Sozioökonomische Perspektiven -  - E-Book

Sozioökonomische Perspektiven E-Book

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sozioökonomie ist ein transdisziplinäres Forschungsfeld, welches die Dialektik von Gesellschaft und Ökonomie behandelt, also einerseits die gesellschaftlichen Auswirkungen ökonomischer Prozesse, andererseits die soziale Struktur der Ökonomie untersucht. Diese Einführung in die zentralen Fragen und Probleme der Sozioökonomie beinhaltet soziologische Perspektiven auf das Wirtschaftssystem ebenso wie historische Perspektiven, die ein Verständnis der sozioökonomischen Entwicklung und einen Zugang zu theoretischen Konzepten ermöglichen. Aktuelle Strukturprobleme und Steuerungsfragen der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft, wie Krisen, Wirtschaftskriminalität, Governance und wohlfahrtsstaatliche Steuerung, Nachhaltigkeit sowie der Strukturwandel der Arbeit, nehmen über verschiedene disziplinäre Zugänge breiten Raum ein.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 603

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



[1]Sozioökonomische Perspektiven

[2][3]Gerda Bohmann, Johanna Hofbauer, Johann August Schülein (Hg.)

Sozioökonomische Perspektiven

Texte zum Verhältnis von Gesellschaft und Ökonomie

[4]Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://d-nb.de abrufbar.

© 2014 Facultas Verlags- und Buchhandels AG facultas.wuv, Stolberggasse 26, 1050 Wien Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung und Satz: SOLTÉSZ. Die Medienagentur

Umschlaggestaltung: d-licious Köck und Rastbichler Grafik Design OG

Covergrafik basiert auf © miteman/iStockphoto.com

ISBN 978-3-7089-1034-5 print

ISBN 978-3-99030-271-2 pdf

ISBN 978-3-99030-293-4 epup

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

[5]Inhalt

Zur Einführung

Sozioökonomie: Ein schwieriges interdisziplinäres, aber notwendiges wissenschaftliches Projekt

1 Sozioökonomie: Multidisizplinäre Perspektiven

Gertraude Mikl-Horke

Geld oder Leben. Reflexionen über Wirtschaft und Gesellschaft in Zeiten der Finanzmarktdominanz

Peter Berger

Normalzustand Wirtschaftskrise. Zur Geschichte eines notwendigen Übels

Reinhard Pirker

Die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie und ihre Wirkungsgeschichte

2 Sozioökonomische Entwicklung: Themen und Theorien

Otto Brunner

Das „ganze Haus“ und die alteuropäische Ökonomik

Daniel R. Fusfeld

Die ersten Anfänge der Wirtschaftstheorie und -politik

Max Weber

Okzidentale Rationalität und die Anfänge des Kapitalismus

Johanna Hofbauer

Fleiß, Arbeitsamkeit, Betriebsamkeit – Zur Herausbildung moderner Arbeitstugenden

Andrea Komlosy

Die „Dritte Welt“ in der „Einen Welt“. Geschichte der Nord-Süd-Beziehungen

[6]3 Strukturprobleme und Steuerungsfragen moderner kapitalistischer Gesellschaften

Gerda Bohmann

Kapitalistische Wirtschaft, Marktgesellschaft und der Wohlfahrtsstaat

Otto Penz

Strukturwandel der Arbeit. Vom Fordismus zum Postfordismus

August Österle

Pflege und Pflegepolitik in Europa zwischen Familie, Staat und Markt

Karl-Michael Brunner

Sozialstrukturelle Dimensionen zukunftsfähiger Entwicklung. Ein soziologischer Beitrag zur Nachhaltigkeitsforschung

Johann August Schülein

„… die im Dunkeln sieht man nicht.“ Bedingungen und Funktionsweise von Wirtschaftskriminalität

Die AutorInnen

[7]Zur Einführung

Sozioökonomie: Ein schwieriges interdisziplinäres, aber notwendiges wissenschaftliches Projekt

Die Probleme, die die Welt bewegen, halten sich nicht an die Grenzen akademischer Disziplinen. Wer Themen wie Armut und Reichtum, Ökologie und Nachhaltigkeit, politische Ideologien oder kulturellen und wirtschaftlichen Wandel behandelt, kann kaum Rücksicht darauf nehmen, dass es unterschiedliche Fächer wie Soziologie und Ökonomie gibt, die meist in verschiedenen Departments angesiedelt sind und meist wenig Gemeinsamkeiten haben. Denn diese Themen haben – wie alle wichtigen gesellschaftlichen Themen – soziale und ökonomische Grundlagen. Sie können daher nicht angemessen erfasst werden, wenn nicht ihre soziale wie historische Genese, ihre Formatierung und Dynamik im Zusammenspiel mit ökonomischen Bedingungen und Prozessen gesehen werden.

Dieses Verständnis ist inzwischen in öffentlichen Diskussionen fast eine Selbstverständlichkeit. Jeder vernünftige Zeitungskommentar berücksichtigt soziale und ökonomische Aspekte relevanter Themen. Nur die Wissenschaften hinken noch etwas hinterher. Obwohl die klassische Ökonomie in ihren Anfängen als Gesellschaftslehre verstanden wurde und die frühe Soziologie ganz selbstverständlich auch ökonomische Fragestellungen behandelt hat, existieren Soziologie und Ökonomie seit ihrer institutionellen Trennung als eigenständige Wissenschaften in einer je eigenen Subkultur mit starker Binnenorientierung und geringen Kontakten untereinander. Angesichts der Diskrepanz zwischen der sachlich notwendigen Integration verschiedener Sichtweisen zum Verständnis heterogener Problemlagen und der strengen Arbeitsteilung der Fächer stellt sich daher die Frage, wieso eine so naheliegende und so notwendige Kooperation bei allen Annäherungsversuchen kaum bis gar nicht stattfindet. Sprachlich ist es ja kein großes Problem, Ökonomie und Sozialwissenschaften zusammen zu bringen – man verwendet einfach eine Begriffskombination und schon hat man mit „Sozioökonomie“ ein neues Paradigma kreiert. Ganz so einfach geht es in der Wissenschaftspraxis leider nicht. Dass die unterschiedlichen Disziplinen so strikt getrennt sind, ohne sich um andere zu kümmern, ist kein Zufall, sondern hat wissenschaftshistorische wie systematische Gründe, zumal es das Projekt einer „Sozioökonomik“ oder „Sozialökonomie“ vor etwa 100 Jahren (v.a. im Rahmen der „Österreichischen Schule“) schon einmal gegeben hat.

Warum ist dieses Projekt nicht weiterentwickelt worden? Auf der Suche nach Ursachen fällt sofort auf, dass es schon lange „die“ Soziologie ebenso wenig gibt wie „die“ Ökonomie. Das gilt im Übrigen auch für andere Human- und Sozialwissenschaften:[8] Überall stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es keinen Konsens darüber gibt, was die Grundlagen des Fachs sind. Und das, obwohl nun schon einige Generationen von ernsthaften und engagierten Wissenschaftlern an der Begründung der Fächer gearbeitet haben. Dabei hat sich das Verständnis der Begründungsprobleme vertieft, aber ein akzeptierter Konsens ist nicht zustande gekommen. In manchen sozialwissenschaftlichen Fächern findet man daher auch ein auf den ersten Blick ungeordnetes und zufälliges Nebeneinander von heterogenen Subparadigmen, die sich bekämpfen. Was es immer wieder gegeben hat und gibt sind das jeweilige Fach beherrschende Diskurse; Diskurse also, die für sich in Anspruch nahmen oder nehmen, die allein richtige und alles umfassende Definition des Faches zu bieten und diesen Anspruch fachintern (temporär) durchsetzen können. Aber diese Vorherrschaft wurde und wird immer wieder auch heftig kritisiert – von außen, aber auch von innen. Wo die Vorherrschaft bestimmter Diskurse nicht total (bzw. totalitär) ist, entstehen alternative Sichtweisen, die zum Teil grundsätzlich verschiedene Vorstellungen propagieren. Aber auch das herrschende Verständnis entpuppt sich bei näherem Hinsehen oft als in sich widersprüchlich, so dass es ständig zu interner Kritik, zu Weiterentwicklungen, zu unterschiedlichen Interpretationen kommt.

Selbst scheinbar geschlossene Human- und Sozialwissenschaften stehen daher fast immer unter externem und internem Druck, weil sie viel weniger geschlossen sind, als sie erscheinen, weil sie aus strukturellen Gründen defizitär bleiben und weil sie sich häufig nur über Dogmatisierungen stabilisieren können. Dass unter diesen Umständen eine Kooperation mit anderen Wissenschaften schwierig ist, liegt auf der Hand. Das nahezu kommunikationslose Nebeneinander von Fächern, die thematisch eine breite Schnittmenge haben, hängt daher zumindest zum Teil mit der internen Heterogenität der Fächer und/oder deren Unterdrückung durch die Dominanz eines Subparadigmas zusammen. Man kann davon ausgehen, dass sich keine Wissenschaft einen solchen Zustand aussucht. Es muss also systematische Gründe dafür geben. Zu diesen systematischen Gründen gehören wesentlich die Problemlagen, mit denen diese Fächer beim Versuch, ihren Gegenstand zu erfassen, konfrontiert sind, sowie die institutionellen Folgen, die daraus resultieren.

Wissenschaften versuchen objektiv begründbares Wissen (im Gegensatz zu Glaubenssätzen und Meinungen) über ihren Gegenstand zu gewinnen. Dies funktioniert – in Abhängigkeit von der Logik ihres Gegenstandes – nicht immer auf die gleiche Weise. Man kann in diesem Zusammenhang analytisch (nicht empirisch) unterscheiden zwischen nomologischen und autopoietischen Sachverhalten. Nomologische Sachverhalte sind innerhalb definierbarer Grenzen immer und überall gleich, verändern sich nicht und werden daher auch durch den Forschungsprozess nicht beeinflusst. Sie können daher beliebig behandelt und manipuliert werden,[9] ohne dass sich ihre Logik ändert. Sie können zudem analytisch zergliedert und rekombiniert werden, weil sich dadurch weder die dadurch gewonnenen Partikel noch deren Beziehungen verändern. Unter diesen Umständen kann Forschung Teilaspekte isolieren, auch mit brachialen Methoden und vor allem wiederholt behandeln – das Ergebnis ist immer gleich und kann im Lauf des Bearbeitungsprozesses immer eindeutiger herausgearbeitet und isoliert werden.

