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Seine Ex wird sechzig und lädt ihn zu ihrer Geburtstagsparty ein. Widerwillig nimmt er die Einladung an. Seine zweite Frau ist vor vier Jahren verstorben und das bremst seine Lust auf Partys und auf ein Wiedersehen mit seiner Ex - mehr als drei Jahrzehnte nach der Scheidung. Die Party nimmt einen unerwarteten Verlauf, und ehe er sich versieht, verfängt er sich im Netz der Leidenschaften. Vielfältige, oft skurrile Ereignisse wirbeln bald sein bisheriges Leben gründlich durcheinander. Er versucht, mit der Verwirrung der Gefühle und den mannigfaltigen Herausforderungen klar zu kommen, bis er erkennt: Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen - Liebe ist nicht heilbar.
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2017
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V. A. Swamp
Andrea – Liebe ist nicht heilbar.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Verlust
Die Einladung
Die Zeit mit Andrea.
Die Party
Versetzt im Löwenhardt.
Es läuft nicht rund.
Überraschender Besuch.
Musikkneipe „Fender“
Die Kleine Weltlaterne.
Die Reise nach Sachsen.
Leider ist es wie so oft in Ostdeutschland. Die Randbezirke von Chemnitz atmen noch den DDR-Mief. Irgendwie meine ich, hier noch die Tristesse zu spüren, die der „erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ seinen Bürgerinnen und Bürgern zugemutet hat. Ganz anders hingegen die Innenstadt: Überall neue Geschäftshäuser, modern und … völlig gesichtslos. Was haben sich die Geldgeber dabei gedacht, solche fantasielosen Gebilde hier errichten zu lassen? Mein negativer Eindruck wird durch das trübe Wetter und eine unangenehme Kälte noch verstärkt. Ich fahre rechts ran, schalte den Motor aus und krame mein iPhone raus. Dann google ich die Sehenswürdigkeiten von Chemnitz. An oberster Stelle steht ein „versteinerter Wald“. Versteinerter Wald? Das habe ich doch bereits in den USA gesehen. „Petrified Forest“ nennen sie das da. Wo war das noch? Arizona oder Utah? Ich glaube es war irgendwo in Arizona. Ich bin mit Rita dort gewesen. Wann war das? Gefühlt 100 Jahre ist das her. Rita war übrigens damals ziemlich gelangweilt. Versteinerte Bäume waren absolut nicht ihr Ding und sie hat mich dann auch mit Brachialgewalt davon abgehalten, in einem der Andenkenläden so ein Stück versteinerten Baum zu erwerben. Natürlich hatte sie recht, denn wo wäre dieses unansehnliche Stück grauen Materials schließlich gelandet? In irgendeiner Schublade bei den anderen überflüssigen Dingen, von denen ich mich nur so schwer trennen kann. Als weitere Sehenswürdigkeit wird das „Karl-Marx-Monument“ angepriesen. Angeblich zählt es zu den größten Porträtbüsten der Welt. Es stammt aus der Zeit, als Chemnitz noch „Karl-Marx-Stadt“ hieß. Was hatte eigentlich Karl Marx mit Chemnitz zu tun? Ich muss der Geschichte irgendwann einmal nachgehen. Weiterhin lese ich über etliche Kirchen wie die Markuskirche, die Schlosskirche, die Stiftskirche und so weiter. Nach einer Kirchenbesichtigung steht mir aber überhaupt nicht der Sinn. Ich bin nicht im Mindesten religiös, und Kirchen interessieren mich nur, wenn sie besondere architektonische Meisterwerke sind. Die Basilika „Sagrada Familia“ von Antoni Gaudí in Barcelona zum Beispiel stellt so ein faszinierendes Bauwerk da. Das ist so gewaltig, ja beinahe monströs, dass Gaudi die Kirche nicht zu Lebzeiten fertigstellen konnte. Obwohl er bis zu seinem Tode unermüdlich daran arbeitete. Selbst Rita, die mit mir die Skepsis gegenüber kirchlichen Institutionen uneingeschränkt teilte, war so begeistert, dass sie mich zwang, die Basilika mehrfach zu Fuß zu umrunden.
Aber Größe ist nicht das einzige Kriterium für meine Begeisterung. Eine ganz andere Kirche, die nichts mit Monumentalität zu tun hat und trotzdem selbst nichtreligiöse Besucher in ihren Bann schlägt, ist die Wallfahrtskirche von Le Corbusier bei Ronchamp im Elsass. Der manchmal umstrittene Stararchitekt Le Corbusier hat mit dieser der Jungfrau Maria geweihten Wallfahrtskirche ein ungewöhnliches architektonisches Meisterwerk geschaffen. Der Bau weist keinerlei Gebundenheit an alte Bauformen, keine rechten Winkel, keine Symmetrie auf. Konkave und konvexe Formen fließen ineinander. Gegensätze geben sich die Waage und gleichen sich gegenseitig aus. Mit dem Betreten des Gebäudes haben Rita und ich eine völlig neue und ungewöhnliche Raumerfahrung gemacht. Der geneigte Fußboden, der unregelmäßige Grundriss, der Schwung und die Lebendigkeit der rundlichen Formen haben uns auf besondere Weise Leichtigkeit und Lebensfreude vermittelt. Kleine und große farbige Glasfenster zauberten ein prächtiges Farbenspiel und nahmen dem massiven Betonbau seine Schwere. Wir waren leider nicht allein in dieser Kirche. Andernfalls hätte ich mit Rita bestimmt in einer der Ecken ein wenig geknutscht und gefummelt, so erregt war ich damals an diesem ungewöhnlichen Ort. Als Baumaterial verwendete Le Corbusier ausschließlich unbehandelten Sichtbeton. Das mag für Freunde traditioneller Kirchen fast wie ein Sakrileg anmuten, hier spricht das Material für Bescheidenheit und sakrale Nähe. Zugleich hat das Material auch wertvolle praktische Eigenschaften, es ist feuerfest!. Ich gebe den Gedanken an eine Kirchenbesichtigung in Chemnitz auf. Auch das Rathaus aus dem 15. Jahrhundert sowie das angeblich einstmals schönste und größte Hallenbad Europas will ich mir nicht ansehen. Interessanter finde ich da schon die Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz.
Was für ein glücklicher Zufall! Ich habe mein Auto unwissentlich in der Nähe der Kunstsammlungen angehalten. In einer Sonderausstellung werden Werke von Andy Warhol gezeigt. Ich zögere einen Moment, löse dann aber doch ein Ticket für alle Ausstellungen. Wie ich intuitiv befürchtet habe, ist die Warhol-Ausstellung eine Enttäuschung. Ich habe einfach schon zu viele wirklich gute Warhol-Ausstellungen gesehen! Selbst im Warhol Museum in Pittsburgh in den USA bin ich gewesen. Dafür allerdings kann Chemnitz nichts. Das ist allein mein Problem. Wenn man so intensiv gelebt hat wie ich, und weltweit unterwegs war, hat man sich wenig Spannendes für das Alter aufgehoben. Ich ertappe mich immer wieder, dass sich bei mir Desinteresse breitmacht, weil ich so vieles in der einen oder anderen Form bereits erlebt habe. Einiges sogar mehrmals. Ich schaue mir noch kurz die anderen Ausstellungsetagen an und fahre dann weiter. Chemnitz streiche ich von meiner „To do Liste“. Jetzt weiß ich wenigstens, was ich bislang nicht versäumt habe.
Ein Wasserschloss in MeckPomm.
Golfspiel
Scharfe Sachen.
Wo steckt Andrea?
Onanie
Zu Gast.
Andrea, melde dich.
Mein Bruder.
Der dicke Müller.
Erste Spuren.
Professor Rahnstein.
Das Wiedersehen.
Reise nach Spanien.
Malaga
Maria Jesus
Cáceres
Roquetas de Mar
Andrea ist wieder da.
Zurück in Berlin.
Das Ende des Winters.
Liebe ist nicht heilbar.
Impressum neobooks
V. A. Swamp
Andrea
Liebe ist nicht heilbar
Roman
Es war der erste schmerzhafte Verlust. Das Baby zeigte sein Unbehagen über das plötzliche Verschwinden seines Schnullers durch ein ohrenbetäubendes Gebrüll, was sich immer weiter zu steigern schien, da das Geschrei keinerlei Reaktion erzeugte. Die Mutter war zum Einkaufen gegangen, weitere Bezugspersonen wie beispielsweise ein Vater (der hatte sich bereits vor der Geburt verpisst), Großeltern mütterlicherseits (schon lange tot), Großeltern vaterseits (unbekannt). Geschwister (nicht vorhanden), Nachbarn (berufstätig) und andere Personen, die dem Baby hätten helfen können, gab es nicht. Auch hatte das Baby dummerweise noch nicht gelernt, den Verlust zu kompensieren. Zum Beispiel durch seinen Daumen. Es war eine verzweifelte, ja so schien es, hoffnungslose Situation. Es sollte nicht der einzige Verlust in seinem Leben bleiben. Vielmehr sollte sich das Leben als eine wahre Verlustkette entpuppen: der Verlust der Lieblingspuppe, der Verlust von Freunden, die sich nicht als solche bewährt hatten, der Verlust der Unschuld, der Verlust des Vertrauens, der Verlust des Glaubens an das Gute im Menschen und so weiter und so weiter. Es würde allerdings sehr lange dauern, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass der Verlust materieller Dinge ohne Bedeutung ist. Materielle Dinge kann man ersetzen, den Verlust eines geliebten Menschen nicht.
