Soul in Space -  - E-Book

Soul in Space E-Book

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Beschreibung

Mehr als jede vierte Person in Deutschland ist im Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen. Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Inanspruchnahme psychiatrischer Behandlungen steigt – stationär und ambulant. Nicht zuletzt zeigt die Corona-Pandemie, die mit deutlich gestiegenen Fallzahlen psychiatrischer Diagnosen einhergeht, dass die Bedeutung der psychischen Gesundheit stärker wahrgenommen wird. In der Gesellschaft erwächst ein neues Bewusstsein für einen angemessenen Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Entwicklungen entstehen Überlegungen, wie psychiatrische Institutionen konzeptuell und architektonisch zu gestalten sind, um den Bedarfen der Patient:innen und Mitarbeitenden gerecht zu werden. Dabei steigt die Komplexität der gesellschaftlichen Kontexte wie auch der Aufgaben: junge Patient:innen in schweren psychischen Krisen bis hin zu hochbetagten Menschen mit demenziellen Erkrankungen. Antworten kommen auch und besonders von Architekt:innen, die einen Raum gestalten, damit die Gesellschaft als solche seelisch gesund bleiben und werden kann. Das Fachbuch „Soul in Space – Psychiatrie trifft Architektur“ beleuchtet die zukünftigen Entwicklungen von Behandlungsansätzen, verbunden mit baulich-räumlichen Konzepten der Psychiatrie und Psychotherapie. Diese beiden Disziplinen sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Diskurs, der kontinuierlich von ethischen und soziologischen Überlegungen geprägt und ein Stück weit auch gefordert wird. Dabei wird die soziale Verantwortung deutlich, die der Gestaltung von Kliniken für die seelische Gesundheit innewohnt. In diesem Buch werden planerische Anforderungen und Lösungswege präsentiert und die Interaktion von Raum und Psyche in all ihren Facetten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen belegt. Aktuelle, gestalterisch anspruchsvolle Psychiatriebauten veranschaulichen beispielhaft, welche Gestaltungskriterien zentral sind und wie eine zeitgemäße, genesungsfördernde Architektur nach heutigen Erkenntnissen aussehen kann.

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2022

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L. Hofrichter | M. Köhne | A. Kuckert-Wöstheinrich | J. Kirch (Hrsg.)

Soul in Space

Psychiatrie trifft Architektur

mit Beiträgen von

M. Benetka Uher | D. van den Berg | C. Chrysanthou | J. Danziger | N. Glasow | I. Hobo van der Graaf | P. Gunst | R. Hendriks | C. Hölscher | L. Hofrichter | I. Kamphof | J.  Kirch | M. Köhne | K. König | J. Kubowitz | A. Kuckert-Wöstheinrich | T. Leuenberger | A. Möhn | N. Nagel | D. Richter | H. Röttgen | U. Sprick | H. Stuckstedte | M. in’t Veld | M. Voss | J. Wietschorke | U. Ziegler

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

 

Die Herausgeber:innen

Prof. Dipl.-Ing. Linus Hofrichter

a|sh sander.hofrichter architekten

Ludwigshafen

Dr. med. Martin Köhne

Alexius/Josef Krankenhaus

Neuss

Dr. phil. Andrea Kuckert-Wöstheinrich

Fachhochschule Vorarlberg GmbH

Vorarlberg University of Applied Sciences

Dornbirn

Österreich

Dr.-Ing. Julia Kirch

a|sh sander.hofrichter architekten

Ludwigshafen

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstr. 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-755-0 (eBook: PDF)

ISBN 978-3-95466-756-7 (ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2022

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Abbildungen in den Projektdarstellungen ab S. 197 stammen von den jeweiligen Architekturbüros, sofern nicht anders angegeben. Die Weitergabe an Dritte ist nicht gestattet.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Anja Faulenbach, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, Satz & Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

Coverbild: Christoph Seelbach

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

 

Grußwort

Alle brauchen gute Architektur – Psychisch Kranke im Besonderen

Psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Psychosen, Demenzen und Suchterkrankungen, um die häufigsten zu nennen, erschüttern eine Person bis ins Mark. Die Persönlichkeit wird durch diese Erkrankungen ebenso verändert wie die Wahrnehmung, das Erleben, die Gefühle und das Verarbeiten von Informationen.

Eine gute Balance zwischen Ruhe und Geborgenheit einerseits sowie Anregung und Stimulation andererseits, Orientierung und Struktur, Zufluchts- wie Kontaktmöglichkeiten: Dies sind einige wesentliche Elemente zur Wiederherstellung, Besserung und Aufrechterhaltung psychischer Gesundheit. Dazu natürlich psychosoziale und psychotherapeutische Fürsorge, Psychopharmaka und andere biologische Therapieformen – je nachdem, was im Einzelfall indiziert ist.

Die Architektur kann dabei eine ganz besondere gesundheitsfördernde Rolle spielen. Denn Architektur schafft Atmosphäre, wirkt sich auf die Stimmung und das Wohlbefinden aus – je nach Ansprechen bestimmter Bedürfnisse. Meist wird dieser Aspekt jedoch vernachlässigt; Krankenhausbauten werden nach Schema F und von der Stange gebaut. Sie sind meistens keine Prestigeprojekte für Politiker. Hauptsache, es ist kostengünstig für den Krankenhausträger und die Räume sind nicht zu groß. Mehr Platz kostet mehr Geld.

Natürlich sind die Anforderungen an Altbauten jetzt andere als früher. Zu denken ist an die großen Landeskrankenhäuser, die früher einmal auf einer grünen Wiese vor den Toren der Stadt standen und um die dann nach und nach die Städte gewachsen sind. Oder die kleinen stationären Abteilungen in städtischen Krankenhäusern: Sie sind meist zu klein, um ein differenziertes psychiatrisch-psychotherapeutisches Angebot anzubieten. Mit Umbauten und Neubauten von Kliniken ist daher auch eine neue Denkweise hinsichtlich der Versorgung psychisch Kranker in der Gesellschaft zu fordern. Die derzeitige Herausforderung ist klar: einerseits wohnortnah, andererseits groß genug, um Spezialisierungen, ggf. auch überregional, vorzuhalten. Sektorenübergreifend mit Kontinuität der Behandler genauso wie die engste Anbindung an ein somatisches Krankenhaus. Psychiatrie ist eben eine medizinische Disziplin. Daneben besitzt jede Zeit oder Epoche seine Leitbilder und Herausforderungen, die es zu berücksichtigen gilt, wie beispielsweise derzeit das Thema Nachhaltigkeit und die zunehmende Digitalisierung.

Festzuhalten ist: Gerade für psychisch Kranke braucht es eine besondere Architektur, die den Erfordernissen dieser Erkrankungen Rechnung trägt, auch vor dem Hintergrund der oftmals vergleichsweise langen Verweildauern. Die architektonische Gestaltung kann einen positiven Einfluss auch auf die therapeutische Arbeit nehmen und insgesamt die Versorgungsqualität optimieren.

Damit das „heilsame“ architektonische Potenzial aus einem Schattendasein in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, ist aber ein Umdenken, eine neue Fokussierung in der Gesellschaft notwendig. Wie dies gelingen kann, ist in dem vorliegenden Buch „Soul in Space – Psychiatrie trifft Architektur“ zusammengefasst. Es zeigt auf, dass Psychiatrie und Architektur nicht zwei verschiedene, voneinander unabhängige Disziplinen sind. Die Schnittmenge ist enorm, sie kann und muss ausgestaltet werden.

Prof. Dr. Dr. Frank Schneider

Ärztlicher Direktor

Universitätsklinikum Düsseldorf

Im Juli 2022

Grußwort

Architektonische Beiträge zu Therapie und Heilung

Die Aufgabe, eine Psychiatrie zu planen, bedeutet für Architekt:innen, dass sie Teil eines therapeutischen Teams werden, das Personen in einem seelischen Ausnahmezustand unterstützt. Auch wenn sie selbst nur während der Planungs- und Bauphase aktiv handeln, hinterlassen sie doch mit dem von ihnen geschaffenen Raum, der Architektur, einen sehr wesentlichen Bestandteil der zukünftigen Durchführung aller Therapien. Es liegt also in ihrer Verantwortung, für sämtliche Beteiligten einen geeigneten Arbeits- und Lebensraum zu schaffen. In diesem müssen medizinische und pflegerische Prozesse in optimaler Weise ablaufen, ein gelingendes und selbständiges Alltagsleben entstehen, und Heilungsprozesse angeregt werden.

Diese inhaltlichen Ziele sind in verschiedenen Maßstäben der Architektur umzusetzen: In der ersten, akuten Behandlungsphase sind vor allem die haptischen Qualitäten von Materialien der unmittelbaren Umgebung von besonderer Bedeutung. Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln steht im Vordergrund. Während des weiteren Aufenthalts wächst die Vertrautheit mit der Umgebung und es werden die Übergänge zwischen Räumen bedeutsam. Diese werden durch die Grundrissgestaltung formuliert und es gilt, diese Transitionen zu erleichtern. Geschehen kann dies durch die Möglichkeit, Durchblicke in andere Räume zu bieten und langsame Annäherungen zu ermöglichen. Auch die passive Teilnahme an Aktivitäten braucht ihre räumliche Entsprechung. Wenn sich dann der eigene Bewegungsradius im Laufe des Aufenthalts vergrößert, lassen Blickbeziehungen in die Umgebung das Alltagsleben außerhalb der Klinik wieder wahrnehmbar werden. Ausblicke und Zugänge zu Freiräumen sind dafür die planerischen Mittel.

