Gebrochene Flügel - Marietta Brem - E-Book

Gebrochene Flügel E-Book

Marietta Brem

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Beschreibung

Wir lernen die Geschichte kennen, die einmal dazu führen wird, dass es, viele Jahre später, zur Gründung von 'Sophienlust' kommen wird. Der Weg dahin schildert eine ergreifende, spannende Familiengeschichte, die sich immer wieder, wenn keiner damit rechnet, dramatisch zuspitzt und dann wieder die schönste Harmonie der Welt ausstrahlt. Das Elternhaus Montand ist markant – hier liegen die Wurzeln für das spätere Kinderheim, aber das kann zu diesem frühen Zeitpunkt noch keiner ahnen. Eine wundervolle Vorgeschichte, die die Herzen aller Sophienlust-Fans höherschlagen lässt. Dieser Abend war etwas Besonderes, das spürte Denise schon die ganze Zeit. Die Luft war noch lauwarm vom vergangenen Sonnentag, und sie duftete so intensiv und süß wie sie es noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Sogar das Summen der unzähligen Insekten in der Wiese klang lauter und eindrucksvoller als sonst. Immer wieder blieb Denise Montand stehen und versuchte, sich dieses Gefühl so sehr einzuprägen, dass sie sich auch Jahre später noch daran würde erinnern können. Es war so bittersüß, so wehmütig, dass sie am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre, ohne überhaupt einen Grund dafür zu haben. »Jetzt möchte ich die Zeit anhalten«, flüsterte sie vor sich hin und atmete tief die duftende Frühlingsluft ein. Sie hatte das Gefühl, noch nie so tief geatmet zu haben wie eben. »Was ist nur los mit mir? Es ist alles so – anders«, sagte sie leise und schaute sich erschrocken um, weil sie gedacht hatte, ein Geräusch zu hören. Doch sie war allein auf dem Wiesenweg, den sie schon viele Male gegangen war, seit ihr Halbbruder Raoul eine Familie gegründet und in sein neues Haus gezogen war. Plötzlich blieb ihr Blick an einem dunklen Punkt nicht weit entfernt hängen. Sie blieb einen Moment lang stehen und überlegte, ob sie zurückgehen sollte. Doch dann entschied sie sich dagegen. Die Neugierde war größer. Aber das wundervolle Gefühl von eben verflüchtigte sich. Langsam ging sie näher. Jemand saß unter ihrem Baum, an dem sie stets Rast machte, wenn sie mit Sam, ihrer treuen Hündin, die Abendrunde drehte. Heute hatte sie ihre schöne Freundin nicht dabei, denn Sam war mit dem Vater bei Raoul, dem der Hund eigentlich gehörte.

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Sophienlust, wie alles begann – 10 –

Gebrochene Flügel

Kann Denise der kleinen Wendy helfen?

Marietta Brem

Dieser Abend war etwas Besonderes, das spürte Denise schon die ganze Zeit. Die Luft war noch lauwarm vom vergangenen Sonnentag, und sie duftete so intensiv und süß wie sie es noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Sogar das Summen der unzähligen Insekten in der Wiese klang lauter und eindrucksvoller als sonst.

Immer wieder blieb Denise Montand stehen und versuchte, sich dieses Gefühl so sehr einzuprägen, dass sie sich auch Jahre später noch daran würde erinnern können. Es war so bittersüß, so wehmütig, dass sie am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre, ohne überhaupt einen Grund dafür zu haben.

»Jetzt möchte ich die Zeit anhalten«, flüsterte sie vor sich hin und atmete tief die duftende Frühlingsluft ein. Sie hatte das Gefühl, noch nie so tief geatmet zu haben wie eben. »Was ist nur los mit mir? Es ist alles so – anders«, sagte sie leise und schaute sich erschrocken um, weil sie gedacht hatte, ein Geräusch zu hören. Doch sie war allein auf dem Wiesenweg, den sie schon viele Male gegangen war, seit ihr Halbbruder Raoul eine Familie gegründet und in sein neues Haus gezogen war.

Plötzlich blieb ihr Blick an einem dunklen Punkt nicht weit entfernt hängen. Sie blieb einen Moment lang stehen und überlegte, ob sie zurückgehen sollte. Doch dann entschied sie sich dagegen. Die Neugierde war größer. Aber das wundervolle Gefühl von eben verflüchtigte sich. Langsam ging sie näher. Jemand saß unter ihrem Baum, an dem sie stets Rast machte, wenn sie mit Sam, ihrer treuen Hündin, die Abendrunde drehte. Heute hatte sie ihre schöne Freundin nicht dabei, denn Sam war mit dem Vater bei Raoul, dem der Hund eigentlich gehörte.

