Sörensen am Ende der Welt - Sven Stricker - E-Book

Sörensen am Ende der Welt E-Book

Sven Stricker

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Beschreibung

Kommissar Sörensen, gerade erst endgültig von Hamburg in das nordfriesische Katenbüll umgezogen, gibt die Hoffnung auf, in der Provinz Ruhe zu finden. Im Koog wird eine Leiche gefunden – erstochen mit einem Schraubenzieher. Und der letzte Mensch, der den Toten lebend gesehen hat, ist spurlos verschwunden: der junge Ole Kellinghusen, werdender Vater und ein guter Freund von Sörensen. Der immer noch unter seiner Angststörung leidende Ermittler stellt fest: Die Angst kennt viele Gesichter. Und der Tote hat sich jahrelang auf das Ende der Welt vorbereitet – nur nicht auf sein eigenes.

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Sven Stricker

Sörensen am Ende der Welt

Kriminalroman

 

 

 

Über dieses Buch

Weltuntergang am Deich

 

Kommissar Sörensen, gerade erst endgültig von Hamburg in das nordfriesische Katenbüll umgezogen, gibt die Hoffnung auf, in der Provinz Ruhe zu finden. Im Koog wird eine Leiche gefunden – erstochen mit einem Schraubenzieher. Und der letzte Mensch, der den Toten lebend gesehen hat, ist spurlos verschwunden: der junge Ole Kellinghusen, werdender Vater und ein guter Freund von Sörensen. Der immer noch unter seiner Angststörung leidende Ermittler stellt fest: Die Angst kennt viele Gesichter. Und der Tote hat sich jahrelang auf das Ende der Welt vorbereitet – nur nicht auf sein eigenes.

 

«Sprachlich, atmosphärisch und überhaupt ist ‹Sörensen› wohl das Beste, was der deutschsprachige Krimi derzeit zu bieten hat.» (Ursula Poznanski)

 

«Eine Reihe, die man gelesen haben muss. Für mich ist Sörensen längst Kult!» (Romy Fölck)

 

«Sven Stricker hat mit Sörensen eine wunderbar komplexe Figur geschaffen, mit der ich liebend gern durch den Regen gegangen bin. Weil er trotz all seiner Probleme versucht, seine Nase oben zu behalten. Man wird gern mit ihm nass, weil der Humor trocken bleibt. Spannend ist das alles auch noch. Sörensen ist einfach beängstigend gut.» (Bjarne Mädel)

 

«Skurril und spannend zugleich.» (Janne Mommsen)

Vita

Sven Stricker wurde 1970 in Tönning geboren und wuchs in Mülheim an der Ruhr auf. Er studierte Komparatistik, Anglistik und Neuere Geschichte. Seit 2001 arbeitet er als freier Wortregisseur, Bearbeiter und Autor und gewann in dieser Funktion mehrmals den Deutschen Hörbuchpreis. Mit «Sörensen hat Angst» war Sven Stricker für den Glauser-Preis 2017 nominiert, die gleichnamige Verfilmung gewann 2021 den Deutschen Fernsehkrimi-Preis sowie den österreichischen Fernsehpreis Romy. Er lebt in Potsdam und hat eine Tochter.

Für Juli

Eigentlich

Jeder ist seines Glückes Schmied, dachte Ole Kellinghusen und vermisste das passende Werkzeug. Er stand hinter der Kasse der Tankstelle, in der er dreimal die Woche als Aushilfe ein bescheidenes Zubrot zu gar nichts verdiente, betrachtete abwechselnd den Bildschirm unter der Decke, auf dem stumm ein Fußballspiel lief, und die geschlossene Kassenschublade, in der sich mehr Geld befand, als er im Monat verdiente. Leider, so war es nun mal, hatte er wie immer um diese Zeit zu wenig Kundschaft und zu viel Gelegenheit nachzudenken. Über sich zum Beispiel. Den Sinn des Lebens. Oder Gelatine in fettreduzierten Milchprodukten. Die Gelben da oben schossen ein Tor und jubelten, sie hatten ihren Sinn gefunden, darüber hätte man sich freuen können, wenn man sich denn für Fußball interessiert oder zumindest Gelb als Farbe interessant gefunden hätte. Ole hingegen kniff die Augen zusammen, hielt die etwas zu langen Fingernägel gegen das Licht und forschte im dezenten Schmutz darunter nach Hinweisen auf die Zukunft. Wenn überhaupt, man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, sah sie schwarz aus.

Ole war spindeldürr, schlaksig, hatte Dreadlocks und eine spitze Nase, war besonders gut im Anschlagen von Gitarrensaiten und besonders schlecht im Aushalten der Vorstellung, schon bald Vater zu werden. Ja, genau, er wurde nämlich Vater. Und das machte ihm Angst. Schüchterte ihn so sehr ein, dass er Probleme mit der Luftzufuhr bekam, dass er bisweilen zitterte vor Aufregung, vor dem alles bestimmenden Gefühl, sein Leben schon jetzt, mit einundzwanzig, komplett verwirkt und in eine Sackgasse geführt zu haben.

Der Shop der einzigen Tankstelle Katenbülls verströmte eine stumme Kälte. Es war zweiundzwanzig Uhr dreizehn, Ole hatte auf Nachtschalter umgestellt und das Headset aufgesetzt. Eigentlich war es Blödsinn, um dreiundzwanzig Uhr machten sie sowieso dicht, die einstmals angepeilte Aufrechterhaltung eines städtischen 24-Stunden-Betriebs hatte sich schlicht und ergreifend nicht gelohnt. Sie hatten es ein paar Wochen versucht, noch vor Oles Zeit; der einzige Kunde, der in den Nachtstunden zum Auftanken gekommen war, war ein schlecht gelaunter Fuchs gewesen, der durch das Besteigen der Abfalleimer an den Zapfsäulen zu einer regelmäßigen Mahlzeit zu gelangen versuchte. Na ja, hatte Töns Gregersen, der Pächter, nach kurzer Gegenüberstellung von Kosten und Ertrag beschlossen, das konnte der Fuchs zukünftig auch ohne Festbeleuchtung und unnützes Personal.

Apropos Festbeleuchtung: Das grelle Neonlicht stach in Oles Augen, verursachte Kopfschmerzen, reizte die chronisch übermüdeten Synapsen zusätzlich. Die Kühlschrankreihe brummte leise vor sich hin, der Wind fegte ums Haus, bisweilen ließ er sich zum Heulen hinreißen, es war dunkel, es war kühl, obwohl es Frühling war, ein Frühling, der sich wie der Herbst gerierte, der sich wiederum wie der Sommer angefühlt hatte, kurz bevor es rund um die Jahreswende vorübergehend eisig geworden war. Seitdem hatte der Matsch die Oberhand gewonnen und nicht mehr losgelassen. Das Wetter ließ jegliche Trennschärfe zwischen den Jahreszeiten vermissen.

Ole sah an sich herunter, betrachtete das Firmen-T-Shirt, das ihm trotz seiner Statur ein, zwei Nummern zu groß war und auch ansonsten zu ihm passte wie ein Schießgewehr. Schießgewehr, dachte er, so ein Quatsch. Schießgewehr! Schieß. Gewehr. Wofür sollte so ein Gewehr denn sonst gut sein? Außer zum Schießen? Zum In-der-Nase-Bohren? Im-Kamin-Rumstochern? Überflüssig war das, man sagte ja auch nicht Fahrauto oder Wärmeheizung.

Er seufzte und tat sich nicht wenig leid. Er sollte eigentlich gar nicht hier sein. Genau, dachte er, das war es nämlich, da war es, das Wort: «Eigentlich». Er war zu einem Eigentlich-Menschen geworden. Ein Eigentlich-Mensch, das war jemand, der grundsätzlich etwas anderes tat, als er tun wollte, der sich als etwas anderes empfand, als er zu leben vermochte, und dies bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zum Besten gab. Ich fahre Sie zwar mit dem Taxi zum Flughafen, aber eigentlich bin ich Biologe. Nein, Moment, Nachtclubbesitzer bin ich. Astronaut. Lebensmittelchemiker. Opernsänger. Eigentlich. Wollen Sie mal hören?

Auch Ole war ein anderer. In Wirklichkeit. Ein Musiker. Ein Tänzer, der nicht die Füße vom Boden bekam. Ein Freigeist, der bereits Windeln für sein zukünftiges Gefängnis kaufte. Es war schwer, nicht den ganzen Tag deprimiert zu sein. Nicht auszubrechen. Sich zu freuen auf seinen Sohn, der nun doch kein Mädchen war, der ein gewisses körperliches Detail erst bei der letzten Ultraschalluntersuchung offenbart hatte und den er gewiss und selbstverständlich lieben würde. Aber er war erst einundzwanzig, verdammt. Zu jung für Windeln. Zu jung für Katenbüll. Zu jung, um niemals hier herauszukommen. Er hatte in Arnheim studieren wollen, vielleicht sogar in New York. Konzertgitarre. In seiner Vorstellung war alles voller großer Bühnen, jubelnder Menschen, seine Dreadlocks hingen ihm wirr ins Gesicht, während er sich, auf einem Schemel im Scheinwerferlicht, geradezu versunken über sein Instrument beugte und ganz alleine den Klang eines Orchesters erzeugte. Er wusste, er hatte es in sich. Und er hatte Angst, es niemals zeigen zu dürfen. Niemals den ersten Schritt zu gehen, den einen Schritt, den es brauchte, um überhaupt in Gang zu kommen. Er hatte Angst, das Schicksal Jennifer Holstenbecks zu erleiden, seiner zukünftigen «Schwiegermutter», die immerzu damit haderte, nie aus Katenbüll herausgekommen zu sein, es nie weiter als bis zur Kriminaloberkommissarin gebracht zu haben, und daher ganz besonders allergisch auf eventuelle Abwanderungsgedanken ihrer Mitmenschen reagierte.

