Soziale Arbeit als angewandte Ethik -  - E-Book

Soziale Arbeit als angewandte Ethik E-Book

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Beschreibung

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind in vielen verschiedenen Arbeitsfeldern tätig und üben dabei eine Vielzahl berufsspezifischer Funktionen aus: Beratung, Schutz und Kontrolle, Betreuung, gutachterliche Stellungnahme. Gerade bei der Bewältigung komplexer, oft widersprüchlicher Problemlagen ist ethische Kompetenz, neben der fachlich-methodischen Qualifikation, grundlegend für professionelles Handeln. Das Buch leitet dazu an, soziale Probleme als ethische Fragen wahrzunehmen und zu analysieren sowie Ansätze zur ethischen Entscheidungsfindung zu entwickeln. Dabei zielt es auf die Ausbildung eines sozialarbeiterischen Ethos als professionellem Habitus. In allen Beiträgen des Bandes werden konkrete Haltungen (z.B. Achtsamkeit, Verantwortung, Gerechtigkeit) sowie aktuelle ethische Perspektiven (z.B. Nachhaltigkeit, Resilienz, Solidarität) herausgestellt, die für die Soziale Arbeit relevant sind.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Verena Begemann/Friedrich Heckmann/ Dieter Weber (Hrsg.)

Soziale Arbeit als angewandte Ethik

Positionen und Perspektiven für die Praxis

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-030762-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-030763-6

epub: ISBN 978-3-17-030764-3

mobi: ISBN 978-3-17-030765-0

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

 

Inhalt

 

 

Einleitung

1 Ethik, was ist das eigentlich?

Friedrich Heckmann

1.1 Orientierungsnotwendigkeit Sozialer Arbeit

1.2 Was ist Ethik eigentlich? Oder: Wissen Sie, was Ethik ist?

1.3 Ethik ist Theorie vom menschlichen Handeln

1.4 Keine eindeutige Bestimmung des Begriffs »gut«

1.5 Eine weitere Antwort auf die Frage nach dem, was Ethik ist – oder: kleiner Ausblick auf die Ethik als philosophische Disziplin

1.6 Exkurs – zu den wichtigsten Begriffen der Ethik

1.7 Ethik ist vernünftig: Ethische Urteilsbildung realisiert sich durch vernünftige Überlegungen

1.8 Ist unser Intellekt, unsere Vernunft allein wichtig, um uns ethisch zu orientieren und zu entscheiden?

1.9 Aus Moral wird Ethos! Und Ethos bildet ein Mensch vernünftigerweise ein Leben lang aus

1.10 Soziale Arbeit braucht Ethik!

Literatur

2 Verstehen der Lebensweise – zur Ethik als Haltung in sozialen Professionen

Eric Mührel

2.1 Haltung

2.2 Verstehen der Lebensweise

2.3 Achtung des Anderen

2.4 Fazit

Literatur

3 Ethische Prinzipien in der Sozialen Arbeit – die Berliner Erklärung des DBSH e.€V.

Winfried Leisgang

3.1 Ausgangslage

3.2 Warum es eine Berufsethik braucht

3.3 Die Menschenrechte als ethischer Orientierungsrahmen

3.4 Berufsethisches Handeln – Rahmenbedingungen und konkrete Schritte

3.5 Zusammenfassung

Literatur

4 Gelingendes Leben unter Berücksichtigung sozialräumlichen Handelns

Michael Leupold

4.1 Einleitung

4.2 Gelingendes Leben – eine ethische Grundlage in der Sozialen Arbeit

4.3 Wohlbefinden – ein grundlegender Teilaspekt eines gelingenden Lebens sowie dessen Bedeutung für sozialprofessionelles Handeln