Als Denise nicht mehr weit entfernt war, sah sie, dass es ein Kind war, vermutlich ein kleines Mädchen. Ganz allein saß das Kind unter dem Baum und strahlte eine solche Einsamkeit aus, dass es Denise richtig weh ums Herz wurde.

Jetzt war Denise froh, dass sie ihrem Bauchgefühl nachgegeben hatte. Ein wenig aufgeregt blieb sie vor der Kleinen stehen. »Hallo, guten Tag. Geht es dir nicht gut?«, fragte sie vorsichtig.

Es dauerte eine ganze Weile, bis das Mädchen reagierte. Langsam hob sie den Kopf und schaute zu Denise auf, während sie mit der rechten Hand ihr langes Haar packte, das zu zwei Rattenschwänzen gebunden war, und heftig daran zog. »Ich weiß nicht«, kam die zögernde Antwort.

»Darf ich mich ein wenig mit dir unterhalten?«

Das Mädchen nickte kaum merklich, war sich offensichtlich nicht sicher, ob es wirklich zustimmen sollte. »Was willst du von mir?« Ihre Worte klangen aggressiv, doch die klägliche Stimme passte nicht dazu. »Wer bist du überhaupt?«

Denise zuckte zurück. Mit solch einem abweisenden Verhalten hatte sie nicht gerechnet. »Soll ich wieder gehen? Ich hab den Eindruck, ich hab dich gestört.«

»Hast du. Aber egal, kannst bleiben.«

Denise lächelte innerlich. »Das ist lieb von dir, danke. Ich bin Denise, und wie ich jetzt erkenne, sind wir Nachbarn schräg gegenüber. Deine Eltern sind sehr nett, sie haben meine Katze Blümchen vor ein paar Tagen vor einem Auto gerettet.«

»Ich weiß, ich hab dich da schon oft gesehen. Wir wohnen seit einer Weile in dem alten Haus. Es gefällt mir gut da.«

»Das ist schön. Du weißt jetzt, wer ich bin. Ich möchte auch deinen Namen wissen. Und warum bist du so böse?«

»Ich bin Wendy Hollsteiner«, tönte es widerwillig zurück. »Meine Eltern sind schon lange geschieden.«

»Ah, ich dachte …«

»Martina ist Papis neue Freundin. Sie werden heiraten, dann hab ich wieder eine Mami.«

»Das ist schön. Darf ich mich nun zu dir setzen oder soll ich lieber stehen bleiben, für den Fall, dass du mich nicht leiden kannst?«

»Wenn es sein muss, dann meinetwegen.« Wendy dachte offensichtlich nicht daran, ein wenig freundlicher zu sein. Finster starrte sie zu Denise auf, bereit, das Gespräch gleich wieder zu beenden.

»Bist du deshalb so übellaunig, weil deine Eltern nicht mehr zusammen sind?«, fragte Denise vorsichtig. Sie wollte sich nicht aufdrängen, hatte jedoch gleichzeitig das Gefühl, dass sie das Mädchen jetzt nicht allein lassen sollte.

Wendy schüttelte den Kopf, und ihre braunen langen Rattenschwänze, die mit zwei roten Gummibändern zu beiden Seiten gebunden waren, flogen hin und her. »Nein, ich hab einen Brief von meiner Mutter bekommen. Sie will mich sehen.«

Denise setzte sich seufzend. »Das ist doch normal, dass eine Mutter ihr Kind sehen möchte. Weißt du denn, weshalb sich deine Eltern getrennt haben?«

»Mein Papi hat sich nicht getrennt. Er war lange sehr unglücklich deshalb. Meine Mutter wollte nach Stuttgart, sie hatte ein Angebot von Stefan, und da dachte sie, dass sie das machen muss.«

»Wer ist Stefan?«

»Der Mann, der ihr immer wieder Arbeit gibt. Mami ist Schauspielerin.«

»Das ist ja toll«, stellte Denise überrascht fest. »Was spielt deine Mami denn? Macht sie Filme oder was anderes?«

»Werbung«, knurrte Wendy böse. »Papi sagt, er mag es nicht, wenn er sie in Unterwäsche im Fernsehen sieht. Macht sie jetzt aber nicht mehr«, fügte das Mädchen hastig hinzu.

