Souverän investieren vor und im Ruhestand - Gerd Kommer - E-Book

Souverän investieren vor und im Ruhestand E-Book

Gerd Kommer

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Beschreibung

Rentenlücke schließen mit ETFs Finanzangelegenheiten für den Ruhestand und im Ruhestand optimal zu planen und umzusetzen, ist für alle über 40-Jährigen und noch mehr für Schon-Ruheständler eine wirtschaftlich enorm wichtige Angelegenheit. Suchen Sie Antworten auf die Gretchenfrage, ob Ihr Geld im Alter reichen wird oder welchen Lebensstandard Sie sich leisten können? Sind Sie sich unsicher, ob Bankguthaben und Lebensversicherungen heutzutage noch sinnvolle Vermögensanlagen sind, oder wie Sie Ihr Gesamtvermögen klug und zu niedrigen Kosten langfristig in Immobilien, Aktien, Anleihen, Fonds, ETFs und Gold investieren können? Alles rund um die Finanzplanung für die zweite Lebenshälfte finden Sie hier! Außerdem erhalten Sie Denkanstöße, ob Schenkungen an Kinder oder Enkelkinder sinnvoll sein können und ob Sie die Gründung einer Familienstiftung in Betracht ziehen sollten.

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Souverän investierenvor und im Ruhestand

Mit ETFs Ihren Lebensstandard und Ihre Vermögensziele sichern

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Rentenlücke schließen mit ETFsFinanzangelegenheiten für den Ruhestand und im Ruhestand optimal zu planen und umzusetzen, ist für alle über 40-Jährigen und noch mehr für Schon-Ruheständler eine wirtschaftlich enorm wichtige Angelegenheit. Suchen Sie Antworten auf die Gretchenfrage, ob Ihr Geld im Alter reichen wird oder welchen Lebensstandard Sie sich leisten können? Sind Sie sich unsicher, ob Bankguthaben und Lebensversicherungen heutzutage noch sinnvolle Vermögensanlagen sind, oder wie Sie Ihr Gesamtvermögen klug und zu niedrigen Kosten langfristig in Immobilien, Aktien, Anleihen, Fonds, ETFs und Gold investieren können? Alles rund um die Finanzplanung für die zweite Lebenshälfte finden Sie hier! Außerdem erhalten Sie Denkanstöße, ob Schenkungen an Kinder oder Enkelkinder sinnvoll sein können und ob Sie die Gründung einer Familienstiftung in Betracht ziehen sollten.

Vita

Dr. Gerd Kommer, LL.M. leitet ein Vermögensverwaltungsunternehmen in München. Seine Mandanten sind Privatanleger, kleine bis mittlere Unternehmen und Stiftungen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre, Steuerrecht, Politikwissenschaft und Germanistik in Deutschland, in den USA und in Liechtenstein. Kommer verbrachte 17 Jahre im europäischen und außereuropäischen Ausland.

Konstruktive Anregungen zu dem Buch nimmt der Autor gerne entgegen. Seine E-Mail-Adresse lautet [email protected]

Ausgewählte Buchveröffentlichungen von Gerd Kommer:

Souverän investieren für Einsteiger. Wie Sie mit ETFs ein Vermögen bilden. Campus 2019

Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs. Wie Sie das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen. 5. Auflage, Campus 2018 (1. Auflage 2002)

Immobilienfinanzierung für Selbstnutzer. Geld sparen und Fehler vermeiden beim Kauf der eigenen vier Wände. Campus 2017

Kaufen oder mieten. Wie Sie für sich die richtige Entscheidung treffen. 2. Auflage, Campus 2016 (1. Auflage 2010)

Die Optimierung von Quellensteuern bei Aktienindexfonds aus Sicht eines Privatanlegers in Deutschland. Books on Demand 2015

Herleitung und Umsetzung eines passiven Investmentansatzes für Privatanleger in Deutschland. Langfristig anlegen auf wissenschaftlicher Basis. Campus 2012.

Die Buy and Hold-Bibel. Was Anleger für langfristigen Erfolg wissen müssen. Campus 2009

Cleveres Banking. Profi-Know-how für Klein- und mittelständische Unternehmen. Überreuter 1999

Gerd Kommer

Inhalt

Wie Ihnen dieses Buch helfen kann – eine Einleitung

1Klarheit über grundsätzliche Fragen herstellen

1.1.Die fatalen Interessenkonflikte in der Finanzbranche und den Medien

1.2.Historische Renditen der wesentlichen Anlageklassen

1.3.Aktiv versus passiv investieren – die Grundsatzfrage

1.4.Risiko beim Investieren richtig verstehen

1.5.Renditereihenfolgerisiko – ein Risiko, das vor allem Ruheständler angeht

1.6.Diversifikation – die einzige Zauberformel beim Geldanlegen

1.7.Nebenkosten der Vermögensanlage – ein zentraler Renditestellhebel

1.8.Nullzinsen und wie damit umgehen

1.9.Was man zu Bankeinlagen unbedingt wissen muss

1.10.Das Missverständnis Sachwertanlage

1.11.Negative Zinsdifferenzgeschäfte – verbreitet und teuer

1.12.Restlebenserwartung und Anlagehorizont

1.13.Verpackung und Inhalt bei Vermögensanlagen

1.14.Anlageprodukte, von denen Sie eher die Finger lassen sollten und warum

1Die wirklich relevanten Bausteine der Vermögensanlage – vor und im Ruhestand

2.1.Humankapital – ein oft übersehener Vermögenswert

2.2.Gesetzliche Rentenversicherung und Äquivalente

2.3.Betriebliche Altersvorsorge (Betriebsrente)

2.4.Bankeinlagen

2.5.Geldmarktfonds

2.6.Immobilien

2.7.ETFs (börsennotierte Indexfonds)

2.8.Aktien und Anleihen (Einzelwertpapiere)

2.9.Edelmetalle: Gold, Silber, Platin

2.10.Nicht börsennotierte Unternehmensbeteiligungen

3Die Bestandsaufnahme – wo stehe ich?

1Zwei Gretchenfragen: »Reicht mein Geld?« und »Welchen Lebensstandard kann ich mir leisten?«

4.1.Grundsätzliche Überlegungen

4.2.Rechnen ohne Berücksichtigung von Unsicherheit

4.3.Rechnen mit Berücksichtigung von Unsicherheit (Monte-Carlo-Simulation)

4.4.Wenn Plan A nicht funktioniert, dann braucht es einen Plan B

5Der Weltportfolio-Ansatz – die Hauptelemente

5.1.Was er ist und auf welchen Prinzipien er basiert

5.2.Ein simpler Weltportfolio-Vorschlag zur Umsetzung

5.3.Wechselkursrisiko – wie damit umgehen?

5.4.Rebalancing – das Portfolio auf Kurs halten

5.5.Was das Weltportfolio-Konzept nicht ist

1Umsetzungsaspekte des Weltportfolio-Ansatzes in der Praxis

6.1.Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Einstieg in den Markt?

6.2.Sparpläne

6.3.Depotentnahmen – Mythen und Missverständnisse

6.4.Ausschüttende versus thesaurierende ETFs – was ist besser?

6.5.Auszahlpläne

6.6.Sozial verantwortliche Geldanlagen

6.7.Die Kritik an ETFs – was ist dran an ihr?

6.8.Wie die richtigen ETFs finden, wo ein ETF-Depot anlegen?

7Was tun, wenn ich Euro- und Deutschland-Pessimist bin?

7.1.Populäre Eigentumsschutzmaßnahmen, die nicht funktionieren

7.2.Eigentumsschutzmaßnahmen, die funktionieren, aber aufwendig sind

8Andere Vermögensthemen vor und im Ruhestand

8.1.Auswandern dahin, wo das Leben billiger und das Wetter besser ist

8.2.Heiraten zur finanziellen Optimierung

8.3.Erbschaften und Schenkungen

8.4.Vorsorgevollmacht, Generalvollmacht, Patientenverfügung

9Steuern und Kapitalanlagen – die Basics

1Einen Berater oder Vermögensverwalter engagieren – Warum? Wann? Wen?