4.4 Sozialräumliches Handeln in der Klinischen Sozialarbeit im Sinne einer Befähigung zur Verbesserung von Wohlbefinden

4.5 Resümee

Literatur

5 Ein Sinn für Ungerechtigkeit hält die soziale Gerechtigkeit lebendig

Verena Begemann

5.1 Einleitung

5.2 Ungerechtigkeit zeigt sich in Selbstausbeutung und Ausbeutung von anderen

5.3 Einen Habitus der Gerechtigkeit entwickeln

5.4 Soziale Gerechtigkeit zeigt sich in Wahrnehmung von Bedürfnissen und Teilhabe an gesellschaftlichen Grundgütern

5.5 Zum glücklichen Leben gehört der Zugang zu Fähigkeiten

5.6 Die Bedeutung des professionellen Blicks in der Ausbildung eines Habitus

5.7 Fazit

Literatur

6 Quality of Life – reloaded

Norbert Rückert

6.1 Das Konzept Lebensqualität

6.2 Lebensqualität aus sozialwissenschaftlicher Sicht

6.3 Lebensqualität aus psychologischer Sicht

6.4 Lebensqualität aus philosophischer Sicht

Literatur

7 Zur Freiheit bestimmt: Selbst- oder Fremdbestimmung? Eine Gratwanderung

Dieter Weber

7.1 Zum Begriff der Willensfreiheit

7.2 Anerkennung als Grund der Selbstbestimmung

7.3 Die prekäre Freiheit oder der Zwang, sich selbst zu bestimmen in der Spätmoderne

7.4 Die Suche nach Orten der Anerkennung: Social Network Sites (SNS) und Smartphone

7.5 Der verborgene Zwang, man selbst sein zu müssen

7.6 Fazit: Freiheit des Willens – ein Dialog

Literatur

8 Allen bin ich alles geworden – Selbstoptimierung, Selbstsorge und Selbstverständnis des Apostels Paulus

Karin Lehmeier

8.1 Nacherzählung

8.2 Gelingendes Leben und die Frage nach dem Selbst

8.3 Paulus – Fragen von heute, Texte von gestern

8.4 »Allen bin ich alles geworden« – der Text im literarischen Kontext

8.5 Selbstsorge und Selbstbehauptung – der geistesgeschichtliche Horizont

8.6 Conclusio – gelingendes Leben in Ambivalenzen

8.7 Glaube und gelingender Beruf

8.8 Epilog

Literatur

9 Achtung als Grundhaltung im pädagogischen Alltag verankern

Ulrike Mattke

9.1 Diskriminierung und Missachtung

9.2 Achtung in der Theorie

9.3 Achtung in der Praxis

9.4 Fazit

Literatur

10 Die Menschen, für die wir sorgen

Manfred Hillmann

10.1 Einführung

10.2 Fürsorge und Gleichwertigkeit

10.3 Handlungs- und verstehensorientierte Fürsorge

10.4 Die Grundlage ist das Menschenbild

10.5 Sieben anthropologische Fundstücke

10.6 Üben

10.7 Schlusswort

Literatur

11 Utopien als Leitbilder Sozialen Handelns

Michael Brömse

11.1 Utopien sind nicht Teil der erfahrbaren Wirklichkeit. Sie haben keinen realen Ort

11.2 Utopien haben durchaus die erfahrbare Wirklichkeit zum Hintergrund. Ihre jeweilige Eigenart erklärt sich aus diesem Hintergrund

11.3 Die gedankliche Wahrnehmung von Utopien durch die hier lebenden Menschen ist – entsprechend ihrem jenseitigen Charakter – ein vermittelter, oft auch gebrochener Vorgang

11.4 Utopien als soziale Navigationsmittel sind wie der gestirnte Himmel: Sie dienen der Orientierung, sind aber unerreichbar

11.5 Utopien sind notwendig. Ihre Bedeutung wächst in dem Maße, in dem die realen gesellschaftlichen Verhältnisse sich zuspitzen und die Möglichkeit einer politischen Veränderung an den bestehenden Machtverhältnissen scheitert

Literatur

Die Autoren

 

Einleitung

 

 

 

Unser Buch ist aus der akademischen Lehre heraus entstanden und richtet sich in besonderer Weise an Studenten, Studentinnen und Lehrende der Sozialen Arbeit, die damit als Disziplin und Profession den Schwerpunkt auf die Bearbeitung sozialer Probleme und ethischer Spannungsfelder legt. Zugleich werden Ethik, Anthropologie und Berufsethik im Äquivalenzbereich des Curriculums auch von Religionspädagogen und Heilpädagoginnen belegt. Die Fakultät für Diakonie, Gesundheit und Soziales der Hochschule Hannover, bis 2007 in Trägerschaft der Ev.-luth. Landeskirche Hannover (EFH), besitzt aufgrund ihrer Tradition besondere Ethikkompetenz, die in der Hochschule fakultätsübergreifend, in der Landeshauptstadt, von der Ev. Landeskirche Hannover und der Region angefragt wird.