Was für ein Jahr! Um es präziser zu sagen, was für eine erste Jahreshälfte. Ich hatte gerade noch meinen Sylvester-Prosecco genossen, da erreichten mich Nachrichten aus einer Region, die ich gedanklich schon längst abgeschrieben hatte. Jahrzehntelang herrschten dort politischer Stillstand, Armut, Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit, aber mir war das egal. Ich glaube, vielen anderen Menschen auch, die glücklich waren, solange sie in Tunesien und Ägypten billigen Urlaub machen konnten. Dann plötzlich erhoben sich die Menschen in dieser Region gegen die Gewaltherrschaft und das Ganze entwickelte sich schnell zu einem Flächenbrand. Mitte Januar nahm der tunesische Machthaber Sein al-Abidin Ben Ali vor den revoltierenden Massen Reißaus. Das rettete ihn vor dem Gefängnis oder vielleicht sogar vor dem Tod. Mithin war das eine kluge Entscheidung.
Andere Despoten waren da weniger clever. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak stürzte nach 30-jähriger Herrschaft und wanderte ins Gefängnis. In Libyen entbrannte ein monatelanger Bürgerkrieg, in dessen Verlauf der sich als „Löwe der Wüste“ selbst betitelte Muammar al-Gadhafi von den Aufständischen gepfählt wurde. Sicher kein schöner Tod, wenn auch vielleicht ein Verdienter. Im Golfstaat Bahrain ließ der dort herrschende König den Aufstand blutig niederschlagen, mithilfe von Hilfstruppen aus dem benachbarten Saudi-Arabien. In Syrien klammert sich Baschar al-Assad an die Macht und führt Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Jeder, der gegen ihn ist, ist ein Terrorist und Terrorristen müssen bekämpft und am besten ohne langes Zögern liquidiert werden. Frauen und Kinder werden sicherheitshalber gleich mit beseitigt, damit das Übel mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird. Das ist weder eine neue noch eine originelle Methode. Die Geschichte der Menschheit quillt über mit solchen Verbrechen und psychopathischen Mördern, die sich meistens dadurch legitimieren, indem sie behaupten, im Namen des Volkes zu handeln. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Es hat immer einen willigen Teil der Völker gegeben, die freudig den unwilligen Teil massakriert haben. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.
Im Februar verlor der neue Star unserer deutschen Politik seinen Glanz. Karl-Theodor zu Guttenberg war zunächst noch der unangefochtene Liebling der Bürger und der Medien. Aufrecht, gut aussehend, jung, unbelastet, verheiratet mit einer zauberhaften Barbiepuppe und noch adlig dazu. Mehr geht kaum. Manche sahen in ihm schon den nächsten Kanzler. Doch dann fanden ein „nichtsnutziger und völlig überflüssiger“ Wissenschaftler aus Bremen und dann auch noch so genannte „Internetaktivisten“ heraus, dass Guttenberg es bei seiner Dissertation mit wissenschaftlich akribischer Arbeit nicht so genau genommen hatte. Der Freiherr war so frei, sich in seiner Doktorarbeit zahlreicher Quellen zu bedienen, ohne diese korrekt zu zitieren. Mein Gott, diese Beckmesser sollen sich nicht zu haben. Schließlich waren die Mehrfachbelastungen von Promotion, politischem Wirken und Einsatz für die Familie und anderes daran schuld, oder? Aber diese Stammtischgiganten kennen kein Pardon. Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Josef Sylvester Buhl Freiherr von und zu Guttenberg verlor seine politischen Ämter, und die Universität Bayreuth erkannte ihm die Doktorwürde ab. Ja, Strafe muss sein …
Ich träumte vom nahen Frühling, da wurde ich am 11. März abrupt aus meinen Träumen gerissen. Um 14.47 Uhr bebte die Erde an der Ostküste Japans und das heftige Beben mit der Stärke 9 löste einen gewaltigen Tsunami aus. Weite Landstriche wurden überflutet, Hunderte Dörfer und Städte wurden zerstört. Mindestens 16.000 Menschen starben, Zehntausende wurden obdachlos. Die Flutwellen überschwemmten auch das Atomkraftwerk in Fukushima und die Welt erlebte den zweiten Super-GAU nach Tschernobyl. Vier der sechs Reaktorblöcke wurden zerstört, in drei von ihnen kam es zur gefürchteten Kernschmelze. Große Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt und vergifteten Luft, Böden, das Meer, das Grundwasser und auch die für die Schadensbegrenzung eingesetzten Rettungsarbeiter. Mehr als 100.000 Menschen mussten die Region verlassen – viele wahrscheinlich für immer. Das erschreckte sogar unsere ansonsten unerschrockene Kernkraftwerke befürwortende Kanzlerin und sie machte kurzerhand ohne weitere politische Diskussion die zuvor heftig umstrittene Verlängerung der Laufzeiten für die hiesigen Atomkraftwerke rückgängig. Das hätte ich nicht erwartet, von unserer Aussitzerkanzlerin, und so hat die schreckliche Katastrophe von Fukushima doch ein Gutes: Ein jahrzehntelanger gesellschaftlicher Großkonflikt in Deutschland, der mich den Großteil meines Lebens begleitet hat, geht zu Ende. Und was ist mit unseren europäischen Nachbarn? Deren Kernkraftwerke, zum Teil erheblich unsicherer als die Unsrigen, werkeln kräftig weiter, zum Teil sogar in Grenznähe. Na ja, es wird schon nichts passieren! Dachten die Japaner auch.
Inzwischen ist der Sommer da, und die letzten Tage waren schon fast zu heiß zum Golfspielen. Zumindest, wenn man die 18 Löcher läuft. Ich habe gestern Abend, so wie ich das fast immer mache, kurz vor acht Uhr den Fernseher angemacht, um die Tagesschau zu sehen. Als die ersten Bilder und Nachrichten aus dem Regierungszentrum der Hauptstadt Oslo und von einer norwegischen Ferieninsel namens Utoya über den Bildschirm liefen, kam mir das Ganze wie ein unwirklicher Albtraum vor. Ein rechtsextremes Arschloch namens Anders Behring Breivik hatte zunächst am Mittag einen Bombenanschlag auf das Regierungszentrum verübt und dabei acht Menschen getötet. Danach war er als Polizist verkleidet zu einer Ferieninsel gefahren und hatte dort im Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation 69 Jugendliche und Betreuer ermordet. Insgesamt siebenundsiebzig Tote. Das bedeutet auch Hunderte von Hinterbliebenen, Freunden, Verwandten, ach was weiß ich? Jedenfalls unermessliches Leid. Ich weiß, wovon ich rede. Rita ist vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mein Leben hat sich seitdem drastisch verändert. Nein, das ist die falsche Formulierung. Ich habe mich drastisch verändert. Ich bin eine ziemlich kraftlose kontaktscheue und wahrscheinlich auch ein wenig armselige Person geworden, die sich ständig fragt, warum Gott Rita und nicht mich geholt hat. Das mit Gott ist nicht allzu ernst zu nehmen. In meinem Leben gibt es keinen Platz für solche Kindermärchen.
Das Geklapper der Briefkastenklappe verrät mir, dass der Briefträger fleißig war. Ich muss unbedingt diese scheußliche Klappe reparieren. Sie macht ein unglaubliches Getöse, selbst wenn nur ein dünner Brief eingeworfen wird. Meistens bekomme ich ohnehin nur Werbung. Oder Rechnungen. Wobei, das mit den Rechnungen, das ist schon viel besser geworden. Fast alles wird heutzutage direkt abgebucht. Unterhalb der Klappe auf dem Flurboden liegt heute ungewöhnlich viel Post. Sollte kein Problem sein, ich bin sehr geübt im Aussortieren überflüssiger Post. Werbung kommt immer ungelesen in den Müll, Rechnungen lege ich auf den Stapel neben dem Computer, damit ich die später per Onlinebanking bezahlen kann. Falls dann noch etwas übrig bleibt, hole ich meine Lesebrille. Heute ist ein rosafarbener Umschlag übrig geblieben. Mein Gott, wer verschickt denn heute noch Post in rosafarbenen Umschlägen? Ich reiße den Umschlag auf und heraus fällt eine ebenso rosafarbene Klappkarte: „Einladung zum 60. Geburtstag“.
Ich bin schon seit Jahren nicht mehr schriftlich eingeladen worden. Einladungen bekomme ich gewöhnlich per Telefon, seltener per Email. Die Einladungen per Email kann man so wie so in aller Regel vergessen. Sie betreffen meistens mein Arbeitsleben und das ist seit einem Jahr Geschichte. Ich gebe zu, ich hätte gerne länger gearbeitet, aber mein Arbeitgeber war der Meinung, dass man mit 65 und nach über 40 Arbeitsjahren den Ruhestand genießen sollte. Was für ein Quatsch, ich fühle mich heute genauso fit wie mit 56. Na ja, fast jedenfalls. Eine Einladung auf rosafarbenem Karton? Wahrscheinlich war der Karton eine Restcharge beim Drucker. Bei Restchargen ist der Druck besonders günstig. Ich kenne mich da aus. Ich war mein Leben lang journalistisch tätig, da hat man intensiven Kontakt zum grafischen Gewerbe. Einladung zum 60. Geburtstag? Ein solches Datum habe ich bereits sechs Jahre hinter mir. War für mich damals kein Grund zum Feiern. Überhaupt waren Geburtstage mir bisher nicht wichtig. Älter wird man ohne eigenes Zutun. Wenn man die fünfzig überschritten hat, sollte man das ohnehin nicht mehr an die große Glocke hängen. Wenn man mich nach meinem Alter fragt, was im Allgemeinen nur besonders dumme und ignorante Menschen tun, sage ich immer „über fünfzig“. Impertinente Nachfragerei beantworte ich dann mit der Gegenfrage „Sind Sie schon siebzig?“ Das wirkt immer, besonders wenn der oder die Fragende deutlich unter sechzig ist. Dann hört meistens die blödsinnige Fragerei auf. Wer wird sechzig und verschickt Einladungen auf rosafarbenem Karton? Ich bin sicher, das ist ein Irrtum. Leute mit schlechtem Geschmack kenne ich eigentlich nicht oder will ich zumindest nicht kennen.