Ole betrachtete die wuseligen gelben und roten Kurzhosenträger über sich und schaltete um auf den Nachrichtensender. In der Ukraine brannten Autos, in Lissabon hatte es einen Zugzusammenstoß gegeben, unzählige Tote und Verletzte, aber das Laufband darunter freute sich über die prunkvolle Hochzeit eines Popstars. Toll, dachte Ole. Zugunfall und Hochzeit, Leben und Tod, Leid und Party. Es war alles gleich. Gleich egal.

Sie hatten sich immer noch nicht endgültig geeinigt, wie sie ihr Baby nennen würden. Lucy, die kurz nach Weihnachten achtzehn geworden war, sagte, das könne man nicht wissen, bevor man es gesehen habe. Ole hingegen hatte einen klaren Favoriten und gesagt, das Kind passe sich dem Namen an, nicht umgekehrt. Wenn sie selbst in solchen Fragen nicht zueinanderfanden, wie sollte dann bloß der Rest des Lebens verlaufen? Der Rest des Lebens, oh Gott.

Er ging um den Tresen herum zu den Zeitschriften, die ganz hinten neben der Tür aufgefächert waren. Brauchte irgendeine Ablenkung, etwas, das ihn aus der ewigen Grübelei riss, die selten zu etwas Gutem führte. Er griff nach einem Musikmagazin und blätterte darin, fahrig, unkonzentriert, hörte über das Headset, wie draußen auf der Straße ein Lkw vorbeifuhr, es war nicht deckungsgleich, erst hörte er ihn, dann sah er die Lichter, die schlierigen, verwischenden, die Scheiben mussten mal wieder geputzt werden. Es folgte ein dumpfes Dröhnen in größerer Entfernung, was auch immer das war, dann ein lautstark blökendes Schaf. Warum schlief es nicht, und was gab es denn überhaupt zu blöken? Alles war überdeutlich. Das außen an die Klappe angebrachte Mikrophon machte keine Unterschiede, nahm alles gleichwertig auf und filterte nicht das Unwichtige vom Wichtigen. Die Gnade des Menschseins, dachte Ole, bestand darin, kein Mikrophon zu sein. Aussieben zu können. Klänge und Gedanken. Er betrachtete bunte, glänzende Bilder von Musikern in zumeist abweisenden Posen, legte das Heft wieder zurück und verhalf unmotiviert ein paar verrutschten Chipstüten in ihrem Regal zu neuer Stabilität.

Plötzlich gab es einen derart lauten Knall, dass ihm fast das Trommelfell geplatzt wäre. Ole schrie und richtete sich auf, jemand anderes schrie auch, es knallte noch einmal, jemand schlug mit der flachen Hand gegen die Scheibe am Nachtschalter, einmal, zweimal, dreimal, zack, zack, zack ging das. Ole spürte, dass ihm der Schreck wie Eisspitzen durch den Körper fuhr, er war unfähig, sich zu bewegen.

«Hilfe», schrie eine weibliche Stimme, sie war hoch, schrill, kreischend, zerrte in seinem Ohr. Ole versuchte, sich das Headset herunterzureißen, doch es hing fest, hinter dem linken Ohr. Es dauerte eine sehr lange Sekunde, dann hatte er sich sortiert. «Hilfe» hieß ja gewissermaßen, dass da jemand Hilfe benötigte, also im Sinne von schnell, schnell, nicht zögern, Beeilung, es hieß, entschlussfreudig zu sein, da kam es auf jede Sekunde an, also sollte er wohl mal etwas tun, dazu musste er sich bewegen. Jetzt! Er stürzte durch den Laden zurück zum Tresen, den direkten Weg zum Schalterfenster konnte er nicht nehmen, er musste außen herum, vorbei an den ungenießbaren Backwaren aus Teufels Küche, dann war er endlich angekommen, am Fenster, am Schalter mit der Schiebeklappe, und blickte hinaus. Ganz leicht unter ihm stand eine Frau, sie hatte lange braune, lockige Haare – wie alt mochte sie sein, vielleicht fünfunddreißig, vierzig? –, sie hämmerte erneut gegen die Scheibe.

«Lassen Sie mich rein!», brüllte sie. «Bitte, schnell!»

«Das geht nicht», rief Ole, «das darf ich nicht!»

Er fummelte das Headset wieder über das Ohr, mit zittrigen Fingern, und ärgerte sich. Warum war auch bei ihm Abwehr der erste Reflex? Sollte er nicht hilfreich sein? Edel und gut? Was war mit seinen Ansprüchen? Seinen Idealen? Der Idee von Solidarität und Menschlichkeit? Ja, reden, das konnte er. Aber jetzt, wo es einmal darauf ankam?

«Bitte!», schrie sie. Ihre Stimme schaffte es, sich innerhalb eines einzigen Wortes zu überschlagen. Ole sah in ein weit aufgerissenes Gesicht, verschmiertes Make-up, da waren Schweiß, Tränen, ein Auge schien geschwollen, kein Mantel, keine Jacke, keine Schuhe, eine dunkle Bluse über einem blauen Rock.

«Was ist denn los?», fragte er, immer noch unfähig, das einzig Richtige zu tun. Sie hüpfte vor innerem Druck auf der Stelle, ballte die Fäuste, Veitstanz, dachte Ole, was für ein komisches Wort, Veitstanz. Schießgewehr.

«Die sind gleich da», schrie sie. «Bitte, aufmachen, bitte!»

«Darf ich nicht», sagte er. «Aber ich kann die Polizei rufen. Soll ich die Polizei rufen?»

«Nein, Mensch!» Die Frau heulte auf. «Sie sind gleich da!»

Ole war völlig überfordert. Er überlegte viel zu lange, los, konzentrieren, wo hatte er überhaupt den Schlüssel hingelegt, dann griff er unter die Kasse, da war ein Regal, da war ein Kästchen, darin war der Schlüssel. «Okay», sagte er mehr zu sich selbst, seine Stimme vibrierte, «okay.»

Er nahm das Kästchen, es fiel ihm herunter, er hob es auf, öffnete es, brauchte zwei Anläufe dafür, albern war das, er ergriff den Schlüssel, jetzt endlich bekam er ein wenig Tempo, setzte sich mit dem Hintern auf den Tresen, hob die Beine, schwang sie herum, gewann festen Boden unter den Füßen und rannte durch den Laden zur automatischen Schiebetür. Der Schlüssel musste oben hineingesteckt werden. Oben. Neben der Leiste. Er streckte sich, da war das Schlüsselloch, er stocherte ihn hinein, drehte ihn, die Tür öffnete sich, mit einem leichten Schaben, das Ole erstmals wahrnahm. Er riss das Headset herunter und warf es achtlos auf das Regal mit den Öldosen.

«Jetzt», rief er, «jetzt!»

Nichts passierte. Ole streckte den Kopf heraus. Der Wind empfing ihn mit eisigem Schwung. Vor dem Nachtschalter stand niemand.

«Nicht im Ernst», murmelte er. «Hallo?»

Ein sinnloser Ruf. «Hallo». Was hieß denn hier «hallo»? Selber hallo. Andererseits: Was sollte man auch sonst rufen? Die Lottozahlen? Er überlegte, was er tun sollte. Den sicheren Verkaufsraum verlassen? Die Tür verschließen? Die Polizei rufen? Seine Schwiegermutter in spe? Oh Gott, Schwiegermutter. Ob er sich das alles eingebildet hatte? Eine Psychose? Ein Wachtraum? Nein, das konnte nicht sein. Und es war doch nun wirklich schon ewig her, dass er was geraucht hatte. Mindestens, ganz kurz überlegen, drei im Sinn, zwei fallenlassen, eine Woche. Fast. Annähernd. Das musste sowieso aufhören. Jetzt, wo er Vater wurde. Genau, er wurde nämlich Vater, er hatte Verantwortung. Er konnte nicht einfach des Nachts oder am späten Abend vor einer mittelmäßig beleuchteten Tankstelle am Ortsausgang im Dunkeln tappen und nach fremden Frauen suchen, die auch noch panisch waren. Ole machte zwei Schritte auf der Stelle und schüttelte den Kopf. Eine seiner positiven Eigenschaften war es, sich permanent zu hinterfragen und grundsätzlich alles in Zweifel zu ziehen, was er gerade eben noch als richtig empfunden hatte. Weswegen bisweilen unangenehme Schlaufen in seinem Kopf entstanden, die nirgendwohin führten. Hier aber brachte ihn diese freiwillige Selbstkontrolle zu einem konkreten, nächsten Schritt: Alle seine Überlegungen waren Quatsch. Gerade weil er Verantwortung zu übernehmen hatte, hatte er Verantwortung zu übernehmen. Auch jetzt. Vorbild hatte er zu sein. Mutig. Hilfreich. Erwachsen.

