Sonnig mit heiteren Abschnitten - V. A. Swamp - E-Book

Sonnig mit heiteren Abschnitten E-Book

V. A. Swamp

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Beschreibung

"Jeder Mann muss nach Regeln leben. Sonst landet sein Leben im Chaos. Meine wichtigste Regel ist: Schau immer nach vorn und nie zurück. Glück ist nur heute und eventuell in der Zukunft zu finden. Gestern ist etwas für Träumer und Nostalgiker. DANN ZWANG MICH STRAWINSKY DIESE REGEL ZU BRECHEN." Ein Roman über das Leben, den immerwährenden Kampf um Zuneigung, Liebe und Sex und einen siebzig Jahre alten Jungen, der sich fragt, wie es die nächsten siebzig Jahre weitergehen soll.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2017

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V. A. Swamp

Sonnig mit heiteren Abschnitten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Stimmen aus dem Dunkel

Scheiß Ehrgeiz

Gängelei und Brutalität

Mein Bruder, die Nervensäge

Wärme, Zärtlichkeit und erste Leidenschaft

Fluchtpunkt Berlin

Doppelte Entjungferung und winterliche Pettingnächte

Liebe, Sex und Leidenschaft

Die Nymphomanin, die Ehe und die Amis in Berlin

Die unbändigen Freuden des Ehebruchs

Der kleine rote Teufel und warum Sex im Käfer toll ist

Westberliner Partynächte

Mona, das USA-Virus und die Midlife Crisis

Holocaust, Israel und das Wechselbad der Gefühle

Sex ja, aber bitte nicht im Schlafzimmer

New York ist das reinste Aphrodisiakum

Die vier Kategorien des weiblichen Geschlechts

Das Ende der Liebe – fast.

Eine zweite Chance?

Impressum neobooks

Stimmen aus dem Dunkel

V. A. Swamp

Sonnig

mit heiteren Abschnitten

Roman

Für Mona, von der ich nicht lassen kann ...

Wenn es mir gut geht, dann schlafe ich wie ein Baby. Anscheinend geht es mir nicht gut. Ich bin wach, obwohl ich hundemüde bin. Ist mit mir alles in Ordnung? Ich mache Inventur: zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf, ein Schwanz und irgendwas dazwischen, was das Ganze zusammenhält. Ich bin müde, aber ich spüre eine gewisse Leichtigkeit. Vermutlich könnte ich heute auf dem Golfplatz 18 Löcher schaffen, ohne mich allzu sehr zu verausgaben. Besser nicht. Meine Ergebnisse sind in der letzten Zeit gruselig. Wie ein lausiger Anfänger schlage ich die Bälle. Selbst Monas Score ist besser, und sie hat wirklich wenig Ahnung vom Golfspielen!

Sie sagen einem, man soll nur dann auf den Golfplatz gehen, wenn der Kopf frei ist. Wenn ich irgendetwas nicht brauche, dann sind es solche klugen Ratschläge, solange mir niemand sagen kann, wie ich Mona aus meinem Kopf kriege. Ein Schalter wäre hilfreich. Du legst ihn um, er macht ein kleines knackendes Geräusch und dann ist Ruhe. Sie ist weg oder zumindest in Quarantäne. Ich könnte mich all den anderen schönen Dingen widmen. Ich denke einen Moment darüber nach, was für schöne Dinge das sein könnten. Mir fällt nichts ein. Vielleicht sollte ich verreisen. Aber wohin? Ich habe bereits sehr viel von der Welt gesehen. Auf den Rest kann ich verzichten, oder? Lange Flüge sind mir ohnehin ein Graus. Zwölf Stunden in der Holzstuhlklasse? Habe ich früher auf einer Arschbacke abgesessen. Wann war früher? Ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Für die Businessklasse bin ich zu geizig, sagt Mona. Sie nennt mich einen senilen Geizhals. Gottseidank hat sie nicht „impotenter Geizhals“ gesagt, das hätte mich verletzt. Senil ist mir egal, Geizhals auch. Mona weiß, dass beides nicht stimmt, glaube ich zumindest. Was ich jetzt vor allem brauche, ist Ruhe. Und Abstand zu Mona …

Warum nur diese Müdigkeit. Wie lange habe ich jetzt geschlafen? Welche Zeit ist jetzt? Es gibt zwei unterschiedliche Zeiten. Die Glückliche und die Beschissene. Glückliche Zeiten rauschen vorbei wie ein Blatt im Sturm. Eigentlich fühle ich mich nicht unglücklich, aber irgendwie beschissen. Ich denke an Mona. Sie ist omnipräsent, ohne tatsächlich da zu sein. Sie beobachtet mich, wenn ich aufwache, und auch wenn ich versuche, einzuschlafen. Ständig kommt sie mir dazwischen. Ich höre Stimmen. Was sind das für Stimmen? Ich bin so müde. Ich muss schlafen. Diese Stimmen, seltsam diese Stimmen …

Das „Albert-Schweitzer-Krankenhaus“ gehört zu den renommiertesten Kliniken der Stadt. Erst vor Kurzem wurden die Bereiche für die Intensivmedizin modernisiert und auf den neuesten technischen Standard gebracht. Damit im Internetauftritt des Krankenhauses die Neuerungen gebührend gewürdigt werden, führt der medizinische Leiter der Abteilung, Herr Professor Dr. Dr. Volker Isenbrink, die Verantwortliche für den Webauftritt der Klinik, Frau von Hummelsburg, in das Zimmer 112a.

Ich zeige Ihnen hier unseren modernsten Behandlungsraum für Patienten im sogenannten „künstlichen Koma“. Dieser Patient wurde mit einem Schlaganfall ausgelöst von einer schweren Gehirnblutung eingeliefert. Wir mussten ihn nach der Operation in ein künstliches Koma versetzen.”

Frau von Hummelsburg schaut sich interessiert um.

Für die Überwachung benötigen Sie all diese Geräte?

Nicht nur für die Intensivüberwachung, sondern auch für die Therapierung. Durch diese Technik sind wir in der Lage, schwere Störungen eines oder mehrerer Organsysteme wie beispielsweise der Atmung oder des Herzens frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Professor Isenbrink zeigt auf den Monitor.

Mit dem Monitor überwachen wir zum Beispiel den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Körpertemperatur des Patienten sowie den Sauerstoffanteil im Blut. Mit diesem Gerät dort drüben beatmen wir den Patienten. Durch das künstliche Koma erreichen wir, dass der Patient nicht gestresst wird und auch den Beatmungsschlauch toleriert.

Frau von Hummelsburg deutet auf die Infusomaten und Injektomaten.

Die Geräte kenne ich, die hingen auch an meinem Krankenbett.

Sicher, wir nutzen sie hier, um den Patienten über die Vene mit Medikamenten, Schmerzmitteln, Flüssigkeit und gelösten Nährstoffen zu versorgen. Die Ernährungspumpeda vorne dient dazu, den Patienten über eine Magensonde zu ernähren. Mit dem Absaugschlauch saugen wir den Schleim des Patienten ab.

