Auch ich will glücklich sein - Marisa Frank - E-Book

Auch ich will glücklich sein E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »Neapel«, sagte Dominik von Wellentin-Schoenecker andächtig. »Schöner hätten wir es nicht antreffen können«, meinte sein Stiefvater, während er den Motor abschaltete. Auch seine Frau und Henrik, das Nesthäkchen, blickten auf die mächtige Festung mit den Zinnentürmen. Vom Abendlicht vergoldet stand sie dicht am Hafen. »Ich freue mich auf diese Stadt.« Dominik, er wurde von allen nur Nick genannt, holte sein Notizbuch hervor. Eifrig begann er zu schreiben. »Mensch, was machst du schon wieder?« maulte Henrik. »Laß uns doch lieber zum Hafen gehen.« »Wir müssen uns auch noch ein Hotel suchen«, erinnerte Denise von Schoenecker ihre Lieben. »Soll das heißen, daß ich ins Bett muß?« Henrik setzte sich auf dem Hintersitz in Positur. »Zuerst wollen wir noch auf Entdeckungsreise gehen.« »Ich bin gleich soweit.« Nick hatte kurz den Kopf gehoben. »Darf ich?«

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Sophienlust Bestseller – 38 –

Auch ich will glücklich sein

Abenteuerliche Begegnung in Italien

Marisa Frank

»Neapel«, sagte Dominik von Wellentin-Schoenecker andächtig.

»Schöner hätten wir es nicht antreffen können«, meinte sein Stiefvater, während er den Motor abschaltete. Auch seine Frau und Henrik, das Nesthäkchen, blickten auf die mächtige Festung mit den Zinnentürmen. Vom Abendlicht vergoldet stand sie dicht am Hafen.

»Ich freue mich auf diese Stadt.« Dominik, er wurde von allen nur Nick genannt, holte sein Notizbuch hervor. Eifrig begann er zu schreiben.

»Mensch, was machst du schon wieder?« maulte Henrik. »Laß uns doch lieber zum Hafen gehen.«

»Wir müssen uns auch noch ein Hotel suchen«, erinnerte Denise von Schoenecker ihre Lieben.

»Soll das heißen, daß ich ins Bett muß?« Henrik setzte sich auf dem Hintersitz in Positur. »Zuerst wollen wir noch auf Entdeckungsreise gehen.«

»Ich bin gleich soweit.« Nick hatte kurz den Kopf gehoben.

»Darf ich?« Henrik wollte seinem um sieben Jahre älteren Bruder den Block entreißen, aber dieser hielt ihn eisern fest.

»Das ist nichts für dich.« Rasch schob der Ältere ihn in die Hosentasche zurück.

»Du hältst mich wohl für doof«, sagte Henrik mit hoheitsvoller Miene. »Ich verstehe ja, daß du Pünktchen schreibst, aber was zuviel ist, ist zuviel.«

Die Stirn des Sechzehnjährigen runzelte sich. »Quatschkopf! Ich schreibe doch nur meine Eindrücke auf.«

»Und warum tust du das?« Triumphierend grinste Henrik seinen Bruder an. »Du willst dann Pünktchen draus vorlesen, habe ich recht? Du hast ihr nämlich versprochen, daß du an sie denken wirst, das habe ich gehört.«

»Mutti!« rief Nick empört. »Henrik ist unmöglich. Ich kann wirklich nichts tun, ohne daß er seine Nase hineinsteckt.«

»Ich bin schon friedlich.« Henrik rückte etwas zur Seite. Er seufzte gekonnt. »Ich sage es ja immer, älter müßte man sein.«

»Alles aussteigen«, meinte Alexander von Schoenecker schmunzelnd. Er drehte sich zu seinen beiden Söhnen um, dann warf er seiner Frau einen verliebten Blick zu. Er war stolz auf seine Familie und konnte von sich selbst sagen, daß er ein rundherum glücklicher Mann war. Henrik, sein Sohn, war ein kräftiger, gesunder Junge, der stets etwas im Schilde führte. Auch mit Nick, dem Sohn seiner Frau aus erster Ehe, verstand er sich ausgezeichnet. Er war ihm Freund und Kamerad, daher genoß er sein ganzes Vertrauen.

