Soultaker. Dämonenblut - Jennifer J. Grimm - E-Book

Soultaker. Dämonenblut E-Book

Jennifer J. Grimm

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Beschreibung

**Dämonenblut gegen Engelsrache** Lenah kann noch immer kaum glauben, dass ihr neuer Freund der millionenschwere Immobilienmakler und Traummann Jason Meyer ist. Aber ihre Liebe wird von einem Geheimnis bedroht. In Jason wütet eine dämonische Dunkelheit, die er mit aller Macht vor Lenah und der Welt zu verbergen versucht. Seine Fassade beginnt erst zu bröckeln, als ein Fremder in New York auftaucht und schwört, ein gefallener Engel zu sein, der auf Rache sinnt. – Und plötzlich schwebt auch Lenah in größter Gefahr...   //Dies ist ein in sich abgeschlossener Einzelband aus dem Carlsen-Imprint Dark Diamonds. Jeder Roman ein Juwel.// //Weitere teuflisch-romantische Romane der Autorin Jennifer J. Grimm:   -- Satans Versprechen (Hell's Love 1) -- Satans Verbündeter (Hell's Love 2)  -- Satans Versuchung (Hell's Love 3)//  Diese Reihe ist abgeschlossen. //  

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dark Diamonds

Jeder Roman ein Juwel.

Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.

Wer nach einer hochwertig geschliffenen Geschichte voller dunkler Romantik sucht, ist bei uns genau richtig. Im Mittelpunkt unserer Romane stehen starke weibliche Heldinnen, die ihre Teenagerjahre bereits hinter sich gelassen haben, aber noch nicht ganz in ihrer Zukunft angekommen sind. Mit viel Gefühl, einer Prise Gefahr und einem Hauch von Sinnlichkeit entführen sie uns in die grenzenlosen Weiten fantastischer Welten – genau dorthin, wo man die Realität vollkommen vergisst und sich selbst wiederfindet.

Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.

Jennifer J. Grimm

Soultaker. Dämonenblut

**Dämonenblut gegen Engelsrache**Lenah kann noch immer kaum glauben, dass ihr neuer Freund der millionenschwere Immobilienmakler und Traummann Jason Meyer ist. Aber ihre Liebe wird von einem Geheimnis bedroht. In Jason wütet eine dämonische Dunkelheit, die er mit aller Macht vor Lenah und der Welt zu verbergen versucht. Seine Fassade beginnt erst zu bröckeln, als ein Fremder in New York auftaucht und schwört, ein gefallener Engel zu sein, der auf Rache sinnt. – Und plötzlich schwebt auch Lenah in größter Gefahr …

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Vita

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© privat

Jennifer J. Grimm wurde 1990 in der Nähe von Speyer geboren, wo sie noch heute mit ihren beiden Wikingerkindern lebt. Spezialisiert auf das Genre Romantic Fantasy schickt sie in ihren Romanen übernatürliche Charaktere und Menschen auf fantastische Abenteuer, bei denen sich ihre Figuren nicht selten in einem gehörigen Gefühlswirrwarr wiederfinden. Am liebsten schreibt sie inmitten von kreativem (Papier-)Chaos und ihren schnurrenden Katzen, die allzeit die Meinung vertreten, dass sie viel interessanter als das aktuelle Manuskript sind.

Prolog

Niemals darf sie erfahren, wer ich bin. Was ich bin. Sie hält mich für den Guten.

Die Wahrheit wäre ein Schlag ins Gesicht. Ich muss mich von ihr fernhalten. Doch mein dummes Herz hält sie fest. Zu lange war es einsam.

Ich weiß, dass es nicht gut enden kann, doch mein Egoismus siegt über meinen Verstand. Ich bringe sie in Gefahr, dennoch bleibe ich bei ihr, umschlinge sie fest.

Der Andere in mir erklimmt ihre Träume, raubt ihr den Schlaf.

Ach, meine Lenah.

1. Kapitel

»Jace?« Lenah schielte durch den Türspion. Mist, wo blieb er denn? Sie waren verabredet und jetzt stand sie vor seiner verschlossenen Tür.

»Jason!«, rief sie mit erhobener Stimme. So nannte die junge Frau ihn nur, wenn sie genervt war. Sie fuhr mit der Hand durch die braunen Haare, die ihr bis zur Schulter reichten.

Mit einem Seufzen griff sie in ihre Handtasche. Sie holte einen Schlüssel hervor, der einsam an einem Schlüsselring hing. Jason hatte ihn ihr gegeben, aber ohne ihn fühlte sie sich nicht wohl in dem riesigen Appartement. Für ihren Geschmack war es zu groß. Außerdem zeigte es ihr deutlich den Unterschied zu ihrer eigenen gesellschaftlichen Stellung.

Lenah schob die aufgeschlossene Tür auf und warf den Schlüssel auf die Kommode. Wie die gesamte Einrichtung in dem weitläufigen Penthouse strahlte auch der Eingangsbereich edles Understatement aus. Trotzdem kostete jedes Möbelstück mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr, als Lenah bei der Manhattan News im Jahr verdiente. Seufzend schob sie die Tür hinter sich zu und legte ihre Umhängetasche ebenfalls auf die Kommode.

Direkt an den Flur schloss das einladende Wohnzimmer an. Sie ging zu der im Antik-Look weiß lackierten Kommode und schob die offen stehende Schublade zu. Wo er vorbeiwirbelte, hinterließ ihr Freund Chaos. Diese Unordentlichkeit machte sie nervös, deshalb bückte sie sich nach dem Stück Wollstoff auf dem Boden.

»Hoffentlich erledigst du wenigstens deine Arbeit ordentlich«, murmelte sie und hängte den unifarbenen Schal an die Garderobe.

Zwei Stufen grenzten den Eingangsbereich vom Wohnbereich ab. Das schummrige Licht des aufgehenden Mondes leuchtete durch die bodentiefen Fenster. Draußen war es schon düster, obwohl es erst kurz vor 20 Uhr war. Lenah zog die bodenlangen Vorhänge zu, bevor sie das Licht anschaltete. Sie wusste, dass es unsinnig war, denn sie befand sich in der 11. Etage und niemand konnte in die Dachsuite hineinsehen. Trotzdem wiederholte sie das Ritual immer, wenn sie abends bei ihrem Freund war.

Mit einem erneuten Seufzer sah sie auf die Uhr. »Wo bleibst du nur?« Das sah Jace nicht ähnlich. Er hasste es, sich zu verspäten.

Vielleicht hat er noch einen Kunden eingeschoben? Oder hat er unsere Verabredung vergessen? Sie griff nach ihrem Handy. Bei seinem Job als Immobilienmakler kam es öfter vor, dass Jason spontan Besichtigungen durchführen musste. Gerade als sie seine Nummer gewählt hatte, klingelte es an der Tür. »Na endlich!«, rief Lenah erleichtert aus und sprang von der riesigen Sofalandschaft auf. Sie lief zur Tür.

»Da bist du ja end–« Abrupt verstummte sie. Vor der Tür stand nicht Jace. Im Gegenteil, der Mann mit der Glatze hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihm. Er trug dunkle, enge Jeans und ein Hemd. Unter den hochgekrempelten Ärmeln blitzten Tattoos hervor.