Darüber bietet das Buch ethische Orientierung für alle, die in verwandten Disziplinen studieren, in helfenden Berufen praktisch arbeiten oder sich einen Einblick darüber verschaffen wollen, was Ethik für ihr Fach und ihren Beruf bedeutet. Welche Hilfestellung können ethische Fragestellungen geben, aber auch welche ethischen Forderungen an die eigene Disziplin haben es verdient, dass ihnen nachgedacht werden sollte?

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind in einer Vielzahl heterogener Arbeitsfelder tätig, wie z. B. Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie, Drogen- und Suchtkrankenhilfe, Wohnungslosenhilfe, Bewährungshilfe, Altenhilfe oder in der Bewältigung von Migration und Armut. Die vom Deutschen Berufsverband Soziale Arbeit (DBSH) ausgewiesenen berufsspezifischen Funktionen (Beratung, Bildung und Erziehung, Schutz und Kontrolle, Öffentlichkeitsarbeit, Betreuung/Langzeitbegleitung, gutachterliche Stellungnahmen etc.) verdeutlichen die vielfältigen Spezifika. Gerade zur Bewältigung in unübersichtlichen und komplexen Problemlagen fundiert ethische Kompetenz, neben fachlich-methodischen Qualifikationen, professionelles Handeln. Methoden, die ohne personale Haltung, ethische Theorien und Begründungszusammenhänge angewandt werden, degenerieren zu Techniken, die weder Klienten und Adressatinnen noch den Akteuren Sozialer Arbeit gerecht werden. Ethik in der Sozialen Arbeit ist ohne Bezug auf konkrete soziale Problemlagen leer, Soziale Arbeit ohne Ethik aber ist blind.

Die vorliegenden Beiträge sollen zeigen, wie soziale Probleme als ethische Fragen wahrzunehmen und zu analysieren sowie Ansätze zur ethischen Entscheidungsfindung zu entwickeln sind. In der Sozialen Arbeit und in verwandten Disziplinen stellen wir die Fragen nach dem guten Leben und haben dabei unterschiedliche Mandate im Blick, die durch Zielgruppen, Institutionen, Gesellschaft und Professionsverständnis Spannungsfelder und Dilemmata erzeugen. Ethische Reflexionen in der Sozialarbeit, Religionspädagogik und Heilpädagogik weiten somit den Blick für die Interdependenz von konkreten Hilfemaßnahmen, Lebensqualität und Wahrung der Menschenrechte und der Menschenwürde. An der Schnittstelle zwischen Sozial- und Individualethik sind die Disziplinen gefordert, ihre Professionsethik zu vertreten. Als Akteure der Zivilgesellschaft mischen sie sich in das Alltagsleben von Menschen ein, die als Autoren ihrer Lebensgeschichte an die Grenzen ihrer Selbstbestimmung bzw. ihrer inneren und äußeren Freiheiten kommen.

Soziale Arbeit bietet als Disziplin und Profession Hilfe und Unterstützung zur Teilhabe an Verwirklichungschancen für eine gelingende Lebensführung. Ethikkompetenz in der Sozialen Arbeit bedeutet gemeinsam mit dem und der Anderen, dem Klienten, der Adressatin Sinn und das Ziel ihres/seines Weges zu erarbeiten. Es geht darum, nach dem Gelingen des Lebens aus der Perspektive der betroffenen Person zu fragen, die häufig an einer Vielzahl von Krisen, Verlusten und Scheitern leidet. Umso wichtiger ist es, an der eigenen Ethikkompetenz zu arbeiten. Dazu gehört die Aneignung ethischen Wissens, die Einübung von Haltungen, die Sondierung ethischer Problemlagen und sich vertraut zu machen mit anspruchsvollen ethischen Entscheidungsfindungen.

Im Wintersemester 2014/15 haben Lehrende im Bereich »Ethik und Anthropologie« eine Ringvorlesung durchgeführt, die Studierenden sowohl Verständnis als auch Reflexion der Ethik als Tiefendimension der Sozialarbeitswissenschaft vermitteln soll und eine kritische Reflexion von Menschenbildern und Menschenrechtsbegriffen eröffnet.