Die Ergebnisse der Forschung lassen sich in diesem Fall kontextfrei ausdrücken. Das Fallgesetz beispielsweise gilt (bzw. variiert schwerkraftabhängig) innerhalb der Newton-Physik immer und überall auf die gleiche Weise und muss deshalb keine Angaben über Ort, Zeit und beteiligte Akteure enthalten. Zur Darstellung kann daher auch eine nomothetische Form benutzt werden – eine geschlossene Kunstsprache, die eindeutig definierte Zeichen im Rahmen einer festgelegten Grammatik und Semantik verwendet. Theorien als Formulierung von Erkenntnis sind dann (beispielsweise mathematische) Algorithmen, die zu eindeutigen Ergebnissen führen und die keine Interpretationsspielräume enthalten. Mit ihrer Hilfe lassen sich auch verlässliche Vorhersagen über die Zukunft treffen. Dieser Typ von Theorie ist von vielen Wissenschaftstheoretikern zum Ideal von jeder Wissenschaft ernannt worden. Tatsächlich ist er jedoch an die Voraussetzung gebunden, dass das Thema auch wirklich nomologisch geordnet ist. Dies ist jedoch bei weitem nicht überall gegeben. Bereits in der praktischen Physik – etwa der Erforschung von Wetter und Klima – kommen unberechenbare und unvorhersehbare Faktoren ins Spiel. Dadurch entwickelt das natürliche Geschehen eine Eigendynamik, die die Möglichkeiten rein nomothetischer Darstellung sprengt. Weil und wo die Logik des Geschehens von Wechselwirkungen, Veränderungen und Entwicklungen mitbestimmt wird, müssen Theorien selektive Vorab-Annahmen treffen und mit „Näherungslösungen“ und Interpretationen von Quasi-Algorithmen arbeiten. Die Bedeutung aktiver Entscheidungen im Umgang mit Realität und Forschungsinstrumenten nimmt zu, die Prognosemöglichkeiten nehmen ab.

Dies ist noch ausgeprägter der Fall, wenn der Gegenstand, der behandelt wird, sich autopoietisch entwickelt. Mit diesem Begriff wird in der neueren Literatur ein Realitätstyp beschrieben, der aus dem Zusammenspiel von heterogenen Teilprozessen besteht, die im Fluss der Ereignisse erst hergestellt werden. Dies ist ein zentrales Merkmal aller sozialen und ökonomischen Prozesse. Es gibt so etwas wie Normen, Rollen, Literatur, aber auch Waren und Märkte nur, wenn sie erzeugt und am Leben erhalten werden. Sie existieren nur als Resultate des Zusammenspiels von heterogenen Faktoren und Teilprozessen; als Moment in einem ständig weiterlaufenden Prozess von Erhaltung und Veränderung. Dieser Erzeugungsprozess ist weder im Verlauf noch im Ergebnis eindeutig. Er ermöglicht potenziell Alternativen, sein Resultat ist unter Umständen eine Einheit von Gegensätzen. Auf jeden Fall ergeben sich ständig neue Formen und Abweichungen. Autopoietische[10] Realität ist daher immer verschieden. Jeder Einzelfall ist anders, jede Entwicklung bringt neue und ein Stück weit unvorhersehbare Weiterentwicklungen hervor.

Diese Eigenschaften ihres Gegenstands stellen Human- und Sozialwissenschaften vor besondere Probleme. Methodisch kann autopoietische Realität nicht als solche „erfasst“ werden, weil durch jeden Eingriff etwas Neues entsteht, das sonst nicht entstanden wäre. Jede Methode hat daher konstitutive und selektive Eingriffe in den autopoietischen Prozess zur Folge. Experimente sind daher nur begrenzt möglich und ihre Aussagekraft ist beschränkt. Prinzipiell sind Methoden und ihre Ergebnisse hier unsicher; genauer: Je sicherer sie sind, desto weniger relevant sind sie. Auch Theorien haben keinen festen Halt. Ihr Gegenstand ist in Bewegung, vielgestaltig, widersprüchlich, ändert sich. Theorien müssen deshalb imstande sein, die unterschiedlichen Einzelfälle, ihre gemeinsame Logik und ihre Differenzen erfassen zu können. Dazu sind fixe Algorithmen nur begrenzt nützlich.

Daher müssen Theorien hier mit offenen Konzepten arbeiten, mit Begriffen (oder mit Max Weber: „Idealtypen“), die ihren Gegenstand fokussieren, aber nicht definitiv festlegen. „Armut“, „Nachhaltigkeit“, „Ideologie“ oder „Wandel“ sind daher Begriffe, die die Möglichkeit bieten, einen Sachverhalt zu erfassen, aber der Sachverhalt bestimmt, was der Begriff dazu leisten muss. Das heißt aber auch, dass sie angewendet werden müssen, um produktiv zu werden – die Theorie enthält Erklärungsmöglichkeiten und -strategien, aber noch nicht die Erklärungen selbst. Diese Anwendung kann – kontextabhängig – unterschiedlich ausfallen, ein und dieselbe Theorie führt nicht zwangsläufig zu gleichen Ergebnissen.

Zudem gibt es Theorien meist im Plural, weil die Komplexität des Gegenstandes nicht in einem Paradigma allein abgebildet werden kann – nicht eine Theorie der Familie, nicht eine Theorie der Firma, sondern verschiedene. Diese Theorien erscheinen daher meist im Plural, als multiparadigmatisches Feld. Für ein traditionelles Theorieverständnis ist dies ein unerträglicher Zustand. Daher gibt es eine ausgeprägte Tendenz, so zu tun, als handle es sich um einen nomologischen Sachverhalt oder ihn so zu manipulieren, dass er wie einer behandelt werden kann. Das bringt einen doppelten Vorteil mit sich: Man entledigt sich der belastenden Vielfalt von Optionen und gewinnt (Schein-)Sicherheit. Aber: Ganz abgesehen davon, dass der Ertrag problematisch ist, gehen solche Einengungen stets einher mit einem Verlust an Flexibilität und Kontaktfähigkeit.

Anders gesagt: Die Reflexion autopoietischer Prozesse steht vor der Wahl chronischer Instabilität ihrer Praxis und ihrer Ergebnisse, oder sie zieht sich auf die Themenaspekte und Verfahren zurück, die Sicherheit bieten, aber dafür an Beweglichkeit und damit ein Stück weit den Kontakt zu ihrem Thema verlieren. In beiden Fällen ist Forschung belastet von Balanceproblemen, was dazu führen kann, dass sie mehr mit sich selbst als mit den tatsächlichen Erfordernissen ihres Gegenstandes beschäftigt ist. Unter diesen Vorzeichen fungieren die Fachgrenzen[11] als Mittel der Stabilisierung; das autistische Nebeneinander unterschiedlicher Fächer ist eine Form der Bewältigung von Belastungen durch Kontaktvermeidung. Daher ist es auch nicht einfach ein Zeichen von Versäumnis oder Unfähigkeit, wenn die unterschiedlichen Fächer nicht kooperieren – es handelt sich um die institutionellen Auswirkungen einer (noch) nicht bewältigten Komplexität der eigenen Praxis und der Versuche, sie durch problematische Vereinfachungen in den Griff zu bekommen.

Soweit in aller Kürze der Versuch, zu erklären, warum Sozialwissenschaften, Ökonomie, Geschichtswissenschaft usw. sich schwer tun mit Kooperation und warum Sozioökonomie als Projekt es so schwer hat, sich in und zwischen den Fächern zu etablieren. Das ist jedoch kein Schicksal. Auch Erkenntnis und deren Institutionalisierung in Form von Wissenschaften sind ein autopoietischer Prozess, also keineswegs schicksalshaft festgelegt und abgeschlossen. Und auch der Ist-Zustand des isolierten Nebeneinanders ist das Produkt einer Entwicklung, die in gewisser Weise unvermeidlich war, aber die weiter geht und neue Chancen bietet. Diese Entwicklung hängt zusammen mit dem Modus der Emanzipation institutionalisierter Reflexion von den Restriktionen gesellschaftlich vorherrschender Glaubenssysteme und des Alltagsbewusstseins. Die ersten Schritte dieser Entwicklung sind dabei weitgehend undifferenziert – Natur und Kosmos, Kultur und Gesellschaft werden mit den gleichen Mitteln bearbeitet und in einem einheitlichen System interpretiert, wobei Normativität und Interpretation nur schwach unterschieden werden. Auf dieser Basis entstand in der frühen Neuzeit eine Proto-Sozialwissenschaft in Form der bürgerlichen Sozialphilosophie, die (zum Beispiel bei Hobbes und seinen Nachfolgern) zunächst noch nicht unterschied zwischen Anthropologie, Soziologie, Ökonomie, Psychologie. Erst mit der Entstehung des Industriekapitalismus und der „Modernisierung“ der Gesellschaft begannen die einzelnen Wissenschaften sich auseinander zu entwickeln. Ein Stück weit gingen dabei Sozialwissenschaften und Ökonomie noch gemeinsam: die Schottische Moralphilosophie, die Politische Ökonomie, aber auch viele der Begründer der Soziologie (von Marx bis zu Weber und Sombart) hielten an der engen Verbindung von beiden fest.

Liest man diese Texte heute, so werden Vor- und Nachteile dieser Kopplung deutlich: Auf der einen Seite bestechen sie durch ihre Reichweite und die Fähigkeit, Unterschiedliches zusammen zu denken, auf der anderen Seite tun sie dies mit noch unterentwickelten Methoden und theoretischen Modellen. Ein Grund für das Auseinanderbrechen dieser Symbiose war daher die Notwendigkeit von methodischer und theoretischer Weiterentwicklung. Die gleichzeitige Thematisierung von zusammenhängenden, aber verschiedenen Sachverhalten behinderte die Ausarbeitung von Methoden und Konzepten, die auf spezifische Sachverhalte hin spezialisiert sind. Durch die Auflösung des an sich sinnvollen Verbunds[12] entstanden die Freiheitsgrade, die Soziologie, Ökonomie, Historik, Psychologie usw. brauchten, um ihre Perspektiven zu professionalisieren. Dies ist inzwischen geschehen, aber mit dem Effekt, dass – bedingt durch die skizzierten Balanceprobleme – die Kontakte und vor allem auch die Kontaktfähigkeit zu anderen Perspektiven verloren gegangen sind. Stattdessen leben die verschiedenen Fächer nebeneinander und behandeln externe Themen lieber mit ihren (oft limitierten oder gar unpassenden) Eigenmitteln, statt sich dort Kompetenzen zu holen, wo sie vorhanden sind.

Höchste Zeit also für einen nächsten Schritt: das Aneinander-Heranführen der unterschiedlichen Perspektiven und Paradigmen auf dem inzwischen erreichten Niveau der Professionalisierung. Dem steht allerdings entgegen, dass die Organisation von Wissenschaft in Form von themenspezifischen Zünften nicht nur eine Strategie zur Bewältigung der thematischen Komplexität mit den skizzierten Folgeproblemen, sondern zugleich auch der herrschende Modus der Verteilung von Status und Ressourcen ist. Voraussetzung für einen Schritt über den Status Quo hinaus ist daher nicht nur eine reflexive Auseinandersetzung mit dem Ist-Zustand von paradigmatischer Monokratie und/oder Multiparadigmatik mit dem Ziel, sie weiter zu entwickeln in Richtung auf eine stabile Strategie, die sowohl die Identität des eigenen Fachs (des eigenen Paradigmas, der eigenen Perspektive) erhält als auch die anderer respektiert und nutzen kann. Dazu gehört auch die Kunst, Aufmerksamkeit und Mittel für Projekte zu gewinnen, die nicht einfach zuzurechnen sind – und der Mut, in der Mitte der Straße zu gehen, wo man, wie ein altes Sprichwort sagt, von beiden Seiten mit Steinen beworfen werden kann, weil man in keiner der Zünfte mehr ohne weiteres als „dazugehörig“ verstanden wird.