Er trat nach draußen, den Schlüssel in der rechten Faust, er fröstelte, widerstand dem Drang, die Arme um den eigenen Körper zu schlingen, eine der Lichtleisten über Zapfsäule eins flackerte und wollte dringend repariert werden. Er ging langsam und bleischwer auf den Nachtschalter zu, dahin, wo eben noch die Frau gestanden hatte. Wo konnte sie denn bloß so schnell hin sein? Er blickte sich um, viele Möglichkeiten gab es nicht, wenn man es rational betrachtete. Eigentlich konnte sie nur um die Ecke gebogen sein, hinters Gebäude, drei Schritte waren es, vielleicht vier, an der Waschanlage vorbei, dahin, wo nur noch ein einzelner, schwacher Strahler unterhalb des Daches den schmalen Weg zur Toilette wies, die natürlich abgeschlossen war. Ole überlegte, ob er in die Schatten eintreten wollte, während es ihn drängte, zurück ins Warme zu eilen und so zu tun, als wäre all das gar nicht passiert. In vierzig Minuten war sowieso Feierabend, dann würde er zurückkehren zu Lucy, in das Haus ihrer Familie, in dem er seit einem guten halben Jahr wohnte und doch noch nicht richtig angekommen war.

Er seufzte erneut. Jetzt war er schon mal draußen, da konnte, durfte, sollte man vielleicht keinen Rückzieher machen, auch nicht als Pazifist und ökologisch engagierter Vollzeitveganer. Er seufzte also noch einmal, es fühlte sich gut an, dann ging er los, ein imaginärer Fuchs schien missbilligend den Kopf zu schütteln, Ole glitt wie auf Schienen um die Waschanlage herum, sie war geöffnet und wirkte wie ein großes schwarzes Loch. Er kniff die Augen zusammen, damit sie sich besser an die Dunkelheit gewöhnten. Etwas bewegte sich. Oder nicht? Doch, tatsächlich, ja, genau, da stand sie, ganz dicht an die Wand gedrängt, zitternd, unsichtbar wollte sie sein und atmete dabei viel zu laut.

«Alter», sagte Ole und machte mit den Händen eine beruhigende Geste, die sie wahrscheinlich nicht sehen konnte. «Was soll das denn? Ich hab aufgemacht, Sie können reinkommen!»

Ole fand sich ziemlich tapfer und geriet doch erneut in einen kurzen Strudel des Selbstmitleids. Warum mussten solche Sachen eigentlich immer ihm passieren? Erst die Sache im Herbst, dann die kurz vor Weihnachten, jetzt das hier. Eine Serie war das. Eine Serie, die hoffentlich bald mit der letzten Folge der letzten Staffel enden würde. Heute noch. Ein Dreiteiler war ja manchmal auch mehr als genug.

«Es ist egal», flüsterte die Frau. «Sie sind hier.»

«Nee», sagte Ole. «Hier ist niemand. Nur ich.»

«Sie sind hier», wiederholte sie und senkte den Kopf.

«Ja, dann mal schnell rein», sagte Ole und betrachtete dies als psychologischen Trick. «Bevor sie uns noch kriegen.»

«Wer?», fragte die Frau.

«Na, die, von denen Sie gerade … die halt.»

Ole zwinkerte verschwörerisch, was die Dunkelheit gnadenvoll verbarg.

Die Frau nickte, zumindest bewegte sich da etwas, sie stieß sich von der Wand ab, duckte sich leicht, sie traten zurück ins Licht, lautlos, da war das Flackern über Säule eins, die Frau blieb leicht gebeugt, immer auf dem Sprung, oberhalb des rechten Knöchels war ihre Strumpfhose zerrissen. Ole berührte sie leicht am Rücken, um sie zur Eile anzutreiben, sie zuckte zusammen, konnte Berührung offensichtlich nicht ertragen, er zog die Hand weg, sie rannte trotzdem schneller, da war niemand, nirgendwo, es dauerte keine drei Sekunden, dann öffnete sich die Schiebetür, waren sie wieder im Laden, ging die Tür zu, schloss Ole ab, die Frau atmete tief durch und sah ihn mit glasigen Augen an. Das verwischte Make-up verschlimmerte den Anblick der Schwellung rund um das linke Auge noch. Sie musste ordentlich einen mitbekommen haben.

«Polizei?», fragte Ole.

Die Frau zögerte. «Nein», hauchte sie. «Bitte nicht.»

«Ich glaub doch.»

Ole tastete seine Hosentaschen ab, da war kein Handy, er hatte es irgendwohin gelegt, wahrscheinlich neben die Kasse. Dieses Mal ging er wieder außen herum, vorbei an den Backwaren, die er noch wegschmeißen musste, eine Schande war das, also dass sie überhaupt gebacken worden waren, die Frau blieb inmitten des Ladens stehen, blickte sich immer wieder um, und gerade als Ole nach dem Telefon griff, erstarrte sie.

«Das ist echt nicht nötig», sagte eine Männerstimme, ihr Besitzer kam aus dem toten Winkel zwischen Zeitschriften und Kühlregal hervor und machte eine beruhigende Geste, indem er beide Handinnenflächen öffnete. «Das mit der Polizei.»

Ole blieb die Luft weg, die Frau fiel auf die Knie, es musste weh tun, sie begann augenblicklich zu weinen. Haltlos, wie jemand, der einfach aufgab. Alles.

Oles Atmung setzte wieder ein, er sah dem Mann ins Gesicht. Er war vielleicht Mitte vierzig, fast so groß wie Ole, hatte kurz geschnittenes, in Ansätzen graues Haar, trug eine Brille und praktische Wind- und Wetterkleidung, die auch für ein Überlebenstraining im Dschungel getaugt hätte. Wirklich gefährlich sah er nicht aus, so auf den ersten Blick. Er hatte rote Wangen, natürlich, das musste die Aufregung sein, seine Stirn war verschwitzt, vielleicht war es auch nur die Anstrengung des Laufens – da war ja gar kein Auto, da stand nichts, weder an den Zapfsäulen noch seitlich davon –, dabei lächelte er in dem Versuch, gewinnend zu wirken, wenn man auch an den Furchen um die Mundwinkel erkennen konnte, dass hier durchaus Muskulatur bemüht wurde. Ole ließ sein Handy sinken, als wäre er hypnotisiert. Der Mann beugte sich zu der Frau hinunter, um ihr eine Hand zu reichen. «Komm», sagte er sanft. Seine Stimme war angespannt, aber wohlklingend. «Steh auf. Wir kriegen das hin. Es wird wieder gut.»

Die Frau gehorchte, aber sie sah ihn nicht an, im Gegenteil, sie drehte sich von ihm weg, als wäre sie so geschützt vor seinem Blick.

«Tja», sagte Ole, um etwas zu sagen. «Was soll ich denn jetzt …?»

«Ich kann das erklären», unterbrach ihn der Mann, und Ole dachte, dass das ein Satz war, der in Filmen fiel, wenn der Ehemann den Fund eines daheim eher unbekannten Tangas in der Bettritze zu erläutern versuchte. Sätze wie «Ich kann das erklären» läuteten zumeist eine Lüge ein.

«Überwachungskameras», sagte Ole tonlos und zeigte fahrig zur Decke. «Hier. Überall.»

«Ich weiß», sagte der Mann. «Aber das ist gut. Also, für Sie. Wenn mal was passiert. Es passiert ja nichts, also gerade, oder? Es ist ja nichts passiert.»

Ole nickte, aber nur äußerlich. «Ich kenn Sie», hauchte er. «Ich hab Sie schon mal gesehen.»

Der Mann nickte ebenfalls. «Ja, das ist möglich», sagte er. «Ich tanke hier. Wo auch sonst, ne? Katenbüll ist klein. Gibt keine andere Tankstelle.»

«Weiß ich nicht», sagte Ole.

Der Mann lächelte. «Sie sind geschockt», fuhr der Mann fort. «Das verstehe ich. Ist ja auch ein schlimmer Anblick. Jetzt, hier, um diese Zeit.» Er zeigte sein Gebiss, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Eigentlich wirkte er doch recht abweisend, wenn man es genauer betrachtete, so als stünde er selbst unter Schock, hätte aber genügend Blenden, die er davorschieben konnte. «Das hier», er blickte zur Seite und behauptete Zuneigung, «ist meine Frau. Ihr geht es gerade nicht so gut.»

«Nee», sagte Ole. «Stimmt.»

«Sieht aber schlimmer aus, als es ist», sagte der Mann, während seine Frau schluchzte. «Wir haben … so ’n paar Probleme, hausgemacht, ne? Lässt sich nicht leugnen, sieht man ja.»

Er hielt seine Frau am Arm und kam mit ihr näher an Ole heran.

«Stopp», sagte der. «Stopp. Abstand, okay? Stopp.»

Der Mann blieb stehen, nickte verständnisvoll und lächelte dabei weiter, als wäre dies ein endlos langer Werbespot für die Apotheke des Vertrauens. Das Gesicht der Frau wirkte nun undeutlich und verwischt, sie hatte jegliche Körperspannung verloren.

«Können wir also bitte die Polizei aus dem Spiel lassen?», fragte er, den linken Arm immer noch fest um den Oberarm der Frau geklammert. «Ist es okay, wenn ich … Darf ich es sagen, Rike?»

Die Frau sah ihn an, als wollte sie ergründen, was er vorhatte, dann nickte sie wie eine Schaufensterpuppe, die halt nicken konnte.

«Rike braucht Hilfe», sagte der Mann. «Der Mensch ist sich selbst sein ärgster Feind, nicht wahr? Wir haben das viel zu lange schleifen lassen.»

«Verstehe», sagte Ole. Das tat er wirklich. Es war eine einfache Erklärung. Eine erfreulich einfache. Aber dennoch: In ihm wollte sich keine Erleichterung einstellen. Etwas passt nicht, dachte er. Ich übersehe etwas.

«Wir gehen jetzt nach Hause», sagte der Mann. «Rike muss sich hinlegen. Kann ich Ihnen vielleicht …», er sah sich um und klopfte mit den Händen gegen die Jackentaschen, «… irgendwas abkaufen?» Er zeigte auf die Backwaren. «Als Entschädigung?»