Mit unserer Ringvorlesung verfolgen wir eine gesellschaftsanalytische Skizzierung, die dringliche Probleme unserer Zeit und ihre Auswirkungen auf professionelles soziales Handeln aufgreift. So wirken z. B. die Phänomene der Individualisierung, Flexibilisierung, Beschleunigung und Ökonomisierung tief in Persönlichkeitsstrukturen ein, verändern unser Zusammenleben und betreffen damit auch dialogische Beziehungen, institutionelle Kontexte und gesetzliche Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit. Ausgehend von aktuellen Problembearbeitungen wollen wir Verhaltensalternativen erörtern und entwickeln, die nach inneren Qualitäten des richtigen Handelns fragen und damit den Habitus von Professionellen ansprechen. Im Habitus einer Person wird die Gesamtheit der erworbenen Haltungen spürbar, sichtbar und erfahrbar. Die Ausbildung eines professionellen Habitus, eben eines sozialarbeiterischen Ethos setzt eine reflektierte Haltung zu sich selbst voraus. Die Ringvorlesung fand im ersten Studienabschnitt statt und hat die Studierenden aus dem zweiten und dritten Semester in ethische Dimensionen Sozialer Arbeit eingeführt. Wir danken allen Mitwirkenden für Ihre Vorträge und schriftlichen Beiträge, mit denen wir Impulsgeber und Impulsgeberinnen im Rahmen der berufspolitischen und gesellschaftsanalytischen Diskussion sein wollen, analog dem Titel des dritten Bundeskongresses des Berufsverbandes DBSH: »Wir stehen für Ethik in der Sozialen Arbeit.«

Friedrich Heckmann leistet im ersten Kapitel grundlegende Klärungen zur ethischen Nomenklatur und zeigt die Orientierungsleistung, die Ethik für die individuelle Lebensgestaltung, das Berufsethos und die akademische Disziplin erbringt. Es geht darum zu erkennen, dass individuelles Handeln in sozialen Bezügen erfolgt. Heckmann zeigt, dass Professionellen im Alltag permanent die ethische Frage begegnet: »Was soll ich tun?«. Professionelles Handeln ist auf eine fundierte ethische Entscheidungsfindung angewiesen. Das Modell zur ethischen Urteilsbildung nach Heinz Eduard Tödt, das auf Vernünftigkeit von Argumenten setzt, wird dargestellt und als wichtige Methode erläutert, die zum Handlungsrepertoire jeder Sozial- und Religionspädagogin und jedes Heilpädagogen gehört. Die professionell begründbare Entscheidung ist zutiefst verwoben mit der Persönlichkeit des Entscheidungsträgers. Grundhaltungen prägen und bestimmen unser Handeln und sind deshalb mit Aufmerksamkeit und Sensibilität wahrzunehmen, einzuüben und lebenslang zu bilden.

Eric Mührel erläutert im zweiten Kapitel Ethik als Haltung in sozialen Professionen und konkretisiert sie durch Verstehen und Achtung. Aus einer Haltung des Verstehens für eigene und fremde Lebensweisen und Lebensumstände erfolgen Reflexionen, die für ethisches Handeln unverzichtbar sind. Mit Bezug zum spanischen Philosophen Ortega y Gasset erörtert Mührel ethische Dimensionen von Lebensweisen, die sich in Selbstverständnis, Selbstgestaltung und Lebensführung zeigen und häufig mit der Frage »Wer bin ich?« verbunden werden. Das gelingende Leben betrifft immer beide Seiten: Klienten und professionell Handelnde sind durch die Kunst des Gesprächs miteinander verbunden. Selbstverstehen und Selbstvergewisserung brauchen das Gespräch und somit die Begegnung und das Antlitz des Anderen. Diesem dialogischen Verstehen geht die bedingungslose Achtung des Anderen voraus. In der Verbindung von Verstehen und Achtung liegt ein besonderes Potenzial für Klienten und Adressatinnen, um sich verborgenes Lebensführungswissen zur eigenen Problemdeutung und -lösung mit Hilfe von Professionellen wieder neu anzueignen.