Frau von Hummelsburg ist sichtlich beeindruckt.

Sollten wir das Ganze fotografieren und ins Netz stellen?

Professor Isenbrink legt seine Stirn in Falten.

Besser nicht. Dieser apparative Aufwand würde potenzielle Patienten nur verwirren. Es genügt, wenn Sie den hohen Stand unserer Intensivtechnik auf unseren Internetseiten verdeutlichen.

Frau von Hummelsburg schaut sich den Patienten an. Seine Atmung ist ruhig und regelmäßig. Der Monitor zeigt keine Auffälligkeiten.

Bekommt der Patient etwas mit? Ich meine, kann der zum Beispiel hören, dass wir uns hier unterhalten?

Professor Isenbrink überrascht diese Frage.

Das ist schwer zu beantworten. Komapatienten, die ich zurückgeholt habe, haben jedenfalls davon nichts berichtet. Aber in der Medizin weiß man schließlich nie, wie der einzelne Patient reagiert. Ich denke, wir gönnen ihm jetzt seine Ruhe.

Wie lange habe ich geschlafen? Ich hatte doch immer diese Uhr mit den Leuchtzahlen am Bett. Ich kann sie nicht sehen. Wahrscheinlich hat Mona sie wieder weggedreht. Das tut sie immer, wenn sie Staub wischt. Ich habe ihr schon oft gesagt, sie möge auf die richtige Position der Uhr achten. Damit ich nachts die Uhrzeit ablesen kann. Mona interessiert das nicht. Mona interessiert sowieso wenig, was mich betrifft. Aber Mona kann es gar nicht gewesen sein, das mit der Uhr. Mona ist ja nicht da. Ich habe sie vor Monaten in Spanien zurückgelassen. Ich hatte einfach genug von ihrer Illoyalität und von ihren Launen. Ich bin jetzt fest entschlossen, Mona zu verlassen. Nach über vierzig Ehejahren Ehe ich einen Schlussstrich ziehen. Ich weiß, das habe ich schon oft gesagt, aber diesmal ist es mir ernst. Sie ist doch in Spanien, oder? Ich fühle, wie meine Glieder schwer werden wie Blei …

Die Stimmen sind weg. Gottseidank, ich habe wieder meine Ruhe. Ist es problematisch, wenn man anfängt, Stimmen zu hören von Personen, die gar nicht da sind? Geht es jetzt los mit der Demenz? Blödsinn. Ich denke, solche Sorgen sind unangebracht. Außerdem sind die Stimmen ja weg und Mona auch. Falls sie jetzt neben mir liegen würde, könnte ich mich zu ihr rüber drehen und sie sanft wecken. Ich liege immer links neben ihr. Das findet sie praktisch, weil sie dann zum Einschlafen meinen rechten Arm bekommt. Ich könnte mit meiner linken Hand ihre Pyjamajacke hochschieben und nach ihren Brüsten tasten. Mona hat kleine Brüste, aber wohlgeformt. Sehen trotz ihres Alters noch toll aus. Ich würde einen ihrer Nippel vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und schauen, ob ich das Ding auf diese Weise hart kriege. Ich könnte zärtlich über ihre Brüste streichen, dann ihren Bauchnabel sanft berühren, danach die Zone darunter mit kreisenden Bewegungen erkunden, bis ich zwischen ihren Beinen angekommen wäre. Ich fühle die Erregung, die allein das Streicheln ihres Körpers bei mir verursacht. Dann würde ich meinen Zeigefinger, nein besser meinen Mittelfinger, vorsichtig in ihre Pussy schieben und testen, wie feucht sie ist. Wenn sie mich lassen würde.

Oft bekomme ich keine Chance. Mona steigt wortlos aus dem Bett, ohne dass ich ihre Pussy streicheln konnte. Ich liebe Mona und ich liebe ihre Pussy. Das weiß sie genau. Ihre Pussy ist ihre wirksamste Waffe. Wenn ich Glück habe, lässt sie mich gewähren und mein Finger sucht ihren Kitzler. Aber meistens bin ich ein böser Junge, der nicht auf sein Mädchen hört. Dann umzieht Mona ihre Pussy mit Stacheldraht und legt zur Sicherheit auch noch ein paar Landminen. Ich habe neulich gelesen, dass Landminen in 156 Ländern geächtet sind, aber Mona interessiert so was nicht.

Ich könnte mir auch einen blasen lassen. Aber Mona ist nicht da und ich bin daran schuld. Ich bin ein böser Junge, ein böser alter Junge. Ich habe ihr versprochen, den Winter mit ihr in Spanien zu verbringen. Ich habe dieses Versprechen bereits nach drei Wochen gebrochen und bin nach Berlin zurückgekehrt. Ich weiß nicht einmal so genau warum. Wahrscheinlich, weil Mona aus dem Schlafzimmer ins Gästezimmer gezogen ist? Haben wir uns gestritten? Mir fällt der Grund nicht ein. Wahrscheinlich gab es keinen. Mona braucht nie einen Grund, um irgendetwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen. Sie macht es einfach. Basta.

Warum denke ich ständig an Mona? Es darf nicht so weiter gehen, wie bisher. Irgendwie blockiert meine Antriebswelle, ich komme einfach nicht weiter. Es gibt nichts, was mich voranbringt. Ich habe keine Ziele mehr. Das ist nicht gut. Früher hatte ich immer Ziele. Ich habe immer nach vorne geschaut, gestern war mir egal. Am Gestern kann man ohnehin nichts mehr ändern. Heute und morgen, da liegen die Chancen. Welche Chancen? Was will ich noch erreichen? Was könnte ich überhaupt noch erreichen? Lohnende Ziele sind mir irgendwie abhandengekommen. Abhandengekommen oder habe ich sie mir immer nur vorgemacht? Das Lohnende, das Wichtige, das Notwendige, das Erfüllende? Ich bin so verdammt müde. Immerhin sind die Stimmen weg. Ich habe schon befürchtet, mit mir stimmt etwas nicht …

Wo bin ich? Ich habe keine Ahnung. Es fühlt sich an wie ein dunkles Loch. Immerhin kann ich weit oben noch einen Lichtschein ausmachen. Hier unten bin ich. Hört mich denn keiner? Irgendwann bemerkt mich hoffentlich jemand und wirft mir ein Seil runter. Besser wäre eine Strickleiter, an einem Seil hochklettern, das wäre in meinem Alter wahrscheinlich zu beschwerlich. Ich bin sehr müde. Ich muss schlafen, tief und lange schlafen …