»Kann ich … Ihnen weiterhelfen?«, fragte sie nach ihrer kurzen Musterung.

»Ich suche Jason Meyer.« Ohne Umschweife musterte er Lenah. Er sah irritiert aus, als hätte er nicht mit der Anwesenheit einer Frau gerechnet. Sie konnte es ihm nicht verübeln, Jace hatte nicht den Ruf, ein Frauenheld zu sein. Ihre Beziehung hielt er so gut wie möglich aus der Öffentlichkeit heraus.

»Oh, er ist nicht zu Hause«, antwortete Lenah und fühlte sich unwohl unter seinem neugierigen Blick. Seine Augen verengten sich fast unmerklich und für einen Moment erinnerte sein Gesicht sie an ein Raubtier auf Beutezug.

»Kann ich Jace etwas ausrichten?« Unwillkürlich umgriff sie die Türklinke.

»Wie unhöflich von mir.« Er hielt ihr die Hand hin. »Mein Name ist Raphael.« Das darauffolgende, durchaus charmante Lächeln bescherte Lenah eine Gänsehaut. Es kostete sie Überwindung, die ausgestreckte Hand zu schütteln.

»Lenah.« Absichtlich nannte sie lediglich ihren Vornamen, auch wenn es ein Leichtes war, ihren Familiennamen herauszufinden. Unbehaglich schielte sie auf die Uhr. Wo blieb Jace?

»Darf ich hier auf ihn warten?« Raphael hob fragend die Augenbrauen. »Ich verspreche auch brav zu sein, Lenah.«

Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Einen Fremden in Jasons Appartement lassen? Das klang nach keiner guten Idee. Aber vielleicht war er ein Kunde?

»Ich … ich rufe ihn vorher an.« Sie griff nach ihrem Smartphone und zog es aus der Hosentasche.

»Misstrauen Sie mir etwa?« Amüsiert erhellte ein Grinsen sein Gesicht. Ohne auf seine Frage einzugehen, wählte sie Jasons Nummer.

»Eine ordentliche Portion Misstrauen ist durchaus angebracht.« Jasons dunkle Stimme hallte durch das Treppenhaus. Erleichtert ließ Lenah das Handy sinken und sah seiner hochgewachsenen Gestalt entgegen. »Dieser Mann hier, Raphael, wollte zu dir«, erklärte sie.

***

Wie jeden Tag hatte er das Treppenhaus genommen. Die Bewegung tat ihm nach den Stunden im Büro gut und da schreckten ihn auch nicht die elf Stockwerke des Hochhauses ab.

»Wer sind Sie? Ein Reporter?« Jace schob seinen breiten Körper an dem fremden Mann vorbei.

»Warte bitte drinnen.« Er berührte Lenah beruhigend am Arm. Ihrem erleichterten Gesichtsausdruck entnahm er, dass sie froh war, dem seltsamen Mann entkommen zu sein. Erst als die Tür hinter ihr zufiel, wandte er sich dem Fremden zu.

»Was wollen Sie hier?« Schärfe klang in seiner Stimme mit und er kniff die moosgrünen Augen zusammen.

Raphael ging nicht auf die Frage ein. »Jace also? Ihr scheint euch nahezustehen?« Er deutete auf die Tür, die Jason wieder zugezogen hatte.

»Das geht Sie nichts an!«

»Ich hatte auch einmal eine Geliebte. Und jetzt ist sie verloren.« Die Gelassenheit in seinem Gesicht wich bitterem Zorn. »Du hast sie auf dem Gewissen, ebenso wie deine Schwester, Meyer.« Wenn Blicke töten könnten, hätte seiner Jason zu Staub zerfallen lassen.

Jason ließ den Aktenkoffer fallen. Blätter mit vielen Zahlenreihen und Statistiken verteilten sich über dem Boden. Er presste sein Gegenüber grob gegen die Wand. Dieses Thema war ein rotes Tuch für ihn. Er gab sich immer noch die Schuld für ihren Zusammenbruch.

»Meine Schwester geht dich einen feuchten Dreck an!« Er drückte seinen Unterarm gegen Raphaels Hals. »Ich will, dass du verschwindest. Ich weiß nicht, wer dich schickt, aber ich will dich hier nie wieder sehen! Verstanden?« Er ließ etwas locker, damit der Fremde sprechen konnte.

»Jason Meyer.« Raphael räusperte sich, der Druck auf seiner Kehle machte es ihm schwer zu sprechen. »Ich werde dich leiden lassen. Du sollst dieselben Schmerzen haben wie ich, als meine Geliebte wegen dir verbannt wurde. Du sollst an deinem gebrochenen Herzen krepieren.«

Jason verstärkte seinen Griff wieder. Er verstand kein Wort von dem, was der Wahnsinnige von sich gab.

»Ich kenne deine Geliebte nicht einmal!«

»Natürlich nicht, Gildenmeister. Rebekka war ja auch ein Engel. So wie ich.« In seinen Augen funkelte die Gier nach Blut. »Unsichtbar für die Menschheit. Dennoch wurde sie wegen dir aus dem Himmel verbannt.«

Jason packte ihn am Kragen seines weißen Hemdes. Schwungvoll warf er ihn zu Boden. »Verschwinde. Ich habe keine Ahnung, was du da faselst, aber ich höre mir diesen Stuss nicht länger an!« Aufgebracht starrte er ihn an und riss sich zusammen, um dem Schwachkopf nicht auf der Stelle an die Gurgel zu gehen. Das Dämonenblut drohte die Oberhand zu ergreifen, doch er drängte es mit viel Mühe zurück. Nein, nicht hier. Nicht wenn Lenah bei ihm war.

Raphael rappelte sich auf und rieb sich über den Hals. »Ich werde dir dein Leben zur Hölle machen, Meyer. So wie du mit deinen Taten Rebekka aus dem Himmel vertrieben und mich damit durch die Hölle geschickt hast.« Er schob eine Hand gelassen in die Hosentasche, als würde er Small Talk führen. Mit der anderen drückte er den Fahrstuhlknopf. Lautlos ging die Tür auf.

»Grüß Lenah von mir. Mit deiner kleinen Journalistin werde ich bald viel Spaß haben.« Sein irres Kichern ging im Signalton der sich schließenden Fahrstuhltüren unter.

Jason ballte die Fäuste. Wenn Lenah in Gefahr war, konnte er für nichts mehr garantieren. Er atmete tief ein und aus. Noch immer drohte das Dämonenblut in seinen Adern aufzuwallen.

Er musste dem Dämon dringend eine Injektion verpassen. Seufzend besah er das Chaos, das sein aufgeplatzter Koffer hinterlassen hatte. Scheiß drauf. Da das gesamte Dachgeschoss ihm gehörte, würde ohnehin niemand vorbeikommen. Er stapfte achtlos über die Ordner. Hinter ihm knallte die Tür lautstark zu.

»Ich bin gleich bei dir!«, rief er ins Wohnzimmer. Er verschloss die Badezimmertür. Hitze stieg in ihm auf. Scheiße, das ist nicht gut.