Kurz: Sozioökonomie ist ein sinnvolles und notwendiges Projekt, das mit methodischen und theoretischen sowie mit institutionellen Risiken verbunden ist. Aber es lohnt sich und kann dazu beitragen, den gegenwärtigen Zustand zu überwinden. Das wäre für die beteiligten Wissenschaften, aber auch für die Adressaten ihrer Erkenntnisse – für alle, die besser verstehen wollen, wie Ökonomie und Gesellschaft interferieren – ein wichtiger Schritt. Dieser Schritt wird hier in unterschiedlicher Form unternommen. Im ersten Teil geht es um einige prinzipielle Anmerkungen zur gegenwärtigen Situation.

Gertraude Mikl-Horke betrachtet vor dem Hintergrund der mittlerweile langen Reflexionsgeschichte über Wirtschaft (seit der Antike bzw. seit der Neuzeit) und vor jenem einer historisch über weiteste Strecken vorfindlichen Diversität der Wirtschaftsformen die Genese der marktförmigen Geldwirtschaft und der mit dieser generierten Rationalitätspostulate. Vor diesem Hintergrund wird dann die jüngste Krise (seit 2008) in ihrer Entstehung und in ihrem Verlauf rekonstruiert und analysiert. Die Autorin geht ebenso auf deren gesellschaftliche Folgen ein, den Anstieg sozialer Ungleichheit insbesondere, und sie weist[13] zugleich der Wirtschaftssoziologie eine zentrale Rolle für Kritik dieser „einheitlichen“ und vereinheitlichenden Wirtschaft, der wir ausgeliefert sind, sowie die Rolle der Aufklärung über die historische Vielfalt und alternative Möglichkeiten, Handlungs- und Strukturformen im Sinne eines breiten Wirtschaftsverständnisses zu.

Peter Berger rekonstruiert in seinem Text historische Erfahrungen mit den Krisen der kapitalistischen Ökonomie. In historischer Perspektive sind deren Merkmale die ständige Wiederkehr von Krisen und deren endemische Ausmaße. An ausgewählten Beispielen diskutiert der Text den konkreten Verlauf von Krisen, er diskutiert einige wichtige Theorien der Krisen des Kapitalismus und untersucht das Verhältnis von realer wirtschaftlicher Entwicklung und theoretischer Reflexion. Deutlich wird, dass Skepsis in Bezug auf die Vorstellung, es gäbe ein perfektes Rezept zur Krisenverhinderung, angebracht ist – und dass es riskant ist, sich unter dem aktuellen Problemdruck zu undurchdachten Strategien hinreißen zu lassen.

Reinhard Pirker verfolgt einen ideengeschichtlichen Zugang zur Marx’schen Theorie. Er stellt, ausgehend von dessen Hauptwerk Das Kapital zentrale Grundgedanken der politischen Ökonomie in ihrem historischen und theoretischen Zusammenhang vor: jene zur Warenform, zu Werttheorie, zur Arbeitskraft und zum Arbeitsmarkt sowie zu dessen zyklischer Krisentheorie. Es schließt deren politische wie wissenschaftliche Wirkungsgeschichte an, die bis zu rezenten Weiterentwicklungen des Marx’schen Denkens, insbesondere auch zur Regulationstheorie als dessen moderne Fortführung reicht.

Der zweite Teil enthält einige Texte, die sich mit der historischen Genese des gegenwärtigen Zustands von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen.

Otto Brunners klassischer Text über das „ganze Haus“ beschreibt und analysiert die Bedingungen und die Funktionsweise des Typs von Sozioökonomie, der typisch ist für vorindustrielle Gesellschaften mit niedrigem Produktionsniveau, gering entwickelter Tauschwirtschaft und einer traditionellen Sozialstruktur. Das „Ganze Haus“ ist die zentrale Wirtschafts- und Sozialorganisation, eine Überlebensgemeinschaft und der zentrale Orientierungspunkt aller Akteure. Seine hierarchische Struktur mit primitiven Formen der Arbeitsteilung bietet dazu ein basales Strukturierungsprinzip, welches erst durch weitreichende gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung abgelöst wird.

Daniel R. Fusfeld beschreibt diese Entwicklung. Er zeichnet nach, wie mit der Entstehung des frühen, zentralisierten Territorialstaates ein neuer Typ von haushaltsunabhängiger Ökonomie entsteht, in dem Waren für den Markt produziert und unter starker politischer Kontrolle getauscht wurden. Die Leittheorie dieser auf den Nutzen der absoluten Herrscher hin orientierten Ökonomie[14] ist der Merkantilismus, der sich intensiv mit der Kontrolle und Steuerung des internen Austauschs und des Austauschs mit dem Umfeld beschäftigt. Gegenspieler sind die „Physiokraten“, die vor allem den Kreislaufcharakter von Ökonomie und ihre sozialpolitische Funktion hervorheben.

Johanna Hofbauers Beitrag geht den Veränderungen der Verhaltensnormen im Zuge der Industrialisierung nach. Manufakturen und Fabriken erscheinen als Disziplinareinrichtungen, die sich an Erziehungsmethoden der vorindustriellen Arbeitshäuser orientierten. In der modernen Arbeitswelt sind Verhaltensnormen wie Leistungsorientierung, Engagement und Verlässlichkeit zur Selbstverständlichkeit geworden. Dadurch wird die Rücknahme externer Kontrolle in Teilen der modernen Arbeitswelt möglich. Der historische Rückblick offenbart die sozioökonomischen und kulturellen Voraussetzungen dieser ambivalenten Entwicklung, mit der sowohl wachsende Verhaltens- bzw. Entscheidungsspielräume einhergehen als auch zunehmende Belastungen bzw. die Überforderung des zur Selbstrationalisierung gezwungenen Individuums.

Im Rahmen ihrer wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Auseinandersetzung mit Nord-Süd-Beziehungen hinterfragt Andrea Komlosy die Begriffe von „Dritter Welt“ bzw. „Vierter Welt“ sowie die in neueren Bezeichnungen enthaltenen Entwicklungsvorstellungen (bspw. Next States oder Global Swing States). Derartige räumliche und zeitliche Klassifikationen von Ländern enthalten neben der Behauptung einer Rangordnung zwischen den „Welten“ die Vorstellung, dass die Modernisierungsanstrengungen bestimmter regionaler Einheiten für sich beurteilt werden könnten. Die ungleiche Entwicklung von Handelsdreiecken verdeutlicht, dass allein die Berücksichtigung der sozioökonomischen und -kulturellen Voraussetzungen für überregionale Beziehungen ein Verständnis auch jenes Teils des Weltsystems ermöglicht, den man „Nord-Süd-Beziehungen“ nennt.

Der dritte Teil diskutiert unterschiedliche Strukturprobleme und Steuerungsfragen moderner kapitalistischer Gesellschaften.

Gerda Bohmann behandelt das historische wie gegenwärtige Spannungsfeld von kapitalistischer Wirtschaft, Marktgesellschaft und Wohlfahrtsstaat und geht der Genese eines neuen, im Übergang zum 20. Jahrhundert entstandenen Politiktypus, der staatlichen Sozialpolitik, nach. Es wird die Staats-, Rechtsund Wirtschaftsentwicklung, nicht zuletzt auch als Prozess funktionaler Differenzierung hin zum Wohlfahrtsstaat, als Vergesellschaftungsmodus des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet, bevor die Entwicklung der Sozialpolitik in Österreich von ihrer Konstituierung im späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart dargestellt wird. Es wird einerseits deutlich, dass der (österreichische) Wohlfahrtsstaat sich bislang als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen hat, aber in[15] seinen Gestaltungsprinzipien keineswegs von tiefgreifenden sozioökonomischen Umstrukturierungen unberührt geblieben ist.

Otto Penz rekonstruiert den Strukturwandel der Arbeit vom „Fordismus“ zum „Postfordismus“. Der Beitrag skizziert die Entwicklung von der Hochblüte der Industriearbeit bis zu deren Krise etwa Mitte der 1970er Jahre. Er schildert den Bedeutungsverlust des für die fordistische Organisation von Lohnarbeit kennzeichnenden Normalarbeitsverhältnisses, der mit einer zunehmenden Prekarisierung von Beschäftigung einherging, sowie den Aufstieg der Dienstleistungs- und Wissensarbeit und die Veränderung in der Relation von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Reproduktions- oder Sorgearbeit. Der Beitrag wirft eine Reihe von Steuerungsfragen auf. Besondere Beachtung erhält die Verallgemeinerung der Konkurrenz und des Wettbewerbs in der postfordistischen Arbeitswelt bzw. die Ökonomisierung des sozialen Lebens in kapitalistischen Gesellschaften.

August Österle nimmt sich in seinem Beitrag zur Pflege und Pflegebedürftigkeit eines der großen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Probleme der Gegenwart an. Das Konzept von „Care“ wird im Kontext der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung und in seinen paradigmatischen Veränderungen vorgestellt; der konkrete Pflege- und Betreuungsbedarf wird rekapituliert, und es werden die Maßnahmen und Finanzierungsmodelle im europäischen Vergleich diskutiert. Der Autor geht dann auf neue Forschungsergebnisse zum pflegerischen Einsatz von MigrantInnen in privaten Haushalten ein. Es wird deutlich, dass insbesondere die Langzeitpflege zwischen privater und sozialer Verantwortung angesiedelt ist, Pflege und Betreuung insgesamt in einem breiten und heterogenen Feld und unter höchst unterschiedlichen Arbeitsbedingungen erbracht wird.

Karl-Michael Brunner liefert in seinem Artikel einen Beitrag zur Nachhaltigkeitsforschung, indem sozialstrukturelle Dimensionen von Nachhaltigkeit in den Blick genommen werden. In Anknüpfung an die Soziologie sozialer Ungleichheit werden sozialstrukturelle Aspekte mit dem Nachhaltigkeitsthema verknüpft. Dabei werden soziale Unterschiede in der Naturinanspruchnahme ebenso diskutiert wie nachhaltige Lebensstile und die Frage einer Transformation sozialer Praktiken in Richtung Nachhaltigkeit. Auf diese Weise wird der Nachhaltigkeitsdiskurs mit sozialen Aspekten verknüpft, wobei insbesondere Gerechtigkeitsfragen in den Industriestaaten systematisch berücksichtigt werden.