Die Stimmen sind wieder da. Ob ich mit denen reden kann? Ich muss mit irgendjemandem über meine Probleme reden. Aber mit wem? Mit Mona kann ich darüber nicht reden, sie ist ja schließlich mein Problem. Mein bester Freund ist bereits vor ein paar Jahren gestorben. Andere beste Freunde habe ich nicht. Ich meine, richtige Freunde, nicht diese Bekannten, die einem sowieso nie zuhören. Gibt es professionelle Zuhörer? Ich meine solche, die man fürs Zuhören bezahlt und die einem eventuell auch helfen können? Ob ein Psychiater hilfreich wäre? Ich hab damit keine Erfahrung, Gottseidank! Außerdem kenne ich keinen Psychiater, ich meine, nicht persönlich. Ich werde jetzt in Ruhe darüber nachdenken …

Komisch, an was man sich so alles erinnert, wenn man Ruhe zum Nachdenken hat. Ruhe habe ich mir früher nie gegönnt. Ich war mir immer sicher, dass Ruhe nur was für Schlaffis ist. Wahrscheinlich bin ich jetzt einer. Aber schlecht ist Ruhe nicht. Also, mir ist jetzt etwas eingefallen. Ein Stockwerk unter meinem Zahnarzt gibt es einen Psychiater. Ich erinnere mich jetzt ganz genau, weil der so einen komischen Namen hat: „Hannibal Strawinsky“. Hannibal, was haben sich seine Eltern nur dabei gedacht? Wollten sie aus ihm einen Kämpfer machen, einen machtgeilen Kämpfer? Das hat wohl nicht geklappt. Ich denke, bei einem Psychiater sind andere Eigenschaften als Machtstreben und Kampfeslust gefragt, oder? Brauche ich überhaupt einen Psychiater? Ich bin noch nie bei einem gewesen. Ich bin stark, ich bin nicht krank und schon gar nicht verrückt. Na ja, ein kleines bisschen vielleicht schon, aber Mona ist sicherlich verrückter als ich. Ich schaue mir diesen Strawinsky einfach mal an …

Ein Mädchen öffnet mir die Tür. Sie fragt mich, ob ich einen Termin habe. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich hier besonders willkommen bin. Der Eingangsbereich ist wenig einladend. An den Wänden hängen gerahmte Kinderzeichnungen, alle in Schwarz. Oder ist das dunkelbraun? Vielleicht ist das aber auch naive Malerei? Ich kann das Zeug nicht deuten. Das Mädchen mustert mich. Sie macht mich nervös. Sie sieht verflucht gut aus. Ich sehe schlanke Beine, die kaum von ihrem Minirock bedeckt werden. Sie trägt schwarze blickdichte Strumpfhosen. Na ja, es ist Winter. Im Sommer kann man sicher mehr von ihrer Haut sehen. Ihre langen, vermutlich gefärbten, blonden Haare passen gut zu ihrem ebenmäßigen Gesicht. Ihre Augenfarbe ist schwer zu definieren, irgendetwas zwischen Grau und Blau. Ihre Lippen sind ein wenig schmal, aber das geht schon in Ordnung, solange sie keinen Lippenstift benutzt. Lippenstift ist etwas für alte Amerikanerinnen, aber nicht für dieses Mädchen. Auch nicht für Mona. Gottseidank hat sich Mona wenigstens das abgewöhnt, ich meine das mit dem Lippenstift. Dann fällt mein Blick auf die Hände des Mädchens. Neben den Beinen sind es die Hände, die mich bei Mädchen am meisten faszinieren. Diese hier sind eine Sensation und ich beschließe, dem Mädchen ab sofort den Titel SCHÖNSTE HÄNDE zu verleihen. Ihre Hände sind sehr lang, sehr schmal und die gepflegten Fingernägel sind, ich kann das nicht genau erkennen, unlackiert oder mit feinem Perlmuttglanz überzogen. Das ist Bestnote 1 oder AA-Plus oder so etwas. SCHÖNSTE HÄNDE hat ein paar kleine Brüste, die sicher fest in der Hand liegen. Ob SCHÖNSTE HÄNDE zur Therapie gehört? Sie trägt die Lieblingsschuhe von Mona: Ballerinas. Verflucht, selbst bei SCHÖNSTE HÄNDE muss ich an Mona denken. SCHÖNSTE HÄNDE fragt mich, ob ich einen Termin will. Ich bin mir nicht sicher, aber ich sage Ja. Dann fühle ich, wie eine bleierne Müdigkeit in meinen Körper Einzug hält. Schlafen, wenn ich Strawinsky treffe, muss ich ausgeruht sein …

Scheiß Ehrgeiz

Ich warte auf Strawinsky. SCHÖNSTE HÄNDE nimmt keinerlei Notiz von mir. Ich fühle mich unbehaglich. Das ist normal, ich fühle mich immer unbehaglich, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Plötzlich steht Strawinsky neben mir. Ich habe ihn nicht kommen gehört. Er reicht mir die Hand. Der Händedruck ist fest, aber nicht unfreundlich. Ich hasse es, wenn Leute schon beim Händedruck ihre Überlegenheit beweisen wollen, und dir gefühlt zwanzig Finger brechen. Strawinsky trägt ein braunes Harris Tweed Jackett, ein offenes kariertes Flanellhemd, in welchem die Farben braun und dunkelgrün vorherrschen, eine dunkelgrüne Cordhose und braune Budapester, die Lieblingsschuhe von Mona. Wie komme ich jetzt auf Mona? Wahrscheinlich, weil ihr Hauptbeurteilungskriterium für alle Menschen Schuhe sind. Ich taxiere die Mädchen auch von unten nach oben, bei den Beinen entscheide ich mich gewöhnlich, ob ich weiter gucken will. Schuhe finde ich nicht so interessant.

Ich schätze Strawinsky auf Anfang Mitte fünfzig. Seine Haare sind längst nicht so grau wie meine und er hat ein fast faltenloses, leicht gebräuntes Gesicht mit zwei dunkelblauen Augen. Ich denke, wenigstens die Augenfarbe ähnelt der meinen. Er macht auf mich den Eindruck eines Mannes, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Vielleicht ist das hier doch die richtige Wahl? In dem Zimmer, in welches er mich führt, steht vor dem schweren Eichenschreibtisch ein Stuhl. Den steuere ich an. Vor den Arztschreibtischen steht immer ein Patientenstuhl, meistens so ein unbequemes Ding. Aber Strawinsky leitet mich zu einer kleinen Sitzgruppe mit zwei Ledersesseln. In der Mitte steht ein kleiner Glastisch. Auf dem Glastisch befindet sich eine Porzellanfigur. Vermutlich ROSENTHAL. Die Figur zeigt einen Leichtathleten. Irgendwo habe ich diese Figur schon einmal gesehen. Wo fällt mir nicht ein.

Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Keine Sorge, das kommt nicht auf die Rechnung.

Ich überlege einen Moment, ob das ein Scherz sein soll, und versuche mein Unbehagen durch einen Witz zu entkrampfen.

Ja gerne, wenn Sie einen Glenfiddich haben. Aber nur den 25-jährigen.

Ich weiß nur, dass der 25-jährige Glenfiddich Whiskey sehr teuer ist. Getrunken habe ich ihn noch nie. Ich mag überhaupt keinen Whiskey. Strawinsky schaut mich irritiert an, geht aber auf meinen Spruch nicht ein.