Das Vermeiden jeglichen Stigmas, für Nutzer:innen sowie das Gebäude gleichermaßen, ist eine weitere Aufgabe der Architektur. Seit der Psychiatrie-Enquête in den 1970er-Jahren wurden zahlreiche Anstrengungen unternommen, institutionelle Anmutungen zu überwinden und alltagsnahe Aktivitäten des täglichen Lebens in der architektonischen Gestaltung zu repräsentieren. Ein Blick in die aktuelle Versorgungslandschaft zeigt jedoch den noch großen Handlungsbedarf auf.

Wie nähern sich Architekt:innen diesen umfassenden Aufgaben an? Es gibt vielfältige Herangehensweisen, deren Perspektiven in dem hier vorliegenden Buch aufgezeigt werden. Die Berücksichtigung wissenschaftlicher Evidenz ist ein wesentliches Thema. Weltweit arbeiten Forschende daran, die Beziehung zwischen Menschen und der sie umgebenden gebauten Umwelt besser zu verstehen. Die Umsetzung von Erkenntnissen zum gezielten Einsatz räumlicher Gestaltungsmaßnahmen wird als evidenzbasierte Architektur bezeichnet. Diese bietet vielfältige Vorteile: Nicht nur werden die Potenziale der Architektur optimal genutzt, sondern die Wissenschaft bietet auch eine gemeinsame Sprache für die Berücksichtigung der räumlichen Anforderungen der vielfältigen Professionen des Gesundheitswesens, die an der Planung einer Psychiatrie beteiligt sind. Aber auch entwerferische Intuition als Kernkompetenz von Architekt:innen ist notwendig, um eine Psychiatrie zu planen. Es ist immer eine angemessene Reaktion auf den vorgefundenen Ort und die Wünsche und Vorstellungen der zukünftigen Nutzer:innen notwendig. Die Beispielsammlung in diesem Buch zeigt auf, welches große bauliche Repertoire für die Umsetzung des Ziels, mit Architektur einen therapeutischen Beitrag zu leisten, besteht.

Prof. Dr. Gesine Marquardt

Technische Universität Dresden

Lehrstuhl Sozial- und Gesundheitsbauten

Im Juli 2022

Grußwort

Neue Architektur braucht die Psychiatrie

Alexander Mitscherlich sprach angesichts des Wiederaufbaus der Städte nach dem zweiten Weltkrieg von einer Unwirtlichkeit. Städte sind unwirtlich, wenn sie Menschen das Wohnen, eine Nachbarschaft, ja Heimat verwehren, aufgrund ungerechter Bodenbesitzverhältnisse, Fehlplanungen und urbaner Verantwortungslosigkeit. Mitscherlich stellte die Bedeutung des Wohnens und der Gestaltung des Raumes für die Verwirklichung des Menschseins hin. Diese Einschätzung gilt auch für totale Institutionen wie die Psychiatrie. Erving Goffman zeigte in seinen bekannten Untersuchungen der 50er-Jahre, dass Patienten in der Psychiatrie darum ringen, sich im elementarsten Sinne Freiräume zu verschaffen. Der Tischtennisplatte, dem Kiosk, dem Büdchen des Pförtners sollen diese Freiheit abgerungen werden. Derartige Asyle sind in der Institution einzurichten, oft provisorisch, und aufzusuchen. Auch wenn Patienten dafür frierend im Regen stehen müssen!

Seit den alten Tagen ist viel passiert. Zu erinnern ist zunächst an die radikale Antipsychiatrie und sodann an die deutsche Psychiatriereform von 1975. Die Institution versteht sich seither nicht mehr als Ort des Wegschließens und der Dauermedikalisierung. „Irren ist menschlich“ (K. Dörner und U. Plog). Die Psychiatrie bietet Menschen die Einübung neuer Wohn- und Lebensformen an. Damit tritt die Relevanz der Architektur für die Ausbildung seelischer Gesundheit in den Mittelpunkt.

Psychiatriereform ist immer auch Architekturreform. Wann immer sich medizinischer Ansatz und pflegerische Versorgung in der Behandlung von Klienten verändert hat, hat sich auch die Art des Gebäudes verändert. Der alte Kerker, das Doll Huys, der moderne Funktionsbau und auch die offene campusartige Wohnform zeugen davon, wie Robert Castel darlegt. Modellprojekte in der Gestaltung von Kliniken für die seelische Gesundheit sind in Holland und auch in Deutschland im Bereich der Versorgung von Menschen mit Demenz entstanden. Architektur ist für Menschen mit Demenz bedeutsam, da bauliche und räumliche Strukturen und gestalterische Dimensionen, über Befinden und Gesundheit mitentscheiden. Demenzsensible Architektur trägt zum Wohlbefinden Betroffener bei und ermöglicht eine bedarfsgerechte Betreuung, Pflege und medizinische Versorgung.

In der Institution der Psychiatrie stehen aus architektonischer Sicht zwei Komponenten im Mittelpunkt. Erstens die Verbindung zwischen Innen und Außen. Das Licht ist hier zentral. Es entscheidet darüber, ob ein Gebäude eine geschlossene oder offene Institution repräsentiert. Zweitens ist das Milieu bedeutsam. Milieu ist all das, was ich als wirksam erlebe, sagt Max Scheler. Neben das Licht treten die Akustik, Gerüche, Farben, Größe und Kleinheit des Interieurs. Es entscheidet über die Gestalt der Alltagsnormalität.

Diese Einsichten sind nicht evidenzbasiert, also nicht als objektive Faktoren isolierbar. Sie sind insofern subjektiv, da sie sich vom Empfinden der Personen her ergeben. Ihre Quelle ist die Beziehung zwischen Klienten und Heilberuflern. Sie bildet eine ethische relevante Grundlage von der aus Architektur im Hinblick auf das Alltagsleben, das Wohnen und eine Normalität erschlossen werden können.

Der Architektur wohnt eine implizite Ethik inne, die eine personale und eine ökologische Seite hat. Architekten sind einerseits mitverantwortlich für die Existenz von Gebäuden, die über das Wohnen das Leben der Bewohner beeinflussen. Sie sind andererseits mitverantwortlich für die Passung von Gebäuden in die Natur- und Kulturlandschaft.

Der Architekt Linus Hofrichter und der Arzt Martin Köhne (Mitherausgeber des Buches) haben maßgeblich an der Reform des Neusser Alexianer-Krankenhauses mitgewirkt. Aus einer Irrenanstalt ist ein offener Ort für seelische Gesundheit geworden. Neue Architektur braucht die Psychiatrie!

Prof. Dr. Martin W. Schnell und Tim Hupe

Universität Witten/Herdecke

Lehrstuhl Sozialphilosophie und Ethik im Gesundheitswesen

Im Juli 2022

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

IEinführung

1Eine architektonische, psychiatrische und soziokulturelle AnnäherungLinus Hofrichter, Martin Köhne, Andrea Kuckert-Wöstheinrich und Julia Kirch

2Bestandsaufnahme der heutigen und zukünftigen psychiatrischen Versorgung in DeutschlandChristos Chrysanthou

IIArchitektur, Psychiatrie und wissenschaftliche Evidenz

1Räumliche Umgebung und psychiatrische Versorgung – Eine Meta-Übersicht zum Stand der aktuellen ForschungDirk Richter

2Architektur als Ausdruck des therapeutischen KonzeptesJulia Kirch und Katharina König

3Die drei Säulen der therapeutischen UmweltgestaltungNadine Glasow

4Navigation im Raum: Orientierung von Menschen in GesundheitseinrichtungenChristoph Hölscher

5Stressreduktion durch bedürfnisorientierte innenarchitektonische GestaltungUte Ziegler

IIIPsychiatrie, Architektur und historische Begegnungen

1Ein Einblick in die Geschichte der europäischen PsychiatriearchitekturHerbert Stuckstedte

2Von Zwang zu Offenheit – Psychiatrieentwicklung von der Antike bis zur NeuzeitMartin Köhne

3„Gartenstadt der Irrsinnigen“: Stadt, Raum und Psychiatrie um 1900 am Beispiel der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in WienJens Wietschorke

IVArchitektur, Psychiatrie und planerische Herausforderungen

1Zwischen Funktionalität und Humanität – Anforderungen und Grundlagen für die Planung psychiatrischer KlinikenLinus Hofrichter

2Forschend gestalten und gestaltend forschen. Die architektonische Umgestaltung der Psychiatrie in der Universitätsklinik NimwegenAndrea Kuckert-Wöstheinrich, Iris Hobo van der Graaf, Daniël van den Berg und Martijn in ’t Veld

3Die Design Guidelines des Universitätsklinikums Radboudumc – Personenzentrierte Gestaltung im klinischen SettingIris Hobo van der Graaf

4Freiraumgestaltung in geschlossenen Abteilungen: Wie viel „Soul“ passt in einen „Closed Space“?Heike Röttgen und Maren Benetka Uher

5Innovative Informationstechnologien in psychiatrischen Neubauten des 21. JahrhundertsUlrich Sprick

VArchitektur, Psychiatrie und bauliche Umsetzung

1Orientierung schaffen und Identität stiften in einer komplexen WeltJoachim Kubowitz