Johann August Schülein untersucht die Bedingungen und Funktionsweise von Wirtschaftskriminalität. Kriminalität ist an sich kein Wirtschaftsspezifikum; sie tritt als Problem überall da auf, wo sich Chancen bieten und wo Disziplinierung und Kontrolle nicht hinreichend funktionieren. Insofern tritt auch[16] im ökonomischen System opportunistisch Kriminalität auf. Darüber hinaus gibt es jedoch spezifische Formen von Kriminalität, die quantitativ und qualitativ darüber hinaus gehen und das Wirtschaftssystem als Ganzes betreffen. Sie hängen unmittelbar mit sozialen Restriktionen und Verboten zusammen (die entsprechende wirtschaftliche Aktivitäten in den Untergrund abdrängen). Wirtschaftskriminalität ist jedoch vor allem auch ein Ausdruck von strukturellen Funktionsdefiziten der Gesellschaft.

Die Texte behandeln durchgängig Schnittmengen von Ökonomie und Gesellschaft und versuchen, ökonomische Sichtweisen mit sozialwissenschaftlichen zu verbinden. Sie sind als Einführung in Problembereiche gedacht und bieten eine Übersicht zur jeweiligen Thematik. Wir hoffen, dass sie dazu anregen, weiter darüber nachzudenken und das wichtige Projekt einer transdisziplinären Sozioökonomie voran zu bringen.

Gerda Bohmann

Johanna Hofbauer

Johann August Schülein

[17]1 Sozioökonomie: Mulitdisziplinäre Perspektiven

Gertraude Mikl-Horke

Geld oder Leben. Reflexionen über Wirtschaft und Gesellschaft in Zeiten der Finanzmarktdominanz

Einleitung

In der Gegenwart stehen wirtschaftliche Probleme im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Dabei wird Wirtschaft vielfach als eine vom Leben abgehobene, weitgehend unverständliche, eigengesetzliche Sphäre wahrgenommen, die sich gegen die Gesellschaft gewendet zu haben scheint (Perret/Rostang 1993). Die Akteure in der modernen Wirtschaft gelten als rational und als erfolgreich, wenn sie sich an Finanzkennzahlen orientieren, hohe Kapitalrenditen erwirtschaften, Kursgewinne lukrieren und die Arbeitskosten durch „downsizing“ und Restrukturierung senken. Sucht man hingegen in Lehrbüchern, Lexika etc. nach Definitionen von Wirtschaft, wird auf Tätigkeiten zur Deckung von Bedürfnissen einer Gruppe von Menschen, zur Erhaltung des Lebens etc. verwiesen.

Zwischen beiden Perspektiven, der auf – in der Regel – gemeinschaftlich erstellte Leistungen zur Lebenssicherung der Gruppe und der auf Geldvermehrung um ihrer selbst willen, besteht kaum eine Gemeinsamkeit. Dieses Auseinanderfallen von zwei gegensätzlichen Zielen und Bedeutungen von Wirtschaft hat eine lange Tradition. Erst in der modernen, durch die Modellvorstellungen der Ökonomie geprägten, Sicht der Wirtschaft wurde diese Widersprüchlichkeit des Wirtschaftens zugunsten der Vorstellung von einer logischen Einheit, auf deren Grundlage die Bedarfsdeckung der Gemeinschaft harmonisch und effizient durch den Preismechanismus auf der Basis des Eigennutzens der Akteure bewirkt wird, aufgegeben. Dass die Widersprüche dennoch nicht aufgehört haben zu existieren, davon zeugen die immer wiederkehrenden Krisen und zyklischen Verläufe der modernen Wirtschaft.

Diese machen gerade in der Gegenwart deutlich, dass die in der Öffentlichkeit und in der Politik durch die moderne Ökonomie bestimmte Vorstellung von der nach einem einheitlichen Prinzip funktionierenden Wirtschaft nicht der Realität entspricht. Von empirischen Soziologen wurde zwar immer wieder die Realitätsferne der Verhaltensannahmen der Wirtschaftstheorie kritisiert, aber nicht[18] die eindimensionale Funktionslogik und deren historisch-politische Voraussetzungen hinterfragt. Daher muss das Wirtschaftsverständnis einer neuen Reflexion unterzogen werden, die einen Rückgriff auf vormoderne Konzeptionen erfordert. Damit wird auch die Sicht einer besonderen Spezifizität der „modernen“ Wirtschaft problematisiert zugunsten einer Auffassung, die die Kontinuität der realen wirtschaftlichen Entwicklung bei gleichzeitiger Diskontinuität des Denkens über Wirtschaft betont.

1 Vorstellungen von Wirtschaft von Aristoteles bis zur modernen Ökonomie

Die Reflexionsgeschichte der Wirtschaft lässt zwei formative Phasen erkennen: Die erste ist mit der griechischen Philosophie, vor allem in der klassischen Zeit Athens, verbunden, aber sie hatte Wirkungen bis weit in die Neuzeit hinein. Die zweite Phase einer grundlegenden Veränderung des wirtschaftlichen Denkens ist durch die Entstehung der modernen Ökonomie in der Neuzeit des Abendlandes gekennzeichnet.

1.1 Die zwei Künste der Wirtschaft: Haushaltung und Gelderwerb

Im „sokratischen“ Wirtschaftsdenken1 der klassischen Zeit Athens, insbesondere jenem Platons und Aristoteles’, kamen die Prinzipien einer noch überwiegend agrarischen Wirtschaftsform, vor allem aber die Gedanken über die Erfordernisse des Staatshaushalts der Polis, die ihrerseits als Verband von Hausverbänden gedacht wurde, zum Ausdruck (vgl. Mikl-Horke 1999: 61ff.). So hatte sich Platon wirtschaftlichen Fragen im Rahmen seiner Staatslehre zugewandt. Er entwickelte eine Systematik der Berufe, die er als Erwerbskünste bezeichnete. Diese unterschied er grundsätzlich von der hervorbringenden Kunst, die mit der Landwirtschaft identifiziert wurde. Diese ist die Hauptaufgabe der Bürger, wie Platon in dem Spätwerk Politeia meinte, wobei die tatsächliche Arbeit („ponos“) nicht von diesen selbst verrichtet werden soll. Die Erwerbskünste teilte Platon in erbeutende2 und austauschende, letztere weiter in Geschenketausch und Markttausch ein.

Aristoteles hielt der in seiner Zeit in Athen zunehmenden Orientierung an Geld und Gelderwerb, die er als „chrematistike“, als Bereicherungskunst bezeichnete, [19] das Ideal der „oikonomia“ entgegen. Während die „oikonomia“ darauf abziele, „alle jene Dinge zu beschaffen und zu bewahren, die für die Gemeinschaft in Haus und Staat zum Leben nützlich und notwendig sind“, gäbe es eine andere „Erwerbskunst, die man vorzugsweise und mit Recht als die Kunst des Gelderwerbes oder der Bereicherung bezeichnet. Sie ist schuld daran, dass man meint, es gebe für Reichtum und Besitz keinerlei Grenze“ (Aristoteles 1981: 17/18).

Damit werden zwei prinzipiell voneinander getrennte wirtschaftliche Betätigungen differenziert: Bedarfsdeckung, die auf Lebensunterhalt und Gemeinschaft gerichtet ist, und Bereicherung, welche primär mit dem Ziel des Gelderwerbs um seiner selbst willen verbunden ist. Sie werden aber als „Künste“ verstanden, sind damit nicht nur unterschiedliche in der Wirklichkeit wahrnehmbare Praktiken, sondern erfordern Eigenschaften und Kenntnisse und folgen damit auch spezifischen leitenden Prinzipien.

Der Reichtum kann aus der Erzeugung von Gütern für den Eigenbedarf, aber auch aus dem Tausch, der die Bedarfsdeckung zum Ziel hat, stammen, wie Aristoteles meint und dabei einen substanziell-materiellen Begriff des Reichtums verwendet. Jenem Reichtum, der durch Aktivitäten des Gelderwerbs zustande kommt, also in Geld besteht, steht er kritisch gegenüber, da dieser zu noch mehr Gelderwerb um seiner selbst willen anrege. Die Bereicherungskunst wird dann zu einer Bedrohung der Einheit der Polis, wenn sie nicht auf die materielle Reproduktion des Haushalts, sondern auf den Gelderwerb um seiner selbst willen gerichtet ist. Durch das grenzenlose Streben nach immer mehr Geld sieht er die Gemeinschaft durch die Verschärfung des Unterschieds zwischen reich und arm bedroht.

Tausch und Handel werden auch von Aristoteles als notwendig erachtet, aber wie bei Platon ist der Tausch („catallagé“) danach zu beurteilen, ob er der Bedarfsdeckung des Haushalts oder der Bereicherung, dem Gelderwerb, dient. Der Tausch wird von Aristoteles von den Prinzipien der verteilenden und der ausgleichenden Gerechtigkeit ausgenommen, er muss aber dem Prinzip der Gegenseitigkeit genügen, denn es geht um die Gleichwertigkeit der Dinge, für die das Geld als Wertmaßstab dient, und nicht um die der Personen. Der Tauschgerechtigkeit wird durch den Austausch von Äquivalenten Genüge getan. Damit hat Aristoteles eine bis auf den heutigen Tag grundlegende Sicht des wirtschaftlichen Tausches bestimmt: Die situativ begrenzte Aufhebung der sozialen, politischen und sonstigen Ungleichheit zwischen den Menschen im Tauschakt durch die Fokussierung auf die sachliche Ebene des Tausches von Dingen oder von Dingen gegen Geld, wobei die Gleichheit des Wertes der Austauschobjekte im Vordergrund steht, während die persönlichen und sozialen Unterschiede der Personen temporär ausgeklammert werden.

Die Wirtschaftsauffassungen von Platon und Aristoteles waren auf Sozialität, Politik und Ethik bezogen. Die „oikonomia“ ging daher über Fragen der materiellen[20] Bedarfsdeckung weit hinaus, umfasste Probleme der Organisation der Arbeit, der sozialen Beziehungen im Haushalt, der Aufgaben im Staat. Neben den ethisch-politisch orientierten Auffassungen gab es aber auch sehr pragmatische, vielfach an moderne Managementlehren erinnernde Abhandlungen wie den „Oikonomikos“ des Xenophon (vgl. Mikl-Horke 1999: 69ff.), der genaue Anweisungen und Regeln für die Organisation und Führung des Haushalts und der Hausgemeinschaft enthält.

Aristoteles’ „Entdeckung der Volkswirtschaftslehre“, wie Polanyi die Gedanken des griechischen Philosophen kommentierte (Polanyi 1979: 149ff.), beeinflusste über die Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie die Scholastik des Hochmittelalters. In den theologischen Disputen ging es um Fragen des „gerechten Preises“, um den Wucher und die freie oder die obrigkeitliche Festsetzung der Preise (vgl. Langholm 1992). Dies reflektierte die zunehmende Bedeutung von Handel und Geldwirtschaft inmitten einer agrarisch dominierten Wirtschaft und Gesellschaft. Dennoch blieb die Vorstellung einer vor allem an der Bedarfsdeckung des Haushalts orientierten Wirtschaft dominant; der „oikos“-Gedanke durchzog die sog. „Oeconomica“-Literatur und mündete schließlich in den merkantilistisch-kameralistischen Traktaten über die Fürstenwirtschaft der neuzeitlichen Staatenwelt (vgl. Mikl-Horke 1999: 221ff.; auch Otto Brunner in diesem Band).

