsitten der Leute nicht primitiver sein könnten, ihr Geschmackssinn ist zuverlässig und steht in keiner Relation zu ihren Manieren. Seine Gier gab zu erkennen, dass mir das Essen gut gelungen war, wie nicht anders zu erwarten. Stígur ließ keinen Löffel übrig, rülpste, als er mit der Suppe fertig war, sprang dann auf und bedankte sich fürs Essen. Nahm meine neue Zeitung und bekam sein altes Blatt zurück. So verliefen die Essenseinladungen für Stígur, schnell und reibungslos.
Nach der Generalprobe kommt dann die Premiere.
Auf dem Bild sieht man von links: Isländischlehrerin Arndís, Mathematiklehrerin Droplaug, Dänischlehrerin Steinvör und Englischlehrerin Thórsteina.
Drei sind verheiratet, zwei davon zum zweiten Mal, eine ist geschieden und hat einen französischen Liebhaber. Das Bild wurde im Frühling in Paris aufgenommen.
In die Gruppe wurde ich erst aufgenommen, als ich mir den Franzosen zugelegt hatte.
Trotzdem war ich im Lehrerzimmer die Frau von Welt und hatte mit ihnen sieben Jahre lang am gleichen Tisch gesessen.