»Das ist aber nicht der Grund für deine schlechte Laune, oder?«

Wieder schüttelte Wendy nur den Kopf, ohne etwas zu sagen. Sie bot ein Bild des Jammers, und doch war eine Mauer um sie herum, die es nicht zuließ, ihr zu Hilfe zu kommen. »Sie will, dass ich zu ihr nach Stuttgart fahre und dort lebe.«

»Willst du das?«

»Natürlich nicht.« Jetzt war Wendy so zornig, dass ihr Gesicht ganz rot angelaufen war. »Meine Mutter hat uns verlassen, das verzeihe ich ihr nie. Sie war vorher schon viel unterwegs, und ich war den ganzen Tag allein, weil mein Papi Geld verdienen muss. Aber das hat sie nie gestört, wenn ich gebettelt hab, dass sie bei mir bleiben soll.«

»Vielleicht hat dein Papi nicht genug verdient und deine Mutter musste mit verdienen«, überlegte Denise laut und stellte mal wieder fest, welch ein Glück sie mit ihren Eltern hatte. Sie waren lieb zu ihrem Kind, sie liebten sich gegenseitig, und an finanziellen Möglichkeiten hatte es nie gemangelt. Eigentlich konnte sie wunschlos glücklich sein. Fast wunschlos, denn da war noch Karin, jene eine dunkle Wolke am strahlend blauen Frühlingshimmel ihres Lebens, die ihnen allen immer wieder zu schaffen machte. Doch daran wollte Denise jetzt nicht denken.

»Mein Vater ist Geschäftsleiter in einem großen Supermarkt. Er verdient so viel, dass er jetzt sogar das Haus gekauft hat. Er hat immer gesagt, dass Mami nicht verdienen muss, sondern sich lieber um mich und um die Küche kümmern soll.«

»Das ist ein bisschen wenig für ein ganzes Leben«, überlegte Denise vor sich hin. »Deine Mami wollte auch ein eigenes Leben haben. Meine Mutter ist auch berufstätig, obwohl mein Vater genug verdient. Aber Mami braucht ebenfalls ihre Kontakte, ihre Kollegen und die Kinder, die sie unterrichtet. Meine Mutter ist Lehrerin«, fügte Denise nicht ohne Stolz hinzu.

»Ich weiß«, antwortete Wendy. »Sie ist meine Klassenlehrerin, seit wir nach hier gezogen sind.«

»Das ist schön. Vielleicht sehen wir uns ja öfter, wenn du meine Nachbarin bist«, überlegte Denise und war froh, dass sie das Kind ein wenig hatte ablenken können.

»Mein Papi hatte nichts dagegen, dass Mami arbeitet, wenn sie das wollte. Ein paar Stunden am Tag wären in Ordnung gewesen, aber nicht gleich mehrere Wochen«, protestierte Wendy gequält. »Sie hat sich eine Wohnung in Stuttgart gesucht und kam nicht mehr zu uns zurück. Dann haben sich meine Eltern scheiden lassen. Seitdem haben wir kaum noch Kontakt. Jetzt auf einmal will sie, dass ich viel Zeit mit ihr verbringe. Ich kenn sie doch gar nicht mehr«, jammerte sie.

Denise war überrascht über die fast schon erwachsene Einstellung dieser Neunjährigen. Sehnsüchtig wünschte sie sich ihre Mutter hebei, die mit Sicherheit besser gewusst hätte, wie man Wendys Stimmung aufhellen konnte. »Warum willst du nicht für ein paar Tage nach Stuttgart? Ist deine Mami so schlimm?« Sie merkte, dass dies nicht ganz die richtigen Worte waren, doch bessere wollten ihr einfach nicht einfallen.

»Ich will nicht nach Stuttgart, und meine Mami will ich auch nicht sehen. Sie hat uns damals verlassen, war nicht einmal an meinem ersten Schultag dabei. Alle Kinder hatten ihre Eltern, ich hatte Papi, und der war auch nur am Anfang mit dabei, weil er dann wieder ins Geschäft musste.«

»Er hat nicht Urlaub genommen?«, fragte Denise verblüfft. Nur kurz dachte sie an ihre eigene Einschulung, die zu einem großen Familienfest geworden war, an dem sie wunderschöne Geschenke bekommen hatte. Sogar ihre Großeltern, die Eltern ihrer Mutter, waren damals gekommen, obwohl sie seinerzeit über die Hochzeit ihrer Tochter mit Pierre Montand wegen des großen Altersunterschieds nicht unbedingt glücklich gewesen waren.