1.2 Die politische Konstitution der klassischen Ökonomie

Unter den Bedingungen der Territorialisierung der Staatswesen und des Wettbewerbs der europäischen Staaten um die Beherrschung der Welt entstand ein „ökonomischer Nationalismus“ (Cameron 1989: 128ff.), der sich im Begriff der „Nationalökonomie“ bzw. auch der „Volkswirtschaft“ niederschlug. Während sich die Vorstellung der „oikonomia“ auf den Nationalstaat übertrug, gewannen innerhalb desselben die Kaufmannsschichten zunehmend an Bedeutung. In ihrem Aufstieg manifestiert sich die Tatsache, dass Reichtum immer mehr durch Handel, Gewerbe und Geldgeschäfte erzielt wurde und nicht mehr durch Eroberung, Krieg und Tributzahlungen.3 Gleichzeitig damit gingen die theologischen Dispute über Geldgeschäfte, Zinsen, Handelsgewinne etc. zurück bzw. wurden insbesondere in den protestantisch inspirierten Anschauungen im Sinne einer Arbeits- und Pflichtethik umgedeutet. Der Reichtumserwerb aus wirtschaftlichen Aktivitäten erfuhr dann insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert in England eine Legitimierung dadurch, dass Eigentum, etwa bei John Locke, durch Arbeit begründet wurde.

[21]In den politischen Konflikten im 17. Jahrhundert in England manifestierte sich der Widerspruch zwischen einer auf der Beziehung zum politischen Machtzentrum beruhenden Privilegien-„oikonomia“ und der auf Handel und Gewerbe gestützten Wirtschaft der Kaufleute. In diesem von politischen Umstürzen und Bürgerkriegen begleiteten Prozess erfuhren die redistributiven Strukturen eine De-Legitimierung, und es kam zu einer neuen Sicht der Funktionsweise der nun als „privat“ charakterisierten Wirtschaft, die durch Gewerbefleiß, Arbeitsteilung und Handel begründet wurde.

Die politisch-wirtschaftliche Transformation war durch eine kulturelle Umdeutung begleitet, wonach individuelles Erwerbsstreben als ethisch gerechtfertigt anerkannt und der Beitrag der Wirtschaftstreibenden zum „common wealth“ hervorgehoben wurde. Die Wirtschaft wurde damit als ein autonomes, von der Krone unabhängiges System von arbeitsteiligen Leistungen und Austauschhandlungen denkbar, was von den Vertretern der Handelskompanien auch explizit als Argument gebraucht wurde.4

Diese revolutionäre Idee fand dann im 18. Jahrhundert als Wissenschaft der Ökonomie ihren Ausdruck und ihre Anerkennung; sie erlaubte die Verknüpfung von Gemeinschaftszielen und Einzelinteressen durch den Markttausch arbeitsteilig erstellter Güter und Leistungen und ermöglichte solcherart die Harmonisierung der unterschiedlichen Prinzipien von Bedarfsdeckung der Gemeinschaft und individuellem Eigeninteresse in der Vorstellung einer einheitlichen, ineinander greifenden Leistungsgemeinschaft. Damit konnten die aristotelischen Widersprüche zwischen Bedarfsdeckung und Bereicherung zu einer Funktionseinheit verknüpft und das Erwerbs- und Bereicherungsstreben, das lange Zeit als ethisch fragwürdig galt, legitimiert und zur Basis für die Wohlfahrt der Gemeinschaft erklärt werden (Mikl-Horke 2008a: 14ff.).

Die Vorstellung der Wirtschaft als Funktionsmechanismus gründet somit in der soziopolitischen Transformation der Neuzeit als Befreiung von der Autorität der Herrscher. An deren Stelle trat die Idee der selbsttätigen Verknüpfung von Einzelinteressen und Gemeinwohl ohne ein übergeordnetes „Subjekt“, Gott, König oder Staat. Dies versprach individuelle Freiheit, Gleichheit – denn beim Tauschvertrag treten einander die Tauschkontrahenten als gleichrangige Parteien gegenüber – und Gerechtigkeit, da objektive, von begünstigenden Interventionen freie Faktoren selbsttätig zu Preisbildung und Marktgleichgewicht führen würden. Zum ersten Mal wurden schließlich auch von utilitaristischen Sozialphilosophen Gedanken[22] an das „Glück“ der Massen des Volkes verwandt. Die Ökonomie wurde daher noch immer ethisch zu begründen versucht.

Die Idee einer „invisible hand“ der vielen einzelnen Handlungen beeinflusste auch den Begriff der modernen Gesellschaft als von den Herrschaftsformen der Vergangenheit befreite Ordnung „von unten“, die durch einen nicht-autoritär funktionierenden Sanktionsmechanismus (Albert 1967), etwa durch Moral, Nachahmung oder soziale Kontrolle, erklärt werden konnte. Die Genese beider Begriffe, der „der Wirtschaft“ und der „der Gesellschaft“ sind daher über die sozialethisch-politische Konstitution und Konstruktion einer neuen Ordnung eng miteinander verbunden.

1.3 Die Reduktion der Wirtschaft auf die Logik des Warentausches und die Neutralisierung des Geldes

Bei Adam Smith ist von „Markt“ im späteren Verständnis aggregierter Angebotsund Nachfrage noch nicht die Rede; seine Auffassung baut auf Produktion und Arbeitsteilung und auf Tausch und Handel auf.5 Aber im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Begriff des Marktes rasant und schuf eine Sicht der Wirtschaft als durch ein einheitliches Prinzip beherrscht, was allerdings nur bedingt der Realität entsprach (vgl. Reddy 1984).6 Die einfache und bestechende Logik des Warentausches und die mechanistische Vorstellung vom Spiel von Angebot und Nachfrage wurden auch auf die fiktiven Waren Arbeit und Natur bzw. Grund und Boden ausgeweitet. In diesem Sinn hatte Karl Marx auch im Warencharakter der Arbeitskraft das besondere Merkmal des Kapitalismus gesehen, aber auch die Expansionskraft desselben im Sinn der Umwandlung von immer mehr materiellen und immateriellen Gütern in Waren festgestellt. In der neuen Wirtschaftstheorie aber wurde dies unterschiedslos der Logik des Warentausches untergeordnet. Wenngleich sich die drei als Gründungsansätze betrachteten Konzeptionen der „marginalist theory“ von William St. Jevons, Leon Walras und Carl Menger in vielen Punkten mit Ausnahme[23] des Grenzwert- bzw. Grenznutzengedankens unterschieden, war ihnen immerhin gemeinsam, dass sie von der Logik des Warentausches und der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage ausgingen und auch die Produktion vom Markt her betrachteten. Dem Geld wurde dabei nur eine instrumentale Funktion als Tauschmittel zuerkannt, es stellte kein eigenes Ziel der Handlungen und keine spezifische Dimension der Wirtschaft dar; es wurde als neutral betrachtet.

Das später als „neoklassisch“ bezeichnete Modell beruht zwar auf dem Grenznutzenkonzept, ist allerdings durch sehr restriktive und fiktive Annahmen wie vollkommene Konkurrenz, vollständige Information und stabile Präferenzen charakterisiert.7 Die Orthodoxie des neoklassischen Modells transformierte sich zwar auch durch diverse neue Entwicklungen, unter denen zunächst die spezifisch amerikanische neoklassisch-keynesianische Synthese, dann die „behavioral economics“ und die neo-institutionalistische Ökonomie hervorragten. Die Bandbreite der „herrschenden“ Auffassung erweiterte sich damit zur „Mainstream-Ökonomie“8, aber in ihrem Kern ist sie noch immer auf den Markttausch und die Preisbildung fokussiert bzw. erklärt wirtschaftliche Prozesse aus dieser Perspektive. Die individualistische Logik des Tausches, die weitgehend fiktiven Annahmen und die mathematische Formalisierung machte die Ökonomie unabhängig von Ethik, Gesellschaft und Staat. Die Wirtschaftstheorie wurde damit nicht nur von diesen bereinigt, sondern sogar soweit abstrahiert von der Realität, dass der Markt selbst als konkrete Struktur und Prozess und auch das Geld als eigene Gegenstände der Betrachtung ausschieden.

Durch die Reduktion der vorherrschenden Konzeption der Ökonomie auf die Marktpreistheorie wurde „der Markt“ als ein einheitliches Funktionsprinzip der modernen Wirtschaft verstanden und diese darauf reduziert. Die Ökonomie ist jedoch nur bedingt dafür verantwortlich, dass die abstrakt-fiktive Konstruktion der Wirtschaft vielfach für die Realität bzw. als typisch für die „moderne“ Wirtschaft[24] gehalten wird, denn zum einen haben die Wirtschaftstheoretiker stets den Unterschied zwischen ihrem Modell und der Realität betont, zum anderen ist das Feld der ökonomischen Auffassungen ein sehr weites und heterogenes. Die Ausstrahlung der Markt- und Preistheorie war allerdings sehr stark, ihre Bedeutung wurde durch die Vereinnahmung für die Zwecke der Politik9 gesteigert, und ihre akademische Verankerung als Kern der Ökonomie prägte die Ausbildung in den Wirtschaftswissenschaften; über diese ihre „performativity“ wurde die Wirtschaftstheorie weitgehend mit Ökonomie identifiziert und für die Vorstellung von der modernen Wirtschaft prägend (Callon 2007). In Öffentlichkeit und Medien, in der Politik und auch in den Sozialwissenschaften entwickelte sich das Bild „der modernen Wirtschaft“ sogar weitgehend unabhängig von so manchen kontroversen Erkenntnissen, die in der Ökonomie in ihren verschiedenen Formen und Richtungen inzwischen gemacht wurden. Gerade aus soziologischer Sicht ist es besonders wichtig, die Vorstellung der einheitlichen Logik der Wirtschaft zugunsten eines Verständnisses der Vielfalt der Formen, Strukturen und Logiken des Wirtschaftens aufzugeben.

2 Die Diversität der Wirtschaft

Die Vorstellung eines einheitlichen Prinzips, das die Wirtschaft als operativer Funktionszusammenhang durchwaltet, ermöglichte es, ihren jeweiligen Zustand und ihr Wachstumspotenzial mit formalen Methoden und quantitativen Indikatoren wiederzugeben. Das ist zwar als fiktive Reduktion aus logisch-analytischen Gründen legitim, sollte aber nicht mit der Realität verwechselt werden, denn dabei bleiben die reale Vielfalt der menschlichen Handlungsweisen, die kulturell und institutionell verschiedenen Organisationsformen und die unterschiedlichen Motive und Ziele, die Wirtschaft als eine der grundlegenden Dimensionen des Lebens der Individuen, ihrer Gemeinschaften und Staaten bestimmen, verborgen.