«Nee», sagte Ole und fand das nun wieder unsympathisch. «Um die Uhrzeit nur am Nachtschalter.»

«Ich kann ja außenrum gehen.»

«Nicht nötig», sagte Ole etwas zu schroff. «Was ist mit dem Auge? Bei Ihrer Frau? Warum ist das geschwollen?»

«Verletzt hat die sich», sagte der Mann. «Vor Wut. Mit dem Kopf gegen den Spiegel ist die.»

«Ach.»

«Im Flur.»

«Mensch.»

«Ja, der ist jetzt kaputt.»

«Der Spiegel?»

«Natürlich. Nicht der Flur. Auch nicht der Kopf. Also, der nur ein bisschen.»

«Klar.»

«Tausend Scherben, sag ich mal.»

«Soso.»

«Bringen ja Glück, ne?»

«Weiß ich nicht.»

Eine Pause entstand.

Der Mann beugte sich verschwörerisch vor. «Die Rike ist so ein bisschen bipolar», sagte er. «Wenn Sie wüssten, was da alles …»

«Weiß ich echt nicht», sagte Ole so stoisch und tonlos wie zuvor. Er wollte sich nicht einfangen lassen.

«Hat sich einfach manchmal nicht im Griff», sagte der Mann und zuckte mit den Schultern. «Aber wir arbeiten dran. Schönen Feierabend.» Er lächelte. «Ist ja bestimmt bald so weit, ne?»

«Ja», sagte Ole. «Bald.»

«Ich hoffe, Sie können heute Nacht trotzdem schlafen. Nicht dass das hier noch Nachwirkungen hat. Na ja, wahrscheinlich sind Sie Kummer gewohnt. So als Tankwart erlebt man ja einiges an Elend. Denke ich mir.»

Er drehte sich herum, seine Frau ließ sich willenlos abführen, so als hätte man ihr jegliche Lebensenergie entzogen, sah auch nicht mehr zurück. An der Tür blieben sie noch einmal stehen.

«Sie rufen doch nicht die Polizei, oder?», fragte der Mann. «Wäre doch wirklich Quatsch, was?»

«Weiß ich auch noch nicht», sagte Ole wahrheitsgemäß. «Ich weiß gerade gar nichts.»

Die Mimik des Mannes verdüsterte sich, er blickte zu Boden, dann hatte er sich wieder im Griff und sah auf. «Sie müssen aufschließen», sagte er ruhig. Die Frau schluchzte ein letztes Mal, Ole eilte um den Tresen herum, roch den eigenen Schweiß, als er an der Tür den Arm hob, um das Schloss zu betätigen, die Frau wich seinem forschenden Blick aus, dann eilten sie hinaus, sie und ihr Mann. Ole sah ihnen nach, wie sie ins Licht der Zapfsäulen traten, nur um kurz dahinter ins Dunkel der Nacht zu verschwinden.

Ole ließ die Tür zugleiten und schloss hinter sich ab, lehnte sich gegen die Eistruhe, die beruhigend brummte. Etwas stimmt nicht, dachte er erneut. Etwas ist falsch. Ich habe etwas übersehen. Dann, nach einem erneuten Blick auf die Zeitschriften, wusste er es. Sie, dachte er. Die Frau hatte gesagt, sie seien gleich da. Wieso sie? Wer denn noch? Eigentlich?

Sein letztes Gepäck

Sörensen schwamm in einem Meer aus Mitgefühl, es war warm, es war türkis, es wehte eine leichte Brise, man konnte bis zum Bauchnabel im Wasser stehen, da waren sehr viele Menschen, sie hatten sich um ihn geschart, aber er hatte Platz, erkannte Gesichter, wenn auch bei weitem nicht alle, sie lächelten ihn an, alle, warmherzig war das, sie wussten von seiner schweren Zeit, verstanden ihn, verurteilten ihn nicht, forderten ihn mit ausladenden Gesten auf, weiter hinauszuschwimmen, mit ihnen. Sörensen hatte noch nie so offene Gesichter gesehen, da war kein Argwohn, kein Misstrauen, alles war schön und hell und einvernehmlich, da war sogar Jennifer Holstenbeck, seine Kollegin Jenni, sie sah wunderschön aus und hatte vermutlich aus Gründen der Ökonomie auf einen Badeanzug verzichtet, Sörensen war sehr angetan und reichte ihr die Hand, die sie sofort ergriff.

Näher kamen sie sich nicht, aber immerhin, das war doch mal ein Anfang, ein Glücksgefühl war das, ihre Hand glühte rot, und ja, da kam seine Tochter Lotta, na endlich, Sörensen hatte sie so vermisst, sie konnte schwimmen, wann hatte sie das denn gelernt, sie schwamm um ihn und Jennifer herum, die jetzt doch einen Badeanzug trug, einen äußerst sportlichen in den Vereinsfarben des HSV. Lotta sah viel älter aus als sechs, richtiggehend erwachsen war sie und hatte die Locken ihrer Mutter.

Nele war nicht da, aber das machte nichts, denn da war ja Jennifer, die ihn ganz leicht zog, die die Führung übernommen hatte, auch das fühlte sich gut an, da war Leichtigkeit, die Sonne schien, der Boden unter seinen Füßen war aus Sand, der sich langsam verflüchtigte, je weiter sie hinausschwammen, da war sogar Malte Schuster, ihr ehemaliger Praktikant, er kraulte in einem Affenzahn an ihnen vorbei, ganz wild sah er aus, der brave Malte, er würde sie alle überholen und als Erster ins Ziel kommen, was auch immer das überhaupt für ein Ziel war, eigentlich spielten Ziele überhaupt keine Rolle, der Weg war das Ziel, das wusste man ja, dann war er weg, der Boden, und trotzdem war da keine Angst, konnte ihm nichts passieren, war Sörensen der festen Überzeugung, dass alles gut werden würde, dass ihm auf diesem Meer, dem warmen, türkisen, nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts passieren konnte, denn alle Menschen waren füreinander da und passten aufeinander auf.

«Geh ran», sagte Jennifer, sie hatte die schönsten Augen, in die Sörensen jemals geblickt hatte, sie hätte mit ihrem Strahlen das Volksparkstadion illuminieren können, «ich bin das.»

«Aber nein», sagte Sörensen, «du kannst das ja gar nicht sein, denn du bist hier, wir sind hier, alle sind hier, und wo soll ich überhaupt rangehen?»

«Ans Telefon», sagte Jennifer und deutete nach oben. «Aber beeil dich, sonst bin ich weg.»

Jetzt hörte Sörensen es auch, es war ein Klingelton, er zerschnitt die Luft und teilte das Meer.

«Och nee», sagte er enttäuscht, Jennifer hob die Schultern, grinste und legte den Kopf schief, da konnte man nichts machen, Sörensen versuchte, einen letzten Blick auf ihre Brüste zu erhaschen, aber ausgerechnet jetzt kam eine Welle, und er bemerkte, dass er gar nicht mehr schwamm, sondern nach hinten fiel, es war eine einzige organische Bewegung, in der die Sonne unterging, das Meer austrocknete und er sich schließlich in der Waagerechten wiederfand, im Schlafzimmer seiner Kate, deren ganzer erster Stock lediglich aus diesem Schlafzimmer bestand. Er tastete nach links, es war stockdunkel, sein Handy hatte gar nicht geklingelt, es vibrierte nur, aber mit der anderen Vermutung hatte sein Traum recht gehabt, es war Jennifer, die anrief und jeden Moment auf der Mailbox landen würde.

«Frühistdas, istdasnichtfrüh?», sagte er zur Begrüßung, da war ein Teppich in seinem Mund, ein pelziger, großzügig geknüpfter, danach erst bemerkte er, dass er noch gar nicht rangegangen war, drückte das grüne Symbol und schwieg, als er etwas hätte sagen müssen. Am anderen Ende der Leitung fand das Schweigen seine Entsprechung.

«Sörensen?», fragte Jennifer schließlich, die ganz gewiss keinen Badeanzug oder weniger trug und auch bei weitem nicht so herzlich und warm wirkte, wie er sie in kurzfristiger Erinnerung hatte. Eigentlich schien sie eher gestresst, na ja, was man halt so aus dem Benennen eines einzigen Namens heraushören konnte.

«Bist du wach?», fragte sie, drei weitere Worte, die eine Spur Ungeduld in sich trugen.

«Mussichwohl», sagte Sörensen, ärgerte sich über die Unterbrechung des süßen Traums, dann fiel ihm alles wieder ein. Er war ja gar nicht in Katenbüll, er war in Hamburg, in seiner alten Wohnung in Fuhlsbüttel, da war sein Hund Cord, der erwartungsvoll neben dem Bett saß und Sörensen anhechelte. Hamburg. Gleich würde die Übergabe an seinen Nachmieter erfolgen, der eine Nachmieterin war, in genau, Moment, sieben Minuten. Und er hätte beinahe verschlafen. Er wuchtete sich aus dem Bett, das zur Abstandsmasse gehörte und schon nicht mehr bezogen war, seine Straßenklamotten hatte er bereits an, wie praktisch, gestern Abend hatte er sich einfach darauf fallen lassen, auf Bett und Klamotten, nur um zu schauen, ob er ihm eventuell leidtäte, der endgültige Umzug hinaus aus der großen Stadt mitten ins dörfliche Leben Katenbülls, ab sofort ohne Netz, doppelten Boden und Rückfahrkarte. Es tat ihm nicht leid, hatte er festgestellt, seine emotionale Verbindung zu Hamburg war erloschen. Und dann war er eingeschlafen, erschöpft von einem anstrengenden Leben, das er sich nicht wenig selbst erschwerte.

