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Die schönste und hyggeligste Jahreszeit in Dänemark bricht an: Weihnachten. Musik, Adventsmärkte, leckeres Essen und Zeit mit der Familie stehen Lukas und Magnus bevor. Magnus liebt die festliche Zeit und ist voller Vorfreude auf besinnliche Momente und dänische Weihnachtsbräuche. Während er mit den Vorbereitungen in vollem Gange ist und der Duft von Zimtsternen und Tannenduft durch die Wohnung zieht, hat Lukas kaum Zeit, durchzuatmen. Für ihn gestaltet sich die Vorweihnachtszeit schwieriger, als erwartet. Seine Eltern verreisen über die Feiertage und er wird das erste Mal ohne sie feiern. Zudem kämpft Lukas mit unerfüllten Wünschen aus der Vergangenheit, die ihn immer wieder einholen. Soll er seine Träume aufgeben? War es ein Fehler, nach Dänemark auszuwandern und seiner ersten großen Liebe zu folgen? Inmitten von Zweifeln, Ängsten und emotionalen Turbulenzen werden Lukas und Magnus mit der wahren Bedeutung von Weihnachten konfrontiert. Wird es ihnen gelingen, ihre Unterschiede beizulegen und ihre Beziehung zu festigen, oder sind manche Wunden zu tief, um geheilt zu werden? "Winterzauber Küsse" ist eine herzerwärmende Geschichte, die die Magie der Weihnachtszeit in Dänemark einfängt und daran erinnert, dass die größten Geschenke im Leben die Menschen sind, die wir lieben.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Samstag, 29. November
Lukas
Dienstag, 2. Dezember
Magnus
Lukas
Samstag, 6. Dezember
Magnus
Montag, 8. Dezember
Lukas
Magnus
Donnerstag, 11. Dezember
Lukas
Samstag, 13. Dezember
Magnus
Montag, 15. Dezember
Lukas
Magnus
Mittwoch, 17. Dezember
Lukas
Freitag, 19. Dezember
Magnus
Lukas
Sonntag, 21. Dezember
Lukas
Montag, 22. Dezember
Lukas
Mittwoch, 24. Dezember
Magnus
Montag, 29. Dezember
Lukas
Mittwoch, 31. Dezember
Magnus
Bonus-Kapitel
Chronologie der Kurzgeschichten Das erste Treffen
Das erste Treffen
Kapitel l
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Die Einweihungsparty
Kapitel l
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Lukas lernt schwimmen
Magnus
Magnus' Kennenlern fahrt
Kapitel l
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Lukas
»Mach's gut, mein Großer.« Dad wuschelt mir durch die Haare und öffnet seine Arme.
Ich richte meine Frisur, schließe ihn in eine feste Umarmung und lege meine Hand auf seine Schulter.
Auf dem Hafengelände herrscht geschäftiges Treiben. Selbst jetzt, kurz vor den Feiertagen, ist hier viel los. In der Ferne werden riesige Container verladen, deren metallische Klänge sich mit den Geräuschen von Lkw-Motoren vermischen. Arbeiter in gelben Warnwesten laufen umher, rufen sich Anweisungen zu und steuern schweres Gerät. Über allem liegt die Atmosphäre von Eile und Effizienz. Der Rostocker Überseehafen pulsiert wie ein lebender Organismus und wir sind mittendrin.
Der Novemberwind weht kühl und rau über das Gelände. Nichts hält ihn auf – freie Fläche und offenes Wasser, wohin man schaut. Nur wenige Menschen warten mit uns am Busterminal und wollen ebenfalls zur Fähre gebracht werden. Von dort geht es aufs Schiff und weiter nach Gedser, Dänemark. Gesprächsfetzen, die der Wind an mein Ohr trägt, lassen vermuten, dass die anderen Passagiere nicht nach Gedser wollen, sondern in die nächstgrößere Stadt – meine Heimatstadt: Nykobing Falster.
Mum, Dad und ich stehen windgeschützt in der Bushaltestelle und verabschieden uns zum letzten Mal in diesem Jahr.
»Grüße bitte alle ganz lieb von uns, ja? Und denke an die Geschenke für Magnus, seine Eltern, Tjark, Mynthe und Nohr.« Mum steht neben mir, breitet ihre Arme aus und drückt mich fest an sich.
»Mach ich«, sage ich mit einem dicken Kloß im Hals. Die fünf Tage, die ich bei meinen Eltern in Rostock verbracht habe, flogen dahin, wie die letzten Tage eines Jahres um den Dezember herum. Es war schön, beide noch einmal zu sehen, bevor sie in ein paar Wochen in den Winterurlaub fahren. »Es wird komisch sein, ohne euch Weihnachten zu feiern.«
»Uns geht es genauso, Lukas. Im nächsten Jahr kommt ihr einfach mit.« Sie lächelt mich an und streichelt liebevoll meinen Arm.