Wir können uns einen Kaffee oder einen Tee bringen lassen. Meine Tochter kocht einen sehr guten Kaffee.

SCHÖNSTE HÄNDE ist also seine Tochter. Kompliment. Meine Tochter ist nicht so schlank. Wenn man Mona nach dem Grund fragen würde, dann würde sie früher oder später auch das mir in die Schuhe schieben. Ich akzeptiere den Kaffee, obwohl ich das Zeug eigentlich nur morgens zum Frühstück mag.

Was führt Sie zu mir?

Gute Frage. Für einen Moment bin ich verunsichert. Was will ich hier? Ich habe keine Depressionen oder Neurosen, jedenfalls keine bewussten. Ich habe auch keine Manie, wie Mona mit ihrem Putzfimmel. Aber vielleicht ist das genau mein Problem, dass ich meine Probleme nicht kenne?

Ich kann mein Leben nicht mehr steuern. Meine Antriebswelle funktioniert nicht und ein Steuer gibt es nicht mehr. Ich treibe wie ein Stück Totholz in einem reißenden Fluss. Ich weiß nicht, wo das Ganze hinführt. Ich habe keinerlei Ziele mehr.

Ich höre die Worte aus meinem Mund herausfließen, aber das können nicht meine Worte gewesen sein. Nein, ich kann doch nicht glauben, mit diesem Schwachsinn hier ernst genommen zu werden. Aber ich will Strawinsky nicht sagen, was mich wirklich bewegt. Dass ich nicht mehr weiter weiß mit Mona. Dass ich mich nach ihr sehne, dass es wehtut, und dass ich fürchte, dass unsere Erfolgsgeschichte nunmehr endgültig gescheitert ist. Dass es mit unserer Liebe zu Ende ist. Strawinsky schaut mich an.

Ihre Antriebswelle funktioniert nicht und Sie fühlen sich wie ein Stück Totholz in einem reißenden Fluss?

Ich weiß, dass er mich jetzt unter einem Vorwand hinaus komplementieren und SCHÖNSTE HÄNDE bitten wird, mich nicht mehr zu ihm zu lassen. SCHÖNSTE HÄNDE kommt rein und serviert den Kaffee. Ich lasse die Tasse unberührt. Ich bin nicht zum Kaffeetrinken hierher gekommen.

Sie scheinen angespannt zu sein. Vielleicht ist Kaffee doch nicht das Richtige?

Ich antworte Strawinsky nicht. Was soll ich ihm auch sagen? Er erwartet offensichtlich auch keine Antwort und führt mich zu einer großen dunkelbraunen Lederliege. Die Liege hat ein hoch gestelltes Kopfteil. Das ist gut. Eine flache Liege verursacht mir beim Aufstehen Kreislaufprobleme. Vermutlich immer noch die Spätfolgen des Unfalls.

Bitte machen Sie es sich bequem.

Bequem? Ich fühle mich verdammt unbehaglich! Trotzdem lege ich mich auf die Liege.

Ist das gut so? Wollen Sie noch ein Kissen.

Ein Kissen wäre gut.

Strawinsky schiebt mir ein relativ hartes Lederkissen unter den Kopf.

So besser?

Eigentlich nicht, aber ich lasse Strawinsky in dem Glauben, mir jetzt eine komfortable Liegeposition verschafft zu haben. Strawinsky setzt sich außerhalb meines Gesichtskreises. Seine Stimme dringt klar und deutlich zu mir.

Ich bitte Sie, mir etwas von sich zu erzählen. Bitte fangen Sie an.

Anfangen, mit was? Ich dachte immer, man bekommt bestimmte Aufgaben bei diesen Psychiatern. EinenRohrschach-Test zum Beispiel. Man legt sein Seelenleben in einen von diesen Tintenklecksen und unmittelbar danach ist alles klar. Man ist tatsächlich verrückt, oder so was. Stattdessen frage ich Strawinsky, womit ich anfangen soll.

Was sind Sie für ein Jahrgang? An was können Sie sich aus Ihrer Kindheit erinnern?

Ich überlege. Ist das hier zielführend?

Ich bin Jahrgang 43, ein Kriegskind.

In welchem Monat sind Sie geboren?

Er fängt jetzt hoffentlich nicht mit diesem Astrologie-Quatsch an, denke ich.

Im Oktober am 31. Am Reformationstag und dazu noch in Eisenach. Hat aber nicht viel gebracht, zu Luther und seiner Kirche habe ich nie Zugang gefunden.

Ich rechne nach. Gezeugt wurde ich vermutlich Ende Januar 1943. Da hatte mein Vater wahrscheinlich Heimaturlaub. Meine Mutter hat mir nie erzählt, warum sie ausgerechnet in diesen Zeiten, wo alles um sie herum in Trümmern fiel, ein Kind haben musste. Ich glaube nicht, dass ich bewusst geplant war. Wahrscheinlich hatten sie kein Präservativ zur Hand und die Pille gab es auch noch nicht. Vielleicht war aber auch der kalte Januar schuld und das Heizmaterial war knapp. Da musste man zwangsläufig mehr Zeit im Bett verbringen. Möglich ist aber auch, dass mein Vater seinen Heimaturlaub nutzte, um meine Mutter einmal richtig durchzuvögeln. Ich weiß es nicht. Denkbar ist auch, dass die beiden sich damals noch liebten. Nach dem Krieg war es definitiv vorbei mit der Liebe.

In Eisenach also, in Thüringen. Ist das der Wohnort Ihrer Eltern?

Nein, meine Eltern kommen aus Wuppertal. Die Stadt mit der Schwebebahn.

Wie kamen Sie mit Ihrer Mutter nach Thüringen?

Sie wurde dorthin als Schwangere evakuiert.

Im Krieg sorgten die Nazis dafür, dass ihre Brut nicht bereits vor ihrem geplanten Einsatz kaputt ging. Ich weiß nicht, ob meine Mutter eine Wahl hatte, als man sie nach Thüringen evakuierte. Evakuieren in kriegsferne Gebiete, das machte man damals so mit Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern. Ich glaube auch mit Schulkindern.

Wie lange war Ihre Mutter mit Ihnen in Thüringen?

Mein Gott, warum fragt Strawinsky das? Ist das wirklich wichtig?

Meine Mutter und ich sind bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen dort geblieben. Meine Mutter hat mir öfters erzählt, dass ich das erste Stück Schokolade meines Lebens aus der Hand eines farbigen Amerikaners bekam. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber meine Mutter hat diese Geschichte so oft erzählt, dass wir sie am Ende alle geglaubt haben. Im Mai 45 als sich der Pulverdampf verzogen hatte kehrte meine Mutter jedenfalls mit mir nach Wuppertal zurück.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir erzählt hatte, dass sie sehr glücklich war, ihre Mutter und ihre Großmutter unverletzt anzutreffen.

