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„Ein uralter Fluch. Ein ungesühnter Mord. Ein gut gehütetes Geheimnis. Eine Liebe, die sieben Leben überdauert. Und mittendrin? Ich.“ Leila, 17, ist eine Berliner Stadtpflanze, die nichts von der Vergangenheit der alten Villa ahnt, als sie mit ihren Eltern in die „Bella Vista“ nach Binz auf Rügen zieht. Und statt zwei gemütliche Schuljahre zwischen Stranddünen und Küstenwind zu absolvieren, steckt sie Hals über Kopf in einer haarsträubenden Geschichte hinter den Grenzen von Realität und Zeit. Ein Geheimnis der Vergangenheit stellt Leilas Verstand in Frage, wirft ihr Herz in die Waagschale und verwandelt ihr Leben in eine turbulente Achterbahnfahrt. Und als Leila endlich begreift, warum die Stimme eines toten Mädchens ausgerechnet sie als Sprachrohr nutzt, hat sie sich längst in eine Sache verrannt, die weitaus mehr als nur Kopf und Kragen kosten kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Grete Donner
SOMMERSONNENWENDE
Schattenspiel
Roman
Die Autorin ...
... wurde 1972 in Leipzig geboren, hat nach Schule und Ausbildung zehn Jahre in ihrer Lieblingsstadt Berlin gelebt und gearbeitet, aber vor einigen Jahren auf der Mecklenburgischen Seenplatte endgültig Wurzeln geschlagen. Dort lebt sie mit ihrem Mann, drei (inzwischen großen) Kindern und zwei Katzen, hegt einen dschungelartigen Garten und lässt sich am liebsten in einem alten Ruderboot über das Wasser treiben, wobei ihr die meisten Inspirationen allerdings beim Joggen in den noch ursprünglichen Weiten des Nordens eingeflüstert werden.
Deutsche Erstausgabe im Juli 2018
Copyright © Grete Donner, Bernau
Coverdesign by Christian Eickmanns
unter Verwendung von Motiv -1014738 (designed by kjpargeter/Freepik)
ISBN 978-3-00-060149-1
Alle Rechte, einschließlich die des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.
Impressum
Grete Donner, Pegasusstraße 18
16321 Bernau
Schattenspiel
Fluch über dich, die du meine Freundin warst,
Hintergangen hast du mich,
Fluch über dich, mein über alles Geliebter,
der du mich verraten hast.
Fluch über mich für das, was ich tat:
An mir
An euch
An uns.
Mit Wut gesät,
mit Hass genährt,
Mit Blut bezahlt,
Im Schatten werden wir wandeln.
Für sieben Leben bindet uns der Fluch der bösen Tat,
Bevor Erlösung naht.
Sommersonnenwende 1342, Byntze, Rügen, Grafschaft Streu
Sommersonnenwende 1442, Padua, Republik Venedig
Sommersonnenwende 1542, Buda, ungarisches Reich
Sommersonnenwende 1642, Aberdeen, Schottland
Sommersonnenwende 1742, Brunn, Österreich
Sommersonnenwende 1842, Riga, Livland, russisches Reich
Sommersonnenwende, Binz (Rügen), Deutschland, 21. Juni 1942
Es war ein Sonntag. Der Frühsommer legte sich ins Zeug, am längsten Tag des Jahres. Es duftete süß nach Hortensienblüten. Walnussblätter raschelten in der nachmittäglichen Brise, die vom Jasmunder Bodden her durch die kleine Stadt wehte.
Feudale Villen säumten die Straßen zwischen salziger Ostsee und dem entenkopfförmigen Schmachter See. Die „Bella Vista“ stand am unteren Ende der Straße. Neben der großen Eingangstür wuchs ein Blauregen. Er hatte bereits die halbe Höhe des Hauses für sich eingenommen. Vom oberen Treppenabsatz des Haupteingangs blickte man auf das glitzernde Wasser des Sees in seinem grünen Saum.
Hinter der Villa, am anderen Ende des Gartens, befand sich ein hübsches Kutscherhaus mit drei Doppeltüren auf der Front und einem kleinen Türmchen. Der Garten war groß, gepflegt und von dichten Hecken umschlossen. Sein Herzstück bildete ein schmiedeeiserner Pavillon, überwuchert von einer Kletterhortensie, die in voller Blüte stand. Ihr süßer Duft lag wie ein Schleier in der Luft. Der Schatten des Walnussbaumes daneben war durchsetzt von Sonnenflecken. Eine Schaukel quietschte. Im Pavillon saß ein Mann. Er summte und zerteilte Erdbeeren mit einem großen Jagdmesser. Bedächtig schnitt er die Früchte in eine Schüssel und wirkte dabei äußerst konzentriert. Als ihm eine Frucht entglitt, seufzte er und bückte sich. Neben der Erdbeere zappelte ein Marienkäfer auf dem Rücken. Der Mann beobachtete nachdenklich einen Augenblick lang die rudernden Beine und tippte den Hilflosen dann mit der Messerspitze an.
Der Käfer kippte auf die Füße, breitete seine Flügel aus und surrte davon.
Der Mann lächelte über tiefe Sorgenfalten hinweg. Es war ein freundliches, ein warmes Lächeln. Er blickte dem roten Punkt hinterher. Dann drehte er sich um.
„Möchtest du Erdbeeren, Liebling? Ich hole auch Milch.“ Seine Stimme klang sanft. Die Frau auf der Schaukel unter dem Walnussbaum reagierte nicht. Ihr Blick war starr wie der einer Toten, das Gesicht hohl, ihr dunkles Haar strähnig und stumpf. Sie glich einem Schattenwesen, einer verlorenen Seele, und es schien, als hinderte nur das schwarze Kleid die Sonne daran, sie ganz und gar durchscheinend zu machen. Die Frau schaukelte leicht, vom Wind angeweht. Der Blick aus den glanzlosen Augen verlor sich in einer Ferne, die weit hinter den Grenzen von Raum und Zeit lag. Zarte weiße Finger streichelten den kalten Tortulonkopf einer Puppe in blauem Samtkleid, die seelenlos grinste.
Der Mann seufzte. Er legte das Messer auf den Tisch und wischte die Hände an einem karierten Tuch trocken. Dann nahm er die Gitarre, die hinter ihm an einer Säule lehnte, auf und zupfte an den Saiten. Zweimal hielt er inne, um verschiedene Wirbel zu drehen. Schließlich perlte eine sanfte Melodie durch das Sommerblau. Der Mann begann zu singen.
„Alas my love you do me wrong
to cast me off discourteously.
And I have loved you oh so long,
delighting in your company.
Greensleeves was my delight,
Greensleeves my heart of …”
Die Frau auf der Schaukel gab einen Laut von sich wie ein verletztes Vogelkind. Ihre Gestalt schien noch weiter in sich zusammenzufallen. Der Mann wechselte das Lied. Etwas beschwingter sang er:
„Sing ein Lied, wenn du mal traurig bist,
sing ein Lied, wenn dich kein Mädel küsst,
Trallala la la la la.”
Die Frau verfiel wieder in ihre Dämmerung, der starre Blick in unsichtbaren Bildern eines ganz privaten Alptraums festgefroren. Ihre Hände hielten still. Der Mann betrachtete sie aus meerblauen Augen mit tiefem Schmerz, wobei er nicht aufhörte, fröhlich zu singen.
„Sing ein Lied, dann lacht der Sonnenschein,
sing ein Lied, dann bist du nicht allein …”
Das Läuten der Türglocke im Haus ließ das Lied jäh verklingen.
„Liebling, ich sehe mal nach, wer da ist. Bin gleich zurück. Bleib ruhig hier.“ Als würde sie sich bewegen … Der Mann lächelte bitter. Laut scharrte der Eisenstuhl über die Steinplatten. Die Frau rührte sich nicht. Sie war so starr wie zuvor, während er seine Gitarre an den Balken lehnte und über den Rasen zum Haus ging.
Eine Doppeltür aus Glas führte durch die Küche über weiß-schwarzes Schachbrettmuster, dahinter ging es durch das Esszimmer in den Flur und weiter in die große Eingangshalle der Villa. Das Haus umfasste mehrere Wohnungen und eine Arztpraxis, die jedoch seit einiger Zeit geschlossen war. Über eine Treppe gelangte man ins nächste Stockwerk. Das Fliesenmosaik war auch hier allgegenwärtig.
Es klingelte erneut. Heftig.
„Wer ist denn da?“, nörgelte jemand von oben. Eine alte Stimme, gereizt, rau und müde.
„Immer mit der Ruhe, ich bin eben dabei nachzusehen. Es wird sicher ein Patient sein“, antwortete der Mann milde, aber bestimmt, öffnete die schwere Doppeltür in den kleinen Vorflur, dann die Außentür. Draußen stand eine Frau.
„Ja, bitte? Was kann ich … Marlene? MARLENE! Du bist es. Ich habe dich … kaum erkannt.“ Er machte erfreut einen Schritt beiseite. Ein ehrliches Lächeln erhellte sein sorgenvolles Gesicht. Er sah um Jahre jünger aus.
Die Frau hatte ein Tuch um ihren Kopf geschlungen. „Justus, mein Gott, Justus.“ Sie schlängelte sich rasch unter dem ausgestreckten Arm des Mannes durch und drückte die Tür zu.
