Sommersonnenwende: Blitzlichter - Grete Donner - E-Book

Sommersonnenwende: Blitzlichter E-Book

Grete Donner

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Beschreibung

„Die Zeit heilt alle Wunden? So ein Quatsch. Die Zeit ist bloß ein großes Pflaster, was man sich aufs Herz kleben kann, wenn es blutet. Wie es darunter aussieht, das steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.“ Acht Jahre sind vergangen, seit ein alter Fluch dafür sorgte, dass Leilas Leben aus den Fugen geriet und ihr Herz Feuer fing. Acht Jahre, in denen die Erinnerungen an Sandrosen, bizarre Träume und eine stürmische Küstenliebe langsam verblasst sind. Leila ist zurück in Berlin und folgt ihrem bestens organisierten Zukunftsplan, der sogar eine Heirat mit ihrem Freund Anton nicht ausschließt. Doch acht Jahre sind niemals Zeit genug, um die große Liebe zu vergessen. Als Lennard unverhofft wieder in ihr Leben tritt, werden Leilas Pläne prompt über den Haufen geworfen. Was jedoch nun zwischen ihnen steht, ist mehr als nur ein Ozean: es ist ein Versprechen. Aber Leila wäre nicht Leila, wenn sie sich davon abbringen ließe, für die Liebe zu kämpfen. Auch wenn es manchmal gefährlich ist, die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Grete Donner

 

 

 

 

SOMMERSONNENWENDE

 

 

 

 

Blitzlichter

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Autorin ...

... wurde 1972 in Leipzig geboren, hat nach Schule und Ausbildung zehn Jahre in ihrer Lieblingsstadt Berlin gelebt und gearbeitet, aber vor einigen Jahren auf der Mecklenburgischen Seenplatte endgültig Wurzeln geschlagen. Dort lebt sie mit ihrem Mann, drei (inzwischen großen) Kindern und zwei Katzen, hegt einen dschungelartigen Garten und lässt sich am liebsten in einem alten Ruderboot über das Wasser treiben, wobei ihr die meisten Inspirationen allerdings beim Joggen in den noch ursprünglichen Weiten des Nordens eingeflüstert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutsche Erstausgabe Februar 2020

Copyright © Grete Donner, Bernau

 

Umschlaggestaltung: Christian Eickmanns <[email protected]>

 

ISBN 978-3-9821471-0-9 Ebook

ISBN 978-3-9821471-1-6 Taschenbuch

 

Alle Rechte, einschließlich die des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.

 

Impressum

Grete Donner, Pegasusstraße 18

16321 Bernau

[email protected]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wenn du am Morgen aufstehst, dann sage Dank für das Morgenlicht, für dein Leben und die Kraft, die du besitzt.

Sage Dank für deine Nahrung und die Freude, am Leben zu sein.

Wenn du keinen Grund siehst, Danke zu sagen, dann liegt der Fehler bei dir.“

 

 

Tecumseh

Häuptling der Shawnee

1768 – 1813

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles, worauf die Liebe wartet, ist die Gelegenheit.

 

Miguel de Cervantes

1547 – 1616

 

Acht Jahre zuvor ...

 

Juli 2009

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Du bist so weit weg von mir. Ich vermisse dich so sehr. Ich bin nur halb ich selbst, ehrlich. Ich fühle mich innen drin total leer. Ich halte das kaum aus.

 

Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich liebe dich bis ans andere Ende der Welt.

 

Leila

 

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Baby, ich vermisse dich auch. Komme aber hier kaum zum Luftholen. Diese Stadt frisst einen auf. Lebe mit Conan, dem Barbaren (heißt eigentlich Donald oder noch besser: Big D – ehrlich, aber bei 130 Kilo auch korrekt), in einem Wohnklo mit super Ausblick und geilen Fenstern, aber nur 50 qm (inklusive Klo und Badewanne mit Whirlpool – bitte wer braucht so was??). Die Bude hat nur ein Fenster, aber das über die komplette Wand (das Klo hat keins) und Big D Dauerblähungen. Brauche dringend eine andere Bleibe. Ist aber utopisch.

War gestern zum ersten Mal im G-Center (ist ein Gitarrenladen) arbeiten. Cool!!!

L

 

August 2009

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Schön, dass dir dein Job gefällt. Schade, dass du nicht fragst, wie es mir geht. Es geht mir nämlich schlecht. Ich wiege vermutlich nur noch zwanzig Kilo, weil ich vor lauter Sehnsucht nichts essen kann. Ich vermisse dich so sehr. Wahrscheinlich trockne ich demnächst aus, weil mein Körper nicht mehr mit dem Nachproduzieren von Tränen hinterherkommt, ich aber trotzdem dauernd heule.

Ich. Vermisse. Dich. Unendlich.

Was soll ich denn nur machen?

 

Kuss, Leila (traurig)

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Baby, Kopf hoch. Sei froh, dass du nicht meine Probleme hast. Conan, der Barbar hat gestern irgendwas mit VIEL Zwiebeln gegessen, die Bude zugekifft und zur Krönung die halbe Nacht seine Zweitbesetzung (oder ist das die Nummer drei auf seiner Ladys-Liste?) ge***. Mit mir im gleichen Raum. Luftlinie: keine sieben Meter entfernt, aber zum Glück eine halbe Etage höher. Also - was soll ich sagen? Verstärker war nicht nötig.

Arbeit ist stressig, macht aber viel Spaß. Heute war Taylor Swift bei uns. Hab mich eine ganze Weile mit ihr unterhalten. Cool, oder? Echt, der Laden ist total angesagt. Muss jetzt aber noch zum Unterricht.

Love you.

L

 

PS.: Komm mich besuchen. Du fehlst mir auch.

 

September 2009

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Gerne. Gerne. Gerne. Ich würde dich wirklich gern besuchen, aber es ist so teuer, nach New York zu fliegen. Ich versuche, in den Februarferien zu kommen, und wünsche mir Geld zum Geburtstag und zu Weihnachten. Drück die Daumen, dass es reicht.

Ich vermisse dich so sehr. Ich liebe dich.

Leila

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Würde mich wahnsinnig freuen, wenn du kommst, Baby. Buch jetzt, dann sparst du eine Menge Geld, ehrlich. Bitte komm. Dann halte ich durch, selbst wenn CdB aus seinem Bett eine Hüpfburg für Teens macht. Sein Dad ist ‘ne große Nummer. Kennt eine Menge Leute und hat mir schon ein paar Gigs verschafft. Habe unter anderem einen coolen Drummer kennengelernt und spiele jetzt abends immer mal in der Rockwood Music Hall. Du siehst – es geht voran. Heute war Taylor Swift wieder da. Wir haben ein paar Gitarren ausprobiert. Gestern stand der Bassist von Aerosmith hier im Laden. Kann vielleicht demnächst (vllt ab nächste Woche?) als Roadie mit auf eine Tour gehen. Bin jetzt nebenbei auch noch Pizzafahrer (Rad), sonst geht‘s finanziell nicht.

Vermisse dich. Komm her.

L

 

Oktober 2009

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Hallo Lennard!

Nachdem du dich seit mehr als einer Woche nicht gemeldet hast, gehe ich davon aus, dass ich aus den Augen – aus dem Sinn bin. Klar, hänge ja hier auf einer langweiligen Insel am anderen Ende der Welt rum, während du zwischen den big city lights mit Taylor Swift Gitarren ausprobierst.

Bitte melde dich. Bitte. Bitte. Bitte.

 

Leila

 

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Lennard!!! Warum meldest du dich nicht???? Was ist los???

 

BITTE SCHREIB MIR! Ich mache mir Sorgen.

 

Leila

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Habe am Wochenende mit Kosta geschlafen. Sorry. Ist einfach passiert. Nicht schlimm, oder?

 

Leila

 

Einen Tag später:

 

An: <[email protected]>

Von: <[email protected]>

 

Scheint dich nicht zu stören, dass ich mit Kosta geschlafen habe, oder?

Ich bin ziemlich sauer auf dich, weil

Lennard, du bist ein blöder Idiot und

Ich hasse dich, weil du dich nicht meldest und

Ich bin eifersüchtig auf Taylor Swift, weil sie sich mit dir unterhalten kann.

 

Lennard, das, was ich gestern geschrieben habe, stimmt nicht. Ich wollte nur deine Reaktion testen. Ich habe natürlich NICHT mit Kosta geschlafen.

 

Du hast das doch jetzt nicht geglaubt, oder??

 

BITTE melde dich.

 

Gruß und Kuss – Leila

 

 

 

Wenige Sekunden später:

 

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<[email protected]>

 

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November 2009

 

Ich atmete. Mein Herz schlug. Ich stand morgens auf. Ich frühstückte. Ich ging zur Schule. Ich kommunizierte mit anderen Menschen. He – kein Problem. Ich konnte auch ohne Lennard leben. Bitte schön. Ich bewies es jeden Tag aufs Neue. Ich bekam gute Noten. Ich bereitete mich auf das Abitur vor. Ich ging mit Freunden aus. Ich lachte. Ich hatte immer mal wieder so etwas wie Spaß. Ich verliebte mich sogar ein bisschen neu. Ein- oder zweimal.