»Er wollte, aber dann haben sie ihn angerufen, und er musste gleich wieder zurück. Die Eltern unserer Nachbarn haben mich dann mit nach Hause genommen, und ich musste bei Sina warten bis zum Abend, bis mein Papi mich abholen konnte. Seitdem ist Sina meine beste Freundin, die ich jetzt auch nicht mehr habe, weil wir umgezogen sind.«

Denises Mitleid mit dem Mädchen wurde immer größer. Eigentlich wollte sie noch ein bisschen nach den näheren Umständen dieses doch schwierigen Familienlebens fragen, doch an Wendys Gesicht sah sie, dass sie das besser unterlassen sollte. »Du wirst auch hier schnell Freunde finden«, versuchte sie zu trösten.

»Das glaub ich nicht. Wenn ich zu meiner Mutter nach Stuttgart muss, dann fang ich wieder von vorne an. Dazu hab ich keine Lust.«

»Ist das dein einziges Problem in Bezug auf deine Mutter?«

Wendy sagte lange nichts, dann schüttelte sie den Kopf. »Das ist kein großes Problem«, antwortete sie zögernd. »Ich glaub, ich hab meine Mutter verloren.«

»Wie meinst du das?« Denise spürte, wie es ihr kalt über den Rücken lief.

»Ich hab sie nicht mehr lieb.«

»Das meinst du jetzt nur«, wiegelte Denise ab. »Wenn ihr euch erst wiederseht, wird es so schön, wie es früher war. Du hast die Liebe zu deiner Mutter aus deinem Herzen verdrängt, weil du es nicht ertragen konntest, dass sie nicht mehr bei dir ist.«

»Du kennst Petra nicht.«

»Petra?«

»Meine Mutter.«

»Du nennst sie beim Vornamen?« Die Geschichte wurde immer mysteriöser. »Oder hast du das jetzt nur so gesagt?«

»Sie war schon immer Petra. Als ich klein war meinte sie mal, es wäre ihr lieber, ich würde sie bei ihrem Namen nennen. 'Mami' würde sie so alt machen, und sie möchte nicht alt sein, sonst bekommt sie keine guten Rollen mehr.«

»Hat deine Mutter einen Künstlernamen? Vielleicht kenne ich den ja.«

»Petra San Marco«, antwortete Wendy wie aus der Pistole geschossen.

»San Marco …« Denise überlegte, doch auch damit konnte sie nichts anfangen. »Na ja, ich schau wenig fernsehen«, murmelte sie vor sich hin.

»Niemand kennt sie«, fuhr Wendy ungnädig fort. »Papi sagt, sie sei eine gestrandete Existenz, die mit über dreißig noch immer ihren Träumen hinterherrennt wie ein Teenager.«

»Sprich nicht so böse über deine Mutter.« Jetzt wurde Denise richtig ärgerlich. »Wenn sie irgendwann eine Berühmtheit ist, bist du ganz bestimmt stolz auf sie.«

»Sie hätte nie weggehen dürfen. Papa hat ihr alles Mögliche versprochen, nur damit sie bei uns bleibt. Aber sie hat gesagt, sie will nicht in einer Familie versauern. Wir waren ihr zu langweilig.« Wendy liefen jetzt Tränen über die Wangen.

Denise hatte gerade noch eine ärgerliche Erwiderung auf den Lippen, da sah sie plötzlich Karins Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Hatte nicht die erste Frau ihres Vaters ähnlich geredet und gehandelt, als sie die Familie verließ? Alle hatten Karin dafür verurteilt und taten es noch immer. Und auch sie, Denise, wollte mit dieser Person nichts zu tun haben. Dabei hatte Karin nichts anderes getan als Wendys Mutter. Und für die hatte sie hier gerade mehrere Entschuldigungen gefunden und großes Verständnis gehabt.

Denise schwieg beschämt.

»Bist du sauer?«, schniefte Wendy.

»Warum sollte ich?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht das Recht, eure Familie zu beurteilen und schon gar nicht zu verurteilen. Deine Mutter wird ihre Gründe gehabt haben. Ob alles in Ordnung war, was sie getan hat, weiß ich nicht. Vermutlich weiß es auch dein Vater nicht.«

»Der weiß das schon, doch er kann nichts machen. Jetzt hat er Martina, und sie sind glücklich. Ich bin auch glücklich, dass Martina da ist. Sie ist sehr lieb zu mir, mehr als meine Mutter es je war. Deshalb bin ich so unglücklich, ich will nicht zu Petra. Ich kenn diese Frau doch gar nicht mehr.«

Denise lief es eiskalt über den Rücken. Die Art und Weise, wie Wendy über ihre Mutter sprach, verursachte ihr ein Grausen. Was hatte diese Frau ihrer kleinen Familie angetan? Plötzlich fühlte es sich an wie das, was Karin getan hatte und jetzt wieder versuchte.