1Was tun im Aktien-Crash?

12Was bedeutet das alles für Sie? – ein Resümee

1Anhang

13.1.Verzeichnis aller Infoboxen

13.2.Ihr Geldwissen für den Ruhestand weiterentwickeln

13.3.Nützliche Websites im Internet

13.4.Literatur und Quellen

13.5.Glossar

13.6.Danksagung

Register

Wie Ihnen dieses Buch helfen kann – eine Einleitung

»Menschliches Verhalten wurde im Überlebenskampf in der afrikanischen Savanne geformt. Die Instinkte, die wir damals entwickelten, waren in der Natur von enormem Wert. Leider führen sie uns beim Investieren ins Verderben.«

(William Bernstein, Neurologe, Vermögensverwalter, Finanzmarktforscher)

Dieses Buch richtet sich an Haushalte in der zweiten Lebenshälfte. Etwas abstrakter formuliert, an Haushalte, die die Phase des Vermögensaufbaus während der Berufstätigkeit in einigen Jahren beenden werden oder bereits beendet haben. Man könnte auch sagen, an Haushalte, die auf die Phase der »Vermögensnutzung« zusteuern oder sich bereits in ihr befinden. Vermögensnutzung bedeutet Vermögensbewahrung oder Vermögensverbrauch mit und ohne Kapitalverzehr.

Wenn Sie sich fragen, ob dieses Buch Sie weiterbringen wird, dürfte ein Blick in das detaillierte Inhaltverzeichnis diese Frage am besten beantworten. Die Übersicht mit aussagekräftigen Kapitel- und Abschnittsüberschriften – fast schon ein wenig wie ein Lehrbuch – wird Ihnen eine gute Vorstellung über Zielrichtung und Philosophie dieses Ratgebers geben.

Generell will dieses Buch Haushalte im deutschsprachigen Raum dabei unterstützen, die finanzielle Seite ihres bevorstehenden oder schon begonnenen Ruhestands in Eigenregie so klug wie möglich zu organisieren. Klug heißt hier, Rendite, Risiko und Liquidität in das für ihre speziellen Umstände bestmögliche Verhältnis zu bringen. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Nutzung von ETFs, einer – trotz ihres kryptisch anmutenden Namens – einfachen und konkurrenzlos günstigen Investmentfondsvariante, die seit ihrer Erfindung vor 27 Jahren weltweit einen enormen Popularitätsschub unter Privatanlegern erlebt. In Deutschland nutzen allerdings erst rund zwei Prozent aller Haushalte ETFs.

Lesern, die eine Bank oder einen bankunabhängigen Berater für das Verwalten ihrer Geldanlagen nutzen, will dieses Buch helfen, die Qualität der Dienstleistung dieser Firmen einzuschätzen und – falls diese Qualität nicht stimmt – die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Wie unterscheiden sich meine drei nachfolgend genannten Souverän-investieren-Bücher?

Souverän investieren für Einsteiger. Wie Sie mit ETFs ein Vermögen bilden (2019) – Dieses Buch ist für Leser, die noch keine oder nur geringe Kenntnisse über liquide Vermögensanlagen haben. Mit liquiden Anlagen sind Aktien, Anleihen, Investmentfonds/ETFs, Gold, Rohstoffe und alle gängigen Finanzprodukte einschließlich kapitalbildender Lebensversicherungen gemeint.

Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs. Wie Sie das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen (2018) – Dieses Buch, dessen erste Auflage 2002 erschien und das detaillierteste der drei Bücher ist, richtet sich an Leser, die schon ein recht solides Vorwissen über liquide Vermögensanlagen besitzen. Es ist dasjenige der drei Souverän-investieren-Bücher mit der meisten Theorie. Es spricht tendenziell etwas mehr jene Anleger an, die in der Vermögensaufbauphase sind, aber auch Anleger in der Phase der Vermögensbewahrung und -nutzung können es mit Gewinn lesen.

Souverän investieren vor und im Ruhestand. Mit ETFs Ihren Lebensstandard und Ihre Vermögensziele sichern (2020) – Generell ist das vorliegende Buch für Haushalte in der zweiten Lebenshälfte geschrieben, die sich entweder einige Jahre vor oder schon im Ruhestand befinden. Es setzt geringfügig höhere Basisvorkenntnisse über liquide Vermögensanlagen voraus als Souverän investieren für Einsteiger.

Alle drei Bücher sind eigenständige, in sich abgeschlossene Ratgeberwerke, die für sich genommen, einzeln gelesen werden können. Weil das so ist, gibt es zwischen den drei Publikationen Überlappungen, denn viele finanzielle Sachverhalte sind sowohl für einen Einsteiger als auch für einen Fortgeschritten und sowohl für einen Anleger in der Vermögensaufbau- als auch für einen in der Vermögensnutzungsphase relevant.

Lohnt es sich, Souverän investieren vor und im Ruhestand zu lesen, wenn Sie schon eines der beiden anderen oder beide kennen? Das muss letztlich jeder Interessierte für sich selbst beurteilen. Auch hier sollte ein vergleichender Blick in die granularen Inhaltsverzeichnisse die Entscheidung erleichtern.

Es ist mein Anspruch in meinen Ratgeberbüchern, einschließlich meiner Immobilienbücher, solide etablierte, unstrittige Erkenntnisse aus der Wissenschaft pragmatisch und einfach für die Vermögensanlage von Privatanlegern nutzbar zu machen. Bedauerlicherweise beachten die Medien und die etablierte Finanzbranche die alte Dame Wissenschaft in Fragen des Geldanlegens und der Vermögensbildung leider viel zu wenig oder missachten sie regelrecht. Warum ist das so? Als Bank oder Vermögensverwalter wird man mit einer rein rationalen, wissenschaftlich orientierten Herangehensweise deutlich weniger verdienen als auf der traditionellen, spekulativen und interessenkonfliktbehafteten Route und für die Medien ist der nüchterne, wissenschaftlich orientierte Ansatz zu langweilig, also einfach nicht »sexy« genug.

Aufgrund seiner wissenschaftlichen Orientierung werden Ihnen in diesem Buch viele Verweise auf akademische Studien begegnen. Diese Verweise müssen Sie natürlich nicht selbst nachlesen; allerdings könnten Sie es, sofern Sie sich im Einzelfall besonders für einen bestimmten Sachverhalt interessieren. Die Nennung der Quellen soll das ermöglichen und zugleich Nachvollziehbarkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit fördern.

In zahlreichen Fällen verweise ich auch auf Finanzblog-Beiträge, die meine Kollegen und ich bei der Gerd Kommer Invest GmbH in den vergangenen Jahren veröffentlicht haben, und die auf unserer Website leicht auffindbar und kostenfrei zugänglich sind. Diese Blog-Beiträge präsentieren Argumente, die in diesem Buch eher knapp und oft nur in ihrer Schlussfolgerung dargestellt werden, ausführlicher, mit mehr Zahlenmaterial und mit zusätzlichen Quellen und Literaturangaben.

Das Buch enthält auch viele Querverweise zu anderen Stellen innerhalb des Buches. Theoretisch hätte man auf die meisten von diesen verzichten können. Ich habe sie dennoch eingebaut, weil ich glaube, dass sie für jene Leser hilfreich sind, die so viel wie möglich vom Inhalt des Buches einschließlich Herleitungen oder Herkunft bestimmter Argumente und Aussagen verstehen wollen. Diesen Lesern sollen die Querverweise helfen, das große Ganze zu sehen und leichter nachvollziehen zu können. Leser, die nur ein grundsätzliches Verständnis anstreben und denen es primär um die Schlussfolgerungen, aber nicht so sehr um die Herleitungen geht, mögen diese Querverweise einfach ignorieren.

Alle in diesem Buch verwendeten Fachbegriffe, die das Wissen eines Anlegers mit Investmentgrundkenntnissen übersteigen und nicht an Ort und Stelle erläutert werden, werden im Glossar am Ende des Buches erklärt. Im Glossar enthaltene Fachbegriffe sind im laufenden Text mit einem Pfeil wie diesem »→« gekennzeichnet.