2.1 Vormoderne Wirtschaftsformen und der moderne Kapitalismus

Die Wirtschaftsgeschichte und die Kulturanthropologie, aber auch die historische Nationalökonomie, enthalten zahlreiche Hinweise auf die Differenziertheit und [25]Vielfalt der Wirtschaftsformen der Völker zu allen Zeiten. Insbesondere die ältere historische Schule der Nationalökonomie hat sich mit den Unterschieden der Wirtschaftsweisen beschäftigt, die als Stufen der kulturellen Entwicklung aufgefasst wurden. Karl Marx hat Wirtschaftsweisen und Gesellschaftsformen immer miteinander verbunden und sie als Unterschiede der Produktionsverhältnisse charakterisiert. Er differenzierte die ursprüngliche Produktionsweise, die antike Sklavenhaltergesellschaft, die asiatische Produktionsweise, die feudale Produktionsweise in der ständischen Gesellschaft und die kapitalistische Produktionsweise der modernen bürgerlichen Gesellschaft (Marx 1983). Die Stufentheorien wurden dann durch evolutionistische Auffassungen abgelöst und die Entwicklung der Gesellschaften und ihrer Wirtschaftsweisen im Sinn endogener soziokultureller Evolution gedeutet.10 Vielfach wirkte darin auch die Fortschrittsvorstellung der Aufklärung nach und führte dazu, dass die moderne Wirtschaftsweise als höchste Stufe der Entwicklung betrachtet wurde und vielfach noch wird. Die Differenzierung zwischen „vormodern“ und „modern“ hat zu einer Verzerrung der Sicht der ersteren Wirtschaftsweise geführt, die oft nur auf jene Elemente, die sie von den modernen Wirtschaften unterschied, reduziert wurde, und sie führt auch zu einer Täuschung über die reale Wirtschaft der Gegenwart, in der nur die typisch modernen Elemente wahrgenommen werden. Was sich daher wirklich verändert hat, das sind die Denkweisen über Wirtschaft, die theoretisch-abstrakten Formen ihrer Wahrnehmung. Diese sah Max Weber als idealtypische Ausprägung der modernen Kultur, was ihre Historisierung, aber auch ihre praktische Verallgemeinerung im Sinn des modernen Typus des rationalen Handelns bedeutete.11

Max Weber hatte den modernen industriellen Kapitalismus als ein Resultat des Rationalisierungsprozesses der abendländischen Kultur und die Wirtschaftstheorie als den entsprechenden Ausdruck begriffen. In historischer Sicht unterschied er, darin der langen Tradition des aristotelisch-scholastischen Denkens folgend, zwischen „Haushalt“ und „Erwerb“ (Weber 1958), wobei die Bedeutung des letzteren sich im Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung immer mehr verstärkte. Er erblickte solcherart eine historische Aufeinanderfolge von Haushaltswirtschaft und Erwerbswirtschaft, aber er war sich auch der Variationsbreite des Wirtschaftlichen bewusst, das er nach Maßgabe der Ziele, die verfolgt, und der Mittel, die eingesetzt wurden, differenzierte: Das „wirtschaftlich orientierte“, damit „seinem gemeinten Sinn nach an der Fürsorge für einen Begehr nach Nutzleistungen“ orientierte[26] Handeln kann in Hinblick auf die Ziele primär „wirtschaftlich“ oder aber primär an anderen Zwecken orientiert sein, wobei auf die wirtschaftlichen Folgen Bedacht genommen wird. Die Mittel können auf der friedlichen Ausübung von Verfügungsgewalt beruhen oder aber nicht-friedliche Handlungen umfassen. Damit trug Weber der Tatsache Rechnung, dass „Wirtschaft“ im Sinne von Erwerb über die Menschheitsgeschichte hinweg zu einem sehr großen Teil nicht friedlich erfolgte. Kriege und Eroberungen, Beute und Tributzahlungen waren die Hauptquellen für den Reichtum der Völker bzw. ihrer Herrscher. Auch heute kommt den Kriegen bzw. dem „militärischen Komplex“ und der Waffenindustrie große wirtschaftliche Bedeutung zu. Besonders wichtig für Webers Begriff der Wirtschaft war seine Differenzierung zwischen dem zwar primär wirtschaftlich orientierten, aber nicht planvoll gesetzten Wirtschaften, das er als traditional begriff, und dem zweckrationalen und planvollen „eigentlichen“ Wirtschaften, das er als typisch für die rationalen Wirtschaftssubjekte im modernen industriellen Kapitalismus erkannte (Weber 1985: 31ff.). Den Kapitalismus verstand er als Veralltäglichung der protestantischen Ethik und damit als eine in der praktischen Lebensführung der Menschen verankerte Kulturerscheinung, aber gleichzeitig als ein System der erwerbswirtschaftlichen Bedarfsdeckung in Form der Unternehmung mit Kapitalrechnung (vgl. Mikl-Horke 2011a: 37ff.). Damit differenzierte er neben Zielen und Mitteln auch die Form des Wirtschaftens; in der formalen rechnerischen Rationalität der großen Unternehmen sah Weber die spezifisch moderne Form des Wirtschaftens. Die Betonung von Sachlichkeit drückte sich auch in seinem Begriff der „Marktgemeinschaft“ als der unpersönlichsten menschlichen Lebensbeziehung aus, die auf zweckrationalem Handeln und der „Vergemeinschaftung“ durch den Konflikt der sachlichen Interessen beruhe (Weber 1985: 382ff.; vgl. Mikl-Horke 2010). Die um 1900 vorherrschende Sicht der modernen Wirtschaft als beherrscht von Rationalität, Unpersönlichkeit und Funktionalität manifestierte sich in zahlreichen anderen Werken der Zeit und prägte noch lange die Vorstellung von Wirtschaft als dem Reich der Vernunft und von Wirtschaftstheorie als Inbegriff rationaler Logik.

Karl Polanyi untersuchte die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Wirtschaftsdenken in historisch-anthropologischer Sicht und erkannte, dass die moderne Markttheorie nicht auf vormoderne Gesellschaften übertragbar ist. In diesen, so meinte er, sei die Wirtschaft in die sozialen, religiösen und politischen Strukturen der Gesellschaft „eingebettet“, während sie in der modernen Gesellschaft aus diesen herausgehoben sei; die „entbettete“ Wirtschaft sei daher mit der Nationalökonomie identisch, da diese die Wirklichkeit der modernen Wirtschaft reflektiere. Polanyi unterschied zwischen der sachlich-materiellen Bedeutung von Wirtschaft, die sich auf den Lebensunterhalt beziehe, und ihrer formalen Bedeutung, die sich aus der Zweck-Mittel-Logik ableite. Sach- und Formalbedeutung[27] von Wirtschaft, so schloss Polanyi, fielen in der Moderne zusammen. Diese Trennung zwischen der eingebetteten vormodernen Wirtschaft und der entbetteten modernen Wirtschaft führte dazu, dass Polanyi von der Absenz von Markt und auch von individuell-rationalem Denken in den vormodernen Wirtschaften ausging. Vormoderne Wirtschaftsweisen waren in seiner Sicht durch Haushaltung, Reziprozität (also auf Gegenseitigkeit beruhende Tauschprozesse) und Redistribution (durch eine zentrale Herrschaft bestimmte Verteilung) charakterisiert, in der modernen Wirtschaft hingegen dominiert der Markttausch. Für seine Zeit erhoffte Polanyi die Wieder-Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft im Zuge einer „Great Transformation“ (Polanyi 1977), die allerdings nur über politische Konflikte und die institutionelle und kulturelle Konstitution einer neuen Ordnung erfolgen könne, in der der Markttausch durch die anderen Prinzipien des Wirtschaftens wie Haushaltung, Reziprozität und Redistribution ergänzt werde (Beckert 2006).

2.2 Räume, Strukturen und Systeme der Wirtschaft

Die dominierende Vorstellung von der modernen Wirtschaft als Marktwirtschaft verdeckte die Tatsache, dass auch in dieser immer mehrere Prinzipien des Wirtschaftens wirken. Zu jeder Zeit und in jeder Kultur sind stets gleichzeitig verschiedene Wirtschaften und wirtschaftliche Logiken vorhanden. Wohl kaum jemand hat es jedoch so vermocht, die lebendige Vielfalt des Wirtschaftens begreifbar zu machen wie Fernand Braudel in seiner dreibändigen Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts (Braudel 1986). Darin zeigte er nicht nur die verschiedenen Formen, wie die Menschen ihren Lebensunterhalt sicherten, Güter tauschten und Handel betrieben, er differenzierte auch drei Ebenen der Wirtschaft in dieser Epoche: Die alltäglichen wirtschaftlichen Handlungen der Menschen in ihren unmittelbaren Lebensräumen kennzeichnete er als „materielles Leben“. Die zweite Ebene ist die des Handels und der Märkte, die sich im Leben der Völker zu allen Zeiten fanden und Räume, Herrschaftsbereiche und Kulturen miteinander verbanden. Insofern gab es immer schon „globale“ Märkte, die allerdings sehr unterschiedliche historische Formen aufwiesen. Den Kapitalismus verstand Braudel als Sphäre der Geld- und Kapitalkonzentrationen, die er von der Marktwirtschaft deutlich unterschied. Die „Biographie des Kapitals“ hat eine lange Geschichte und ist durch ständigen Wandel charakterisiert, hat seinen Charakter von Geld- und Finanzbewegungen aber stets beibehalten (Braudel 1986: 695ff.).

Auf die Räume und deren Strukturierung hat auch Wallerstein hingewiesen. Er zeigte die Entstehung von arbeitsteiligen Abhängigkeiten und soziopolitischen Ungleichheiten zwischen Staaten, Regionen und Randzonen im Prozess der Herausbildung des europäischen Kapitalismus, der die Weltwirtschaft durch unterschiedliche Stärke und Macht der einzelnen Staaten des Kerns, der Semiperipherie[28] und der Peripherie funktional und geografisch strukturierte, auf (Wallerstein 1995). Zu einer Einheit wurde die Weltwirtschaft daher nur insoweit, als ihr die Macht der „core states“ ihren Stempel aufdrückte.

