Sommersonnen Küsse - Mikkel Lindberg - E-Book

Sommersonnen Küsse E-Book

Mikkel Lindberg

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Beschreibung

Fünfzig Kilometer Sechs Muscheln Zwei Länder Eine besondere Verbindung Nach vierzehn Jahren endlich wieder Urlaub in Dänemark - für Lukas und seine Eltern könnte es die perfekte Auszeit werden. Doch während das "zweitglücklichste Land der Welt" zur Erholung einlädt, ist Lukas alles andere als entspannt. Schon viel zu lange versteckt er seine wahre Identität vor seinen Eltern und muss sich ständig dem Mobbing seiner Mitschüler stellen. Im Ferienort trifft Lukas auf Magnus, einen selbstbewussten, wortgewandten und charmanten Dänen. Magnus bringt Licht in Lukas´ turbulente Gedankenwelt. Mit jedem flüchtigen Blick und jeder zufälligen Berührung wächst Lukas´ Unsicherheit, aber auch etwas Neues: Sehnsucht. Das Problem? Der Urlaub ist viel zu schnell vorbei und Lukas muss zurück nach Hause. Zurück in Deutschland kann er Magnus nicht vergessen. Spontan beschließt Lukas, die Fähre nach Dänemark zu nehmen. Er will Antworten - und vielleicht noch mehr. Eine berührende Sommergeschichte über Selbstfindung, erste Liebe und den Mut, zu sich selbst zu stehen. Mit dabei: eine ungewöhnliche Coming-out-Geschichte, warme Familienmomente, jede Menge Reiswaffeln und die Überquerung von Grenzen - im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Lukas

Samstag, 9:30 Uhr

Dienstag, 11:31 Uhr

Magnus

Dienstag, 14:20 Uhr

Lukas

Mittwoch, 13:35 Uhr

Magnus

Mittwoch, 13:46 Uhr

Lukas

Mittwoch, 14:36 Uhr

Donnerstag, 9:21 Uhr

Magnus

Donnerstag, 10:00Uhr

Lukas

Samstag, 13:01 Uhr

Samstag, 7:29 Uhr

Magnus

Samstag, 8:25 Uhr

Lukas

Samstag, 8:47 Uhr

Sonntag, 10:04 Uhr

Freitag, 20:34 Uhr

Samstag, 14:45 Uhr

Magnus

Sonntag, 10:00 Uhr

Lukas

Sonntag, 11:07 Uhr

Magnus

Sonntag, 12:34 Uhr

Lukas

Sonntag, 13:11 Uhr

Magnus

Sonntag, 15:54 Uhr

Lukas

Sonntag, 18:16 Uhr

Montag, 6:57 Uhr

Mittwoch, 10:54 Uhr

Magnus

Mittwoch, 19:02 Uhr

Lukas

Samstag, 14:30Uhr

Sonntag, 8:02 Uhr

Magnus

Sonntag, 9:10Uhr

Lukas

Sonntag, 11:12 Uhr

Magnus

Sonntag, 12:00 Uhr

Lukas

Sonntag, 12:30 Uhr

Magnus

Sonntag, 13:12 Uhr

Lukas

Sonntag, 13:35 Uhr

Montag, 5:43 Uhr

Magnus

Montag, 19:00 Uhr

Lukas

Mittwoch, 12:03 Uhr

Freitag, 15:46 Uhr

Samstag, 11:06 Uhr

Montag 7:35 Uhr

Mittwoch, 11:30 Uhr

Donnerstag, 7:02 Uhr

Freitag, 19:16 Uhr

Sonntag, 15:15 Uhr

Magnus

Sonntag, 15:55 Uhr

Lukas

Sonntag, 18:31 Uhr

Magnus

Montag, 17:03 Uhr

Lukas

Dienstag, 9:02 Uhr

Mittwoch, 6:03 Uhr

Magnus

Mittwoch, 16:06 Uhr

Lukas

Donnerstag, 7:10 Uhr

Freitag, 12:53 Uhr

Magnus

Freitag, 13:27 Uhr

Lukas

Freitag, 23:19 Uhr

Magnus

Samstag, 8:34 Uhr

Lukas

Samstag, 11:04 Uhr

Samstag, 11:09 Uhr

Lukas

Samstag, 15:30Uhr

Magnus

Sonntag, 10:00 Uhr

Lukas

Montag, 7:10Uhr

Dienstag, 7:20Uhr

Mittwoch, 11:32 Uhr

Magnus

Mittwoch, 20:47 Uhr

Lukas

Freitag, 6:55 Uhr

Magnus

Freitag, 15:33 Uhr

Lukas

Freitag, 17:03 Uhr

Lukas Mum

Freitag, 17:41 Uhr

Lukas

Freitag, 18:07 Uhr

Magnus

Samstag, 7:04 Uhr

Lukas

Samstag, 9:30 Uhr

Magnus

Samstag, 15:46 Uhr

Lukas

Samstag, 18:31 Uhr

Magnus

Samstag, 18:37 Uhr

Lukas

Samstag, 22:21 Uhr

Magnus

Sonntag, 8:00Uhr

Lukas

Sonntag, 8:35 Uhr

Magnus

Sonntag, 8:59 Uhr

Lukas

Sonntag, 9:09 Uhr

Magnus

Sonntag, 9:43 Uhr

Lukas

Freitag, 17:46 Uhr

Magnus

Freitag, 23:24 Uhr

Samstag, 15:37 Uhr

Lukas

Samstag, 14:59 Uhr

Magnus

Samstag, 15:34 Uhr

Lukas

Samstag, 17:05 Uhr

Lukas

Samstag, 9:30 Uhr

Die Sonne scheint durch das halb geöffnete Fenster meines Zimmers, als ich mein letztes T-Shirt in den Koffer werfe. Nach vierzehn Jahren mit meinen Eltern wieder in den Urlaub zu fahren, fühlt sich seltsam an, fast unwirklich. Die Wahl ist auf Dänemark gefallen, wie damals. Meine Eltern sind Gewohnheitstiere – sie haben sogar das Ferienhaus gemietet, in welchem wir schon einmal gewohnt haben. Damals war ich ein Kind gewesen und kann mich an nichts mehr erinnern. Dänemark stelle ich mir als kühles, windiges Land mit endlosen Stränden und rauer See vor. Irgendwie passt es zu uns, denke ich.

„Lukas, beeil dich!“, ruft meine Mutter aus der Küche. Ihre Stimme klingt angespannt, aber auch freudig. Sie hat sich diesen Urlaub so sehr verdient, dass ich es nicht über mich bringe, langsam zu packen. Schließlich ist sie es, die uns alle über Wasser hält. Jeden Morgen geht sie früh aus dem Haus und kommt erst spät zurück.

»Ja«, rufe ich im Singsang in den Flur. »Gib mir noch einen Moment.«

Trotz meiner Vorfreude ist da jedoch diese eine, nagende Angst in meinem Hinterkopf: Würde mein Vater den Urlaub wirklich durchziehen? Er ist seit Monaten krank, diese Schübe, wie sie die Ärzte nennen, kommen unvorhersehbar. Manchmal liegt er tagelang nur im Bett, und ich weiß, wie schwer es für ihn ist, den starken Vater zu spielen. Ein einziges Wort von ihm, und der Urlaub wäre geplatzt, das habe ich gespürt. Doch er hat nichts gesagt und so packe ich weiter. Vielleicht will er das alles auch einfach, für uns, für meine Mum.

Ein wohliges Kribbeln breitet sich in meinem Bauch aus, während ich die letzten Kleidungsstücke und Kleinigkeiten hektisch in den Koffer stopfe. Mit einem zufriedenen Grinsen ziehe ich den Reißverschluss zu – das laute Ratsch ist fast wie der Startschuss für unser Abenteuer.

»Na Luki, bereit für Sonne, Strand und Ruhe?«, fragt mein Dad gestellt fröhlich und klopft mir dabei auf die Schulter. Als ich ihn ansehe, bemerke ich, wie müde seine Augen wirken, als hätte er seit Tagen keinen Schlaf gefunden. Sein Lächeln ist angestrengt, als wolle er die Schwere in sich verstecken, die ihm von innen heraus die Kraft raubt. Doch seine Hände umklammern jetzt den Türgriff des Autos, als möchte er mir damit beweisen, dass er durchhalten wird – für Mum und mich, für diesen Urlaub.