„Wer ist denn da?“, krächzte der Alte oben.
„Es ist Besuch für Amelie“, rief der Hausherr herzlich, nahm seine Besucherin am Arm und schob sie in die Wohnung. „Marlene! Komm herein, komm herein. Du siehst so anders aus. Diese Brille …“ Er lachte. „Und dein Haar - die Farbe ist anders. Für eine neue Rolle? Schön, dass du hier bist. Ein Lichtblick in diesen dunklen Zeiten. Wirklich. Amelie wird sich freuen. Hättest du doch vorher telegrafiert, dann …“
Die Frau zog ihre Handschuhe aus und setzte die Brille ab. Das elegante Tuch verrutschte, ein Handschuh entglitt den zitternden Fingern. Der Mann bückte sich und hob ihn auf und lächelte sie an. Die hübsche Frau wirkte nicht so freudig wie er. Sie war, ganz im Gegenteil, nervös, fast aufgelöst.
„Justus. Danke Gott, dass es euch gut geht. Wir müssen unbedingt reden. Ich habe Dinge gehört … Es ist furchtbar.“ Schon verschwand sie in der Küche.
Der Mann, Justus, eigentlich Doktor Justus Steinberg, folgte ihr in die Küche und rief durch die Terrassentür: „Amelie, Liebes, deine Schwester ist hier. Marlene. Magst du nicht zu uns kommen?“ Er wartete, dann winkte er ab. Die Frau auf der Schaukel blieb stumm.
„Nichts. Kein Wort. Es wird und wird nicht besser. Nur die Tatsache, dass ich Arzt bin, bewahrt sie vor der Anstalt. Noch.“ Er drehte sich um.
Marlene senkte den Kopf. „Es ist jetzt genau ein Jahr her, seit …“
Beide schwiegen. Dann holte die Frau tief Luft und wischte mit einer Handbewegung den unsichtbaren Kummerberg weg.
„Justus, es war … es ist schlimm, für uns alle, aber für sie und dich ist es am schlimmsten, hier, wo sie überall noch so greifbar ist.“ Marlene machte einen Schritt auf ihn zu. In ihrer Stimme klang Angst. „Aber deswegen bin ich nicht hier. Jetzt kommt es noch schlimmer. Hör mir zu! Wir müssen fliehen.“ Sie griff nach seinem Arm. „Weg hier, verstehst du? Raus aus diesem Land. Wir haben keine Zeit mehr. Ihr müsst mit mir kommen. Sonst ist es zu spät für uns alle! Verstehst du das? ZU SPÄT.“ Sie holte tief Luft und sah Justus, der langsam nickte, ernst an. „Alles ist vorbereitet. Man hat mir gesagt, dass bald niemand mehr über die Grenzen kommt. Ich glaube das. Diese Leute, die mir das erzählten … Sie sind absolut vertrauenswürdig. Wir müssten längst fort sein. Ich bin nur wegen euch noch hier, um euch zu holen. Justus - es ist nicht mehr viel Zeit, eigentlich überhaupt keine. Wenn wir auch nur einen Tag länger warten, dann geht vielleicht nichts mehr. Kommt mit. Jetzt, am besten gleich.“ Marlene umklammerte die Lehne eines Küchenstuhls, als müsste sie sich festhalten. „Justus, die SS war bereits zweimal bei mir. Gestern erst wieder. Sie haben dich erwähnt, meinen ‚Judenschwager‘ haben sie dich genannt. Verstehst du?“
Justus lehnte sich an einen Schrank. Er schloss müde die Augen, nickte. Marlene trat auf ihn zu und krallte ihre Finger in den Stoff seines Oberhemdes. „Justus. Ich bin in diesem Land nicht mehr sicher. Ihr seid nicht mehr sicher. Sie werden kommen und dich holen. Amelie und Gabriel - sie würden das nicht ertragen. Ihr habt schon zu viel durchgemacht.“ Wieder nickte er. Marlene atmete tief durch. Erleichtert. „Dann kommt ihr mit?“ „Ja. Wir kommen mit.“
Die Frau drückte seine Hände fest. „Das ist gut. Himmel, was bin ich froh.“
Das Läuten der Türklingel unterbrach die Stille. Als Justus die Küche verlassen wollte, hielt Marlene ihn am Arm zurück und flüsterte eindringlich: „Mach nicht auf. Bitte. Vielleicht sind sie das schon. Du hast doch gehört, was sie mit Juden machen, Justus? Bei deinem Berufsverbot wird es nicht bleiben. Sie werden uns alle umbringen. Denk an deinen Sohn.“ Sie zwang ihn, sich umzudrehen. „Justus, ich habe alles vorbereitet. Das könnte unsere letzte Chance zur Flucht sein.“ Sie ließ ihn nicht los. „Warum sollten sie Doktor Steinberg verschonen, wenn sie der Name Otto Hirsch nicht aufhalten konnte. Herrgott, sie haben dir schon verboten zu arbeiten. Jetzt werden sie dir verbieten zu LEBEN. Mach nicht auf. Wir verschwinden nach Amerika. Ihr müsst alles hierlassen. Nehmt nur das Nötigste mit.“ Marlenes Blick krallte sich in seinen. „Wir bauen uns drüben etwas Neues auf. Wir schaffen das. - Justus? Die Nazis machen auch nicht vor Kindern halt.“
„Ich weiß.“ Der hochgewachsene Mann flüsterte: „Gabriel“, und legte den Kopf in den Nacken.
Marlene nickte heftig. „Genau. Wir müssen fort, damit dein Sohn eine Zukunft hat.“ Sie zog ihre Hand zurück und nahm das Tuch ganz ab. Justus‘ Augen weiteten sich erstaunt. Marlenes lange blonde Locken waren nicht nur schwarz, sondern einer wilden Kurzhaarfrisur gewichen.
„Er wird die ganze Welt gegen sich aufbringen. Dieser Wahnsinn hat kein Ende. Er reißt das Land in den Abgrund. Aber mich nicht. Uns nicht. Ich werde das nicht zulassen. Ich habe alles organisiert und gestern kam die Nachricht, dass es losgehen kann. Es gibt da eine Organisation, sie nennen sich das Emergency Rescue Committee. Erinnerst du dich an Franz Schönberner? Er hat mir geholfen, er kennt Hans Sahl persönlich. Sie retten uns. Es geht ein Schiff von Marseille aus. Die Navemar. Sie fährt nach New York und läuft in wenigen Tagen aus. Wir müssen nach Marseille. JETZT.“
Justus Steinberg lachte trotz der offensichtlich so miesen Lage. „Marlene, du bist eben immer obendrauf. Navemar … USA … Marseilles … Alles geplant. - Gut. Holen wir Gabriel.“
Es klingelte ein drittes Mal. Jemand klopfte mit Nachdruck. „Ich werde trotzdem nachsehen. Vielleicht braucht jemand ärztliche Hilfe, wenn auch heimlich.“ Justus wandte sich ab.
„Verdammt, Justus!“ Marlene sah ihm nach, holte tief Luft und ging zur Terrassentür. Amelie saß noch immer wie erstarrt auf der Schaukel. Obwohl Marlene ihren Zustand kannte, erschrak sie doch. Konnte es sein, dass die Schwester noch dünner geworden war?
Sie sieht aus wie ein Gespenst, dachte Marlene und schauderte, als würde der Winterwind ihre Arme streifen. „Amelie?“, rief sie leise, winkte zögernd. Die Frau auf der Schaukel bewegte sich nicht. Sie zeigte nicht die kleinste Spur von Interesse oder Erkennen.
Marlene biss die Lippen aufeinander. Wie lange das schon so ging. Amelie war seit dem Tag, an dem Annalena gestorben war, selbst mehr tot als lebendig. Eine lebende Leiche, als hätte sie ihren Geist auf eine unbekannte Reise geschickt und den Körper verwaist zurückgelassen.
„Wo bist du, Amelie? Bist du bei ihr? Kannst du sie sehen?“, flüsterte Marlene mit dem inzwischen so vertrauten Schmerz. Hier war es am schlimmsten. Hier waren sie greifbar: Die Leere, wo einst Leben war, der Verlust, Trauer von der Tiefe eines Ozeans. Marlene wünschte sich nicht zum ersten Mal die Kraft, Schatten vertreiben und Wasser teilen zu können. Oder ein wunderschönes vierzehnjähriges Mädchen aus der Dunkelheit zurückzuholen.
Im Flur waren Stimmen. Marlene zuckte zusammen und versteckte sich draußen neben der Tür zum Garten. Sie blickte vorsichtig in den Raum, bereit, sofort zu fliehen. Justus kam zurück in die Küche und mit ihm sein Besucher, ein hoch aufgeschossener Junge, der verlegen einen alten Hut in den Händen drehte, als er Marlene sah. Sofort schob sie, die begnadete, wunderschöne Tänzerin und Schauspielerin, der ganz Berlin zu Füßen lag, routiniert jede negative Emotion zur Seite. Mit strahlendem Bühnenlächeln streckte sie dem Neuankömmling die Hand entgegen.
„Guten Tag! Ich bin Marlene Oldenburger. Und wer bist du?“
„G-Guten T-Tag“, sagte der Junge, ließ die Hand so schnell wieder los, als wäre sie heiß, und bekam rote Ohren. Er hieß Willy Oelsner, war fast zwölf Jahre alt und Laufbursche für Doktor Steinberg gewesen, bis sein Vater ihm das verboten hatte.