Das Buch blickt fast ausschließlich in finanzieller Perspektive auf den Ruhestand. Die vielen anderen nicht finanziellen »Lifestyle-Herausforderungen« in der Vorbereitung auf den Ruhestand und im Ruhestand selbst werden nicht beleuchtet, weil es dafür in großer Zahl andere gute Bücher und Informationsquellen gibt.

Am Ende dieser Einleitung ist noch eine Offenlegung angebracht: Der Autor ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Gerd Kommer Invest GmbH, ein Vermögensverwaltungsunternehmen in München. Weder in der Vergangenheit noch zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung erhielt er wirtschaftliche Zuwendungen von einem Hersteller eines Finanzproduktes, also »Provisionen« oder ähnliche Zahlungen. »Hauseigene Produkte« verwendet die Gerd Kommer Invest GmbH nicht. Das gesamte Privatvermögen von Gerd Kommer ist nach den Grundsätzen investiert, die in diesem Buch dargestellt werden.

1Klarheit über grundsätzliche Fragen herstellen

Dieses Kapitel versucht, einige der zentralsten Grundfragen rationaler Vermögensbildung, -bewahrung und -nutzung zu beantworten. Hier geht es nicht um spezifische Finanzprodukte. Diese werden in Kapitel 2 und späteren Kapiteln ausführlich behandelt, sondern um Konzepte, fundamentale historische Fakten und das Ausräumen verbreiteter Denkfehler. Diese Kenntnisse sind die Grundlage der stärker umsetzungsbezogenen nachfolgenden Teile dieses Buches.

1.1.Die fatalen Interessenkonflikte in der Finanzbranche und den Medien

Seit über zwanzig Jahren ist es ein Gemeinplatz in der öffentlichen Diskussion, dass Interessenkonflikte in der Finanzbranche und in den Medien eine, wenn nicht sogar die Hauptursache der vielen Fälle miserabler Renditen in Privatanlegerdepots, unerwarteter Verluste und sogar von Anlagebetrug sind. Der bei Abfassung dieses Manuskripts vorläufig aktuellste große Fall in Deutschland von fachlich von vorne herein unsinnigen Privatanlegerinvestments kombiniert mit Anlegerbetrug war P&R Container (München-Grünwald), bei dem rund 50 000 Privatanleger in Summe wohl über 2 Milliarden Euro verloren haben (siehe Wikipedia, Stichwort »P&R Gruppe«). Dieses Investment wurde von Banken und Finanzberatern empfohlen, die daraus eine attraktive Vermittlungsprovision erhielten. Ohne die Provision hätte es diese Geldvernichtungsorgie nicht gegeben, ebenso wenig wie in einer schon lange nicht mehr überschaubaren Zahl ähnlicher »Abzockefälle« im In- und Ausland.

Hauseigene Produkte bei Banken und Vermögensverwaltern sind dasselbe in Grün: Wenn sie von einem Berater empfohlen oder verwendet werden, dann fließt im technischen Sinne zwar keine Provision, aber der Interessenkonflikt ist eher noch größer als bei provisionierten Fremdprodukten, da die Margen bei der hauseigenen Ware besagte Provisionen bei Fremdprodukten noch übersteigen.

Trotz einer unendlich anmutenden Zahl von Beratungsskandalen in den letzten 25 Jahren ist in Deutschland wenig passiert, um Interessenkonflikte – die Erbkrankheit der Finanzindustrie – einzudämmen. Da die Akteure Finanzbranche und Medien hier aus Eigeninteresse und die Politik aus Inkompetenz und wegen Lobbyismus nichts tun, müssen Sie sich als Privatanleger selbst schützen. Dieser Abschnitt nennt die Grundprinzipien einer solchen Abwehrstrategie.

Bevor ich damit beginne, sollten wir jedoch noch kurz klären, wie und wo diese Interessenkonflikte zustande kommen. Interessenkonflikte (im Ökonomen-Jargon: »Prinzipal-Agent-Konflikte«) entstehen dann, wenn folgende Konstellation besteht:

Ein Dienstleister (im Geldbereich ist das eine Bank, ein Finanzberater oder ein Vermögensverwalter), der »Agent«, wird für einen Privatanleger – den Auftraggeber beziehungsweise den Prinzipal – im Anlagebereich tätig.

Der Dienstleister hat gegenüber dem Privatanleger über den Sachverhalt (Investieren) einen großen fachlichen und/oder prozessualen (umsetzungsmäßigen) Informationsvorsprung, und es ist für den Privatanleger unmöglich oder jedenfalls nur sehr schwer möglich, diesen Informationsvorsprung durch eigene Recherche auszugleichen.

Die Höhe der Bezahlung des Dienstleisters variiert mit der Art der Ausführung der Dienstleistung. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Bezahlung des Dienstleisters höher oder niedriger ist in Abhängigkeit davon, welches Investment oder welche Anlagestrategie er dem Kunden empfiehlt beziehungsweise für ihn auswählt.

Alle drei Bedingungen liegen im Anlagegeschäft mit Privatkunden von Banken oder »unabhängigen« Finanzberatern und Vermögensverwaltern in den deutschsprachigen Ländern in wohl 99% aller Fälle vor, und ich rate Ihnen, einen Moment darüber nachzudenken, wie die Geschäftsbeziehung mit Ihrer Bank, Ihrem Vermögensverwalter oder Ihrem Finanzberater – so es eine solche Beziehung gibt – vor diesem Hintergrund aussieht.

Das generelle Ergebnis von Interessenkonflikten dürfte nicht überraschen: Der Anleger bekommt regelmäßig nicht die für ihn nach wissenschaftlichen Maßstäben objektiv beste Dienstleistung (das für ihn und seine speziellen Umstände und Ziele geeignetste Investment und/oder die geeignetste Strategie), sondern eine jener Strategie-Produkt-Kombinationen, an der der Dienstleister mehr verdient als an der geeignetsten.

Diese Art von systembedingter, vorsätzlicher oder grob fahrlässiger Fehlleistung dürfte im Finanzsektor jeden Tag tausendfach in Deutschland, Österreich und der Schweiz geschehen – oft verbunden mit kurz-, mittel-, oder langfristig dramatischen Kosten oder Schäden für das Vermögen des Anlegers. Das wird jedoch nur in Ausnahmefällen bemerkt.

Dass es seitens der Politik auch anders geht, haben die Länder Großbritannien und die Niederlande in den letzten Jahren gezeigt. Dort wurde die größte Hauptquelle von Interessenkonflikten in der Finanzbranche – das Zahlen von Provisionen (auch Kommissionen, Rückvergütungen oder »Kickbacks« genannt) von Finanzproduktherstellern an Banken, Vermögensverwalter und Finanzberater mit großem Erfolg fast vollständig verboten. Auch in den USA und Kanada ist der Anlegerschutz den Zuständen hierzulande weit voraus. In Deutschland liegt das zuständige Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten im Wachkoma, ab und zu kurz unterbrochen von weitgehend wirkungslosem, eher symbolischen Aktionismus, der zumeist von der EU angestoßen wurde.

Auch die Medien sind Teil dieser unheiligen Allianz. Ihre Investmentberichterstattung trieft von Interessenkonflikten. Ihre Auflage und Klickraten erhöhen sich mit Intensität und Menge an »Investmentpornografie« und die ist das Gegenteil von seriöser, nützlicher Qualitätsinformation. Das heißt natürlich nicht, dass alle Finanzartikel in den Medien und im Internet Investmentpornographie darstellen, aber die Mehrheit ist leider davon infiziert.