Was ich aber noch mehr hasse, wenn er mich Luki nennt. Mein Name ist Lukas und ich bin nicht mehr vier Jahre alt. Immerhin werde ich im Dezember schon neunzehn und mache nächsten Sommer meinen Abschluss.

»Ja, ich freue mich sehr auf Dänemark. Wann geht die Fähre?«, frage ich und lächle meinen Dad an.

»Warte«, sagt er und schaut auf das ausgedruckte Fährticket. »11:15. Es wird also Zeit, dass deine Mutter langsam herunterkommt.« Er grinst tapfer zurück, dennoch kann ich die Melancholie in seinen Augen deutlich erkennen. »Du wirst Dänemark lieben. Es ist herrlich dort. Die Ruhe und Abgeschiedenheit wird uns allen guttun.«

Ich nicke meinem Dad zu und gemeinsam warten wir auf Mum.

»Sorry, hat ein bisschen länger gedauert. Wenn ihr alles habt, kann es losgehen«, sagt sie und atmet schwer.

Kurze Zeit später sind unsere Koffer im Auto verstaut und wir auf dem Weg zum Fähranleger in den Überseehafen.

Auf Wiedersehen, Rostock, bis in einer Woche. Während der Autofahrt schicke ich Pia eine Nachricht und ein Selfie. Ihre Antwort kommt prompt: »Viel Spaß in Dänemark. Vielleicht laufen am Strand ein paar hübsche Jungs herum. Schnapp sie dir!«

Als meine beste Freundin weiß sie natürlich, dass ich auf Jungs stehe. Sie war die Erste, die es erfahren, beziehungsweise erraten hat. Meine Eltern hingegen wissen noch nichts, aber das hat noch Zeit. Dass ich schwul bin, kann und will ich ihnen in der jetzigen Situation nicht zumuten.

Nach den Ferien beginnt mein letztes Schuljahr und ich kann es kaum erwarten, es endlich hinter mich zu bringen. Dann will ich weg aus Rostock – in eine Großstadt, vielleicht nach Hamburg oder Berlin. Wenn ich dann weit weg bin, werde ich vielleicht auch meine Eltern einweihen. Dann können sie hier sauer auf mich sein, aber ich habe meine Ruhe. Dass das total feige und memmenhaft ist, weiß ich, aber es ist die beste Option. Ich habe schon tausende durchgespielt.

»Danke. Ich melde mich zwischendurch bei dir. Das mit den Jungs wäre jedenfalls toll. Und ein Gutes hat der Urlaub noch: Ich muss Tom nicht sehen«, antworte ich Pia.

»Denk´ einfach nicht an diesen Idioten. Genieße deinen Urlaub!«, schickt sie sofort zurück.

Ich sende ihr einen Daumen nach oben und das Handy in die Hosentasche. Aber zu spät: Tom hat den Weg in mein Hirn gefunden. Hätte ich bloß nicht damit angefangen. Trotz Urlaubsstimmung breitet sich schlechte Laune in mir aus und mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen. Eigentlich haben wir uns immer ganz gut verstanden. Im letzten Jahr fing er dann grundlos an, mich ständig zu ärgern, bloßzustellen und zu mobben. Ich weiß nicht, was er gegen mich hat, getan habe ich ihm jedenfalls nichts.

Als wir endlich auf der Fähre ankommen und das Auto geparkt haben, stürme ich sofort ans Deck. Meine Eltern sitzen unten in einem der Restaurants und genehmigen sich ein zweites Frühstück.

Wenn ich mit Pia in Warnemünde am Strand liege und die großen Schiffe durch die Westmole direkt an uns vorbeifahren, habe ich schon oft heimlich davon geträumt, auch einmal über die Ostsee zu schippern. Wohin wäre mir völlig egal.

Ich liebe das Wasser und den Wind, und hier oben an Deck weht und stürmt es herrlich. Perfekt, um alle Gedanken und Probleme wegblasen zu lassen.

Nach ungefähr einer Stunde kann man Dänemark bereits am Horizont erkennen – die Aufregung in mir steigt an. In meinem Kopf habe ich schon genaue Pläne für den Urlaub geschmiedet: Lesen am Strand, sonnen und ein bisschen braun werden und vielleicht reicht unser Geld sogar für ein paar Unternehmungen.

Die komplette Fährüberfahrt habe ich an Deck verbracht und bin noch immer erstaunt, wie schnell zwei Stunden vergehen können. Es war stürmisch, aber durch die Sonne sehr angenehm warm.

Nun sitzen wir wieder im Auto und fahren in den Ort Gedser hinein. Auf dem Weg zum Ferienhaus lasse ich meinen Blick schweifen und schaue mich um. Gedser ist klein, sauber und aufgeräumt. Sieht ein bisschen ausgestorben aus, denke ich, aber da Mittagszeit ist, werden sicherlich alle in ihren Häusern sein und essen.

»Das muss neu sein, oder?« Dad fährt besonders langsam und staunt über die vielen Veränderungen.

»Stimmt, das gab es damals noch nicht«, gibt Mum zurück und dreht sich zu mir nach hinten um. »Schön hier, oder?«

Ich nicke und versuche, mich ebenfalls zu erinnern. Es gelingt mir, trotz größter Anstrengung, nicht. Meinen Gedanken nachhängend schaue ich mir die Umgebung an, als das Auto ruckartig stoppt.

»Da sind wir!«, ruft Dad euphorisch und versucht einzuparken.

Das Ferienhaus kommt mir tatsächlich bekannt vor. Es ist ein kleines, zweigeschossiges, in die Jahre gekommene Gebäude mit sanft verblasster, cremefarbener Fassade und moosbedeckten Dachziegeln. Die blauen Fensterläden hängen leicht schief, als hätten sie schon lange keinen Wind mehr gespürt, und rund um das Haus rankt wilder Wein, der es fast zärtlich in seine Umarmung nimmt. Der Kiesweg, der zur Tür führt, ist etwas verwachsen, aber immer noch gut erkennbar.

»Genau wie damals«, sagt Mum freudig und steigt rasch aus. Schon eigenartig, dass sich anscheinend in den ganzen Jahren nichts verändert hat.

Nachdem Dad Mum und mir die Koffer direkt vor die Füße gestellt hat, schaue ich mich um. Wir haben sogar einen kleinen Garten mit Essbereich. Wer auch immer die Vermieter sind, sie haben ein Händchen für Ästhetik und Dekoration. Viele Blumen und der Tisch mit den vier Stühlen ist modern und neu, passt aber gut zum Rest des Gartens.

»Wenn mich nicht alles täuscht, müsste dein Zimmer oben sein«, sagt Dad, stemmt die Hände in die Hüfte und schaut sich das Haus von oben bis unten an. »Die Treppe hoch und dann links.«

Ich schnappe mir mein Gepäck und bringe es nach oben. Drinnen sieht es tatsächlich ganz gut aus. Sauber, aufgeräumt und viel zu viel Deko.

Mein kleines Reich für die Woche gefällt mir und wirkt frisch, hell und einladend. Ein großes Fenster lässt die klare, salzige Ostseeluft herein. Das Bett, mit einer schlichten weißen Bettwäsche bezogen, steht perfekt zentriert, umgeben von einem modernen Nachttisch aus hellem Holz. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild eines Segelboots.

Ich lege meinen Koffer auf das Bett und beginne damit, meine Klamotten in den Schrank zu sortieren. Meine Badehose räume ich gar nicht erst weg, die werde ich in den nächsten Tagen wohl öfters brauchen.

Vielleicht sollte ich eine Runde durch den Ort drehen, das wird sicher neue Erinnerungen hervorholen. Beim Ferienhaus hat es jedenfalls gut funktioniert. Mit einem Schlag macht sich eine neue Erinnerung in meinem Kopf breit: Ein kleiner Supermarkt. Der müsste hier ganz in der Nähe sein. Dem werde ich nachher einen Besuch abstatten und wer weiß, vielleicht weckt das neue Erinnerungen?