„Du gehst mir nicht mehr zu diesem Judenschwein. Du bist ein Deutscher.“
Seitdem wagte sich Willy, der Doktor Steinberg verehrte, nur noch heimlich in die „Bella Vista“. Aber er würde „seinen“ Doktor nicht verraten. Niemals. Auch die Mutter nicht. Sie schickte ihn manchmal hin, wenn ihre Kopfschmerzen stärker wurden. Sie vertraute dem neuen Arzt im Ort, einem SS-Mann, nicht. Als „Quacksalber“ hatte sie den Mann mit der Pomadenfrisur abgetan. Willy gab ihr recht. Doktor Steinberg war ein guter Arzt, nein, der beste, dachte Willy. Schade, dass nicht der sein Vater war. Er machte keine Unterschiede zwischen den Menschen, die er behandelte. Er war es auch, der Willy in seinem Wunsch bestärkt hatte, später selbst Arzt zu werden.
„Lebe deine Träume. Du kannst alles schaffen, was du dir vorstellst. Lass deinen Wille deine Kraft sein. Zweifle nicht an deinen Fähigkeiten, sonst stehst du dir selbst als größtes Hindernis im Weg.“
Willy hatte sich diese Worte aufgeschrieben.
Doktor Justus Steinberg blickte den Jungen an. „Also? Was hast du auf dem Herzen, Willy?“
Der Angesprochene drehte immer noch seinen Hut zwischen den Fingern. „Wissen Sie, m-meine Mutter schickt mich. Sie b-braucht das Mittel, was Sie ihr letztes Mal gegeben haben. Die anderen Tropfen wirken n-nicht. Dann soll ich Ihnen noch sagen, d-dass …“
Der Junge schniefte und schwieg. Seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Er wollte nicht sagen, was seine Mutter ihm aufgetragen hatte. Er wollte kein Unglücksbote sein. Er wollte nicht, dass Doktor Steinberg von hier fortging. Er wollte, dass alles wieder so war wie vorher. Vor dem Berufsverbot. Vor Annalenas Tod, der auch ihn unendlich traurig gemacht hatte. Sie waren Freunde gewesen. Gute Freunde. Er hatte sie sehr gern gehabt. Er wollte …
„Manchmal geht es aber nicht, wie man will“, hatte seine Mutter unverblümt gesagt. „Manches muss! Wenn wir ihm nicht helfen, dann bringen sie den Doktor um.“ Sie hatte Willy eingeschärft, die Botschaft unverzüglich zu übermitteln.
Willy biss sich auf die Lippe.
„Nun? Was sollst du mir sagen?“, fragte Justus Steinberg geduldig.
„Na ja, m-meine Mutter s-sagt, Sie sollen abhauen. S-sie sagt, dass die Nazis sonst k-kommen u-und Sie wegholen. Sie h-hat es gehört. M-m-m …“ Willy brachte nur noch Gestammel hervor. So war das immer, wenn er sich aufregte.
Der Doktor klopfte ihm sacht auf den Rücken. „Beruhige dich, Willy. Was hat deine Mutter gehört?“
Willy atmete zu schnell, jeder Atemzug tat weh in der Brust. „S-sie hat gehört, wie m-mein Vater mit dem Mann von der SS g-geredet hat. Vorhin. S-sie h-hat mich g-gleich losg-g-geschickt und …“
Der schlaksige Junge brach in Tränen aus. Justus und Marlene wechselten einen Blick.
„Was habe ich gesagt?? Justus – NIMM, was du unbedingt brauchst. Hol Gabriel und Amelie. Sofort!“ Marlene packte Justus am Arm und schüttelte ihn.
„Jajaja. Ruhig, meine Liebe.“ Der Doktor drückte die Schwägerin kurz an sich. „Willy“, wandte er sich dann an den bedrückten Jungen, „tust du mir einen Gefallen? Wirst du hier auf alles aufpassen, während wir weg sind? Immer mal nach dem Rechten schauen und dich an uns erinnern?“
Mit Tränen in seinem ehrlichen Gesicht nickte Willy. „J-ja, D-Doktor. Ich v-versprech’s.“
Justus lächelte beruhigend. „Danke dir, mein Junge. Und jetzt hätte ich noch eine allerletzte Bitte an dich: Hol Gabriel. Er ist bei den Hänsels in …“
Willy nickte und rannte los. „Ich weiß schon, w-wo Sie meinen.“ Seine Arme und Beine schwangen wie Windmühlenflügel. Laut krachte die Tür hinter ihm ins Schloss.
Marlene schlang die Arme um ihre Brust und seufzte. „Das ist mir alles zu viel. Ich verstehe dieses Land nicht mehr. Was ist mit unserer Heimat passiert? Warum erkennt niemand mehr Freund und Feind? Warum müssen wir fliehen? Wir haben doch nichts getan.“ Marlene begann zu weinen.
Justus Steinberg nahm sie in die Arme. Er hatte es noch nicht erlebt, dass diese Frau ihre Nerven verlor. „Weil Hitler überzeugend sein kann. Weil er den Menschen Arbeit gab, die nichts mehr hatten. Weil er ihnen Hoffnung gab, deswegen wollten sie ihm glauben. Weil er ihnen eine Identität gab, auf die sie stolz sein konnten. Und jetzt, wo er sie in der Hand hat, macht er ihnen Angst. Das ist sein Druckmittel. Es ist ein starkes Mittel.“
Marlene riss ihren Kopf zurück. „Aber das – ist alles so FALSCH!“
Justus nickte und drückte ihren Kopf wieder an sich. „Ja, Marlene. Es ist falsch. Und weil wir das wissen und weil wir uns nichts anderes vormachen, darum gehen wir jetzt.“ Er lächelte sie liebevoll an und löste seine Arme von ihrem Rücken. „Ich hole nur die Medizin für Willys Mutter, meinen Arztkoffer und die Mappe mit unseren wichtigsten Unterlagen.“ Er lächelte und zwinkerte ihr zu. „Damit wir vielleicht einmal wiederkommen können, wenn es hier eine Zukunft für uns gibt. Vielleicht kommt die Wende zum guten Schneller, als wir denken. Wir dürfen nicht den Glauben daran verlieren. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Sanft schob er die Frau von sich und ging aus dem Zimmer.
„Wie du immer so ruhig bleiben kannst, verstehe ich nicht. Ich bin ein Wrack.“ Marlene ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und legte stöhnend ihren Kopf auf die Arme. Justus blieb nicht lange fort. Als er zurückkehrte, trug er eine schmale Mappe aus Segeltuch mit sich.
„Hier ist alles drin, alle Papiere, die wichtigen Urkunden und so weiter“, sagte er und legte die Tasche auf den Tisch. Daneben stellte er ein braunes Fläschchen für Willys Mutter.
Marlene zitterte. „Ich habe Angst“, sagte sie.
Justus seufzte. „Ich weiß. Ich habe auch Angst. Aber das wird uns nicht weiterbringen. Wir werden stark sein, weil wir müssen. Dann schaffen wir das“, antwortete er. „Komm, holen wir Amelie.“
Marlene stand auf und nickte zögernd, als hätte sie Angst vor der eigenen Courage.
Justus Steinberg reichte ihr sein Taschentuch. „Alles wird gut“, sagte er mit tiefer Überzeugung.
„Ich weiß nicht“, Marlene lächelte schief, „woher du immer deine Zuversicht nimmst.“
Justus blickte sie liebevoll an. „Zuversicht und Hoffnung sind alles, was ich habe, meine Liebe. Ich klammere mich daran fest wie an einem Anker.“
Marlene schluchzte auf und warf sich in seine Arme. „Das Leben ist manchmal so grausam.“
„Scht, scht, scht“, machte er und wiegte sie wie ein Kind, während sie weinte.
Justus streichelte Marlenes Rücken. Sie schluchzte und wütete zugleich. „Ich habe immer geglaubt, ich wäre eine Kämpferin, selbst letztes Jahr, als … Aber jetzt fühle ich mich schwach. Ich kann kaum klar denken. Grässlicher Zustand.“
Der Mann drückte ihr einen leichten Kuss auf die Stirn. „Du BIST eine Kämpferin, Marlene. Ich weiß es. In schlechten Zeiten erkennt man Helden. Jeder Mensch kann kämpfen, wenn er muss.“
Marlene blickte zu ihm hoch und flüsterte: „Wenn du recht hast, was ist dann mit Amelie?“
Justus ließ seine Arme langsam sinken und sagte ernst, aber sehr bestimmt: „Auch das Vergessen kann ein Kampf sein, wenn auch vielleicht nicht die klügste Strategie. Aber wer sind wir, dass wir darüber urteilen dürfen?“
Marlene lächelte wehmütig. „Ach Justus, du Fels in der Brandung. Warum bin ich nie einem Mann wie dir begegnet?“
Justus lachte. „Die Revue-Königin aus Berlin und ein langweiliger Doktor vom Lande? Was für ein lustiges Gespann! Die Leute hätten ihre helle Freude daran gehabt. Du in einem Vorzimmer …“
Marlene lachte auch, mit Tränen im Gesicht. Ihr Blick schweifte in die Vergangenheit, wo zwei Schwestern so ungleich waren wie nur irgendwas. „Du hast recht. Wahrscheinlich wäre ich nach zwei Wochen schreiend davongelaufen. Amelie passte … passt viel besser in dein Leben. Und du bist so stark für euch zwei, vor allem seit Annelena …“
Sein Blick verschleierte sich. „Ach, Marlene. Ich bin nicht so stark, wie ich sein müsste, fürchte ich. Annalena im letzten Jahr zu begraben, war, wie einen Teil meiner Seele zu verlieren. Einen großen Teil, vielleicht sogar den besten.“
Sie drückten einander, vereint durch denselben Schmerz.