In der Ökonomie war die Rolle des Staates ausgeklammert bzw. ein allen realen Gegebenheiten widersprechender Gegensatz zwischen Markt und Staat konstruiert worden.12 Die Diskussionen waren ideologisch begründet und insbesondere durch die Entstehung realsozialistischer Zentralverwaltungssysteme ausgelöst. Erst in neo-institutionalistischen Ansätzen wurde zumindest wieder auf die institutionellen Rahmenbedingungen als Voraussetzungen marktwirtschaftlicher Effizienz Bezug genommen. Die in der Realität immer gegebene wirtschaftliche Rolle des Staates13 und die Unterschiede seiner tatsächlichen Bedeutung in Bezug auf die Regulierung der Wirtschaftstransaktionen bzw. die eigene Wirtschaftstätigkeit führten zur Konstruktion von Wirtschaftssystemen als unterschiedlichen Konstellationen von „Staat“ und „Markt“ und zu den kontroversen Diskussionen über „Staatsversagen“ und „Marktversagen“ sowie im Gefolge des Abdankens des realen Sozialismus als ein konkurrierendes Wirtschaftssystem zur Erkenntnis der „varieties of capitalism“ (Hall/Soskice 2001). Diese lassen sich aber nicht nur in liberale und koordinierte Marktwirtschaften differenzieren, sondern jedes staatliche Wirtschaftssystem weist ganz spezifische organisatorische, strukturelle und institutionelle Merkmale und deren Verbindungen auf (Whitley 2000). Erneut wurde erkannt, dass Wirtschaft auch durch unterschiedliche kulturelle Traditionen von Denk- und Verhaltensmustern und Normen bestimmt ist und dass institutionelle Regeln, organisatorische Strukturen und die Bedeutung wirtschaftlichen Handelns sowohl kulturell-historische als auch politisch-strategische Variabilität aufweisen.

Die Bedeutung von wirtschaftlicher Entwicklung, Kultur und staatlicher Verwaltung zeigt sich auch in den Differenzen des Ausmaßes und der Rolle des sogenannten informellen Sektors. Dieser wird meist dadurch definiert, dass er in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung keinen Niederschlag findet. In den Regionen der Welt, in denen die staatliche Verwaltung wenig effizient ist, nimmt diese informelle Wirtschaft einen großen Umfang ein, wobei es vielfach um das Überleben sichernde Selbsthilfe angesichts eines schwachen Staates geht. Aber auch in den entwickelten Industrienationen ist ihre Bedeutung gewachsen; das[29]hat einerseits mit der Aufwertung der sogenannten Zivilgesellschaft zu tun, andererseits mit der Tatsache, dass es auch hier eine steigende Zahl von notwendigen Aufgaben gibt, für die der Staat nicht mehr durch die Bereitstellung öffentlicher Güter aufkommen kann oder will.

Der zivilgesellschaftlich organisierte „Dritte Sektor“ neben Staat und Markt wird in der Gegenwart angesichts des Rückzugs des neoliberalen Staates aus sozialen Agenden, der Staatsverschuldung und der Finanzmarktorientierung der Privatwirtschaft als ein wichtiger Teil der Wirtschaft anerkannt. Daher haben die „weißen“ Bereiche der Nachbarschaftshilfe und der Freiwilligenarbeit an Bedeutung gewonnen, aber auch die „grauen“ bzw. „schwarzen“ Aktivitäten der Steuervermeidung, der Geldwäsche, der „schwarzen“ Geschäfte, der Schwarzarbeit, der Eigentums- und Wirtschaftskriminalität haben zugenommen (vgl. auch Schülein in diesem Band). Auch in der informellen Wirtschaft gibt es Markttausch und Geld spielt eine wichtige Rolle; daneben zeigen sich aber reziprozitäre und solidarische Formen der Wirtschaft.

2.3 Rationalitäten des Wirtschaftens

Das Denken in den Gegensätzen von Markt und Staat hat einen weiten Bereich der Wirtschaft ausgeklammert, der mit verschiedenen, nicht vollkommen identischen Ausdrücken wie Gemeinwirtschaft, Non-Profit-Wirtschaft, Dritter Sektor, Solidarwirtschaft oder auch Sozialwirtschaft beschrieben wird. Damit sind Teilbereiche der realen Wirtschaft gemeint, die nicht zum Zweck der Gewinnerzielung, sondern zur Förderung des Gemeinwohls oder der solidarischen Hilfeleistung, Daseinsvorsorge etc. unternommen werden. Ihre Wurzeln sind vielfältig und gehen weit zurück: auf die Sozialpflichtigkeit des Einkommens in den scholastischen Lehren, auf religiöse Traditionen und auf Sozialenzykliken der Päpste, auf den Mutualismus der handwerklichen und beruflichen Assoziationen, auf frühe Verpflichtungsübernahmen der dynastischen Wohlfahrtsstaaten der Neuzeit, auf die aus den Diskussionen um die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts entstandene Sozialpolitik, auf verschiedene ideologische oder ethische Ansätze des Sozialismus, Solidarismus etc. (vgl. auch Bohmann in diesem Band). Die „Gemeinwirtschaft“ wurde vielfach von liberalen Ökonomen im Sinne des Sozialismus interpretiert (Mises 1922). Die Wende weg vom Staat hin zum Markt hat auch in diesem Bereich Veränderungen mit sich gebracht. In der Zeit des Wohlfahrtsstaates handelte es sich um staatliche oder durch staatliche Beteiligung charakterisierte, gewerkschaftliche und/oder genossenschaftlich organisierte Aktivitäten, in der Epoche der Privatisierung zählen dazu vor allem selbstorganisierte, nicht gewinnorientierte Organisationen mit sozialem Dienstleistungscharakter, die als „non-governmental organizations“ auftreten. Die Finanzierung erfolgt über Spenden und Subventionen[30] des Staates, der nun nicht mehr als Eigentümer auftritt. Da Steuermittel in diesen Bereich fließen, wird daher neben den Zwecken der sozialen Hilfe etc. auch der Nachweis der Effizienz betont, da die Steuermittel nicht verschwendet werden sollen. Waren diese Aktivitäten bisher in der Hauptsache auf den Bereich des einzelnen Nationalstaates bezogen, so weitet sich gegenwärtig die Diskussion darüber in Richtung auf „transnationale Solidarität“ (Beckert et al. 2004) aus.

Die Zielsetzungen und Strategien, die privatwirtschaftliche Unternehmen verfolgen, können jedoch auch sehr unterschiedlich sein, selbst wenn Gewinnerzielung als ihre notwendige Zwecksetzung angenommen wird. Nicht nur sind die objektiven Bedingungen für multinationale Konzerne, Klein- und Mittelbetriebe, Familienbetriebe, Sole-Selbstständige etc. in Bezug auf Branche, Region, Finanzkraft und Eigentümerstruktur sehr verschieden, auch die Ziele und Strategien sind kaum miteinander vergleichbar, jedenfalls nicht durch ein einheitliches Prinzip der Rationalität zu bestimmen. Auch unter den Bedingungen der Globalisierung der Finanzmärkte verfolgen nicht alle Unternehmen Strategien der „shareholder value“-Maximierung. Unternehmen sind soziokulturelle Gebilde, die verschiedene Zielsetzungen, Werte, Normen und Strukturen aufweisen, und ihrerseits in einen spezifischen politisch-kulturellen Kontext eingebettet sind, der sich auch in Veränderungsprozessen manifestiert. So etwa lässt sich das nur zögernde Abgehen von den Prinzipien der „employee-favouring firm“ (Dore 2000) in japanischen Unternehmen seit den 1990er Jahren nicht einfach als kulturell bedingte Irrationalität erklären, sondern muss im Sinn einer anderen Rationalität verstanden werden. Denn Rationalität ist ebenfalls kulturell, sozial und politisch bestimmt; was in einem Kontext rational ist, muss es in einem anderen nicht sein. Ebenso differiert die Rationalität auch innerhalb eines Systems in verschiedenen historischen Epochen oder Phasen ihres Entwicklungsprozesses. So zeigten etwa die „governance“-Strategien der großen Unternehmen immer wieder eine Veränderung. Selbst in den USA waren Unternehmen nicht immer reine Instrumente zur Gewinnmaximierung (vgl. Fligstein 1990). Die Rationalität der Unternehmensstrategien in der Epoche des Wohlfahrtsstaates ist anders zu beurteilen als in der Folge ihrer Finanzialisierung unter den Bedingungen der Dominanz der Geld- und Kapitalmärkte.

Das Handeln der Unternehmen als typisch rationale Wirtschaftsakteure ist kulturell, politisch und institutionell „eingebettet“; es ist daher nicht durch eine einheitliche Rationalität oder Logik zu erklären. Das zeigt sich insbesondere aufgrund der Einbettung in Beziehungsnetze, die gleichzeitig funktional und persönlich sind. Soziale Netzwerkstrukturen spielen über die funktionalen, personellen und kapitalmäßigen Verflechtungen hinaus eine große Rolle; auch den sozialemotionalen Faktoren der Unternehmensleiter kommt Bedeutung für das Handeln der Unternehmen im Markt zu. Doch sind dies nicht nur irrationale Störfaktoren im „normalen“ rationalen Handeln, denn sie sind rational in zweierlei Hinsicht: Zum[31] einen im instrumentellen Sinn, indem sie den Wirtschaftserfolg durch Sozialkapitaleinsatz aufgrund der Netzwerkbeziehungen günstig beeinflussen können, und zum anderen, weil soziale Beziehungen eine Eigenwertigkeit auch im Wirtschaftsleben darstellen. Das Markthandeln der Unternehmen ist sowohl durch „ökonomisch-rationale“ als auch durch soziale Aspekte bestimmt, die aber ihre eigene Rationalität besitzen. In einer Vielzahl von Studien konnte gezeigt werden, dass soziale Motive und soziale Netzwerke wichtige Aspekte des Marktgeschehens darstellen, die das Wirtschaftsergebnis beeinflussen, „Sozialkapital“ zur Erlangung von Nutzenzuwächsen darstellen, aber auch eine eigenständige Wertigkeit in Geschäftsbeziehungen besitzen, und dass kooperative Beziehungen zwischen Unternehmen in Märkten genauso existieren wie Konkurrenz (Granovetter 1985, 2002, 2005).

Solidarisches Handeln hat in der Gegenwart auch in der Wirtschaft bzw. in wirtschaftlich relevanter Hinsicht eine nicht zu unterschätzende Bedeutung; in vielen Fällen, wie etwa bei Spenden und Sponsoring, verbindet es sich auch mit instrumentellen Aspekten, aber kann nicht allein darauf reduziert werden. Auch ethisch motivierte Markttransaktionen haben verstärkte Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so dass sogar eine Moralisierung der Märkte festgestellt wurde (Stehr 2007). Sogar in Kapitalmärkten können unterschiedliche Ziele vorherrschen, wenn Anleger bewusst in bestimmte Entwicklungen, Branchen, Unternehmen, Produkte investieren, die sie für die Allgemeinheit, die Umwelt etc. als wichtig erkennen.

Rationalität in der Wirtschaft kann nicht mit einer eindimensionalen „ökonomischen“ Zweckrationalität begründet werden. Wenn man die Logik von Kosten und Nutzen zugrunde legt, muss zumindest festgestellt werden, dass Kosten und Nutzen inhaltlich-sachlich sehr unterschiedlich zu interpretieren sind, nicht notwendig monetären Ausdruck annehmen müssen und auch wertrational gedeutet werden können. Wie Weber zum Ausdruck brachte, ist die materiale Rationalität des Wirtschaftens sehr vielfältig begründet, da sich zusätzliche wertende Forderungen an die Ergebnisse des Wirtschaftens richten. Diese können „ökonomisch“ am Gewinn oder allgemeiner an ökonomischen Chancen orientiert sein, aber sie können auch ethischer, politischer, utilitaristischer, ständischer, egalitärer Natur sein (Weber 1985: 45). Vielfach sind wirtschaftliche Handlungen durch eine Mehrzahl von Motiven und Zielen bestimmt, und Rationalität entsteht durch die Abstimmung zwischen ihnen auf der Grundlage der Möglichkeiten und Verfügbarkeiten.