Dienstag, 11:31 Uhr

»Und?«, fragt Dad aus dem Nichts heraus. »Kommt dir etwas bekannt vor?«

Ich schüttle meinen Kopf. »Nur das Ferienhaus und dieser kleine Supermarkt. Ansonsten ist es so, als wäre ich noch nie hier gewesen.« Die schweren Einkaufstüten schneiden sich in meine Hände. Hätten wir doch bloß Lebensmittel aus Deutschland mitgenommen. Auf der anderen Seite hätte ich dann nie diese leckeren Reiswaffeln entdeckt, mit denen ich mich schon am Montag eingedeckt habe. Auch heute sind wieder einige Rollen in unserem Einkaufswagen gelandet.

Gestern war ich den ganzen Tag am Strand, habe mich gesonnt und eines meiner neuen Bücher angefangen. Dad ging es nicht so gut. Er meinte, ich solle doch ans Wasser gehen. Abends, als ich wieder zurückkam, war dann zum Glück alles wieder okay und auch heute scheint er in Ordnung zu sein. Innerlich leide ich immer mit, wenn er einen Schub hat. Richtig helfen kann ich ihm nicht, Mum und ich müssen abwarten und hoffen, dass es schnell vorbei ist.

»Hej«, ruft eine Frauenstimme, während wir die Einkäufe Richtung Ferienhaus schleppen. Als ich vom Asphaltboden aufschaue, erkenne ich eine ältere, zierliche Frau, die an einer Gartenpforte steht und uns zuwinkt. Dafür, dass sie gerade im Garten beschäftigt ist und irgendwelche Pflanzen einsetzt, ist sie sehr schick angezogen. Die geblümte, hellblaue Bluse steckt ihn einer cremefarben kurzen Hose. Ihre grauen, schulterlangen Haare hat sie sich hinters Ohr gestrichen und etwas Schmutz haftet an ihrem Gesicht. Ich schätze sie auf Mitte sechzig, aber durch ihre gesunde Gesichtsfarbe, sonnengebräunt, könnte sie auch jünger sein.

»Das gibt's doch nicht!«, ruft Mum laut auf. »Ich wusste doch, dass euer Haus in der Nähe sein muss. Mensch, du hast dich gar nicht verändert.«

Meine Eltern stürmen auf die Frau zu und lassen mich im Regen stehen.

Nach den Umarmungen klärt mich Mum auf: »Das ist Mynthe. Sie vermietet unser Ferienhaus.«

Sie lächelt mich an. »Und das sogar schon vor über vierzehn Jahren«, sagt Mynthe im perfekten Deutsch mit dänischem Akzent. »Ich weiß noch, wie klein du damals warst.« Ihre freie Hand, in der anderen hält sie eine kleine Schaufel, hält sie auf Hüfthöhe. »Da musst du fünf Jahre gewesen sein, oder? War im Haus alles okay?«, fragt sie nun an meine Eltern gerichtet.

»Ja, ja, alles gut. Wie früher, könnte man sagen. Aber dein Garten sieht traumhaft schön aus.« Mum hat weit aufgerissene Augen und staunt über die Blumenpracht und vielen Beete. Auch Dad ist hin und weg, obwohl er sich sonst nicht sonderlich für Pflanzen interessiert. Alle unterhalten sich, ich höre nur mit einem Ohr zu und stelle die Einkaufstaschen ab. Wenn sich Mum und Dad erst einmal festgequatscht haben, dauert es.

»Und du hast keine Lust auf den Urlaub?«, fragt Mynthe und holt mich damit aus meinen Gedanken. Ein bisschen langweilig ist mir schon, das muss ich ehrlich zugeben – irgendwann hat man in einem kleinen Ort alles gesehen.

»Nein, es ist okay. Ich habe mich sehr auf diesen Urlaub gefreut. Leider kann man hier nicht so viel machen«, versuche ich mich zu erklären und ziehe die Schultern hoch.

»Aber gerade wegen dieser Ruhe kommen viele hierher«, versucht mich Mynthe zu überzeugen. Nun möchte sie noch wissen, wie alt ich bin und was ich nach der Schule vorhabe. Die Standardfragen schlechthin.

»Ich bin jetzt achtzehn und will nächstes Jahr in eine Großstadt ziehen um zu studieren. Was, weiß ich aber noch nicht«, antworte ich. Mynthe ist sympathisch, da hat sie sich eine vernünftige Antwort verdient.

»Unser Enkel ist zurzeit oft bei uns zu Besuch. Er ist in deinem Alter. Vielleicht könnt ihr etwas zusammen unternehmen?«, schlägt sie vor.

Neue Menschen kennenzulernen bereitet mir oft Schwierigkeiten. Smalltalk hasse ich und Gespräche aufrechtzuerhalten gehört nicht zu meinen Stärken. Ich nicke trotzdem. »Klar, warum nicht!«

Eine Männerstimme schallt aus dem Haus, die ich leider nicht verstehe, da es Dänisch ist.

»Könnt ihr euch noch an Nohr erinnern?«, fragt Mynthe aufgeregt an uns gerichtet. Dann dreht sie ihren Kopf zum Haus. »Nohr, komm raus. Schau, wen ich getroffen habe!«

Mynthe ruft anscheinend ihren Mann herbei. Ein großer, alter Mann mit weißen Haaren und ergrautem Vollbart schlurft aus dem Haus.Er kommt freudestrahlend auf uns zu und begrüßt uns ebenso herzlich, wie seine Frau es vor ein paar Minuten getan hat.

»Schön, dass ihr wieder hier seid. Ich habe eurem Gespräch ein bisschen gelauscht«, brummt Nohr im feinsten Deutsch und typischem, dänischem Akzent.»Aber falls euch wirklich langweilig ist, fahrt doch nach Nykøbing Falster. Die Stadt ist sehr schön, nicht zu groß, nicht zu klein und ihr könnt dort shoppen gehen oder eines der vielen Musen besuchen!«

»Klingt doch gut, oder was sagt ihr?«, fragt Dad begeistert und schaut Mum und mich freudvoll an. Wir nicken ihm zu.

»Wisst ihr was, lasst uns das Wiedersehen feiern. Kommt doch morgen Abend zum Grillen bei uns vorbei!« Mynthe ist ganz aufgeregt und bekommt rote Wangen.

»Sehr gerne.« Mum lässt sich von dem Vorschlag sofort anstecken und klatscht in die Hände.

»Gut, dann morgen um 18 Uhr? Viel Spaß in der großen Stadt«, sagt Nohr, hebt die Hand zur Verabschiedung und verschwindet wieder im Haus.

Keine zehn Minuten später haben wir unsere Einkäufe im Ferienhaus verstaut und sitzen im Auto.Ich hoffe wirklich, dass es in dieser Stadt etwas zu erleben gibt.

»Nun schau nicht so, wie drei Tage Regenwetter.« Bei diesem Spruch stellen sich mir die Nackenhaare auf und Dad weiß das ganz genau. »Deine Mutter und ich würden gern ein bisschen allein durch die Stadt ziehen. Ist das okay für dich? Hier!« Er reicht mir ein paar dänische Kronen nach hinten, die wir am Fährterminal in Deutschland gegen Euro eingetauscht haben. »Kauf dir was Schönes, okay?«

»Danke.« Ich stecke das Geld ein und meine Laune hebt sich.

Während wir Gedser verlassen, kommen uns unzählige Autos und LKW mit deutschen, polnischen aber auch dänischen und schwedischen Kennzeichen entgegen. Außerdem fallen mir die vielen Radfahrer auf.

»Was ist das denn für einer?«, ruft Dad aus und beugt sich nach vorn.

Ich lehne mich nach rechts, um ebenfalls durch die Frontscheibe schauen zu können. Uns kommt ein Radfahrer in draufgängerischem Tempo entgegen.

»Der hat's wohl eilig«, sagt Mum und schüttelt den Kopf.

Leider ging das alles viel zu schnell, als dass ich ihn hätte erkennen können. Seine blonden Haare, die vom Fahrtwind durcheinandergeraten sind, sind mir aber direkt aufgefallen.