Infobox:»Investmentpornografie« – warum Sie besser Abstand halten

In der Investment- und Anlagewelt existiert der Begriff Investment- beziehungsweise Finanzpornografie. Er ist eine Metapher für reißerische, übertriebene, verzerrte und gefährliche Geldaussagen in den Medien, in der Werbung und im Internet. Ihr Ziel ist es nicht, seriöse Fakten und Information zu verbreiten, sondern Auflage und Klickraten zu steigern. Beispiele aus der Börsenzeitschriftenwelt sind: »Zehn Aktien mit 100% Gewinnchance in 6–12 Monaten«, »227% Gewinn an einem Tag mit brandheißen Penny Stocks« oder »Mit den richtigen Aktien 5 000 Prozent Gewinn. Titel, die Jahr für Jahr steigen«. Auch Ratgeberbuchtitel wie Ich mache Sie reich, Automatisch Millionär, Schnell reich – Die ewigen Gesetze der Börse sind Investmentpornografie. Doch nicht nur bei Kapitalmarktanlagen existiert dieses schlüpfrige Sirenengeplärre à la »reich ohne Risiko«, das alljährlich allein in den deutschsprachigen Ländern Hunderttausenden Privatanlegern zu bitteren Verlusten verhilft (Hackethal u. a. 2019); Finanzpornografie existiert auch im vorgeblich soliden Immobiliensektor. Einige Beispiele: »Mit Immobilien kann sich jeder, der eine solide Einkommens- und Vermögensstruktur hat, ein riesiges Vermögen aufbauen« (ein Immobilienbuchautor in einem Blog in 2014). Oder: »Die Immobilie – die wohl immer noch sicherste Anlageform der Welt«1 oder Buchtitel wie Das Einmaleins der Immobilien-Investition: Warum Immobilien so phänomenal lukrativ sind (2015), Mit null Euro in fünf Jahren zum Immobilien-Millionär (2016) oder »Lerne eine sichere Methode kennen, um mit Immobilien ein Vermögen aufzubauen. Sie ist zu 100% risikofrei« (Klappentext eines Buches von 2016). Lassen Sie sich nicht von windiger Finanzpornografie verführen, hinter denen sich ganz einfach Interessenkonflikte verbergen. Wenn Wertpapieranlagen und Immobilien wirklich »phänomenal lukrativ« wären, würden die Produzenten dieses Investment-Nonsens ihre Zeit gewiss nicht mit dem wirtschaftlich völlig unspektakulären Verfassen von Ratgeberbüchern und Immobilien-Blogs verplempern. Wer sich gegen Investmentpornografie immunisieren möchte, dem sei das lesenswerte Buch Die Kunst des digitalen Lebens: Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern von Rolf Dobelli empfohlen.

Wie können Sie sich als Privatanleger vor den oft fatalen Konsequenzen von Interessenkonflikten in der Finanzbranche und in den Finanzmedien schützen?

Die Person, die dem geringstmöglichen Interessenkonflikt in Bezug auf Ihre Geldanlagen unterliegt, begegnet Ihnen jeden Morgen im Badezimmerspiegel. Je mehr diese Person über Geldanlagen weiß und selber tut oder je weniger diese Person mit interessenkonfliktbehafteten Institutionen zusammenarbeitet (siehe folgender Punkt), desto vorteilhafter wird das langfristige Ergebnis für ihr Vermögen.

Befolgen Sie niemals, niemals, niemals die Anlageempfehlung einer Bank, eines Vermögensverwalters oder eines Finanzberaters, wenn diese Institution oder Person nicht ausschließlich von Ihnen selbst direkt und in Cash bezahlt wird, so wie Sie einen Steuerberater, Rechtsanwalt oder Handwerker bezahlen. Provisionen beziehungsweise Kommissionen aus Finanzprodukten, Erträge aus Transaktionen (Käufen und Verkäufen), Erfolgsbeteiligungen (»Performance Fees«) und die Empfehlung zum Kauf »hauseigener Produkte« sind alle das Gegenteil von »direkt und in Cash«. Lassen Sie sich von Ihrem Berater oder Verwalter schriftlich geben, dass sein gesamter »Umsatz« oder sein Honorar nur und direkt von Ihnen und Ihnen allein stammt. Das bedeutet leider, dass 99% der Unternehmen, die in den deutschsprachigen Ländern Finanzberatung und Vermögensverwaltung anbieten, nicht infrage kommen. Erfreulicherweise existieren Alternativen. Dazu mehr in Kapitel 10.

Stornieren Sie Ihre Abos für Finanzzeitschriften, sofern Sie welche haben. Sparen Sie dadurch Zeit und Geld, die Sie in sinnvollere Dinge stecken können. Lesen Sie Investmentartikel in Ihrer Tageszeitung mit großer Skepsis oder am besten gar nicht. Im Anhang nenne ich empfehlenswerte Bücher und Finanzblogs, die wenig oder gar nicht von Interessenkonflikten kompromittiert sind.

Fazit: Interessenkonflikte und der enorme Schaden, den sie anrichten, sind kein abstraktes Sonntagsredenthema, das nur Akademiker, Verbraucherschützer und Aufsichtsbehörden angeht. Sie sind ein eminent praxisrelevantes Problem, das die Rendite und das Risiko Ihres Vermögens unmittelbar betrifft, denn auch Sie werden direkt oder indirekt mit Banken, Vermittlern, Vermögensverwaltern und Finanzmedienvertretern zu tun haben. Obwohl seit Jahren immer häufiger über die schlimmen Folgen von Interessenkonflikten in der Finanzindustrie berichtet wird, begnügt sich die Politik in den deutschsprachigen Ländern mit kosmetischen Korrekturen. Weil das Thema verworren ist, haben bisher nur wenige Privatanleger wirklich alle notwendigen Konsequenzen gezogen, um die Schäden aus Interessenkonflikten für ihre Finanzgesundheit in Zukunft maximal zu senken. Wenn Sie sich finanziell beraten oder Ihr Geld von jemandem verwalten lassen wollen, dann gehen Sie nicht das Risiko ein, das mit scheinbar kostenloser Beratung einhergeht. Wer objektive, neutrale und risikoarme Beratung will, muss seinen Berater aus eigener Tasche bezahlen, statt versteckt aus Produkt- und Strategieprovisionen. Wer sein Finanzwissen weiterentwickeln will, der muss sich den allgegenwärtigen Interessenkonflikten in den Medien bewusst sein.

1.2.Historische Renditen der wesentlichen Anlageklassen

Häufig ist die Ursache für die Zusammenstellung eines schlechten → Portfolios bei Privatanlegern eine wirklichkeitsfremde Vorstellung von dem, was an langfristiger Rendite bei Vermögensanlagen realistisch möglich ist. Auf der Seite der Finanzbranche und der Medien treffen diese falschen Anlegervorstellungen auf strukturelle Interessenkonflikte und werden deswegen nicht korrigiert, sondern typischerweise noch verstärkt.

Damit diese ungünstige Ausgangskonstellation Ihren persönlichen Anlageerfolg in Zukunft weniger schädigt, müssen Sie die langfristigen historischen Renditen der sechs zentralen → Asset-Klassen kennen. Diese werden in Tabelle 1 als inflationsbereinigte (reale) Renditen während der vergangenen knapp 120 Jahre wiedergegeben. Man kann diese Zahlen als guten Indikator für die langfristige Zukunft betrachten. Auf die für die Zukunft erwarteten Renditen gehe ich jedoch noch genauer in Abschnitt 5.2.1 ein.

Zeitraum

Aktien global

Wohnimmobilien global

Lfr. Staats-anleihen global

Geldmarktrenditen, Bankguthaben

Gold

Rohstoffe

1900 – 2018 (119 Jahre)

5,0%

2,4%

1,9%

0,8%

0,6%

0,3%

1970 – 2018 (49 Jahre)

5,1%

3,4%

4,7%

0,7%

3,2%

0,8%

2010 – 2018 (9 Jahre)

5,9%

n. v.