»Ich verstehe schon: Kaum ist das einzige Kind aus dem Haus, blühen die Eltern auf und lassen es sich gutgehen.« Ich lächle tapfer und versuche, mir meine Traurigkeit darüber, dass ich ohne sie Weihnachten feiern werde, nicht anmerken zu lassen.
»Ach, Lukas. Es hat sich ganz spontan ergeben, dass wir ein Zimmer in dem Hotel bekommen haben«, sagt Dad. »Außerdem feierst du zusammen mit Magnus und seiner Familie Weihnachten im zweitglücklichsten Land der Welt. Wir beneiden dich total.«
»Nein, alles gut. Es war nur ein kleiner Spaß.« Wieder lächle ich, winke ab und hoffe, dass mir meine Eltern diese kleine Notlüge abnehmen. »Ich glaube, ich sollte langsam einsteigen«, sage ich, deute mit dem Daumen zum Bus, der bereits in der Haltebucht steht, und schnappe meinen Koffer und schultere den Rucksack.
Ein letztes Mal umarmen wir uns alle und ich wünsche meinen Eltern schon jetzt einen erholsamen Urlaub. Sie haben es sich verdient.
»Und dir ein schönes, erstes Weihnachtsfest in Dänemark. Wir sehen uns am dritten Januarwochenende und holen dich und Magnus hier ab«, nickt Mum mir zu und winkt.
»Okay, so machen wir das. Euch auch schöne Weihnachten in den Bergen. Wir hören uns dann am Dienstag?«, frage ich und kann meine Freude und ein Grinsen, trotz des Abschiedsschmerzes, nicht verstecken.
»Wieso?«, fragt Dad schlecht gespielt.
»Weil da mein Geburts ...«, stocke ich. »Ach Mann, ich bin schon wieder darauf reingefallen«, gebe ich peinlich berührt zu.
»Das hat schon damals, als du noch klein warst, geklappt!« Dad schmunzelt und lacht dann laut.
»Und klappt auch jedes Jahr aufs Neue«, kringelt sich Mum und tritt von einem Bein auf das andere. »So, nun aber los, sonst fährt der Bus zur Fahre noch ohne dich.«
Ich steige ein, winke beiden noch einmal zu, die Türen schließen sich und ich spüre die Vibration des Busmotors.
Das Schiffshorn ertönt, die Fähre erzittert – wir haben abgelegt.
Wie mich diese Situation an den letzten Sommer erinnert, denke ich, während ich mir im Inneren der Fähre einen Sitzplatz in den Bullaugen suche. Mein Lieblingsplatz. Ich liebe es, hier Musik zu hören und auf die kalte, aufgewühlte Ostsee zu schauen.
Eigentlich müsste ich hier jeden Mitarbeiter persönlich kennen, so oft, wie ich in den letzten anderthalb Jahren die Fähre nach Dänemark genutzt habe. Was für eine verrückte Zeit, als Magnus und ich uns ständig per Schiff besucht haben. Zum Glück hat das andauernde Herumgefahre ein Ende. Magnus und ich sind nach einem Jahr Fernbeziehung in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen und haben angefangen zu studieren.
Anfangs war das Studium eine tolle Idee. Ich dachte, es würde mir helfen, mich hier einzuleben, mehr am Alltag teilzunehmen, doch die dänische Sprache stellte sich als viel größere Herausforderung heraus. In den Vorlesungen saß ich oft da, hörte die Stimmen der Dozenten, aber ihre Worte schienen über mich hinwegzufließen, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Magnus hatte immer versucht, mich zu unterstützen, mich zu ermutigen. »Det bliver fint«, sagte er oft, was so viel wie: »Das wird schon« bedeutet. Zu Beginn klang es tröstlich, aber irgendwann begann ich, an seinen Worten zu zweifeln. Es fühlte sich an, als würde ich ständig gegen eine unsichtbare Mauer rennen, die mich daran hinderte, wirklich anzukommen.
Schnell musste ich mir eingestehen, dass das Studium nicht der richtige Weg für mich war. Die Entscheidung, die Uni zu verlassen, war schwer, aber gleichzeitig fühlte ich eine merkwürdige Erleichterung in mir. Nachdem ich mich schließlich für die Ausbildung zum Tourismuskaufmann entschied, hatte ich das erste Mal seit Langem das Gefühl, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Die Arbeit macht Spaß und es ist schön, zu sehen, wie die Gäste unserer Stadt das entdecken, was ich noch vor kurzem selbst als fremd empfand. Dies gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. Es ist nicht immer einfach, aber ich merke, wie ich jeden Tag ein Stück mehr hier ankomme.