@

Magnus

Dienstag, 14:20 Uhr

»Hej, schön, dass du da bist«, ruft mir Oma schon von Weitem entgegen. Ich schiebe mein Rad den letzten Meter über den Bürgersteig und beobachte meine Großeltern, die im Garten Unkraut jäten, harken und Blumen einpflanzen.

Eigentlich ist der Sonntag mein Oma- und Opa-Besuchstag, aber in den Sommerferien schaue ich auch zwischendurch gerne bei ihnen vorbei.

Ich stelle mein Rad an die Hauswand und begrüße beide, indem ich sie fest umarme. »Na? Immer was zu tun, oder?«

»Ach, du kennst uns doch, Magnus. Es muss ja alles in Schuss gehalten werden«, stöhnt Oma. Sie waren schon immer sehr emsig, selbst jetzt, im hohen Alter ist es nicht weniger geworden. Im Gegenteil. Seitdem beide im Ruhestand sind, wird es im Garten und im Haus immer schöner und gemütlicher.

Das Haus hat es bitternötig, es hat schon bessere Tage gesehen. Der Putz bröckelt an einigen Stellen, die Fenster müssen dringend erneuert werden, das Dach hat Löcher und es regnet an einigen Stellen hinein. Innen hingegen ist es wohnlich und liebevoll eingerichtet.

Aber der Garten meiner Großeltern war und ist urgemütlich. Hier kann ich frisches Obst und Gemüse direkt vom Beet naschen, die vielen Blumen betrachten oder mich auf einer, von meinem Opa selbstgebauten Bank, ausruhen. Alles ist grün und das Blumenmeer zaubert hier und da ein paar bunte Flecken auf den Rasen. Ein großer Esstisch aus Holz, selbstgebaut von Opa, ist immer mit irgendwelchen Speisen und Getränken bestückt.

In einer der hintersten Ecken holt sich die Natur einen alten Sandkasten zurück. Der Holzrahmen ist morsch und vergammelt. Der Sand ist mittlerweile grau geworden und vereinzelt wachsen Grasbüschel und Wildblumen darin. Dort hat schon lange niemand mehr gebuddelt.

»Möchtest du was trinken?«, fragt Opa und lässt mich aufschrecken.

»Was? Oh, ja! Ein Wasser bitte.«

»Fast schon zu warm, um Fahrrad zu fahren, oder?«, fragt er und gießt sich ebenfalls Wasser in sein Glas.

Ich nicke und stürze das Wasser hinunter. Die Stunde Fahrt ist wirklich anstrengend. Gerade heute, wenn so viele andere Radfahrer unterwegs sind, die keinen Platz machen.

»Nun kannst du dich bei uns ein bisschen ausruhen«, sagt Oma, schaut in die Sonne und kneift die Augen zu.

»Wir wollen morgen übrigens alle nach Gedser kommen, also Tjark, seine Freundin und ich. Erst baden und danach bei euch reinschauen. Ist das okay für euch?«

»Sehr gerne, wir sind ja da.« Oma zwinkert mir zu.

»Hast du was?«, will ich von ihr wissen. Sie scheint einem Gedanken nachzuhängen.

»Na ja, wenn du schon einmal hier bist, kannst du dich vielleicht um unsere Feriengäste kümmern? Also um den Sohn. Ihm ist langweilig und er ist in deinem Alter. Vielleicht könnt ihr etwas zusammen unternehmen? Zeig ihm doch, wie schön Gedser und die Umgebung sein können«, sagt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

»Klar, gern.« Ich liebe es, neue Menschen kennenzulernen, und dann hätte ich jemanden in meinem Alter, das wäre doch perfekt.

»Du kannst nachher mal schauen, ob sie schon zurück sind. Sie wollten nach Nykøbing Falster fahren. So, und wie wäre es jetzt mit einem Stück Kuchen?«, fragt Oma und ohne meine Antwort abzuwarten, ist sie bereits aufgesprungen und kommt mit drei großen Stücken Erdbeerkuchen wieder aus dem Haus.

Bei Oma und Opa vergeht die Zeit immer wie im Flug. Wir haben viel geredet, ein wenig im Garten gearbeitet und drei Runden Rommé gespielt. Jetzt wird es aber Zeit, dass ich zurück nach Hause fahre, aber erst schaue ich nach, ob Omas und Opas Feriengäste wieder zurück sind. Schnell verabschiede ich mich von meinen Großeltern und schiebe mein Rad den kurzen Weg bis zum Ferienhaus.

Gespannt, wer der Junge ist und ob wir uns verstehen werden, klingle ich. Niemand öffnet die Tür. Es wird wohl niemand etwas dagegen haben, wenn ich auf dem Hof nachschaue. »Hej«, kündige ich mich an. »Jemand da?«, rufe ich auf Deutsch, da Opa vorhin meinte, dass die Familie aus Deutschland kommt. Keiner antwortet und als ich um die Ecke schaue, finde ich den Garten verwaist vor. Sie werden bestimmt noch unterwegs sein.

Lukas

Mittwoch, 13:35 Uhr

Gestern in Nykøbing Falster war es dann doch gar nicht so schlecht wie gedacht. Ich habe mich mit so vielen Reiswaffeln eingedeckt, dass ich mir nie wieder welche kaufen muss. Die, die es in Deutschland gibt, schmecken mir überhaupt nicht, aber die dänischen Reiswaffeln sind einfach zu köstlich. Ein neues Shirt und ein paar Schuhe, dank der großzügigen Spende meines Dads, habe ich mir ebenfalls gegönnt.

Meine Eltern sind im Ferienhaus und ich liege bei diesem schönen Wetter im warmen Sand am Strand und wische mir den Schweiß von der Stirn. Wer hätte gedacht, dass es in Dänemark so heiß werden kann? Ich dachte immer, hier gibt es nur Regen, Wind und Minustemperaturen.

In meinem Rucksack nach einem Buch wühlend blicke ich abrupt hoch. Waren das Stimmen? Genervt drehe ich mich in die Richtung und sehe drei Jugendliche. Ein Mädchen und zwei Jungen kommen den Strandaufgang hinunter, schauen sich um und suchen sich eine freie Stelle. Davon gibt es hier, Gott sei Dank, genug. Sie sind weit genug weg, breiten eine Decke aus und lachen die ganze Zeit. Leider kann ich nichts verstehen, da alle drei dänisch sprechen. Es leben auch junge Leute in Gedser? Ich staune. Bisher habe ich entweder deutsche Touristen oder alte Einheimische gesehen. Oder beides.

Ich beobachte sie ein bisschen, das Buch lege ich zurück in den Rucksack. Selbstverständlich sind meine Blicke erst einmal auf die beiden Jungen gerichtet. Sie lachen, albern herum, boxen sich gegen die Schultern und sehen dabei unwiderstehlich aus. Sie ziehen nur ihre Shirts und Schuhe aus, die Badehosen haben sie anscheinend schon an. Ohne lange zu überlegen, rennen die beiden ins Wasser. Das Mädchen steht noch im Bikini am Strand und ruft ständig: »Tjark!«

Ein schöner Name. Aber wer von beiden ist Tjark? Komm schon, dreh dich um. Könnte der Größere so heißen? Nein, definitiv nicht – das passt nicht. Der Kleinere, das ist Tjark.

Die zwei Jungs gefallen mir immer besser. Von Weitem kann ich zwar nicht viel erkennen, aber so viel, um sicher sagen zu können, dass sie sehr attraktiv und gut gebaut sind. Den Größeren von beiden würde ich auf Anfang bis Mitte zwanzig schätzen. Er ruft dem Mädchen etwas zu, was ich wieder nicht verstehe. Sie scheint so alt zu sein, wie er.

Der Kleinere hingegen könnte in meinem Alter sein. Und er ist total mein Typ. Er flitzt aus dem Wasser, nimmt das Mädchen huckepack und rennt zurück in die Ostsee. Sie kreischt und zappelt herum – ich glaube, jeder hier am Strand weiß, was ihr gleich blüht. Als Tjark – ja, das ist mit Sicherheit Tjark, bis zum Bauchnabel im Wasser steht, wirft er das Mädchen rücklings in die erfrischende Ostsee. Sie schreit laut auf, als sie wieder auftaucht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, aber gleichzeitig denke ich, dass das seine Freundin sein wird. Beide lächeln sich immer wieder an und scheinen sehr vertraut miteinander zu sein. Schade, die hübschesten Jungs sind entweder vergeben oder hetero.