3,2%

–1,3%

1,2%

–0,9%

Tabelle 1: Inflationsbereinigte Renditen von sechs Haupt-Asset-Klassen für die Zeiträume 1900–2018 (119 Jahre) und zwei kürzere Zeiträume – Renditen per annum vor Kosten und Steuern

► Quelle: Dimson, Marsh, Staunton (2018 und 2019), BIS Basel, David S. Jacks. ► Wohnimmobilien: Gesamtrenditen aus Preissteigerungen und Nettomieterträgen. Zeitraum 1900 bis 2018 für 11 Länder nur für 1900 bis 2017, Bruttomietrendite ergänzt nach Kommer/Schweizer 2018b. Zeitraum 1970 bis 2018 Originaldaten von BIS Basel (12 Länder) mit identischer Methodik wie für den längeren Gesamtzeitraum bezüglich Instandhaltungskosten, Quality-Bias und Bruttomietrendite, jedoch ohne Subtraktion von »Supercity-Bias«. ► Alle Renditen sind inflationsbereinigte → geometrische Durchschnitte vor Kosten und Steuern in US-Dollar mit Ausnahme der Immobilienrenditen. Diese sind ein bevölkerungsgewichteter Durchschnitt aus den Renditen in 11 beziehungsweise 12 Ländern in lokaler Währung und ohne Fremdfinanzierungseffekte. ► Rohstoffe repräsentieren die fünf Hauptrohstoffgruppen Energie, Edelmetalle, Basismetalle, Mineralien und Agrarrohstoffe. Siehe hierzu auch die Ausführungen zu Rohstoff-Futures in Abschnitt 1.14.

Da schon diese realen Bruttorenditen (Renditen ohne Abzug von Kosten und Steuern) niedriger sind als das, was viele glauben und sich für Ihre eigenen Anlagen erhoffen, ist es doppelt wichtig, die Belastung durch Kosten und Steuern zu minimieren. Wie man Kosten und Steuern auf möglichst niedrigem Niveau halten kann, wird in Abschnitt 1.7 und Kapitel 9 und an vielen anderen Stellen des Buches erläutert.

Infobox:Inflation und Inflationsbereinigung von Renditen

Renditen aus der Vergangenheit oder in der Zukunft sollten idealerweise immer in inflationsbereinigter (»realer«) Form angegeben werden, weil alles andere weniger klar ist und bei Vergleichen mit älteren oder jüngeren Zahlen zu Missverständnissen führen kann. Die Inflationskomponente in einer »nominalen« Renditeangabe ist insofern heiße Luft, als sie ja keinem Kaufkraftzuwachs entspricht. Ein Zahlenbeispiel für die Missverständlichkeit von nominalen Renditen: 1972 betrugen die deutschen Sparbuchzinsen (Geldmarktzinsen) im Jahresmittel 5,6% pro Jahr. Klingt toll, insbesondere wenn man das mit den Geldmarktzinsen heute, Ende November 2019, nämlich negativen 0,4% p.a. (3 Monats-Euribor) vergleicht. Doch ein so naiver Vergleich hinkt schlimmer als der Pirat mit Holzbein. 1972 betrug die deutsche Inflation beträchtliche 6,4%. Somit lagen die Zinsen 1972 real (inflationsbereinigt) bei negativen 0,8% (5,6% minus 6,4%). Das erscheint weniger lustig. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass man 1972 von den 5,6% → »nominalen« Zinsen rund ein Drittel als Steuern (also 1,9 Prozentpunkte) ans Finanzamt abgeben musste, dann stand der Sparer real nach Steuern 1972 schlechter als Ende 2019, obwohl die nominalen Sparbuchzinsen 1972 deutlich höher waren als 2019 (1972: 5,6% – 1,9% – 6,4% = –2,7%). Die nominalen Geldmarktzinsen betrugen Ende 2019 negative 0,4%, die Inflation rund 1,1% (vorläufiger Wert per Oktober 2019), die Steuerbelastung war 2019 aufgrund der negativen Nominalzinsen null. Es ergibt sich dadurch: 0,4% – 0% – 1,1% = –1,5%; ein besseres Ergebnis als 1972. Das ist ein Beispiel dafür, wie uns nominale Renditen in die Irre führen. In Abschnitt 1.8 gehe ich hierauf noch genauer ein.

Vier weitere Gesichtspunkte sind bei der Interpretation der Zahlen in Tabelle 1 von Bedeutung:

(a) Es ist unrealistisch, zu glauben, man selbst werde langfristig Renditen erzielen, die diejenigen in Tabelle 1 nennenswert überschreiten. Warum das so ist, darauf gehe ich im nachfolgenden Abschnitt ein.

(b) Wer nicht direkt in die Asset-Klassen investiert, die in Tabelle 1 gezeigt werden, muss das notwendigerweise im Wege von »verpackten« Finanzprodukten tun. Mit der in der Praxis bedeutsamen Unterscheidung zwischen »Verpackung« und »Inhalt« bei Finanzprodukten beschäftigen wir uns in Abschnitt 1.13. Hier vorab vier Beispiele für »verpackte« Finanzprodukte: Aktieninvestmentfonds (sie investieren in Aktien), kapitalbildende Lebensversicherungen (sie investieren in Anleihen oder Aktien), offene Immobilienfonds (investieren in Gewerbeimmobilien) und Zertifikate (investieren zumeist in Aktien oder Anleihen). Mit anderen Worten: Auch für verpackte Finanzprodukte gelten die oben genannten Renditeangaben. Von diesen müssen jedoch die mit den Verpackungen einhergehenden erhöhten Gebühren subtrahiert werden.

(c) Je länger ein historischer Betrachtungszeitraum ist, desto tendenziell aussagekräftiger ist er für die Zukunft. Der in Tabelle 1 gezeigte Gesamtzeitraum (119 Jahre) ist für die Zukunft relevanter als die beiden kürzeren Zeiträume. Die letzten zehn Jahre werden lediglich »zur Information« gezeigt; aus diesen Kurzfristzahlen kann man besonders wenig für die Zukunft ableiten.

(d) Anleger sollten ihr Hauptaugenmerk nicht nur auf die absoluten Renditen von Asset-Klassen richten, sondern vor allem auf die relativen Unterschiede zwischen den Asset-Klassen. Tut man das, ergibt sich diese Schlussfolgerung: Globale Aktien waren in den letzten knapp 120 Jahren 2,1-mal so rentabel wie Wohnimmobilien; rund 2,5-mal so rentabel wie langfristige Staatsanleihen; 6-mal so rentabel wie Geldmarktanlagen (also das »Sparbuch«), 8-mal so rentabel wie Gold und über 16-mal so rentabel wie Rohstoffe. So ähnlich werden die Verhältnisse auch in der langfristigen Zukunft aussehen. Dies stellt eine der zentralen Einsichten dar, die dieses Buch vermitteln möchte.

1.4.Risiko beim Investieren richtig verstehen

Risiko ist die Möglichkeit, dass Sie an einem bestimmten Zeitpunkt weniger liquide Geldmittel zur Verfügung haben, als Sie es bei Ihrer ursprünglichen Investitionsentscheidung erwarteten (planten).

Risiko hat viele Gesichter: Je nach Situation, Zeitpunkt und Anleger variiert das subjektive Empfinden von Risikoart und Risikoausmaß, das heißt es gibt nicht »das« Risiko oder »ein« Risikomaß, sondern viele. Wenn nicht vorher zwischen den Beteiligten geklärt wurde, welches spezifische Risiko sie meinen, ist es deswegen meistens ziemlich unfruchtbar, über »Risiko« zu sprechen.

In diesem Abschnitt beschreibe ich zwölf zentrale Aspekte von Risiko beim Geldanlegen, die man kennen sollte. Zwei weitere, die für Bald- und Schon-Ruheständler eine besonders große Bedeutung haben, behandele ich gesondert in den nachfolgenden Abschnitten 1.5 und 1.6.