Und ihr Vater? Hat er den Krieg überstanden?

Von meinem Vater fehlte zunächst jedes Lebenszeichen. Er hatte sich freiwillig für den Kriegseinsatz gemeldet. Er war in Frankreich, Griechenland und zuletzt wohl auch in Italien. Was er da gemacht hat, weiß ich nicht. Über diese Zeit hat er nie geredet. Meine Mutter wusste auch nicht, was er da getrieben hat. Seine ursprünglichen Lebensträume fanden jedenfalls im April 45 ein jähes Ende in einem Gefangenenlager auf den Rheinwiesen. Das war, glaub ich, kein Ponyhof.

Kein Ponyhof?

Strawinsky hört demnach aufmerksam zu.

Die Geschichte hat er mir irgendwann erzählt. Man hielt ihn und die übrigen Gefangenen auf den mit Stacheldraht umzäunten Rheinwiesen. Da durfte mein Vater in einem offenen Erdloch unter freiem Himmel darüber nachdenken, warum er diesem Verbrecher Hitler gefolgt war. Die meisten Gefangenen wurden krank, viele starben, mein Vater kriegte die Ruhr.

Das war vermutlich eine sehr schwere Zeit für Ihren Vater?

Na klar, aber er fand schnell einen Schuldigen. Er machte immer diesen Hitler für alles verantwortlich und er vergaß tunlich, dass er zu dessen Gefolgsleuten gehört hatte. Nein, ich empfinde kein Mitleid mit seinem Schicksal. Ich denke in russischer Gefangenschaft wäre es ihm viel schlechter ergangen.

Wann kam Ihr Vater nach Hause?

Als Nazi gehörte er zu jener Gruppe Gefangener, die erst im September 45 entlassen wurden.

Wissen Sie, in welchem Zustand er nach Hause kam?

Mein Vater war sehr sportlich und zäh. Er war Leichtathlet und wegen seiner guten Kondition hat er wahrscheinlich das Ganze überhaupt überstanden. Er war natürlich abgemagert, aber die Frauen päppelten ihn wieder auf.

Welche Frauen?

Na ja, meine Mutter, meine Großmutter, meine Urgroßmutter. In dem Haus meiner Oma lebten damals drei Generationen, alle mütterlicherseits. Auch seine Eltern haben sich um ihn gekümmert. Dem Mann ging es nicht schlecht. Allerdings war Dankbarkeit nicht seine Stärke. Er kannte nur Selbstmitleid.

Sie waren damals fast ein Jahr alt, als ihr Vater nach Hause kam. Sie werden sich allerdings kaum daran erinnern können?

Natürlich nicht. Aber an eines werde ich mich mein Leben lang erinnern. Ich muss knapp drei Jahre gewesen sein. Meine Eltern unternahmen damals gelegentlich Hamsterfahrten aufs Land. Mit Obst und Gemüse waren wir durch unsere Gärten gut versorgt und mein Großvater väterlicherseits hatte außerdem Hühner. Das war auch nicht schlecht. Andere Dinge wie Fett und Schweinefleisch waren Mangelware. Meine Eltern waren schon ein paar Tage auf Hamsterfahrt und meine Oma hatte mich zu Bett gebracht. In jener Nacht kehrten meine Eltern zurück. Meine Mutter weckte mich. Dann hat sie mir stolz eine dick mit Schweineschmalz bestrichene riesige Scheibe Bauernbrot präsentiert. So etwas hatte ich bis dahin nicht gesehen. Es sah nicht besonders appetitlich aus. Ich weiß noch genau, dass ich mich fragte, warum sie mich deshalb aus dem Tiefschlaf geholt hatte. „Iss“ sagte sie „Na mach schon.“ Es war das Köstlichste, was ich bis dahin gegessen hatte. Das Schmalz umschmeichelte meinen Mund und meine Kehle, der leicht säuerliche Geschmack des Bauernbrotes gab dem Ganzen eine wunderbare Würze. Ich liebe Schmalzbrote bis heute.

Strawinsky räuspert sich. Wahrscheinlich ist ihm langweilig.

Wir haben noch etwas Zeit. Erzählen Sie mir bitte noch etwas aus ihrer Kindheit.

Ich denke einen Moment nach und dann fällt mir die Geschichte mit dem Abschlussfest im Kindergarten ein.

Am Ende meiner Kindergartenzeit entschieden meine Kindergärtnerinnen, ein großes Fest zu feiern. Dazu sollten wir Kinder ein Spitzenprogramm präsentieren, um Eltern, Verwandten, Nachbarn, Freunden, ach ich weiß nicht, es wurde irgendwie Gott und die Welt eingeladen, und all diesen Leuten wollte man zeigen, in was für einen tollen Kindergarten wir gingen. Wir übten Lieder und Gedichte, es wurde ein Blockflötenorchester zusammengestellt und wir haben halt so ein Zeug geprobt, zu dem wir Fünf- und Sechsjährigen zwar in der Lage aber überhaupt nicht motiviert waren. Ich erinnere mich auch nicht an irgendwelche Wunderkinder mit überragenden Geige- oder Klavierkenntnissen.

Mein Pech war, dass ich immer schon sehr groß war und alle anderen überragte. Deshalb wurde ich für den Prolog ausgewählt. Da hatten sich die Kindergärtnerinnen echt Mühe gegeben, wahrscheinlich wollten sie Schiller übertrumpfen. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern. Meine Mutter als examinierte Kindergärtnerin war mit mir besonders ehrgeizig. Sie hat diesen Text solange mit mir eingeübt, bis ich ihn ohne Mühe vorwärts und gegebenenfalls auch rückwärts hätte vortragen können. Ich erinnere mich noch genau an den großen Tag.

Wir wurden alle herausstaffiert, was 1949 wahrscheinlich für die meisten Eltern eine echte Herausforderung darstellte. Meine Mutter zog mir meine etwas speckigen kurzen Lederhosen an. Irgendwo hatte sie nagelneue Träger, vorne mit einem aufgestickten röhrenden Hirsch, aufgetrieben. Auch ein frisch gewaschenes Hemd und nahezu weiße Strickstrümpfe gehörten zu meinem Outfit. Ich war also bestens gerüstet. Der Kindergarten war Teil einer Kirchenanlage, zu der auch ein großer Veranstaltungssaal mit richtiger Bühne gehörte. Ich hatte diesen Saal während meiner gesamten Kindergartenzeit und auch während der Generalprobe nicht zu Gesicht bekommen.

Wir gingen über den Hof durch den Hintereingang und trafen dort auf die anderen Künstler samt ihren erwachsenen Trainerinnen. Väter waren, glaub ich, nicht dabei. Bis dahin war alles gut gegangen. Wir haben rum gealbert. Wir waren von dem Publikum durch einen großen dunklen Vorhang getrennt. Wir sahen das Publikum nicht, aber wir hörten die Stimmen. Dann schlug irgendwer einen Gong und das Gemurmel verstummte. Eine der Kindergärtnerinnen schob mich durch den Vorhangschlitz auf die Bühne.