Oh, es scheint eine Massenabfertigung zu sein. Es laden gleich drei Geburtstagskinder auf einmal ein. Das ist praktisch. Auf diese Weise kann man verhindern, dass die Party mangels Gästen ausfallen muss. Außerdem kann man sich die Kosten teilen. Wobei, das mit dem Teilen ist unter Umständen problematisch. Was ist, wenn einer der Einladenden seine ganzen Kollegen auf Kosten der beiden anderen einlädt? Ach, dummes Zeug, was Du Dir da wieder zusammenreimst. Die Einladenden sind zwei reife Mädchen und ein alter Knabe. Die Namen sagen mir nichts. Die Einladung ist bestimmt ein Versehen. Eine der Einladenden heißt Andrea Müller. Andrea? Da klingelt etwas bei mir. Ich kannte eine Andrea, das war vor gefühlt hundert Jahren. Damals wohnte ich bereits in Berlin. Da lebe ich übrigens immer noch. Mit dieser Andrea war ich sogar ein paar Jahre verheiratet. Ich muss nachdenken. Als wir uns kennenlernten, war sie neunzehn, glaube ich. Ich war älter, so etwa fünf bis sechs Jahre. Irgendwann haben wir geheiratet. Ich weiß nicht, warum. Wir waren doch auch ohne Trauschein sehr glücklich, oder? Na ja, heiraten hat ja sowieso nichts mit Glück zu tun. Oder mit Liebe. Unsere Ehe hat jedenfalls knapp vier Jahre gehalten. Andrea jetzt sechzig? Das könnte hinkommen. Aber Andrea Müller? Die Andrea, die ich kannte, war ein flippiges Ding, die hätte niemals einen „Müller“ geheiratet. Oder vielleicht doch? Andrea Müller, ob das wirklich „meine Andrea“ ist? Falls ja, wie ist sie an diesen Müller geraten? Irgendwer hat mir irgendwann erzählt, dass Andrea wieder verheiratet sei. Mit wem, das hat mir sicherlich niemand erzählt. Hätte mich auch nicht interessiert. Ich war mit Rita glücklich und das mit Andrea ist ja schon so lange her.
Vielleicht hat dieser Müller gewisse Vorzüge? Geld? Gutes Aussehen? Eine ewig geilen Riesenschwanz? Das mit dem Riesenschwanz ist der Albtraum von uns Jungs spätestens dann, wenn wir einen dieser amerikanischen Pornofilme gesehen haben. Die Jungs darin sind alle mit einem Riesenprügel ausgestattet, der uns blass werden lässt. Da können unsere Mädels noch so sehr beteuern, dass es auf die Größe nicht ankommt. Angesichts dieser Monstrositäten fühlen wir uns unweigerlich minderbemittelt. Andrea Müller? Wer sind die beiden anderen, vielleicht steckt einer von denen hinter meiner Einladung? Annegret Kirchner, die kenne ich garantiert nicht. Annegret, scheußlicher Vorname. Anna wäre gut, aber Annegret? Dann lädt noch ein Klaus Stücklen ein. Den kenne ich mit Sicherheit auch nicht. Stücklen, Stücklen – hieß so nicht einmal ein Postminister? Der ist aber garantiert schon ein paar Jahre tot und Tote verschicken normalerweise keine Einladungen zu Geburtstagsfeiern. Wahrscheinlich ist das Ganze doch ein Irrtum. Ich nehme Umschlag und Karte und werfe beides in den Müll.
Was soll ich mit dem heutigen Tag anfangen? Zuerst ein Frühstück, das ist klar. Vielleicht verwöhne ich mich heute mit Eiern, Speck, Zwiebeln und Bratkartoffeln? Das ist keine schlechte Idee, zumal ich alle Zutaten im Haus habe. Rita hat dieses Frühstück gehasst, schon wegen des Geruchs. Aber Rita ist schon eine Weile tot. Leider, muss ich sagen. Ich habe Rita sehr geliebt, obwohl sie das nie so richtig wahr haben wollte. Das Telefon klingelt. Ich besitze immer noch so ein schwarzes Ding mit richtigem Hörer, ein Original W48 aus den Fünfziger Jahren. Das ist pure Nostalgie. Ich bin kein Messie, aber von so schönen bewährten alten Dingen kann ich mich schlecht trennen. Ich besitze zum Beispiel noch immer so ein klotziges SONY-Tonbandgerät, so eines mit großen 26,5 cm Spulen. Wenn ich es mir abends gemütlich gemacht habe, also mit einem leckeren Wein, ein paar Keksen und gutem Lesestoff und ich dann das SONY anstelle und die Spulen sich fast majestätisch drehen und etwas von meiner Lieblingsmusik erklingt, das ist schon etwas ganz Besonderes. Auch meine ONKYO-Stereoanlage aus den Siebzigern besitze ich noch. Mit allen Komponenten wie Kassettengerät, Receiver, CD-Spieler, Plattenspieler und einem mächtigen Verstärker. Tolle Geräte mit Gehäusen aus gebürstetem Aluminium! Was für eine geile Haptik! Wie sich das anfühlt! Das ist was anderes als dieser Plastikscheiß, der heute angeboten wird. Gebürstetes Aluminium, wertvoll, solide, klassisch schön! Einfach großartig. Das ist schlichtweg unschlagbar.
Ich habe vor Jahrzehnten auf der Hannovermesse einen Menschen getroffen, der sich selbst als „Guru des deutschen Designs“ ansah. Ich war damals begeistert vom Aussehen der Erzeugnisse der japanischen Unterhaltungselektronik wie Receivern, Tonbandgeräten, Lautsprecherboxen und Ähnlichem. Das alles war so ganz anders als die Produkte deutscher und holländischer Firmen, die uns damals angeboten wurden. Ich habe diesen Designer nach seiner Meinung über das „japanische Design“ befragt. Es fehlte nicht viel, und dieser Typ hätte mir ins Gesicht gekotzt. Japanisches Design? Das sei doch wohl ein schlechter Witz? So etwas gäbe es doch gar nicht. Wahrscheinlich war der Typ immer noch auf dem Niveau von NORDMENDE Radios, mit „Magischem Auge“ versteht sich ... Oder hatten die GRUNDIG Geräte dieses „Magische Auge“? Ist ja auch egal, sahen jedenfalls alle meiner Meinung nach scheußlich aus. Auch wenn sie perfekt zu deutschen Wohnstuben mit ihren schweren Schrankwänden und den anderen Geschmacklosigkeiten passten. Natürlich benutze ich meine alten japanischen Geräte nur noch selten. Meine große Schallplattensammlung habe ich längst verkauft, nachdem ich die wichtigsten Platten digitalisiert habe. Kompaktkassetten habe ich ebenfalls keine mehr, aber das Abspielgerät verbinde ich mit so viel tollen Erinnerungen, davon will ich mich nicht trennen. Bin ich zu sehr vergangenheitsorientiert? Das W48 klingelt immer noch. Was für ein Klingeln! Nicht diese schrecklichen Synthesizergeräusche, mit denen diese Smartphones akustische Umweltverschmutzung betreiben, sondern ein einfaches, klares und grundehrliches Klingeln. Außerdem ist das W48 extrem pflegeleicht und funktioniert immer. Mich nervt es, dass man diese modernen Smartphones ständig aufladen muss, nur um all die Funktionen betriebsbereit zu halten, die man ohnehin kaum nutzt. Aber das ist einer der Widersprüche, mit denen ich lebe. Ich hasse diese Smartphones, benutze aber trotzdem eines. Und um noch eins draufzusetzen: Ich besitze sogar ein iPhone, obwohl ich die Produkt- und Preispolitik der Firma APPLE zutiefst missbillige …
Ich nehme den Hörer von der Gabel und melde mich mit »Hallo«. Ich finde das eigentlich unhöflich, aber Rita meinte, dass man tunlichst nicht seinen Namen am Telefon nennen sollte. Sie hat mir auch erklärt warum, den Grund habe ich vergessen. Ich habe ohnehin schon viel von ihr vergessen, dabei ist sie erst vier Jahre tot. Ich nehme mir oft eines unserer Fotobücher zur Hand, damit ich mich vergewissern kann, welch schönes Mädchen einst neben mir im Bett lag. Es ist eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Sagt man das überhaupt heute noch „am anderen Ende der Leitung“? Wahrscheinlich gibt es für die großen Entfernungen gar keine Leitungen mehr, oder? Egal. Die Frauenstimme fragt:
»Raimar, bist Du das?«
Klar, ich bin Raimar Nowitzky, wer sollte ich auch sonst sein?
»Ja, ich bin Raimar.«antworte ich »und wer sind Sie?«
»Andrea, Du erinnerst dich?«
Ist das jetzt ein Déjà-vu? Ich denke an die rosafarbene Einladung.
»Andrea?« frage ich zurück »die Andrea, mit der ich vor hundert Jahren verheiratet war?«
Andrea lacht und da weiß ich, dass es „meine Andrea“ ist. Es ist genau dieses Lachen, das mir schon damals so sehr an ihr gefallen hat.
»Es mag Dir wie hundert Jahre vorkommen, aber es sind genau 34 Jahre vergangen, seit unserer Trennung.«
Stimmt das? So schnell kann ich das gar nicht nachrechnen. Na, sie wird schon recht haben, sie war schon damals ein sehr präzises Mädchen.