«Ich mach mir Sorgen», sagte Jennifer und klang so, als hätte sie im Gegensatz zu ihm die ganze Nacht kein Auge zugetan.

«Um mich?», knödelte Sörensen und schalt sich, die Heizung nicht heruntergedreht zu haben. Es war Frühling, verdammt noch mal. Und hier drin waren es mindestens fünfunddreißig Grad. Na ja, das würde seine Nachmieterin zahlen. Logisch.

«Der Ole ist gestern nicht nach Hause gekommen. Nach der Arbeit.»

Sörensen gähnte, Cord streckte ihm die rechte Pfote entgegen. «Na ja, was so ’n junger Kerl ist.»

«Katenbüll, Sörensen», schimpfte Jennifer. «Da geht man nicht an einem Sonntagabend noch mal schnell irgendwohin und versackt dann da. Wir haben hier nix zum Versacken.»

Sörensen suchte neben dem Bett seine Schuhe, fand aber zunächst nur einen. «Ist die Gitarre noch da? Vielleicht ist der ja Musik machen gegangen?», vermutete er. «Macht der doch manchmal.»

«Der hatte Schicht bis dreiundzwanzig Uhr!»

«Die besten Alben sind nachts aufgenommen worden. Vorher sind die ja auch gar nicht wach, die Musiker.»

«Der Ole nimmt keine Alben auf.»

«Richtig.»

«Und die Gitarre steht auf ihrem Ständer.»

«Vielleicht ein Chor? A cappella?»

«Du redest Zeugs. Was soll ich denn jetzt machen? Lucy ist vollkommen fertig. Nicht dass die gleich ihr Kind bekommt, und dann ist der gar nicht da, und die muss das alles alleine machen. Oder am Ende doch wieder ich.»

Sörensen fand den anderen Schuh unter der Heizung. Er sah ein wenig schrumpelig aus, Cord zeigte gesteigertes Interesse, was insgesamt nur wenig hilfreich war.

«Also, soweit ich mich erinnere, war ich bei der Geburt von Lotta auch keine große Hilfe», sagte Sörensen. «Aber Nele und ich haben uns beim Kotzen abgewechselt, das war ganz schön.»

«Du nimmst mich nicht ernst, Sörensen.»

«Doch, doch.» Sörensen war tatsächlich ein wenig abgelenkt. Er hatte Kopfschmerzen, da war der Hund, eine Mischung aus Schäferhund und Golden Retriever, der über dem Schuh hing und ihn mit Zunge und Zähnen noch weiter deformierte. Sörensen hätte eigentlich noch mal durchfegen und staubsaugen müssen, aber der Staubsauger war kaputt und der Feger bereits in Katenbüll. Da konnte man nichts machen. «Warst du denn schon an der Tankstelle?», fragte er und hob den Zeigefinger, um Cord zu ermahnen. «Um nachzugucken?»

«Gestern Nacht gleich.»

«Menschenskind.»

«Was denn?» Jennifer hatte nicht allzu viel Gelassenheit parat. «Ist doch nicht normal, der hat doch auch Verantwortung!»

«Jetzt lass dem mal ’n bisschen Luft zum Atmen», sagte Sörensen, der selbst eine Menge Luft benötigte. Er ging zum Fenster und riss es auf. «Der ist doch noch so jung, der wird bald Vater, der braucht auch mal ’ne Auszeit.»

«Also, soll ich jetzt ’ne Fahndung machen, oder nicht?»

Sörensen roch unter seinen Achseln. Ging noch. «Wenn wir jedes Mal ’ne Fahndung machen würden, wenn ein Typ Anfang zwanzig mal ’ne Nacht nicht nach Hause kommt, dann gute Nacht. Da kommen wir ja gar nicht mehr dazu, Falschparker aufzuschreiben. Und das wäre wirklich schlimm.»

«Sörensen …»

«Nee, im Ernst.»

Er wusste von Oles gelegentlichen Fluchttendenzen, und für einen Moment formte sich in ihm der Gedanke, dass der junge Mann es dieses Mal vielleicht tatsächlich getan hatte, dass er die Stadt verlassen hatte, das Land, den Kontinent. Nur um nicht Vater werden zu müssen, was natürlich Quatsch war. Wenn man als Nutztier auf dem Schlachthof die Augen zumachte, stand man ja trotzdem immer noch auf dem Schlachthof. Und wurde dann halt mit geschlossenen Augen massakriert. Sozusagen. Sörensen schalt sich ob des martialischen Vergleichs, aber er war nun einmal Vegetarier.

«Pass mal auf, Jenni», sagte er in dem Versuch, etwas Beruhigendes beizutragen. «Ich bin gerade in Hamburg, okay? Als ich das erste Mal von Hamburg aus zu euch gekommen bin, hatten wir fünf Minuten später den ersten Mord. Als ich das zweite Mal hier war, saß plötzlich die Jette auf dem Revier und war blind und hatte ordentlich was am Hacken. Und beim dritten Mal, also heute, passiert einfach nix, okay? Das wäre ja auch sehr unglaubwürdig sonst, das geht doch nicht, das denkt sich doch keiner aus.»

«Aber …»

«Pass mal auf, das läuft so: Ich übergebe die bescheuerte Wohnung, dann fahre ich zurück nach Katenbüll, und während ich noch auf der A23 im Stau stehe, der sich selbstverständlich erst in dem Moment bildet, wo ich da reinfahre, taumelt der Ole durch die Tür und hat ’nen Kater oder einfach so ein schlechtes Gewissen, dann geht der duschen, und alle haben sich wieder lieb. Okay?»

«Wenn du das sagst.»

«Ja, ich sag das, denn ich bin Kriminalhauptkommissar und habe den absoluten Durchblick, was auf jeden Fall stimmt und niemals in Zweifel gezogen werden darf.»

Jennifer lachte. «Du und Durchblick. Hab ich bisher nix von gemerkt.»

«Unverschämtheit. So spricht man nicht mit seinem Vorgesetzten!»

«Dann legen wir jetzt auf!»

Er gehorchte, grinsend und ohne sich zu verabschieden, obwohl man, so dachte er, auflegen da ja überhaupt nicht mehr sagen konnte, schließlich handelte es sich hier nicht um einen Hörer, den man auf eine Gabel legte, die wiederum nie etwas mit einem Messer zu tun gehabt hatte, sondern um eine schlichte Taste, die in Wirklichkeit auch alles andere als eine Taste war, herrje, die Begrifflichkeiten stimmten einfach alle überhaupt nicht mehr, das Leben hatte sich schneller verändert als die Sprache, jedenfalls, er legte den Zeigefinger auf das Bedienfeld seines Mobiltelefons, und zwar dorthin, wo ein rot ausgeleuchtetes Hörersymbol dem Benutzer zur besseren Verständlichkeit den Weg wies. Dann ging er ins Bad, betrachtete sich ein letztes Mal im Spiegel, ein Spiegel, der so viel Leid und Elend gesehen hatte in den letzten zweieinhalb Jahren wie vermutlich kaum ein Spiegel seines Lebens zuvor. Die Angsterkrankung hatte immer noch tiefe Spuren im Gesicht hinterlassen, dennoch sah er ein wenig besser aus als noch im September, als er erstmals nach Katenbüll gefahren war, ins unbekannte Nordfriesland, um seine neue Stelle anzutreten, die ihm eine Rückkehr ins normale Leben ermöglichen sollte. Das Meer, der Koog, die Luft. Man konnte nicht grundsätzlich sagen, dass diese Zutaten dem Menschen schadeten.

Er griff in den Kulturbeutel und zog den Blister heraus. Zehn Milligramm Citalopram. Nach wie vor. Leider. Das Absetzen hatte nicht geklappt. Bis jetzt. Er hatte es nur eineinhalb Wochen durchgehalten. Die ersten Tage waren noch in Ordnung gewesen, bestimmt von einer gewissen Grundnervosität, aber insgesamt hoffnungsfroh und nach vorne gerichtet. Dann aber war es über ihm zusammengeschlagen, hatte der Wirkspiegel im Blut sich nachhaltig gesenkt, wurden die Absetzphänomene übermächtig, war sein Selbstvertrauen, das eingebildete, wieder komplett in den Keller gegangen, waren die alten Muster aufgebrochen, die Angst vor dem Leben, der Zukunft, gepaart mit der bitteren Erkenntnis, offenbar nicht ohne Medikament leben zu können, insofern eigentlich in keiner Weise geheilt oder stabilisiert zu sein im Vergleich zu den allerdunkelsten Tagen, als er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte und Nele sich von ihm getrennt hatte.

Nele, die Liebe seines Lebens. Nach Lotta natürlich. Seine Tochter war immer noch sechs, würde aber am Mittwoch nach Ostern sieben werden. Und er hatte sie jetzt schon ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Das tat mehr weh als alles andere zusammen. Nun nahm er das Citalopram also weiter, aber er tat es mit einem Schuss mehr Bitterkeit, manchmal, wenn die Tage es gut mit ihm meinten, siegte auch der Pragmatismus. Es war logisch, einen Gips zu tragen, wenn das Bein gebrochen war. Alles andere war dumm und unerwachsen. Also.