„DU kriegst ihn AUCH NICHT.“ Die Stimme klang gepresst, rostig, als wäre sie lange nicht gebraucht worden. Justus und Marlene fuhren auseinander, drehten sich um. Wie ein Schatten schleppte sich die Frau heran. In der blitzenden Klinge des Jagdmessers spiegelte sich die Sonne. Zischend schnitt es durch die Luft, bevor es seitlich in den Leib von Justus Steinberg drang.
„Amelie“, stöhnte der Mann, als er wankte und gegen die dünne Gestalt kippte, die plötzlich vor ihnen stand. Das war es, woran sich Marlene für den Rest ihres Lebens erinnern sollte, während sie nach Gott und dem Himmel schrie. Wie einen Horrorfilm in Zeitlupe erlebte sie die schrecklichen Sekunden immer und immer wieder: Die dünne, ausgemergelte Frau, die das Messer schwang. Der schwankende Mann, auf dessen Hemd sich rasend schnell ein Blutfleck ausbreitete. Der Schmerz in seinen leuchtend blauen Augen. Der Küchenfußboden, gesprenkelt mit roten Tropfen, zu denen rasch und immer rascher neue hinzukamen und die zu kleinen roten Seen zusammenliefen.
Marlene wollte Justus zu Hilfe eilen, aber Amelie, zart und gespenstisch unberührt, hielt mit eisernem Griff ihren wankenden Mann am Arm.
„Niemand kriegt ihn. Sie nicht, du nicht, niemand, er gehört mir“, wiederholte sie mechanisch, ihre Augen blickten kalt und seelenlos. Justus stöhnte und sackte in die Knie.
Marlene betrachtete das grässliche Bild mit aufgerissenen Augen. Sie war wie gelähmt, ihre Muskeln sirrten. „Amelie“, schrie sie und spürte eine Woge Übelkeit.
Amelie richtete das blutige Messer auf die Schwester. Ein Zittern durchlief ihre Gestalt. Die Augen verengten sich zu Schlitzen. „Du kriegst ihn nicht. Niemand kriegt ihn. Immer wollen alle haben, was ich habe.“ Amelie lachte, krächzend und irre, während Justus in einer Blutlache zu Boden ging.
Marlene schluchzte, würgte und umrundete den Tisch. „Wir müssen ihm helfen“, ächzte sie. „Er braucht einen Arzt. Bitte.“
Amelie blickte auf den sterbenden Mann hinunter. Ihre Hand war kraftlos von seinem Arm geglitten, als er fiel. Dann hob sie den Kopf, starrte Marlene ins Gesicht, die Augen übergroß. „Wir brauchen niemanden. Er ist selbst Arzt.“ Die Lache am Boden breitete sich aus. Justus stöhnte und drehte sich mit letzter Kraft von der Seite auf den Rücken. Er war leichenblass. Er wollte etwas sagen, aus seinem Mund kam nur ein Ächzen.
Marlene wurde schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft krallte sie sich am Tisch fest. „Was redest du da, Amelie? Justus … Wir müssen … Er ist …“
Das blutige Messer fiel mit einem Klirren vor Marlenes Füße. Amelie hatte es geworfen. „Du kriegst ihn nicht. Du kriegst ihn nicht.“ Amelies Stimme klang jetzt wie die eines jungen Mädchens. „Du hast schon meine Tochter gekriegt. Du bist wie sie. Sie war ihm wichtiger als ich. Ich wollte ihn für mich alleine und dann kam sie und ich musste ihn teilen. Verschwinde!“ Das letzte Wort rief sie so gellend, dass es in Marlenes Ohren klingelte.
„Was??“ Marlene bemühte sich, nicht in Ohnmacht zu fallen. „Was meinst du? Ich habe deine Tochter nicht … gekriegt. Und Justus auch nicht. Er ist ihr Vater, Amelie. Und er braucht einen Arzt.“
Amelie wackelte mit dem Kopf und verdrehte die Augen. „Mama, was würde Tante Marlene sagen? Tante Lene findet, dass ich eine schöne Stimme habe. Papa meint, ich habe genau solche schönen lockigen Haare wie Tante Lene. Mama, wenn ich groß bin, werde ich Schauspielerin wie Tante Lene in Berlin. Dann trete ich mit Lene zusammen auf.“ Amelie drehte sich grotesk mit erhobenen Armen auf der Stelle, im Blut ihres Mannes tapsend. „Tante Lene, Tante Lene, Tante Lene …“
Marlene war taub vor Schock und Angst. Das ganze grässliche Ausmaß von Amelies Wahnsinn hatte sie nicht geahnt. Sie taumelte.
Ein Röcheln. „Flieh … Nimm … Gab…riel … mit … nach … Amerika. Pass … auf ihn auf.“ Justus hatte sich mit letzter Kraft auf einen Arm gestützt. „Geh. Jetzt.“
„Tante Lene, Tante Lene … Papa, Papa. Vorbei. Meiner. Er gehört mir“, sang Amelie mit krächzend-fröhlicher Kinderstimme. Justus’ Blick war trübe. „Geh … JETZT …, Marlene.“
In Marlenes weit aufgerissenen Augen lagen pure Verzweiflung und nackte Angst, tiefster Schmerz, Trauer, Entsetzen.
„LASS SIE!“ Amelie heulte wie ein verwundetes Tier, rutschte in der Blutlache aus und stürzte auf den Körper ihres sterbenden Mannes. Sie riss seine Hand zurück, die er nach Marlene ausgestreckt hatte. Justus stöhnte. Marlene bückte sich schluchzend, wie in Trance, und hob das blutige Messer auf. „Heile, heile Gänschen“, sang Amelie und küsste Justus’ bleiche Lippen.
Er war zurückgesunken, reagierte nicht mehr.
„Was ist denn? Was hast du? Nicht schlafen. Justus! Du blutest ja. Du bist verletzt. Wer hat dir das angetan? Justus? Wach auf. Wach auf.“ Ihr irrer Blick fiel auf das Messer in Marlenes Hand. Sie schrie gellend. „Mörderin! Du hast ihn umgebracht.“ Ihre Stimme war hoch. Zu hoch. Zu schrill. „Du hast ihn umgebracht. Mörderin. Du hast ihn umgebracht. Du hast ihn um…“
„Mama?“ Die Kinderstimme klang unsicher. „Mama??“ Ein kleiner blonder Junge rannte in die Küche, blieb ruckartig stehen und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf den Vater, der am Boden lag. Die Blutlache zeichnete sich scharf auf dem Mosaikboden ab.
Amelie begann zu schreien. „Du Mörderin! Mörderin! Mörderin!“
Marlene schüttelte weinend den Kopf. „Nein. Nein, Amelie. Ich habe nicht … Ich könnte doch niemals jemanden … Und schon gar nicht Justus.“ Sie ließ das Messer fallen. Es polterte überlaut auf die Fliesen. Der kleine Junge schrie gellend. Marlene wich zurück.
Amelie hörte nicht auf zu kreischen. „Miststück! Mörderin!“
Marlene schluchzte. „Nein, nein, nein. Ich habe nichts getan. Amelie, bitte, ich habe das nicht getan. Das warst du. Du. Ich nicht. Niemals.“
Da öffnete Justus noch einmal die Augen zu zwei trüben Schlitzen. „Nimm Gabriel … die Mappe … flieh …“, keuchte er.
Mit letzter Kraft zog Marlene die Segeltuchmappe vom Tisch, packte den schreienden Jungen an der Hand und taumelte aus dem Haus. Sie sah nicht, dass Dokumente aus dem offenen Fach der Mappe hinter ihr zu Boden glitten. Ein Blatt saugte Blut auf, schwamm wie ein groteskes Boot auf der roten Pfütze unter einen Stuhl, als hinter Marlene die Tür ins Schloss fiel. Die seit kurzem schwarzhaarige Frau sah nicht den erschrockenen Willy, der mit großen Schritten näher kam. Sie hörte nicht seine Rufe. Sie zitterte und heulte wie ein Tier, warf die Tasche in ihren Wagen, stopfte den noch immer schreienden Jungen hinein und fuhr los, als wäre der Teufel hinter ihr her.
„F-Frau Marlene? Gabriel? G-GABRIEL!“ Willy Oelsner verstand die Welt nicht mehr. Eben hatte er ein fröhliches Kind abgeholt. Der Junge war vorausgelaufen, hüpfend und springend. Doch das Gesicht des Kindes dort im Auto war bleich wie eine Totenmaske. Wo wollte die Frau mit ihm hin? Der Doktor. Willy musste sofort den Doktor holen. Er hatte ein Auto. Sie würden die Frau verfolgen.