Keuchend holte er eine der Ampullen aus dem Medizinschrank. Der Schlüssel fiel zu Boden, bevor er den Schrank wieder verschließen konnte. Sein Blick trübte sich und ihm wurde schwindelig.

Wenn er nicht die Kontrolle verlieren wollte, musste er sich beeilen. Er riss die sterile Verpackung von der Spritze und rammte die Nadel in den versiegelten Glasbehälter. Nachdem er die klare Flüssigkeit aufgezogen hatte, befreite er seinen linken Arm vom Stoff seines Hemdes.

Ein Seufzen kam über seine Lippen. Das Mittel gelangte in seine Blutbahn und hinderte die DNA seines Dämons daran, die Macht zu erlangen.

2. Kapitel

Der Dämon spürte Lenahs Sorge. Dunkle Schwaden von einladender Beunruhigung. Jace drängte ihn zurück und endlich ließ der Inkubus sich in die Dämmerung fallen, die das Antiserum über ihn brachte.

Als Jason das Wohnzimmer betrat, sprach Neugier aus ihrem Blick. »Was ist mit deinem Hemd?« Überrascht registrierte sie seinen nackten, einladenden Oberkörper.

Er neigte den Kopf zur Badezimmertür und nahm neben ihr Platz. »Ist in der Wäsche. Entschuldige, dass ich so lange gebraucht habe, Süße.« Er beugte sich zu ihr und küsste sie. Viel zu kurz berührten seine warmen Lippen ihre. »Wir müssen reden.«

Vor ihm erstarrte Lenah. »Worüber?«, fragte sie nach einem kurzen Moment und strich sich eine ihrer kurzen Haarsträhnen hinters Ohr. Jason bemerkte, wie sich ihr Blick besorgt verdunkelte.

Sein Daumen strich über Lenahs Handrücken und das Dämonenblut pulsierte erneut unruhig. Der Inkubus spürte es, wenn seine Liebste besorgt war.

»Keine Sorge, es hat nichts mit unserer Beziehung zu tun«, sagte er, musste sich jedoch korrigieren. »Nicht direkt jedenfalls.« Tief atmete er durch, beruhigte den Dämonen, der sich erneut aufbäumte. Die Injektion sollte ihn länger ruhig halten, doch in letzter Zeit wurde der Andere in ihm stärker. Er schüttelte den Gedanken an das Monster ab, um es nicht noch mehr zu bestärken.

»Den Mann eben … kennst du ihn?« Fragend sah er in Lenahs braune Augen. Er hielt ihre Hand umschlungen und Schlag für Schlag normalisierte sich ihr Puls.

Überrascht hob sie eine Augenbraue. »Ich dachte, du kennst ihn?«

»Nein. Und ich möchte ihn auch keineswegs kennenlernen.« Eindringlich erwiderte er den Blick aus ihren braunen Augen. »Der Kerl ist gefährlich, Lenah. Und verrückt noch dazu! Er behauptet, dass er ein Engel sei.«

»Oha, dann spinnt er ja wirklich total!«

»Wir dürfen uns erst einmal nicht mehr gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigen.« Jason verengte die Augen. »Er hat mir gedroht und ich werde dich keiner Gefahr aussetzen. Ich rufe Marcus gleich an. Er soll einen Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst vor dem Haus deiner Mutter postieren.«

Protestierend öffnete Lenah den Mund. »Nein, Jace! Du kannst niemanden vor meine Haustür stellen!« Sie entzog ihm ihre Hand und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Lenah! Es ist zu eurer Sicherheit.« Bevor sie erneut gegen die Überwachungsmaßnahme protestieren konnte, spielte er seinen einzigen Joker aus: »Denk an Bastian.«

»Jace, das ist nicht fair!« Sie seufzte, doch dann neigte sie den Kopf zur Seite. »Ich überlege es mir.«

Doch Jason wusste, dass er das richtige Mittel benutzt hatte, um Lenah umzustimmen. Die Sicherheit ihres Sohnes würde sie nie riskieren. Lenah öffnete den Mund, wollte sicher nochmals nachhaken, was der Kerl denn eigentlich von ihm gewollt hatte, doch Jace schüttelte den Kopf.

»Denk nicht weiter darüber nach. Er ist sicher nur ein harmloser Spinner.« Marcus würde Lenah und ihre Familie beschützen. Mit dieser Gewissheit versuchte er Lenah zu beruhigen. Doch da er wusste, dass auch Dämonen und Gestaltwandler existierten, brachte ihn die Behauptung des Mannes doch ins Grübeln. Engel? Wirklich?

»Du hast bestimmt recht!« Lenah streckte die Arme nach ihm aus. »Dann lass uns den Kerl vergessen. Wir haben zu wenig Zeit, um diese mit einem Fremden zu verschwenden.«

Er erwiderte ihre Umarmung und hob sie auf seinen Schoß. Lenah schmiegte sich an seinen nackten Oberkörper und schloss die Augen. Dank seiner Dienstreise hatte sie ihn eine Woche nicht gesehen. Während seiner Abwesenheit hatte sie bemerkt, wie sehr sie sich in den letzten acht Monaten an ihr Leben mit ihm gewöhnt hatte.

Er stand auf und zog sie hoch. »Ich sollte dir jetzt Abendessen anbieten …«, murmelte er in ihr Ohr. Lenah schüttelte den Kopf.

»Können wir gleich zum Dessert übergehen?« Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken. »Ich hab dich vermisst.«

»Ich dich auch, Süße.« Seine Lippen landeten auf ihren. »Dein Wunsch ist mir Befehl.« Er packte sie an der Hüfte, griff dort nach dem Saum ihres Shirts. Bevor er ein Wort sagte, hob sie die Arme. Er zog ihr das Oberteil über den Kopf und warf es achtlos beiseite. Während er begann Lenahs Jeans zu öffnen, unterbrach das Läuten der Türklingel die beiden.

»Mr Meyer?« Jason erkannte den Hausmeister sofort an seiner rauchigen Stimme. Der Kerl soff Whisky wie andere Wasser und mischte sich ständig in die Angelegenheiten der Wohnungsbesitzer ein.

»Soll ich den Papierkram in den Müll schmeißen?«, schrie er so laut, dass sie ihn im Wohnzimmer deutlich hören konnten.

»Nein!« Er löste sich von Lenah und sah sie kurz an. Atemlos stand sie vor ihm. Unruhig hob und senkte sich ihr Oberkörper und der Blick aus ihren braunen Augen bereitete ihm zittrige Knie. »Rühr dich nicht von der Stelle. Ich bin sofort wieder bei dir.« Er küsste sie noch einmal, bevor er an die Tür ging, um seine Papiere einzusammeln.

Der Hausmeister sah so aus, wie er sich anhörte. Die ungepflegten Haare hingen ihm bis auf die Schultern und glänzten fettig im Neonlicht der Treppenhausbeleuchtung.

»Sie sollten das Treppenhaus nicht so dreckig hinterlassen, Mr Meyer.« Richard Parks deutete mit dem Zeigefinger auf Jason und fuchtelte hektisch mit den Papieren, die er vom Boden aufgesammelt hatte.