2Der Weg zur Soteria – Raum, Orientierung, IdentitätJason Danziger und Martin Voss

3Der Mensch im Mittelpunkt des Entwurfs – zwei AnsätzePetra Gunst und Nadine Nagel

VIPsychiatrie, Architektur und soziokulturelle Annäherung

1„Ein Zimmer zum Wohnen“ – Eine architektursoziologische Perspektive auf die Gestaltung von Lebensräumen in der PsychiatrieTheresia Leuenberger und Andrea Möhn

2„Es ist unsere Psychiatrie“ – Mitarbeitende im Dialog über die Raumgestaltung stationärer psychiatrischer EinrichtungenAndrea Kuckert-Wöstheinrich

3Wahrheit und Täuschung in der Versorgung von Menschen mit Demenz: Ethische ReflexionenRuud Hendriks und Ike Kamphof

VIIProjekte

Abt-Siard-Haus Bad Schussenried

LVR-Klinik Bedburg-Hau

Alexianer St. Hedwig Krankenhaus Soteria Berlin

Zentrum für seelische Gesundheit Böblingen/Sindelfingen

Södra Älvsborg Hospital Borås, Schweden

Diagnostik-, Therapie- und Forschungszentrum (DTFZ) LVR Klinikum Düsseldorf

Bezirksklinikum Obermain-Kutzenberg Ebensfeld

Katholisches Krankenhaus St. Johann Nepomuk Erfurt

Bezirkskrankenhaus Klinikum Kempten

Zentrum für Integrative Psychiatrie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Lübeck

Luzerner Psychiatrie St. Urban, Schweiz

Bezirksklinikum Mainkofen

LWL Kliniken Marsberg

Zentrum für seelische Gesundheit Neuss

Zentrum für Psychiatrie Reichenau

Psychiatrisches Krankenhaus Slagelse, Dänemark

Ammerland-Klinik, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Westerstede

Karl-Jaspers Klinik Bad Zwischenahn

Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik, Universitätsklinikum Bonn

Gemeindepsychiatrisches Zentrum (GPZ) Detmold

Zentrum für Psychiatrie Friedrichshafen

kbo Isar-Amper-Klinikum Fürstenfeldbruck

Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Hadamar

Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Herborn

Zentrum für Psychosoziale Medizin Itzehoe

SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Bispebjerg Health Park Kopenhagen, Dänemark

Klinik Königshof Krefeld

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Lüneburg

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim

Psychiatric Center Pamplona, Spanien

Zentrum für Alterspsychiatrie Pfäfers, Schweiz

Kardinal Schwarzenberg’sches Krankenhaus Schwarzach im Pongau, Österreich

Psychiatrie Tauberbischofsheim

LVR-Klinik Viersen

Forensische Psychiatrie Wiesloch

Sachwortverzeichnis

 

I

Einführung

1Eine architektonische, psychiatrische und soziokulturelle AnnäherungLinus Hofrichter, Martin Köhne, Andrea Kuckert-Wöstheinrich und Julia Kirch

Der umbaute Raum, öffentlich oder privat genutzt, bewegt den Einzelnen genauso wie die Gruppe, die Auftraggeber:innen genauso wie den Beauftragten und das schon seit Jahrtausenden. Was ist schön oder funktional, günstig oder edel, sparsam oder freizügig? Stationäre psychiatrische Institutionen, in denen man sich mit dem „Mental Health Well-Being“, mit der Genesung von Körper, Seele und Geist beschäftigt, kann sich einreihen in unzählige Versuche, den Bedürfnissen der Mitarbeitenden genauso wie der Patient:innen gerecht zu werden. Seit einigen Jahrzehnten ist in diesem Kontext auch und gerade im deutschsprachigen Raum eine Orientierung zu mehr Atmosphäre, Ambiente, zum Wohlfühlen, aber auch zu mehr „Smart Institution“, zu sich zu Nutzenmachen neuer Technologien in Therapie und Prävention zu beobachten. Dabei entstehen auch immer mehr soziologische und ethische Diskurse, denen sich auch die Mitarbeitenden im institutionellen Setting nicht entziehen können. Das vorliegende Buch wagt den Versuch, verschiedene Perspektiven miteinander zu verbinden und die Leser:innen unabhängig ihrer beruflichen Provenienz einzuladen, sich mit der psychiatrischen Geschichte und architektonischen Gegenwart genauso auseinanderzusetzen, wie mit ethischen Fragestellungen und zukunftsorientierten Projekten. Dies zu bewerkstelligen entstand aus der konstruktiven Zusammenarbeit der Herausgeber:innen, die aus der Psychiatrie, Architektur und Ethnologie kommen und miteinander gelernt haben, dass berufliche Perspektiven einander bereichern können.

Das Thema der seelischen Gesundheit ist aktueller denn je: Jeder dritte Mensch erkrankt in seinem Leben an einer psychiatrischen Erkrankung und seit Jahren steigt die Zahl der psychiatrischen Diagnosen. Die derzeitige weltpolitische Lage mit ihren Krisen, wie Klimawandel, Pandemie und Krieg in Europa, fordert das Erleben und Sicherheitsgefühl der Menschen stark heraus und damit verbunden steigt die Bedeutung von psychiatrischer Begleitung. Es ist darüber hinaus auch zu beobachten, dass die Grenzen von stationärer, teilstationärer, ambulanter Behandlung durchlässiger werden – eine Entwicklung, die durch digitale Möglichkeiten zusätzlich beschleunigt wird. Dennoch: Der gebaute Raum einer stationären Psychiatrie ist nach wie vor unabdingbar für die psychiatrische Versorgung der Gesellschaft.

Das vorliegende Buch „Soul in Space – Psychiatrie trifft Architektur“ ist das Ergebnis einer jahrelangen Zusammenarbeit zwischen Kliniker:innen und Architekt: innen: Im Jahr 2012 eröffnete der Neubau des Alexius/Josef Krankenhauses in Neuss, wo zuvor im Jahr 2004 die Krankenhäuser St. Alexius und St. Josef als Teile der neu gegründeten St. Augustinus Kliniken an einem Standort zusammengeführt wurden. Der Psychiater und Direktor des Alexius/Josef Krankenhauses in Neuss, Dr. Martin Köhne, und der Architekt Linus Hofrichter haben 2012 den gesamten Planungsprozess federführend betreut. Mit dem Neubau an der Nordkanalallee entstand durch ein einmaliges Zusammenspiel von Architektur, Gestaltung und moderner Therapieformen etwas Neues, das den traditionsreichen Charakter des Ortes bis heute bewahrt. Ein kürzlich eröffneter zusätzlicher Erweiterungsneubau am Standort reagiert auf den wachsenden Therapiebedarf. Bereits im Jahr 2014 entstand aus dieser erfolgreichen Zusammenarbeit das Buch „Architektur trifft Psychiatrie“, das als Vorläufer des vorliegenden Buches betrachtet werden kann. Während in der ersten Ausgabe die Bauaufgabe des Alexius/Josef Krankenhauses in Neuss thematisch im Mittelpunkt stand, wurde im vorliegenden Band mit einer erweiterten Runde der Herausgeber:innen durch Andrea Kuckert-Wöstheinrich und Julia Kirch, neuen Beiträgen und aktuellen Projektbeispielen aus Deutschland und Europa der fachliche Blick erweitert.

Stellt man sich der Planungsaufgabe eines Psychiatriebaus, so kommt man unweigerlich zu der Frage, was eigentlich eine spezifische planerische Herausforderung ist. Ein Blick in die Ausschreibungstexte für den Neubau von Psychiatrien lässt den Eindruck entstehen, dass es für Architekt:innen, die auf den Gesundheitsbau spezialisiert sind, kein allzu komplexes Unterfangen ist – zumindest im Vergleich zu einem somatischen Krankenhaus. Das Raumprogramm ist überschaubar, Anzahl und Größe der erforderlichen Räume sind genannt, eine Affinitätenmatrix zeigt wichtige Raumbezüge. Der Leitstelle der Station kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, sie muss zentral und an gut sichtbarer Stelle platziert werden, möglichst viel Tageslicht im Inneren des Gebäudes ist gewünscht – gern mit direktem Zugang von den Stationen in einen Außenbereich. Die Wege zwischen Stationen und weiteren Bereichen, wie Therapiebereichen, sind möglichst kurz zu halten. Was in den Ausschreibungstexten oftmals nicht deutlich wird, ist die Architekturqualität und die Atmosphäre, die durch die umgebenden Formen, Flächen und Materialien erzeugt wird. Architektur ist mehr als die Summe einzelner Zimmer – sie bildet den Raum für menschliche Begegnungen und formt damit soziale Interaktionen und individuelles Befinden.