Durch die großen Bullaugen fällt mein Blick auf den Horizont, wo ich bereits die dänische Küste erkennen kann. Fünf Tage ohne Magnus waren fast unerträglich, aber gleich habe ich ihn wieder.
»Da ist ja mein Luki!«, ruft Magnus, während ich aus dem Fährterminal komme. In ein paar Tagen beginnt der Dezember, doch Magnus hat noch immer diese schöne, gleichmäßige Bräune, die er auch im Sommer hat. Seine Sommersprossen verschwinden gar nicht mehr. Jeden Tag entdecke ich Neue auf seiner Nase und den Wangen. Dick eingepackt in seinem Mantel und einem Schal um den Hals, der einer Giraffe passen würde, steht er da und wartet auf mich. Seine kurzen, blonden Haare sind durch den starken Sturm zerzaust und völlig durcheinandergeraten – die klassische Sturmfrisur, die wir alle an der Küste tragen.
Der eisige, fast schneidende Wind bläst mir um die Ohren und ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke ein Stückchen höher. Ich bin wieder zu Hause, denn dort steht der Mensch, den ich über alles liebe. Eine wohlige Wärme breitet sich in meiner Brust aus und mein Herz schlägt doppelt so schnell. Gleich kann ich Magnus wieder in meine Arme schließen. Ihn küssen, seine Nähe, trotz der dicken Kleidung, die wir tragen, spüren und seinen Geruch in mir aufnehmen.
»Ich habe dich so vermisst. Komm mal her, ich brauche meine Dosis Lukas.« Magnus strahlt mich an, streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn und zieht mich in eine lange, feste Umarmung.
»Wie? Kein Kuss?«, nuschle ich in seinen Schal, der nach seinem Lieblingsparfüm duftet: Sandelholz, süßlich und doch herb.
»Erst drücken, dann küssen.« Magnus legt seine kalten Hände auf meine Wangen, was mich rasch zusammenzucken lässt. Er drückt sie zärtlich zusammen und küsst mich erst sanft, dann fester.
»Das hat mir so gefehlt«, bringe ich flüsternd hervor, da mir dieser Kuss die Luft zum atmen geraubt hat.
»Ich habe ein richtiges Déjà- vu, weißt du.«
Laut kichernd muss ich zugeben: »Ich auch.«
»Ich wäre zu gern mitgekommen. Jetzt sehe ich deine Eltern erst im nächsten Jahr wieder«, sagt Magnus und zieht die Schultern nach oben.
»Uni-Kram und Klausuren gehen vor«, gebe ich zurück.
»Das stimmt. Ich habe bei der letzten Hausarbeit jedenfalls ein gutes Gefühl. Komm, Dad steht da hinten.« Magnus nimmt meinen Koffer und rollt ihn Richtung Auto.
»Der ist aber schwer. Was hast du denn da drinnen? Du warst doch nur für fünf Tage weg.«
Ich lächle ihn an und antworte: »Der Weihnachtsmann hat mir schon ein paar Pakete mitgegeben.«
Magnus schenkt mir ein verschmitztes Lächeln. »Verstehe.«
»Hej, Leif. Danke fürs Abholen«, sage ich, nachdem wir mein Gepäck im Kofferraum verstaut und es uns auf der Rückbank gemütlich gemacht haben.
»Hej, Lukas. Willkommen zurück. Kann’s losgehen?«, fragt Magnus' Dad und dreht sich kurz zu uns um.
Wir nicken stumm und können die Augen nicht voneinander abwenden.
»Ach, schöne Grüße von Oma und Opa. Wir waren viel zu früh hier und haben ihnen einen Spontanbesuch abgestattet«, erzählt Magnus beschwingt.
»Danke.«
»Lukas, jetzt gehts bald los. In ein paar Tagen beginnt die schönste Jahreszeit in Dänemark.« Magnus holt tief Luft und ich schaue ihn skeptisch an. »Weihnachten«, singt er und lacht laut auf.
»Ist das hier so besonders?«, frage ich. »Du hast zwar letztes Jahr schon ein bisschen erzählt, aber das wird doch sicher ähnlich gefeiert, wie in Deutschland, oder?«
»Warte es ab – Weihnachten ist bei uns immer etwas ganz Besonderes!«
»Besonders!«, wiederholt Magnus' Dad und lacht auf. »Das trifft es genau!«
»Wieso?«
»Lukas, du musst wissen, Magnus ist an Weihnachten immer sehr kreativ. Besonders in dem Jahr, als er fünf war und beschlossen hat, dass es unbedingt schneien muss - egal wie«, sagt er und bei mir ploppen hundert Fragezeichen auf.