Niemand hatte mich auf diesen Moment vorbereitet. Ich blickte in gefühlt Tausende erwartungsvoll aufgerissene Augen von Eltern, Großeltern, Tanten, Nachbarn und was man sonst so mobilisiert hatte, diesem großen Ereignis beizuwohnen. Die Münder schienen aufgerissen und glichen Raubtieren, die mich jeden Moment zerfleischen würden. Es herrschte eine Grabesstille. Ich stand da, wahrscheinlich mehrere Stunden, es können auch Tage und Wochen gewesen sein, stumm und bewegungslos. Das Einzige, was ich spürte, war die Unruhe hinter dem Vorhang. Man konnte mich zwar von dort nicht sehen, aber mein Angstschweiß war sicher bis in die hintersten Winkel der Bühne zu riechen. Meine Lippen waren verklebt und fest wie Beton. Dann drehte ich mich wortlos um und entkam durch den Vorhangschlitz.

Strawinsky macht ein Geräusch, das ich nicht identifizieren kann. Aber zumindest weiß ich, dass er noch da ist.

Was sagte Ihre Mutter zu der Situation?

Meine Mutter stand da, kalkweiß und mit versteinerter Miene. Ich glaube in diesem Moment wäre sie am liebsten gestorben. Diese Schande war einfach zu viel für sie. Sie versuchte es im Guten, dann unter Androhung schwerster Strafen, mich wieder vor den Vorhang zu bekommen. Aber es war aussichtslos. Selbst das Los der ewigen Verdammnis hätte mich weniger geschreckt, als noch einmal in diese Hölle zu gehen. Meine Mutter zerrte mich schließlich heraus, und sie weinte den ganzen Weg nach Hause ob dieser Blamage.

Und Ihr Vater, was sagte er dazu?

Mein Vater hat von dem ganzen Geschehen nichts mitbekommen. Er ging prinzipiell nicht zu solchen Veranstaltungen. Meine Mutter hat ihm auch nie erzählt, was geschehen war. Ich glaube, sie hat sich selbst vor ihm geschämt.

Ich bin plötzlich furchtbar müde. Außerdem habe ich im Moment ohnehin keine Geschichte mehr …

Gängelei und Brutalität

Mir geht es nicht schlecht, ich kann SCHÖNSTE HÄNDE ausgiebig betrachten. Sie sieht toll aus. Sie ist ganz in Blau gekleidet. Das ist ein schöner Kontrast zu ihren blonden Haaren. Ich frage mich, wie sie mit ihrer natürlichen Haarfarbe aussehen mag. Ich bevorzuge brünette oder dunkelblonde Mädchen. Ich mag den Geruch von naturblonden Mädchen nicht. Das erste Mädchen, mit dem ich geschlafen habe, war naturblond. Sie roch und schmeckte nach Baby, ein wenig schleimig und säuerlich.

Strawinsky fragt mich, ob ich einen Lieblingswitz habe. Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet. Ich überlege und komme zu dem Schluss, dass ein unanständiger Witz vielleicht nicht angebracht ist. Also erzähle ich ihm den jüdischen Witz mit dem Butterbrot. Das fällt runter und landet nicht auf der Butterseite. Das löst große Verwunderung und Verwirrung aus. Auch die philosophischen Betrachtungen des Rabbis können die Sache nicht aufklären. Erst der Ober-Rabbi findet die Lösung: Das Brot wurde auf der falschen Seite geschmiert. Ich weiß, das ist kein Brüller, aber Strawinsky lächelt. Wahrscheinlich aus Höflichkeit. Ich habe den Witz einmal im Kreis von ein paar Mädchen erzählt. Keine von denen hat gelacht. Nicht einmal gelächelt. Ich lege mich auf die Liege.

Ich würde gerne etwas mehr über Ihren Vater erfahren.

Das war genau die Frage, die ich hatte vermeiden wollen. Und wo soll ich anfangen?

Mein Vater war ein Arschloch.

Können Sie das erläutern?

Wie viel Zeit haben wir?

Fangen Sie bitte an.

Ich weiß wenig von dem, warum mein Vater so war, wie er war. Seine Eltern waren einfache Leute. Die Mutter kam vom Bauernhof irgendwo in Westfalen. Da war es Usus, dass die Mädchen eine anständige Mitgift bekamen, wenn sie den Hof verließen. Davon konnte mein Großvater ein Mietshaus bauen, in dem sie dann alle lebten. Dann bekamen sie diesen Wunderknaben, meinen Vater. Meine Großeltern hatten eine einfache Schulbildung. Ich glaube über die Volksschule sind die nicht hinausgekommen. Ihr Sohn aber erhielt eine Empfehlung fürs Gymnasium. Und dann machte der auch noch das beste Abitur seines Jahrgangs. Auch entpuppte er sich als herausragender Leichtathlet. Auf der Universität gehörte er ebenfalls zu den Besten und seine Professoren sahen in ihm den kommenden führenden Sportwissenschaftler. Dass er damals schon nervenkrank war, passte nicht zum Bild dieses Vorzeigemenschen. Deshalb wurden seine nervliche Probleme einfach unter den Teppich gekehrt und allen anderen, auch meiner Mutter, verheimlicht.

Nervliche Probleme?

Ach zum Teufel, ich weiß nicht, welche Krankheit das war. Am Anfang war das wohl nur ein leichter Tremolo, oder die Unfähigkeit, an manchen Tagen seine Hände koordiniert einzusetzen. Das versuchte mein Vater immer, mit festem Willen zu überspielen. Erst die Kriegszeit und vor allem die Gefangenschaft ließen wahrscheinlich die Krankheit voll aufbrechen.

Haben Sie die nervlichen Probleme beobachtet?

Ich habe mich schon gewundert, dass ich nie sah, dass er auch nur eine einzige Zeile schrieb. Alles Schriftliche musste meine Mutter erledigen. Seine Unterschrift kritzelte er wie ein Analphabet. Deswegen konnte er auch seine Doktorarbeit nicht zu Ende zu bringen. Auch ans Klavier setzte er sich nie, obwohl es hieß, dass er vor dem Krieg ein exzellenter Klavierspieler gewesen sei. Selbst telefonieren fiel ihm schwer. Er legte den Hörer zur Seite, nahm einen Stift und betätigte damit ungelenk die Wählscheibe. Dann führte er den Hörer unter großen Anstrengungen ans Ohr. Als ich diese Dinge beobachtete, habe ich mir weiter nichts dabei gedacht. Ich bin sowieso meinem Vater, wann immer möglich, aus dem Weg gegangen.

Konnte Ihr Vater arbeiten?