 

Nur zu dem Baum am Schmachter See lief ich nie wieder. Nicht ein einziges Mal mehr. Ich stopfte alle meine Erinnerungen rigoros in ein kleines Gedächtniskästchen und irrte mit verbundenen Augen durch das verschlungene Labyrinth meines Hauptspeichers, bis ich die hinterste Ecke gefunden hatte. Dort suchte ich mir die allerminikleinste Nische, stopfte L+L hinein, hing ein großes Vorhängeschloss dran, riegelte ab und warf den Schlüssel über den Rand der Welt. (Vorher hast du aber noch viermal wieder aufgeschlossen, drei Luftküsse, zwei Tränen und ein Ich-liebe-dich-für-immer-und-ewig hinterhergeschoben. – Sei RUHIG!!)

 

Wie auch immer - danach fühlte ich mich besser. Nicht gut. Nicht schlecht. Einfach irgendwie ... taub. Aber auch das Gefühl verging nach einer Zeit. Nein. Es verging nicht. Ich ... gewöhnte mich dran. Es gehörte eben jetzt zu mir. Es wurde ... normal. Ich war einfach eine andere, als vor ihm und dem Sommer 2009. Ich hatte mich verändert. Und nicht nur das. Ich war vielleicht sogar nicht mehr ganz ich selbst. Etwas fehlte mir, das war es. Leela. Lennard hatte sie mitgenommen und sie war nie zu mir zurückgekehrt.

 

Im Laufe der Zeit gelang es mir dann aber, sogar das, sie, einen Teil von mir selbst, zu verdrängen.

 

Berlin, September 2017

 

Was ist der perfekte Auftakt für einen Freitagabend? Genau DAS: In einem Cabrio sitzend realisieren zu müssen, dass es anfängt, auf die ollen Lederpolster zu dröppeln, obwohl vor zehn Minuten noch die Sonne knallte, und du den verdammten Schalter für das automatische Verdeck nicht findest, weil das Leder vom Sitz sich an deinen halbnackten Schenkeln festgesaugt hat. UND wenn du gleichzeitig in Berlin-Wedding aus der Amrumer Straße kommst, nach Johannisthal fahren willst (also wahlweise noch fünfundzwanzig, zwanzig oder neunzehn Kilometer vor dir hast – wobei es egal ist, die Straßen sind alle gleichermaßen verstopft) und schon auf der Seestraße gleich hinter dem Abzweig Nordufer im Stau festhängst.

Exakt das tat ich nämlich gerade: im Stau stehen. Na hervorragend. Wäre ich bloß nicht mit dem ollen Auto gefahren. Aber ich hatte mich breitschlagen lassen, Antons Wagen mit nach Hause zu nehmen, weil der nicht wollte, dass sein geliebtes Cabrio (hätschel-tätschel) mutterseelenallein eine Nacht alleine auf dem Klinikparkplatz verbrachte. Wahrscheinlich machte es da immer vor lauter Angst eine Ölpfütze zwischen die Reifen, das Ärmste. Aber zum Glück gab es ja mich, die Cabrio-Nanny, und so saß ich jetzt in diesem mit einem Stern auf der Motorhaube versehenen Frisurmörder, der drohte, sich bei akutem Platzregen in ein Aquarium zu verwandeln, wenn ich das mit dem Verdeck nicht bald hinbekam.

 

Ja, es war eine Scheißidee gewesen, am Freitagnachmittag mit dem Auto zu fahren. Und sie kam nicht von mir, das möchte ich betonen. Es war Anton, der sich diese überteuerte Blechdose unbedingt zur Beförderung hatte leisten müssen, und trotzdem war ICH es jetzt, die sich durch den Blechschlangenverkehr der Rushhour im Norden Berlins quälen musste, weil er sich um sein Cabrio Sorgen machte. Heute war – wie gesagt – auch noch Freitag und Anton, seines Zeichens frisch gebackener Oberarzt in der Gastroenterologie (wo man hingeht, wenn einem buchstäblich die Galle hochkommt – in der Gastro kümmert man sich speziell um Leber, Galle, Magen, Darm und Co) am Virchow-Klinikum zum Junggesellenabschied eines Kollegen eingeladen. Wer Anton war? Tja, Anton war ... mein Freund. Irgendwie. Oder eher – mein Verlobter? Ja. Okay. Er war mein Verlobter. Er hatte mich tatsächlich vor einem halben Jahr gefragt, ob ich ihn heiraten will. Und das, obwohl wir damals erst drei Monate so richtig zusammen gewesen waren. Tja, ich hatte JA gesagt, aber ob ich das wirklich so gemeint hatte, könnte ich heute immer noch nicht sagen. Eigentlich war mein ‚Ja‘ damals eher unverbindlich gemeint gewesen, eher so ein ‚Hahmmnjnmnajaaa‘, weil Anton mich ein bisschen überrumpelt hatte und ich ihn nicht vor seinen Kumpels, die teilweise auch seine Kollegen waren, zum Deppen machen wollte. Gut, der Antrag kam sehr spontan und wir waren auch nicht ganz nüchtern, aber Anton hatte die Frage auch am nächsten Morgen nicht zurückgenommen und so hing ich nun in der Sache drin, schob allerdings die Terminfestlegung zwecks Eheschließung vor mir her wie die Putzfrau auf der Station ihr Reinigungswägelchen.

 

Meine Eltern wussten ehrlich gesagt auch noch nichts von der Quasi-Verlobung ihrer einzigen Tochter. Und das nicht nur, weil sie Anton bisher nur relativ flüchtig kannten. Nein. Ich hatte ihnen den Mann, bei dem ich wohnte, überhaupt erst zweimal präsentiert. Hier. In Berlin. In Binz war Anton noch nie mit mir gewesen. Das hatte sich ... einfach nicht ergeben, glaube ich. (Räusper?) Auch Matze, mein Bruder, wusste nichts von den Heiratsplänen seiner Schwester. Nur Suse. Der hatte ich es unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Mit irgendwem musste ich schließlich darüber reden. Meine Hoffnung war, dass sie mir ganz schnell und konkret klarmachte, warum ich Anton nicht heiraten konnte. Mir fiel nämlich nichts ein, was gegen ihn sprach. Suse hatte aber auch nichts dergleichen gesagt, sondern gekreischt und mich gefragt, wann die Party steigen würde. Junggesellinnenabschied mit jeder Menge Rummeldibumm in Verkleidung auf dem Ku’damm und so weiter. Und spätestens da wusste ich die Antwort: Am Sankt Nimmerleinstag. Nie. Punkt. Es war nämlich so, dass ich eigentlich gar nicht vorhatte zu heiraten. Nicht Anton. Nicht Beton, Ceton, Hinz oder Kunz. Niemanden. Gar niemanden und überhaupt nicht. Aber das behielt ich erstmal für mich. Feige, oder?

 

Ich lebte jetzt schon seit einigen Jahren wieder in Berlin. Nach dem Abitur hatte ich mich, sehr zum Entzücken meiner Großeltern und von Suse, ziemlich schnell zurück in die Hauptstadt verdrückt. Mom war traurig gewesen, Papa auch. Sie hatten es allerdings beide mit Fassung getragen. „Bist eb’n ’ne Boulette, was, Leilamaus?“ O-Ton mein Vater. Mom hatte nur ganz nebenbei mal was von „Flucht“ und „langsam mal drüber wegkommen“ gemurmelt, aber ich war nicht näher darauf eingegangen. Ich tat einfach so, als ob ich nicht wüsste, was sie meinte. Wusste ich schließlich auch nicht. Ich hatte ja alles, worüber ich jemals wegkommen wollte, ganz tief im untersten Erinnerungslabyrinth verbuddelt. Ich erinnerte mich nicht mal mehr an das, woran ich mich nicht erinnern wollte. Mein Argument war, dass eine Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin an der Charité schon ein bisschen ausgefeilter, breiter gefächert oder was auch immer sein sollte, als in Bergen auf Rügen. So.

 