Er putzte sich die Zähne, dann ging er zurück ins Wohnzimmer, betrachtete die gepackten Taschen, in denen das drin war, was er zum Leben in Katenbüll noch brauchte. Den Rest hatte er Oxfam gestiftet, der Altkleidersammlung, der Müllindustrie oder irgendwelchen Secondhandgeschäften, deren Verkäufer sich nicht einmal über die neue Ware gefreut hatten. Sörensen seufzte, stellte Cord das Futter hin, da klingelte es auch schon an der Haustür. Zum letzten Mal, dachte Sörensen, fand das wenig bedauerlich, es waren sowieso höchstens der Postbote oder der Paketdienst gewesen, die ansonsten auf der Matte gestanden hatten, und öffnete mit seinem freundlichsten Gesicht. Die Nachmieterin, denn um sie musste es sich handeln, war vielleicht Mitte fünfzig, strenge Frisur, teure Brille, Kostüm der gehobenen Kategorie, feinstes Blankenese. Wenn die sich hier in dieses Mietshaus in Fuhlsbüttel verirrt hatte, konnte das eigentlich nur einen Grund haben.

«Na», sagte Sörensen zur Begrüßung, «auch vom Partner getrennt?»

Das war eventuell eine etwas sportliche Einleitung, vielleicht auch von zweifelhafter Sensibilität, jedenfalls erwischte sie Blankenese auf dem falschen Fuß.

«Guten Morgen erst mal», sagte sie steif und zog die perfekt geschwungenen Augenbrauen hoch. «Rebecca Hambacher.»

«Sörensen», sagte Sörensen, machte eine einladende Geste, Cord schnüffelte an Frau Hambachers Beinen, was Frau Hambacher nicht gutzuheißen schien.

«Von Tieren war nicht die Rede gewesen», sagte sie pikiert. «In der Anzeige.»

Sörensen betrachtete Cord, als sähe er ihn zum ersten Mal. «Ach so … ja gut, jetzt wo Sie das sagen … da nehm ich den wohl besser wieder mit, was?», sagte er und grinste, um den Scherz zu verdeutlichen. «Da wäre der vielleicht auch gar nicht mit einverstanden gewesen. Also, hierzubleiben.»

Frau Hambacher hatte ihren Humor in Blankenese gelassen. «Der frisst von meinem Boden.» Sie zeigte pikiert mit einem karminrot lackierten Finger auf das Laminat, wo Cord in der Tat die Reste seines Trockenfutters rund um die Schüssel verteilt hatte.

«Stimmt», sagte Sörensen und lächelte weiterhin verständnisvoll. Eindeutig vom Partner getrennt. «Sonst isst der natürlich vom Tisch. Aber den hab ich schon entsorgt. Wollten Sie ja nicht haben.»

Er wusste, er hatte den Anfang ihres Gesprächs vermasselt, jetzt musste er die Folgen tragen. Eigentlich sah sie ja ganz nett aus, diese Frau Hambacher, die es bestimmt auch nicht leicht hatte im Moment. Gestresst war sie, logisch, fremdelnd, im Angesicht der neuen Bleibe mit der offiziell sichtbaren Delle in ihrer Existenz konfrontiert.

«Sieht ja schon ein bisschen heruntergewohnt aus», sagte sie berechtigterweise, rümpfte die wohlgeformte, vielleicht operierte Nase und schritt unschlüssig ein paar Meter hierhin, ein paar dorthin. «Aber warm ist es hier. Warum haben Sie denn die Heizung eingeschaltet? Es ist Frühling.»

«Das war die Verabredung», sagte Sörensen und ging auf den Einwand nicht weiter ein. «Also, nicht das mit der Heizung. Die Verabredung war, Sie renovieren, dafür können Sie früher rein und zahlen keinen Abstand für nix.»

«Hier muss man nicht renovieren, hier braucht es einen Wiederaufbau.»

«Sie übertreiben.»

Sie zeigte auf die Spinnweben an der Decke, die Risse in der Raufasertapete, die heraushängenden Dübel in der Wand. Dann auf das zerwühlte Bett. «Das ist ja benutzt.»

Das fand Sörensen nun doch blöd. «Ja, meinen Sie, ich schlaf im Hotel, oder was? Jetzt ist auch mal gut. Es ist sieben Uhr morgens, das ist immer noch meine Wohnung, ich bin nur Ihretwegen hier, und waschen müssen Sie den ganzen Kram schon selber. Was haben Sie denn gedacht, was Sie hier kriegen? Penthouse mit Sauna und Swimmingpool? Für fünfhundertachtundneunzig Euro im Monat? Warm?»

Blankenese verzog das Gesicht. «Die Mindeststandards», sagte sie. «Die hätte ich erwartet. Freiwillig zieht hier doch sowieso kein Mensch ein.»

«Richtig. Und weder Sie noch ich sind oder waren freiwillig hier. Da muss man dann halt mal Abstriche in Kauf nehmen!»

«Ihr Verhalten ist ein ganz schöner Tanz auf der Rasierklinge, Herr Sörensen!»

«Ritt heißt das», blaffte Sörensen. Jetzt reichte es aber. «Ritt auf der Rasierklinge. Was soll ich denn da tanzen? Da gibt es doch gar nichts zu tanzen, auf so einer Rasierklinge.»

«Ach so, natürlich», schnappte Frau Hambacher zurück. «Auf der Rasierklinge zu reiten ist natürlich viel logischer. Nein, wer reiten kann, der kann auch tanzen.»

«Nix», sagte Sörensen. «Auf dem Vulkan wird getanzt, auf der Rasierklinge geritten. Aber nur, wenn da kein Vogel sitzt. Auf dem Drahtseil.»

Er warf alle Empathie über Bord. Unsympathisch war die, da hatte man sich aber auch zu trennen, alles Verständnis für den Mann, gar nicht erst zusammenkommen durfte man mit der, was für eine schnöselige menschgewordene Ziege, arrogant, vorlaut, respektlos, immer nur ich, ich, ich, ja, so konnte man natürlich keine Beziehung führen, hoffentlich hatte die keine Kinder, oh Gott, die armen Kinder, die waren bestimmt auf einem Internat oder im Ausland oder im Ausland auf dem Internat, und die hier, ja, die war Anwältin oder Ärztin, aber auf der Chefarztebene, da operierte man nicht mehr selbst, da ließ man operieren und stolzierte mit einem Rattenschwanz an Assistenzärzten im Schlepptau über die Gänge, um mittellosen Kassenpatienten jede Nachfrage zu ihrem persönlichen Ableben zu untersagen, weil man ja immer Besseres zu tun hatte bei seinem Vogeltanz auf dem berittenen Vulkan.

«Ich muss dann auch mal», sagte er, bückte sich und hob das Schälchen auf, in dem sich Cords Futter befunden hatte.

«Schlüssel?»

«Liegen alle im Kästchen im Flur.»

«Ich denke nicht, dass ich dieses Kästchen will.»

«Dann schmeißen Sie’s weg.»

«Ich werde mich bei der Hausverwaltung über Sie beschweren.»

«Schöne Grüße.»

«Ich bin Anwältin!»

«Aha!»

«Wie, aha?»

«Ja, hab ich mir gedacht.»

«Wieso?»

«Ich bin Polizist.»

Sie verstummte, Sörensen machte ein investigatives Gesicht, gab Cord ein Zeichen, dieser schnüffelte noch einmal an Blankeneses Beinen und schien zufrieden mit dem Ergebnis. Sie sahen sich aufs Eisigste in die Augen, Sörensen und Frau Hambacher, er hielt dem Blick stand, dann zerbrach ihre Wut, wirkte sie nur noch traurig und verzweifelt, die Schultern sackten nach vorn, sie zuckte, kämpfte mit den Tränen. Sörensen packte das Mitleid, mein Gott, was war der Mensch vielschichtig, und die Nase war bestimmt auch nicht operiert, sondern einfach von Natur aus schön.

Er lächelte sie an, sie lächelte vorsichtig zurück. «Wenn noch was ist, rufen Sie mich an», sagte er. «Nummer haben Sie ja.»

Dann packte er sein letztes Gepäck, hatte auf gar keinen Fall Lust, noch einmal heraufzukommen, und schaffte es daher, sieben Taschen auf einmal zu schultern. Das sah seltsam aus, hatte aber Humor.

«Soll ich tragen helfen?», fragte Rebecca Hambacher, aber Sörensen schüttelte den Kopf, woraufhin drei Taschen an den Seiten herunterfielen. Die Anwältin half ihnen wieder auf.

«Geht schon», sagte er gepresst. «Alles Gute.»

«Für Sie auch», erwiderte sie mit dünner Stimme. Sie schien nicht allein bleiben zu wollen, aber sie war es nun mal. Mit jeder Sekunde wurde es deutlicher, auch und vor allem für sie selbst.

Sörensen setzte einen Fuß vor die Tür, dann drehte er sich noch einmal um, ganz schön sperrig war das, und schenkte ihr ein letztes Lächeln. «Halten Sie durch», sagte er. «Hinten wird die Ente rund!»

Sie schniefte und lächelte zurück. «Fett wird die.»

«Genau», sagte Sörensen, wendete so geschmeidig wie ein Schwertransporter, dann stiefelten er und Cord die Treppe hinunter, ein letzter Blick auf die Kacheln, die Fliesen, ein letztes Verklingen des sekundenlangen Nachhalls, dann war er endlich draußen.

Sein roter Passat parkte direkt vor der Tür, und natürlich, das ließ sich wohl nicht vermeiden, stand da auch Buttermann, der kleine glatzköpfige Herr Buttermann, der verkürzte Arm der bürgerlichen Rechten, der ewige Wutbürger des Monats, schon wieder wie festgetackert in seinem winzigen Kiosk. Berühmte letzte Worte, dachte Sörensen, jetzt was ganz Schlaues zum Abschied. Er ließ die Taschen fallen, wuchtete sie in den Passat, der sowieso schon ordentlich befüllt war, schnallte Cord auf der Rückbank an, dann drehte er sich zu Buttermann um, der die Prozedur mit verschränkten Armen verfolgt hatte.