Gute Risiken versus schlechte Risiken. Die Aufteilung von Risiken in gute und schlechte repräsentiert die in der Praxis weitreichendste Erkenntnis der Kapitalmarktforschung der vergangenen fünf Jahrzehnte. Gute Risiken sind solche, für die der Kapitalmarkt aus Ex-ante-Sicht (im Voraus) eine Kompensation verspricht, sprich Rendite zahlt. (Da konkrete Investmententscheidungen stets vorwärtsgerichtet sind, zählt eigentlich nur die Ex-ante-Perspektive.) Schlechte Risiken sind solche, deren Tragen der Kapitalmarkt aus einer Ex-ante-Perspektive nicht belohnen wird. Die Aufgabe eines klugen Anlegers ist es, bewusst gute, also voraussichtlich bezahlte Risiken in sein → Portfolio zu holen und dafür zu sorgen, dass schlechte, voraussichtlich nicht bezahlte Risiken draußen bleiben.

Rendite erhält der Anleger nicht trotz, sondern wegen und durch sein Akzeptieren und »Nehmen« von gutem Risiko. Die Aufgabe des Anlegers ist es somit nicht zu versuchen, Risiko grundsätzlich zu vermeiden, sondern sich gezielt gute Risiken, die der Anleger vollständig verstanden hat, ins Portfolio zu holen.

Beispiele für schlechte Risiken, die in die Zukunft gerichtet voraussichtlich nicht kompensiert (vergütet) werden, sind die folgenden. (Mit den hier genannten sieben »Wetten« sind konzentrierte, also nicht systematisch, breit diversifizierte Investments gemeint.)

Wetten (spekulieren) auf einzelne Aktien oder Unternehmensanleihen;

Wetten auf einzelne Banken (das geschieht im Falle von Bankguthaben oberhalb der staatlichen Einlagensicherung);

Wetten auf einzelne Länder (auch nicht auf sein Heimatland);

Wetten auf einzelne Branchen;

Wetten auf einzelne Fondsmanager;

Wetten auf einzelne Zeitabschnitte (Market-Timing im Sinne von »Rein-Raus«);

Wetten auf die Geldpolitik von Zentralbanken;

»Verpackungsrisiken« (siehe Abschnitt 1.13).

Zugespitzt kann man das so formulieren: Schlechte Risiken sind Schmerz ohne Schmerzensgeld, gute Risiken sind Schmerz mit Schmerzensgeld.

Das Risiko eines Investments in eine ganze → Asset-Klasse ist nahezu ausnahmslos gutes Risiko. Definitionsgemäß kann man es durch Diversifikation (Streuung) innerhalb der Asset-Klasse nicht weiter reduzieren. Optimale Diversifikation ist sogar ein essenzieller Teil der Definition des Konzepts »Asset-Klasse« (auf Diversifikation gehe ich im folgenden Abschnitt gesondert ein).

Ferner kann man davon ausgehen, dass der Kapitalmarkt das Risiko einer Asset-Klasse im Moment der Investmententscheidung »richtig« bepreist. Richtig bepreist ist gleichbedeutend mit »die beste Schätzung der angemessenen Bewertung« der Asset-Klasse. Jede andere Schätzung ist mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit korrekt. Mit → ETFs5 kann man ganze Asset-Klassen sehr preisgünstig in sein Portfolio holen. Anlegen in Einzelwerten – also Wetten oder Spekulation auf einzelne Aktien oder Unternehmensanleihen – ist schlechtes Risiko. Aus wissenschaftlicher Perspektive gilt: Einzelwertanlagen haben in der Vorausschau (und nur diese zählt) die gleiche Ertragserwartung wie die entsprechende Asset-Klasse, bei gleichzeitig viel höherem Risiko. Diese Einsicht ist einer der am besten etablierten Lehrsätze der modernen Finanzökonomie (in Abschnitt 2.7 und in Kommer/Weis 2018a gehe ich hierauf genauer ein). Daraus folgt: Für einen wirklich rationalen Privatanleger, ob jung oder alt, sind Investments in einzelne Aktien oder einzelne Unternehmensanleihen (durch ihn selbst oder durch seinen Vermögensverwalter) eine grundsätzlich schlechte Idee.

Infobox:Das Konzept der »erwarteten« Rendite

In der wissenschaftlichen Finanzökonomie spielt das Konzept der erwarteten Rendite (englisch expected return) eine große Rolle. Wenig überraschend bezieht sich die erwartete Rendite immer auf die Zukunft. In diesem Buch benutze ich das Konzept der erwarteten Rendite sehr häufig. Es ist hier so zu verstehen wie in der Wissenschaft. Was bedeutet es genau?

Zunächst einmal hat »erwartet« hier nichts mit »erhofft«, »erwünscht«, »angestrebt« oder »möglich« zu tun. Eine korrektere Umschreibung wäre eher »langfristig durchschnittlich«.

Grundsätzlich sind erwartete Renditen nur Schätzungen. Gleichgültig, auf welcher Basis berechnet, sind sie nur als Mittelwert (Durchschnitt) aus einer breit streuenden Wahrscheinlichkeitsverteilung für einen gegebenen Zeitraum in der Zukunft (zum Beispiel ein Jahr, zehn Jahre, 20 Jahre, et cetera) zu betrachten. Die tatsächlich realisierte Rendite in jeder Einzelperiode (zum Beispiel Monat oder Jahr) wie auch über den relevanten Gesamtzeitraum wird am Ende des Zeitraums entweder höher oder niedriger sein. Und natürlich kann ein Markteinbruch oder Crash die tatsächlich realisierten Renditen relativ zu diesen früheren Erwartungswerten vorübergehend stark nach unten drücken.

Je länger der Betrachtungszeitraum, desto wahrscheinlicher ist es, dass die realisierte Rendite nahe beim ursprünglichen Schätzwert für die erwartete Rendite liegt. Dennoch bleibt die Erkenntnis: Niemand weiß sicher, wie sich Asset-Klassen-Renditen kurz- oder mittelfristig entwickeln werden.6 Bei einzelnen Wertpapieren oder Einzelimmobilien ist dieses Wissen noch geringer und unzuverlässiger als bei → Asset-Klassen, die ja definitionsgemäß breit diversifiziert (gestreut) sind.

Das jeweils aktuelle Bewertungsniveau am Ausgangszeitpunkt spielt für die Berechnung erwarteter Renditen eine wichtige Rolle. Ist das Bewertungsniveau beispielsweise zwölf Monate später deutlich niedriger, dann steigen die erwarteten Renditen; ist es höher, dann fallen sie.

Risiko und Rendite sind untrennbar miteinander verbunden. Rendite ist die Belohnung für das Tragen oder das »Nehmen« von gutem Risiko. Manche Anleger glauben, künftige Rendite sei das Ergebnis von erwartetem Wachstum, erwarteten Gewinnen oder erwarteten zukünftigen → Cash-Flows. Falsch. Erwartete Rendite ist die Belohnung für das Eingehen von Risiko. Ein Investment A mit hohen erwarteten zukünftigen Gewinnen hat allein deswegen keine höhere Rendite als ein Investment B mit niedrigen erwarteten Gewinnen. Investment A mag einen höheren Preis haben als Investment B, aber der Preis allein ist unerheblich für die Rendite eines Investments. Entscheidend dagegen ist, wie hoch die erwartete Unsicherheit der Cash-Flows in den beiden Fällen ist. Das Investment mit der höheren erwarteten Unsicherheit liefert – auf der Basis der heute vorhandenen Informationen – die höhere erwartete Rendite. Sofern sich später herausstellt, dass sich das Risiko nicht »materialisiert« hat oder es ursprünglich überschätzt wurde, wird es einen »Sondergewinn« geben (einmaliger Preisanstieg des Assets), also eine Erhöhung der tatsächlichen Rendite gegenüber der am »Tag 1« ursprünglich erwarteten Rendite; andernfalls einen »Sonderverlust« (Preisabfall des Assets), das heißt eine Senkung der Rendite von »Tag 1« an gerechnet. Ohne Risiko kann es keine Rendite geben. Rendite ist Schmerzensgeld. Deswegen sind Versprechen einer hohen Rendite mit geringem Risiko stets in hohem Maße verdächtig. Wenn es zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es das wahrscheinlich auch.