Genau das hatte ich nämlich nach dem Abitur gemacht: eine Ausbildung zur OTA. Drei Jahre lang. Früher nannte man den Beruf mal ganz schlichtweg OP-Schwester, aber OTA macht doch deutlich mehr her, oder? (Oder?? Oder auch nicht. Am Ende kam es auf das Gleiche heraus.) Den praktischen Teil hatte ich auf dem Campus des Virchow-Klinikums absolviert. Nach meinem Abschluss bekam ich dann wegen der sinnvoll genutzten Wartesemester endlich einen Studienplatz für Humanmedizin an der Charité, bin also prinzipiell geblieben, wo ich war. Zum Chefarzt der Gastroenterologie, meinem lieben ProfDoc Breiter, hatte ich im Laufe meiner Ausbildung ein fast väterliches Verhältnis aufgebaut. Was wahrscheinlich nicht zuletzt daran lag, dass mein Vater weit weg war und der ProfDoc vor Urzeiten mit meinem Opa zusammen auf einer Schulbank gehockt hatte. Oder haben die sich auf dem Bolzplatz in einem Prenzlauer Hinterhof gegenseitig den Ball abgejagt? Keine Ahnung. Wie auch immer – Beziehungen nützen nur dem nichts, der sie nicht hat. Und in dem Fall hatte ich sie, denn ProfDoc Breiter gehörte durch die Opa-Schulfreundschaft quasi zur Familie. Ich konnte ihm während meiner Ausbildung in puncto Darmkompetenz zwar nicht das Wasser, aber dafür den Analspreizer, die Rektumklemmen, das Proktoskop, die Fasszange und andere lustige Folterinstrumente der Chirurgen reichen. Und irgendwie adoptierte er mich im Verlauf (obwohl er selbst sechs Kinder hatte – aber da kam es auf eins mehr wohl nicht an) und beobachtete meinen Werdegang ab da mit väterlicher Strenge. Er bot mir sogar an, nach dem Start meines Studiums eine kleine Zuverdienststelle für mich freizuhalten (was quasi einer echten Annahme an Kindes statt gleichkam und vor dem Kuratorium durchging, weil der ProfDoc einfach eine Koryphäe im Bereich Darm mit Charme war) , wenn ich zukünftig half, seine schriftlichen Sachen zu erledigen. Ich saß also nun als Medizinstudentin regelmäßig hinter einem Schreibtisch in seinem Vorzimmer und tippte (den ProfDoc als Diktator mittels ausgebuffter Technik im Ohr) fröhlich Entlassbriefe, Konsile, OP- und Ambulanzberichte. Damit peppte ich meinen Lebensunterhalt etwas auf und lernte ganz nebenbei Anton näher kennen, der vor drei Jahren als Facharzt in die Abteilung gekommen war. Anton hatte sich ebenfalls auf Darmoperationen (Nein, ich habe KEINE Ahnung, warum!) spezialisiert und fungierte seit Kurzem - wie gesagt – als Oberarzt. Steile Karriere. Unser erstes Treffen hatte übrigens ganz romantisch begonnen. Flutlicht von der Decke, wir alle in sterilem Grün mit Mundschutz und OP-Hauben auf dem Kopf. Sexy. Ehrlich. Im OP sind alle gleich: so schön formlos, anonym und vor allem steril.

 

Das Erste, was Anton (nach „Hallo zusammen“, der Besprechung und dem üblichen Team time out) zu mir sagte, war: „Schwester, könnten Sie mir bitte neue Fingerlinge geben?“ (um die Tastuntersuchung am sprichwörtlichen Hintereingang vorzunehmen) und das Zweite „Dann wollen wir mal dahin gucken, wo die Sonne nie scheint, oder? Rektoskop bitte.“ Er zwinkerte mir zu. Der Witz war so alt wie die Mumie aus dem Ötztal. Ich grinste trotzdem höflich, aber das konnte er wegen des Mundschutzes höchstens an meinen Augen sehen, in welche er aber tief hineinschaute. Zwischen uns befand sich, ganz elysisch, die umfangreiche Kehrseite einer Patientin mit Analmarisken. Die Ärmste. Wer mehr wissen will – einfach googeln (und nebenbei nichts essen).

 

Später, als Studentin beim Arztbriefe tippen, sah mich Anton dann schließlich auch mal ohne das ganze grün-weiße Stoffgedöns. Dabei blieb sein Blick wieder an meinen Augen hängen. Obwohl das – ehrlich gesagt – gar nicht stimmt, wenn ich mich recht erinnere. Ich glaube, er war fasziniert von meinem Schluckakt. Zumindest, wenn ich ihm nicht unterstellen wollte, mir auf den Busen geglotzt zu haben. Aber wenn dem so war, dann verschlug ihm meine bescheidene Oberweite zumindest die Sprache und er verschwand ohne Worte. Ab diesem Moment kam er immer wieder (und öfter) ins Zimmer, wenn er wusste, dass ich im Akkord tippte, und brachte fadenscheinige Gründe an. Ich ahnte anfangs nicht, was mit ihm los war, und fand ihn irgendwie süß mit seinem lockigen Braunschopf und den Quietscheschuhen, die ich schon von Weitem über den Flur schlickern hörte. Irgendwann schnallte ich dann doch, was ihn durch die Gänge in mein Vorzimmer trieb, und wenn ich es nicht kapiert hätte, dann wäre es mir spätestens nach der letzten Weihnachtsfeier klar geworden. Da landete ich nämlich - gezielt von Anton abgefüllt und verführt – in seinem Bett (ich glaube, es war ein halsbrecherischer Whiskylikör, mit welchem er mich gefügig gemacht hatte). Ich blieb tatsächlich über das ganze Wochenende. Den Samstag musste ich aus medizinischen Gründen bleiben. Mir war nämlich so schlecht, dass ich kaum in der Lage gewesen wäre, irgendwo anders hinzugehen. Anton verarztete mich professionell und verführte mich nebenbei auf die ganz sanfte Tour. Am Abend (als ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen konnte und Hunger hatte wie ein Straßenarbeiter nach der Doppelschicht) lud er mich zum Inder ein, um meinen Mineralienhaushalt aufzufüllen. Wir verbrachten dort (und später wieder bei ihm mit Wasser und Tee) viel Zeit mit Zweisamkeit und Anton wurde nur einmal zu einem Notfall beordert. Da hatte ich sein Bett für mich allein und als er morgens wiederkam, bleich und übernächtigt, aber mit funkelnden Augen, brachte er Brötchen mit. Und Croissants. Das fand ich total süß.

 

Ich blieb immer öfter mal über Nacht und ehe ich es mich versah, wohnte ich mehr oder weniger bei ihm, weil es so praktisch war und ich an sich auch nicht logisch erklären konnte, warum ich das nicht tun sollte. Es hatte sich einfach so ergeben. Er half mir, durch die letzten beiden der vier vorklinischen Semester und die dazu gehörige Prüfung mit mehr als dreihundert Fragen zu kommen. Ich schlief in dieser Phase fast immer bei (okay – der Bequemlichkeit halber und aus Lust, auch mit) ihm. Irgendwann blieben ein paar Wechselsachen da. Natürlich ebenfalls aus praktischen Gründen, versteht sich. Dann eine zweite Zahnbürste. Pantoffeln. Ein Päckchen Tampons. Mein Schlafshirt.

Irgendwann meinte Anton: „Bleib doch einfach ganz hier.“

Ich sah ihn an und sagte erst mal nichts. Hm.

Wir verstanden uns. Er war lieb. Er war klug. Ich bewunderte seine Intelligenz und die eiserne Ruhe, die er im OP-Saal ausstrahlte. Er hatte sich den Ruf eines besonnenen und kompetenten Chirurgen erarbeitet. Er war erfolgreich. Er mochte mich sehr. Er sah nett und freundlich aus, hatte einen verschmitzten Blick und ein ganz kleines Naschbäuchlein, also zumindest manchmal, wenn wir über die Stränge geschlagen hatten. Das machte ihn herrlich unperfekt und verschaffte mir, die ebenfalls nicht perfekt war, ein gutes Gefühl. Anton hatte noch alle Haare und verdiente genug Geld, um eine Familie zu ernähren, wenn ich darauf Wert legen sollte (was ich noch nicht tat). Er konnte Hemden bügeln und Spaghetti kochen. Warum also nicht bleiben? Tja. Warum nicht? Keine Ahnung. Und weil ich darauf eben keine vernünftige Antwort hatte, gab ich auch keine. Ich blieb einfach so. Unverbindlich und ohne viele Worte.

 

Und jetzt war ich an dem bereits erwähnten Freitagnachmittag im September auf dem Weg zu seiner/unserer Wohnung. Und ich stand erwartungsgemäß im Stau. Ich quälte mich in Zeitlupe mit tausend anderen Berlinern und sonstigen Besuchern durch die Seestraße, fluchte, trommelte gegen das Lenkrad und starrte auf das Becken des Westhafens. Vielleicht sollte ich lieber an die Ostsee fahren. Oder gleich nach Dänemark. Konnte eventuell schneller gehen, als von hier über die Stadtautobahn nach Hause zu kommen. Klar, ich konnte auch den kürzeren Weg durch die Innenstadt nehmen. Wenn ich noch ein paar Minuten länger brauchen wollte.

„Mist!“ Resigniert schaltete ich das Radio ein. Es lief gerade ein Song von Ed Sheeran. Das hob meine Laune spontan um zehn Punkte an. Ed war einfach super. Ich drehte auf, sang mit und hüppelte (untermalt vom schmatzenden Geräusch meiner Schenkel auf dem Ledersitz) hin und her. Weil das Radio so laut war, bekam ich allerdings erst etwas verzögert mit, dass mein Handy klingelte. Es war – tadaaa – Tilli. Cool. Jetzt war es sogar gut, dass ich gerade im Stau stand. Wir hatten schon längere Zeit (Äh -hallo? Vier Monate oder so? – Ups!) - okay – viel zu lange nichts mehr voneinander gehört. Sie studierte - wie ich – Medizin (allerdings in Greifswald), war aber als Direkt-nach-dem-Abi-Starter natürlich schon viel weiter als ich. Das Gespräch würde jetzt sicher länger dauern und mir den Stau versüßen. Besser, wenn ich Tilli über Bluetooth an Antons Freisprechanlage leitete.

Ich ging schnell ran und brüllte: „Momentchen, Tilli ...“

Dann verband ich mein Handy über den Äther mit den Boxen und drehte (sorry, Ed) das Radio wieder ab.