***
Nichts konnte den armen Jungen auf das vorbereiten, was ihn in der Küche erwartete. Für immer würde er sich schuldig fühlen, weil er zu spät gekommen war, um den Doktor, den er so verehrte, zu retten. Herr Hänsel hatte ihn aufgehalten, wollte wissen, ob irgendwelche Gerüchte stimmen, der scheinheilige Schwätzer, der. Willy hatte sich frei gemacht, so schnell er konnte, und war Gabriel nachgeeilt. Als er dann sah, wie Marlene den Jungen ins Auto stopfte, begann er zu rennen.
Irgendwas stimmte hier nicht.
Marlene bemerkte ihn nicht mehr, sie bog schon um die Straßenecke. Ihr Blick war tränenblind, das Herz ein bleierner Klumpen in ihrer Brust. Ihre Welt war zerbrochen, ihr Glaube erschüttert, ja ihr ganzes Dasein stand in Frage. Verzweifelt hielt sie ihren Geist zusammen, um nicht gänzlich ins Dunkel zu fallen, und krallte sich am Lenkrad fest.
„Ich passe auf ihn auf“, schluchzte sie ein ums andere Mal. „Ich verspreche es, Justus. Oh Gott. Ich passe auf ihn auf. Ich passe auf Gabriel auf. Ich schwöre. Ich passe auf ihn auf. Justus …“ Sie griff nach der kleinen, eiskalten Hand. Der Junge neben ihr schwieg. Er weinte nicht mehr. Er sagte kein Wort. Er klagte nicht. Er starrte teilnahmslos vor sich hin, bleich, stumm, entwurzelt, wie tot.
***
Ein völlig überfülltes Frachtschiff namens Navemar erreichte nach einer stürmischen Fahrt mit mehreren Unterbrechungen am 12. September im Jahre 1942 den Hafen von New York. Unter den bleichen, ausgemergelten Ankömmlingen war eine schwarzhaarige Frau aus Deutschland mit hellblondem Haaransatz. Mit ihr kam ein kleiner, blonder, blauäugiger Junge von knapp sechs Jahren, der kein Wort mehr sprach.
Sommersonnenwende, 21. Juni 2008, Samstag
Nach Sommer sah es in Berlin heute überhaupt nicht aus. Trotzdem machte mein Bruder ein Riesentheater, weil er nicht zum Fußball konnte, und ging mir damit reichlich auf die Nerven. Kein Wunder. Ich liebe meinen Bruder sehr, aber uns trennen Welten. Ich würde im September siebzehn Jahre alt werden und in die elfte Klasse kommen. Marius, genannt „Matze“, war acht Jahre jünger. Wie gesagt - ich liebte ihn sehr, aber heute nervte er mich. Gut, vielleicht war ich etwas empfindlich – wir waren ziemlich früh losgefahren (noch dazu an einem Samstag) und hatten ewig im Stau gestanden. Marius, seines Zeichens Bewegungsfanatiker, konnte man nach vier Stunden im Auto, die sich mit ihm wie vierzig anfühlten („Wann sind wir da? Wannsinwirda? Wannsindwirda-haaaa?“), einfach nicht mehr gebrauchen. Ziel dieses Ausflugs als Brühlscher Familienclan war übrigens ein gewichtiger: die Besichtigung einer Villa in Binz auf Rügen zwecks Umzugs und Neubeginns.
Und da waren wir nun. Matze heulte wie ein Indianer und hatte die Autotür schon aufgerissen, als unsere Kiste noch nicht mal richtig stand. Es war gegen zwölf Uhr mittags. Und – oh Wunder - der Himmel war blau, hier auf Rügen. Die Sonne brannte sommerlich warm. Von der Ostsee wehte eine salzige Brise in meine Berliner Stadtnase. Das war doch schon mal ein positives Zeichen. Zur Erklärung: Ich stehe total auf Zeichen und Ahnungen, also überhaupt den ganzen mystischen Kram mit Geheimnissen und Botschaften aus dem Jenseits, wenn Mordopfer ihrem unbestraften Mörder die Hölle heiß machen. Vor allem aber mag ich Einhörner. Und Elfen. Und sonstiges märchenhaftes Gedöns.
„Ein Blauregen!“, hauchte meine Mutter andächtig, als sie ausstieg. „Und so groooß.“
Okay, das war leicht untertrieben. Das Haus sah von der Seite so aus, als wäre es direkt aus einer Astgabel gewachsen. Total zugewuchert. Aber irgendwie hatte das was.
Ich musste, obwohl ich umzugstechnisch eher skeptisch war, zugeben, dass die Villa wirklich schick war. Meine Eltern (oder in erster Linie eigentlich meine Mutter, die von der Küste stammte) wollten umsatteln, weg aus der Großstadt und an der See ein Appartementhaus übernehmen. Für ihre Pläne war dieses Objekt sicher nicht die schlechteste Wahl. Okay, MICH konnte die Idee nicht wirklich begeistern. Ich meine, von Berlin an die Küste? Das würde ein Kulturschock werden. Aber da meine Eltern mir versprochen hatten, kein großes Gewese zu machen, wenn ich sofort nach dem Abi wieder in die Heimat zurückkehrte, wollte ich das Beste draus machen. Es waren ja nur zwei Jahre. Und die Ostsee liebte ich uneingeschränkt. Bei Wind und Wetter. Das war Fakt.
Ich denke, das ist jetzt ein perfekter Punkt, um mich vorzustellen. Oder? Mein Name ist Leila. Meine Markenzeichen sind blaugrüne Augen, rotbraune Locken, die bis zum Hintern reichen, und ein Mundwerk, mit welchem ich mich nach den Aussagen sämtlicher Omas, Opas und meiner Eltern, irgendwann in der Zukunft um Kopf und Kragen reden werde.
Und wie schon angedeutet befand ich mich exakt jetzt vis-à-vis dem Gartentor der „Bella Vista“. So hieß das Haus in Binz, welches wir uns ansehen wollten. Praktischerweise hatte man den Namen beim Bau mit andersfarbigen Ziegeln in die Fassade gemauert.
Während mein Vater noch nicht mal ausgestiegen war, hüpfte Matze schon vor dem Zaun auf und ab und krähte: „Gehen wir gleich rein?“
Mom, barfuß, die Schuhe in der Hand, streckte sich genießerisch in der Sonne. Sie war auf dem Weg zum Hauseingang. Mein Vater telefonierte noch und blätterte nebenbei in irgendwelchen Unterlagen. Er war mit irgendwem aus der Pension verabredet.
Ich schlenderte zu dem kleinen See hinüber. Ja, echt. Die Villa war keinen halben Kilometer vom Strand entfernt und lag trotzdem an einem See. Er hieß „Schmachter See“ und passenderweise die Straße auch gleich mit dazu. Schmachterseestraße. Ein See, ein Wort. So konnte ich mir die neue Adresse gut merken. FALLS wir überhaupt hierherziehen würden, das stand ja noch nicht fest. Eine Tafel informierte mich darüber, dass linker Hand der Park der Sinne begann und man den „Schmachter See“ umrunden konnte. Ideale Jogging-Aussichten für mich. Ein Wasserspielplatz war hier auch. Das gefiel wiederum Marius, der Wasserratte, sicher sehr gut. Wenn das nicht wieder ein bis zwei Zeichen waren …
Ich atmete die salzige Seeluft tief ein und war mir fast sicher, dass ich es hier schon mal für zwei Jahre aushalten könnte. Ich würde einfach so tun, als wäre ich im Dauerurlaub.
Da rannte Marius johlend an mir vorbei. Er hatte den Wasserspielplatz entdeckt.
„Los, komm mit, Leila! Ich spritz dich nass …“, rief er.
„Nee, lass mal.“ Ich tippte mir an die Stirn. Ganz sicher nicht. Ich würde mir jetzt nicht mein Outfit ruinieren. Wie eine Landpomeranze wollte ich nicht mal aussehen, wenn ich hier wohnte. Besser, ich zog mich zurück, bevor Marius auf blöde Ideen kam. Damit war bei ihm immer zu rechnen. Meine Eltern waren weg. Ich beschloss, ihnen nach drinnen zu folgen und mir in Ruhe das Haus anzusehen. Von außen sah es richtig vornehm aus, eine herrschaftliche Villa aus gelben Backsteinen mit Holzornamenten und Schieferdach. Sie entsprach im Grundriss einer Art Pluszeichens und war innen bestimmt ziemlich verwinkelt. Ich überlegte, was mir aus dem Exposé noch in Erinnerung geblieben war. In der obersten Etage befanden sich drei Mansardenwohnungen mit Spitzgauben, zwei waren komfortable Ferienappartements, die dritte so groß wie die beiden anderen zusammen. Hier würden wir wohnen, falls … In der mittleren Etage waren Gästezimmer, manche mit Balkon, manche nur mit Fensterfronten bis zum Boden. Unten musste eine Arztpraxis oder so was sein, außerdem Büros, die Küche, der Wirtschaftsraum und das Frühstückszimmer. Wie gesagt, soweit ich mich erinnerte. Ich hatte den Grundriss nicht auswendig gelernt.
Das Grundstück war von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben. Man konnte allerdings nicht durchgucken, weil gleich dahinter eine blickdichte, akkurat geschnittene Hecke aus verschiedenen Sträuchern wuchs, die mindestens zwei Meter hoch war. Ich trat durch das offene Gartentor, welches den Haupteingang des Grundstücks darstellte. Er lag dem kleinen See genau gegenüber. Um die Villa prunkte eine Blumenrabatte, für die sich nicht mal ein König hätte schämen müssen. Unkraut? No chance - jemand hatte alle Zwischenräume dick mit Rindenmulch bedeckt. Und der Rasen konnte sich definitiv auch sehen lassen. Kein Vergleich zu Berliner Hundebuddelplätzen.