Buchverluste versus realisierte Verluste. Diese Unterscheidung mag manchem Leser trivial erscheinen, anderen dagegen als eine ganz essenzielle Einsicht: Für einen disziplinierten global diversifizierten Buy-and-Hold-Anleger sind vermutlich der allergrößte Teil der Verluste, die er in seinem Anlegerleben ertragen muss, und der allergrößte Teil der Zeit, in der solche Verluste auftreten, nur vorübergehende Buchverluste. Buchverluste sind – anders als realisierte Verluste – »nur« Verluste auf dem Papier und eben nicht endgültig. → Volatilität, die bekannteste Risikokennzahl überhaupt, misst, solange man die entsprechende Anlage nicht verkauft, lediglich Buchverluste und Buchgewinne. Warren Buffett hat in seinem großen Unternehmensportfolio immer irgendwo Buchverluste; jeder Unternehmer, ob Apple Inc. oder Schulzes Zeitungskiosk um die Ecke, hat sie zumindest zeitweilig und die meisten deutschen Eigentümer einer Wohnimmobilie, die zwischen 1981 und 2009 gekauft wurde, haben sie, bezogen auf ihr eingebrachtes Eigenkapital – rechnet man die Inflation heraus und zieht alle Kosten korrekt ab – noch heute oder hatten sie jedenfalls viele Jahre lang. Für Unternehmer ist dieses temporäre Auf und Ab, zumindest für einen Teil ihrer Investmentprojekte, »die normalste Sache auf der Welt« und ein selbstverständlicher Teil der Risikonehmerfunktion des Unternehmertums, ohne die es für sie keinen Gewinn geben kann. Die Chance aus Buchverlusten wieder herauszuwachsen, ist weitaus höher für global und über mehrere Asset-Klassen hinweg diversifizierte Buy-and-Hold-Anleger als für aktive »konzentrierte« Anleger. Eine globale Asset-Klasse kann nicht Konkurs gehen, ein einzelnes Unternehmen oder ein einzelnes Land durchaus, wie auch eine einzelne Immobilie 100% des in ihr steckenden Eigenkapitals verlieren kann.

Abbildung 1: Die inflationsbereinigten jährlichen Renditen (obere Grafik) und der parallele Vermögenszuwachs (untere Grafik) eines 70/30-Aktien-Anleihen-Investments auf Buy-and-Hold-Basis in den letzten 30 Jahren – wer nie verkaufte, erlitt zwischendurch nur Buchverluste

► Daten: MSCI, Bundesbank. ► Ohne Kosten und Steuern. ► 70% globale Aktien, 30% mittelfristige deutsche Staatsanleihen. ► Die reale Rendite der gezeigten 70/30-Asset-Allokation im gezeigten 30-Jahreszeitraum betrug 5,3% p.a. ► Für das Kalenderjahr 2019 liegen lediglich die Renditen bis Ende Oktober zugrunde (Redaktionsschluss für diese Grafiken). ► Aktien: MSCI World Standard Index in Euro, Anleihen: RexP-Index in Euro.

Risiko ist subjektiv, nicht objektiv. Auf der einen Seite existiert das Messergebnis für eine bestimmte Risikokennzahl, und auf der anderen Seite steht die subjektive Wahrnehmung dieses Risikos und der Kennzahlausprägung. Der globale Aktienmarkt besitzt eine relativ leicht und genau zu bestimmende historische oder eine für die Zukunft geschätzte → Volatilität oder andere Risikoausprägungen. Wie diese objektive Risikorealität von einem bestimmten Anleger wahrgenommen und gefühlt wird, ist von den nackten Daten jedoch fast völlig unabhängig.

Unsere Risikotoleranz ist nicht uniform, sondern variiert über verschiedene Lebensdomänen und Lebensphasen hinweg. Menschen haben unterschiedliche Risikotoleranzen auf unterschiedlichen Gebieten ihres Lebens, darunter die Felder soziale Beziehungen, Beruf, Sport, Ernährung und eben Geldanlage. Finanzrisiko ist nur eine von vielen dieser Domänen. Ein Beispiel: Der Freestyle-Skifahrer Franz stürzt sich gerne nahezu vertikale Tiefschneehänge in den Hochalpen hinunter, während der gleichaltrige Otto aus Angst (Risikoscheu) solche Hänge allenfalls unter physischem Zwang und auf dem Bauch robbend hinunterrutschen würde. Gleichzeitig oder trotzdem investiert Franz aus Risikoscheu nur in Bankguthaben mit niedriger Volatilität, während Otto mit risikoreichen Kryptowährungen spekuliert. Auch in der zeitlichen Dimension variiert und ändert sich unsere Risikotoleranz. Bei den meisten Menschen nimmt die Risikotoleranz mit zunehmendem Alter ab. Für das Kollektiv aller Anleger, also den gesamten Markt – ob in Aktien, Anleihen oder Immobilien – steigen und sinken »Risikoaversionsgrade« im Zeitablauf. Neudeutsch nennt man das »time-varying risk premia« (»im Zeitablauf verändernde Risikoprämien«).

Sichtbares versus unsichtbares Risiko. Das Risiko börsennotierter Investments (Aktien, Anleihen, Gold und Rohstoffe) im Sinne von Renditeschwankungen (Wertschwankungen, → Volatilität) ist für jedermann laufend beobachtbar, es liegt offen zutage, und man kann es deswegen »sichtbares« Risiko nennen. Die Wert- beziehungsweise Renditeschwankungen solcher Investments werden minütlich gemessen, und diese Schwankungen kann jeder im Internet, in den Medien oder in seinem eigenen Depot für beinahe jede beliebige Periode, ob ein Tag oder 30 Jahre, bequem beobachten, nachprüfen, nachrechnen und dokumentieren. Ich nenne »sichtbares« Risiko daher auch »ehrliches« Risiko. Über seine Existenz und sein Ausmaß bestehen keine Zweifel und kaum je Uneinigkeit. Diesem sichtbaren, »ehrlichen« Risiko steht das »unsichtbare« und in gewisser Weise »unehrliche« Risiko anderer → Asset-Klassen und besonders vieler Anlageprodukte gegenüber, die nicht börsennotiert sind. Zu ihnen gehören Bankguthaben, Direktanlagen in Immobilien, offene und geschlossene Immobilienfonds, kapitalbildende Lebensversicherungen, private und staatliche Rentenversicherungen, Bausparverträge, Private-Equity-Investments, P2P-Kredite und natürlich auch nicht-börsennotierte Unternehmensbeteiligungen. Das Risiko eines Investments wird letztlich davon bestimmt, welche Asset-Klasse sein »Kern« ist, nicht davon, ob das Risiko sichtbar oder unsichtbar ist. Eine nicht börsennotierte Unternehmensbeteiligung und eine börsennotierte Unternehmensbeteiligung sind unter sonst gleichen Umständen naturgemäß gleich risikoreich. Trotzdem erscheint das Risiko der nicht börsennotierten Beteiligung bei naiver Betrachtung oder naivem Nachdenken geringer, weil die wenigen verfügbaren Preisdaten kaum schwanken. Der tatsächliche Wert und/oder die tatsächliche Rendite dieser Investments schwankt aber grundsätzlich genauso stark und genauso stark täglich, wöchentlich oder monatlich, wie das beim börsennotierten Investment der Fall ist, doch kann man diese Wertschwankung nicht laufend und offen beobachten, weil diese Investments eben nicht börsennotiert sind (Chandra u. a. 2019a und 2019b zeigen das für Immobilien und → Private Equity). Immobiliendirektinvestments (besonders dann, wenn teilweise kreditfinanziert) sind in diesem Sinne »risikounehrliche« Finanzprodukte. »Risikounehrlich« ist hier natürlich nicht im moralischen Sinne zu verstehen. Immobiliendirektanlagen sind genauso risikoreich wie oder risikoreicher als eine global diversifizierte Aktienanlage (Kommer/Schweizer 2018a). Auch für Bankguthaben außerhalb der gesetzlichen Einlagensicherung gilt der »Vorwurf der Risikounehrlichkeit«. Warum, wird für Bankguthaben im folgenden Absatz und in Abschnitt 1.9 erläutert. Aus dem »Nicht-sehen-Können« abzuleiten, dass die genannten »risikounehrlichen« Asset-Klassen und Produkte grundsätzlich weniger risikoreich seien als börsennotierte Aktien, Anleihen, Gold und Rohstoffe, ist jedenfalls ein grober Denkfehler, der den Anleger viel Geld kosten kann und vermutlich viele Anleger in den letzten 100 Jahren viel Geld gekostet hat. Diesem Denkfehler – nicht sichtbare Wertschwankungen mit nicht vorhandenen Wertschwankungen zu verwechseln – sitzen meiner Schätzung nach 95% aller Privatanleger auf. Ich halte das für eine veritable Tragödie, an der – wen überrascht’s – die etablierte Finanzbranche und die Medien Hauptschuld tragen, denn durch entsprechende Risikokommunikation könnte man diesen Denkfehler bei Privatanlegern zum größten Teil beseitigen.