 

„... WAAAAAHNSINN, oder? Was sagst du dazu? Da biste platt, oder? Sag mal!!“

Hä? „Sorry, Tilli, hab dich grade auf die Freisprechanlage gezogen. – Super, dass du dich mal meldest. – Was hast du gesagt?“

„Hast du mir nicht ZUGEHÖRT??? ? Oh Mann! Leilaleilaleila, es ist der WAAAAAHNSINN. Er hat angerufen.“

Okay. Er hatte also angerufen. „Ja. Super. WER hat denn angerufen??“ Ich konnte kaum zehn Sekunden verpasst haben, aber von ihrem Gesprächsbuch fehlten mir offensichtlich trotzdem die entscheidenden Kapitel.

„Bist du taub oder was? Der Sänger von den RedRoxX. Er hat angerufen. Bei Kosta. Na? Klingelt‘s bei dir?“

Ich verdrehte die Augen und grinste. Manche Dinge (und Menschen) änderten sich nie.

„Ja. Klar hat es geklingelt. Mein Handy nämlich. Ich hab abgenommen und jetzt bist du dran. Cool, oder? Tolle Sache, das mit der Technik. Aber ich freu mi...“

Tilli quiekte am anderen Ende. „LEEEIIILAAAAA! Verdammt! Es ist Lennard. Lennard Steinberg. DER Lennard. Unser Lennard. Er singt.“

Lennard. Booooing. Steinberg. U. N. S. E. R. L. E. N. N. A. R. D. Boboiiing. Boboiiing. Bobobobooiiiiiiiiing. Und aus. Mein Herz blieb stehen.

 

***

 

***

 

***

 

„Leila?“

Huuuup. Huup. Huuuuuuuuup.

Ich schnappte nach Luft. Meine Finger umklammerten ganz unsportlich das sportliche Lederlenkrad von Antons Wagen wie ein Zehnerpack Stahlkrampen. „....“

„Leila? Hallo? Bist du noch dranne? Halloooo. Leila?? Alles klar?“

Ich starrte auf die Rücklichter des Wagens vor mir, der längst losgefahren war (deswegen Hupe hinter mir), und schluckte. Mein Herz trommelte dermaßen, dass mir die Ohren zitterten. Ich legte den Gang ein und rollte los. „... W-was hast du g-gesagt?“

„Ha! Da staunst du, Püppi, oder? Es war nämlich so, also Kosta hatte zu Lennard seit drei Jahren auch keinen Kontakt mehr, er studiert doch in Hamburg BWL. Und jetzt – Leila, stell dir das vor – Lennard war mal bei C-POP. Kennst du C-POP?? Wahrscheinlich nicht, weil du ja NIE Radio hörst, sondern nur Büchsenmusik. C-POP sind die, die gerade mal wieder alle Charts hochwackeln. So Country auf Pop gemacht, weißt du? Eigentlich ganz cool. Aber Lennard ist bei denen ausgestiegen. Ziemlich am Anfang. Deswegen haben die auch schon ewig einen anderen Sänger - aber ich glaube, Lennard war der Bessere. Ach Scheiße, was red‘ ich: Er war bestimmt besser. Na egal – jetzt hat er jedenfalls ‘ne eigene Band. Er ist der Sänger von den RedRoxX. Whhiiiiiiaaaa!“ Sie schrie wie ein sehr freakiger Fan. „ER IST DER SÄNGER VON DEN REDROXX. Ich glaub es nicht, bin total von der Rolle. Die sind in den Staaten schon recht bekannt, haben gerade ihr neues Album rausgebracht. Ist schon das Zweite. Hab’s mir runtergeladen. Heißt ‚Now‘. Zwei Lieder davon kannte ich schon. Hab mir gleich auch noch die erste Scheibe gekauft. Nennt sich ‚Past‘.“

 

Sie fing an zu singen, schief wie immer. Aber den Song, den sie quakte, den kannte ich tatsächlich auch. Er hieß „Overdub“. Und es war nicht irgendein Song. Zuerst gehört hatte ich das Lied im Radio der Sekretärin vom ProfDoc. Ich war also chartmäßig nicht ganz so hinter dem Mond, wie Tilli glaubte. Der Titel war gut. Rockig. Knackig. Es ging um eine Dreiecksbeziehung. Der Song war außerdem - verdammt und zugenäht – der Klingelton auf meinem Handy. Und den sollte ... Lennard singen? Mein Lenn... NEIN. Stopp! Nicht MEIN. Auf gar keinen Fall MEIN Lennard. Das war lange her. Heute war es nur noch EIN Lennard. Einer von vielen auf der Welt. (Hä??? Das glaubst du ja wohl selber nicht, oder? – Äh ... nein. – Eben. Du hast den Song nämlich genau deswegen als Klingelton. Weil sich die Stimme anhörte wie die von Lennard. Und jetzt weißt du auch, warum, du Plinse.) Okay. DER Lennard. Warum, verdammt noch mal, hatte ich das beim Hören nicht bemerkt? Und warum spielte mein Innenleben gerade ... Lavalampe in der Geschwindigkeit von kochendem Wasser!?! Verdammt ... Lennard. Es war doch schon so lange her. Tausend Jahre, oder so. Wir waren fast noch ... Kinder gewesen. Damals. Vor Äonen. Wie auch immer – jedenfalls war es lange her.

 

„Kannst du dir das vorstellen? Lennard ist auf dem Weg, ein verdammter Star zu werden!! Unser Lenni-Schnuckiputzi-Lennard“, schnaufte Tilli in mein Ohr. „Und er sieht noch immer heiß aus, das kannst du glauben. Frag mal Google.“

Ich schluckte. Ich atmete. Ich kämpfte gegen ein Sausen in den Ohren und rang um meine verdammte Fassung. Ich klammerte mich an das Lenkrad, als wäre es ein Rettungsring. Nebulös registrierte ich, dass ich nun doch schon auf der Stadtautobahn war und einen Zahn zulegen musste, wenn ich nicht als haifischgraue Cabrio-Straßenbarriere durchgehen wollte. Durch das Sausen des Windes und das Dröhnen meines Herzens klang Tillis Stimme, als würde ich in einer anderen Galaxis mit einem Balken auf der Empfangsleiste des Telefons in einer öffentlichen Telefonzelle stehen.

„Hörst du mir noch zu? Er hat sich bei Kostas Eltern in der Gaststätte die Nummer geholt und dann bei Kosta angerufen. Ich werd‘ irre. Whiiiiiiiiiääää. Ehrlich. Lennard ist am Wochenende hier. Also nicht hier, in Greifswald. Sondern dort. In Hamburg. RedRoxX spielen zwei Konzerte im ... Hafenklingeln oder so, nächsten Freitag und Samstag. Also nicht heute, sondern kommende Woche. Er hat uns eingeladen. Auch dich. Ich fahre definitiv hin. Und du?“

 

‚Auch dich ... Auch dich ... Auch dich ...‘, donnerte eine Trommel in meiner Brust. Und außerdem: ‚Lennard, Lennard, Lennard‘. Irgendwo in einem unbekannten Geheimversteck meiner Seele wurde die breite rote Schleife gelockert, die mehrfach um einen Packen liebevoll skizzierter und vor allem gut gehüteter Erinnerungen auf handgeschöpftem, tief unter die Haut gegangenem Büttenpapier mit Wasserzeichen geknüpft war. Langsam räkelten sich die einzelnen Blätter. Sie raschelten und lüpften die Ränder und tuschelten und gaben ihre Rückblicke frei. Das Labyrinth meiner liebsten Erinnerungen verformte sich und bildete eine durchgehende Röhre, durch welche die Pergamente gemächlich segelten. Sie brachten lange vergessene Küsse, Herzklopfen, raffinierte Zärtlichkeiten und jede Menge Rosen aus Sand zu mir. Sie überrollten mich unerwartet, unangekündigt aus dem Verborgenen mit der Gewalt eines gebrochenen Dammes. Sie umfluteten mich, bewegten mich und trugen mich einfach davon. In den Norden. An den Strand, über die Dünen, die Straßen hinunter und hin zu dem Haus, vor dem ich geflohen war. Dem Haus, was so viele bittersüße Erinnerungen hütete. Erinnerungen, die ich mied wie ein Schneemann die Sommersonne. Dort hatte ich Herzklopfen gehabt und Glück erlebt, das süchtig machte. Ich hatte es verdrängt, weil ich es wollte: Ja. Ich wollte vergessen. Ihn. Uns. Den Strand. Dass er ging, hatte so weh getan. Es war kaum zu ertragen gewesen. Ich hatte lange gebraucht, um die Erinnerungen so gut zu verpacken, dass sein Gesicht nicht mehr das Letzte war, was ich abends vor mir sah, und morgens das Erste, weil er in fast jedem Traum immer da war. Aber ich hatte es geschafft. Irgendwann.