Selbstbestimmt schon. Er besaß einen starken Willen und große Überzeugungskraft. Er sah immer sehr gepflegt aus und sprach ein exzellentes Deutsch. Er war damit den meisten Männern deutlich überlegen. Er konnte zwar die Angebote seiner Studien- und Korporationsfreunde, die alle nach dem Krieg Karriere im Schuldienst machten, nicht annehmen. Aber sein enormes Wissen befähigte ihn, Nachhilfe in Schule und Erwachsenenbildung zu geben. Sein Arbeitszimmer und teilweise unser Esszimmer waren jeden Tag proppenvoll mit Schülern, Studenten und anderen Erwachsenen, denen er half, Lücken zu stopfen. Ich glaube, das machte er wirklich gut. Wir wären ja auch sonst verhungert. Meine Mutter hat nach dem Krieg nicht mehr gearbeitet.

Wie lange hat er sein Arbeitsleben durchgehalten?

Exakt bis zu seinem 65. Lebensjahr. Dann bekam er Rente und zeitgleich brachen schwere Depressionen auf. Er hatte bis dahin immer Stärke propagiert. Als er erfuhr, dass sich sowohl der zweite Mann meiner ersten Ehefrau, als auch der Mann meiner dritten Ehefrau umgebracht hatten, zeigte er dafür keinerlei Verständnis. Selbstmörder waren für ihn schwache, lebensunfähige Gestalten. Das passte wahrscheinlich nur so in sein nationalsozialistisches Weltbild von den starken, lebenstüchtigen Ariern. Auf einmal war das alles vergessen, und er versuchte sich mehrmals selbst das Leben zu nehmen. Ich habe das einmal beobachtet, als er an den blanken Drähten einer abmontierten Deckenleuchte in der Waschküche rumfummelte. Er war handwerklich eine hundertprozentige Niete und auch in seinen Selbstmordversuchen zeigte sich sein gesamtes Ungeschick. Ich hatte jedenfalls Zweifel, ob man das wirklich ernst nehmen konnte. Er kam dann in ärztliche Behandlung und ich habe ihn kurze Zeit vor seinem Tode noch einmal in den Heilstädten; in denen er letztlich verstarb, besucht. Aus ihm war eine jämmerliche Gestalt geworden, die nichts mehr mit dem hagestolzen, herrischen Mann, der einmal mein Vater war, zu tun hatte.

Ich mache eine Pause, um Strawinsky Gelegenheit für eine Frage zu geben. Aber er schweigt. Wahrscheinlich ist er eingeschlafen. Ist ja auch keine spannende Geschichte, die ich ihm da erzähle. Nach dem Tod meines Vaters begann das große Reinemachen. Meine Mutter und meine Großmutter entsorgten mithilfe meines Bruders die wissenschaftlichen Unterlagen meines Vaters. Es waren Hunderte von Büchern und Tausende von Zeitschriften aus der Sportwissenschaft. Ich war zu dieser Zeit schon zwei Jahrzehnte in Berlin. Mein Bruder fand im Nachlass meines Vaters die von ihm vor dem Krieg begonnene Doktorarbeit. Er übergab mir die verstaubte, vergammelte Ledermappe und ich hob sie auf, bis ich selbst in Rente ging. Als ich die Mappe dann öffnete, sah ich, dass irgendwer nach dem Krieg seine Manuskripte sauber abgetippt hatte. Die Arbeit war gut lesbar. Er hatte sie immer wie einen besonderen Schatz gehütet. Ich weiß, dass er mehrfach von Wissenschaftlern um Einsicht in die Arbeit gebeten wurde. Er hat sich stets geweigert. Ich weiß nicht, ob er meinem Handeln zugestimmt hätte, wahrscheinlich eher nicht. Ich habe mir die Arbeit vorgenommen, diese überarbeitet, fehlende Texte ergänzt und posthum unter seinem Namen veröffentlicht. Damit ist meinVater dann doch noch in die Sportgeschichte eingegangen. Das muss ich Strawinsky aber nicht unbedingt erzählen.

Warum bezeichnen Sie Ihren Vater als Arschloch?

Weil er von Kindererziehung nichts verstand und Liebe sowie Zuneigung für ihn Fremdworte waren. Weil er mir immer Angst einflößte. Weil er sich immer selbst zum Maßstab aller Dinge erhob und allen anderen, vor allem mir, die Luft zum Leben nahm.

Die Luft zum Leben?

Ich bin in einer freudlosen Familie aufgewachsen. Gefeiert wurde so gut wie nie. Feiertage wie Weihnachten waren immer eine Katastrophe, weil der Krach zwischen meinen Eltern meist schon einige Tage vorher begonnen hatte. Die Anlässe waren immer nichtig. Streit über die Auswahl der Geschenke zum Beispiel. Streit über die Art und Größe des Christbaumes, die Farbe der Tischdecke oder, wie meine Mutter zu sagen pflegte, über die Fliege an der Wand. Jeder Anlass war willkommen, um das Fest in einen Ort handfesten Familienkrachs zu verwandeln. Ich wäre gestorben, hätte ich nicht meine Großmutter gehabt.

Ihre Großmutter?

Meine Großmutter konnte meinen Vater nicht leiden, und da es ihr Haus war, in dem wir wohnten, konnte sie ihm gegenüber auch ihre Giftzähne ausfahren. Das hat sie oft auf subtile Weise gemacht.

Was tat sie?

Strawinsky klingt auf einmal sehr lebendig.

Indem sie mir zum Beispiel Weihnachtswünsche erfüllte, die mein Vater als unnötig, schädlich oder eben als reine Geldverschwendung betrachtete. Indem sie zum Beispiel mir später in ihren Räumen das Rauchen erlaubte, was mein Vater mir unter Androhung schwerster Strafen immer verboten hatte. Meine Großmutter war mein Refugium und ich verbrachte viele Nachmittage und Abende in ihrem völlig überheizten Wohnzimmer. Ich habe nicht oft in meinem Leben geweint, aber als sie starb, war das für mich einen Moment lang das Ende der Welt.

Viele Menschen haben ein Problem mit Weihnachten. Vielleicht wollte Ihr Vater lieber die Geburtstage feiern.

Ich muss mich zusammenreißen. Am liebsten würde ich laut losbrüllen, vor Lachen.

Mein Vater mochte weder Weihnachten noch Geburtstage. Die Geburtstage meiner Eltern wurden nie gefeiert, die von uns Kindern nur marginal. Deshalb war es für mich auch keine Überraschung, dass ich zu meinem zehnten Geburtstag außer dem obligatorischen Kuchen und ein paar Süßigkeiten nichts bekam. Das war für mich ohnehin angenehm, da musste ich mich nicht bedanken. Mein Vater war an diesem Tag wie üblich spät aufgestanden. 11 Uhr morgens war so seine normale Zeit. Danach hielt er sich mindestens zwei Stunden im Bad auf. Ich wusste nie den Grund für diesen ungewöhnlichen Tagesanfang, es war mir auch egal. Erst als Erwachsener erfuhr ich von meiner Mutter, dass das auch mit seiner Krankheit und mit seinen Händen zu tun hatte. Er konnte sie nur unter großen Mühen zur Pflege seines Körpers einsetzen.