Bei der Bauaufgabe einer Psychiatrie wird ein Ort geschaffen, der für Menschen in besonders vulnerablen Situationen ihres Lebens ein Raum sein sollte, der orientiert, unterstützt und schützt. Es braucht für die betroffenen Personen Räume für Regeneration und Erholung, in denen sie durch medizinisch-therapeutische Behandlung wieder zu Kräften kommen. Auch wenn die gebaute Umwelt weniger als reines „Therapeutikum“ zu betrachten ist, so wird ihr doch eine maßgebliche Rolle zuteil: Seit vielen Jahren belegen internationale Studien, dass sich das gebaute Umfeld auf menschliches Verhalten, Wohlbefinden und Genesungsprozess auswirkt. Im biopsychosozialen Modell wird die gebaute Umwelt als eine Komponente der Umweltbedingungen dargestellt, welche die Entstehung und Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen beeinflusst. Menschen sind fast dauerhaft von gebauter Umwelt umgeben, sie können sich ihr schwer entziehen, und daher gilt besonders bei Menschen hoher Vulnerabilität, die Umwelt so zu gestalten, dass sie Körper und Psyche bestmöglich unterstützt. Architektur ist dabei Reaktion auf das Vorgefundene und Ausdruck von aktuellen Anforderungen und Sichtweisen. Architektur löst Resonanz aus, sie beeinflusst Befinden, Verhalten und soziale Interaktionen und ist Ausdruck gesellschaftlicher Haltung und soziokultureller Aspekte. Dies zu reflektieren und damit die Verantwortung der Architekturschaffenden zu verdeutlichen – dieser Herausforderung haben sich die vier Herausgeber:innen im multiperspektivischen Buch gestellt. Das Buch treibt die Entstigmatisierung und gesellschaftliche Öffnung des Themas voran. Es trägt dazu bei, Architektur von einer rein baulichen Beschreibung zu lösen und stattdessen die Einbettung in Menschen und Gesellschaft zu zeigen und den gesellschaftlichen Diskurs zu bereichern.

Bereits die Grußworte zu Beginn des Buches spiegeln die Multiperspektivität wider: Die Bedeutung des Themas aus medizinischer, architektonischer und ethischer Sicht wird beleuchtet. Der erste Beitrag im Buch führt in die Situation der psychiatrischen Versorgung in Deutschland ein. Es folgt der erste Themenblock „Architektur, Psychiatrie und wissenschaftliche Evidenz“, in dem das Potenzial aufgezeigt wird, das der Architektur innewohnt, um ein gutes therapeutisches Milieu zu schaffen. Wesentliche Ziele von Gestaltung – Orientierungsförderung, Stressreduktion, Entstigmatisierung – und räumlich-gestalterische Antworten werden hier dargestellt. Im Abschnitt „Psychiatrie, Architektur und historische Begegnungen“ kann über die Historie nachvollzogen werden, wie sich psychiatrische Einrichtungen und die Behandlungsformen über Jahrhunderte vom Zwang zur Offenheit entwickelten und wie wichtig dabei Aspekte der Beschäftigung, Aktivität und Einbindung in das Umfeld wurden. Diese Entwicklung ist bis heute an den Architekturen ablesbar. Die Beiträge im Abschnitt „Architektur, Psychiatrie und planerische Herausforderungen“ sowie „Architektur, Psychiatrie und bauliche Umsetzungen“ verdeutlichen das Spannungsfeld zwischen Anforderung, Anspruch und Realisierung. Die notwendige holistische Sichtweise in der Planung wird deutlich: Das Umfeld beeinflusst den Entwurf und jede Entwurfsentscheidung wiederum beeinflusst Prozesse, Bau- und Betriebskosten sowie Architekturqualität und die Ausdrucksmöglichkeiten architekturpsychologischer Bedürfnisse. Die Wechselwirkung zwischen dem gebauten Raum und ethischen Implikationen wird im Abschnitt „Psychiatrie, Architektur und soziokulturelle Annäherungen“ reflektiert. Es folgen ausgewählte Beispiele, die zeitgemäßen Behandlungskonzepten einen qualitätsvollen Raum geben. Eine Auswahl an architektonisch anspruchsvollen Beispielen von Psychiatriearchitektur europaweit zeigt die Vielfalt und bauliche Qualität, die in diesem Spannungsfeld möglich ist.

Die vier Herausgeber:innen dieses Buches blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Psychiatrie – architektonisch, psychiatrisch, soziokulturell – aber haben das gleiche Ziel im Blick: durch einen ganzheitlichen Ansatz die Versorgung und Situation von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen zu verbessern. Und weil „alles mit allem zusammenhängt“ (s. Kap. IV.2), braucht es einen ganzheitlichen Analyseansatz, um das Ziel zu erreichen. Nur im Dialog können Architekturschaffende der Verantwortung gerecht werden, die der Architektur innewohnt. Das Alexius/Josef Krankenhaus in Neuss und das vorliegende Buch zeigen durch ihre Entstehungsgeschichten, dass dieser Prozess möglich ist.

Prof. Dipl.-Ing. Linus Hofrichter

Linus Hofrichter ist geschäftsführender Gesellschafter von a|sh sander.hofrichter architekten. Er hat in über 35 Berufsjahren mehr als 80 Krankenhäuser und Bauten des Gesundheitswesens geplant und gebaut, davon zahlreiche Bauten für Psychiatrie und Seelische Gesundheit. Von 2003 bis 2021 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Vereins „Architekten für Krankenhausbau und Gesundheitswesen e. V. (AKG)“, seit 2012 ist er Professor für Krankenhausbauplanung an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen.

 

Dr. med. Martin Köhne

Martin Köhne ist seit 2008 Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Psychiatrischen Fachkliniken der Neusser Augustinerinnen in Neuss und Krefeld. Zugleich vertritt er als Vorstand seit 2012 den Landesverband der Leitenden Psychiater Nordrhein-Westfalens sowie die Diözesan Arbeitsgemeinschaft in Köln. Vor seiner Zeit als Vorstand war er Chefarzt der Psychiatrie der Klinik Königshof in Krefeld (1999 bis 2005) und davor Chefarzt der Forensischen Psychiatrischen Klinik Stemwede (NRW, 1996 bis 1999). Sein Studium der Humanmedizin absolvierte Herr Dr. Köhne an der Universität Göttingen, seine Facharztausbildungen für Neurologie und Psychiatrie an den Universitäten Göttingen und Münster (1988 bis 1993). Herr Dr. Köhne hat neben seinen Interessen für Architektur, Interesse für Musik, Jazz und Bergwandern.

 

Dr. phil. Andrea Kuckert-Wöstheinrich

Andrea Kuckert-Wöstheinrich, M.A. in Ethnologie, M.A. in Multidisziplinäre Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, exam. Krankenschwester, ist aktuell Studiengangsleitung des B.Sc. Gesundheits- und Krankenpflege, Fachbereich Soziales und Gesundheit an der Fachhochschule Vorarlberg GmbH, Dornbirn, Österreich. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen: Gesellschaftliche Diversität und Implikationen für die Pflege, fäkale Ausscheidungen im stationären Setting und Versorgung von Menschen mit Demenz.

 

© Konrad Gös

Dr.-Ing. Julia Kirch

Julia Kirch ist bei a|sh sander.hofrichter architekten im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für den Bereich Architekturkommunikation und Wissenstransfer zuständig. Sie promovierte an der Technischen Universität Dresden zum Thema der demenzsensiblen Krankenhausarchitektur und war Stipendiatin im Graduiertenkolleg „Menschen mit Demenz im Krankenhaus“ an der Universität Heidelberg. Davor erwarb sie einen Master an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke sowie Diplomabschlüsse für Architektur und Innenarchitektur.

 

2Bestandsaufnahme der heutigen und zukünftigen psychiatrischen Versorgung in DeutschlandChristos Chrysanthou

2.1Grundsätzliche Aspekte und Relevanz psychischer Erkrankungen

„Seelische Erkrankungen die unterschätzten Volkskrankheiten des 21. Jahrhunderts“ (Weber et al. 2006)

Derart formulierte, plakative Überschriften unterstreichen die inzwischen breit entstandenen Erkenntnisse und Einsichten, dass psychische Erkrankungen für die Betroffenen für wahrnehmbare gravierende Belastungen und negativen Folgen im beruflichen, familiären und sozialen Bereich verantwortlich sind.

Aktuelle epidemiologische Studien in Deutschland zeigen, dass jeder dritte Erwachsene (Männer: 24%, Frauen: 37%) im Laufe des Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung erkrankt (DGPPN 2019). Psychische Erkrankungen sind somit recht häufig und nehmen oft vor allem ohne eine angemessene und konsequente Behandlung einen chronischen folgenreichen Verlauf, der sich negativ auf alle Lebensbereiche auswirkt. Diese Erkenntnisse unterstreichen eindrucksvoll die hohe gesellschaftliche Bedeutung psychischer Erkrankungen und stellen die Notwendigkeit für die Gesellschaft, ihre gesundheitlichen und sozialen Hilfesysteme entsprechend anzupassen, heraus.

Nach aktuelleren Zahlen gehören Angststörungen (15,4%) zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, gefolgt von affektiven Störungen (9,8%, unipolare Depression allein 8,2%) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7%) (DGPPN 2019).

Jedes Jahr sind in Deutschland etwa 27,8% der erwachsenen Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung behandlungsbedürftig erkrankt. Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffenen Personen, von denen suchen aber pro Jahr lediglich nur 18,9% Kontakt zu Hilfsangeboten auf. Eine Behandlung erhalten schätzungsweise aber nur ca. 26% aller Betroffenen mit psychischen Störungen, wobei davon wiederum nur ca. 10% der angebotenen Behandlungen dem neuesten wissenschaftlichen Standard entsprechen (DGPPN 2019).

Menschen mit psychischen Erkrankungen haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um zehn Jahre verringerte Lebenserwartung, da sie ein anerkanntes höheres Risiko für die Entwicklung schwerwiegender somatischer Erkrankungen, wie zum Beispiel aus dem kardiovaskulären Spektrum, ausgesetzt sind (DGPPN 2019).