 

Aber das war vorbei. Die Zeit heilte schließlich alle Wunden. Oder? – Vergiss es! Blablabla. So ein Quatsch. Die Zeit ist bloß ein großes Pflaster, was man sich aufs Herz kleben kann, wenn es blutet. Und dann blutet es nicht mehr, aber auch nur so lange, wie nicht jemand daherkommt (so wie Tilli) und das Pflaster einfach wieder abritscht, ohne nachzudenken. Und dann? Tja, dann stellte sich im schlimmsten Fall heraus, dass überhaupt nichts verheilt war. Die dünne Haut ist futsch und dann kommt das Blut mit dem Schmerz zurück. Jetzt sorgte jedenfalls alleine die Tatsache, dass Tilli Lenn..., also die Vergangenheit ganz nebenbei wieder in mein Leben holte, dafür, dass ich akute Kreislaufprobleme bekam. Poff. Einfach so. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Nicht gut für mich. Ich war doch ... die Verlobte. Von irgendwem. Einem Dings ... Verdammt! Einem ... (Oberarzt namens Anton? – Ach ja. Danke. – Bitte. Gern geschehen. Du sitzt übrigens gerade in seinem Auto. – Hm? Ach so. Ja. Genau. Der. Anton.) Atmen. Atmen. Atmen nicht vergessen.

 

Tilli hatte munter weitergeplappert. „..., dass wir uns mal wiedersehen. Das letzte Mal war ich bei dir in Berlin - müssen wir übrigens auch mal wieder machen. – Also was ist, Leila? Bist du dabei? Wir sehen uns in Hamburg. Fakt, oder?“

Ich war völlig tüdelig und so platt, als hätte mich gerade eine Walze auf der A100 in die Zweidimensionalität breitgewatscht. Wie hatte ich das nur vergessen können? Ihn? Uns? Ich stand unter Strom. Lennard. ... Er. War. In. Hamburg. Nächsten Freitag. Nächsten Samstag. Er war hier. In meiner Nähe. Na ja, nicht wirklich in der Nähe, aber doch viel näher als ... jahrelang. Und ich konnte nicht hinfahren. Nein. Auf gar keinen Fall. Ich konnte nicht, selbst wenn ich wollte. Und dafür hatte ich einen verdammt wichtigen Grund.

 

***

 

 

 

Suse würde heiraten. Und zwar genau an diesem Samstag, dem 16. September. Der Termin stand seit vielen Monaten fest in ihrem und damit auch in meinem Kalender. Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich erleichtert gewesen, als sie den Heiratsantrag von Julius Rothmann endlich angenommen hatte, weil ich fast schon soweit war zu glauben, dass sie es schaffen würde, das Glück ihres Lebens bedenkenlos unter die Räder zu nudeln. Und daran war nicht Julius schuld. Nein. Der arme Tropf trug sie buchstäblich auf Händen, und das schon, seitdem sie sich kennengelernt hatten.

 

Er war fast sechs Jahre älter als meine Freundin und sich immer sehr wohl bewusst gewesen, dass diese Tatsache zu Beginn ihrer Beziehung noch eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Aber er LIEBTE Suse. Ehrlich. Jus liebte sie: konsequent und absolut und mit jeder Zelle. Da war ich mir genauso sicher wie er selbst. Er stand zu ihr, mit aller Konsequenz. Er ertrug ihre Launen. Er stellte sich wie ein Bollwerk vor sie und verzieh ihr jeden ihrer emotionalen Ausbrüche. Er ließ sie sein, wie sie war. An ihrem neunzehnten Geburtstag hatte er zum ersten Mal gefragt, ob sie ihn heiraten wollte, so sicher war er sich gewesen. Damals schon. Suse nicht. Sie hatte ihm salopp an den Kopf geknallt, dass er die Antwort darauf frühestens zu ihrem zwanzigsten bekommen würde. Er hatte es gelassen hingenommen und gewartet. Ein Jahr später war ihre Antwort ein „Vielleicht. Später mal. Irgendwann ...“ gewesen. Julius, Fels in der Brandung, war cool geblieben und hatte die Frage aller Fragen mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr an ihrem Geburtstag wieder gestellt. Zuverlässig. Suse war es, die zwischendurch immer wieder an ihm und ihr und überhaupt zweifelte. Julius zweifelte höchstens an sich selbst und an den Anforderungen, die er an sich stellte. Er gab überall hundertundzehn Prozent. Im Job. Beim Sport. Bei Suse. Sie dankte es ihm damit, dass sie mit schöner Regelmäßigkeit für Wochen aus seinem Leben verschwand. Ich litt dann immer mit Julius. Suse nicht. Sie verdrängte die Tatsache, dass sie sich total scheußlich benahm, tauchte irgendwann wieder bei ihm auf und Jus, der Gutmütige, verzieh ihr. Ich verstand das nur zum Teil, weil ich wusste, dass die beiden zusammengehörten. Jus wusste das offensichtlich auch. Suse nicht. Und ich hatte jedes Mal, wenn Suse ihren „Rappel“ bekam, Angst, dass sie es endgültig zu weit getrieben hatte.

 

2010: „Leila, mal im Ernst, das kann noch nicht alles gewesen sein.“ Sie hatte sich fünf Tage nicht bei Julius gemeldet.

 

2011: „Leila, versteh das doch, er ist ein krasser Spießer.“ Sie war für Julius (und für mich) neun Tage aus der Welt gewesen.

 

2012: „Leila, ich kann im Moment nicht mit ihm zusammen sein.“ Zwölf Tage, an denen Julius nicht wusste, wo sie steckte. Und ich auch nicht immer.

 

2013: „Iron-Man? Leila, bitte! Dass ich nicht lache. Teletubby.“ Fünfzehn Tage, an denen Julius immer wieder bei mir anrief, weil er keine Ahnung hatte, wo Suse schlief.

 

2014: „Leila. Bitte. Ich bin erst dreiundzwanzig.“ Ein Monat. Das war die Zeit, in der Suse allein und spontan verreiste und niemand (außer mir) wusste, wo sie war. Julius hatte gewartet.

 

2015: „Leila. Ich bin erst vierundzwanzig.“ Neunzehn Nächte, die Suse woanders verbrachte als in der Villa, in welcher Julius ein Namensschild von ihr am Briefkasten angebracht hatte. Da wusste nicht mal ich, wo sie steckte. Und bei diesem Mal, ich muss es zugeben, hatte ich sie für das, was sie dem armen Rothmann Junior zumutete, gehasst.

Und sie setzte im gleichen Jahr noch einen drauf, denn im Spätherbst verschwand sie wieder. Mein vorsichtiger Optimismus war verfrüht gewesen. Ich wusste, dass sie bereits seit fünf Wochen nicht mehr bei Julius wohnte, denn genauso lange fragte er immer mal wieder bei mir nach, ob ich was von ihr gehört hatte. Ich hatte keine Ahnung, weder, wo sie war, noch, wie sie konkret zu Jus und ihrer Beziehung stand oder wie lange sie dieses Spiel noch so weiterspielen wollte. Und als Julius auch aufhörte, nach ihr zu fragen, da ahnte ich, dass er bald nicht mehr mit von der Partie sein würde. Suse war dabei, ihn zu verlieren. Sie wusste es nicht oder wollte es nicht wissen. Mir ging es bei dem Gedanken, ihn als Freund von meiner Liste radieren zu müssen, offensichtlich schlechter als ihr. Ich liebte Julius inzwischen wie meinen Bruder. Ich litt mit ihm und stand doch trotzdem immer zwischen Baum und Borke, wenn die beiden stritten. Jedes Mal. Bis zum Super-Gau. Ich erinnerte mich noch genau an diesen speziellen Abend, den Abend, an dem Julius Rothmann Suse dann TATSÄCHLICH die rote Karte gezeigt hatte.

 

Es war irgendwann im Oktober und wir in der Innenstadt unterwegs gewesen, Suse und ich. Sie schlief derzeit bei ihren Eltern (die höchstwahrscheinlich auch nicht glücklich darüber waren, weil sie Jus mochten), wetterte über den „Spießer, der ihr die Jugend versaute“, und datete einen Typen, der zentimeterbreite Tunnel im Ohr hatte und so tätowiert war, dass man kaum noch sagen konnte, was irgendwann mal seine natürliche Hautfarbe gewesen war. Ihre Jugend versaut? Ich konnte darauf nichts sagen. Julius hatte sie auf Händen getragen. Immer. Jederzeit. Überallhin.

 

„Kinder. Heiraten, Herrgott nochmal, ich bin doch noch gar nicht so weit.“ So begann der Abend, an dem ich mit Suse den Ku’damm hinunterzog.

„Vielleicht bist du ja nie so weit“, war meine resignierte Antwort gewesen.

Sie wollte das offensichtlich nicht kommentieren und wechselte das Thema.

Wir hatten in einem französischen Restaurant Zwiebelsuppe und Baguettes gegessen und waren dann ins Kino gegangen, um eine lustig-romantische Liebesschnulze zu sehen. Gelacht hatte nur Suse. Danach versuchte sie, mich davon zu überzeugen, mit ihr in einen einschlägigen Club am Ku’damm zu gehen. Ich hatte prinzipiell nichts gegen eine gewisse sexuelle Freizügigkeit, aber das Motto des Abends „Oben ohne – Eintritt frei“ törnte mich doch eher ab. Ich war mir ziemlich sicher, dass weder ein gewisser Robert (mit dem ich damals gerade zusammen war) noch Julius (mit dem Suse – zumindest offiziell – NOCH liiert war) damit einverstanden gewesen wären, dass unser Abend dort endete.