»Alle hier denken, Sie wär’n was Besseres. Nur weil Se in Kohle schwimmen!«, zeterte er und starrte den Besitzer des Penthouses an. Er ließ den Papierstapel demonstrativ zurück auf den Boden flattern und packte seinen Besen.

»Kommt nicht wieder vor.« Jasons Worte gingen im Genörgel des Mannes, der davonhinkte, unter. Er kniete sich hin und begann mit einer Hand die Papiere vor sich zu stapeln. Mit der anderen nahm er sein Smartphone aus der hinteren Hosentasche und wählte eine der Kurzwahlnummern.

»Marcus.« Er senkte seine Stimme. »Schick jemanden zu Lenahs Haus. Ich erklär’s dir nachher, aber es ist wichtig.« Er hielt inne, wartete auf die Antwort seines Gesprächspartners.

»Wie lange? Vorerst auf unbestimmte Zeit. Aber er muss unauffällig sein. Ich möchte nicht, dass Lenah ihn bemerkt.« Er zog den Aktenkoffer näher zu sich und stopfte die Papiere hinein. Zufrieden nickte er, als sein Sicherheitschef ihm den Auftrag bestätigte und einen seiner besten Männer nannte. »Ich danke dir.« Nachdem er das Gespräch beendet hatte, stand er mit dem Koffer in der Hand auf.

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, stellte er den schwarzen Koffer neben dem gläsernen Wohnzimmertisch ab. Er trat an das bodentiefe Fenster, vor dem Lenah telefonierte.

»Jetzt? Aber, Chef, ich …« Sie rieb sich über die Stirn und schloss kurz die Lider. Die Müdigkeit begann dunkle Schatten unter ihre Augen zu malen. »Ja, natürlich. Ich werde hinfahren.«

Nachdem sie aufgelegt hatte, entfuhr ihr ein lauter Seufzer. »Ich muss los.« Enttäuscht schob sie das Handy in ihre Hosentasche. Sie langte nach ihrem Shirt und zog es wieder über den Kopf. »Ein kürzlich entlassener Kinderschänder wurde ermordet. Carson will, dass ich einen Artikel darüber schreibe.«

Überrascht weiteten sich Jasons Augen. »Oh, schon wieder?«

Sie nickte. »Ja, in Harlem.«

»Dort ist es gefährlich«, merkte er mit gerunzelter Stirn an. »Besonders um diese Uhrzeit. Kann er nicht jemand anderen hinschicken?«

Lenah schüttelte den Kopf. »Christian ist nicht zu erreichen und Mara hat keinen Babysitter für ihre Tochter.«

»Ach, aber du musst deinen freien Abend dafür nutzen, um in eine der gefährlichsten Gegenden der Stadt zu fahren? In der ein Killer frei rumläuft?« Unzufrieden kniff er die Augen zusammen.

Sie streckte die Arme nach oben und umschlang seinen Nacken. »Schade, ich hab mich so auf dich gefreut.« Sie küsste ihn sanft.

Er legte seine Hände um ihre Hüfte und drückte sie an seinen Körper. »Ich hab dich vermisst, Lenah.« Als sie sich von ihm löste, zupfte er an einer ihrer braunen Haarsträhnen. »Pass auf dich auf.«

»Wie immer.« Im Flur ergriff sie ihre Umhängetasche und öffnete die Tür. »Ich ruf dich an!« Sie warf ihm einen Handkuss zu, bevor sie die Tür schloss.

Müde lächelte er.

***

Jason sank in die flauschigen Polster der Couch. Pochend meldete sich der besitzergreifende Dämon zu Wort. Ihm gefiel es ebenso wenig, dass Lenah auf dem Weg in eine der zwielichtigen Gegenden der Stadt war. Und Jason selbst trug die Schuld daran. Er hatte das Attentat an Aiden, einen seiner Mitarbeiter, vermittelt.

Welche Wahl hatte er schon gehabt? Der wegen guter Führung vorzeitig entlassene Kinderschänder stellte erneut einem kleinen Mädchen nach. Doch diesmal war der Verbrecher nicht so sorgsam vorgegangen wie bei dem letzten Kind. Was Jason mitsamt seiner Gilde auf den Plan gerufen hatte.

Er hatte den erschreckenden Altar des Fanatikers selbst gesehen: Fotografien der Vierjährigen, eine pinke Mütze mit glitzernden Bommeln, ein verloren geglaubter Teddy.

Bevor der Mann, der jede Therapie verweigerte, sich erneut an einem unschuldigen Wesen verging, hatte er handeln müssen. Irgendjemand musste etwas Gerechtigkeit in die Welt bringen – auch wenn es außerhalb der Legalität geschah.

Die dröhnende Stimme in seinem Kopf ließ ihn zusammenzucken. Er schloss die Augen und rieb sich über das kurz geschorene Haar. Die Schattenbrut hatte recht – er musste Lenah einen Aufpasser hinterherschicken. Um diese Uhrzeit lungerten in Harlem zu viele suspekte Gestalten auf den Straßen herum. Da er nicht einschätzen konnte, wie ernst dieser Raphael seine Drohungen meinte, war er nicht bereit hier ein Risiko einzugehen.

Erneut rief er seinen Sicherheitschef an. »Lenah ist auf dem Weg nach Harlem. Ihr verfluchter Chef hat sie zum Fundort des Kinderschänders geschickt. Pass auf sie auf.«

Er beendete das Gespräch ohne weitere Floskeln. Marcus würde sie mit seinem Leben beschützen. Der Gestaltwandler hatte Jason bedingungslose Treue geschworen, nachdem dieser ihm das Leben gerettet hatte.

Endlich ließ das schmerzhafte Pulsieren in seinem Kopf nach. Mit einem Laut der Erleichterung richtete er sich auf. Der Inkubus wurde stärker, trotz der regelmäßigen Injektionen seines Wundermittels.

Es lag an Lenahs Nähe, dessen war er sich bewusst. Der Dämon war besitzergreifender als Jason selbst. Doch als einzige Alternative bot sich ihm Lenah zu verlassen. Das würde der Dämon nie zulassen. Nur solange er in ihrer Nähe war, konnte er nachts in ihre Träume steigen.

Jason befürchtete, dass es in dieser Nacht erneut geschehen würde, trotz seines Versuches, mit einer Injektion den Inkubus zu entkräften.

***

Obwohl Lenah sich beeilte, war es nach Mitternacht, als sie zu Hause ankam. Leise schlich sie durch das dunkle Reihenhaus ihrer Mutter. Lenah lebte mit Bastian seit ihrer Scheidung von Tony bei ihr. Auf Zehenspitzen lief sie ins Bad, bevor sie völlig fertig in ihr Bett sank. Sie schlief sofort ein.

Warme Finger strichen über ihre Haut. Langsam lichtete sich der Schleier ihres festen Schlafes und sie blinzelte.

»Jace?«, murmelte sie verschlafen.

»Viel besser …«, versprach sein Ebenbild. Seine Hände glitten über ihren nackten Oberkörper. Mit einem Seufzen senkte sie die Lider. Leises Lachen ließ sie erschaudern. Sie genoss die Liebkosungen des schweren Körpers, der sie in ihr Bett drückte.