In Deutschland begingen 2018 etwa 9.300 Menschen Suizid. Zwischen 50% und 90% der Suizide lassen sich auf eine psychische Erkrankung zurückführen – jede Stunde nimmt sich statistisch gesehen ein Mensch in Deutschland das Leben und ca. 18 Menschen versuchen es (DGPPN 2019).

Die epidemiologischen Daten bekräftigen aber auch eine volkswirtschaftliche Dimension psychischer Erkrankungen. Die direkten Kosten, also Kosten, die im Gesundheitswesen unmittelbar aufgrund psychischer Erkrankungen entstehen, belaufen sich in Deutschland auf rund 44,4 Milliarden Euro im Jahr. Im Jahr 2018 wurden 16% der Arbeitsunfähigkeitstage durch eine psychische Erkrankung verursacht. Die Dauer von Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen liegt durchschnittlich bei 42 Tagen. Psychische Erkrankungen sind heute mit 42% auch der häufigste Grund für Frühverrentungen. Die Gesamtkosten aufgrund psychischer Erkrankungen inklusive direkter Kosten für die medizinische Versorgung und Sozialleistungen sowie indirekter Kosten, z. B. durch Produktivitätseinbußen, werden für Deutschland auf rund 147 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 4,8%.

Eine weitere Realität ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen immer noch eine gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren. Vor allem schwer psychisch kranke Menschen und insbesondere an Schizophrenie Erkrankte sind damit konfrontiert, dass andere sich von ihnen distanzieren. Vorurteile über psychische Erkrankungen übertragen sich auf die Betroffenen, die es folglich umso schwerer haben, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen und rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Stigmatisierung war und ist weiterhin ein ernsthaftes belastendes Phänomen für psychisch Erkrankte, welchem es aktiv entgegenzusteuern gilt. Deswegen sollen unsere Hilfsangebote für Betroffene auf Akzeptanz und gegen Ausgrenzung ausgerichtet sein.

2.2Diagnose und Behandlung

Die international anerkannten diagnostischen Systeme für psychische Erkrankungen orientieren sich bei der Zuordnung von Diagnosen psychischer Erkrankungen in erster Linie an ihren Symptomen und ihrer Ausprägung sowie ihrer zeitlichen Entwicklung. Die Kosten einer Behandlung werden in Deutschland nur dann von den Krankenkassen übernommen, wenn eine anerkannte ICD-Diagnose durch einen an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Arzt oder in einer ärztlich geleiteten Einrichtung festgestellt worden ist. Die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme (ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases, Injuries and Causes of Death) ist weltweit das gängigste Diagnoseklassifikationssystem. Die Systematik dieses Diagnoseklassifikations- bzw. -verschlüsselungssystems orientiert sich an der Auflistung bzw. Aufsummierung von vorhandenen Symptomen und beschreibt letztendlich das Gesamtbild in seiner Ausprägung und Entwicklung, ohne eine Aussage über die zugrundeliegende Ursache der Erkrankung zu machen. Es handelt sich somit um einen sogenannten kategorialen und deskriptiven diagnostischen Ansatz.

Für die Diagnosestellung der psychischen Erkrankungen werden vor allem die Exploration, aber auch psychologische Testungen neben gängigen Fragebögen und strukturierten Interviews eingesetzt. Darüber hinaus ist ein Ausschluss von körperlichen Erkrankungen und Auswirkungen von Suchtmitteln und Medikamenten zu berücksichtigen, da diese vergleichbare Symptome wie psychische Erkrankungen verursachen können. Als ein typisches Beispiel ist hier eine depressive Verstimmung bzw. ein der Depression gleichendes Zustandsbild bei einer Schilddrüsenunterfunktion zu benennen.

An den anerkannten diagnostischen Klassifikationssystemen psychischer Erkrankungen wird häufig Kritik ausgeübt (z. B. in der ZEIT: „Diagnose psychischer Störungen“ – „Heute noch normal, morgen schon verrückt“, Habekuß 2013). Es ist schwierig, allgemein nachvollziehbar zu definieren, wo normales Verhalten und Befinden aufhört und eine psychische Störung beginnt. Es wird dabei beklagt, dass bei der zuletzt stattgefundenen Überarbeitung der diagnostischen Systeme ein Trend zu beobachten ist, die Schwelle zur Feststellung einer psychischen Erkrankung zu senken. Dadurch rücken die Grenzen zwischen einem gesunden oder als krank einzuschätzenden Zustand immer näher, was die Abgrenzung bedenklich erschwert. Die Gefahr würde dadurch steigen, auch gesunden Menschen Medikamente zu verordnen. Zum Beispiel könnte eine normale Trauerreaktion zur Krankheit eingeordnet werden und antidepressiv medikamentös als Depression eingeordnet und behandelt werden, wenn sie länger als zwei Wochen mit Symptomen von Appetit- und Antriebsmangel anhalten würde.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Beschwerden bzw. Symptome bei mehreren psychischen Diagnosen ähnlich vorliegen, sodass die Abgrenzung voneinander schwierig erscheint und häufig zur Folge hat, dass eine Person mehrere Diagnosen gleichzeitig bekommt, was sich verständlicherweise auch recht verunsichernd bei den Betroffenen auswirken kann.

Im klinischen Alltag ist es somit vor allen Dingen für die Betroffenen nicht einfach, die Frage zu beantworten, ob manche Symptome noch als „normal“ zu bewerten sind und ab wann eindeutig und nachvollziehbar eine psychische Störung festgestellt wird.

Eine entscheidende Voraussetzung für eine wirksame Therapie ist nämlich, genauso wie in allen anderen medizinischen Disziplinen, eine schlüssige und nachvollziehbare Diagnosestellung. Die psychiatrische Diagnostik umfasst das Untersuchungsgespräch, eine körperliche Untersuchung und individuell angepasst bedarfsweise verschiedene, zusätzliche Maßnahmen (z. B. Labor, apparative Verfahren, Tests). Das direkte Gespräch zwischen Arzt und Patient ist jedoch das Kernelement der psychiatrischen Untersuchung und für die Diagnosestellung unerlässlich. Es dient zugleich dem Aufbau einer für die Behandlung erforderlichen tragfähigen therapeutischen Arzt-Patienten-Beziehung.

Die Zusammentragung aller erhobenen Informationen, häufig unter Berücksichtigung von Angaben von Angehörigen und wichtigen Bezugspersonen (Fremdanamnese), stellen für den Psychiater schließlich die Basis der Feststellung einer Diagnose dar. Bei einer Person bestehen häufig, vor allem bei stationär zu behandelnden Patienten, gleichzeitig mehrere psychische Diagnosen. Dieser regelhaft vorzufindende Umstand der psychiatrischen Mehrfacherkrankung (Komorbidität) ist in aktuellen epidemiologische Erhebungen wiederholt bestätigt und ist in der Behandlungsgestaltung zu berücksichtigen. Von Multimorbidität spricht man dann, wenn bei einer oder mehrerer psychischer Erkrankungen zusätzlich organische Erkrankungen gleichzeitig vorliegen. Nach den Daten der DEGS1-mH Erhebung (2009–2012) im Altersbereich von 18–79 Jahre in Deutschland wurde festgestellt, dass bei 33,3% der Befragten innerhalb der letzten 12 Monate eine oder mehrere psychische Störungen vorliegen (s. Abb. 1).

Abb. 1Daten der DEGS1-mH Studie zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen in Deutschland

Zum Grundverständnis psychischer Erkrankungen dient das bio-psycho-soziale Modell der Weltgesundheitsorganisation. Nach diesem Modell betrachtet, ist die Gesundheit und Krankheit des Menschen als körperlich-seelisches Wesen in Zusammenhang mit seinen ökosozialen Lebenswelten zu verstehen. Psychische Erkrankungen äußern sich demnach als Störungen der vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Körper, Seele und Umwelt. Psychische Störungen können selten auf eine bestimmte Ursache und Ereignis zurückgeführt werden, sondern entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Vulnerabilitäten und Auslöser einerseits und psychosozialen Schutzfaktoren andererseits. Je mehr oder je schwerwiegender die Risikofaktoren sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person erkrankt. Dabei sind auch komplexe Wechselwirkungen der einzelnen Faktoren untereinander von Bedeutung (s. Abb. 2).

Abb. 2Entstehungsbedingungen psychischer Störungen – Wechselwirkungen zwischen Körper, Seele und Umwelt, modifiziert nach Engel 1977

Psychiatrische Behandlung richtet sich nach diesem Verständnis den individuellen Bedürfnissen entsprechend mehrdimensional aus, konkret bedeutet dies, sie müssen methodisch kombiniert und in vielen Fällen multiprofessionell erbracht werden. Ziel ist es, eine Behandlung und Rehabilitation der akut oder chronisch psychisch erkrankten Menschen zu gewährleisten, die sich an deren Lebenswelt orientiert und den individuellen Bedürfnissen entspricht.

Sowohl im Rahmen der stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung als auch in der Praxis niedergelassener Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sind psychotherapeutische Gespräche ein wichtiger Therapiebaustein. Zudem greifen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie auf psychosoziale Interventionen zurück, wie etwa die Vermittlung von Informationen über die Erkrankung und zur Krankheitsbewältigung (Psychoedukation), das Training alltagsrelevanter oder sozialer Fertigkeiten oder den Einbezug von Angehörigen.