„Bella Vista“, schöner Ausblick, das war tatsächlich nicht gelogen. Ein dezentes Glasschild links am Eingang wies alle Ankömmlinge unter anderem darauf hin, dass hier neben der Pension auch die Praxis für Physiotherapie von A. Neuhaus-Oelsner ihren Sitz hatte.
Ich trat in den kleinen, mit rotem Teppich ausgelegten Windfang oder besser: Das Entree, wo sich Briefkästen und eine Pinnwand mit Infos über das Haus und Kästchen mit allen möglichen Flyern, angefangen vom „Rasenden Roland“ bis „Kap Arkona“, befanden. Von dort ging es durch eine offene Doppeltür weiter in die mit Licht geflutete Eingangshalle. Ich sah mich etwas geblendet, aber neugierig um und dachte einen Herzschlag später, Halluzinationen zu haben. Mitten in der Eingangshalle schwebte nämlich ... ein Engel.
„What the fuck ...“ Ich riss den Mund auf. Die Vision hielt der näheren Untersuchung aber nicht stand. Als ich genauer hinsah, musste ich lachen. Mir gegenüber befand sich eine Treppe und über deren erstem Absatz, wo sie sich nach rechts und links wendelte, ein riesiges Fenster. Der Handlauf mündete am Fuße der Treppe in einem Sockel, auf dessen Spitze eine Statue prunkte. Die Statue aus weißem Marmor stellte eine Ballerina dar. Mit Flügeln. Und Tutu. Sie hatte die Arme im Halbkreis über den Kopf gelegt, was klar zu der Sinnestäuschung beitrug. Den Kopf hielt sie nach hinten geneigt, als wollte sie in den Himmel gucken, das linke Bein war angewinkelt und mit der Zehe am rechten Knie fixiert. Die Sonne stand gerade so, dass sie dem weißen Marmor der Ballerina eine satte Aura verpasste. Und meine Phantasie hatte im Nullkommanix einen Engel daraus gemacht.
Ich ließ mich spontan vom Charme des Hauses anstecken, was wirklich nicht schwer war. Ein weinroter Teppich bedeckte die Treppe mit dem Holzgeländer, von der hohen Decke hing ein altertümlicher Lüster. Schräg rechts von mir befand sich der Empfangstresen. Mit Klingel drauf. Und einem Aufsteller mit den „Tipps zum Tage“. So richtig etepetete und echt schick. Ich fühlte mich sofort ein bisschen heimisch. Von irgendwo weiter hinten hörte ich die Stimmen meiner Eltern. Sie waren wohl schon auf Besichtigungstour. Die Tür hinter dem Tresen stand offen. Ich konnte in einen Flur sehen. Wie auf dem diskreten Schild neben der Tür stand, befand sich dort auch das Herz, also das Büro der Pension. Das Büro-Schild hing direkt über dem Hinweis „Kein Zutritt“. Rechts daneben befand sich eine Doppeltür. Auf dem goldenen Schild darüber konnte ich „Frühstücksraum“ in Schnörkelschrift lesen. Und auch wenn der Zutritt hier nicht verboten war, konnte ich nicht reingucken. Diese Tür war geschlossen. Außerdem war auf der anderen Seite der Halle, gegenüber vom Tresen, noch eine Tür. Aus Glas. Ich ging näher. In Goldschrift stand dort: „Angela‘s Wellness-Insel“.
Massagen
Akupunktur
Klassische Massagen
Ayurveda-Behandlungen
Fußreflexzonen
Lymphdrainage
Außerdem
Alternative Schmerztherapie
Schamanische Lebensberatung
Schamanische Heilreisen
Expeditionen ins Ich
In der Sonne liegt die Mitte
In der Mitte liegt die Ruhe
In der Ruhe liegt die Kraft
Darunter war das Bild einer meditierenden Figur im Schneidersitz mit sieben bunten Punkten in ineinander übergehenden Farben vom Scheitel bis zum Schoß. Außerdem las ich:
Um vorherige Terminvereinbarung wird gebeten.
Und des Weiteren ...
HEUTE GESCHLOSSEN
Die Glasfront war verhangen. Hier kam ich auf meiner Tour vorerst nicht weiter. Also schlenderte ich links an der Treppe und einer weiteren Tür vorbei. Auch am Ende dieses Kleeblattflügels der „Bella Vista“ befand sich ein Ausgang. Es handelte sich um eine große Doppeltür, die sicher in den Garten führte. Plötzlich roch ich Blumen und Äpfel und bekam totale Lust hinauszulaufen, um unter dem Walnussbaum zu schaukeln. SCHAUKELN? Unter dem … WALNUSSbaum? Wie kam ich denn jetzt bitte darauf? Keine Ahnung, wieso es ausgerechnet ein Walnussbaum zum Schaukeln sein sollte. Ich blickte über meine Schulter zurück. Komisch. Irgendwie fühlte ich mich gerade ganz, ganz seltsam. Obwohl mir das Haus völlig fremd sein musste, hatte ich plötzlich ein vertrautes Gefühl. Und da war noch was. Mein Herz begann zu pochen. Es war, als würde mich jemand beobachten.
Ich drehte mich um. Im Raum war nur die Ballerina, mit dem Rücken zu mir, total vertieft in ihre ewige Pirouette. Also die hatte nun wirklich nichts Gruseliges. Im Gegenteil, sie leuchtete quasi oberirdisch. Schob ich vielleicht gerade eine leichte Panikattacke aufgrund des eventuell anstehenden Umzugs? Konnte sein. Besser, wenn ich wirklich raus an die Sonne ging. Ich griff nach der altertümlichen Klinke und registrierte gerade noch, dass die sich seltsam kalt anfühlte, da wurde mir plötzlich schwindelig. Meine Hände fingen an zu zittern. Das machte mir Angst. Ich musste mich abstützen. Komisch. Ich war kein furchtbar ängstlicher Mensch. Kein Weichei oder so. Aber jetzt stimmte irgendwas nicht. In meinen Ohren wurde ein Summen immer lauter. Ich konnte nur noch schnappend atmen. Meine ganze Wahrnehmung fokussierte sich auf diese Tür. Alles andere verschwamm in grauem Nebel.
Meine Hand drückte die Klinke herunter. Die Tür … öffnete sich nicht, aber mein Körper, der schneller war als der Kopf, drückte dagegen. Ich spürte erst Verwunderung, dann Ärger. Gefühle, die meine waren und irgendwie auch wieder nicht. Warum war diese Tür verschlossen? Da zogen fremde Gedanken durch meinen Kopf, vertraute Formen, aber so eng, als wäre ich aus ihnen herausgewachsen. Ich (ich?) hatte diese Tür doch schon hundertmal geöffnet. Nein, hatte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Wann denn?
Ich schüttelte den Kopf und presste meine Hände auf die Ohren. Alles dröhnte. Aus den Fliesen unter meinen Füßen stiegen Nebelschleier. Weiß. Milchig. Kühl. Ich wich zurück. Das war jetzt alles doch eindeutig gruselig. Mit den Armen verwirbelte ich den Nebel, aber er blieb. Befehl vom Großhirn: Raus hier.
Die Sonne, ich musste dringend in die Sonne. Vielleicht waren hier eigenartige Schwingungen am … Schwingen. Bestimmt hatte die Tante aus dem Massagestudio mit allen möglichen Energien rumgespielt. Und ich reagierte darauf. Vielleicht war sie ja keine gute, sondern eine böse Fee. ‚Raus hier‘, dachte ich und ‚Mama‘ und stolperte durch das Vestibül hinter den Empfangstresen in den Flur, dann nach links bis in ein großes Büro.
„Das ist Leila, unsere Tochter. - Schatz, alles in Ordnung?“ Meine Mutter klang sofort besorgt.
„Jaja. Äh - auf der anderen Seite vom Flur geht’s raus, oder? – Hallo!“ Das Hallo ging an eine winzig kleine, rundliche Frau in spießigem Blazer, die gerade aufstand. Das Büro war recht groß, genau wie der wuchtige Schreibtisch vor dem Fenster. Die Frau wirkte hier drinnen wie Gulliver im Land der Riesen. Meine Eltern saßen linker Hand in einer Sitzgruppe.
Die Frau hielt mir die Hand hin. „Guten Tag, Leila. Sieh dich ruhig hier um. Wenn du durch den Gang links und die Küche gehst, kommst du direkt in den Garten. Eine Toilette ist vorher links im Flur, wenn du …“
„Danke“, stammelte ich.