 

Suse verdrehte die Augen und überzeugte mich trotzdem. „Herrgott noch mal, nun sei doch nicht so spießig, Lelli. Wir wollen doch nur tanzen. Und gucken. Und das ist ja wohl erlaubt. Dein Robert kriegt schon alles wieder, was an dir dran ist.“

Und dann war urplötzlich SIE es, die um kurz nach Mitternacht noch vor der Eingangstür aus heiterem Himmel der Katzenjammer ereilte, als der Einlasser des Clubs uns bedeutete reinzukommen, nachdem er eine quasi barbusige Blondine durchgewunken hatte.

„He, ihr beeden - rinn mit euch.“

Ich wollte losgehen, wurde aber von Suse abrupt zurückgehalten.

„Leila, was mache ich hier?“, fragte sie mich mit großen Augen und guckte der halbnackten Blondine nach, als wäre sie gerade aus einer Narkose erwacht.

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. ICH will hier nicht rein. DU wolltest es.“

„Könnter dat woanners klärn?“, motzte der Einlasser. „Wollt ihr rinn oda nich‘?“

Mit Augen, so groß und samtig wie die von Bambi, fixierte Suse den baumlangen Kerl an der Tür. Dann schüttelte sie den Kopf, wandte sich zu mir und sagte langsam: „Lelli?“

„Ja?“

„Ich will nach Hause.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Von mir aus. Fahr ich dich eben nach Hause.“ War mir recht. Dann könnte ich morgen richtig gepflegt ausschlafen.

„Ich will aber ... zu Julius. Jetzt“, flüsterte Suse.

Wie ich aus berufener Quelle wusste, war sie seit fünf oder sechs Wochen nicht dort gewesen.

Ich hatte ein ganz mieses Gefühl. „Soll ich dich ... nicht lieber ... nach Lichtenberg fahren und du rufst ihn erstmal an? Nachher? Oder vielleicht morgen?“, fragte ich sie zögernd und stockte.

Suse schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht nach Lichtenberg zu meinen Eltern“, antwortete sie nachdrücklich. „Ich will nach Hause. Nach Dahlem. Zu Julius.“

 

Ich konnte nicht mal sagen, warum, aber dieses total komische Knotengefühl in meinem Magen wurde derber, je näher wir dem Thielpark kamen. Julius wohnte dort in der Nähe. Suse wirkte nervös. Sie strich sich unterwegs immer wieder die Haare aus dem Gesicht und redete ohne Punkt und Komma. Irgendwann schwieg sie, aber erst, als wir vor Julius‘ Tür ankamen. Und den knallroten Mini sahen, der vor der Doppelgarage einträchtig neben Julius‘ Elektro- Sportwagen parkte. Es war kurz nach Mitternacht. Die Solarlampen, die Suse überall im Vorgarten verteilt hatte, verbreiteten mildes Licht.

 

Ich hielt direkt hinter dem Mini. Suse sah mich an.

„Was ist das denn für ’ne Kiste?“, fragte sie misstrauisch.

Ich zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

„Sieht aus wie das Untergestell der Typin aus seinem Steuerbüro. Was will die um so’ne Zeit in meinem Haus?“ Sie öffnete zögernd die Autotür und stieg aus.

„Vielleicht eine Abschlussbesprechung?“, hörte ich mich sagen und hätte mir am liebsten selbst eine runtergehauen. Samstagabend? Nach Mitternacht?

Aber Suse zückte schon ihren Schlüssel und nestelte am Schloss.

 

Julius hatte seine hübsche Villa umgebaut oder besser umbauen lassen, wobei Suses Einfluss unverkennbar war. Er war wirklich bemüht gewesen, sie so zu integrieren, dass sie sich bei ihm wohlfühlte. Aber hatte sie das getan? HATTE sie sich wohlgefühlt? Ja. Und nein. Ihre quirlige Natur steckte überall, in jeder Mauerritze, in jeder Bodenplatte, in jedem blinkenden Solarlämpchen. Und davon gab es eine Menge. Es war ein Heim, ein Zuhause geworden. Gemütlich, genutzt, geschätzt. Aber war es das für sie wirklich jemals gewesen? Ein Zuhause? Wenn ja, warum lief sie dann immer wieder weg? Ich hatte mich jedenfalls immer gerne bei den beiden aufgehalten, aber heute klopfte mir das Herz bis zum Hals.

 

Suse schlich ins Haus, ich hinterher, nachdem ich das Auto per Funk abgeriegelt hatte. Das Erste, was wir hörten, war Musik à la Kuschelrock. Und eine Frau, die lachte.

„Was will die Schnepfe hier? In meinem Haus? Um so eine Zeit?“ Suses Augen waren riesengroß und tief wie zwei Unterteller mit Kaffeesatz. Sie atmete etwas flach, wie ich fand.

Mein Kommentar „Das ... ist nicht dein Haus. Du wolltest hier nicht mehr sein“, verhallte ungehört. Suse stand bereits an der halboffenen Glastür zum Wohnzimmer. Flackerndes Licht verriet, dass im Kamin Flammen loderten. Julius hatte auf gemütlich gemacht.

Mit der Gemütlichkeit war es jedoch spontan vorbei, als Suse die Tür aufriss und wie eine Walküre in den Raum stürmte, mich im Schlepptau. Und dann ... wäre ich am allerallerliebsten im Boden versunken.

 

Julius saß, nein, er lag auf der Couch. Und er lag dort nicht allein. Er küsste eine Frau, seine Hand war unter ihrem (höchstwahrscheinlich) biologisch abbaubaren Oberteil aus handgestreicheltem Hanf verschwunden. Suse brauchte nur eine Sekunde, bevor sie die Situation aus Schmuserock, qualitativ hochwertigem Rotwein in Kristallgläsern und schimmerndem Kaminfeuer erfasste und lauthals losbrüllte.

 

Die beiden Menschen auf der Couch fuhren auseinander, wobei die Frau mit spontan entflammten Wangen hektisch an ihrem umweltverträglichen Shirt zerrte. Julius erfasste die Situation (er, sie, Suse, mich) mit einem einzigen Blick und sprang auf. Sein bekanntermaßen durchtrainierter Oberkörper war nackt und durchaus sehr ansehnlich. Er blieb, in Anbetracht der obskuren Situation und der hyperventilierend schreienden Suse, erstaunlich ruhig, fuhr sich durchs Haar und kam im Sturmschritt auf uns zu. Au Backe!

 

Er packte Suse, die völlig neben sich stand, gleichzeitig schluchzte und brüllte und versuchte, mit Fäusten auf ihn loszugehen, bei den Oberarmen und schob sie ohne ein Wort rigoros aus dem Raum. Zurück blieben eine völlig aufgelöste Unbekannte und ich. Wir sahen uns an, ich total verlegen, sie erschrocken und gleichzeitig wütend.

 

„Er ... hat mir nicht gesagt, dass er eine Freundin hat“, rechtfertigte sie sich, nachdem sie ihre schadstoffreduzierte Kleiderordnung wiederhergestellt hatte.

„Liegt wahrscheinlich daran, dass seine ... Freundin ihn das gelegentlich selber vergessen lässt, weil sie wochenlang weg ist“, gab Julius zurück, der eben wiederkam. Er fuhr sich erneut durch das Haar, die einzige Reaktion, die mir zeigte, wie aufgewühlt er war. Ich hörte Suse dumpf irgendwo weiterbrüllen. Sie war offensichtlich dabei, das Haus mit bloßen Fäusten umzugestalten und eine massive Holztür in Zahnstocher zu zerlegen. Julius blieb nach außen total ruhig und zog sich einen dünnen Pulli über, der vergessen neben der Couch gelegen hatte.

„Constanze, es tut mir leid. Ich hatte mir den Verlauf des Abends ... etwas anders vorgestellt.“

Die Frau sah ihn an, traurig und resigniert. „Ich ... auch. – Heißt das, das war’s jetzt?“

Julius holte tief Luft. „Das heißt, ich kläre meine ... häusliche Situation und melde mich dann bei dir. Für heute ist es allerdings besser, wenn du gehst, ja. Soll ich dir ein Taxi rufen?“

Constanze schniefte. „Nein, lass gut sein. Ich habe nur ein halbes Glas Wein getrunken. Wollte ja nicht ...“ Was sie nicht wollte, sagte sie nicht mehr. Sie schniefte lieber nochmal und rieb sich vorsichtig (von wegen Make-up-Verschmier-Alarm) die Augen. Julius legte einen Arm über die schmalen Schultern der Frau und führte sie an mir vorbei in den Flur.

 

Ich musste den beiden ausweichen und dachte: ‚Bloß weg hier.‘ Laut sagte ich:. „Du, Jus, ich werd‘ mal auch ... los! Sorry wegen der ... Störung ... Wegen Suse, also ... Wenn ich gewusst hätte, dass ...“

Resignierter Seitenblick. „Bleib hier, Leila. Bitte“, sagte Julius dann fest. Es war weniger eine Bitte, mehr ein ‚Lass mich jetzt nicht alleine.‘

Na wunderbar. Ich seufzte, nickte in eine unbestimmte Richtung, schlich zum nächsten Sessel und ließ mich hineinplumpsen. Die nett arrangierte Kuschelatmosphäre des Raumes stand in krassem Gegensatz zu Suses noch immer andauerndem Wüten in den Tiefen des Hauses.