»Was hat er denn gemacht?«, möchte ich wissen.
»Papa, hör auf! Es war gar nicht so schlimm!« Magnus rutscht ein Stück nach unten und vergräbt sein Gesicht unter seinem Schal.
»Doch, doch, das war es«, beharrt er lachend.
»Erzähl, Leif!«
»Also, es war Heiligabend und draußen war es mild - kein Schnee, nicht mal Frost. Magnus war völlig empört, dass wir Weihnachten ohne Schnee feiern sollen. Für ihn war Schnee der wichtigste Teil von Weihnachten.«
»Ich hatte recht! Es ist kein richtiges Weihnachten ohne Schnee!«, verteidigt er sich.
»Und das hast du uns auch überzeugend erklärt. Während wir dachten, dass Magnus ganz harmlos in seinem Zimmer spielt, hat er heimlich einen Plan geschmiedet. Er wollte Schnee ins Wohnzimmer bringen - und weil draußen keiner lag, musste er sich etwas einfallen lassen. Nämlich... Mehl.«
»Mehl? Wirklich?«, pruste ich los.
»Oh ja! Magnus hatte sich in die Küche geschlichen, sich zwei Mehltüten geschnappt, und dann im Wohnzimmer angefangen, den perfekten Schnee zu verteilen. Er hat das Mehl über die Couch, den Teppich und sogar über den Couchtisch gestreut – angeblich, damit es aussieht, wie frisch gefallener Schnee.«
»Ich wollte nur, dass es für alle richtig weihnachtlich wird«, sagt Magnus schulterzuckend.
»Magnus hat sogar seine kleinen Plastikweihnachtsfiguren und Rentiere in das Schneemehl gesetzt. Außerdem hat er den Baumstamm des Weihnachtsbaums mit Mehl eingestäubt, damit es so aussieht, als hätte er gerade einen Schneesturm überstanden«, sagt Leif.
»Das klingt wie eine Katastrophe«, sage ich und muss mir den Bauch vor Lachen halten.
»Das war es auch. Aber Magnus war begeistert von seiner Arbeit. Als Mynthe, Nohr, Tjark, Mille und ich ins Wohnzimmer kamen, stand er mitten in seiner selbst gemachten Schneelandschaft, komplett eingestäubt mit Mehl – von den Haaren bis zu den Füßen. Und als Mynthe fragte, was er da macht, hat er mit großen Augen gesagt: ,Ich helfe dem Weihnachtsmann, damit er sich wie zu Hause fühlt!’«
»Das war doch ein guter Gedanke!«, wirft Magnus ein.
»Ja, ein sehr guter Gedanke«, sagt sein Dad und grinst. »Aber die Realität war eine ganz andere. Das Mehl war überall. Es hatte sich in jede Ritze des Holzfußbodens gesetzt, es war in jeder Faser des Teppichs und natürlich auf den Geschenken, den Möbeln und sogar auf dem Fernseher.«
»Das muss unglaublich ausgesehen haben«, sage ich und kann gar nicht fassen, was der 5-jährige Magnus damals getan hat.
»Mynthe hat ein Bild davon. Frag sie mal danach, Lukas!«
»Das ist gar nicht so toll«, lenkt Magnus ein.
»Als ich Magnus fragte, ob er glaubt, dass das wirklich eine gute Idee war, sagte er ganz ernst: ,Far, der Schnee schmilzt nicht – das ist viel besser als draußen!’«
»War es doch auch! «, protestiert er lachend.
»Und was habt ihr dann gemacht?«, frage ich neugierig.
»Nun, wir haben versucht, so viel wie möglich zu retten. Aber ehrlich gesagt, wir haben das Mehl in den Ecken, unter dem Teppich und hinter den Möbeln noch Monate später gefunden. Und als Magnus und Tjark eine Schneeballschlacht anfangen wollten, mussten wir beide endgültig stoppen.«
»Das war eine echte Weihnachtsüberraschung!«, sagt Magnus stolz.
»Überraschung ist das richtige Wort«, sagt Leif.
»Seitdem sage ich jedes Jahr: Magnus und weiße Weihnachten – das wird in der Familie nie wieder getoppt.«
»Okay, dann weiß ich ja, was ich in diesem Jahr vor dir verstecken muss: Mehl!«, sage ich und zwinkere Magnus zu.
»Keine Angst, dieses Jahr nehme ich Puderzucker – das sieht noch realistischer aus«, feixt er mich an.