«So», begann Sörensen. Das war gewiss steigerungsfähig.

«Mir egal», sagte Buttermann und hatte damit eindeutig den besseren Auftakt. «Weg ist weg. Reisende soll man nicht aufhalten.»

«Immer noch sauer wegen der Wohnung?», fragte Sörensen. Buttermann hatte sich äußerst interessiert gezeigt, als Sörensen vor Monaten seinen Auszug verkündet hatte, aber dieser hatte seinem Nachbarn, dem ewig stänkernden Kleinbürger, den Erfolg nicht gegönnt und einiges drangesetzt, einen anderen Nachmieter zu finden

«’ne Schweinerei ist das», sagte Buttermann. «Ich hab ’ne alte, kranke Mutter, und die hätte genau neben mir wohnen können, und dann kommst du und machst mir das kaputt, und ich muss jetzt jedes Mal die vierzig Kilometer fahren, um der eine Suppe zu bringen, die dann am Ende kalt ist. Ist doch scheiße!»

Sörensens Verdammungskonzept brach in sich zusammen. «Ernsthaft?», fragte er. «Die Wohnung war für deine Mutter? Warum hast du das denn nicht gesagt?»

Buttermann lehnte sich mit den Ellbogen auf die versammelte Springer-Presse vor sich. «Wollt dich nicht damit belästigen», sagte er. «Wir kennen uns ja kaum. Dement ist die.»

«Ja, meine Fresse», regte sich Sörensen auf. «Das musst du mir doch sagen, dann hättest du die Wohnung natürlich bekommen.»

«Ach so, ich alleine reiche nicht, oder was?», sagte Buttermann. «Wenn das für eine demente alte Frau ist, dann ist das in Ordnung, aber wenn das für mich ist, kommt das natürlich nicht in Frage. Warum eigentlich? Weil ich klein bin, weil ich ’ne Glatze hab, weil ich ’ne Meinung hab, die dir nicht passt, weil ich manchmal nicht ganz so gut gelaunt bin? Das ist doch Mist, das ist doch unfair, weißt du, was du bist? Du bist ein Arsch, Sörensen!»

«Eben war ich noch ein grober Klotz. Weiß nicht, ob das zusammenpasst.»

«Was?»

«Nix.»

Sörensen kniff die Lippen zusammen und kämpfte tatsächlich und unerwartet mit einem schlechten Gewissen. Wer war er denn, dass er die Menschen um sich herum beurteilte? Für oder gegen sie entschied, wenn es um ihre Lebensumstände ging? Eventuell hatte Buttermann recht, und er war tatsächlich ein Arsch – und das hier war ganz gewiss nicht der Abgang, den er sich erhofft hatte.

Er öffnete die Fahrertür. Zögerte. Und zweifelte. «Hast du echt ’ne demente Mutter, Buttermann?», fragte er.

«Nee», sagte Buttermann trotzig. «Und das sage ich nur, weil du Polizist bist und das sowieso herauskriegen könntest. Meine Mutter ist seit über vierzig Jahren tot. Aber ich könnte eine kranke, demente Mutter haben, und ich könnte für sie Suppe kochen, und ich könnte ihr die Suppe jeden Tag bringen müssen. Vierzig Kilometer, stell dir das mal vor! Für eine Suppe!»

Sörensen schüttelte den Kopf – es war einfach nicht zu fassen – und stieg ein, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Er zog die Tür zu, startete den Motor, parkte aus – und schon war er weg, der Kriminalhauptkommissar, weg und fort und auf gar keinen Fall mehr Teil dieses kleinen, unbehaglichen Lebens hier in Hamburg-Fuhlsbüttel, unweit von Gefängnis und Flughafen, was die vielleicht größten denkbaren Gegensätze auf engstem Raum waren.

*

Als er durch den Krohnstiegtunnel fuhr, der ihn über Niendorf auf die A7 führen würde, vorbei an startenden und landenden Flugzeugen, die ihm geradezu metaphorisch vorkamen, verspürte Sörensen doch einige Wehmut. Nicht wegen der Wohnung, die er schon an der ersten Ampel abgehakt hatte, nein, es war wegen der nun auch theoretisch nicht länger vorhandenen Nähe zu seiner Tochter Lotta, die er so sehr vermisste, dass der bloße Gedanke an das lachende Kindergesicht Schmerzen in Brust und Seele auslöste.

Lotta blieb in Hamburg, aber er ging weg. Endgültig. Da war schon wieder das schlechte Gewissen, nicht der Vater sein zu können, der er sein wollte, die Wut über seine Angsterkrankung, die Wut über die Trennung von Nele, über die Notbremse, die sie gezogen hatte, angeblich, um ihre Tochter vor dem kranken Vater und der damit verbundenen Wahrnehmung der Welt zu bewahren. Sörensen spürte die gewohnte Atemnot, an die er sich gewöhnt hatte wie an ein neues Organ, da war es, das verminderte Selbstwertgefühl, die Angst, das Leben nicht in den Griff zu bekommen, zu versagen in allem, was wirklich wichtig war. Das durfte so nicht sein, so konnte er nicht verschwinden, nicht von hier weggehen.

Er bog direkt hinter dem Tunnel rechts ab, ganz automatisch, dann gleich noch mal rechts, zurück nach Fuhlsbüttel, darüber hinaus, in Richtung einer feineren Gegend, nach Harvestehude. Er war sich darüber im Klaren, dass das, was er jetzt tat, ein gewisses Risiko beinhaltete, nicht sonderlich klug war, auf Abwehr stoßen würde, aber wann sollte er es sonst tun? Er kannte die neue Adresse, natürlich, obwohl er noch nie dort gewesen war, er fuhr wie ferngesteuert, über Alsterdorf, Eppendorf, vorbei am NDR, dann links in den Werderweg, da war die Mittelstraße, da die Tennisanlage am Rothenbaum, dann ging es noch einmal links ab, ein paar hundert Meter, und er war angekommen. Sörensen parkte auf der gegenüberliegenden Seite, als er die passende Hausnummer erspäht hatte. Dann stand er da, außer Atem, als wäre er die Strecke gelaufen.

Kein Vergleich zu seinem Mehrfamilienhaus in Fuhlsbüttel mit den dünnen Wänden, dachte er. Das hier war eine andere Welt, hier residierte man mehr, als dass man wohnte, da hätte die Frau Anwältin, die wahrscheinlich gerade den Boden von den Keimen Cords befreite, deutlich besser hingepasst als in so eine Butze in Fuhlsbüttel. Weiße Fassade, drei Stockwerke, hohe Fenster, verspielter Balkon, modern, aber passend ins klassische kaufmännische Hamburg hineingebaut, viel Grün vor der Tür, sorgsam gestutzt und repräsentativ hergerichtet. Sörensen fühlte sich zu klein für all das. Wie konnte sich Nele das bloß leisten?

Er streckte den Kopf vor, Cord dachte, es ginge hinaus und begann zu zappeln. Sörensen aber saß einfach nur da, stellte sich vor, dass da drüben, nur wenige Schritte entfernt, seine Tochter war, dass sie sich anzog für die Schule, vielleicht noch schnell die Zähne putzte, dass Nele mit ihr schimpfte, weil sie so trödelte, dass sie vielleicht auch einfach nur entspannt miteinander kuschelten, weil sie noch fünf Minuten Zeit hatten.

Sörensen sah Neles Auto, einen Twingo, er verschwand fast zwischen all den Jaguars und Audis, gleich würden sie herauskommen, es war halb acht, und was war dann überhaupt? Würde er hier sitzen bleiben, in seinem roten Passat, der an den Kanten mittlerweile rostig braun war, den Schock aushalten, in atemloser Starre, würde er mit vorgerecktem Kinn über Lottas Körpergröße staunen, würde er aus dem Auto stürmen, auf seine Tochter zu, auf Nele, alle erschrecken, alles durcheinanderbringen, für heillose Verwirrung sorgen, und dann, was dann? Die große Sprachlosigkeit? Was wollte er überhaupt hier? Außer nicht loszulassen? Er schüttelte den Kopf.

«Mensch, Cord», sagte er. Der Hund spitzte die Ohren. «Jeder ist seines Glückes Schmied, ne?»

Er dachte daran, wie der leidgeplagte Hund sich ihn ausgesucht hatte, als neuen Besitzer, Aufpasser, Rudelführer, und wie schlau das Tier dabei gewesen war, gleichsam konsequent wie entschlossen, da war jemand auf vier Pfoten aber mal so was von Schmied gewesen, eine Eigenschaft, von der er sich nun wirklich eine Scheibe abschneiden konnte. Apropos Scheibe. Er kurbelte die auf der Fahrerseite ein kleines Stück herunter, zwecks besserer Atmung für wartende Vierbeiner, dann stieg er aus, den Autoschlüssel in der linken Hand fest umklammert, und ging auf das Haus zu. Cord blickte ihm nach, er wusste nichts von Schmieden, Glück und Töchtern, aber er wäre dennoch gerne dabei gewesen. Egal bei was.