 

Es dauerte etwa fünf Minuten, bevor Julius zurückkam. In der Zwischenzeit hatte auch Suses Donnern an der Tür nachgelassen.

„Sie scheint sich beruhigt zu haben“, seufzte ich, als Julius sich mir gegenüber auf die Couch fallen ließ und den Rest aus seinem Rotweinglas austrank.

„Nein. Hat sie nicht, verdammt. Jetzt verwandelt sie mein Schlafzimmer in ein beschissenes Schlachtfeld“, seufzte er und atmete tief durch. „Leila, was soll ich bloß mit ihr machen?“ Er sah mich an. „Sie ist jetzt wieder wochenlang weg gewesen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich habe das SO SATT.“

Ich verstand ihn und nickte. „Ich ... verstehe.“ Gut, dass Suse mich nicht sah, mich Verräterin.

Julius goss sich Rotwein nach und sah mich an. „Willst du auch was trinken?“

„Ich mache mir am besten einen Tee“, sagte ich und seufzte.

Wir standen beide auf und durchquerten den breiten Flur. Hinter der Schlafzimmertür hörten wir dumpfe Geräusche. Eine Schranktür knallte.

„Was sage ich?“, stellte Julius fest und ließ mir den Vortritt in die Küche.

 

Während ich den Wasserkocher anknipste, lehnte sich Julius an ein Fensterbrett. Auch im Garten hinter ihm leuchteten unzählige Solarlampen, Lämpchen und Laternen. Suse liebte Lichter in der Nacht. Ich schluckte und hatte ein schrecklich schmerzhaftes Gefühl im Hals. War ich heute zum letzten Mal hier? Julius schien offensichtlich nicht mehr bereit zu sein, Suses Ausbrüche zu tolerieren. Und ich? Ich konnte ihn verstehen, aber es brach mir fast das Herz.

 

„Ich halte das nicht mehr aus, Leila. Es reicht. Ich hab sie wie verrückt geliebt. Von dem Tag an, an dem sie in meinem Laden stand. Aber was genug ist, das ist genug.“ Er rieb sich die Augen.

Er HATTE?? Scheiße. „Jus, bitte, s-sie hat keine Ahnung, wie sehr dich das immer mitgenommen hat, glaube ich“, bettelte ich stellvertretend für meine Freundin, wischte mir eine Träne von der Wange und hoffte auf ein Wunder.

Er lachte bitter. „Nein, das hat sie nicht. Und genau das ist mein Problem. Ich weiß, dass ich mich wie ein Idiot benommen habe. Du bist nicht die Einzige, der das aufgefallen ist. Das kannst du mir glauben. Keine Ahnung, wer mir alles schon den Vogel gezeigt hat. Ich bin wahrscheinlich DIE Lachnummer unter meinen Kumpels. Rothmann, die Memme. Tja, Mitleid kriegt man geschenkt ...“ Jus zuckte mit den Schultern und sah mich an. „Verdammt, Leila, klar, ich bin ein paar Jahre älter als sie, aber so dramatisch ist das doch nicht, oder?“

Ich schniefte und schüttelte mit dem Kopf, er nickte.

„Ich hab sie einfach geliebt, weißt du? Ich wollte, dass sie alles hat, was sie braucht, damit sie glücklich ist. Ich hatte ... solche Angst, dass sie mich ... wirklich verlässt, dass ich ... Ich hab mich tatsächlich idiotisch benommen. Aber mir ist jetzt klar geworden, dass ich machen kann, was ich will. Es wird nie genug sein. Deswegen ist jetzt auch Schluss. Egal, was ich tue – sie wird nicht glücklich mit mir. Okay. Dann muss ich das respektieren. Aus und vorbei. Ich mach das jetzt nur noch einmal durch, nämlich zum letzten Mal. Nicht immer wieder. Ich muss an mich und meine Zukunft denken.“

 

Ich schüttelte den Kopf, nickte, war wie taub und setzte mich an den Tisch, weil meine Knie zitterten. Jus blieb stehen, an die Fensterbank gelehnt. Der Tee war heiß, ich pustete über die Tasse und fühlte mich schrecklich. Suse und Jus - verdammt – die beiden gehörten doch zusammen. Zu mir. Als Doppelpack. Ich konnte, WOLLTE mir nicht vorstellen, dass es die beiden nicht mehr als J+S, als Paar, als ‚die Beiden‘, gab.

„Jus...“, fing ich an, aber er ahnte wohl schon, was ich sagen wollte.

„Nein, Leila. Nicht nochmal. Ich ertrage das nicht mehr. Sie ist gegangen, weil sie gehen wollte. Okay. Das ist ihr gutes Recht als freier Mensch. Aber dann soll sie auch wegbleiben. Schluss. Sie braucht nicht mehr wiederkommen. Sie kann ihr ganzes Zeug gleich mitnehmen. Ich mache das nie wieder mit. Ist die Hölle, so ein Hin und Her. Irgendwann reicht‘s einfach, weißt du?“

„A-aber sie ist ... doch wiedergekommen. Vorhin. Heißt das ... nichts?“

Julius rieb sich über die Nasenwurzel und trank Wein. „Was soll das heißen, außer, dass sie jetzt hier ist, weil ihr danach ist und um irgendwann wieder einfach zu verschwinden? Wo war sie denn vorher? Hm?“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie geht und kommt, wie sie will, und ich darf nicht mal fragen, wo sie war? Damit ist Schluss.“

„Willst du ... nicht nochmal mit ihr drüber reden?“

 

Er gab sich einen Ruck, ging aus der Küche. Ich hörte, wie er die Schlafzimmertür aufschloss. Dann kam er zurück, lehnte sich wieder an das Fensterbrett und trank noch einen Schluck Wein, einen großen Schluck. Dann schüttelte er mit dem Kopf.

„Worüber? Über sie und mich? Da gibt es einfach nichts mehr zu sagen. Zuletzt fehlen einem die Worte. So wie mir jetzt“, fasste er bündig zusammen.

„Nein, Jus, bitte rede mit ihr. Bitte!“ Ich war mir sicher, dass Suse zusammenbrechen würde, wenn er tatsächlich Ernst machen sollte. Sie liebte ihn, aber das war ihr selbst nicht bewusst, weil er ihr das Leben an seiner Seite tatsächlich immer viel zu einfach gemacht hatte, besonders im Hinblick auf Konsequenzen (die nämlich immer fehlten) und das Verzeihen.

„Ich will nicht mehr reden. Ein sauberer Cut ist jetzt das Beste für alle Beteiligten. Ist an sich auch längst überfällig.“ Er sah mich an. „Leila, ich bin inzwischen über dreißig und zu alt für so eine pubertäre Beziehung, wie Suse sich das vorstellt. Ich will ... Kinder. Heiraten, den ganz normalen Schmus eben, verstehst du?“

Ich nickte widerstrebend.

Er nickte auch. „Gut. Sie will das offensichtlich nicht. Das muss ich respektieren. Und sie muss respektieren, dass ich mich in dem Fall für etwas anderes entscheide. Oder jemanden.“

 

Irgendwann war offensichtlich - ganz leise – die Schlafzimmertür aufgegangen. Wir hatten es nicht gehört. Suse kam herein, langsam, schwerfällig, schlurfend. Sie sah aus wie ein seltsames Nachtschattengewächs aus dem unteren Jura und war extrem bleich. Außerdem zitterte sie.

Ich bekam einen Schreck.

„Nein, Jus, oh Gott, nein ...“, flüsterte sie. „Jus, bitte ... NEIN!“ Sie blieb stehen, hielt ihm die Hände hin, wurde von Schluchzern geschüttelt und bot insgesamt ein Bild des abgrundtiefen Jammers. Und das war definitiv nicht gespielt.

Julius blieb, wo er war. Er kam ihr nicht einen Schritt entgegen. Er sah sie nur stumm an. An seinem verhärteten Mienenspiel konnte ich jedoch sehen, dass es ihm schwerfiel.

Suse schluchzte. Sie registrierte mich nicht, vielleicht hatte sie mich auch komplett ausgeblendet. „Jus, bitte“, wimmerte sie. „Ich gehe nie wieder weg, Jus, ich schwöre. Nie wieder. Ich bleibe jetzt hier. F-für immer, ja? Mach nicht Schluss, bitte nicht, bitte nicht ...“ Sie fing hemmungslos an zu heulen.

Oha. DIE Suse kannte ich noch nicht. Ihren seit Jahren zuverlässigen Rückenstärker in den Armen einer anderen Frau zu sehen, musste meine Freundin verheerend erwischt haben.

 

Julius stellte sein Weinglas auf die Fensterbank und rieb sich die Augen. „Nein, Suse. Es ist vorbei. Jedes Mal, wenn du einfach abhaust, bin ich hier vor die Hunde gegangen, weil ich mich gefragt habe, wo und bei wem du steckst. Es ging mir dreckig. Ich war ein beschissenes Wrack. Immer wieder. Wochenlang. Das war dir scheinbar immer egal und von daher ...“

„Dasismirnichegal. Nein. Ich gehe nie wieder weg, NIE WIEDER“, heulte Suse wie eine Wölfin bei Vollmond. „N-nihihihiiiie wieder. Niemals. Mach bitte nicht Schluss, bitte nicht. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich g-gehöre doch zu dir. Ich kann nicht ohne dich leben, Jus.“

„Tust du das? Liebst du mich? Ich kann das nicht mehr glauben. Ohne mich leben kannst du offensichtlich bestens. Denn du bist gegangen, Suse, weit, weiter und am Ende viel zu weit weg von mir. Zu wem? Wo warst du, wenn ich hier alleine rumsaß und mich GENAU DAS gefragt habe?“ Er kam ihr noch immer keinen Schritt entgegen. Seine Finger umklammerten die Fensterbank aber so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Es hätte mich nicht gewundert, wenn es gleich stieben würde, weil der Marmor bröckelte.