Als der Gutsbesitzer nun die Autotür öffnete, bemerkte er die vielen Kinder.

Sie hatten das Auto umringt. Mit großen, dunklen Augen sahen sie neugierig in das Wageninnere.

»Wo kommen die denn alle so plötzlich her?« staunte Henrik.

Ein kleiner, völlig verdreckter Junge, der nur mit einer Badehose bekleidet war, drängte sich nach vorne. Er rief etwas auf italienisch, dann legte er bittend die Hände zusammen.

»Ist der süß.« Henrik sprang aus dem Auto. Sofort wendete sich das Interesse der Kinder ihm zu. »Prego, bitte... Geld... Money.« Viele schmutzige Kinderhände streckten sich ihm bettelnd entgegen.

»Was soll das? Was wollen sie?« Erschrocken wich Henrik zurück.

»Sie wollen Geld von dir«, erklärte Nick. Er trat an die Seite des Bruders. Schützend legte er dem Verstörten seinen Arm um die Schultern.

»Du meinst, sie betteln?«

Der Sechzehnjährige nickte.

»Das ist doch schrecklich.« Henrik wirbelte herum. »Vati, Mutti, wir müssen den Kindern helfen. Sicher sind sie ganz arm und haben Hunger.«

Alexander war inzwischen ebenfalls ausgestiegen. »Ganz so schlimm ist es nicht«, versuchte er seinen Sprößling zu beruhigen. »Diese Kinder tun den ganzen Tag nichts anderes als betteln. Sie sind das so gewohnt.«

»Wahrscheinlich klauen sie auch«, sagte Nick ungerührt.

»Wie kannst du nur so etwas sagen?« Henriks Augen blitzten seinen Bruder zornig an. Die bettelnden Kinder hatten sein Herz im Sturm erobert. »Ich verzichte heute freiwillig auf das Nachtessen, dafür geben wir lieber etwas den Kindern.«

Die kleine Schar hatte nun Denise von Schoenecker entdeckt. Einer der Knirpse versprach sich von der hübschen, aparten Frau anscheinend mehr. Er rief seinen Kameraden etwas zu. Ehe die Verwalterin sich versah, hatte er ihre Hand ergriffen. Sein Freund hingegen sprach in gebrochenem Deutsch auf sie ein.

»Schluß jetzt!« sagte Alexander ­energisch. Er packte den Kleinen und schob ihn etwas zur Seite. »Sie sind wirklich zu aufdringlich.«

»Ich glaube, Vati, die werden wir nicht mehr so schnell los.« Nick betrachtete die Kinder. Einige waren ganz nahe an das Auto herangekommen und preßten ihr Gesicht nun an die Scheibe. »Haben wir nicht noch zwei Tafeln Schokolade und Kekse? Die könnten wir ihnen doch geben«, überlegte er laut. »Vielleicht geben sie sich mit dem erst mal zufrieden.«

»Einverstanden.« Alexander von Schoenecker öffnete nochmals die Autotür. Er holte etliche Süßigkeiten heraus und verteilte diese. Einige der Kindergesichter begannen zu strahlen, hastig griffen sie nach der begehrten Schleckerei. Andere, darunter auch der Kleine, der sich an Denise herangemacht hatte, wiederholten ihre Forderungen nach Geld.

»Mutti, was will er denn mit dem Geld machen?« fragte Henrik.

»Mangiare, mangiare«, rief der Knirps. Er deutete auf seinen Mund.

»Mutti, ich verzichte auch morgen auf mein Mittagessen«, rief Henrik spontan. »Er hat sicher mehr Hunger als ich.«

»Blödsinn«, meinte Nick. »Der macht dir doch nur etwas vor.«

»Das kannst du leicht behaupten, wenn du ihn nicht verstehst. Arm sind die Kinder ganz bestimmt. Schau nur, keiner von ihnen hat Schuhe an.«

»Doch, der Junge dort drüben.« Denise machte ihre Kinder auf einen blondhaarigen Buben aufmerksam. Dieser stand etwas abseits.