Die medikamentöse Therapie spielt bei der Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ebenfalls eine wichtige Rolle. Unter den verordnungsstärksten Medikamentengruppen stehen Psychopharmaka an vierter Stelle. Darunter am häufigsten verordnet werden Antidepressiva, gefolgt von Neuroleptika und Tranquillantien.

Die meisten psychischen Störungen sind heute mit Psychotherapie oder mit Psychopharmaka – in schweren Fällen wird mit dem Ziel langfristiger Heilung eine Kombination von beidem eingesetzt – gut behandelbar. Vor allem die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten von differenzierteren und nachweislich sehr wirksamen Psychotherapieverfahren hat zu erheblichen Verbesserungen der Therapieergebnisse von vielen teilweise schwerwiegenden Störungsbilder beigetragen, beispielhaft kann hier die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) von Borderline-Patienten erwähnt werden.

2.3Prägende Entwicklungen und besondere Aufgabe

Ein wesentliches Ergebnis des Psychiatriereformprozesses war die Entwicklung von Hilfsangebote zur sozialen Inklusion und Teilhabe in allen wichtigen Lebensbereichen außerhalb der Psychiatrischen Kliniken, in denen viele schwer psychisch kranken Menschen bis in die 70er-und 80er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts unter widrigsten Umständen ausgegrenzt von der Gesellschaft gelebt haben. Bei psychischen Erkrankungen besteht in der Regel ein komplexer Hilfebedarf, sodass eine Vielzahl von medizinischen und psychosozialen Hilfsangeboten notwendig ist, um den Betroffenen bei der Erreichung den genannten Zielen zu helfen. In Deutschland hat sich als Erfolg der Psychiatriereform von 1975 (Enquête) über den letzten Jahrzehnten ein umfangreiches aber auch regional unterschiedliches Versorgungs- und Hilfesystem entwickelt (s. Abb. 3).

Es besteht jedoch aufgrund verschiedener sozialrechtlicher Grundlagen und damit zusammenhängender Finanzierung mit jeweils verschiedenen Leistungsanbietern und Kostenträgern eine kaum abgestimmte und koordinierende und vor allem individualisierte Gestaltung der Hilfsangebote. Das umfassende, aber auch hochfragmentierte deutsche Versorgungssystem ist nicht nur für hilfesuchende Menschen, sondern auch von den dort professionell Tätigen kaum noch zu überschauen. Deshalb fällt es schwer, sich zu orientieren und das passende Hilfsangebot zu finden. Diese Umstände wirken sich gerade für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und ihre Bezugspersonen recht nachteilig aus (s. Abb. 3).

Besondere Aufmerksamkeit ist auf die Situation derjenigen Menschen zu richten, die sehr oft keine Unterstützung beziehungsweise keine Hilfe selbst aufsuchen oder im Hilfesystem nicht zuletzt auch aufgrund vom fehlenden Krankheitsbewusstseins eine Hilfe ablehnen. Dies trifft gehäuft auf junge Menschen mit Mehrfachdiagnosen und zunehmend häufiger auf ältere, demenziell erkrankte, alleinstehende Personen zu. Bei diesen Menschen besteht die reelle Gefahr, dass sie sowohl bezüglich ihre gesundheitlichen Situation wie auch ihrer Lebenssituation in große Schwierigkeiten geraten. Die Folgen können dann schwerwiegend werden und bis hin zur akuter Selbstgefährdung oder fremdgefährdenden Verhaltens bis zur Begehung von Straftaten führen.

Durch recht unterschiedliche regionale Bedingungen und entstandene Hilfsstrukturen bestehen in Deutschland somit weiterhin Gefahren von Über-, Unter-, Fehlversorgung in der Gemeindepsychiatrie.

Unterbringung und Behandlung wider Willen, Zwangsmaßnahmen wie Zwangseinweisung, Isolation, Fixierung und Zwangsmedikation sind Realitäten in der Psychiatrie und resultieren neben ihrem primären kurativen Behandlungsauftrag aus einem politisch-gesellschaftlichen Auftrag bzw. einer Ordnungsaufgabe. Es handelt sich um eine gesonderte Versorgungsaufgabe, die einen – im Vergleich zu anderen medizinischen Disziplinen – durchaus prägenden Charakter hat mit relevanten Auswirkungen in der strukturellen, organisatorischen, personellen Aufgabenwahrnehmung der Psychiatrie. Diese Doppelfunktion wird sich somit auflösen lassen. Das hat den großen italienischer Reformer Franco Basaglia veranlasst, zurecht von der Janusköpfigkeit der Psychiatrie zu sprechen.

Ethische Fragen haben angesichts des Missbrauchs der Psychiatrie in Vergangenheit und Gegenwart zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Abb. 3Babylonischer Wirrwarr im Versorgungssystem: Eine Orientierung der Betroffenen sowie die Abstimmung und Zusammenarbeit der Beteiligten ist sehr erschwert

2.4Psychiatrie in Zahlen

Nach publizierten Daten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) gibt es in Deutschland insgesamt 14.230 Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde, davon arbeiten 6.118 ambulant und 6.575 stationär. 2019 waren in Deutschland insgesamt 48.265 Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in verschiedenen Bereichen tätig, davon haben 37.901 in ambulanten Einrichtungen und 8.472 in stationären oder teilstationären Einrichtungen gearbeitet (DGPPN 2019).

Nach dem Statistischen Bundesamt standen 2018 in Deutschland insgesamt 56.617 psychiatrische Krankenhausbetten in 393 Fachkliniken bzw. Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäusern zur Behandlung erwachsener Patienten zur Verfügung. Jährlich werden dort über 800.000 stationäre Behandlungen durchgeführt. Die Verweildauer eines Patienten in einem psychiatrischen Krankenhaus beträgt durchschnittlich 24,2 Tage. Zudem standen insgesamt 14.693 tages- und nachtklinische Behandlungsplätze in 411 Einrichtungen für Psychiatrie und Psychotherapie zur Verfügung. Pro Jahr werden rund 160.000 teilstationäre Behandlungsfälle verzeichnet.

2.5Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Die Entwicklung in der Psychiatrie schreitet, wie in anderen medizinischen Disziplinen, sehr voran. Das hat vor allem mit ihren inhaltlichen Verbindungen zu den anderen Neurowissenschaften sowie psychologischen und sozio-philosophischen Wissenschaften zu tun. Wie sie in 20 oder 30 Jahren aussehen wird, ist letztlich schwer vorauszusehen. Sie wird sich der zunehmenden, mit Anforderungen der Ambulantisierung rasch voranschreitenden Spezialisierung und Digitalisierung sowie Ökonomisierung stellen und bewähren. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass gesellschaftliche Entwicklungen mit zunehmender Globalisierung und Urbanisierung, verstärkte Individualisierung, zunehmende Mobilität, aber auch die größere Bedeutung von Sicherheit, auf Menschen mit psychischen Erkrankungen und Störungen auf ihre Entwicklung Einfluss nehmen werden. Als weitere relevante gesellschaftliche und medizinische Herausforderungen auch für die Psychiatrie sind der demografische Wandel, Migration in einer Pluralen Gesellschaft sowie klimatische Veränderungen zu berücksichtigen.

Flüchtlinge vor und während ihrer Flucht erleben oft schreckliche Situationen wie Krieg, Folter, Menschenhandel und extreme Armut, mit schwerwiegenden traumatisierenden Folgen. Dadurch entsteht für die Betroffenen auch noch Jahre später eine recht hohe Anfälligkeit eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Auch in ihrem Ankunftsland in Deutschland müssen Flüchtlinge häufig unter psychisch belastenden Bedingungen leben. Eine Gruppe von Forschern um Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen hat nun gezeigt, dass die Psyche junger Geflüchteter mit jedem weiteren Risikofaktor mehr belastet wird. Die Folgen sind teilweise erhebliche Anpassungsschwierigkeiten wie eine verminderte Leistungsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, die sich später auch in aggressivem und kriminellem Verhalten zeigen können. Umso wichtiger ist es, Flüchtlinge entsprechend sensibel zu begleiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, der Spirale negativer Erlebnisse zu entkommen (Begemann et al. 2020).

Faktoren wie traumatische Erlebnisse in Form von körperlichem und sexuellem Missbrauch, Konsum von Cannabis und Alkohol und das Leben in Großstädten begünstigen das Auftreten von psychischen Störungen. Treffen auf eine Person gleich mehrere dieser Risikofaktoren zu, und das sogar noch vor dem 20. Lebensjahr, steigt das Risiko deutlich, zusätzlich später aggressives und dissoziales Verhalten zu entwickeln.

Auch die Klimaveränderung bringt weitreichende Folgen mit sich – nicht nur für die Umwelt und die körperliche Gesundheit, sondern auch für die psychische Gesundheit vieler Menschen. Klimawandelbedingte Unwetter und andere Naturkatastrophen wirken sich nämlich unmittelbar auf die psychische Gesundheit aus. Die häufigsten Folgen sind tiefgreifende Traumatisierungen und Schockerlebnisse durch Personenschäden, den Verlust geliebter Menschen, Schäden oder Verlust von persönlichem Eigentum oder auch der Verlust des Lebensunterhalts. Beispielweise hat der Hurrikan Katrina nachweislich eine Zunahme an psychischen Erkrankungen verursacht (APA 2017). Bei einer Stichprobe von Menschen, die in den betroffenen Gebieten lebten, ist ein Suizid und Suizidgedanken doppelt so häufig aufgetreten. Eine von sechs Personen erfüllte die diagnostischen Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und 49 Prozent entwickelten eine Angststörung oder Störungen der Stimmungslage wie eine Depression.