»Wehe«, drohe ich ihm. »So, aber nun mal im Ernst: Wie läuft Weihnachten bei euch ab?«
»Am 24. Dezember sind wir bei Mum und Dad eingeladen. Der Rest der Familie wird ebenfalls dort aufkreuzen. Keine Sorge, ich werde dir alle anderen Bräuche und Gepflogenheiten früh genug erklären«, sagt Magnus und ein Hauch von Wärme huscht über seine Lippen.
Er muss sich wirklich sehr auf Weihnachten freuen. Ich nicke und schaue gedankenverloren aus dem Fenster, doch plötzlich lässt mich eine Berührung an meiner Hand aufschrecken: Magnus hat sie fest umschlossen und streichelt über meinen Handrücken.
»Alles gut?«, fragt er. »Es ist komisch für dich, ohne deine Eltern Weihnachten zu feiern, oder?«
»Ja, schon. In den Jahren davor haben wir die Feiertage immer zusammen verbracht. Aber nun habe ich ja euch«, sage ich, beuge mich vor und gebe Magnus einen Kuss auf den Mund.
»Verstehe ich, aber glaub mir: Es wird toll. Und ich freue mich noch mehr, dass wir dieses Jahr zusammen feiern können. Letztes Weihnachten war es seltsam. Du hast einfach gefehlt.«
»Damals habe ich noch in Rostock gewohnt und wir waren erst ein halbes Jahr zusammen«, merke ich an.
»Trotzdem«, sagt Magnus und lehnt sich zurück.
»Ich unterbreche euch nur ungern, aber es gibt noch ein großes Ereignis in ein paar Tagen und ich meine nicht Weihnachten«, sagt Leif, ohne die Augen von der Straße zu nehmen.
Mein Geburtstag, denke ich.
»Dein Geburtstag«, spricht Magnus meinen Gedanken laut aus und zwinkert mir spitzbübisch zu.
»Genau. Wir würden euch am Dienstag gern zum Abendessen bei uns einladen«, sagt Leif.
»Wenn euer Sohn nicht schon wieder etwas anderes geplant hat, kommen wir gern. Oder hast du was vor?«, frage ich Magnus und schmunzle.
»Wer weiß?« Er lässt seine Augenbrauen tanzen und spricht weiter. »Nein, keine Angst. Ich hoffe nur, du freust dich über deine Geschenke«, kommt es erwartungsfroh aus seiner Richtung.
»Bestimmt. Du kennst mich. Ich brauche kein großes Tamtam«, sage ich.
»Ha«, macht Leif und lacht laut. »Lukas, dein Einweihungsgeschenk damals für Magnus war der Knaller. Ich bin gespannt, ob mein Sohnemann das überbieten kann.«
»Dad!« Magnus ist fassungslos, grinst und kratzt sein Kinn. »Aber er hat recht. Ich mag das Foto von uns beiden wirklich sehr. «
»Wisst ihr was?«, mischt sich Leif wieder ein. »Wenn es damals schon Handys gegeben hatte, die gute Fotos machen, würde es euer Bild wahrscheinlich gar nicht mehr geben. Heute macht man ein Foto, vergisst es und löscht es irgendwann einfach. Dass Mynthe diesen Augenblick mit einer richtigen Kamera festgehalten hat, war euer Glück und ihr habt eine schöne Erinnerung.«
In dem Punkt kann ich Magnus" Dad nur zustimmen.
»Ich vermisse die analoge Zeit ein bisschen«, sagt Magnus aus dem Nichts heraus und klingt sentimental. »Wenn ich so eine Kamera hätte, würde ich alle besonderen Anlässe damit festhalten: Geburtstage, Feiern, Urlaube. Wir sind zu jung, denn so, wie es damals wirklich wahr, wissen wir nur von Erzählungen. Leider.« Magnus schaut zu mir herüber und zuckt mit den Schultern. »Egal.«
»Du lebst doch eh schon wie vor über 40 Jahren. Du hast dir kurz nach dem Einzug einen gebrauchten Plattenspieler gekauft und hörst manchmal noch Kassetten über diesen alten Walkman.« Mit einem schelmischen Zwinkern schaue ich zu ihm herüber.
»Lukas, ich höre Musik gerne bewusst und lasse mich nicht ständig von ihr berieseln. Ich liebe es, eine Platte aufzulegen, Kopfhörer auf den Ohren zu haben und der Musik zu lauschen.« Magnus schließt die Augen und hat ein zartes Lächeln auf den Lippen. »Ich könnte in den Soern überleben. Du nicht«, sagt er und schaut mich herausfordernd an.