»Das ist doch kein Italiener«, meinte Nick. Er sprach damit aus, was seine Mutter dachte.

»Glaubst du, daß ich mit ihm sprechen kann?« Henrik wartete eine Antwort erst gar nicht ab, sondern eilte auf den Kleinen zu. Dieser schob seine Hände in die Hosentasche, mit vorgeschobener Unterlippe sah er ihm entgegen.

»Willst du auch Geld?«

Der Kleine schüttelte den Kopf.

»Was tust du dann da?«

Der Junge senkte den Kopf.

»Sag doch! Du verstehst mich doch«, drängte Henrik. »Ich bin zum ersten Mal hier. Wir machen in Italien Urlaub. Jetzt wollen wir uns noch Neapel ansehen, dann fahren wir wieder nach Hause.« Erwartungsvoll sah Henrik den Kleinen an, aber dieser schwieg.

»Warum wollen die Kinder Geld? Sind das deine Freunde?« fing er erneut zu fragen an.

»Henrik, ich glaube, er versteht dich nicht.« Nick war hinter seinen Bruder getreten.

»Er versteht mich! Nicht wahr, du verstehst mich?«

Der Bub sah Henrik an. Er grinste, dann drehte er sich blitzschnell um und lief davon. Die anderen Kinder reagierten nun ebenso schnell. Johlend liefen sie hinter dem blondhaarigen Jungen her.

»So warte doch!« Henrik rannte ebenfalls los. »Wir tun dir nichts.« Die kleine Bande war schneller, aus dem einfachen Grund, weil sie sich hier besser auskannten. Sie bogen in eines der schmalen Gäßchen ein und verschwanden schließlich hinter einem Torbogen.

»Komm, Henrik.« Nick faßte seinen Bruder am Arm. »Wir wollten uns doch noch die Festung ansehen.«

»Klar.« Henrik ließ sich mitziehen.

»Ich bin ganz sicher, daß der Bub mich verstanden hat«, versicherte er wenig später seiner Mutter. »Der spricht genau die gleiche Sprache wie wir.«

»Damit kannst du schon recht haben«, versuchte Denise ihren aufgeregten Jüngsten zu beruhigen. »Er war aber genauso schmutzig wie die anderen Kinder.«

»Er lief aber nicht halb nackt herum«, gab Nick zu bedenken. »Wenn es sich tatsächlich um ein deutsches Kind handelt, dann ist es eigenartig, daß er sich bei diesen Einheimischen herumtreibt. Der Junge war höchstens sieben Jahre alt. Welche Eltern lassen in diesem Alter ihr Kind schon allein herumstrolchen, noch dazu in einer fremden Stadt.«

»Vielleicht ist er ausgerissen und findet nicht mehr nach Hause.« Henriks Phantasie kannte wieder einmal keine Grenzen. »Sicher ist er ein ganz normaler Junge, der zu stolz war, um zu betteln.«

Wahrscheinlich hätte es noch stundenlang Diskussionen um das blondhaarige Kind gegeben, wenn nicht Alexander von Schoenecker ein Machtwort gesprochen hätte. Nachdem das Auto sorgfältig abgeschlossen war, begab sich die Familie auf den vorgesehenen Bummel.

*

»Ich will die Karte auch sehen.« Ein fünfjähriges Mädchen drängte sich zwischen den Kindern durch. »Bitte, Tante Ma.« Sie streckte ihre Hände der Heimleiterin entgegen. »Hat Tante Isi auch für mich Güße draufgeschrieben?«

»Die Karte ist an uns alle gerichtet. Warte, ich lese dir das Geschriebene nochmals vor.«

»Ich will selbst.« Heidi drängte ­energisch die hilfsbereite Vicky zur Seite.

»Du kannst doch gar nicht lesen«, erinnerte der elfjährige Fabian die Kleine. Auch er gehörte zu den Dauerkindern von Sophienlust.

Heidis Kopf sank auf die Brust. Fabian hatte recht und das wurmte sie. Wie gerne wäre sie schon mit den Großen in die Schule gegangen.