Sörensen passierte den Vorgarten, hier waren Hecken und sprießende Frühlingsblumen mit der Nagelschere zurechtgestutzt worden, dann stand er vor dem Klingelschild, drei Parteien, mehr nicht. Löwenberg stand da, keineswegs geschwungen, sondern geradlinig, so wie Nele halt war, darüber ein Dr. Carstens in kursiver Schönschrift, darunter eine Familie von Stetten in goldenen Lettern. Ernsthaft. Sörensens Zeigefinger wehrte sich mit allem, was er hatte, gegen das Drücken des wie unangerührt glänzenden Klingelknopfs. Es war halb acht, Herrgott. Morgens! Dann stellte er sich vor, wie Lotta ihm auf den Arm springen würde, der Finger zuckte weiter vor. Er stellte sich vor, wie Lotta ihn nicht mehr wiedererkannte, der Finger zuckte zurück. Er stellte sich vor, wie Nele ihm mit voller Wucht eine klebte, weil er einfach so in ihre Welt eingedrungen war, der Finger zuckte noch weiter zurück, bis hinunter an den Gürtel, der nicht wenig über dem Bauch spannte.

Sörensen verlor jeden Mut, drehte sich um, er war ja auch ein Idiot, wer war er denn, dass er aus lauter Selbstsucht seine Tochter in ihrer sicherlich mühsam erlernten Morgenroutine störte. Er machte ein paar Schritte in Richtung Gehweg, da ging die Haustür auf, und sie stürmte hinaus, Lotta, seine Tochter, groß war sie, verdammt groß, sie sah aus wie er, sie sah aus wie Nele, sie hatte langes braunes, lockiges Haar, bunte Turnschuhe, eine dunkelblaue Leggins und darüber eine Art Petticoat mit blauen Punkten auf weißem Grund.

«Lotta», rief Sörensen, wusste nicht, wohin mit sich, und war für einen Moment so ungeschützt wie ein Säugling.

«Papa», rief seine Tochter, zögerte nur ganz kurz, natürlich erkannte sie ihn, dann sprang sie ihm auf den Arm, drückte sich an ihn, sie lachte und kreischte, ihm liefen die Tränen hinunter, das war er gar nicht gewohnt, das passte nicht zu ihm, aber da war er wohl, der wundeste Punkt, und Mensch, das wurde aber auch Zeit, dass er sie wiedersah, seine Tochter, sein Kind, es war so eindeutig, dass er der Vater war, dass es ihm fast das Herz aus der Brust riss.

«Oh nein», sagte eine Frauenstimme hinter Lotta, das war Nele, sie hatte ebenfalls einen Autoschlüssel in der Hand, genau wie er, nur sah sie aus wie der Frühling selbst, na ja, wie der geschockte blasse Frühling, wer sollte es ihr verdenken? Lotta wandte sich auf Sörensens Arm von ihr ab, wollte sich den Moment nicht kaputt machen lassen, Nele reagierte wenig verständnisvoll, sie verzog das Gesicht, verschränkte die Arme und betrachtete Sörensen mit der Wärme eines Gefrierfachs.

«Okay», sagte sie, sichtlich bemüht, nicht zu schreien. «Erklärung?»

Sörensen setzte Lotta ab, die sofort wieder an ihm hinaufkletterte.

«Äh», begann er, und es gelang ihm tatsächlich, zwischen dem ersten und dem zweiten Buchstaben zu stottern. «Bin gerade zufällig in der Stadt.»

«Du lügst», sagte sie.

«Ja», gab er zu. «Stimmt. Also, stimmt nicht.»

«Lügen darf man nicht», sagte Lotta glücklich.

«Also?» Nele ballte die Fäuste, presste die Lippen zu einem Strich zusammen und sah trotzdem entsetzlich hübsch aus.

«Wohnung», sagte er. «Hab ich übergeben. Gerade.»

«Das heißt, du bist jetzt endgültig weg, ja?», fragte Nele. Klang sie erleichtert? Lotta stieg von ihm herunter und kehrte an die Seite ihrer Mutter zurück, sah ihn verwirrt und enttäuscht an.

«Ja», sagte er. «Nein.» Der Kloß im Hals hatte die Größe eines Tennisballs.

«Was denn nun?»

«Ja, weil ich jetzt nur noch die … die Kate in Katenbüll hab. Nein, weil ich fragen wollte, ob ich … ob Lotta vielleicht an Ostern zu mir kommen kann?»

«Au ja», schrie Lotta und hüpfte auf der Stelle.

«Telefon», sagte Nele kühl. «Dafür gibt es Telefon.»

«Weiß ich», sagte Sörensen. «Aber ich war gerade zufällig in der Nähe und …»

«Warst du nicht.»

«Nein, war ich nicht.»

Sörensen brauchte ein paar Augenblicke mit Nele allein, so wurde das nichts, er drückte Lotta den Autoschlüssel in die Hand und zeigte auf den roten Passat. «Guck mal», sagte er. «Da ist jemand drin, der dich begrüßen möchte.»

Nele warf einen Blick auf den Passat. «Beißt der auch nicht?», fragte sie.

«Nee, der … der beißt nicht», hoffte Sörensen.

Lotta blickte über die Straße und sah Cord, der zumindest grob in ihre Richtung blickte und mit der heraushängenden Zunge erfreulich süß aussah. Sie quiekte, rannte ungebremst über die glücklicherweise unbefahrene Straße, Nele zuckte zusammen, dann atmete sie tief aus, die Hand drückte imaginäre Luft nach unten, einmal, zweimal, dreimal. Schließlich sah sie ihn an, eine Fremde, mit dem teuersten und dicksten Schutzmantel bekleidet, den sie in der Kürze der Zeit hatte auftreiben können.

«Das hättest du nicht tun dürfen», sagte sie leise. «Was glaubst du denn, was jetzt in Lotta los ist? Du bist gleich wieder weg, und ich kann das die nächsten Tage ausbaden.»

«Ostern», sagte Sörensen. «Nächstes Wochenende ist Ostern! Kann sie nicht über Ostern zu mir kommen? Vielleicht schon am Karfreitag? Das kannst du ihr doch sagen, Ostern.»

Sie schüttelte den Kopf. «Wie stellst du dir das denn vor? Ich lass mein Kind doch nicht so kurzfristig einfach irgendwohin. Schutzlos.»

Sörensen hatte sich fest vorgenommen, sich nicht verletzen zu lassen, aber wo er schon mal so blank war, war es vermutlich unvermeidlich.

«Was heißt denn hier schutzlos?», sagte er. «Ich bin doch da. Und ich bin ihr Papa, hast du doch gesehen, der Papa bin ich, ich pass auf sie auf, ich hol sie ab und bring sie zurück.»

«Weiß ich nicht, ob ich dir das zutrauen kann.»

«Kannst du», sagte er eifrig. «Ich hab’s voll unter Kontrolle, hier, das mit der Angst. Mord, Mord hatten wir in Katenbüll, hab ich hingekriegt, alles.»

«Wie toll», sagte Nele. «Da schicke ich mein Kind doch gerne hin, wenn da Mord ist, da in Katendings. Außerdem hab ich das in der Zeitung gelesen, war ja überall Thema. Was stand da noch mal? ‹Horrorkaff›.»

Sörensen schloss kurz die Augen. «Aber doch nicht meinetwegen. Die sind sehr nett da, die Leute, zumindest die, die ich kenne und die nicht im Gefängnis sitzen. Und mir geht es gut, ich hab’s im Griff, wirklich, ich kann auf Lotta aufpassen, ich will auf Lotta aufpassen, bitte sag ja, und ich lass dich in Ruhe, und das ist doch auch wichtig für das Kind, dass die nicht nur eine Mutter hat, die das natürlich alles toll macht, sondern auch einen Vater.»

«Ich weiß nicht.»

«Gib mir die Chance, Nele.»

«Ich denk drüber nach», sagte sie und ließ endlich die Tür hinter sich zufallen. «Wir müssen los. Schule.»

Sörensen nickte, drehte sich um, ging hinüber zum Passat, Nele wartete vor ihrem Twingo und gab ihm damit wenigstens die Möglichkeit, sich von seiner Tochter zu verabschieden. Lotta kniete auf der Fahrerseite, hatte sich durch den Zwischenraum nach hinten gebeugt und streichelte Cord, der in Glückseligkeit schwelgte und beim Schwanzwedeln die Rückenlehne säuberte.

«Ist das deiner?», fragte sie.

«Unserer», antwortete Sörensen, obwohl das natürlich eine gewisse Übertreibung war. «Ich muss wieder los, Schatz», sagte er dann. Lotta ließ von Cord ab und streckte ihm die Arme entgegen. Er hob sie hoch, sie hatte ordentlich an Gewicht gewonnen, war aber immer noch leicht wie eine Feder, er roch an ihren Haaren, da war die Kindheit, da war das Leben, er gab ihr einen Kuss auf den Hinterkopf.

«Warum musst du wieder los?», fragte sie und sah ihn mit großen Augen an. Sörensens Herz boxte von innen gegen den Brustkorb.

«Na, weil du zur Schule musst und ich nach Katenbüll, Verbrecher fangen.»

«Kommst du morgen wieder?»

«Nee», sagte er und hielt ihren enttäuschten Blick kaum aus. «Ostern», sagte er. «Du kannst Ostern zu mir kommen, wir haben den Deich und, äh, Schafe, und Cord ist auch da, hier, der Hund, der heißt Cord, der ist auch da, und der freut sich dann auch über dich, und ich zeig dir das da alles, und wir lassen Drachen steigen und so weiter.»

«Wann ist Ostern?», wollte Lotta wissen. Sörensen sah, dass Nele auf der anderen Straßenseite ungeduldig auf die Uhr zeigte.

«Bald», sagte Sörensen. «Vier Tage.» Er setzte seine Tochter ab und gab ihr einen unbeholfenen Klaps auf die Schulter. «Mach’s mal gut», sagte er. «Ostern, ne? Ostern!»