»Ich bin froh, dass ich in der heutigen Zeit lebe. Schau mal: In ein paar Tagen können mir meine Eltern per Video-Call zum Geburtstag gratulieren. Oder denke mal an uns. Das ganze letzte Jahr haben wir uns nur am Wochenende gesehen, die andere Zeit per Handykamera. All das wäre vor dreißig Jahren nicht möglich gewesen.«
»Okay, du hast ja recht«, sagt Magnus.
Zusammen schauen wir auf die Landschaft, die an uns vorbeirauscht.
Magnus
»Habe ich alles?«, flüstere ich zu mir und schaue auf den geschmückten Küchentisch. Vorsichtig stelle ich noch den selbst gebackenen Kuchen ab und zünde die Kerzen an. Das Geschenk für Lukas steht an seinem Platz und in der Tischmitte thront der obligatorische Dannebrog – die dänische Flagge. Nun kann ich ihn wecken.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer streift mein Blick die Leinwand, die ich von Lukas zum Einzug geschenkt bekommen habe. Zwei vierjährigen Jungen strahlen um die Wette und sehen vollkommen glücklich aus – auf dem Foto sind wir zu sehen, Lukas und ich. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, verspüre ich eine Welle der Dankbarkeit und Liebe für meinen Luki. Es ist mehr als nur ein Geschenk – es ist ein Zeichen seiner tiefen Zuneigung und seines Verständnisses für mich. Und jedes Mal, wenn ich das alte Foto betrachte, weiß ich, dass unser gemeinsames Leben voller solcher wundervollen Überraschungen und unvergesslichen Momente sein wird.
»Guten Morgen, Lukas«, flüstere ich und gehe zu ihm ans Bett. Er blinzelt mich kurz an, seine Mundwinkel heben sich ein Stück. Dann schließt er sein offenes Auge wieder.
»Ich habe gesehen, dass du nicht mehr schläfst.«
Lukas gibt ein Stöhnen von sich. »Warum bist du schon so früh wach?«, fragt er und kuschelt sich in die Bettdecke.
»Weil heute dein Geburtstag ist, mein Schatz! « Ich lege mich zu ihm und drücke ihn fest an mich. »Alles, alles Gute wünsche ich dir!« Es folgt ein Kuss auf seine Stirn, dann auf seinen Mund.
»Danke!« Lukas' Lächeln steckt mich an. Er grinst breit und zieht mich ebenfalls in eine Umarmung.
»Komm mit«, sage ich und hüpfe aus dem Bett.
In der Küche stehend, kommt Lukas aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seine Augen sind weit geöffnet, sein Mund steht offen.
Ich beobachte ihn, wie er die Details wahrnimmt: die Luftballons, die ich an der Wand befestigt habe, die leuchtenden Papiersterne, die in den Fenstern hängen, und das Geschenk, welches ich auf seinem Platz arrangiert habe. Es ist mir wichtig, dass er sich hier nicht nur willkommen, sondern auch ein bisschen zu Hause fühlt - ich hoffe so sehr, dass es mir gelungen ist.
Er sieht mich an und in seiner Miene liegt eine Mischung aus Überraschung und Freude. Ich kann sehen, wie sehr ihn all das berührt, und das erfüllt mich mit einem tiefen Glücksgefühl. In diesem Moment weiß ich, dass sich die Mühe, die ich in die Vorbereitungen gesteckt habe, gelohnt hat. Lukas7 Lächeln ist alles, was ich mir für diesen Tag gewünscht habe.
»Hast du nicht ein wenig übertrieben?«, fragt er.
»Nein«, sage ich knapp. »So feiern wir Dänen unsere Geburtstage. «
»Du bist verrückt«, sagt Lukas und fällt mir vor Freude um den Hals. »Wann hast du gebacken und alles geschmückt?«
»Gestern Abend, nachdem du ins Bett gegangen bist. Außerdem ist das noch gar nichts. Freue dich schon mal darauf, wenn du nachher im Büro ankommst. Und nun setz dich. Hier«, sage ich, nehme die selbst gebastelte Pappkrone und platziere sie Lukas auf den Kopf. »Die musst du heute tragen, denn du bist heute der König! Alle sollen sehen, dass du heute Geburtstag hast.« Die Krone ist blau, seine Lieblingsfarbe, hat rote und gelbe Steinchen an den Seiten und die Zacken sehen aus wie schneebedeckte Bergspitzen, weiß und Silber.
Lukas nimmt Platz, schaut mich noch immer ungläubig mit zusammengekniffenen Augen an. »Den ganzen Tag?«, fragt er und rückt die Krone zurecht.