»Ich will es lernen.«

»Das wirst du auch.« Tröstend fuhr Frau Rennert, die Heimleiterin, über das blonde Köpfchen.

»Kann ich es nicht gleich lernen? Ich habe doch schon einen Bleistift und Farbstifte. Einen Radiergummi habe ich auch«, fügte sie noch hinzu.

»Jetzt sind Ferien«, maulte Fabian. »Da lernt niemand von uns.«

»Weil ihr alle faul seid. Ich werde in der Schule die Beste sein. Nicht wahr, Tante Ma?« Heidi sah die Heimleiterin an. »Ich werde ganz schnell lesen und schreiben lernen, wenn ich in die Schule gehe.«

»Abwarten«, brummte Fabian, ehe Frau Rennert etwas sagen konnte.

»Aber das Bild kann ich jetzt schon anschauen. Bitte, Tante Ma, darf ich?«

Else Rennert reichte ihr die Karte.

»Oh, ist die schön. Da möchte ich auch einmal hin.«

Heidi wurde nun von den anderen Kindern umringt. Die Ansichtskarte zeigte die blaue Grotte von Capri.

»Wenn ihr erst älter seid, dann werdet ihr alle einmal so schöne Urlaubsreisen machen«, meinte Frau Rennert. Liebevoll sah sie auf die Kinderschar.

»Pünktchen ganz sicher«, meinte Vicky, eines der Langenbach-Geschwister. »Sie heiratet später doch einmal Nick. Da kann nichts schiefgehen.«

Die Dreizehnjährige wurde zuerst rot, dann sagte sie aber entschieden: »Wenn ich einmal Nick heirate, dann bestimmt nicht wegen der Urlaubsreisen.«

Irmela Groote, sie war mit ihren fünfzehn Jahren die Älteste, kam der Freundin zur Hilfe. »Ist doch ganz klar, allein reisen macht keinen Spaß.« Ein Schatten legte sich für kurze Zeit über das hübsche Gesicht des Mädchens. »Ich wäre vor einer Woche fast nach Bombay geflogen. Dort wäre ich aber viel allein gewesen, deshalb bin ich lieber hier bei euch geblieben.«

»Das ist toll von dir.« Pünktchen hängte sich bei Irmela ein. Da lächelte diese schon wieder. Im Grunde war sie sehr gern in Sophienlust. Es war auch ihr eigener Entschluß gewesen, in Deutschland zu bleiben, um die deutsche Schule weiterhin besuchen zu können. Ihre Mutter hatte sich nach dem Tod ihres Vaters wiederverheiratet und lebte nun in Bombay.

»Ich möchte nirgends anders wohnen«, rief da auch Heidi mit Überzeugung. »Hier bei Tante Ma, Schwester Regine und Tante Isi ist es am schönsten.« Sie blickte nochmals auf die bunte Ansichtskarte. »Fabian hat in der Nähe des Waldsees eine Höhle entdeckt. Wenn wir heute nachmittag zum Baden gehen, dann spielen wir dort und stellen uns vor, wir wären bei der blauen Grotte.«

Lachend stimmten die Kinder zu. Trotz des verschiedenen Alters verstanden sich alle prächtig. Nicht umsonst wurde das Kinderheim Sophienlust ›Das Heim der glücklichen Kinder‹ genannt. Daß sich hier alle wohl fühlten, dafür sorgte nicht zuletzt Frau von Schoenecker. Sie verwaltete das Kinderheim bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes. Früher war Sophienlust ein herrschaftlicher Besitz gewesen. Sophie von Wellentin-Schoenecker hat ihn ihrem Urenkel Nick vererbt mit der Auflage, aus dem alten Herrenhaus ein Heim für elternlose oder Geborgenheit suchende Kinder zu machen. Denise von Schoenecker hatte sich mit Feuereifer in diese Aufgabe gestürzt. Sie war der gute Geist von Sophienlust. Sie scheute keine Strapazen, wenn es darum ging, ein gefährdetes, verlassenes Kind nach Sophienlust zu holen.