Obwohl ich nun weiß, dass er eine Freundin hat, kann ich meine Augen nicht von dem jüngeren Typen abwenden. Tjark? Er sieht unglaublich gut aus. Seine Haut ist sonnengebräunt, und seine blonden, nassen Haare stehen wild nach allen Seiten ab. Er ist weder zu muskulös, was ich gar nicht mag, noch zu schmächtig – perfekt. Leider kann ich von hier nicht mehr erkennen. Das Gesicht würde ich mir nur zu gerne von Nahem anschauen.

Oh Gott, das arme Mädchen. Die Jungs spritzen sie nass und lachen dabei gehässig. Welle um Welle schwappt ihr unaufhörlich ins Gesicht. Sie dreht sich weg, doch sie hat keine Chance. Im nächsten Moment haben sich die Jungen aufgeteilt: Einer steht vor ihr, einer hinter ihr und schon beginnt ein Tsunami über dem Mädchen hereinzubrechen. Die Hände schützend vor das Gesicht haltend, dreht sie sich immer wieder im Kreis – doch es bringt nichts. Zu meiner Verwunderung lacht sie dabei. Ab und zu gelingt es ihr sogar, eine Welle zurückzuschleudern.

Es sieht nach viel Spaß aus, was die drei dort treiben und ich überlege, ob ich auch noch einmal ins Wasser gehe. Nur mit den Füßen – ganz zufällig laufe ich am Strand entlang. Dabei wird sich niemand was denken und ich kann einen besseren Blick auf meinen Schwarm Tjark werfen. Aber da bemerke ich, dass er mich ebenfalls anschaut. Er muss das gespürt haben, immerhin habe ich ihn die ganze Zeit blöd angestarrt. Er steht einfach da, schaut mich an und lächelt auch noch. Ein schönes, sympathisches Lächeln.

Zaghaft versuche ich zurückzulächeln, muss aber einfach nur dämlich aussehen. Der Typ hebt eine Hand und winkt mir zu. Also nicht richtig, aber er winkt. Oh Mann, was soll ich jetzt machen? Hingehen? Nein, das kann ich nicht. Er beobachtet mich noch immer und steckt seine Hände in die Taschen seiner Badehose.

Wegschauen, Lukas. Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und schaue schnell auf mein Handy.

Verdammt, es ist schon nach vierzehn Uhr – ich muss dringend los. Meine Eltern und ich sind heute Abend zum Grillen bei Mynthe und Nohr eingeladen und wir wollten noch einkaufen gehen. Einen letzten Blick riskiere ich trotzdem: Der kleinere Typ ist wieder im Wasser und albert mit seinen Freunden herum. Ich grinse in mich hinein, stehe auf und packe meine Sachen zusammen.

Magnus

Mittwoch, 13:46 Uhr

So mag ich das: Der Strand ist relativ leer, nur ein paar Leute liegen im Sand und brutzeln in der Sonne. Für mich wäre das nichts. Ich muss mich bewegen, was erleben und heute ist schwimmen gehen definitiv die bessere Wahl.

Nachdem wir die Decke ausgebreitet haben und Tjark und ich unsere Shirts nur so von uns geschleudert haben, rennen wir ins Wasser. Heute ist so warm, da hält man es keine Sekunde am Strand aus.

Die Ostsee kühlt meinen Körper schlagartig herunter. Das Untertauchen raubt mir kurz den Atem, doch als ich wieder an der Oberfläche bin, spüre ich sofort die angenehme Kühle auf meinem Gesicht und Oberkörper.

Inga ruft Tjark. Sie ziert sich ins Wasser zu kommen, doch ich kann ihr sicher helfen. Schnell stürze ich aus den Fluten, schnappe sie mir, renne zurück und werfe sie in die Ostsee.

Während Tjark, Inga und ich uns nassspritzen und Spaß haben, bemerke ich, wie mich jemand beobachtet. Ich schaue mich um und registriere einen Jungen, den ich hier noch nie gesehen habe. Wahrscheinlich ein Tourist. Er sieht ganz schön auffällig zu mir herüber.

Er hat braune, kurze Haare, die nach vorn gestylt sind und da er auf dem Rücken liegt und sich mit den Unterarmen abstützt, kann ich gut erkennen, dass er schlank und dünn ist. Sein Blick ist verträumt und noch immer auf mich gerichtet. Wenn er nicht so freundlich und sexy aussehen würde, würde es mich stören. Ich lache und winke ihm zu. Er lacht verlegen zurück und schaut dann einfach auf sein Handy.

Tjark kommt angerannt und rempelt mich um. Mit einem lauten Klatscher landen wir im Wasser. Als ich wieder auftauche, schüttle ich mir die Haare aus dem Gesicht und spritze ihn zur Strafe nass. Gut, dass Inga mir hilft. Dann tauche ich unter und Inga stellt sich auf meine Schultern. Ich schieße hoch, sie fliegt durch die Luft und landet mit dem Bauch zuerst in der Ostsee. Tjark und ich können nicht anders und lachen uns fast tot.

Ich schaue noch einmal zu dem Jungen, doch leider ist er schon auf dem Weg zum Strandaufgang.

»Wollen wir jetzt los?«, fragt Tjark und schüttelt den Kopf, um sich die nassen Haare aus dem Gesicht zu befördern. »Oma und Opa warten bestimmt schon auf uns und außerdem habe ich Hunger.«

Inga lacht und hält sich den Bauch. »Wann hast du eigentlich keinen Hunger?« Dann befördert sie eine Welle, die sie mit den Händen auslöst, direkt in Tjarks Gesicht. Er prustet los und streicht seine Haare nach hinten.

Wir gehen aus dem Wasser, trocknen uns ab und ziehen uns um. Nur zur Sicherheit schaue ich noch einmal nach oben zum Strandaufgang. Nein, der Junge ist weg. Warum interessiert es mich, wer er ist und wo er herkommt? Ich bin definitiv schon viel zu lange Single – das muss es sein. Es kann doch nicht sein, dass ich mittlerweile jeden Typen attraktiv finde.

»Ich gehe noch schnell in den Laden und kaufe ein paar Blumen für Oma. Fahrt schon vor, ich komme dann nach.« Schnell knöpfe ich mir das Hemd bis zur Hälfte zu und rubble meine Haare mit dem Handtuch notdürftig trocken.

»Okay, aber beeil dich, Magnus. Ich will nicht zu spät zu Hause sein«, schimpft Tjark und tut so, als ob er mir in den Bauch boxen will.

Lukas

Mittwoch, 14:36 Uhr

»Das ist doch genug, oder?«

»Lieber zu viel als zu wenig und ein paar Kleinigkeiten können wir ruhig mitbringen«, sagt Mum und packt Gemüse, Bratwürste, Fleisch und Brot in den Einkaufskorb.

Meine Eltern laufen alle Gänge ab, um noch etwas für den Grillabend zu kaufen. Ich schiebe gedankenverloren den Einkaufswagen einfach weiter. Dieser Junge vom Strand geht mir nicht mehr aus dem Kopf – Tjark? Vielleicht hätte ich einfach hingehen sollen. Schließlich hat er mich auch angeschaut und sogar gewunken. Aber warum war er so vertraut mit dem Mädchen? Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich so schüchtern bin. Das war doch die Chance und ich habe sie verpasst. Typisch Lukas. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es, Tjark wiederzusehen und cooler zu reagieren.

Abrupt bleibe ich stehen und mein Atem stockt. Da steht er an der Kasse und unterhält sich mit der jungen Kassiererin. Ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen? Ich vergewissere mich, ob er es wirklich ist, und schaue gleich noch einmal hin. Es ist Tjark! Soll ich jetzt einfach hingehen? Oder was sagen? Aber was? Ich lasse es lieber, meine Eltern würden sich nur wundern, obwohl sie gerade mit anderen Dingen beschäftigt sind.

Hat er sich umgezogen? Jetzt trägt er ein helles Hemd, oben etwas offen und die Badehose hat er gegen braune Shorts getauscht.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, bemerke ich, wie er mich ebenfalls anschaut – nein, scannt. Er dreht sich nicht weg, sondern lächelt mich an. Anscheinend hat er mich wiedererkannt.