»Andrea, schön von Dir zu hören. Wie geht es Dir?«
Es fällt mir partout keine originellere Frage ein. Aber was fragt man sonst in einer solchen Situation?
»Gut, alles bestens. Hast Du meine Einladung bekommen?«
Ich zögere einen Moment. Soll ich das zugeben oder besser den Unwissenden spielen? Ich übergehe die Frage und versuche das Gespräch auf eine andere Ebene zu schieben.
»Und Deinem Mann geht es auch gut? Hast Du eigentlich Kinder?«
Ich finde beide Fragen ausgesprochen blöd und irgendwie fühle ich, dass es Andrea ebenso geht.
»Du kennst doch meinen Mann gar nicht, oder?«
Natürlich kenne ich diesen Müller nicht und verspüre auch keinerlei Lust, ihn kennenzulernen.
»Ja, aber falls es Dich interessiert. Meinem Mann geht es gut und Kinder haben wir keine!«
»Wann hast Du denn wieder geheiratet? Sagtest Du nicht damals, von Heiraten, hättest Du genug? Nach der Pleite mit uns beiden.«
Ich bin jetzt sicher, Andrea von der rosafarbenen Einladung weg zu bekommen. Andrea lacht erneut.
»Also Großer, wenn Du es schon so genau wissen willst: Ich habe noch zweimal geheiratet. Mit meinem jetzigen Mann sind es aber auch schon wieder 22 Jahre.«
»Da habt Ihr ja das verflixte siebente Jahr schon mehr als dreimal überstanden?«
Ich merke, dass die Unterhaltung dank meiner Einfallslosigkeit immer weiter in Plattitüden abrutscht. Aber Andrea rettet die Situation mit ihrem Lachen. Ob dieses frische, ja beinahe jugendlich klingende Lachen zu ihrem jetzigen Aussehen passt? Ein sechzig Jahre altes Mädchen. Steht dem überhaupt so ein Lachen zu? Ist dieser Gedanke chauvinistisch oder einfach nur blöd?
»Wir feiern in drei Wochen eine Party. Eine Freundin, ein guter Freund und ich, wir werden alle sechzig. Da haben wir beschlossen, alle Menschen, die uns wichtig sind oder waren, einzuladen.«
Andrea macht eine kurze Pause, um dann zu ergänzen:
»Da gehörst Du zweifellos dazu.«
Ich war Andrea einmal wichtig? Nett, dass sie das so formuliert. Wir waren uns beide einmal sehr wichtig. Wir waren jung, leidenschaftlich und, was mich betrifft, unglaublich dumm. Ich habe tatsächlich geglaubt, meine Kreuz-und-quer-Vögelei vor Andrea auf Dauer geheim halten zu können. Na ja, das gehört jetzt nicht hierher.«
»Eine Party also?«
»Ja, und ich würde mich unbändig freuen, wenn Du und Deine Frau kommen würden.«
Der Satz trifft mich wie der Wurf eines äußerst aggressiven Messerwerfers. Er muss meine Lunge getroffen haben. Mit einem zischenden Geräusch entweicht meine Atemluft, wie bei einem angestochenen Fahrradreifen, explosionsartig nach draußen. Kommt jetzt der Herzstillstand? Ich glaube, das ist eher unwahrscheinlich, denn ein Herz habe ich seit Ritas Tod ohnehin nicht mehr. Von irgendwo ganz fern höre ich Andreas Stimme.
»He, Großer, bist Du noch da? Ich kann Dich nicht mehr hören.«
Ich versuche mich zu konzentrieren, aber die Schmerzen im Brustraum sind schwer erträglich. Ich bemühe mich, so normal wie möglich zu atmen, und zu klingen. Ich bin sicher, meine Stimme hat ihren Wohlklang verloren, sofern man bisher überhaupt von Wohlklang sprechen konnte.
»Ja, es ist alles gut. Ich bin noch da. Würdest Du gegebenenfalls auch nur mit mir vorlieb nehmen? Rita ist seit vier Jahren tot.«
Damit ist der Gesprächsfaden erst einmal gerissen und Andrea schweigt. Ich denke an Rita und ich bin nicht sicher, ob ich das Gespräch mit Andrea fortsetzen möchte. Eine gefühlte Ewigkeit unterbricht Andreas Stimme meine Gedanken.
»Das tut mir leid. Ich meine, das wusste ich nicht. War sie krank?«
»Es war ein Verkehrsunfall. So ein Arschloch hat nicht aufgepasst und uns auf dem Zebrastreifen erwischt. Ich hatte Glück, Rita nicht.«
Ich fühle tiefen Schmerz. Vier Jahre habe ich daran gearbeitet, diesen Schmerz weitgehend zu verdrängen, und jetzt das. Warum muss diese Andrea mich an diese schrecklichen Dinge erinnern? Das Bangen, ob Rita überleben wird. Dann schließlich der morgendliche Anruf aus dem Krankenhaus. Aus und vorbei. Es war für mich das Ende der Welt. Für eine Zeit war ich bereit, Rita zu folgen. Aber es fehlte mir der Mut für diesen finalen Schritt. Andrea reißt mich aus meiner tristen Gedankenwelt.
»Kommst Du zurecht?«
Was für eine Frage. Noch nie hat mir jemand diese Frage gestellt. Was ist das? Neugier? Empathie?
»Ich denke schon. Aber achtundzwanzig Jahre Ehe kann man nicht so einfach vergessen.«
Das will ich auch nicht, denke ich. Wir hatten eine tolle Zeit, meistens jedenfalls. Und wir hatten tollen Sex miteinander, auch meistens.
»Kannst Du zu unserer Party kommen? Ich würde mich sehr freuen, Dich wiederzusehen.«
Ich merke, Andrea will vom Tod meiner Frau weg. Das ist mir nur recht.
»Ja, ich komme gerne.«
Das ist eine Lüge, seit dem Tod von Rita bin ich auf keine Party mehr gegangen und auch diese Party reizt mich nicht im geringsten. Ich hoffe, dieses Gespräch ist bald zu Ende.
»Dann setze ich Dich auf die Liste. Hast Du unsere Einladung schon erhalten? Falls nein, dann kriegst Du diese bestimmt Morgen. Wir möchten übrigens keine Geschenke. Wenn Du etwas in dieser Richtung machen willst, dann spende an Greenpeace. Es steht alles in der Einladung.«
»An Greenpeace? Ich dachte immer, Du seist evangelisch?«
Andrea geht auf meine dümmliche Bemerkung nicht ein.
»Dann sehen wir uns in drei Wochen. Ich freue mich.«
Ich bemühe mich, eine seriöse Antwort zu geben.
»Ich mich auch. Grüß Deinen,« ich zögere einen Moment, »Herrn Müller. Unbekannterweise.«
Andrea lacht und legt auf.
Ich gehe zum Mülleimer und ziehe die rosafarbene Einladungskarte heraus. Ich kann es nicht glauben, was für ein Weichei ich bin. Warum habe ich Andrea nicht gesagt, dass sie mich nach über 34 Jahren nicht mehr im Mindesten interessiert? Ich hatte sie komplett vergessen, so wie auch die anderen Mädels aus jener Zeit. Mich interessieren seit Ritas Tod ohnehin keine Mädchen oder Frauen oder Fotzen oder, wie immer man das bezeichnen will, mehr. Auch bin ich seit Ritas Tod nicht mehr auf irgendeiner Party gewesen, obwohl ich etliche Einladungen bekommen habe. Freunde haben in den ersten beiden Jahren nach Ritas Tod öfters versucht, mich auf die eine oder andere Art aufzuheitern. Manchmal haben sie auch versucht, mich mit irgendwem zu verkuppeln. Dem habe ich stets einen Riegel vorgeschoben. Mit jemandem in meinem Alter etwas anfangen? Eine total gruselige Vorstellung. Das Aussehen, der Geruch, die Eigenheiten dieser späten Mädchen erzeugen bei mir spontanen Brechreiz. Ja, mit Rita war das etwas komplett anderes. Rita war immer sehr gepflegt, sehr sauber, sehr gut angezogen, drüber und drunter, und überhaupt bis zuletzt eine Schönheit. Wird dieser Blick zurück getrübt vom Schmerz des Verlustes oder sehe ich meine Zeit mit Rita real und klar? Wie auch immer, seit zwei Jahren ist Ruhe. Außer meinen Golffreunden ruft niemand mehr an, und das ist auch gut so. Und jetzt soll ich ausgerechnet zur Geburtstagsparty meiner Ex gehen? Wie bescheuert ist denn so was?
Auf der Einladung steht hinten und ziemlich klein der Hinweis auf Greenpeace einschließlich deren Kontoverbindung. Hier wird anscheinend nichts dem Zufall überlassen. Wie viel soll ich überweisen? Zwanzig Euro? Das ist sicher zu schoflig. Hundert Euro? Ist das zu viel für ein sechzig Jahre altes Mädchen? Ach was, Greenpeace wird schon irgendeinen Blödsinn damit anstellen. Ich überweise 200 Euro, und als Verwendungszweck schreibe ich „Geburtstag Andrea Müller“ in der Hoffnung, dass Greenpeace Andrea darüber informiert, wie großzügig ich unter Umständen sein kann. Welche Umstände? Bevor ich die Einladung beiseitelege, schaue ich sie mir noch einmal genau an. Stehen dort irgendwelche Absenderangaben? Fehlanzeige. Ich gehe zum Mülleimer und entnehme den Umschlag. Tatsächlich finde ich dort die Adresse von Andrea Müller, die allerdings nicht identisch ist mit dem Ort der Geburtstagsparty. Ich habe so eine Marotte. Ich nehme alle Namen, Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Daten, und was weiß ich sonst noch, in eine Art Datenbank in meinem Laptop auf. Das hat sich schon öfter als hilfreich erwiesen und der Aufwand ist im Verhältnis zum Nutzen gering. Leider ist keine Telefonnummer angegeben. Heutzutage scheuen sich viele Menschen, ihre Telefonnummer zu veröffentlichen, weiß der Teufel warum. Ich google Andreas Adresse und tatsächlich finde ich im Internet auch eine Festnetznummer. Damit finden die Kerndaten von Andrea Müller ihren Platz in meiner Adressdatenbank. Sicherheitshalber übernehme ich ihre Festnetznummer auch noch in mein iPhone.