In den Vorstellungen über Wirtschaft und ihre Rationalität herrscht allgemein eine pro-aktive Tendenz, d.h. eine Tendenz, Wirtschaft und wirtschaftliches Handeln als „produktiv“, „effizient“ etc. zu verstehen. Diese Erwartung hat ihren Ursprung in dem inhärenten Harmonismus der Ökonomie und wird auch durch die Annahme von Opportunismus in Bezug auf die Handlungsmotive der „agents“[32] nicht erschüttert. Die Illusion der Effizienz und Rationalität der modernen Wirtschaftsweise verdeckt die Tatsache, dass es gerade diese Effizienz und Rationalität sein können, die negative bzw. destruktive Effekte haben können. Diese werden in der Ökonomie zwar in Begriffen wie „soziale Kosten“ oder „externalities“ ausgedrückt, womit die Kosten, die der Allgemeinheit durch die privatwirtschaftliche Tätigkeit erwachsen, gemeint sind (Kapp 1963). Meist sind damit die Schädigung der Umwelt, die Vernichtung von Rohstoffen, die Vergeudung von Ressourcen gemeint. Aber auch die kulturellen und sozialen Folgen, die mit unterschiedlichen Weisen, Wirtschaft zu verstehen und zu betreiben, verbunden sind, müssen berücksichtigt werden (Mikl-Horke 2008a: 184ff.). Wirtschaft, die an der Beseitigung von Mangel und Armut, an der Wohlfahrt der Menschen und der Verbesserung des Lebens für die weniger Begünstigten orientiert ist, hat andere ethisch-kulturelle Folgen und strukturell-institutionelle Wirkungen für die Gesellschaft als eine Wirtschaftsweise, die durch die Macht- und Reichtumsinteressen einer Elite oder Nomenklatura bestimmt wird bzw. durch die Kriterien der Maximierung der Gelderträge und der Kapitalrenditen gesteuert wird. Gegenwärtig verweist die „andere“ Ökonomie (Bataille 1985), die Ökonomie der Verschwendung und Destruktion, auf die schon von Aristoteles erkannte Destruktivität der auf die grenzenlose Vermehrung der Gelderträge gerichteten Bereicherung.

3 Die Wirtschaft des Geldes und die Zyklen des Kapitalismus

3.1 Geld – Medium oder Selbstzweck?

In der Wirtschaftstheorie wurde vom Geld weitgehend abgesehen; dieses wurde als reines Tauschmedium und als Recheneinheit betrachtet. Soweit es als Institution begriffen wurde (Menger 1871), wurde es als Resultante des Zusammenwirkens der Tauschhandelnden erklärt.14 Als Tauschmedium ist es kein Gut, auf das sich Bedürfnisse richten, und hat keinen eigenen Wert, denn dieser wird bestimmt durch die Gütermenge, die gehandelt wird. Es benötigt keine stoffliche Form oder Substanz, denn Geld ist Kaufkraft bzw. ein durch Leistungen erworbenes Anspruchsrecht auf Gegenleistungen, d.h. auf unbestimmte Güter, die zukünftig [33]damit gekauft werden können, weshalb Geld auch Kredit in sich birgt. In der Wirtschaftstheorie ist das Geld neutral, es richten sich keine speziellen Zwecke darauf, denn es geht um die Güter bzw. die Waren, weshalb – in der Theorie – die Geldmenge immer nur so groß sein kann wie die Gütermenge. Damit ging die Wirtschaftstheorie hinter Aristoteles zurück, der den Gelderwerb als Selbstzweck und als eigenständige Kunst charakterisiert hatte.

Die staatliche Theorie des Geldes ging hingegen davon aus, dass Geld erst durch staatliche Setzung und Annahmeverpflichtung entsteht; dies ermöglicht insbesondere die Zahlungsfunktion und die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Durch politische Entscheidungen bzw. die Interventionen von Notenbanken kann es daher über das durch die Gütermenge bestimmte Volumen hinaus zur Regulierung der Geldmenge kommen. Das Währungsgeld kann durch politisch bestimmte Auf- und Abwertung bzw. durch Zinssenkungen oder -steigerungen von Kreditgeld auch zur Kontrolle und Steuerung des Verhaltens verwendet werden. Im Lauf der Geschichte zeigte sich gerade der Charakter des Geldes als Währung als eine oftmals sehr unsichere Sache.15 Vertrauen in Bezug auf die Akzeptanz des Währungsgeldes und auf den Geldwert ist daher von besonderer Wichtigkeit, damit das Geld seine Funktionen erfüllen kann.

Den Charakter des Geldes als Währung betonte auch Keynes und hob dessen Funktion als Vermögensform für die Wertaufbewahrung und die Kreditfunktion hervor. Er hatte alte Geldformen erforscht und kam zu der Überzeugung, dass nur der in Kontrakten vereinbarte Standard für die Schuldtitel, also die Währung, Geld darstellt. Daher definierte er Geld durch die Gläubiger-Schuldner-Beziehung und den Bezug der Kreditkontrakte auf den Währungsstandard (vgl. Riese 1983). In der Folge wurde in manchen ökonomischen Auffassungen die Zahlungsfunktion des Geldes als ultimatives Medium der Kontrakterfüllung hervorgehoben. Das Halten und Aufgeben von Geld lässt in dieser Sicht erst die Tauschbeziehung und die Dynamik der Wirtschaft entstehen.

Rituelle, sakrale und magische Funktionen des Geldes als Prestigeobjekt im Geschenktausch, als Opfergeld bzw. als Fetisch wurden mit Bezug auf frühe Wirtschaftsformen hervorgehoben (Godelier 1993). Dabei spielte die stoffliche Form des Geldes durchaus noch eine Rolle; der Bezug auf den Markttausch in der modernen Geldwirtschaft rückte hingegen die Unbestimmtheit des Geldes, das keine materiell-substanzielle Form mehr besitzen muss, in den Vordergrund. Aber das Geld hat auch in der modernen Geldwirtschaft noch symbolische Bedeutung. Simmel charakterisierte es in seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) als symbolischen Ausdruck der Tauschrelation und behandelte seine Bedeutung für die Individuen, die sozialen Beziehungen und die Kultur. Geld wurde für ihn zum Symbol der[34] Form der modernen Gesellschaft, die durch Versachlichung, Rationalisierung und Formalisierung bestimmt sei. Damit drückte auch Simmel die zu seiner Zeit so starke Überzeugung von einem epochalen Wandel, der einer durchrationalisierten „modernen“ Zivilisation zum Durchbruch verhilft, aus. Die Wirtschaftstheorie mit ihrer Betonung der Zweckrationalität und ihren formalen Ausdrucksmitteln quantifizierender Abstraktion wurde daher als Zeichen der Zeit verstanden. Das Geld formalisiert die Beziehungen, fördert die individuelle Freiheit von Bindungen, schafft aber auch neue sachliche Abhängigkeiten. Aber Simmel sah nicht nur die kulturelle Bedeutung der Geldwirtschaft und den Charakter des Geldes als soziales Interaktionsmedium, sondern erkannte auch, dass das Geld zum End- bzw. Selbstzweck wird, indem sich die menschlichen Strebungen verändern hin zur Dominanz individualistischer, erwerbsorientierter Motive (vgl. Mikl-Horke 2011b: 192).

In der Soziologie wurde die Funktion des Geldes als Interaktions- und Kommunikationsmedium hervorgehoben. Parsons/Smelser (1956) definierten Geld als das typische Medium der Interaktion im gesellschaftlichen Subsystem der Wirtschaft; allerdings bewirken die Austauschprozesse zwischen den funktional ausdifferenzierten Subsystemen, dass Geld auch in anderen Bereichen der Wirtschaft Bedeutung zukommt. Coleman (1990) verstand Geld als Austauschmedium, das im Markt Freiheits- und Gleichheitschancen verleiht und daher auch in der Gesellschaft für individuelle Freiheit und Machtgleichgewicht steht. Durch den Markt werde das Geld von seinem sozialmoralischen Makel als Mittel der Reichtumsakkumulation oder der Profitmaximierung befreit. Daher suchte er nach analogen Instrumenten in anderen Bereichen, die etwa als „political money“ ähnliche Funktionen im politischen System erfüllen könnten.

Geld als Zahlungsmittel steht im Mittelpunkt von Luhmanns Definition der Wirtschaft, die als sinnhafte Reduktion der Komplexität der Welt auf monetäre Prozesse gedeutet wird. Durch die Generalisierung des Geldes als Medium der wirtschaftlichen Kommunikation werden alle Vorgänge in der Wirtschaft auf einen Geldausdruck reduziert. Werte, Zwecke, Normen, Rationalitätskriterien werden in der Wirtschaft auf das Geld hin formuliert und dies bestimmt, was als „wirtschaftlich“ gilt und schließt aus, was als „nicht-wirtschaftlich“ angesehen wird.

Geld beweist damit die Fähigkeit der kommunikativen Konstruktion und kontinuierlichen Reproduktion von Wirtschaft als funktional ausdifferenziertes System der Gesellschaft, indem die Zahlungen als spezifische Elemente der Wirtschaft deren Differenz zu anderen Systemen begründen (Luhmann 1988: 137). Würden keine Zahlungen mehr erfolgen, dann würde die Wirtschaft aufhören, als ausdifferenziertes, funktional autonomes, autopoietisches System zu existieren. Durch die Konzentration auf Zahlungen als den Elementen des Wirtschaftssystems werden die Banken und der Geldmarkt ins Zentrum der Deutung von Wirtschaft gerückt. [35]Dadurch wird die Geschwindigkeit der Wirtschaft erhöht, da Geld ein Mittel zur Vereinfachung und Beschleunigung von Entscheidungen darstellt (Baecker 1993: 286).

Aber die Bedeutung des Geldes beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft, denn dadurch, dass Geld für die Erfordernisse der Organisationen in allen Subsystemen der Gesellschaft notwendig ist, wird Geld zu einem effektiven Instrument der Kontrolle und Steuerung in allen Funktionsbereichen. Durch diese Abhängigkeit von Zahlungen entsteht das Risiko, dass Gesellschaft sich in Wirtschaft transformiert.16 Allerdings ruft dieses Risiko wieder eine Reaktion in den anderen Bereichen hervor, die ihre funktionale Autonomie gefährdet sehen. Diese kritische Reaktion kann auf die Wirtschaft selbst zurückwirken und diese sensibilisieren für die Folgen der Ökonomisierung auf Gesellschaft und Umwelt.