Er nickt mir zu, zwinkert und bezahlt seinen Einkauf, ein bunter Strauß Blumen, indem er sein Handy auf das Kartenlesegerät legt und den Laden Richtung Ausgang verlässt.

Ich könnte mir in den Hintern beißen – zum zweiten Mal an diesem Tag. Zur Abwechslung hätte ich ihn anlächeln können. Aber nein, ich habe ihn nur blöd angestarrt. Meine Eltern holen mich ins Hier und Jetzt zurück, indem sie mir zurufen, dass ich nun den Wagen ruhig weiterschieben könnte.

»Kommst du?«, fragt Mum.

»Ich glaube, er war gerade ganz woanders«, lacht Dad und legt seine Hand auf meine Schulter. »Hat's dir die hübsche Verkäuferin angetan? Den guten Geschmack musst du von mir haben. Sprich sie doch an!«

»Was? Nein!«, empöre ich mich.

Mum und Dad lachen und ich spüre, wie ich rot anlaufe.

»Keine Lust auf einen kleinen Urlaubsflirt?« Mum steht neben mir und schaut zu der jungen, blonden Frau an der Kasse.

»Nein, und jetzt lasst das bitte. Haben wir alles?«, frage ich. Wenn ich Glück habe, läuft der Junge noch vor dem Geschäft herum. Dann könnte ich etwas Cooleres machen oder sagen, als nur dazustehen und zu glotzen.

Als wir bezahlt haben und endlich draußen ankommen, ist keine Menschenseele mehr zu sehen.

Es ist ein paar Minuten vor achtzehn Uhr, wir sind auf dem Weg zu Mynthe und Nohr und tragen Einkaufstaschen mit Lebensmitteln für eine achtköpfige Familie mit uns herum.

»Das ist sicher viel zu viel«, merke ich an, bekomme aber keine Antwort. Mum und Dad sind gerade in Gedanken und mit sich beschäftigt. Sie halten Händchen, tuscheln ununterbrochen, lachen und küssen sich ständig. Und gestern Abend habe ich beide, na ja, gehört. Die Wände im Haus sind nicht sonderlich dick. Beiden bekommt er Urlaub richtig gut – sie sind kaum wiederzuerkennen. Mein Grinsen kann ich nicht verstecken, obwohl die Einkäufe Tonnen wiegen und meine Arme immer länger werden. Es ist schön, sie endlich wieder glücklich zu sehen.

Nachdem wir uns alle begrüßt haben, setze ich mich an den Tisch, der schon gedeckt und wunderschön dekoriert ist. Mum streift mit Mynthe durch den Garten, inspiziert die Blumenpracht und stellt immer wieder die gleiche Frage: »Was ist das für eine?« Sie hat wirklich keine Ahnung von Blumen und dem Gärtnern. Ich lache in mich hinein und beobachte Dad und Nohr. Beide stehen am Grill, tief über das Fleisch gebeugt und fachsimpeln darüber, wie das Steak besonders zart wird.

Vor Langeweile schaue ich mich im Garten um. Gestern haben wir nur vom Zaun einen kleinen Blick hineinwerfen können, aber jetzt, wo ich mittendrin sitze, gibt es immer wieder neue Dinge zu entdecken. Vom Gartentor führt ein kleiner Pfad in die verschiedenen Bereiche. Am hinteren Ende liegt ein kleiner Kräutergarten, ordentlich angepflanzt in einem Hochbeet. Von meinem Platz aus erkenne ich Minze, Basilikum Rosmarin und Thymian. In einer anderen Ecke erstreckt sich eine kleine Obstwiese. Die Apfel- und Kirschbäume tragen schwere Früchte, ich kann beinahe den Duft süßer Äpfel riechen. Das Gras unter meinen Füßen ist ungemäht und voller Löwenzahn, dessen leuchtende Köpfe fröhlich in die Sonne grinsen.

In einem weiteren Beet, nahe dem Gartentor werden Tomaten, Kartoffeln und Gurken angebaut. Mynthe und Nohr müssen viel Zeit und Arbeit in ihren Garten investieren. Neben den Tomaten ist es sehr zugewachsen und verwildert. Mit viel Fantasie kann ich einen alten Sandkasten ausmachen, der wohl seit Jahren nicht mehr genutzt wird.

Das Haus hingegen scheint uralt zu sein. Abgewetzte Holzfensterrahmen, die Tür zum Hof bräuchte einen neuen Anstrich und die Fassade bröckelt an vielen Stellen.

Ich hole mein Handy aus der Tasche und spiele ein Handyspiel.

»Du hast ihn knapp verpasst«, sagt Mynthe mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ich schrecke hoch, weil sie aus heiterem Himmel vor mir steht.

»Was? Wen?«, frage ich perplex und schaue mich um.

»Unseren Enkel. Ich habe doch gestern vorgeschlagen, dass ihr euch anfreunden könntet, weil du dich so alleine fühlst.«

Ach, das habe ich schon fast vergessen. Oder verdrängt.

»Er war heute zu Besuch bei uns, ist aber vor ungefähr einer Stunde wieder nach Hause gefahren – er hatte irgendetwas vor. Am Dienstag hat er schon bei euch vorbeigeschaut, aber ihr wart wohl noch unterwegs«, sagt sie entschuldigend.

»Nicht schlimm«, gebe ich zurück und tippe weiter auf meinem Handy herum.

»Unser Großer ist heute etwas durch den Wind.« Dad gesellt sich zu Mynthe und mir und hebt die Augenbrauen.

»Warum denn das?«, brummt Nohr, der sich mir gegenüber an den Tisch setzt.

Na toll, das wird ja immer besser. Fehlt nur noch meine Mutter.

»Er hat sich in die hübsche Verkäuferin hier im Supermarkt verguckt!« Und da ist sie auch schon – meine Mum.

»Stimmt doch gar nicht«, maule ich, denn ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen. »Außerdem sitze ich direkt vor euch!«, mache ich auf mich aufmerksam, weil ich das Gefühl habe, alle sprechen über mich, als wäre ich gar nicht anwesend.

»Du kannst es doch ruhig zugeben, Lukas. Da ist doch nichts dabei«, sagt Mum und zuckt mit den Schultern.

Jetzt damit herauszuplatzen, dass ich mich eher für den hübschen Jungen, der hier irgendwo wohnen muss, interessiere, erscheint mir fehl am Platze. Am liebsten würde ich es aber tun. Sofort spüre ich, wie Hitze in mir aufsteigt und mein Kopf seine Farbe wechselt. Er müsste jetzt die Farbe der Tomaten haben, die hier angebaut werden. Jetzt ist doch klar, dass alle denken, dass meine Eltern recht haben und ich mich in die Verkäuferin verliebt habe.

»Lukas, lass dich nicht ärgern«, sagt Mynthe und zwinkert mir zu. »Aber nun lasst uns essen. Das Fleisch ist doch durch, oder?«

Nohr nickt, steht auf und kommt mit einem vollbeladenen Tablett an den Tisch zurück. »God appetit, das heißt guten Appetit. Aber das konntet ihr euch wahrscheinlich schon denken.«

Alle lachen, wiederholen die dänischen Worte und bedienen sich von dem reichhaltigen Buffet. Mir ist nach so einem Gespräch der Appetit allerdings vergangen.

»Tschüss und bis morgen, Mynthe. Ich liebe deinen Garten und euch liebe ich auch. Es ist so schön hier. Tschüssi.« Mum winkt wie eine Verrückte und schwankt gefährlich hin und her.

Sie ist so peinlich, wenn sie betrunken ist. Paps wird still, wenn er zu viel hatte, aber Mum ist die Peinlichkeit in Person und wird immer lauter und redseliger.

Hätten Mynthe und Nohr bloß nie den selbstgebrannten Alkohol herausgeholt. Dank ihnen muss ich jetzt zwei Schnapsleichen nach Hause bringen und ich habe keine Ahnung, wie. Dad geht vor, aber leider immer in die falsche Richtung.