»Bestimmt wird dein Vater alles dransetzen, dass du bei ihm und Martina bleiben kannst«, versuchte sie, Wendy zu beruhigen. »Gehen wir nach Hause? Wir haben denselben Weg.« Sie erhob sich und streckte dem Mädchen die Hand hin, die Wendy zögernd ergriff.

Schweigend traten sie den Heimweg an. Erst als Häuser in Sicht kamen, bemerkte Wendy, dass das Auto ihres Vaters bereits vor dem Haus stand. »Er wird schimpfen, weil ich so lange weggeblieben bin«, meinte sie erschrocken.

»Möchtest du, dass ich mit ihm rede?«, schlug Denise vor, überlegte jedoch im nächsten Moment, dass sie eigentlich keinen Plan hatte, was sie Herrn Hollsteiner sagen sollte. Sie kannten sich nicht, hatten sich einige Male auf der Straße getroffen, ohne ein Wort zu wechseln. Sie war erleichtert, als Wendy sofort ablehnte.

»Er steht an der Straße, bestimmt sucht er mich«, flüsterte Wendy und drückte Denises Hand fester. »Kannst du nicht sagen, du hättest mich aufgehalten?« Plötzlich wünschte sie sich Denises Hilfe, obwohl sie sie eben noch abgelehnt hatte.

»Mal sehen«, antwortete Denise ausweichend, »was sich ergibt. »Er wird dir nicht den Kopf abreißen.« Dennoch hatte auch sie plötzlich ein unangenehmes Grimmen in der Magengrube, als würde sein erwarteter Zorn auch ihr gelten.

»Da bist du ja.« Gerd Hollsteiners Stimme klang eher besorgt als wütend. »Wo hast du denn gesteckt?«, fuhr er fort, ohne Denise zu beachten.

»Ich war in der Wiese und wollte nachdenken. Da hab ich meine neue Freundin getroffen«, begann Wendy atemlos zu berichten.

»Wir haben uns so gut unterhalten, dass wir die Zeit vergessen haben«, mischte sich jetzt Denise hastig ein. »Ich bin Denise Montand, Ihre Nachbarin von schräg gegenüber.« Sie wollte ihm im ersten Impuls die Hand hinstrecken, doch als sie seinen Blick sah, unterließ sie es lieber.

»Wir haben uns große Sorgen gemacht«, erklärte der Mann, ohne seinen Blick von Wendy zu lassen. »Kleine Kinder gehören um diese Zeit nach Hause, das sollten Sie eigentlich wissen, Frau Montand.«

»Denise und du, bitte«, wandte sie leise ein.

Zum ersten Mal sah sie ein kleines Lächeln in seinem Gesicht. »Denise«, wiederholte er. »Ich hoffe, du denkst das nächste Mal daran, wenn du mit meiner Kleinen unterwegs bist. Danke, dass du sie nach Hause gebracht hast. Gute Nacht.« Ohne sich weiter um Denise zu kümmern, nahm er Wendys Hand und zog sie mit sich.

»Gute Nacht, Denise«, rief Wendy, dann folgte sie brav ihrem Vater.

»Gute Nacht, Wendy«, murmelte Denise bedrückt vor sich hin. Dann ging sie ebenfalls nach Hause. Doch der unglückliche Blick ihrer neuen kleinen Freundin ließ sie nicht mehr los.

*

»Sie liegt jetzt wenigstens schon mal im Bett. Es geht ihr gar nicht gut. Sollten wir nicht doch lieber den Arzt holen?« Die junge Frau, der man ansehen konnte, dass sie in einigen Monaten ein Kind erwartete, klang ziemlich besorgt. »Wir haben schließlich einen in der Nachbarschaft. Bitte, Gerd. Vielleicht würde er gleich kommen und sich Wendy vorsichtshalber mal ansehen.«

»Ach, lass das, Martina.« Der Mann, der gerade vergeblich versucht hatte, sich in die Tageszeitung zu vertiefen, schaute ärgerlich auf. »Sie spielt uns was vor. Ich kann sie ja verstehen, doch mit ihrem Verhalten macht sie die Sache nicht besser. Ich tu ja schon, was ich kann. Mehr Möglichkeiten hab ich nicht, als zum Rechtsanwalt zu gehen.«