Lenah öffnete die Augen, als ein heißer Lufthauch über ihre Haut strich. Überrascht bemerkte sie, dass sie sich nicht mehr in ihrem Zimmer befanden. Stattdessen breitete sich ein weiter Strand vor ihr aus, mit schneeweißem Sand. Sie lag auf einer ausladenden Matratze, deren cremefarbener Seiden-Bezug ihre erhitzte Haut kühlte.

Am Himmel zeigte sich keine einzige Wolke und die Sonne strahlte gnadenlos auf sie hinab. Geblendet kniff Lenah die Augen zu.

***

Er schob seine muskulösen Arme unter ihren Körper und hob sie hoch. Mit der wertvollen Last in seinen Armen schritt er über den heißen Sand, ohne darin zu versinken. Der Dämon grinste, als er Lenahs entspannten Gesichtsausdruck sah. Er würde warten, er konnte noch wohlschmeckendere Gefühle aus ihr herauskitzeln.

»Wo sind wir?« Sie sah über das blaue Salzwasser hinweg, in dem sie nun bis zur Hüfte standen. Bis zum Horizont erstreckte sich das Meer.

Er lachte. »In deinem Traum. Wo sonst?«

»Der Traum gefällt mir.« Ihre warme Haut schmiegte sich an seine. Erneut hob er sie hoch. Hart drängte er die Zunge in ihren Mund. Mit einem heiseren Stöhnen öffnete sie die Lippen für ihn.

Erregung. Erregung schmeckte angenehm, aber es gab noch mehr. Er musste sie nur ein wenig beeinflussen, um ihr andere Gefühle zu entlocken. Träge streckte er seine Sinne aus, tastete damit über ihre Emotionen. Die Erregung vernebelte ihren Verstand, was die Schutzmechanismen in ihrem Kopf ablenkte. Lange würde sie seiner Verführung nicht mehr widerstehen können. Und danach … danach war es ein Kinderspiel, ihre Seele auszurauben.

Er lief tiefer mit ihr ins Wasser und ließ sie unvermittelt los. Ihr überraschter Aufschrei hallte über das Wasser, bevor ihr Gesicht darin versank. Gierig verschlang er das Gefühl ihrer Überraschung und begann sich davon zu nähren. Doch er riss sich zusammen. Wenn er zu viel nahm, forderte das seinen Tribut. Und er wollte ihr wildes, süßes Temperament nicht verlieren – noch nicht.

Sie strampelte, um zurück an die Oberfläche zu gelangen. In ihrer Lunge brannte Salzwasser und ein eisiges Lodern nahm ihren Körper in Besitz. Irgendetwas lief falsch. An der Oberfläche angekommen schnappte sie nach Luft. »Bist du verrückt?«, prustete sie, doch als sie seinen Blick bemerkte, erstarrte sie. Seine Augen strahlten kalte Zufriedenheit aus.

Er schob seine Hand in ihre Haare, zog daran. Köstlich. Wellen der Angst und der Verwirrung schwappten in ihr über. Seine Kälte machte sie regungslos, verhinderte ihre Gegenwehr. Er schob ihren bibbernden Leib weg und schloss genussvoll die Augen. Der letzte Hauch Erregung mischte sich mit dem zuckerigen Geschmack der Überraschung, mit der bitteren Absonderung der Panik. Wohlig stöhnte der Inkubus auf. Herrlich.

Er ließ sie endgültig los. Mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen sah er zu, wie Lenah im Meer versank. Das warme Wasser drückte sie nieder, ein Kontrast zur klirrenden Kälte, die sie von innen heraus zerbersten wollte. Hektisch versuchte sie einzuatmen, doch es drang nur Salzwasser in ihren Mund.

***

Panisch pochte ihr Herz und verdrängte mit beißender Furcht den letzten Rest Erregung. Lenah versuchte die Arme zu heben, doch ihre Glieder widersetzten sich ihr. Es gelang ihr nicht, die eisige Kälte zu verdrängen, die sie in Besitz genommen hatte.

Nein. NEIN!

Ohrenbetäubend hallte der Gedanke in ihrem Kopf wieder.

Lenah riss die Augen auf. Es dauerte einen kurzen Moment, bis sie es begriff: nur ein Traum.

»Das war nicht real«, sagte sie laut, um ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Sie griff nach der Glasflasche neben dem Bett und trank einen Schluck Mineralwasser, um den salzigen Geschmack ihrer Fantasie wegzuspülen. Sie drehte das verschwitzte Kissen um und bettete ihren Kopf auf die kühle Seite. Sie starrte aus dem Fenster, wo die Sonne in wenigen Stunden aufgehen würde.

Lenah schloss die Augenlider mit einem Seufzer. Sie sollte schlafen, bevor Bastian am Morgen ins Schlafzimmer gestürmt kam. Sie zog die Bettdecke über ihre bloße Schulter. Die Matratze gab nach, als sie sich aufsetzte. Lenah sah an ihrem Körper herunter. Nackt?!

Sie hatte vor dem Schlafengehen ein übergroßes Shirt angezogen, davon war sie überzeugt. Kopfschüttelnd beließ sie es dabei und sank müde zurück ins Bett.

3. Kapitel

»Scheiße!« Der laute Fluch hallte durch das Büro. Jason fegte einen dicken Papierstapel vom Tisch. »Wenn ich diesen Bastard in die Finger bekomme! Und du bist dir sicher, Marcus?«

Der Angesprochene nickte und stand auf. »Irgendjemand hinterlässt seit zwei Tagen an unseren Tatorten Hinweise, nachdem wir die Jobs erledigt haben«, erklärte er seinem zornigen Chef. »Indizien, die auf unsere Gilde verweisen, wenn man sie richtig kombiniert. Bisher hat die Polizei einen der gravierten Dolche gefunden und jetzt beim Pädophilen in seiner Hosentasche die Zeichnung eines Halbmondes. Glücklicherweise wissen die Bullen nicht, was das bedeuten soll.«

»Noch nicht«, knurrte Jace. Er drehte sich auf seinem riesigen Bürostuhl um und starrte in den trüben Regen. »Das gibt’s echt nicht.« Er stand auf. »Du musst herausfinden, wer uns auffliegen lassen will!« Steckte da etwa auch Raphael dahinter?

Marcus versuchte ihn zu beschwichtigen, bevor Jasons Wut den Dämon an die Oberfläche trieb. Doch dieser winkte ab.

»Er ist satt«, murmelte er. Mit dem Zeigefinger rieb er sich über die Nase und schloss die Augen. »Er hat letzte Nacht Lenah besucht.«

Entsetzt sah Marcus ihn an. Mit beherrschten Bewegungen band er die langen schwarzen Haare zu einem Zopf. Einer seiner Ahnen musste ein Ureinwohner gewesen sein, woran auch seine dunkel getönte Haut erinnerte. »Bist du verrückt?«

»Ich?« Jason nahm erneut in seinem Schreibtischstuhl Platz und zog eine verborgene Schublade des hölzernen Monstrums auf. »Sag das bitte dem verdammten Biest. Die Injektionen zeigen kaum noch Wirkung.« Er nahm das Notebook aus dem dafür angepassten Tresor. Sobald er es aufgeklappt hatte, startete das Betriebssystem. Mit einem leisen Geräusch signalisierte es seine Bereitschaft.