»Nein, nach links«, rufe ich ihm genervt zu. Mum hat sich bei mir untergehakt und lässt sich mitschleifen. »Du musst schon ein bisschen mithelfen!«, stöhne ich auf.

Unerwartet gibt sie mir einen Kuss auf die Wange. Das hat sie das letzte Mal gemacht, als ich noch zur Grundschule ging. »Hast du eine Freundin, Lukas? Lang ... lang ... langsam wird es doch Zeit, oder?«, fragt sie lallend.

»Ich habe keine Freundin! Und nun lass dich nicht so hängen. Du bist schwer!«

»Warum hast du keine Freundin? Du bist hübsch, klug und niedlich«, säuselt sie weiter.

Das niedlich hätte sie sich sparen können, beim Rest hat sie recht. Ich grinse in mich hinein. »Geradeaus!«, rufe ich meinem Dad zu. Er tut, was man ihm sagt, gut so.

Wir haben für zehn Minuten Fußweg fast eine halbe Stunde gebraucht. Mum hat noch in ein Gebüsch gekotzt und endlich mit der Fragerei aufgehört.

Ich verfrachte beide in ihre Betten und kuschle mich ebenfalls in die Laken – die Decke bis ans Kinn gezogen, ziehen meine Gedanken große Kreise. Warum sind meine Eltern so? Mum ist immer beschäftigt, ihre Tage sind gefüllt mit Terminen und Meetings. Wenn ich versuche, ihr von meinem Tag zu erzählen, nickt sie nur abwesend und wenn ich Glück habe, bekomme ich ein Ja als Antwort. Dad ist nicht besser. Er hat mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, kommt spät nach Hause, isst schweigend sein Abendessen und sieht dann stundenlang fern.

Es ist nicht so, dass sie mich schlecht behandeln oder nicht für mich da sind. Aber da ist oft diese Leere, dieses Gefühl, dass sie mich nicht wirklich sehen, mich nicht wirklich kennen. Immer wieder frage ich mich, ob sie es überhaupt merken würden, wenn ich ihnen eines Tages sagen würde, dass ich keine Freundin, sondern einen Freund habe. Vielleicht würde sie es nicht einmal interessieren. Oder vielleicht sind sie so in ihrer eigenen Welt verstrickt, dass sie es nicht einmal verstehen könnten.

Ich stelle mir oft vor, wie es wäre, ihnen zu erzählen, was in mir vorgeht. Würden sie dann endlich aufwachen und mich wahrnehmen? Würden sie dann sehen, dass ich mehr bin als der stille Junge, der sich ständig in seinem Zimmer verkriecht? Manchmal denke ich, dass es vielleicht an mir liegt. Vielleicht bin ich einfach nicht interessant genug? Nicht der Sohn, den sie sich gewünscht haben?

Aber dann erinnere ich mich daran, dass es nicht so sein sollte. Eltern sollten sich für ihre Kinder interessieren, egal was passiert. Sie sollten wissen wollen, wer ich bin, was mich bewegt und wie es in meinem Inneren aussieht. Sie sollten für mich da sein, auch wenn ich mich selbst noch nicht ganz verstehe.

Diese Gedanken nagen seit Monaten an mir und lassen mich nachts wach liegen. Ich wünsche mir so sehr, dass ich ihnen alles erzählen könnte, dass ich die Wahrheit über mich selbst teilen könnte. Aber die Angst, dass sie mich genauso gleichgültig behandeln wie jetzt, hält mich zurück. Und so bleibe ich lieber still, gefangen in meinen Gedanken und Gefühlen.

Donnerstag, 9:21 Uhr

Unten in der Küche ist noch alles still, dabei ist es schon fast halb zehn. Mum und Dad sind Frühaufsteher, aber heute liegen sie wohl noch völlig fertig und verkatert in den Federn.

Nachdem ich eine Kleinigkeit gefrühstückt habe, schaue ich ins Schlafzimmer meiner Eltern. Die Haare meiner Mum stehen wild nach allen Seiten ab. Dad schnarcht laut und unregelmäßig, ein Bein lugt unter der Bettdecke hervor. Mit denen ist jetzt noch nichts anzufangen. Die Tür knarrt, als ich sie vorsichtig schließe.

Ohne lange zu überlegen schnappe ich mir das Rad, welches im Schuppen steht, und fahre zum südlichsten Punkt Dänemarks. Der soll, laut Nohr, ganz in der Nähe sein.

Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der diesen Ort besucht. Es stehen mehrere Fahrräder in dem Ständer, am Gebäude halten sich Menschen auf, lesen die Infotafeln und schießen Fotos. Schnell schließe ich mein Rad an und suche den Weg zum Strand. Dort soll es irgendwo eine Treppe geben, über die man ans Wasser gelangt, meinte Nohr gestern.

Als ich sie hinabsteige, trifft mich fast der Schlag. Dort unten ist der Junge vom Strand und aus dem Laden – Tjark. Er ist nicht allein. Seine Freundin und sein Kumpel sind ebenfalls dort. Ich bleibe auf der obersten Stufe stehen und beobachte die Drei. Der Jüngere macht Fotos, die anderen unterhalten sich offensichtlich. Unerwartet schaut sich Tjark um und entdeckt mich natürlich. Was soll ich machen? Einfach umdrehen und gehen? Nein, denn nichts tun, das habe ich schon einmal getan und wer weiß, wie viele Chancen ich noch bekomme und Tjark über den Weg laufen werde. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und steige die Stufen zum Strand hinunter.

»Hej! Hvad hedder du?«, fragt er, als ich fast vor ihm stehe.

Ich werde rot, kratze meinen Hinterkopf und habe keine Ahnung, was er gerade gesagt hat. »Ähm, do you speak English? Or German?«, stottere ich und bekomme einen trocknen Mund.

Er lächelt mich an und sagt: »Ich spreche auch deutsch. Neuer Versuch: Ich habe gefragt, wie du heißt? Mein Name ist Magnus«, sagt er im besten Deutsch mit leichtem, dänischen Akzent und grinst mich an.

Dieses Lächeln ist so offen, ehrlich und freundlich – da können sich die Deutschen eine dicke Scheibe von abschneiden. Ich strenge mich an, lächle ebenfalls und sage, dass ich Lukas heiße.

»Hej, Lukas«, sagt Magnus und reicht mir die Hand. Ich nehme sie an und spüre einen kräftigen Händedruck, aber weiche, zarte Haut. »Machst du in Gedser Urlaub?«, fragt er und grinst noch immer.

Ich muss mich räuspern, meine Gedanken dürfen nicht abdriften. Endlich kenne ich seinen echten Namen. Nicht Tjark, sondern Magnus. Auf seiner Nase und den Wangenknochen erkenne ich ein paar Sommersprossen. Heute sind seine Haare ganz ordentlich und nach oben gestylt. Ein paar blonde Strähnen stehen ab und reflektieren das Sonnenlicht. Seine blauen Augen sind groß und strahlen eine angenehme Wärme aus, die sich in meinem Körper ausbreitet. Seine Lippen sind schmal und seine Mundwinkel sind weit nach oben geschoben.

»Ja, mit meinen Eltern. Oder sie mit mir.« Der Versuch, lustig und spontan zu wirken, hat prima funktioniert, denn Magnus lacht laut auf.

»Du bist witzig. Dann kommt ihr aus Deutschland?«

»Aus Rostock – nur ein Steinwurf über die Ostsee«, sage ich und zeige mit zittriger Hand Richtung Ostsee.

»Cool, da war ich noch nie. Aber ich wohne ganz in der Nähe – nicht direkt in Gedser. Wir haben uns schon öfters gesehen, oder? Erst am Strand und dann beim Einkaufen. Du hättest ruhig zu uns herüberkommen können...«, führt Magnus aus.

Wie kann man nur so cool sein? Ich versuche, mich zusammenzureißen, um einen geraden Satz über meine Lippen zu bekommen, und er plappert einfach drauf los. »Das hätte ich machen können, aber ich musste leider los«, stammle ich vor mich hin. »Was macht ihr?«, versuche ich ungeschickt abzulenken.