Andrea. Seltsam, dass sie sich nach so langer Zeit meldet. Wie hat sie mich überhaupt ausfindig gemacht? Na klar, wir Jungs ändern ja in der Regel nicht unseren Namen, und da ist das „ausfindig machen“ über das Internet wohl kein so großes Problem, oder? Es ist also tatsächlich „meine Andrea“. Ich erinnere mich jetzt ziemlich genau an jene Zeit. Ich war damals gerade nach Kreuzberg gezogen. Das war für Studenten die ideale Wohngegend. Die Mieten waren billig und es gab reichlich Wohnraum, weil viele Menschen nach dem Mauerbau die Stadt verlassen hatten. Überhaupt war West-Berlin zu dieser Zeit die tollste Stadt der Welt. Na ja, zumindest meiner Welt. Das Reservoir an Menschen, die sich um jeden Preis amüsieren wollten, schien schier unerschöpflich zu sein. Hilfreich beim 24-stündigen Amüsement war der Umstand, dass es weder eine Polizeistunde noch eine Getränkesteuer gab. In den Westberliner Eckkneipen kostete das große Bier so um die 50 Pfennig, und ein Schnaps war für 15 Pfennig zu haben, glaube ich jedenfalls. Da konnte man sich problemlos für drei Mark besaufen. Allerdings waren Eckkneipen nicht unbedingt mein Fall. Mich zog es dorthin, wo andere Studenten und ähnliche Nichtsnutze den Abend und die Nacht verbrachten. Meistens begannen wir unsere abendliche Sauftour bei „Leydicke“. In der sogenannten Likörfabrik wurden scheußlich süße Obstweine und selbst gebrannte Liköre ausgeschenkt. Die Liköre habe ich allerdings nur einmal probiert. Nachdem ich sechs oder acht dieser „Bretterknaller“ in mich hinein geschüttet hatte, war für mich der Abend ganz schnell zu Ende. Ich habe es gerade noch in mein Bett geschafft, was nicht einfach war, da dieses bedenklich durch den Raum schaukelte und nur sehr schwer festzuhalten war …
Die Liköre sollen auch der Grund für eine unter Leydicke-Stammgästen grassierende Dauer-Amnesie gewesen sein. Kredenzt wurden die merkwürdigen Leydicke-Getränke von Lucie. Solange es das Wetter zuließ, und das war nach Meinung der Leydicke-Stammgäste fast immer, fand der wichtigste Teil der Vergnügungen nicht in, sondern vor der Kneipe statt. Da herrschte dann ein unglaubliches Gedränge um die zahlreichen Stehtische und es war oft schwer, überhaupt einen Platz zu finden. Ich habe nie verstanden, wie es möglich war, dass Lucie Leydicke scheinbar synchron an all diesen Stehtischen gleichzeitig bedienen konnte und jeder letztlich genau das Getränk erhielt, was er bestellt hatte. Trotz des Chaos, welches hier herrschte, schien alles korrekt zuzugehen. Selbst die Schlussrechnungen waren immer stimmig. Oder waren wir zu betrunken, um das überhaupt noch nachvollziehen zu können? Lucie war beileibe kein junges, sondern ein schon ziemlich altes Mädchen. Für ihre Berliner Kodderschnauze hätte sie eigentlich einen Waffenschein benötigt. Mann war das ein Luder, wenn auch mit viel Herz. Ihr Humor war zielsicher, schlagkräftig und mäßig beleidigend. Außerdem war sie sehr demokratisch: Niemand war vor ihren beißenden Bemerkungen sicher.
Ich war an diesem Abend später als sonst zu Leydicke gekommen, weil mich ein im übrigen völlig blödsinniges Seminar noch bis in die Abendstunden aufgehalten hatte. Als ich bei Leydicke eintraf, sah ich, dass Lucie sich als Opfer für einen ihrer berühmten Dispute ein attraktives Mädchen ausgesucht hatte. Mir gefielen ihre langen dunkelbraunen Haare, die einen leichten Rotstich aufwiesen, ihr kleiner, fester Busen, ihre langen schlanken Hände und auch ihre Beine waren sehr o.k. Für einen solchen Ganzkörperscan habe ich immer nur ein paar Sekunden gebraucht. Dieses Mädchen war Andrea. Sie hat mir nie erzählt, was der Grund für die Auseinandersetzung mit Lucie war, und wahrscheinlich gab es auch gar keinen. Jedenfalls ließ Lucie eine ihrer berühmt berüchtigten Tiraden ab. Es muss sie sehr erstaunt haben, dass Andrea keineswegs wie die anderen Gäste reagierte, die üblicherweise Lucie recht gaben, um sie damit zufriedenzustellen und los zu werden. Nein, Andrea hatte offensichtlich Spaß daran, Lucie immer weiter zu reizen. Damit riskierte sie Lokalverbot. Lucie sprach ständig solche Verbote aus. In aller Regel waren die aber bereits am nächsten Abend vergessen. Aber bei Lucie wusste man nie… Mir war klar, dass die ganze Sache völlig blödsinnig war, und ich griff mir aus irgendeinem Grund Lucie, umarmte den alten Drachen liebevoll und säuselte ihm ins warzenbesetzte Ohr:
»Lucie, ich wisch jetzt erst einmal das Blut auf. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir zwischenzeitlich etwas zum Trinken organisieren könntest.«
Tatsächlich ließ Lucie von Andrea ab. Wahrscheinlich war sie froh, sich jetzt ohne Gesichtsverlust auch den anderen Gästen zuwenden zu können. Natürlich gab es zum Schluss noch ein paar bissige Bemerkungen Richtung Andrea. Danach brachte Lucie mein Getränk, würdigte Andrea keines Blickes mehr und damit war die Sache erst einmal vergessen. Andrea hatte sich inzwischen wieder ihren Freunden zugewandt. Während ich den Obstwein in mich hinein schüttete, überlegte ich krampfhaft, wie ich Andrea ansprechen konnte. Es fiel mir nichts ein. Da drehte sie sich unvermittelt zu mir um.
»Ich hätte Deine Hilfe nicht benötigt. War aber trotzdem nett von Dir. Wir haben jetzt genug von dem Zeug hier und fahren woanders hin. Kannst ja mitkommen.«
Ich erinnere mich noch heute, wie überrascht ich von diesem Angebot war, zumal Andrea offensichtlich ihren Typ dabei hatte. Wir quetschten uns also zu fünft in ein Taxi, was den Fahrer nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinriss und fuhren zur „Kleinen Weltlaterne“. Ich kannte diese Kneipe nur vom Hörensagen. Sie galt damals als „Geheimtipp, den jeder kannte“. Man erzählte sich, dass die „Weltlaterne“ ein Künstlertreff sei, wobei der Begriff „Künstler“ wohl sehr weit ausgelegt wurde. Lebenskünstler, Hungerkünstler und andere Originale der Kreuzberger Elite machten wohl die Mehrheit der Gäste aus. Mich faszinierte der Kneipenname „Kleine Weltlaterne“. Ich konnte mir zwar nichts darunter vorstellen, fand den Namen für eine Kreuzberger Kneipe aber höchst originell. Später erfuhr ich, dass der Name auf ein Buch eines Schriftstellers namens „Peter Bamm“ (über den weiß ich bis heute nichts) zurückging, der mit der Laterne die „Kulissen dieser Welt beleuchten“ wollte. Solche Aphorismen fanden wir damals toll, weil wir glaubten, damit unseren Intellekt öffentlich zur Schau tragen zu können.
Ich war im Übrigen bereits mit einer Kreuzberger Künstlerkneipe bestens versorgt. Meine Lieblingskneipe war der „Leierkasten“.Der war eine echte Berliner Bohème-Kneipe. Als ich Mitte der sechziger Jahre nach Berlin kam, ich hatte vor der Bundeswehr Reißaus genommen, hatten Kurt Mühlenhaupt und sein Bruder Willi diese Kneipe übernommen. Die beiden haben den Leierkasten dann zu einem beliebten Treffpunkt der Berliner Künstlerszene entwickelt. Hätten sie ein Gästebuch geführt, was sie selbstverständlich als spießig abgelehnt hätten, dann wären darin Namen wie Günter Grass, Artur Märchen, Wolfdietrich Schnurre oder Friedrich Schröder-Sonnenstern aufgetaucht. Das Ambiente der Kneipe machten aber nicht die berühmten Namen, ich habe nie einen von diesen großen Künstlern dort gesehen, sondern die Protagonisten des Hauses aus. Charakteristisch war, dass sie alle mit gänzlich unpoetischen Beinamen versehen waren. Diese galten unter den Eingeweihten wie hohe Auszeichnungen, man trug sie mit Stolz, obwohl ich nie verstanden habe, warum: FotzenCharly, SchrottJochen, IdiotenHarry, SalmonellenBert, PornoUwe … Kaum einer der Stammgäste kam ohne Beinamen davon. Lediglich der Wirt Kurt Mühlenhaupt, der sich übrigens zugleich als Trödler und Maler betätigte, erhielt keinen solchen despektierlichen Beinamen. Wer von ihm anerkannt und geschätzt wurde, durfte ihn „Kurtchen“ nennen. Ich durfte das nicht.