»Das ist gefährlich für Lenah!« Marcus hob seine Stimme.

Finster sah Jason auf. Niemand redete in diesem Ton mit ihm. Als hochrangiger Geschäftsmann hatte er sich den Respekt der Menschen hart erarbeitet. Auch sein kleines Nebengewerbe bescherte ihm die Ehrfurcht derer, die davon wussten. Was nicht viele waren, doch das sprach für den Erfolg seiner Art der Attentatsvermittlung.

Aber Marcus war mehr für ihn als sein Sicherheitschef, nur deshalb ließ er ihm den vorlauten Ton durchgehen.

»Wenn der Dämon zu viel von ihr nimmt, wird er ihre Seele zerstören! Du wirst einem sechsjährigen Jungen die Mutter nehmen!«

»Das wird nicht passieren!« Jason hämmerte das Passwort in die Tastatur. »Er ist besessen von ihr. Er will sie beschützen.«

Ein trockenes Lachen stieg aus Marcus’ Kehle auf. »Soll das ein Witz sein? Derjenige, der ihr die Gefühle raubt und an ihrem Geist nagt, will sie beschützen? Du solltest dich nicht auf die Ritterlichkeit deines Biestes verlassen.«

Das flackernde Licht des Bildschirms betonte die harten Schatten in Jasons Gesicht. Sein Gehämmere auf der Tastatur verriet seine Anspannung. Er sah zu seinem Freund auf.

»Ich kann sie nicht verlassen.« Er hatte es versucht, bei Gott, doch er liebte Lenah zu sehr. Die entsprechenden Worte hatte er nie über die Lippen gebracht.

Marcus’ Gesichtsausdruck wurde weich. »Mann, ich versteh dich doch.« Er lehnte sich über den Tisch und erwiderte Jasons Blick. »Dann bleibt dir nur eine Möglichkeit. Leg deinem Dämon Zügel an und zeig ihm, zu wem diese Frau gehört.«

Jason nickte. »Ich weiß. Das Labor arbeitet daran, die Wirkstoffe des Serums zu verstärken. Er gewöhnt sich daran, am Anfang wurde das Dämonenblut länger unterdrückt.« Seine Finger fuhren über die kurz geschorenen Haare. Dann schüttelte er den Kopf. »Wenn er sich auch an das neue Serum so schnell gewöhnt …«

Dann wird die immer höhere Dosierung meinen Körper nach und nach zugrunde richten. Er hob die Hand, bevor Marcus ihm eine Antwort geben konnte. »Lass uns jetzt deine nächste Aktion fertig planen. Ich muss später noch zu einer Charity-Veranstaltung.«

Der Gestaltwandler hob eine Augenbraue. »Das Dinner, das der Vorstand der Stadtbank organisiert? Ich dachte, das ist erst nächsten Monat.«

»Dann hast du falsch gedacht«, verneinte Jason.

Jetzt fluchte Marcus. »Shit, ich hab heute Abend niemanden mehr frei!« Er deutete aus dem Fenster. »Und ich muss später das Attentat übernehmen, sonst wird eine ganze Familie ausgelöscht.«

Jason kopierte die Details des Auftrags in die Cloud. Eine Sekunde später meldete Marcus’ Handy die Ankunft der neuen Daten. Er klappte das Notebook zu und schob es in den versteckten Tresor zurück.

»Geht schon klar. Das ist eine gut besuchte Veranstaltung, über hundert der Reichen und Schönen New Yorks werden anwesend sein. Ich komme allein zurecht. Eigentlich wollten wir zusammen hin, aber nach den Drohungen des Irren gestern habe ich Lenah gebeten zu Hause zu bleiben.« Er tippte den Zahlencode ein, um den Safe zu verschließen.

»Ich muss noch Papierkram bearbeiten. Erledige du in Ruhe deinen Auftrag.« Die Tätigkeit als Geschäftsmann war leider nicht nur Schein. Er leitete wirklich eine Immobilienfirma. Mittlerweile führte er allerdings nur die Besichtigungen der berühmtesten Kunden durch. Die anderen Interessenten übernahmen seine freien Angestellten.

Er drückte einen Knopf an seiner Sprechanlage. »Miss Heartfield?« Mit der kalten Arroganz, die er sich mühsam angeeignet hatte und von einem Mann seiner Stellung erwartet wurde, sprach er weiter: »Bitte bringen Sie mir die restlichen Akten zur Investmentplanung.«

Er ließ die Taste los, bevor er ihre Antwort hören konnte. Marcus verließ ohne ein unnötiges Wort Jasons Büro, um sein Zielobjekt in Angriff zu nehmen.

***

Lenah machte es sich gerade auf dem Sofa bequem, da stürmte Bastian durch die Küche ins Wohnzimmer. »Mamaaaaa!«, rief er. Sein strahlendes Gesicht zeigte ihr, wie sehr er sie am Vorabend vermisst hatte. Am Morgen hatte sie, zwischen Schulranzenpacken und Frühstückvorbereiten, kaum Zeit mit ihrem Wirbelwind verbringen können.

»Hallo, mein Schatz.« Sie drückte ihm einen Kuss auf seinen braunen Wuschelkopf, als er sich mit weit geöffneten Armen auf sie warf. »Uff …«, stöhnte sie gespielt und kniff die Augen zusammen. »Wann bist du so schwer geworden, Basti?«

Er ließ seine Jacke auf den Boden fallen, neben seine Sporttasche. »Ich bin nicht schwer. Oma sagt, ich bin gut gebaut«, klärte der Junge seine Mutter auf. Er sank neben sie auf die braune Decke.

»Da hat sie natürlich recht.« Lenah deutete auf die Jacke. »Und was sagt Oma, wenn sie deine Jacke auf dem Boden sieht?«

Theatralisch rutschte Bastian von der Couch und blieb reglos auf dem Boden liegen. »Ich kann nicht mehr! Der Sensei hat uns trainieren lassen, bis wir umgefallen sind.« Der Kampfsportunterricht war Lenahs Idee gewesen. Sie wollte, dass er sich verteidigen konnte. Er ging erst wenige Wochen in die Trainingshalle, doch es machte ihm Spaß.

Sie stupste ihn an und zwinkerte ihm zu. »Vielleicht darfst du nach dem Abendessen noch fernsehen.« Das verlockende Angebot zog sofort. Aus heiterem Himmel kehrten die Lebensgeister ihres Kindes zurück und er jagte mit der dunkelblauen Jacke die Treppe nach oben, wo sein Zimmer lag. Sie sah ihm mit einem Grinsen hinterher – da musste sie heute wohl mindestens eine Folge Spongebob ansehen.

Bastian kam gerade in die Küche, als sie das Abendessen zubereitete. »Wo ist Oma eigentlich?«, fragend warf sie ihm einen Blick zu.