Ich nicke und betrachte meinen hübschen Freund, der ein breites Grinsen im Gesicht hat und meine selbstgebastelte Krone auf dem Kopf tragt.
»Okay, wenn du das sagst. Aber deinen Geburtstag haben wir damals nicht so groß gefeiert.«
»Im August waren wir mitten im Umzugsstress. Schon vergessen? Das war anstrengend und hektisch genug. Da blieb keine Zeit, um eine große Party vorzubereiten. Abgesehen davon feiert man in Dänemark die Geburtstage anders als in Deutschland. Du musst viele Süßigkeiten und Kuchen für deine Kollegen mitbringen.«
Lukas schaut mich entgeistert an. »Ich habe gar nichts eingekauft. Das hättest du früher sagen ...«
»Keine Panik, ich habe alles vorbereitet. Der Kuchen ist für uns«, ich deute auf den Schokokuchen vor uns, »und dann steht noch einer im Kühlschrank. Den nimmst du nachher mit. In dem Beutel auf der Arbeitsfläche sind Süßigkeiten. Dank' mir einfach später.«
Lukas atmet laut aus und lässt sich nach hinten fallen. »Mann, musst du mir so einen Schrecken einjagen? Aber danke. Muss ich noch was wissen?«, fragt er und setzt sich aufrecht hin.
»Ja, es gibt noch typische Geburtstagslieder, aber das wirst du nachher alles noch hören«, lache ich und reiche Lukas ein Stück Kuchen.
»Der sieht lecker aus, danke. Ich glaube aber nicht, dass meine Kollegen einen so großen Aufstand machen werden, wie du. Ich bin doch erst seit drei Monaten dort.«
»Ich muss dich enttäuschen, du wirst um keine Tradition herumkommen. Du wirst deinen Arbeitsplatz nicht wiedererkennen. Alles wird geschmückt sein, auch wenn du erst vor Kurzem dort angefangen hast. Ach, wundere dich nicht, wenn in dem Lied oft die Worte Hurra, Kuchen und Schokolade Vorkommen. Das muss so. Und nun Öffne dein Geschenk.«
Lukas schmunzelt, legt sein Kuchenstück aus der Hand und schüttelt das Päckchen vorsichtig hin und her. »Da klappert was«, sagt er und entfernt das Geschenkpapier. »Ich erkenne schon etwas.« Seine freudig erregte Stimme lässt mein Herz schneller schlagen und bringt mich zum Lächeln. »Oh, wie toll. Die ist so schön. Danke, Magnus.«
»Gerne. Freust du dich?«
»Klar. Die Muschel gefällt mir wirklich gut. Die Wievielte ist das jetzt? Egal. Und dann noch das neuste Lego-Set!«, sagt er und trommelt mit seinen Fingern auf dem Karton herum. Seine Stimme überschlägt sich. Dann bestaunt er nochmal die Muschel, dann die Verpackung, in der sich ein Bausatz für eine E-Lokomotive befindet.
Lukas ' strahlend weiße Zähne kommen zum Vorschein. Sein Mund muss vom Dauergrinsen schon schmerzen. Die Augen weit aufgerissen betrachtet er seine Geschenke. In seiner Iris erkenne ich ein Funkeln und Glitzern. Mit meinen Geschenken habe ich wohl direkt ins Schwarze getroffen. Es macht mich glücklich, ihn so zufrieden und fröhlich zu sehen. Lukas' Wangen wechseln sichtbar ihre Farbe: von Weiß zu einem sanften Rosa.
Wochenlang hatte er sich dieses Set im Internet angeschaut und immer wieder überlegt, ob er das Geld dafür ausgeben sollte.
Lukas beugt sich über den kleinen Esstisch und küsst mich langsam und zart auf den Mund. »Danke! Äh ... nein. Ich meine natürlich Tak! «
Etwa eine halbe Stunde lang genießen wir Lukas" Geburtstagsfrühstück, aber jetzt muss ich in die Uni.
»Okay, bis heute Nachmittag. Und denke dran, dass wir um 18 Uhr bei meinen Eltern zum Abendessen eingeladen sind. Hab einen schönen Tag, ich liebe dich!« Lukas bekommt einen langen Kuss und seinen Nacken gekrault. Ein wohliges Stöhnen zeigt mir, dass ich alles richtig mache - zu schade, dass ich schon losmuss.
»Ja, ich denke dran. Viel Spaß beim Lernen. Ich liebe dich auch!« Er lächelt, fummelt mit einer Hand in seinem Schritt herum und richtet seine Hose. »Ich muss mich ablenken«, sagt er und laut klirrend landen die ersten Legosteine auf dem Küehentisch.