Der Leierkasten war keine typische Berliner Säuferkneipe, obwohl hier wahrscheinlich mehr gesoffen wurde, als sonst irgendwo in der Stadt. Während vorne in der Kneipe kräftig gezecht wurde, sollen im Hinterzimmer richtige Kunstwerke wie zum Beispiel die „Biertrinkerblätter aus dem Leierkasten“ entstanden sein. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Gesehen habe ich solche Kunstwerke jedenfalls nicht. Für gelegentlich Auftritte irgendwelcher Musikgruppen verfügte der Leierkasten sogar über eine kleine Bühne. Ich erinnere mich genau, dass der Boden vor der Bühne so ekelhaft klebrig von verschütteten Getränken war, dass ich mit meinen Kreppsohlen, die waren damals voll im Trend, immer in Gefahr stand, dort für immer kleben zu bleiben. Ich schwöre, ich habe die Geschichte selbst gehört: der Schlagzeuger der White Eagle Band hat sich bei Kurtchen beschwert, dass sein Schlagzeug nicht mehr richtig funktionieren würde, weil die Pedalen von Hi-Hat und Bass Drum verklebt waren… Überhaupt, an den Schmutz in dieser Kneipe erinnere ich mich noch ganz genau. Obwohl ich damals schon ein geübter Sitzpinkler war, das hatte mir meine Mutter eingetrichtert, habe ich mich nie auf den versifften Toilettendeckel setzen können!
Wir landeten also an jenem Abend in der „Kleinen Weltlaterne“. Ich war ein wenig enttäuscht, denn hier war wenig von der Bohème-Atmosphäre eines „Leierkastens“ zu spüren. Eigentlich war es eine typische Berliner Kneipe ohne viel Flair. Nur die vielen Bilder an den Wänden und selbst hinter dem Tresen demonstrierten, dass hier wohl auch Künstlern zu den Gästen zählten. Richtig faszinierend war allerdings die Wirtin, eine hochgewachsene Frau mit einem riesigen Busen, einem freundlichen Blick und einem sächsischen Akzent. Hertha Fiedler war wohl schon damals eine Institution in der Westberliner Szene. Ich fand die Kneipe ganz o.k., bis Kellner Tadeusz auftrat. Ich schreibe das ganz bewusst „auftrat“, denn er schien die Kneipe mit der Bühne eines Schmierentheaters zu verwechseln. Was dieser Typ an Dreistigkeit gegenüber seinen Gästen, oder besser gesagt gegenüber seinem Publikum, aufbot, das war schon starker Tobak. Während man bei Lucie Leydicke immer noch eine Spur Herz und Freundlichkeit entdecken konnte, war Kellner Tadeusz in meinen Augen, na man soll über Tote nichts Schlechtes berichten. Nur mit Mühe konnten an diesem Abend einige Stammgäste verhindern, dass Tadeusz mit seinem berüchtigten Striptease begann, bei dem er seinen Bierbauch wie eine Bauchtänzerin kreisen ließ. Das Irre war, dass sich niemand an Tadeusz zu stören schien. Im Gegenteil, die Gäste quietschten vor Vergnügen über seine groben Scherze, was ich schon sehr eigentümlich fand.
Andrea und ich hatten bis zu diesem Moment kein einziges Wort miteinander gewechselt. Ich fand die Atmosphäre in dieser Kneipe eher befremdlich, sodass ich nach einem passenden Absprung aus diesem absurden Theater suchte. Die Gelegenheit war günstig, da bislang niemand eine Bestellung aufgenommen oder sich sonst um uns gekümmert hatte. Plötzlich fühlte ich Andreas zarte Hand, sie hatte unglaublich lange und feingliedrige Finger, auf meinem Oberschenkel und sie raunte mir, soweit das bei der in diesem Lokal herrschenden infernalischen Lautstärke überhaupt möglich war, ins Ohr:
»Komm, lass uns gehen!«
Für einen Moment begriff ich nicht, was hier geschah, aber ich folgte brav ihrem Vorschlag, und Andrea und ich verließen diesen merkwürdigen Ort. Andrea hatte sich nicht die Mühe gegeben, sich von ihren Begleitern zu verabschieden. Es waren auch, wie sich später herausstellte, keine intimen Freunde, sondern Kommilitonen aus ihrem Semester. Ich fragte sie, ob sie noch woanders etwas trinken wolle, aber sie schüttelte den Kopf.
»Wohnst Du hier in Kreuzberg?«
Meine Wohnung, oder besser gesagt, meine Behausung, im zweiten Hinterhof einer Kreuzberger Mietskaserne, war nicht allzu weit von der „Kleinen Weltlaterne“ entfernt. Ich war nie, auch damals nicht, ein Freund von „One-Night-Stands“. Insofern passte ich nur bedingt in die Westberliner Szene, wo bereits 14-Jährige mit dem Sex begannen und überhaupt wild durcheinander gevögelt wurde. Ich war der Provinzler und der altmodische Typ, der zunächst liebevolle warme Zuneigung, elektrisierende Berührungen, Geruchs- und Geschmackserlebnisse und so ein Zeug braucht, um ein Mädchen zu begehren. Andrea war das Instant-Mädchen, das sämtliche Voraussetzungen mitbrachte, in komprimierter Form. Wir brauchten keine lange Vorbereitungszeit, um zu erkennen, dass alle Voraussetzungen für eine perfekte Liebesnacht erfüllt waren. Es knallte in dieser Nacht so heftig, dass ich danach jeden Gedanken darauf verwandte, Andrea für immer und ewig an mich zu binden.
Andrea lebte damals noch bei ihrer Mutter. Genauer gesagt, in der Wohnung lebten sie zu dritt, denn es gab da auch noch eine Großmutter, ein fürchterlicher Drachen, der aus seiner Abneigung mir gegenüber keinerlei Hehl machte. Andreas Vater hatte sich bereits nach drei Ehejahren verpisst, da war Andrea gerade einmal zwei Jahre alt. Andrea mochte ihren Vater mehr als ihre Mutter. Allerdings hatte ihr Vater mit seinen zahlreichen Frauen, er war glaube ich insgesamt sieben Mal verheiratet und jedes Mal war ein Kind dazu gekommen, so viel zu tun, dass er für Andrea nur wenig Zeit erübrigen konnte. Wie dem auch sei, Andrea fand es in Kreuzberg und bei mir sehr gemütlich und nach und nach schaffte sie alles, was sie so zum Leben brauchte, in meine Wohnung, was schon angesichts der Größe oder besser gesagt der Kleinheit der Wohnung eine Meisterleistung war. Wir entdeckten ziemlich schnell, dass wir viele identische Vorlieben hatten, was Kneipen, Literatur, Kino, Theater und natürlich Sex anging.
Andrea war das unkomplizierteste Wesen, das ich je kennenlernen durfte. Sie hatte bereits mit 13 ihren ersten festen Freund und die beiden hatten ernsthaft überlegt, nach Gretna Green auszubüchsen. Dort in Schottland durften damals Jungen mit 14 und Mädchen mit 12 Jahren eine Ehe ohne elterliche Zustimmung schließen. Das war schon ziemlich abgefahren. Im Vergleich zu Andrea bin ich ein Spätzünder gewesen, auf solche Ideen wäre ich als Jugendlicher nie gekommen. Ihr Vater hatte allerdings von der Sache Wind bekommen und seine Tochter daran gehindert, den ersten großen Fehler in ihrem noch jungen Leben zu begehen. Wir verbrachten damals eine tolle Zeit auf dem Kreuzberger Trampelpfad zwischen „Leydicke“, der „Nulpe“, dem „Yorck-Schlösschen“, wo man fröhlichen Blues und Cordhosen-Jazz genießen konnte, dem „Delirium“, der „Kleinen Weltlaterne“, dem „Leierkasten“ und wie diese Treffs der Säufer- und Künstlerszene, was durchaus kein Widerspruch war, geheißen haben mögen. Wenn Andrea und ich von Kreuzberg genug hatten, gingen wir ins zivilisierte Wilmersdorf und dort vorzugsweise in die Galerie Bremer am Fasanenplatz. Galerie klingt nach Bildern, Skulpturen, Ausstellungen und so weiter. Das ist im Prinzip auch richtig, auch wenn wir nicht in erster Linie deswegen dorthin gingen. Hinter den Ausstellungsräumen der Galerie hatte der Architekt Hans Scharoun eine kleine, aber sehr gemütliche Bar eingerichtet. Zugegeben, ich wusste damals nur wenig über den Architekten Scharoun außer, dass wir ihm in Berlin die „Philharmonie“ zu verdanken hatten, aber die Bar in der Galerie Bremer fand ich sensationell. Über die Bar, und wohl ebenfalls über die Galerie, herrschte damals ein holländischer Charmebolzen namens Rudi oder so ähnlich. Ich gebe zu, ich habe die Holländer schon immer gemocht, nicht nur wegen ihrer charmanten Art, Deutsch zu reden. Meine ersten Kontakte mit holländischen Mädchen hatte ich bereits mit fünfzehn, und auch wenn das alles noch harmloses Geschmuse war, so haben mich die Erinnerungen daran nie losgelassen. Später, da war ich schon ein ganzes Stück über zwanzig, habe ich an der Costa Brava ein wundervolles holländisches Mädchen kennengelernt. Auch wenn es nur eine zweitägige Urlaubsliebe war: Ich kann mich nicht erinnern, und die anderen Mädels mögen mir das jetzt verzeihen, dass ich jemals so zärtlichen, liebevollen, herrlichen Sex hatte. Merkwürdig, ich glaube mich an jede Minute mit diesem Mädchen erinnern zu können, aber das ist natürlich Blödsinn. Jedenfalls hatte dieser holländische Rudi die Galerie Bremer zu einem der tollsten kulturellen Treffpunkte Berlins gemacht. Man erzählte sich später, dass hier über Jahrzehnte West-Berliner Kunstgeschichte geschrieben wurde. Rudi begrüßte jeden Gast persönlich, meist mit Handschlag und mit einem »Welcome to this beautiful Land«. Dann folgte eine Lachsalve, die ich noch heute im Ohr habe. Rudi muss damals so um die fünfzig gewesen sein. In unseren Augen also eigentlich ein alter Mann. Aber irgendwie erschien er uns zeitlos. Ich habe ihn Jahrzehnte später noch einmal gesehen und er hatte sich kaum verändert. Er war wirklich zeitlos!