»Jetzt gehe ich in den Park und pflücke für Tante Isi Blumen«, verkündete die zehnjährige Vicky. »Tante Isi mag Wiesenblumen am liebsten, das hat sie einmal gesagt.« Das Mädchen lief durch die Halle zum Ausgang. Beim Portal besann sie sich jedoch. Sie drehte sich nach ihrer Schwester um. »Kommst du mit? Ich weiß, wo schöne Glockenblumen wachsen.«

»Na klar, aber mit dem Pflücken müssen wir noch etwas warten. So schnell ist Tante Isi nicht hier. Von Capri bis nach Deutschland ist es eine weite Strecke. Wenn du wissen willst, wie weit das ist, dann kann ich es dir im Atlas zeigen.« Angelika war zwei Jahre älter als ihre Schwester. Sie besuchte bereits das Gymnasium in Maibach.

»Ja«, meinte Vicky ungeduldig. »Ich möchte aber lieber wissen, wann Tante Isi zurückkommt.« Fragend sah sie auf Frau Rennert.

»Zwei, drei Tage wird es schon noch dauern«, gab diese Auskunft.

»Bis dahin sind die Blumen nicht mehr schön.« Vicky zog eine Schnute.

»Wir können trotzdem Blumen pflücken. Wir sammeln sie eben für Tante Ma, Schwester Regine und für Magda.« Heidi lächelte listig. »Sie gibt uns dafür vielleicht Plätzchen.«

Somit waren die Kinder für diesen Vormittag beschäftigt. Sophienlust lag mitten in einem großen Park. Dahinter schloß sich eine Spielwiese an, auf der die Kinder nach Herzenslust toben durften.

»Wir passen schon auf die Kleinen auf«, meinte Pünktchen. Irmela nickte dazu. Die beiden größeren Mädchen holten sich etwas zum Lesen, dann folgten sie den Kindern hinaus ins Freie.

Als sie bei der Wiese ankamen, hatte Heidi bereits eine neue Idee. »Wir pflücken zuerst nur Gänseblümchen. Daraus flechten wir Kränze, dann sind wir Prinzessinnen.«

»Blödsinn, Weiberkram«, brummte Fabian. Henriks Zustimmung wäre ihm in diesem Punkt gewiß gewesen, aber sein Freund war ja in Italien. Da er allein gegen Heidis Vorschlag sowieso nicht ankommen würde, wollte er sich schmollend zurückziehen.

»Die Prinzessinnen brauchen auch einen Prinzen. Wenn ihr recht nett zu Fabian seid, dann ist er vielleicht euer Prinz«, versuchte Pünktchen zu vermitteln.

»Und ich heirate ihn dann«, rief Heidi spontan.

»Ich suche mir meine Frau selbst aus«, erklärte Fabian hoheitsvoll.

Pünktchen und Irmela mußten kaum noch eingreifen. Die Kinder spielten sehr schön. An Phantasie fehlte es keinem. Als Fabian das Prinzsein satt hatte, wechselte man zum Spielplatz hinüber. Dort wurde unter seiner Anleitung eine riesige Sandburg gebaut, die Frau Rennert dann gebührend bewundern mußte.

*

Verstohlen blickte Bernd Wagner auf seine Armbanduhr. Seine Begleiterin bemerkte diese Geste.

»Du hast es also wieder eilig.« Sie verzog ihr Gesicht.

»Tut mir leid, aber ich muß noch einen Artikel schreiben.«

»Ich frage mich nur, wie du das früher geschafft hast.« Spöttisch verzogen sich Hanna Preis’ Lippen. »Hast du da auch im Urlaub gearbeitet?«

»Du weißt doch, daß ich dem Chef jede Woche einen Artikel versprochen habe.« Beschwichtigend legte Bernd seine Hand auf den Arm seiner Freundin. »Es war die einzige Möglichkeit, daß wir überhaupt zusammen in den Urlaub fahren konnten.«

»Entschuldige.« Hanna Preis zwang sich zu einem Lächeln. Sie hatte sich alles viel schöner vorgestellt. Drei Wochen, Tag und Nacht mit Bernd zusammen, das schien für sie der Himmel auf Erden zu sein.