Winfried Leisgang schreibt im dritten Kapitel den Fachkräften der Sozialen Arbeit eine herausgehobene Verantwortung gegenüber Adressaten und einer ausdifferenzierten Gesellschaft zu. Anhand der berufsethischen Prinzipien des DBSH und der aktuellen »Berliner Erklärung« von 2014 verdeutlicht Leisgang, dass gute Soziale Arbeit auf eine Orientierung an einem humanistischen Menschenbild, einen ethischen Kodex und eine Idee eines gelingenden Lebens angewiesen ist. Besonderes Augenmerk legt Leisgang auf die Verbindung von ethischen und rechtlichen Normen und zeigt die Errungenschaften von Grundgesetz, Europäischer Grundrechte-Charta, Europäischer Menschenrechtskonvention, Sozialcharta der EU und Menschenrechtserklärung von 1948. Ohne Wahrung von Menschenrechten, die zur Konkretisierung menschlicher Würde beitragen und den Anspruch haben, humanitäre Grundbedürfnisse zu erfüllen, sind berufsethische Prinzipien durch professionelles Handeln nicht einzulösen. Dafür braucht es eine Mehrheit an Professionellen, die sich auf ethische Reflexion einlassen und ethische Kompetenz erwerben.

Michael Leupold weist im vierten Kapitel die geforderte Ethikkompetenz in Praxisbezügen nach, wenn er die normative Leitidee des gelingenden Lebens durch Wohlbefinden (well-being) konkretisiert. In der sozialräumlichen Sozialarbeit, die sich das gute Leben zum Ziel gesetzt hat, gilt es Potenziale und Ressourcen von Wohlbefinden zu kultivieren, zu realisieren und zu erweitern. Beim sozialprofessionellen Handeln in der Klinischen Sozialarbeit geht es im Idealfall stets um möglichst effektive Realisierung von professionsethischen Werten und Normen, somit auch um das Wohlergehen von Adressaten und Klientinnen. Leupold eröffnet Dimensionen der Sozialraumorientierung für »Gesundheit und Sport«, »Geselligkeit« und »Kunst und Kultur« und zeigt anhand von Praxisbeispielen, wie der berufsethische Anspruch nach Lebenskunst und Befähigungsgerechtigkeit – mit Hilfe eines gelungenen Freiwilligenmanagements – erfüllt und eingelöst werden kann.

Verena Begemann führt die Frage nach Gerechtigkeit im fünften Kapitel weiter, indem sie aus dem empfundenen Sinn für Ungerechtigkeit einen Wegweiser für gerechtes Handeln entwickelt. Der Sinn für Ungerechtigkeit lässt Menschen nicht zur Ruhe kommen, sondern nach besseren Lebensbedingungen, Ausgleich und Teilhabe streben. Zum Berufsethos gehört ein Habitus der Gerechtigkeit, der zum Engagement für Befähigungs- und Verteilungsgerechtigkeit motiviert. Es muss politisches Ziel Sozialer Arbeit sein, Menschen einen Zugang zu ihren umfangreichen Entwicklungspotenzialen zu ermöglichen, damit sie ein nachhaltiges und sinnvolles Leben führen können. Für die Sozialarbeitspionierin Ilse von Arlt war die Lebensfreude ein wichtiges Ziel professionellen Handelns, die sich einstellen kann, wenn Bedürfnisse von Menschen gestillt und Fähigkeiten realisiert werden können und Lebensqualität ganz konkret erfahrbar wird.

Norbert Rückert widmet sich im sechsten Kapitel dem Konzept der Lebensqualität aus sozialwissenschaftlicher Perspektive, wenn er das OECD-Konzept mit objektiven und subjektiven Indikatoren definiert und erläutert. Aus psychologischer Sicht zeigt er, dass Motivation, Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit sowie Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der eigenverantwortlichen Selbst- und Lebensgestaltung wesentlich für die Erfahrung von Lebensqualität sind. Aus philosophischer Perspektive ist Lebensqualität eng mit Wohlergehen verbunden. Rückert erläutert fünf bedeutsame Lebensziele als Inbegriff von Lebensqualität: 1. Bestreben von Lust und Vermeiden von Unlust, 2. Wohlstand, 3. Macht, 4. Ansehen der Person und 5. Selbstachtung, wobei Letztere nicht nur eine subjektive Aufgabe, sondern Aufgabe einer anständigen Gesellschaft ist. Erst wenn eine Gesellschaft Bedingungen schafft, in denen Menschen die Chance bekommen, sich selbst zu achten, wird Selbstachtung zum Merkmal von Lebensqualität.