Nachdem er an jenem Tag mit dem Bad fertig war, wies er mich an, mir ein Einkaufsnetz zu schnappen und ihm zu folgen. Das fand ich ungewöhnlich. Ich war bis dahin nie mit meinem Vater einkaufen gegangen. Er kaufte auch selbst niemals Lebensmittel ein. Dafür hatte er meine Mutter und später dann auch mich. Mein Bruder verstand es schon von klein auf, sich aus allem Familiären rauszuhalten. Ich konnte mir zunächst keinen Reim auf das Ganze machen. Ich stellte aber meinem Vater grundsätzlich keine Fragen. Entweder er dozierte oder er belehrte mich. Präzise Antworten auf meine Fragen hätte ich ohnehin nicht bekommen. Wir marschierten jedenfalls in die Stadt und ich fragte mich, was ich in das Einkaufsnetz hinein packen würde. Dann fand ich mich plötzlich in einem Fahrradladen wieder. Das Fahrrad war bereits fertig montiert und bezahlt und wartete nur noch auf das Geburtstagskind. Das war das einzige Mal, wo mein Vater sich Mühe gab, mich zu meinem Geburtstag zu überraschen.

Dafür hassten Sie Ihren Vater?

Dafür sicher nicht. Aber für seinen Absolutheitsanspruch, den er ständig versuchte, bei mir durchzusetzen.

Absolutheitsanspruch?

Mein Vater legte stets großen Wert auf sein Äußeres. Aber jedwede Modetrends gingen an ihm spurlos vorbei, und er dachte auch nicht daran, diese bei uns Kindern zuzulassen. Er hatte, was Art und Farbe seiner Klamotten anging, ganz spezielle Kriterien, die allerdings niemand außer ihm kannte. Einzig sein Markenzeichen am Strand war relativ leicht zu entschlüsseln. Seine Badehose kannte nur eine Farbe, gelb. Er besaß mehrere davon, sodass er nicht Gefahr lief, einmal auf eine andere Farbe ausweichen zu müssen. Ansonsten zeichnete er sich dadurch aus, dass er grundsätzlich den Geschmack anderer Leute, also auch unseren und jedweden Zeitgeschmack, kritisierte und ablehnte. Er bestritt, dass überhaupt jemand außer ihm über Geschmack verfügte. Er hat auch niemals ein Geschenk behalten, sondern immer zeitnah umgetauscht. Meistens bekam er nicht das Geld zurück, sondern einen Gutschein. Ich glaube er hatte eine ganze Sammlung davon, weil es meistens vergaß, die Gutscheine einzulösen.

Ihr Vater bestimmte demnach, wie Sie sich anzuziehen hatten?

Als bereits unsere halbe Klasse Jeans trugen, war mir das nicht gestattet, weil nach Meinung meines Vaters Jeans kein geeignetes Beinkleid für mich waren, sondern ausschließlich irgendwelchen Proleten vorbehalten waren. Das war keine ihm ebenbürtige Klasse. Ich schaffte es natürlich, mir eine Jeans zu besorgen und diese im Keller in der Waschküche zu verstecken. Aber die Nutzung dieser Jeans war ganz schön kompliziert. Ich verließ zunächst die Wohnung im oberen Stockwerk des Hauses in meiner unmodischen Hose, ließ unten zum Schein die Haustüre laut zufallen und schlich mich anschließend in den Keller. Dort tauschte ich die Hosen und verließ konspirativ das Haus über die äußere Kellertreppe. Danach bestand immer noch die Gefahr, von meinem Vater bei diesem „Verbrechen“ entdeckt zu werden. Er hatte sein Arbeitszimmer, in dem er auch seinen Unterricht abhielt, zur Straße, und er liebte es im Stehen zu dozieren und dabei gelegentlich nach draußen auf die Straße zu schauen. Ich musste deshalb zunächst über den Zaun des Nachbargrundstückes steigen und mich dann seitlich an den Häuserwänden vorbeidrücken, bis ich sicheres Terrain erreichte. Bei diesen Kletterstücken waren natürlich Jeans von Vorteil.

Ihr Vater kannte demnach bei Ihrer Kleidung kein Pardon?

Nicht nur bei der Kleidung. Haare gehörten zum Beispiel auch dazu.

Ich fühle förmlich, wie Strawinsky sich Mühe gibt, meinen etwas wirr erscheinenden Ausführungen zu folgen. Aber er sagt nichts.

Mein Vater liebte es, seine Haare straff nach hinten und ziemlich gerade bis in den Nacken zu ziehen, sodass seine sich stetig vergrößernden Geheimratsecken und seine hohe Stirn gut sichtbar waren. Diese in seinen Augen akademische Frisur versuchte er auch bei mir durchzusetzen. Sie verstehen vielleicht, dass es unmöglich ist, den Haaren eines Teenagers beizubringen, dass sie sich exakt alle in die gleiche Richtung legen. Nachdem mein Vater gemerkt hatte, dass er nicht über genügend Spucke verfügte, um meine Haare in die gewünschte Richtung zu biegen, kaufte er Pomade. Ich erinnere mich gut. BRYLCREEM hieß das klebrige Zeug. Das roch zwar besser als seine Spucke, aber eklig war es trotzdem. Ich war immer froh, wenn Badetag war und ich das Zeug wieder aus den Haaren rauskriegte.

Irgendwann, ich glaube, ich war so um die vierzehn, hatte ich die Schnauze voll und war standhaft genug, um mich gegen diesen Brylcreem-Terror zu wehren. Seitdem habe ich mir nie mehr etwas ins Haar schmieren lassen. Ich benutze auch keinerlei Kämme oder Bürsten. Meine Haare lieben diese Freiheit. Deshalb sind die meisten bis heute bei mir geblieben.

Bitte erzählen Sie mir etwas Gutes über ihren Vater.

Oh, Strawinsky, das ist schwer, denke ich. Ist es das wirklich? Seine Liebe zur Sprache hat mich geprägt. Sie war mir eine große Hilfe bei meiner Entwicklung. Schlampigkeit war meinem Vater ohnehin ein Gräuel, aber bei der Sprache kannte er kein Pardon. So lernte ich schon früh den richtigen Gebrauch von Grammatik und Wortwahl. Fremdworte setzte mein Vater nur spärlich, dann aber immer zielgenau ein. Aber das interessiert Strawinsky bestimmt nicht.

Mein Vater war ein großer Liebhaber der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ich glaube das einzige Mal, wo er sich gegenüber seinen Nazifreunden den Mund verbrannte war, als er denen seine Meinung über die Naziaktion ENTARTETE KUNST geigte. Er war damals nach München gereist und kehrte empört über dieses Fanal faschistischer Dummheit zurück. Eines Tages zeigte er mir den Katalog zu der Ausstellung, sein Ärger war auch Jahrzehnte nach seinem Ausstellungsbesuch noch nicht verflogen.

Schon früh schleppte er mich in das Wuppertaler