Für die Zukunft ist zu erwarten, dass der Hilfebedarf aus unterschiedlichen Gründen weiter ansteigen wird. Dank besserer Informationen und der langsam voranschreitenden Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft nehmen immer mehr Menschen Beratungs- und Therapieangebote an. So wird eine der Herausforderungen für die Zukunft sein, bei steigender Nachfrage nach psychiatrischen und psychotherapeutischen Leistungen und begrenzten finanziellen Ressourcen eine qualitätsvolle Versorgung aufrechtzuerhalten und sicherzustellen.

Infolge der sich schnell ausbreitenden Digitalisierung steht die Psychiatrie vor einem großen Wandel. Teilweise sind Online-Therapien und auf Algorithmen basierte Diagnosen bereits heute Realität und werden sicherlich ihre Zukunft prägen. Diese Aussichten wecken aber bei den Beteiligten nicht nur große Hoffnungen, sondern auch Ängste (Müller 2019). Durch die sich rasch entwickelnde Künstliche Intelligenz werden selbsttrainierende Algorithmen aus Bildgebungs-, Labor- und Anamnesedaten schon präziser als heute Psychiater abschätzen können, wie die Risiken einzuschätzen sind, dass jemand mit psychischen Auffälligkeiten zukünftig beispielweise an einer Psychose erkranken wird. Bereits heute sind derartige Leistungen möglich, die früher allein durch menschliche Gehirnleistungen erbracht wurden. Über Metadaten von mobilen digitalen Geräten könnten intelligente Programme auch präventive Beiträge leisten, wenn sich Patienten in Situationen befinden, bei denen sich eine schwere Depression, Manie oder Suizidalität zu entwickeln droht. Entsprechende Verfahren befinden sich derzeit in der Entwicklung. Internetbasierte Psychotherapien sind in vielen Ländern bereits etabliert; auch in Deutschland werden diese Therapieangebote zur Regelversorgung psychisch kranker Menschen nach und nach zur Realität. Das ist auch notwendig, denn eine persönliche psychotherapeutische Versorgung ist in vielen vor allem ländlichen Regionen kaum oder gar nicht möglich. Diese Entwicklungen werfen grundsätzliche ethische Fragen auf, die weiter in einer gesellschaftlichen Betrachtung reflektiert werden müssen. Manche bezweifeln allerdings, ob die digitalen Verheißungen so jemals eintreten werden, da sie die menschliche Psyche für viel zu komplex ansehen, um menschliches Verhalten und Störungen durch digitale Leistungen allein vorhersagen zu lassen. Dagegen sieht man eine übermäßig digitale Zukunft der Psychiatrie kritisch und auch nicht gerade erstrebenswert.

Ausschlaggebend dafür, ob die Psychiatrie auch in der Zukunft eine qualitativ hochwertige Versorgung leisten kann, werden vor allem Lösungen in den zwei grundsätzlichen Bereichen sein: eine ausreichende Personalausstattung und Qualifizierung im stationären/ambulanten Behandlungs- und Betreuungsbereich und die Umsetzung hoher ethischer Standards in der Versorgung.

Um den individuellen Hilfebedarf psychisch Kranker passgenau abdecken zu können, benötigen wir ein schweregradgestuftes regionales Versorgungsnetz, welches verbindliche Regeln zur Koordination und Steuerung der Hilfsangebote einerseits und der Patientenwege andererseits umfasst. Dafür bedarf es eine gesetzgeberische Anpassung der Rahmenbedingungen, die zur Überwindung von Sektorengrenzen und Partialinteressen sowie Anreize für eine verpflichtende sektorenübergreifende Vernetzung der Leistungserbringer beitragen.

Es wird darum gehen, nahtlose individuell flexiblere Sektorenübergänge (stationär, tagesklinisch und ambulant) mit Behandlungs- und Betreuungskontinuität zu ermöglichen. Die psychiatrischen Kliniken werden sich zukünftig deswegen anpassen müssen und ihre räumliche und Milieu-Gestaltung sowie Organisation/Ausstattung entsprechend ausrichten müssen, um die geforderten flexiblen individuellen Behandlungen besser zu gewährleisten. Auch die erforderliche kontinuierliche Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter bei einem rasch wachsenden Wissenszuwachs ist eine entscheidende Herausforderung, um die zu fordernde Einhaltung von leitlinienkonformen Behandlungen zu erfüllen.

Literatur

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DGPPN (2019) Zahlen und Fakten der Psychiatrie und Psychotherapie. URL: https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/be8589427bb02b67f5592b73cbb4d32cde26d0be/Factsheet_Kennzahlen%202022.pdf (abgerufen am 17.05.2022)

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Müller T (2019) Wie digital wird die Psychiatrie der Zukunft? DNP 20, 11

Weber A, Hörmann G, Köllner V (2006) Psychische und Verhaltensstörungen: Die Epidemie des 21. Jahrhunderts? Dtsch Arztebl 103, 169

Dr. Christos Chrysanthou

Christos Chrysanthou ist seit 2006 Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Lengerich, aktuell 1. Vorsitzender des LLPP, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Weiterbildungsermächtigung Verhaltenstherapie.

 

 

II

Architektur, Psychiatrie und wissenschaftliche Evidenz

1Räumliche Umgebung und psychiatrische Versorgung – Eine Meta-Übersicht zum Stand der aktuellen ForschungDirk Richter

1.1Einleitung

Die psychiatrische Versorgung ist jahrhundertelang mit architektonischen und gestalterischen Aspekten behaftet gewesen. Die traditionellen Asyle oder Anstalten des 18. und 19. Jahrhunderts wurden speziell geplant im Hinblick auf die Lage – meist abseits größerer Städte – und im Hinblick auf die Überwachungsfunktion der Patientinnen und Patienten (Müller 1997). Hingegen wurden die möglichen positiven Effekte räumlicher Umgebungsfaktoren auch später eher selten bemüht, und dies obwohl das ‚therapeutische Milieu‘ spätestens seit Mitte der 1950er-Jahre als zentraler Faktor für eine Genesung identifiziert worden war (Bettelheim u. Sylvester 1948).

Wer in den 1980er- und 1990er-Jahren in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, der/die hatte vermutlich nicht den Eindruck, dass die Klinikbeitreibenden oder die Mitarbeitenden großen Wert auf räumliche Faktoren, Ausstattung und Wohnlichkeit legten. Trotz teils noch monatelanger Verweildauern wurden die Nutzenden oftmals in wenig ausgestatteten bis kahlen Mehrbettzimmern untergebracht, die Flure erinnerten nicht selten an somatische Kliniken und der Rauch-Raum war bisweilen noch der behaglichste Teil der Station – wenn man/frau sich den entsprechenden Giften exponieren wollte und konnte.

Dies alles hat sich in den letzten Jahren in vielen Einrichtungen deutlich zum Besseren gewendet. Die Ausstattung macht häufig einen wohnlichen Eindruck, es wird mehr Wert auf Sauberkeit gelegt und das gesamte räumliche Milieu wirkt auf Außenstehende weniger abstoßend. Zudem wird vielerorts die Vermutung gehegt, mit einer veränderten räumlichen Umgebung nicht nur das Wohlbefinden der Nutzenden und Mitarbeitenden steigern zu können, sondern auch einen therapeutischen Effekt zu erzielen.

Inwieweit durch räumliche Eigenschaften und Artefakte tatsächlich therapeutische Effekte zu erreichen sind, wird allerdings erst seit ungefähr 20 Jahren intensiver wissenschaftlich untersucht. Die Anzahl der Publikationen zu architektonischen, gestalterischen und anderen Interventionen (etwa sensorischen Stimulationen) hat in diesem Zeitraum deutlich zugenommen und insbesondere in den 2010er-Jahren haben wir es mit einer regelrechten Flut von Veröffentlichungen zu tun, die selbst für Personen mit Fachexpertise kaum noch zu überschauen ist. Eine systematische Übersichtsarbeit vom Ende der 2010er-Jahre hingegen konnte lediglich 19 quantitative und qualitative Originalarbeiten mit einer gewissen Studienqualität identifizieren und kam zu dem Schluss, dass erhebliche methodische Anstrengungen notwendig seien, um tatsächlich von Evidenz sprechen zu können (Daykin et al. 2008).

1.2Methodisches Vorgehen

Parallel zur Steigerung von Originalarbeiten lässt sich – glücklicherweise – auch eine ansehnliche Anzahl von Übersichtsarbeiten in den entsprechenden Literaturdatenbanken finden. Für einen besseren Eindruck zum Stand der Forschungsmethoden sowie zu den Ergebnissen habe ich daher eine quasi-systematische Suche nach Review-Artikeln in den Datenbanken Pubmed, CINAHL (Cumulative Index of Nursing and Allied Health Literature) und Google Scholar vorgenommen, die ab dem Jahr 2010 bis heute in deutscher oder englischer Sprache publiziert wurden. Spezifisch gesucht wurde nach Reviews von Originalstudien, die sich auf die räumliche Umgebung in der psychiatrischen Versorgung bezogen. Ausgeschlossen wurden Publikationen, welche sich allgemein mit räumlicher Umgebung und psychischer Gesundheit befassten. Letztere Fragestellung erfreut sich seit geraumer Zeit erheblicher Beliebtheit in der Forschung, beispielsweise die Thematik von Urbanität und psychischer Gesundheit oder die Thematik von unbebauten Flächen bzw. die Sicht auf diese Flächen deren Effekte.