Dieter Weber unternimmt im siebten Kapitel eine Gratwanderung zur Freiheit und weist nach, dass sich Willensfreiheit nur im dialektischen Prozess von Selbstbestimmung, Bestimmtsein und Anerkennung durch andere entwickeln kann. In der individualisierten und flexibilisierten Multioptionsgesellschaft sind Freiheit und Pflicht zur Entscheidung gleichermaßen vorhanden. Zugleich ist das Schwinden von Anerkennungsordnungen zu verzeichnen, die soziale Verbundenheit und Solidarität stiften. Das Individuum ist zutiefst auf Anerkennung angewiesen ist, um ein stabiles Selbst zu entwickeln, welches sowohl zunehmender Ökonomisierung Widerstand leisten kann als auch um das Bedürfnis nach Anerkennung weiß und somit nicht permanent der Gefahr der Selbstausbeutung unterliegt, wie sie sich z. B. in maßloser Arbeitsbelastung zeigt. Auf der Gratwanderung zur Freiheit werden fünf Etappen genommen: 1. Willensfreiheit, 2. Anerkennung als Grund der Selbstbestimmung, 3. Prekäre Freiheit oder der Zwang, sich selbst zu bestimmen, 4. Suche nach Orten der Anerkennung, 5. Der verborgene Zwang, man selbst sein zu müssen. Die vorgelegte sozialethische Analyse ist ein Aufruf an das politische Mandat der Sozialen Arbeit. Professionelle haben gesellschaftliche Lebensbedingungen anzumahnen, die Menschen in Entfremdung, Zwänge, Unfreiheit und Selbstausbeutung führen.

Karin Lehmeier wählt im achten Kapitel einen bibelexegetischen Zugang, um ethische Aspekte zu Selbstoptimierung und Selbstausbeutung sowie Selbstsorge und Selbstbehauptung im Rekurs auf den ersten Korintherbrief zu erläutern. Sie wählt dazu das Pauluswort »Allen bin ich alles geworden«, das die im Berufungsgedanken liegenden Ambivalenzen bereits erahnen lässt. Kann der Diakon und Missionar Paulus in seinem Selbstverständnis und Selbstbezug Vorbild oder abschreckendes Beispiel für soziale Professionen sein? Selbstbezug und Gottesbezug sind im biblischen Verständnis eines gelingenden Lebens aufeinander bezogen wie Freiheit und Selbstsorge in Foucaults Terminologie zur antiken philosophischen Lebenskunst, deren Texte in zeitlicher Nähe zu Paulus stehen. Inhalt der Selbstsorge sei die Selbsterkenntnis und die Selbstbemeisterung. Selbstsorge braucht Zeit, Muße, Freundschaften. Gerade im Rahmen kirchlicher und diakonischer Kontexte besteht oft ein hohes Maß an innerer Motivation und Identifikation. Der Blick auf Paulus hilft, die Ambivalenzen einer solchen Motivation auszuloten.

Ulrike Mattke verankert im neunten Kapitel Achtung als zentrale ethische und rechtliche Norm im Berufsalltag sozialer Professionen, um einen würdevollen Umgang und ein professionelles Selbstverständnis zu entwickeln. Als exemplarisches Arbeitsfeld wählt sie dafür das Arbeitsfeld der Behindertenhilfe. Eine repräsentative Studie von 2012 zeigt, dass Gewalterfahrungen von Frauen mit Behinderung zwei- bis dreimal häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt vorkommen. Achtung und Respekt wirken Diskriminierung und Gewalt entgegen. Hierbei handelt es sich nicht um einen freiwilligen Akt des Wohlwollens, sondern um ein Recht, das durch Grundgesetz und Menschenrechte geschützt ist. Interessen, Bedürfnisse und Wünsche sind zu achten und ihnen ist mit Verschwiegenheit und Takt zu begegnen. Die professionelle Haltung der Achtung ist die basale Voraussetzung für die existenzielle Erfahrung der Selbstachtung. Professionelle, die anderen Menschen mit Achtung begegnen, erweisen sich Selbstachtung. Auch für schwierige institutionelle Situationen der Behindertenhilfe erinnert Mattke mit Bezug zu Viktor E. Frankl an die geistige Freiheit eines jeden Menschen. Sie fordert diese letzte menschliche Freiheit auch angesichts von Zeitnot und Überlastung ein und zeigt Schritte für die Umsetzung im Alltag.