Die Bar verströmte eine lässige Eleganz. Die Wände waren in dunklem Grün gestrichen, darauf hingen Bilder, ich glaube unter anderem aus der Geschichte der Galerie. Unter den Bildern befand sich eine große schwarze Holzbank, davor schwarze Tische und Stühle im Fünfziger Jahre Design mit roten Sitz- und Rückenkissen aus Markisenstoff. An den Wänden hingen Lampen aus gewellten Kupferblechen. Der Bartresen war vorne mit abgestepptem Goldstoff verkleidet. Es waren ganz alltägliche Materialien, die man hier verwendet hatte, aber irgendwie hatte das Ganze eine fast magische Eleganz und Gemütlichkeit. Das fanden übrigens auch viele berühmte Zeitgenossen. Es hieß Billy Wilder, Bubi Scholz, Harry Belafonte, Hildegard Knef, Klaus Kinski, Romy Schneider und viele andere seien hier Gast gewesen. Wir haben nie irgendwelche Berühmtheiten dort gesehen. Vielleicht waren wir immer zu den falschen Zeiten dort? Die Namensgeberin der Galerie war übrigens Anja Bremer, die Lebensgefährtin von Rudi. Es hieß, dass sie nach dem Krieg den einst von den Nazis verfolgten Künstlern Ausstellungsmöglichkeiten in ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung in Friedenau geboten hätte. Die Vernissage-Beköstigung bestand angeblich aus amerikanischer Dosensuppe und russischem Wodka. Die geistige Kost bestand aus Werken von Beckmann, Feininger, Kirchner, Klee, Kokoschka, Nolde und Pechstein. Mann, das hätte ich gerne gesehen! Später soll sie sogar einmal Grafik von Picasso gezeigt haben. Eine Sensation in den schwierigen Jahren nach der Währungsreform und sicherlich ein Meilenstein im Westberliner Kunstgeschehen. Irgendwann zog sie dann mit ihrer „Galerie“ in die Fasanenstraße, in die Räume einer ehemaligen Tischlerei. So entstand die Galerie Bremer. Mich durchzieht ein wohliges Kribbeln, wenn ich an all diese Geschichten und an unsere gemeinsamen Abende dort denke. Ich wundere mich, dass mir das alles auf einmal wieder einfällt. Ich habe viele Jahre, ja Jahrzehnte, nicht mehr daran gedacht.
Andrea war bis zu unserem Kennenlernen nie dieser skurrilen bis bizarren Welt begegnet. Jetzt sog sie alle Geschichten um die Berliner Künstlerszene gierig in sich auf. Systematisch klapperten wir an den Wochenenden auch die staatlichen Kunstsammlungen ab und nach einiger Zeit verstand Andrea wesentlich mehr von der in Berlin versammelten Kunst und Szene als ich. Ihr kam zugute, dass sie ein phänomenales Namensgedächtnis hatte, und sie konnte meist schon aus einiger Entfernung zu den Kunstwerken den Namen des jeweiligen Künstlers oder der Künstlerin nennen. Ich wollte es ihr gleichtun und begann mich ebenfalls für das Leben einzelner Künstler zu interessieren, um Andrea mit interessanten und pikanten Einzelheiten zu beeindrucken. Ich hatte keine Chance. Oft kannte sie die Einzelheiten besser und korrigierte mich manchmal schulmeisterlich, was mir gar nicht gefiel.
Zwei Jahre nach unserem Kennenlernen machten wir uns mit meinem grauen klapprigen VW-Käfer auf in Richtung Süden. Wir schauten kurz bei meinen Eltern in Westdeutschland vorbei. Die waren nicht sonderlich begeistert, dass ich schon wieder eine neue Freundin mitbrachte. Deshalb blieben wir auch nur zwei Tage, vor allem auch, weil uns mein jüngerer Bruder auf die Nerven ging. „Jüngerer Bruder“ klingt so, als ob es noch einen älteren Bruder gegeben hätte. War aber nicht an dem. Mein Vater war, glaube ich, schon mit zwei Kindern überfordert, ein Drittes hätte zur Katastrophe geführt. Na ja, meine Familie war auch so eine Katastrophe. Jedenfalls fuhren wir dann schnurstracks nach Paris. Das war damals einer der Sehnsuchtsorte für Leute unseres Schlages. Wir mieteten uns in ein Billighotel nahe des Boul’Mich‘, wie die Franzosen den Boulevard St. Michel nannten, ein. Es war Ende August und Paris glühte unter einer sengenden Sonne. Wir verzichteten deshalb darauf, tagsüber das Hotelzimmer zu verlassen. Da es keinerlei Zimmerservice gab, konnten wir ungestört den ganzen Tag im Bett verbringen. Zwischen unseren zahlreichen Ficks ging ich runter an die Ecke, wo sich ein Krämerladen befand. Dort kaufte ich Mineralwasser, billigen Rotwein, Baguette und Käse. Ich glaube, es war meistens Camembert oder Brie. Andrea war im Ficken unersättlich, und das gefiel mir außerordentlich. Wir probierten alles aus, was uns da so an aufregenden Dingen einfiel. Nur die Sadomaso-Strecke ließen wir aus. Wir wollten es beide zärtlich und gefühlvoll. Verdammt, das Mädchen schmeckte so lecker und ich konnte nicht genug kriegen von ihrer Pussy und manchmal auch von ihrem Popoloch. Sobald es in den Straßen etwas kühler wurde, durchstreiften wir in langen Spaziergängen die angesagten Gegenden rund um den Boul’Mich‘ und entlang des Seine-Ufers. Dort, insbesondere am Pont Neuf, trafen sich Clochards, Existenzialisten, Hippies (seit wann gibt es eigentlich diesen Begriff?) und andere amüsante Nichtsnutze, um sich die gesamte Nacht, oder zumindest den größten Teil davon, gemeinsam zu amüsieren.
Irgendwann fuhren wir dann weiter Richtung Süden. Unsere nächste Station war Montelimar, wo wir uns mit französischem Nougat, diesem mit Nüssen und Mandeln gefüllten weißen weichen Konfekt, gründlich den Magen verdarben. In Avignon aßen wir die köstlichste Bouillabaisse unseres Lebens. Das wussten wir allerdings damals noch nicht – es war unsere erste Bouillabaisse! Zu der Fischsuppe wurden wir übrigens quasi gezwungen. Wir bekamen das Zimmer nur mit der Zusicherung, in dem Gasthof auch das Abendessen einzunehmen. Eigentlich hatten wir vor, die restliche Zeit an der spanischen Costa Brava zu verbringen. Schlecht gekleidete und stark alkoholisierte Deutschmassen demonstrierten uns in Lloret de Mar die hässliche Fratze des damals zur Hochform auflaufenden teutonischen Massentourismus. Nach zwei Tagen suchten wir das Weite. In Barcelona begeisterten wir uns an den Werken Gaudis und nach zwei Tagen Barcelona beschlossen wir, das Auto im Parkhaus am Hafen stehen zu lassen und die Fähre nach Ibiza zu nehmen.
Andrea war todunglücklich, als sie herausfand, dass die Schlafkojen nach Geschlechtern getrennt waren. Sie hatte auf Sex in einem, die Wellen in rasanter Fahrt teilenden, Schiff gehofft. In dieser Zeit war das, wenn überhaupt, nur Schwulen und Lesben vergönnt, denn Männlein und Weiblein waren im Spanien Francos auf dem Schiff streng getrennt. Auch war von rasanter Fahrt nichts zu spüren. Das Schiff war ein langweiliger Seelenverkäufer, der meines Erachtens nur noch vom Rost zusammengehalten wurde. Nachdem Andrea sich in ihren Schlafsaal zurückgezogen hatte, war ich zum Oberdeck Deck gegangen, wohl auch, um den Gerüchen des Männerschlafsaales zu entkommen. Man brauchte keinerlei Sachverstand, um festzustellen, dass von den Rettungsbooten kaum so etwas wie „Rettung“ zu erwarten war. Überall an den Schiffswänden blätterte die Farbe ab, was einen freien Blick auf die rostige Konsistenz des Schiffsleibes ermöglichte. Ich habe es immer vermieden, Andrea von meinen Beobachtungen zu erzählen und war froh, als wir am nächsten Morgen tatsächlich den Hafen von Ibiza erreichten. Wir blieben drei Tage auf Ibiza, dann hatten wir Discos und Partyrummel und das ganze drum herum gründlich satt. Spanien war bis dahin so ganz anders, als wir es uns erträumt hatten. Wir hatten auf ein Paradies gehofft mit kristallklarem Wasser und herrlichen weißen Sandstränden. Das fanden wir auf Ibiza definitiv nicht. Schließlich kam Andrea auf die Idee, vor unserer Rückreise noch kurz der Nachbarinsel von Ibiza, Formentera, einen Besuch abzustatten. Gleich am Hafen empfing uns Paco mit einer Schubkarre, in der er ohne lange zu fragen unser Gepäck und das von zwei weiteren Mitreisenden verlud, um uns dann zu seinem Hotel zu bringen. Die Bezeichnung „Hotel“ war zwar nach heutigen Maßstäben sehr hoch gegriffen, aber das einfache, weiß gekalkte, Zimmer mit einem brauchbaren Bett und einem weniger brauchbaren Kleiderschrank gefiel uns, auch was den Preis anging. Die Preise waren zu jener Zeit ohnehin fix, dafür sorgten die Kontrollbeamten des Generalissimus. Wir hatten drei Tage eingeplant und blieben drei Wochen. Es war eine der herrlichsten Zeiten meines Lebens.