Volatilitätsrisiko versus Shortfall-Risiko. Ein anderes großes Risikomissverständnis bei Privatanlegern basiert darauf, dass sie sich des kaum überschätzbaren Unterschieds zwischen diesen beiden entgegengesetzten Risikotypen nicht angemessen bewusst sind. Lassen Sie mich das am Beispiel eines Bankguthabens (zum Beispiel ein Tagesgeld innerhalb der staatlichen Einlagensicherung) und eines global diversifizierten Aktien-Portfolios (zum Beispiel in Form eines ETFs) erläutern. Der Wert von Bankguthaben schwankt nicht von Tag zu Tag – die → Volatilität seiner Rendite ist null. Wenn Sie heute um 17 Uhr Ihren Tagesgeldkontoauszug betrachten, können Sie mit 99,99% Treffsicherheit prognostizieren, was morgen um 17 Uhr auf Ihrem Kontoauszug stehen wird. In diesem einseitigen Sinne ist das Bankguthaben tatsächlich das vermutlich risikoärmste Anlageprodukt überhaupt. Im Vergleich zu dem Bankguthaben mit null Volatilität schwankt der Wert des Aktien-ETFs (nehmen wir beispielhaft einen ETF auf den MSCI-World-Index) von Tag zu Tag geradezu dramatisch. Selbst in relativ normalen Börsenphasen kann die negative Tagesrendite –6% betragen, die positive +4%. Über einen Monat hinweg kann es um bis zu –11% nach unten oder +11% nach oben gehen. In sehr turbulenten, wenngleich eher seltenen Marktphasen, wie zum Beispiel dem Jahr 1987, werden auch diese Werte noch übertroffen. In diesem Sinne ist selbst ein breit diversifiziertes Aktieninvestment enorm risikoreich. Die Kurse oder Renditen einzelner Aktien würden noch stärker schwanken. Die hohe Volatilität von Aktien ist der Hauptgrund, warum die Deutschen sich zu 90% von der rentabelsten aller Asset-Klassen fernhalten. Vollkommen anders sieht allerdings der Risikovergleich aus, wenn man dafür nicht Volatilität verwendet, sondern → Shortfall-Risk. Das definieren wir hier als »das Risiko über einen 20-Jahreszeitraum eine durchschnittliche reale Rendite von 2,0% p.a. zu unterschreiten«. Man könnte auch andere Minimumrenditen verwenden, zum Beispiel eine reale Rendite von null. Ich verwende für die nachfolgende Quantifizierung des Shortfall-Risikos US-Marktdaten von Januar 1926 bis September 2019 (knapp 94 Jahre), da die notwendigen Monatsrenditen für einen so weit zurückreichenden Zeitraum für Deutschland nicht verfügbar sind. Gemessen an dieser – ich glaube – überaus praxisrelevanten Risikodefinition, bestand für US-Aktien lediglich eine 5%-Wahrscheinlichkeit, eine reale Mindestrendite von 2,0% p.a. über einen beliebigen 20-Jahreszeitraum in diesen neuneinhalb Dekaden zu unterschreiten, für Bankguthaben dagegen eine 89%-Wahrscheinlichkeit. Nach diesen Kriterien waren Bankguthaben weit, weit risikoreicher als Aktien.7 So sieht das auch der US-Finanzprofessor Jeremy Siegel in seinem Investmentbuch-Klassiker Stocks for the Long Run (Siegel 2014). Mit sogenannten »sicheren« Anlageformen wird man nämlich nach Kosten, Steuern und Inflation langfristig vermutlich einen nur minimalen Kaufkraftzuwachs erreichen und wahrscheinlich über lange Teilzeiträume hinweg Kaufkraft verlieren. Noch einmal anders formuliert: Das Shortfall-Risk übersteigt auf lange Zeitspannen betrachtet bei »sehr sicheren« zinstragenden Anlagen gerade wegen ihrer niedrigen Volatilität das von Aktien. Das Verstehen dieses Sachverhalts ist für Privathaushalte, die noch vergleichsweise jung sind und noch ein hohes Humankapital haben, von eminenter praktischer Bedeutung, aber es hilft auch älteren Haushalten.

Schlechte bekannte Verhältnisse sind kein Risiko. Negative Umstände, die bekannt und gewiss sind, werden ganz einfach beim »Pricing«, das der Markt für ein börsennotiertes Investment vornimmt, berücksichtigt (eingepreist). Ein Investment in ein Unternehmen, eine Immobilie oder eine ganze Asset-Klasse, das oder die in der Vergangenheit große Verluste auswies und nun schlechte (bekannte) finanzielle Ist-Verhältnisse hat, ist allein deswegen nicht risikoreich oder ein schlechtes Investment, denn diese unerfreulichen Verhältnisse liegen ja alle offen. Es ist eben nicht klar, dass dieses Unternehmen/diese Asset-Klasse in Zukunft schlechte Anlegerrenditen abwerfen wird. Vielmehr besteht das Risiko eines solchen »schlechten« Investments lediglich darin, dass sich diese Verhältnisse unerwartet weiter verschlechtern. Ein besseres Wort für Risiko wäre daher eigentlich »Verschlechterungsgefahr«. Diese besteht bei einem Unternehmen oder einer Asset-Klasse mit guten oder sehr guten Finanzkennzahlen und/oder Zukunftsaussichten grundsätzlich ebenso und könnte sogar höher sein als beim »schlechten« Investment. Bekannte schlechte Verhältnisse sind im Aktienkurs eines Unternehmens und einer Asset-Klasse längst eingepreist. Fazit: Schlechte Umstände, die bekannt sind, sind kein Risiko, denn der Markt preist sie ein – und er tut dies sehr viel schneller, als Sie darauf reagieren können.

Aktienrisiko ist in den letzten Jahren nicht gestiegen. Dass das Aktienrisiko »seit Jahren« zunehme oder »in den letzten Jahren« zugenommen habe, ist immer wieder in den Medien zu lesen oder wird oft von Finanzberatern und Bankern behauptet, die ihre sogenannten »sicheren« Produkte verkaufen wollen. Außerdem neigen wir alle dazu, uns einzureden, unser eigenes Zeitalter sei besonders »schwierig« und »besonders risikoreich«. Dieser Glaube ist in Bezug auf Risiken von Finanzinvestments ganz einfach falsch (Schröder 2018). Das Wertschwankungsrisiko (die Volatilität) von Aktien, Anleihen und Immobilien ist seit Mitte 2009 kontinuierlich gefallen. Auch in den letzten 25 Jahren war es im Durchschnitt nicht höher als in den 25 Jahren davor (das kann man in Abbildung 1 sogar mit bloßem Auge erkennen). Ebenfalls falsch ist es, sich selbst oder anderen zu suggerieren, dass »Lebensrisiken« schlechthin in den letzten Jahren oder Jahrzehnten für Bürger in den Industrieländern zugenommen hätten. Das Gegenteil ist der Fall (Pinker 2018, Rosling 2018).

Langlebigkeitsrisiko – kurioser Begriff, nützliches Konzept.