„Was hat sie denn?“, fragte mein Vater meine Mutter etwas verwirrt, doch da hatte ich mich schon wieder in den Flur geflüchtet. Durch diesen gelangte ich dann tatsächlich in …
… die Küche. Die Helligkeit war hier so grell, dass ich die Augen schließen musste, weil mir die Tränen kamen. Ich rieb wie verrückt, dann sah ich wieder halbwegs klar. Das Licht hatte sich verändert, war irgendwie milchig geworden. Verdammt. Was stimmte mit meinen Augen nicht? Ich rieb und blinzelte und rieb wieder und dann … wurde die Sicht endlich besser. Ich sah mich um. Die Küche wirkte seltsam altmodisch, die Möbel waren total rustikal, genau wie der antike Gasherd. Es hatte sicher wahnsinnig viel Geld gekostet, diesen Stil so vollständig umzusetzen. Ein Abwaschtisch mit Geschirr. Schwarz-weiße Fliesen. Schachbrettmuster. Alles wirkte gemütlich, gebraucht und für viel Geld vom Antiquitäten-Händler optimal in Szene gesetzt. Leider musste sich gerade jetzt in meinen Ohren ein kleiner Orkan verfangen haben. Es sauste und pfiff ganz fürchterlich. Ich hatte mich mit irgendwas angesteckt. Tröpfcheninfektion. Das musste die galoppierende Schwindsucht sein. Mindestens. Ich hielt mir die Ohren zu und taumelte in Richtung der doppelflügeligen Glastür mit den vielen kleinen Scheiben. Die Tür stand weit offen. Vor meinen Füßen waren plötzlich blutrote Flecken. Verschmiert. Grell. Ein kleiner See. Rot auf Schwarz und Weiß. Mein Herz trommelte wild. Ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund und wurde total panisch. Mit dem Gefühl, mich übergeben zu müssen, stürzte ich orientierungslos vorwärts und …
… kippte wie ein Sack nach draußen auf die Terrassensteine. Das Licht war hier immer noch seltsam milchig, dafür leuchtete der Rasen unwirklich grellgrün. Ich konnte im Dunst bis zum Kutscherhaus sehen, das auf der anderen Seite des Grundstücks stand. Es hatte ein Türmchen, zwei Etagen, unten drei doppelflügelige Portale, hinter denen früher sicher mal Kutschen gestanden hatten, und war aus denselben gelben Backsteinen gebaut wie die Villa. Die Fenster im zweiten Stockwerk hoben sich scharf durch den Nebel ab, doch die Scheiben waren verhangen. Da hörte ich eine Stimme. Ein Mädchen, es sang. Vor mir tauchte ein schmiedeeiserner Pavillon aus dem Nebel auf. Eine Kletterhortensie hatte ihn überwuchert. Der Pavillon war menschenleer, aber auf der Schaukel, die unweit des Pavillons an einem großen Baum (einem Walnussbaum!) hing, saß ein Mädchen und schaukelte.
Sie trug ein weißes Kleid und lange rotbraune Zöpfe, die wippten. Ihre Stimme war hell und klar. Es war ein trauriges Lied, aber sie sang mit Begeisterung und Freude. Mir gefiel die Stimme und ich kannte das Lied. Ich kannte es gut. Es war eins meiner Lieblingslieder. Deswegen konnte ich gar nicht anders, ich musste mitsingen. „Greensleeves was all my joy, Greensleeves was my delight. Greensleeves my heart of gold, and who but my lady greensleeves?“
Wir sangen beide aus vollem Herzen, sie intonierte eine zweite Stimme, die sich perfekt mit meiner verband. Das klang so herrlich traurig, dass ich anfing zu heulen. Ich kniete auf den Steinen, erfüllt von einer Sehnsucht, die keinen Namen hatte. Ich kannte das Mädchen nicht, aber sie war mir unendlich vertraut und berührte in mir etwas, was ich vergessen haben musste. Etwas, woran ich mich nicht im Geringsten erinnerte. Aber es war da. Irgendwo.
Die Schaukel schwang auf und ab. Auf und ab. Langsamer. Sie schaukelte aus. Das Mädchen musste dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre alt sein. Sie blickte mich an und lächelte. Ich lächelte zurück. Sie war mir so fremd wie der Jupiter und doch so vertraut wie mein eigenes Spiegelbild. Ich wusste hundertpro, dass ich ihr Gesicht noch nie gesehen hatte. Trotzdem kannte ich es genau, diese Klarheit war unerschütterlich. Das Mädchen glitt vom Schaukelbrett und kam langsam auf mich zu, die Arme ausgestreckt. Ich hielt ihr meine Hände entgegen. Gemeinsam sangen wir noch einmal:
Greensleeves was my heart of joy
And who but my Lady greensleeves?
„Huch, Kacke … Leilaaaaa? Was machst’n du da?“ Etwas rammte mich mit der Wucht eines kleinen Bruders in Maximalbeschleunigung. Ich taumelte und fiel. Jemand plumpste auf mich drauf. Die Nebel lichteten sich schlagartig. Der Tag war wieder völlig klar und sonnig. Benommen rappelte ich mich hoch. Matze rieb sich seine Knie.
„Mann, Leila“, jaulte er. „Kann ja keiner wissen, dass du da hockst und singst. Äh – sag mal, hast du geheult?“ Er war sofort auf dem Sprung. Mit Tränen konnte er nix anfangen.
„Ich? Geheult?? Du bist ein Blödmann! Ich habe gerade mit …“ Mehr fiel mir nicht ein. Ich stand auf. „Äh …“ Vor mir war immer noch der Garten, aber er sah ... ganz anders aus. Ein kleiner Dschungel mit Feuerstelle und Bänken. Der Pavillon war auch noch da, die Hortensie nicht. Dafür stand er nun auf einer gepflasterten Terrasse mit moderner Sitzgruppe. Mitten auf der Wiese hob sich KEIN Walnussbaum, sondern eine Süßkirsche. Daran hing eine rote Plastikschaukel und wackelte im Wind. Kein Mädchen im weißen Kleid. Niemand. Nur Matze und ich. Hatte ich mir das alles eingebildet? Das war total … irre. Und das Gefühl, etwas verloren zu haben, fand ich noch viel irrer.
„Warum hast du gesungen?“, fragte Marius noch mal. Aber er wartete gar keine Antwort ab. Die Schaukel. Schon saß er drauf.
Ich blaffte: „Das geht dich gar nichts an“, raffte mein letztes bisschen großschwesterliche Würde zusammen und stakste zurück ins Haus. Hoffentlich war ich nicht am Durchdrehen. Bis jetzt hatten meine Nerven immer tadellos funktioniert. Aber als ich die Küche sah, musste ich aufpassen, nicht in einen hysterischen Kreischkrampf zu verfallen.
Sie sah auch VÖLLIG ANDERS aus. Nix Schachbrettmuster auf dem Boden. Kein Gasherd. Keine Spur von antiken Möbeln. Keine komischen blutroten Pfützen. Die Küche war völlig normal und nüchtern und total IKEA. Keine Zeichen von Butzenglasscheiben oder einem alten Abwaschtisch. Absolut NICHTS dergleichen. Das. Konnte. Doch. Nicht. Wahr. Sein. Wurde ich verrückt?
Nein.
Ich hatte die alte Küche wirklich gesehen. Das Blut auf dem Boden. Da war ich mir sicher. Ich hatte auch das Mädchen gesehen. Auf einem Walnussbaum. Sie war hier gewesen und sie hatte mich gekannt.
***
Fast auf den Tag genau zwei Monate später …
Der Zug nahm Anlauf, wurde schneller und war –zack- auch schon weg. Und da fühlte ich mich, ehrlich gesagt, doch ganz schön verloren. Suse war abgereist. Heute, am 22. August 2008 hatte sie mich zurückgelassen und war auf dem Weg nach Hause. Zu Hause war für Suse nach wie vor Berlin, die Stadt, welche für die nächsten zwei Jahre eben nicht mehr MEIN Zuhause war. Ich winkte ihr mit mehr als einer Prise Wehmut nach und fühlte mich zum ersten Mal seit dem Umzug nun doch so etwas wie entwurzelt. Für Suse würde die Welt ganz normal weiter laufen mit unseren Freunden, Ku’damm, Alex, S- und U-Bahnen, Menschenmassen, Shopping und Co. Und ich? Ich wohnte jetzt auf Rügen und tauschte mein fast siebzehn Jahre altes Leben als Stadtkind gegen den Trubel eines Kaiserbades ein.
Die Ferien waren wie im Flug vergangen. Zuerst siedelte Familie Brühl mit Sack und Pack von Berlin nach Binz/Rügen um. Berlin befand sich für mich jetzt tatsächlich weiter weg als Dänemark. Wir hatten gepackt, geschleppt, waren auf die Insel gefahren, hatten wieder geschleppt und ausgepackt (aber noch längst nicht alles). Meine Eltern hatten den Deal „Bella Vista“ in Binz nach unserem Besuch und einer Familienratssitzung einstimmig perfekt gemacht und waren nun als Pächter des Hauses Herbergsvater und -mutter. Und da sämtliche Gästezimmer der Villa lückenlos ausgebucht waren, gab es keine lange Aufwärmphase. Wir stürzten mitten in die Hauptferienzeit und hatten alle Hände voll zu tun. Es galt Frühstück herzurichten, Geländekarten zu verkaufen, Fragen nach Land und Leuten zu beantworten, den „Tipp zum Tage“ täglich neu zu erfinden und Urlauber bei Laune zu halten.
Die erste Ferienwoche war quasi für den Umzug draufgegangen. Dann war ich mit Suse, der treuesten Freundin aller Zeiten, noch drei Wochen als Betreuerin in einem Feriencamp unterwegs gewesen. Das hieß Pflicht zwischen Wahnsinn, Spaß und totaler Verzweiflung. Nicht alle Kids sind nur so quirlig wie mein Bruder. Es gibt auch Spaßbremsen und zukünftige Psychopathen. Aber alle anderen sind niedlich. Ehrlich.