»Da gibt es nichts zu entschuldigen.« Bernd winkte den Kellner herbei. »Wenn ich gut vorankomme, dann können wir etwas später noch einen Spaziergang am See machen.«

Hanna nickte.

»Ich werde mich beeilen«, versprach Bernd. Er beglich die Rechnung. »Du mußt natürlich nicht mitkommen. Wir können uns später irgendwo treffen.«

»Ich komme lieber mit.«

»Wie du willst.« Bernd sagte es gleichgültig. Mit seinen Gedanken war er bereits bei dem Artikel.

Schweigend gingen sie die Uferpromenade entlang.

»Also bis später«, sagte Bernd, als sie die Hotelhalle betreten hatten. Flüchtig neigte er sich zu Hanna hin und küßte sie auf die Wange.

Die Frau unterdrückte einen Seufzer. Da war noch etwas, was sie nicht begriff. Bernd hatte darauf bestanden, getrennte Zimmer zu nehmen.

Sie begab sich also in ihre eigenen vier Wände, die den seinen schräg gegenüberlagen. Das wunderschöne Panorama, das sich ihr vom Balkon aus bot, versöhnte sie etwas.

Hanna stellte den Liegestuhl auf. Ein Weilchen blinzelte sie zum wolkenlosen Himmel empor, dann schloß sie die Augen. Dieser Urlaub brachte sie ihren geheimsten Träumen ein großes Stück näher. Eigentlich hatte sie bis vor wenigen Wochen noch nicht daran geglaubt, daß Bernd den Urlaub wirklich mit ihr verbringen würde. Er hatte schließlich Frau und Kind. Nur gut, daß der Junge nicht sein leibliches Kind war. Es war der Neffe seiner Frau, und er hatte ihn nur adoptiert, weil die Schwester seiner Frau tödlich verunglückt war.

Hanna streckte sich wohlig unter den warmen Sonnenstrahlen. Sie mußte die nächsten Tage nur richtig nützen und stets lächeln, damit Bernd merkte, wie schön eine Zweisamkeit sein konnte. Seit langem schon war sie in ihn verliebt, aber er hatte sie anfangs nicht einmal beachtet. Für ihn hatte es nur seine Frau gegeben. Doch das war jetzt anders.

Es war ihr nicht entgangen, daß er mit seiner Frau Streit hatte, und deswegen nicht nach Hause wollte. Geschickt hatte sie es verstanden, das auszunutzen. Ein eifersüchtiger, gekränkter Mann ließ sich leicht trösten. Ihre Erinnerungen gingen in ihre Wünsche über. Bernds Gesicht vor Augen, schlief Hanna ein.

Wie lange hatte sie geschlafen? Sie konnte es nicht genau sagen. Die Sonne hatte inzwischen fast den Berg­rücken erreicht. Hanna rieb sich die Augen.

»Ausgeschlafen?« fragte Bernd lächelnd. Da er auf sein Klopfen keine Antwort erhalten hatte, war er eingetreten. Leise war er an sie herangetreten. »Ich habe dich schon eine ganze Weile beobachtet.«

»Oh!« Hanna fuhr auf. »Das ist unfair. Sicherlich habe ich fürchterlich ausgesehen.«

»Mir hast du gefallen.« Er griff nach einer ihrer langen Locken und wickelte sich diese spielerisch um den Finger.

So mochte sie ihn. Blitzschnell schlang sie ihre Arme um seinen Hals. »Was unternehmen wir nun?« flüsterte sie ihm dabei ins Ohr.

»Du kannst voll über mich verfügen. Die Arbeit ist getan.«

Enttäuscht schob Hanna ihre Unterlippe nach vorne. Sie hatte sich eine andere Reaktion erhofft, besann sich aber, küßte ihn mitten auf den Mund und meinte bewußt fröhlich: »Wenn du willst, können wir jetzt einen Bummel machen.«

»Einverstanden. Und nach dem Nachtessen besuchen wir noch eine Veranstaltung.« Bernd hielt sie etwas von sich ab, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. »Was hältst du davon?«