Manfred Hillmann setzt sich im zehnten Kapitel für die sinnvolle Verbindung von Fürsorge und Selbstsorge ein. Der/die professionell Handelnde ist auf die Haltung der guten Fürsorge angewiesen, um dem eigenen sozialen Wesen gerecht zu werden. Erst durch Fürsorge, die einen gut geschulten und weiten Blick für die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Anderen hat, kann auch eine kluge und nachhaltige Selbstsorge entwickelt werden. Hillmann unterscheidet – mit Bezug zu Peter Bieri – zwischen einer handlungsorientierten und einer verstehensorientierten Fürsorge. So wichtig das Handeln in sozialprofessionellen Kontexten ist, muss auch Lassen und Nicht-Handeln Verständnis und Berücksichtigung finden. Als Orientierung dienen dafür Menschenbilder, wie sie beispielsweise von Frankl, Buber oder Montessori konkret formuliert werden. Es ist eine schöne und wichtige Übung im professionellen Alltag, eigene Bilder vom Menschen wahrzunehmen, einzuüben und sie von Zeit zu Zeit zu überprüfen, inwiefern die bewusste und fühlbare Auseinandersetzung mit inneren Bildern äußeres Handeln prägt und dieser zugute kommt.

Michael Brömse unterzieht im Schlusskapitel gesellschaftliche Utopien einer kritischen Analyse. Hierzu stellt er Thesen im Blick auf Wesensmerkmale von Utopien auf. Anhand von Beispielen, die von der Antike bis zur Gegenwart reichen, belegt er seine Thesen. Er weist dabei nach: Utopien sind notwendig, wenn trotz gesellschaftlicher Krisen politische Veränderungen scheitern. Leugnet man dabei allerdings den jenseitigen Charakter von Utopien und will sie in ungebrochener, unvermittelter Weise in die Wirklichkeit umsetzen, kehrt sich ihr humanistischer Impuls in ihr Gegenteil um. Dies gilt es für die Soziale Arbeit zu beachten, wenn sie selbst Utopien als »Leitbilder des Sozialen Handelns«, etwa als »Wege zur Gerechtigkeit, Wege zum Frieden, Wege zu einer Gesellschaftsform, in der die Würde des Menschen und die Menschenrechte maßgebliche Maxime sind«, heranzieht. Als Leitgestirn hat er dabei besonders die Idee der Menschenwürde und die daraus abgeleiteten Menschenrechte für die Soziale Arbeit ausgemacht. »Selbstverständnis und eine ethische Begründung des Sozialen Handelns [sind] ohne den Bezug auf die Dimension des Utopischen [insbesondere die Idee der Menschenwürde] gar nicht möglich.« Wird aber die »räumliche« Differenz von Ideal und Wirklichkeit aufgehoben, verlieren Utopien ihre orientierende Kraft und drohen zur Ideologie zu verkommen.

 

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.

 

Hannover, Sommer 2016

Verena Begemann, Friedrich Heckmann, Dieter Weber

1          Ethik, was ist das eigentlich?

Friedrich Heckmann

Dieser Beitrag ist eine kleine Einleitung zu der Frage, warum menschliche Grundhaltungen eine unverzichtbare Voraussetzung ethischen Handelns sind. Es ist erst einmal sinnvoll, sich ganz grundsätzlich mit dem zu beschäftigen, was Ethik ist, und vor allem damit, welche Fragen Ethik an den oder die Einzelne und an die Gesellschaft stellt. Erst danach können wir uns damit beschäftigen, welche ethischen Grundlagen für soziale Professionen Relevanz haben. Fragen der Ethik sind es ja, die akademischen Disziplinen wie auch daraus hervorgehenden Berufen grundlegende Orientierung geben. Nicht nur die Soziale Arbeit, die Heilpädagogik und andere soziale Professionen haben grundlegenden Bedarf an ethischer Orientierung. Wie wir unser Leben gestalten wollen, eben auch unser Berufsleben, diese Frage ergibt sich daraus, dass Leben und berufliche Tätigkeit gelingen sollen. Es ist eine Frage, die sich zum einen individuell jeder Sozialarbeiter und jede Heilpädagogin stellen sollte, aber auch zum anderen die jeweilige Profession in ihren Standesorganisationen und Berufsverbänden und nicht zuletzt die Hochschulen, in denen Sozialarbeiterinnen, Heilpädagogen u. a. ihre akademische Bildung erwerben, die es ihnen ermöglicht, sich in ihren beruflichen Tätigkeiten gut auszubilden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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