»Sie ist bei Marlene drüben. Die stand vorm Haus, als wir heimgekommen sind.« Er sah interessiert an ihren Händen vorbei. »Sie hat was von Kuchenrezepten gesagt und zack, war Oma bei ihr.«

Fachmännisch versuchte er zu begutachten, was seine Mutter zum Essen kochte. »Was gibt es heute, Mama?«

Lenah ging in die Knie. Sie griff unter seine Achseln und hob ihn hoch. Nachdem er die Nudelplatten auf der Arbeitsfläche aus Marmor entdeckte, wusste er, was sie zubereitete. »Lasagne«, rief er begeistert. Sie ließ ihn wieder auf die Fliesen sinken.

»Genau.« Sie deutete auf den Tisch. »Holst du das Besteck raus, mein Schatz?«

***

Er zupfte den Hemdkragen zurecht und begutachtete sein Ebenbild. »Perfekt«, sagte er zu dem schlanken Mann im Spiegel, dessen kahl geschorener Kopf im Licht der Neonleuchten glänzte. Raphael warf der reflektierenden Fläche noch ein grimmiges Grinsen zu, bevor er die Toilette verließ. Selbst in der Sanitäranlage des Eventzentrums hatte der Inneneinrichter das edle Ambiente fortgesetzt. Schwarze Fliesen und silberne Wasserhähne.

Freundlich nickte er dem entgegenkommenden Menschen zu, setzte seine Fassade auf. Er schob das strahlend weiße Hemd am linken Arm hoch und sah auf sein Handgelenk. Das schwarze Lederband der Uhr aus der aktuellen Gucci-Kollektion schmiegte sich um seine Haut. Fast 21 Uhr, stellte er zufrieden fest. Noch genau sechs Minuten und der Boss der Soultaker war Geschichte. Er war wirklich erstaunt gewesen, als er erfahren hatte, dass der Verursacher seines Höllentrips eine Attentatsgilde anführte. Doch das half dem Kerl jetzt auch nicht mehr weiter.

Raphael stolzierte durch die Gänge, passte sich den Schönen und Reichen an. Das Menschsein hatte sich als nicht ganz so leicht herausgestellt, wie er erwartet hatte.

Er schenkte der Mitarbeiterin der Serviceagentur ein Lächeln, das ihre Knie in Pudding verwandelte, und griff nach einem der schlanken Sektgläser auf ihrem Tablett. »Danke.« Seine Stimme strich über ihre Haut wie eine Liebkosung.

Um den Saal, auf dessen Tischen und Stühlen sich die Reichen New Yorks vergnügten, erstreckte sich eine Empore. Raphael betrat diese und nahm einen Schluck des prickelnden Dom Pérignon. Der kühle Schaumwein hinterließ einen süßen Geschmack auf seiner Zunge. Raphael sah über die reich geschmückten Tische der Halle, auf der Suche nach nur einem Mann.

Jason Meyer. Er lächelte zufrieden, als er ihn auf seinem Platz entdeckte. Der Kerl, der in genau – er sah erneut auf die teure Uhr – zwei Minuten tot war.

»Guten Abend.« Eine charmante Stimme riss ihn aus seinen freudigen Überlegungen. Er drehte sich zu der Frau um, die ihn angesprochen hatte. Die Mittzwanzigerin trug das blonde Haar in eleganten Wellen, die über ihr meerblaues Kleid fielen. Sie hob das Glas und wies in die Richtung, aus der er eben die Treppe hinaufgekommen war.

»Sie sind mir aufgefallen.« Das brauchte sie ihm nicht extra zu sagen. Ihre neugierigen Blicke hatte er von Anfang an bemerkt. Abschätzig hatte sie ihn von oben bis unten gemustert, bis sie wohl zu dem Entschluss gekommen war, dass er reich genug aussah, um angesprochen zu werden.

Er senkte die Augenlider und sah sie an. »Ach. Bin ich das?«

Sie nickte. »Mein Name ist Jane. Und Sie sind?« Interessiert hob sie die Augenbrauen.

Bevor er antworten konnte, ertönte panisches Geschrei. Chaos brach unter ihnen aus. »Verflucht!«, schrie er und riss seinen Kopf herum. Er umklammerte das Geländer der Empore. Scheiße! Wegen dieser Schlampe hatte er den entscheidenden Moment verpasst!

Um ihn herum herrschte Panik. Hektisch liefen die reichen Menschen durcheinander, jeder darauf bedacht, seine eigene Haut zu retten. Er suchte in dem Gewirr aus Leuten nach dem einen vertrauten Gesicht, das seine Geliebte auf dem Gewissen hatte. Er erkannte Jason an den stoppeligen Haaren, die er aus der Entfernung nur erahnen konnte. Unruhig hob und senkte sich dessen Brustkorb. Nein! Er atmete noch! Was war jetzt schiefgelaufen?

Er ließ das Geländer los und ballte die Hand zur Faust. Die Auftragskillerin, die er teuer bezahlt hatte, hatte versagt.

»O mein Gott! Wie aufregend!« Die Blondine stellte sich neben ihn und sah hinab, die ängstlichen Schreie hallten bis zu ihnen hinauf. »Und wie schrecklich!«, fügte sie mit ungerührter Stimme hinzu. Die Dame gehörte wohl zu der Sorte, die lediglich am eigenen Wohl interessiert war und nur Geld für die Dritte Welt spenden würde, wenn viele Kameras auf sie gerichtet waren.

Sein Kiefer schmerzte, so fest biss er die Zähne aufeinander. Dieser Dreckskerl musste endlich sterben!

Er hob die Hand und legte sie auf die von Jane, die auf dem metallenen, mit Blumenranken geschmückten Gitter ruhte. Er strich über ihre Finger und hob die andere Hand an ihr Kinn. Überrascht sah sie ihn an. Als seine Augen sie fixierten, tief in sie hineinsahen, erstarb jeglicher Widerstand. Eine schwache Seele, stellte Raphael fest.

Seine Mundwinkel hoben sich und er blickte der schlanken Frau hinterher, als sie zur Treppe lief. Sie drängte sich unbeirrt durch die aufgewühlte Menschentraube. Niemand außer ihm achtete auf sie. In ihrem festlichen Ballkleid sah sie aus wie jede andere verzogene Göre hier, deren Job aus Reiche-Tochter-sein bestand. Deshalb fiel niemandem auf, wie sie am einsamen Büffet nach einem Tranchiermesser griff.

Vielleicht würden sie es für eine Beziehungstat halten. Eifersüchtige Frauen taten viele seltsame Dinge aus Jähzorn. Er lehnte sich gegen eine der steinernen Säulen und stöhnte plötzlich schmerzerfüllt auf. Die Wunden an seinem Rücken hatte er schon vergessen. Sofort verlagerte er das Gewicht nach vorne und das Pochen seiner Verletzung ließ nach. Doch dort, wo sein Gott ihm seine Schwingen genommen hatte, pulsierte der Schmerz weiter. Bei jeder Bewegung schmerzten die beiden Fleischwunden. Sein Vergehen war so schwerwiegend gewesen, dass sein Gott ihm die schlimmste Strafe für einen Engel auferlegt hatte: Er hatte ihm die Flügel genommen und ihn auf die Erde verbannt.