Die Merkmale der gefundenen Arbeiten wurden in Tabelle 1 aufgenommen, welche Angaben zu den folgenden Punkten enthält:

Verfassende Autorinnen und Autoren

Publikationsjahr

Systematische oder unsystematische Übersicht

Eingeschlossene Studiendesigns der Originalarbeiten

Settings der Interventionen (z. B. Erwachsenenpsychiatrie oder Alterspsychiatrie)

Eingeschlossene psychiatrische Störungsbilder

Räumliche/gestalterische Interventionen

Outcomes (z. B. Psychopathologie oder Wohlbefinden)

Studienergebnisse

Anmerkungen

1.3Ergebnisse

Es konnten neun Übersichtsarbeiten identifiziert werden (Aljunaidy u. Adi 2021; Connellan et al. 2013; Dobrohotoff u. Llewelllyn-Jones 2011; Friesinger et al. 2019; Jovanovic et al. 2019; Ma et al. 2021; Oostermeijer et al. 2021; Richter u. Hoffmann 2014; Rollings u. Bollo 2021). Der Transparenz halber sei angemerkt, dass eine der Übersichtsarbeiten von mir als Erstautor veröffentlicht wurde.

Diese Arbeiten stammen überwiegend aus der zweiten Hälfte der 2010er- und aus den ersten 2020er-Jahren. In der Regel handelt es sich um systematische Reviews, einige wenige waren nicht-systematisch und eines war ein Rapid Review, bei dem üblicherweise die Literatur systematisch gesucht, aber dann mit weniger Personalaufwand gesichtet und qualitativ bewertet wird. Die Übersichtsarbeiten selbst hatten gewisse methodische Mängel, da zentrale Informationen, etwa bezüglich der eingeschlossenen Studiendesigns nicht immer berichtet wurden.

Bezüglich der berichteten Designs der Originalstudien fällt auf, dass hierunter nur selten randomisiert kontrollierte Studien oder kontrollierte Beobachtungsstudien waren. Zumeist handelt es sich um kontrollierte Kohortenstudien, also Prä-Post-Vergleiche, Querschnittsstudien, qualitative Designs und Mixed-Methods-Ansätze. Letzteres umfasst sowohl quantitative als auch qualitative Verfahren, die idealerweise im Laufe der Studie einander informieren.

Die Übersichtsarbeiten berichteten überwiegend aus der allgemeinen Erwachsenenpsychiatrie und aus der Alterspsychiatrie. Immerhin fanden sich auch zwei Publikationen, die über Studien in nicht-klinischen Settings informierten. Dabei handelt es sich um Wohnsettings, die nur teilweise in Institutionen angesiedelt waren. Die psychiatrischen Störungsbilder waren in der Regel nicht beschränkt. Allenfalls wurden sie durch bestimmte Versorgungssettings wie die Alterspsychiatrie definiert.

Ebenfalls wenig spezifisch waren die architektonischen oder gestalterischen Interventionen. Die umgesetzten Maßnahmen waren sehr heterogen, beispielsweise nicht genauer definierte Renovationen von Stationen. Lediglich eine Arbeit berichtete spezifisch über sensorische Stimulationen. Nicht minder unspezifisch und heterogen waren die Outcome-Indikatoren, welche in den Originalarbeiten erfasst wurden. Diese reichten von Aggressionsereignissen über Zufriedenheit und Wohlbefinden bis hin zu psychopathologischen Symptomen.

Die berichteten Resultate der architektonischen und gestalterischen Maßnahmen hingegen waren eindeutiger. In der Regel wurden positive Veränderungen berichtet. Allerdings schränkten viele Übersichtsarbeiten die Aussagekraft der Studienergebnisse ein, da die methodischen Merkmale der Originalstudien in aller Regel keine Verallgemeinerung zuließen. Insgesamt wurde die Evidenzlage als niedrig bis moderat beschrieben. Dies korrespondierte mit der oben charakterisierten Lage der Studiendesigns. Tatsächlich gut kontrollierte Studien sind im Zusammenhang mit architektonischen oder designerischen Maßnahmen in psychiatrischen Settings offenbar kaum durgeführt worden.

1.4Diskussion der Ergebnisse

Die Ergebnisse der von mir identifizierten Übersichtsarbeiten können wie folgt zusammengefasst werden: Die im Zusammenhang mit architektonischen und gestalterischen Interventionen durchgeführten Studien sind eher weniger hochstehend bezüglich der Studiendesigns und dem damit korrespondierenden Evidenzniveau. Die Studien fanden überwiegend in der stationären Versorgung statt. Die Interventionen waren wenig spezifisch, sodass die Wirkmechanismen kaum zu erfassen sind. Gleichfalls sehr heterogen und damit nur mäßig zu interpretieren waren die Ergebnisindikatoren. Insgesamt jedoch gehen die Arbeiten von positiven Effekten der Interventionen aus. Möglicherweise hat es einzelne Studien mit höherer Qualität gegeben, diese sind vielleicht aber erst später erstellt worden und haben es daher nicht in die Übersichtsarbeiten geschafft.

Zugespitzt formuliert, heißt das: Man kann von gewissen positiven Auswirkungen gestalterischer und baulicher Maßnahmen ausgehen, allerdings wissen wir aktuell nicht wirklich:

1. was genau zu tun ist,

2. welche Aspekte der Versorgung positiv beeinflusst werden und

3. welche Menschen tatsächlich von den Interventionen profitieren.

Insofern haben sich trotz der quantitativen Ausweitung der Studienzahlen in den letzten Jahren kaum neue belastbare Ergebnisse gegenüber dem oben zitierten Review aus den 2000er-Jahren ergeben (Daykin et al. 2008).

Bemerkenswert sind zudem zwei weitere methodisch und inhaltliche Aspekte. Es ist kaum vorstellbar, dass die gemessenen Ergebnisindikatoren allein durch gestalterische Interventionen zu beeinflussen sind. Das gesamte therapeutische Milieu von Einrichtungen wird mindestens ebenso stark von sozialen Beziehungen geprägt (Mahoney et al. 2009). Diese konfundierenden Einflüsse sind in den Originalstudien jedoch kaum kontrolliert worden. Zudem fanden die Studien in Settings statt, die angesichts reduzierter Aufenthaltsdauern und verstärkter außerstationärer Unterstützung wie Home Treatment (Bechdolf et al. 2021), ambulanter psychiatrischer Pflege (Sprecher et al. 2021) und Wohncoaching (Richter u. Hoffmann 2017) in der Gesamtversorgung immer weniger bedeutsam sind.

1.5Schlussfolgerungen

Es sollte deutlich geworden sein, dass die Forschungslage zu architektonischen und gestalterischen Aspekten in der psychiatrischen Versorgung wenig zufriedenstellen ist. Daher stellt sich die Frage, welche methodischen und inhaltlichen Innovationen notwendig sind, um das Evidenzniveau zu heben. Aus methodischer Sicht ist zunächst die Thematik aussagekräftiger kontrollierter Studiendesigns relevant. Randomisierte Studien (RCTs) und womöglich verblindete Designs sind bei der räumlichen Umgebung kaum durchführbar. Allerdings gibt es neuere methodische Entwicklungen wie das Propensity Scoring (Lee u. Little 2017), welche Beobachtungsstudien zu einem Quasi-Ersatz von RCTs werden lassen. Ein solcher Ansatz wird aktuell in der psychiatrischen Wohnforschung erprobt (Adamus et al. 2020). Sodann bräuchte es klarere Spezifikationen bei den Interventionen und den Ergebnisindikatoren um herausfinden zu können, was wirkt und welche Merkmale wirklich profitieren können. Zudem müssen konfundierende Einflüsse, wie therapeutische Beziehungen, besser kontrolliert werden.

Die eigentliche methodisch-fachliche Herausforderung der kommenden Jahre wird die Übertragung dieses Forschungsgebiets auf das häusliche Umfeld der Nutzenden sein, da die stationäre Versorgung auch in der Akutbehandlung, eine immer geringere Rolle spielen wird. Die Frage ist daher, ob räumliche und gestalterische Aspekte auch bei der aufsuchenden Versorgung eine Rolle spielen können, wie man dies umsetzt und wie die Wirkungen untersucht werden können.

Denkbar sind beispielsweise Wohlfühl- und Rückzugsmöglichkeiten zur Reizabschirmung, analog den in Soteria-Kliniken und -Stationen umgesetzten Milieu-Interventionen (Nischk u. Rusch 2019). Angesichts dieser Perspektive steht die Thematik der räumlichen Umgebung in der psychiatrischen Versorgung, so scheint es, erst am Anfang und bedarf erheblicher methodischer und fachlicher Entwicklungen.

Tab. 1Merkmale von Übersichtsarbeiten zu architektonischen und gestalterischen Interventionen in der psychiatrischen Versorgung

Literatur

Adamus C, Mötteli S, Jäger M, Richter D (2020) Independent Housing and Support for non-homeless individuals with severe mental illness: randomised controlled trial vs. observational study – study protocol. BMC Psychiatry 20(1), 319. DOI: 10.1186/s12888-020-02712-y

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