Die Tage verbrachten wir am türkisfarbenen Meer hinter den Salinen in der Nähe einer alten Salzmühle. Das Meer wird dort durch eine Landzunge geteilt, sodass zwei kleine Buchten und die mit makellosen weißen Sandstränden entstanden waren. Die Einheimischen nannten die Strände Ost- und Illetas-Strand. Niemand nahm daran Anstoß, dass der eigentliche „Illetas-Strand“ auf Mallorca liegt, und es dort zu einer Berühmtheit unter den Touristen gebracht hatte. Je nach Windrichtung war das Meer in einer der Buchten spiegelglatt, während es in der anderen Bucht bisweilen stürmisch zuging. Je nach Gusto wählten wir also die eine oder die andere Bucht zum Baden. Hier hatten wir endlich unser Paradies gefunden: Weiße Sandstrände, türkisblaues kristallklares Meer und eine Sonne, vor der wir häufig in dem nahen Pinienwald Schutz suchen mussten. Andrea interessierte sich intensiv für die Vegetation der Insel. Weiß der Teufel, wo sie das gelernt hatte. Plötzlich hielt sie mir Vorträge über Mandel-, Oliven-, Johannisbrot- und Feigenbäume. Sie ersetzte dabei oft Sachkenntnis durch überzeugende Rhetorik, glaube ich zumindest. Weiterhin faszinierten sie die unterschiedlichen Farben der Drillingsblume. Mit großer Begeisterung zeigte sie mir violette, rosafarbene und rote Exemplare. Sie kannte sogar deren lateinische Namen, ich habe so was immer sehr schnell wieder vergessen. Andreas war eben in mancher Hinsicht ganz anders gepolt.
Zu Pacos Hotel gehörten ein kleines Restaurant und eine gut sortierte Bar. Na ja, die Bezeichnungen „Restaurant“ und „Bar“ sind vielleicht etwas hoch gegriffen, aber geschmeckt hat es uns dort immer und auch unsere Mägen und Därme haben nicht revoltiert. Wir hatten uns schon bald nach unserer Ankunft eine Art Moped gemietet und waren so leidlich mobil. Dadurch konnten wir auch die anderen Etablissements der Insel erkunden, zumindest die in den Hauptorten der Insel. Hier machten wir tolle Erfahrungen mit der spanischen Küche. Es gab ja damals noch eine Menge Fische im Mittelmeer, die die Spanier auf herrliche Weise zuzubereiten wussten. So sehr Andrea diese Fischgerichte liebte, für „Formenteraschwein“ im Restaurant „La Tortuga“ konnte ich sie nicht begeistern. Vielleicht lag das auch daran, dass aus dem Blätterdach über der Patio gelegentlich alles mögliche (und unmögliche) Getier auf die Tische und manchmal auch ins Essen fiel.
Viele späte Abende verbrachten wir in der Fonda Pepe. Eigentlich ein Hippie-Treffpunkt, aber mit einem einzigartigen Ambiente. Auch wenn viele Hippies nicht das Geld hatten, hier ausgiebig zu essen oder zu trinken, die Fonda war ihre Verbindung zur Außenwelt. Hierher ließen sie sich ihre Post schicken, hier hinterließen sie an der Säule in der Lokalmitte ihre Nachrichten: „Billige Finca gesucht.“ „Hi, Rosa, bin mit Andie und Mona bei John in San Francisco“ und so ähnlich, lauteten die Nachrichten. Die Kneipe, einem ungemütlichen Wartesaal nicht unähnlich, war manche Nacht dermaßen voll, dass die Drinks von der Zapfstelle durch mehrere Reihen dicht gedrängt vor der Theke stehender Gäste gereicht werden mussten. In der Fonda wurde bis weit nach Mitternacht gebaggert, gesoffen, gedealt, geschnorrt...
Hinter der Fonda war eine winzige Terrasse mit einer niedrigen Mauer. Diese Mauer wurde später sogar eine Touristenattraktion. Bei uns hieß sie damals die „Philosophenmauer“. Einige der Typen, die hier scheinbar Tag und Nacht hockten, waren so stoned, dass sie wirklich aussahen wie versteinerte Denker. Die meisten Gäste der Fonda in jener Zeit waren unvermögende, dafür aber umso durstigere Gestalten, die hier ihren Traum vom ungebundenen Leben wahr machten, und sei es auch nur für ein paar Wochen. Hier hatte man für die Goldkettchenträger, Ballermänner, der Begriff war damals, glaube ich, noch nicht erfunden, die entsprechenden Typen aber schon, und Discobräute, die die Nachbarinsel Ibiza bevölkerten, nur pure Verachtung übrig. Andrea und ich gehörten eigentlich nicht zu diesem edlen Kreis ausgestiegener Nichtsnutze, aber wir fühlten uns hier pudelwohl. Gelegentlich, das heißt fast immer, leisteten wir uns eine, o.k. ich gebe zu, meistens wurden es mindestens zwei, Flaschen spanischen Sekt, wobei uns schon damals die Marke „Freixenet“ am besten schmeckte. Weiß der Teufel, wie wir das alles bezahlten. Denn in einem waren wir den Typen der Fonda nicht unähnlich, Geld war bei uns ebenfalls sehr knapp…
Wir sind von da an jeden Sommer nach Formentera gefahren und konnten nicht genug bekommen von dieser einmaligen Mischung aus Sonne, Sand, Meer, urigem spanischen Essen und Trinken und der lebendigsten Meute lebenslustiger Nichtsnutze, die ich je auf einem Haufen getroffen habe. Ach ja, Andrea. Ich habe dieses Mädchen sehr geliebt, und wir haben eine wunderbare Zeit miteinander verbracht. Dann haben wir sogar geheiratet. Das war, glaube ich, der Anfang vom Ende. Auf einmal fühlte ich mich eingeengt. Vielleicht war ich mir auch meiner Sache zu sicher. Jedenfalls folgte ich irgendwann allen Verlockungen, die von anderen Mädels ausgingen. Ich hatte eben das Gefühl, dass man etwas Wichtiges versäumt, wenn man nicht weiß, wie sich andere Pussys anfühlen. In der ersten Zeit konnte ich das noch vor Andrea verheimlichen. Irgendwann muss sie das dann mitgekriegt haben. Sie weigerte sich, mit mir weiter zu schlafen. Das war mir zunächst egal, da ich ja auch aushäusig gut ausgelastet war. Dann war sie eines Tages verschwunden. Ohne Szenen, ohne Aussprache, ohne irgendwas hat sie sich von mir getrennt. Ob sie inzwischen einen anderen Typen gefunden hatte, weiß ich nicht. Dann ließ sie von einer Freundin ihre Sachen abholen. Ich muss heute noch schmunzeln, wenn ich daran denke, wie präzise sie dabei vorging. Die Freundin hatte eine vollständige Liste all der Sachen, die Andrea beanspruchte. Ich habe alles sofort rausgerückt und noch etliche Bücher, Schallplatten und so ein Zeug dazu gepackt, von dem ich annahm, dass ihr diese Dinge lieb und wichtig waren. Als alles weg war, bekam ich auf einmal ein verdammt mieses Gefühl. Schlagartig wurde mir bewusst, dass mein Egoismus und meine Leichtfertigkeit eine gewaltige Zäsur in meinem Leben verursacht hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gehofft, und wahrscheinlich auch geglaubt, dass sich die ganze Sache irgendwie einrenken würde, und dass Andrea zurückkommen würde, auch wenn ich nichts dazu beigetragen hatte. Ich meine, ich habe gar nicht nach ihr gesucht oder mich sonst wie bemüht. Schließlich war sie es, die mich verlassen hatte und mein Stolz verbot mir, zu Kreuze zu kriechen. Scheiß Stolz, hat mir oft im Wege gestanden! Schließlich ließen wir uns scheiden. Das ging damals problemlos. Ich nahm alle Schuld auf mich, weil ich angeblich „grundlos und beharrlich die Fortsetzung der ehelichen Gemeinschaft verweigert hätte“. Im Gegenzug verzichtete Andrea auf sämtliche Ansprüche, auch für die Zukunft. Sie hat mich während der kurzen Verhandlung keines Blickes gewürdigt. Nur, als sie beim Verlassen des Gerichtsgebäudes sah, dass dort Rita auf mich wartete, meinte ich einen verächtlichen, ja wütenden Blick von ihr gespürt zu haben. Ich kann mich aber auch täuschen. Jedenfalls haben wir uns danach nur noch sehr selten und nur zufällig gesehen. Über unsere gemeinsame Zeit haben wir nie wieder ein Wort verloren. Ach, in diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass ich später dann auch mit Rita nach Formentera gefahren bin. Auch Rita fand schnell Gefallen an dieser wunderbaren Insel. Noch später fuhren wir auch mit unseren Kindern dorthin, und dann setzten unsere Kinder die Tradition fort, die ich einst mit Andrea begonnen hatte.