»Vergiss' während des Bauens bloß nicht die Zeit«, griene ich und schließe dir Tür hinter mir.
Lukas schiebt sich vor mein inneres Auge. So, wie er gerade da saß, in der Anleitung blätternd, erste Steine zusammensetzend und voll und ganz bei sich, lässt meinen ganzen Körper mit Wärme fluten. Ich hätte ihm stundenlang dabei Zusehen können, wie er baut.
Fast stolpere ich die letzten Stufen hinunter. Konzentrier ' dich, Magnus, denke ich. Doch immer wieder muss ich an Lukas denken und unser erstes halbes Jahr zusammen in der gemeinsamen Wohnung. Und wie froh ich war, nachdem er eine Ausbildung gefunden hat, die ihm gefällt. Die Uni und die dänische Sprache waren für den Anfang dann doch zu viel für ihn. Nachdem er mir gebeichtet hat, dass er das Studium abbrechen will, dachte ich daran, dass er zurück nach Deutschland geht. Das hätte ich nicht überlebt.
»Maggi, wo bleibst du? Zur Ersten haben wir die Lund. Die bringt uns um, wenn wir wieder zu spät sind«, begrüßt mich Pelle per Handschlag und Umarmung.
»Hej! Lukas hat doch heute Geburtstag und ich wollte noch ein bisschen mit ihm feiern. «
»Oh Mann, erspar" mir die Details«, winkt Pelle ab und zieht seine viel zu tiefsitzende Jeans eine Etage höher. Hastig nimmt er sein verrutschtes Käppi ab, fährt mit den Händen durch sein dickes, strohblondes Haar und richtet die Mütze auf seinem Kopf aus. Sein schmaler, zierlicher Köper verschwindet fast unter der dicken Jacke.
»Erstens: So war das nicht gemeint und zweitens: Ja, wir haben Sex, viel Sex sogar«, lächle ich und ziehe meine Mundwinkel und Augenbrauen gleichzeitig nach oben.
Pelle prustet laut los. »Das weiß ich. Ihr befummelt euch doch ständig. Außerdem hast du mir damals alles erzählt, als ihr im Haus deiner Großeltern das erste Mal ...«
»Lass gut sein«, stoppe ich ihn. »Genug über Sex gesprochen.«
»Schon? Ich fange gerade erst an«, lacht er und legt seinen Arm um meine Schulter. »Komm. Sag Lukas nachher alles Gute von mir.«
»Mach ich. Wollen wir nicht auf Liva warten?«, frage ich.
»Ne, ich kann die nicht ab. Ihre Art ...«, beginnt er.
»Hej, ihr zwei. Wolltet ihr ohne mich los?«
Liva, eine Kommilitonin kommt von hinten angerannt, überholt uns laut atmend und bleibt vor uns stehen. Pelle löst seinen Arm von mir, rollt mit den Augen und verzieht den Mund.
Flüchtig umarmt Liva Pelle, mich dafür umso intensiver. Sie streichelt meinen Arm und sofort setzt sich ihr Parfüm in meiner Nase fest. Es ist viel zu aufdringlich, genau wie Liva selbst. Ich winde mich aus ihren Armen und schüttle mich.
»Worüber redet ihr?«, will sie wissen.
»Darüber, dass Magnus gerade Sex hatte. Mit seinem Freund. Seinem festen Freund.« Pelles Stimme kommt scharf aus seinem Mund und sofort ist klar, worauf er hinaus will.
»Ich hatte keinen ...«
»Ist ja gut. Hab's verstanden«, sagt Liva und schießt einen giftigen Blick Richtung Pelle. Sie streckt ihren athletischen Körper durch, wirft ihr rötliches, langes Haar zurück und schultert ihre Tasche. Sie grinst mich an, Herausforderung blitzt in ihren Augen auf. Mit ihren großen, braunen Augen scannt sie meinen Körper von oben bis unten.
»Wenn wir nicht zu spät kommen wollen, sollten wir jetzt los«, wirft Pelle ein und zwängt sich zwischen Liva und mir. Auf meinen besten Freund aus Kindheitstagen ist Verlass und ich bin froh, dass er diese unangenehme Nähe unterbricht.
Lukas
»Hej, god morgen!« Kaum habe ich das Büro der Tourismusinformation betreten, stürmen Bene, Fine, Saga und Knud auf mich zu. Alle vier rufen im Chor: »Tillykke med fødselsdagen!«, und nehmen mich dabei fest in den Arm. Über die Überschwänglichkeit und die körperliche Nähe der Dänen bin ich immer wieder erstaunt, habe mich aber mittlerweile daran gewöhnt.