Wie auch immer - Suse hatte darauf bestanden, auch die fünfte und vorletzte Ferienwoche und damit die ersten Tage meines neuen Lebens mit mir gemeinsam zu absolvieren. Wir hatten jeden Winkel des Hauses untersucht und gemeinsam hinter dem Empfangstresen gestanden. Wir hatten Zimmer geputzt und den Telefondienst übernommen. Gerade heute Vormittag waren wir noch zusammen im Büro eingeteilt gewesen (na ja, eigentlich eher ich), aber Suse hatte, nachdem ihre Sachen gepackt waren, gemeinsam mit mir dort ausgeharrt.
„Eigentlich beneide ich dich“, hatte sie beim Betrachten der Pinnwand geseufzt.
„Warum?“, wollte ich wissen.
Sie hatte auf ein Foto geklopft. „Na guck mal, diese Sahneschnitte zum Beispiel. Wenn öfter so ’ne Typen hier auftauchen, dann wird dir definitiv nicht langweilig. Und da hier auf der Insel vermutlich jeder, der ein Zimmer zu viel hat, Touristen einquartiert, wird das nicht langweilig. Da kommen bestimmt die geilsten Typen her.“ Auf dem Foto war eine Gruppe Leute zu sehen, die an der Feuerstelle draußen im Garten saßen. Die Leute grinsten alle und prosteten sich entspannt zu. Der einzige, der in die Kamera guckte, war ein - zugegeben wirklich sexy aussehender - Typ mit unnatürlich blauen Augen und schwarzen Haaren unter einem Basecap, was verkehrt herum auf seinem Kopf saß.
„Photoshop!“, nuschelte ich zwischen zwei Kaugummiblasen.
Suse schüttelte den Kopf. „Nee. Quatsch! Der ist bestimmt in echt so lecker.“
Ich grinste. Meine Suse war immer auf der Pirsch. Ich zwinkerte dem Fototypen zu. „Mach dich auf was gefasst, Sahneschnitte, Suse hat dich schon im Fokus.“ Der Typ guckte mir direkt in die Augen, na ja, er hatte wohl eher direkt in die Linse des Fotoapparates gesehen. Trotzdem war sein Blick einer von den intensiven. Mit seinem engen Shirt und der Axt, die er so lässig festhielt, war der Typ – ooookay - durchaus ein Hingucker, aber so sahen ja nicht alle Gäste aus. Ich tippte nur mal eben auf den Herrn, der direkt neben der Sahneschnitte auf einer Bank hockte und sein Bier hochhielt. Dabei war ihm das Hemd hochgerutscht und hatte den Blick auf einen spektakulären und behaarten Schmerbauch mit kaum noch erkennbarem Nabel freigegeben. „Guck, Suse, diese Typen kommen auch hierher.“
Suse lachte. „Ich will aber nur diese“, sie pochte auf den Axtschwinger, „Typen sehen. Ehrlich, DER wäre glatt ein Grund, mal nach Ingolstadt zu fahren und sich im Schwimmbad retten zu lassen.“ Sie deutete auf den Kommentar: „Vielen Dank für eine tolle Woche sagt der Schwimmverein Neptun aus Ingolstadt.“ Als Nächstes tippte sie auf den Dicken. „Und ihren eigenen Wal hatten sie auch dabei.“
Ich prustete laut und fürchtete mich vor dem Moment, in dem sie WIRKLICH weg war. Sie und ihre blöden Sprüche würden mir fehlen. Sehr.
Mit Suse war Spaß zu haben so einfach. Ich kannte sie als gnadenlos ehrlich, unkompliziert und rasant. Verliebt, verlobt, getrennt, diese Stadien konnten sich bei ihr schon mal im Lauf einer Woche die Klinke in die Hand geben. Da schlug ich eher nicht so in die gleiche Kerbe. Bei mir gehörte etwas mehr dazu. Ich brauchte dieses Kribbeln-im-Bauch-Gefühl, als wenn man zu viele Brausestäbchen intus hatte. Dabei war ich gar nicht auf einen bestimmten Typ festgelegt – es musste einfach nur Booooom machen. Das war mir zwar schon ein paar Mal passiert, aber die Sache hatte meist einer längeren Prüfung nicht standgehalten. Die Gefahr, als alte Jungfer zu enden, bestand allerdings nicht mehr. Ich hatte das gewisse Etwas schon mit knapp fünfzehn Jahren verloren. Tja, nett war der Typ damals zwar gewesen, aber auf das Booooom hatte ich leider vergeblich gewartet. Ich war zu voreilig gewesen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er zum Zeitpunkt X schon neunzehn gewesen war und so grässliche Angst davor gehabt hatte, mir weh zu tun, dass die Angelegenheit sehr schlicht, wenig schmerzhaft, aber im wahrsten Sinne des Wortes leider völlig ohne Höhepunkte über die Bühne gegangen war. In gewisser Weise war ich selbst schuld, er hatte mich jedenfalls nicht dazu gedrängt. Ich hatte „es“ damals unbedingt wissen wollen und mir ein Vorspiel mangels entsprechender Kenntnis gespart. Ärmel hoch und durch, hatte ich gedacht. Ging schief.
Na ja, passiert war passiert. Ich hatte nicht an meiner Jungfräulichkeit gehangen, mir aber nach der Erfahrung geschworen, beim nächsten Akt dieser Art klüger zu sein. Bis jetzt hatte es allerdings noch keine neue Gelegenheit gegeben. Für ein nächstes Mal, meine ich. Klar, da waren immer mal wieder nette Jungs in mein Leben getreten, aber meist als Durchlaufposten. Keiner hatte es geschafft, bei mir das Brausestäbchen-im-Bauch-Gefühl auszulösen. Suse schien da anders gestrickt zu sein. Ich glaube, die ist schon mit dem Kribbelbauch geboren worden. Manchmal wünschte ich mir, ein bisschen so zu sein wie sie. Aber ich war nun mal ich, wartete auf meinen persönlich zugeschnittenen Prinzen à la Gideon, Edward oder Jace und füllte meine nichtverliebte Zeit bis dahin mit dem Extremkonsum von mystischen Liebesgeschichten, um Herzklopfen zu bekommen.
Ach, Suse, liebe Suse, allerbeste Verbindung zu meinem Großstadtleben. Eben hatte sie noch am Bahnhof mit ihrer Berliner Kodderschnauze: „Mein Traumtyp. Guck doch mal Leila, wie er geht, wie er schwebt. Ich werde schwach, wir sind füreinander bestimmt. Sieh ihn dir doch an, Leila. Was sagst du? Werden wir heiraten?“, gesäuselt.
„Ja! Eindeutig“, hatte ich lachend erwidert. „Ihr müsst Seelenverwandte sein. Lass ihn im Zug bloß nicht entkommen.“
Der Mann war mindestens sechzig und hatte sich die verbliebenen Haare mit Pomade über die große Dürre obendrauf geklebt. Als dann jedoch die Ehefrau hinzugekommen war, hatte Suse sich ans Herz gegriffen und gestöhnt: „Ruf den Notarzt, schnell. Ich habe ein gebrochenes Herz.“ Ja. So war Suse! Und jetzt war sie vor allem eins: W wie WEG.
Sie beneidete mich, trotz allen Trennungsschmerzes, um die neue Heimat und drohte an, öfter zu kommen, als ich ertragen konnte. Jetzt, beim Hinterherwinken, hoffte ich, dass sie das ernst meinte, aber ich glaubte es nicht. Suses letzte offizielle Schulferien waren zu Ende. Im September begann sie ihre Ausbildung in Berlin und mir wurde endgültig klar, dass ich jetzt Rüganerin war.
***
Als ich zurück radelte und die frische Seeluft inhalierte, realisierte ich trotz allen Abschiedsschmerzes recht verwundert, dass ich Suse gar nicht allzu sehr darum beneidete, zurück in den Berliner Stadtmief fahren zu müssen.
Konnte es sein, dass mich die Insel einfach so, ganz klammheimlich, in ihren Bann zog?
Meine Mutter war in einem winzigen Fischerdorf auf dem Darß aufgewachsen und hatte aus ihrem Heimweh nie ein Geheimnis gemacht. Vielleicht war ich deswegen so einfach von der Küste zu begeistern. Es lag mir quasi in den Genen. Mom hatte, als Nicht-Stadtpflanze, im Berliner Häusermeer jahrelang wie eine Exotin gelebt. Sie musste lange auf ihre Chance warten, bis sie meinen Vater, quasi DAS personifizierte Berliner Urgestein, von einem Umzug in den Norden überzeugen konnte. Klar, dass sie damals im Juni die Gelegenheit mit beiden Händen fest am Schopf gepackt hatte. Das war übrigens der wichtigste Grund, warum ich ihr nichts von den komischen Erlebnissen im Garten erzählt hatte. Sie sollte sich uneingeschränkt auf ihren Neuanfang freuen können. Ehrlich gesagt erschien mir das alles im Nachhinein selbst ziemlich abgefahren. Keine Ahnung, was ich mir da eingebildet hatte. Zu wenig Schlaf, zu wenig gegessen, die Hormone - was auch immer.