»Ich halte nach den Ferien einen Vortrag über die Gedser Odde. Deshalb sind mein Bruder, seine Freundin und ich heute ganz früh losgefahren, um ein paar schöne Fotos zu schießen. Übernächste Woche muss ich wieder zur Schule.« Magnus zeigt hinter sich und ich bewundere diese beeindruckende Landschaft. »Das sind übrigens Tjark und Inga. Und was treibt dich hierher?«, fragt Magnus ganz unaufgeregt.

Okay, jetzt wird mir einiges klar. Magnus ist gar nicht mit dieser Inga zusammen.

»Ich wollte mir die Steilküste anschauen. Ich bin gerne am Wasser«, versuche ich gelassen und locker zu sagen. Beruhige dich, Lukas.

»Das kann ich gut verstehen. Ich bin auch gerne hier.« Magnus dreht sich für den Bruchteil einer Sekunde weg und schaut auf die Ostsee.

»Du bist bestimmt in meinem Alter, oder?«, frage ich und fühle mich total mutig. »Ich bin achtzehn, werde aber am zweiten Dezember schon neunzehn.«

»Ich werde nächsten Monat neunzehn, am dreizehnten August, um genau zu sein«, lacht Magnus.

In dieses Lächeln könnte ich mich glatt verlieben und vielleicht ist es sogar schon geschehen. Okay, jetzt oder nie. Ich werde ihn fragen, ob wir vielleicht etwas unternehmen wollen. »Hast du Lust und Zeit mit mir ...« Das Klingeln meines Handys unterbricht mich. Ich entschuldige mich bei Magnus und entferne mich ein Stück. Am Telefon sind meine Eltern. »Ja?«, frage ich gefrustet. »Was? Ich bin aber gerade unterwegs. Okay, bis gleich!« Genervt lege ich auf und gehe wieder zu Magnus. »Sorry, meine Eltern. Sie wollen irgendwo hinfahren, aber vielleicht sieht man sich nochmal?«

»Oh, schade. Vielleicht bis bald, Lukas«, ruft Magnus noch hinterher.

Ich habe bereits auf dem Absatz kehrtgemacht und bin auf dem Weg nach oben. Blödes Timing. Auf der ersten Stufe stehend, schaue ich noch einmal nach unten. Magnus hat sich keinen Millimeter wegbewegt und schaut mir hinterher. Dieses Mal winke ich ihm zuerst zu, dann tut es mir Magnus gleich.

Magnus

Donnerstag, 10:00 Uhr

Ich schaue Lukas noch eine Weile hinterher. Oben an der Treppe angekommen dreht er sich noch einmal um und winkt mir zu. Ich winke zurück, dann ist er auch schon verschwunden.

Bei unserem flüchtigen Gespräch wirkte er ziemlich nervös und angespannt. Ich hatte das Gefühl, dass er mich kaum anschauen konnte. Seine blau-grauen Augen wichen mir ständig aus. Lukas´ schmales und zierliches Gesicht wurde von der Sonne förmlich von Licht erfüllt. Er sah aus, wie ein Engel. Die braunen, kurzen Haare wurden vom Wind zerzaust, aber selbst das sah ziemlich gut aus. Seine Stupsnase, die einen leichten Sonnenbrand hatte, taucht vor meinem inneren Auge auf.

Schade, dass er so schnell wegmusste. Hätte ich nach seiner Unterkunft fragen sollen, oder wäre das zu plump gewesen?

»Hey, Maggi! Alles gut?«, fragt Tjark.

»Was? Ja, wieso?«

»Weil du seit zehn Minuten nur herumstehst und nicht ein Foto machst«, meckert mein großer Bruder.

»Habe schon ganz viele gemacht«, antworte ich abwesend und schaue auf das Kameradisplay.

»Wer war das gerade?«, möchte Inga wissen und steht überraschend neben mir.

»Lukas. Er macht hier Urlaub und hatte ein paar Fragen. Ich habe sie ihm nur beantwortet«, lüge ich.

»Ich glaube, du bist verknallt!« Tjark boxt mir gegen die Schulter.

»Du spinnst!« Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Aber Tjark hat recht. Lukas wirkte sehr sympathisch und nett.

»Klar, bist du das! Willst du noch Fotos machen, oder können wir zu Oma und Opa zum Frühstück? Ich habe Hunger!«

»Schon gut, ich packe zusammen, dann können wir los.« Ich muss zugeben, dass auch mir der Magen knurrt. Das Frühstück musste heute ausfallen, da wir sehr früh losgeradelt sind.

Wir schnappen unsere Siebensachen und machen uns auf den Weg zu unseren Großeltern.

Lukas

Samstag, 13:01 Uhr

Nach dem Mittagessen zieht es mich gleich wieder nach draußen. Mum und Dad sonnen sich im Garten, ich streife durch den Ort und lasse mich von meiner Musik berieseln. Es zieht mich wieder zu dem kleinen Supermarkt, der sich mitten im Ort befindet. Vielleicht kauft Magnus in diesem Moment dort ein und kommt genau dann heraus, wenn ich daran vorbeilaufe. Er hat erzählt, dass er in der Nähe wohnt, gesehen habe ich ihn seit Donnerstag allerdings nicht mehr.

Die Tür des Ladens öffnet sich tatsächlich und ich bleibe aus Reflex stehen. Es ist jedoch nicht Magnus, der das Geschäft verlässt, sondern Mynthe.

»Hej, Lukas. Haben dich deine Eltern schon eingeweiht?«, fragt sie und stellt die Einkaufstaschen neben sich ab.

Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren, lächle und nicke flüchtig. »Hm, haben sie!« Vor einer halben Stunde haben sie mich damit überrascht, dass uns Mynthe und Nohr heute zum Abschiedsgrillen eingeladen haben.

»Wir freuen uns wirklich sehr, dass ihr wieder zu uns kommt. Der letzte Abend war doch lustig oder?« Sie lacht auf und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Wieder nicke ich. Lustig für meine Eltern, für mich eher weniger. »War schön«, antworte ich.

»Heute wird auch unser Enkel zum Essen da sein, dann könnt ihr euch endlich kennenlernen. Ihr werdet euch gut verstehen«, sagt sie freudestrahlend.

»Ja, mal schauen.«

»Doch, glaub mir, Lukas. Ihr passt gut zusammen.«

Wir passen gut zusammen? Will sie mich mit ihm verkuppeln? Ahnt sie etwas von meiner Neigung?

»Gut, ich werde weiter. Bis später, Lukas.« Mynthe beugt sich tief herunter und hat Schwierigkeiten, die Taschen anzuheben.

»Warten Sie, ich trage Ihnen die Einkäufe nach Hause«, biete ich mich an und flugs habe ich zwei gut gefüllte Taschen in den Händen.

»Das ist lieb, Lukas. Aber sag doch bitte du. In Dänemark duzt man sich«, sagt sie, zwinkert und geht neben mir her.

»Heb´ deine Füße, Lukas«, pflaumt mich Dad von der Seite an. Ich kann meine schlechte Laune nur schwer verstecken. Meine Gedanken kreisen um Magnus und die verpassten Chancen, mit ihm zu reden und mich mit ihm zu verabreden. Daran sind nur meine Eltern schuld.

»Trinkt heute Abend nicht wieder so viel. Dieses Mal trage ich euch nicht nach Hause«, gebe ich schnippisch zurück.

Mum und Dad hören mir gar nicht zu. Beide benehmen sich wie zwei frisch verliebte Teenager, die keine fünf Minuten die Hände voneinander lassen können.

Ich freue mich für meine Eltern, denn ich sehe, dass sie erholt und einfach nur gut gelaunt sind. Mum ist seit Tagen ausgelassen, entspannt und gut drauf. Dad hatte, seitdem wir hier sind, nur am Anfang einen kleinen Anfall, der schnell vorbei war.

Lieber schaue ich auf den Boden, als auf meine Eltern. Das Herumgeknutsche der beiden, ertrage ich nicht mehr.

Wieder überlege ich, wie der Enkel von Mynthe und Nohr sein könnte. Wenn ich Glück habe, redet er ebenfalls nicht viel und ist eher mit seinem Handy beschäftigt. Wenn ich Pech habe, ist er eine Labertasche und aufdringlich. Außerdem fahren wir morgen eh wieder nach Hause – nun brauche ich keine neuen Freunde mehr.