Raphael schnaubte. Zu diesen jämmerlichen, schwachen Menschen. Bald würde er seine Rebekka suchen. Alleine dafür hatte er das Risiko in Kauf genommen, verbannt zu werden, und in den verbotenen Archiven des Himmels nach dem Grund für Rebekkas Exil gesucht und ihn auch gefunden: ihr Versagen als Schutzengel für Meyers Schwester.

Solange er noch seine Fähigkeiten besaß, musste er Meyers Leben zerstören, ehe er sich selbst auf die Suche nach ihr machte.

Er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder nach unten, wo sein Blick den kunstvollen Locken der Blondine folgte. Erneut wurde die Halle von Angstschreien durchflutet.

***

Die Küchentür knallte gegen die Wand und ließ einen Brocken Putz auf die Bodenfliesen bröseln. Erschrocken ließ Lenah die gläserne Auflaufform auf die Arbeitsplatte fallen und fuhr herum.

»Mama?!« Sie hob die Hand an ihre Brust. Ihr Herz raste. »Gott, erschreck mich nicht so!«

»Sofort ins Wohnzimmer!« Katelyn rannte erstaunlich schnell für ihre fünfzig Jahre ins Wohnzimmer, vorbei an ihrer alten Küche und dem hellen Tisch aus lackiertem Holz.

»Mama?«, fragend lief Lenah ihr hinterher. »Was ist denn los?« Katelyn antwortete ihrer Tochter nicht. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Nachrichtensender ein.

Ein vertrautes Gesicht wurde eingeblendet und Lenahs Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

»O Gott …«, murmelte sie lautlos und hob die Hand zum Mund. Starr fixierte ihr Blick das Fernsehgerät.

»Der angesehene Immobilienmakler Jason Meyer wurde von einem bisher unbekannten Täter angeschossen. Zurzeit ist uns nicht bekannt, wie schwer der Multimillionär verletzt ist. Die Einschätzung der Situation wird dadurch erschwert, dass eine Frau, möglicherweise eine Geliebte, nach dem Schuss versucht hat Meyer mit einem Messer zu erstechen.«

Der Nachrichtensender blendete die Außenfassade eines Gebäudes ein. Auf der Straße standen mehrere Rettungswagen und zivile Polizeistreifen, deren Signallicht unaufhörlich blinkten. Die Bilder in Lenahs Kopf wirbelten durcheinander, ihr kam kein klarer Gedanken in den Sinn.

»Jace.« Mehr brachte sie nicht hervor. Wie hypnotisiert starrte sie auf das flackernde Bild.

»Der dreißigjährige Junggeselle kam ohne seine aktuelle Freundin Lenah Caine. Ich übergebe an meine Kollegin Courtney Ashford. Sie wird Ihnen ihre Theorie über das Beziehungsende verraten.« Als der Nachrichtensprecher an seine Kollegin, eine prominente Tratschkönigin, abgab, schaltete Katelyn den Fernseher aus.

»Geh schon«, sagte sie und drückte Lenahs Hand. »Ich bleibe bei Bastian.« Lenah warf ihr einen dankbaren Blick zu. Innerhalb von Sekunden riss sie den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und rannte zur Haustür.

***

Sie parkte den Wagen vor dem Absperrband des NYPD, das quer über die Straße gespannt war und den Bereich sicherte. Ohne das Auto abzuschließen, lief sie über die Fahrbahn. Bevor sie das grellgelbe Flatterband erreichte, wurde sie aufgehalten.

»Stopp!«, rief der Polizist. »Dieser Bereich ist abgesperrt!« Er deutete auf das Band, das im aufkommenden Wind flatterte.

»Ich … ich suche Jason Meyer!« In ihrem Kopf spielten sich die beängstigendsten Szenarien ab.

Der Polizist schüttelte den Kopf. Das Licht der Straßenlaterne betonte die tiefen Aknenarben und warf graue Schatten unter seine Augen. »Trotzdem können Sie nicht einfach einen abgesperrten Tatort betreten, Miss.«

Als er Lenahs verzweifelnden Blick bemerkte, fügte er hinzu: »Mr Meyer wurde schon abtransportiert.«

Scheiße. Zu spät. Sie schloss einen Moment die Augen und fuhr sich durch die Haare. Die braunen Spitzen strichen über ihre nackten Schultern. Sie schob den dünnen Träger ihres Tops zurecht. Sie sah den blonden Mann wieder an.

»Danke …« Sie nickte dem Polizeibeamten zu, der den Kopf neigte und wieder zu seinem Posten ging. Von dort aus hielt er den Tatort von unerwünschten Besuchern frei. Das war nicht leicht, denn die blutgierige Pressemeute, Redakteure inklusive Fotografen, wartete auf neue Informationen, die sie medienwirksam ausstrahlen konnte.

Es schüttelte Lenah. Sie war genauso wie die anderen Journalisten: hungrig auf Aussagen, Blut und Panik, um die Bedürfnisse ihrer Leser zu befriedigen. Bevor die Menge sie erkennen konnte, floh sie in ihren Wagen.

Ihre Arme zitterten und sie verschränkte sie vor der Brust. Über ihr leuchtete der Mond am dunklen Nachthimmel, verhangen von Wolken. Sie sah auf die digitale Anzeige am Armaturenbrett. Fast 22 Uhr.

Marcus. Jasons Sicherheitschef kam ihr in den Sinn. Er würde sie möglicherweise ins Krankenhaus schmuggeln können. Sie brauchte zwei Anläufe, bis ihre bebenden Finger die eingespeicherte Nummer fanden. Mit der freien Hand umklammerte Lenah das Lenkrad und wartete auf die vertraute Stimme. Sie wusste, dass Marcus sie nicht mochte, aber sie hoffte auf sein Verständnis in dieser ernsten Situation.

Doch er nahm nicht ab. Na klar, dachte Lenah. Er war sicher mit anderen Dingen beschäftigt. Sie startete den Motor und warf ihr Handy achtlos auf den Beifahrersitz. Auf ihren Armen stellten sich die feinen Härchen auf. Sie wendete den Wagen und drehte die Heizung auf, in der Hoffnung, die eisige Kälte, die sie an ihren Traum der letzten Nacht erinnerte, zu vertreiben.

Sie realisierte erst, wo sie sich befand, nachdem das Motorengeräusch erstarb. Unbewusst war sie zu Jasons Appartement gefahren und hatte den Wagen in der Tiefgarage geparkt. Aus der Umhängetasche fischte sie den einsamen Schlüssel, dann knallte sie die Autotür zu. Wenn sie schon nicht zu ihm konnte, würde sie die Nacht in seiner Wohnung verbringen, wo gestern Abend noch alles in Ordnung gewesen war. Als ihr einziges Problem ihr leidiger Chef gewesen war, der ihr nervige Aufgaben übertragen hatte.

Sie beschloss die Treppe zu nehmen. Oben angekommen schüttelte Lenah den Kopf und stemmte die Arme in die Hüfte. Nach Luft schnappend stand sie vor der Tür von Jasons Penthouse. Er nahm die unzähligen Stufen jeden Morgen und jeden Abend, ohne mit der Wimper zu zucken. Als sie den Schlüssel umdrehte, hoffte ein Teil von ihr Jace unversehrt in der Wohnung vorzufinden.