„Nein, nein, nein.“ Suse taumelte auf Julius zu wie ein Zombie mit akuter Gicht. „Nicht Schluss machen, Jus“, jammerte sie. „Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Ich liebe dich. Bitte mach nicht Schluss. Ich gehe nie wieder weg. Ich heirate dich. Morgen. Ich kriege Kinder, ich ... mache alles, was du willst. Aber bitte, bitte, bitte, mach nicht Schluss mit mir. S-sag mir nicht, dass ich g-gehen soll. Schmeiß mich nicht raus hier. Bitte. Verlass mich nicht. B-bitte.“

Jetzt fing sogar ich an zu heulen. Scheiße. Würde er das jetzt wirklich durchziehen? Zu verdenken wäre es ihm nicht. Sie hatte den Bogen mehr als einmal mächtig überspannt.

 

Julius schluckte. Die Muskeln an seinen Armen und seinem Hals traten hervor.

„Suse“, begann er leise, aber nachdrücklich. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von deinen Allüren. Ehrlich. Ich will nicht mehr ...“

Suse hielt sich die Ohren zu. „Nein. Nein. Nein. D-du liebst mich, Jus.“ Sie nahm die Hände wieder runter. „B-bitte, Jus, sag, dass du mich liebst. Du kannst mich nicht einfach nicht mehr lieben. D-das kannst du nicht. Nein. Du h-hast mich immer geliebt. U-und ich liebe dich auch.“ Sie schniefte und zog laut die Nase hoch, während ihr Tränen über die Wangen kullerten.

Jus sah sie an. Ernst. Sein Gesicht wirkte wie aus Stein gebildhauert. Ich wusste, für Suse stand alles auf des Messers Schneide. Fifty-fifty. Ich ertappte mich sogar beim Beten und konnte nicht verhindern, dass bei mir auch weiterhin solidarisch die Tränen kullerten. Ich heulte aber nicht nur für Suse. Nein. Auch für Julius.

‚Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht. Nicht Schluss machen‘, flehte ich stumm.

Jus holte tief Luft. „Suse ... Das ist ... das letzte Mal, dass ich dieses Theater mitmache. Das ALLERLETZTE Mal, ich schwöre es dir. Solltest du auch noch ein einziges Mal verschwinden, ohne mit mir zu reden, ohne mir Bescheid zu sagen, wo du bist, warum du mich verlässt und wann du wieder zurückkommst, nur ein einziges Mal wieder weg sein, ohne dass ich IRGENDETWAS weiß oder sagen kann, dann schwöre ich dir, dass dein Schlüssel an dieser Haustür nicht mehr passen wird, wenn du zurückkommst. Ich schwöre es dir. Und es wäre gut für dich, wenn du mir glaubst.“

 

Suse krümmte sich zusammen und wimmerte herzzerreißend. „Ich verspreche es dir, Jus, ich versprech‘s. Ich gehe nie wieder weg, ohne dir was zu sagen. Nie wieder. Ich versprech’s. Nie wieder.“ Sie schlich näher, bis sie vor ihm stand, zitternd, schluchzend und völlig durch den Wind. Meine taffe und obercoole Freundin Suse, Herrin der arschkurzen Miniröcke und messerscharfen Overknees, hatte sich klammheimlich in ein graues, bleiches, barfüßiges Nachtgespenst verwandelt. Ich heulte mit, still und leise.

 

„Ach Suse, verdammt“, seufzte Julius. Er rang mit sich, traf eine Entscheidung und dann ... streckte er endlich die Arme nach ihr aus. Meine Freundin machte einen Satz hinein und klammerte sich an ihm fest wie ein Gibbonäffchen an seiner Mutter und wiederholte in einem weg, dass sie ihn liebte und ihn nie, nie, nie, nie wieder verlassen würde. Mir fiel ein Kontinent von der Seele. Über Suses Kopf hinweg tauschten wir einen Blick, Jus und ich. Ja, Suse war schon eine Art Naturgewalt. Aber er liebte sie. Und ich auch. Er zuckte mit den Schultern. ‚Was soll ich mit dem Mädel bloß machen?‘, fragte sein Blick. Tja, was sollte er machen?

 

Ich trank schnell meinen Tee aus, um ihm die Entscheidung zu erleichtern, flüsterte: „Macht’s gut, Jus, nein – macht beide das Beste draus“, und verließ fluchtartig die Küche. Noch während ich meine Schuhe anzog, trug Julius seine heulende Suse aus der Küche ins Chaos seines Schlafzimmers. Die Tür fiel mit einem sanften Klick hinter den beiden ins Schloss.

 

***

 

Diese Nacht veränderte Suse grundsätzlich. Sie hatte Jus bis heute nie wieder verlassen. Das drohende Szenario, er könnte sich tatsächlich von ihr trennen, prägte sie nachhaltiger, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Es handelte sich bei ihrer Veränderung eher sogar um eine glatte Metamorphose. Sie war wie verwandelt, wurde plötzlich anschmiegsam und ... häuslich und teilte Julius ein paar Monate später mit, dass er Vater werden würde. Klar, sie blieb weiterhin taff und schnippisch und redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, aber sie lernte kochen, richtete mit Hingabe ein Kinderzimmer ein, fokussierte sich libidotechnisch völlig auf Jus und gab ihm keinen Grund mehr, an ihrer Integrität zu zweifeln. Dann landete Annelie, knautschig und zuckersüß, wie ein kleiner Komet in ihrem Leben und Suse mutierte zur hundertprozentigen Vollblutmutter mit Leib und Seele. Ich denke, Julius hat es bisher nicht einen Tag bereut, dass er in der besagten Nacht am Ende doch schwach geworden war.

 

Annelie war letzten Juli ein Jahr alt geworden. Und Suse würde heiraten. In einer Woche, am 16. September. Und deswegen, genau DESWEGEN, konnte ich an diesem Tag nicht auf ein Konzert gehen. Nicht einmal, um Lennard zu sehen. Nein. Suse würde mir nämlich niemals verzeihen, wenn ich, ihre beste Freundin und, vor allem, ihre Trauzeugin, klammheimlich verschwand, um ein Rockkonzert in Hamburg zu besuchen. Ich konnte nicht zu diesem Konzert gehen. Nein. Leider nicht, nicht einmal, um Lennard zu sehen.

„Scheiße“, sagte Tilli. „Lennard wird bestimmt enttäuscht sein, wenn du nicht kommst.“

Und ich erst. Scheiße. Scheiße. Scheiße.

Sie versprach, mir Bilder und Videos zu schicken.

Klar.

Als ob mir das was nützen würde.

Als ob das reichte.

Aber es musste. Wohl oder übel. War ja auch nicht schlimm, Herrgott noch mal.

Schließlich ... waren wir erwachsen geworden. Alle. Reif. Vernünftig.

L + L war lange her. Geschichte. Scheiß auf die Erinnerungen.

Kein Grund, Herzklopfen zu haben, Panik zu schieben, enttäuscht zu sein.

Kein Grund zu heulen.

Nein.

Ganz sicher nicht.

Warum hatte/war ich es dann doch?

 

***

 

An den Rest der Heimfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Kopf war leer, aber mein Herz am Zerspringen, übervoll mit Erinnerungen an eine Zeit, in der es in einem ganz eigenen Takt schlug. Nämlich in seinem.

 

***

Zu Hause angekommen fand ich keinen Parkplatz, ich konnte Antons Wagen erst einige Querstraßen weiter abstellen und hoffen, dass ich mich morgen daran erinnern würde, wo er stand. Als Hinweis musste es reichen, dass der Parkplatz für einen Mini gemacht war, Antons fahrbarer Untersatz hatte nur gepasst, nachdem ich ihn quasi hochkant an einem Baum eingeparkt hatte. An einer Eiche, glaube ich. Oder an einem Kastanienbaum? Brauner Stamm mit Blättern weiter oben. Das musste als Erinnerungshilfe reichen. Ich schleppte mich nach Hause wie ein altes Hutzelweib, schaffte kaum die zwei Treppen zu Antons Wohnung, kurzatmig, mit fliegendem Herzen, und vermied es, mir die Frage zu stellen, warum mein Puls so raste. Ich konzentrierte mich stur auf meine Verabredung mit Google und den virtuellen Weiten, die sich dahinter öffneten und Antworten auf fast alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest hatten. Vielleicht wusste Google ja auch was von ..., über ..., wegen ... ihn/ihm. Was er gemacht hatte. Wie er jetzt aussah. Vielleicht. Äh ... hoffentlich? Bilder. Ich brauchte Bilder. Sofort. Ich zitterte wie ein Junkie vor dem Rückfall.