Spaltung – Ambivalenz – Integration -  - E-Book

Spaltung – Ambivalenz – Integration E-Book

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Beschreibung

Spaltung, Ambivalenz und Integration werden als relevante Formen psychischer Verarbeitungsprozesse und Abwehrmechanismen in der klinisch-therapeutischen und psychosozialen Arbeit anhand zahlreicher Fallbeispiele und aktueller sozialer und gesellschaftlicher Herausforderungen (Altern, Migration) diskutiert. Deutlich wird, dass innerseelische Spaltungsprozesse, die Entwicklungsfortschritte oft blockieren, in schwierigen Entwicklungsphasen zeitweise überlebensnotwendig sein können. Das Phänomen der Ambivalenz, alltagssprachlich oft als Ausdruck von Schwäche gedeutet, erweist sich als eine konstruktive Fähigkeit. Es geht hier um die Entwicklung von Toleranz gegenüber Ungewissheit und Uneindeutigkeit und um den Umgang mit gegenläufigen Gedanken, Gefühlen und Verhaltenstendenzen. Die Fähigkeit zur Integration von Widersprüchlichkeit kann als Maßstab für Therapieerfolg und als Zeichen psychischer Gesundheit und seelischer Reife verstanden werden.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Beiträge zur Individualpsychologie

Band 45:

Pit Wahl (Hg.)

 

Spaltung – Ambivalenz – Integration

Pit Wahl (Hg.)

Spaltung – Ambivalenz –Integration

Mit 2 Abbildungen und 3 Tabellen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

© 2019, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Ausschnitt aus dem Bild: »Aufgehender Mond« vonMarion Wübbold (1986), Privatbesitz

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 0722-8902

ISBN 978-3-647-99902-9

Inhalt

Vorwort

Andreas Kruse

Die Individualpsychologie Alfred Adlers aus der Perspektive der biografisch orientierten Alternsforschung

Manfred Gehringer

Figuren der Spaltung in Kunst und Psychotherapie

Patrick Meurs, Corinna Poholski, Constanze Rickmeyer und Judith Lebiger-Vogel

Die Anziehungskraft des Extremen in Zeiten der Wandlung und Wanderung: Islamische Radikalisierung aus einer psychoanalytischen Perspektive

Monika Huff-Müller

Ambivalenzfähigkeit: Eine neue Herausforderung in Therapie und Gesellschaft?

Susanne Freund, Fiona Kosovac und Anna Mayer

Wer sind wir innerhalb der DGIP – und wenn ja, wie viele?

Insa Fooken

Spaltung, Integration oder: Die »Kraft der Unklarheit« und »Sensibilität gegenüber dem Ambivalenten«?

Anna Zeller-Breitling

Zwischen zwei Identitäten – auf der Suche nach Integration

Reiner Winterboer

»Ich schiebe Sie mal an« – zur Integration von agierten Gegenübertragungsimpulsen: Abstinent sein und doch handeln

Norbert Winkler

Flussfahrt zwischen Chaos und Rigidität. Bedeutung der Interpersonellen Neurobiologie für die Psychoanalyse

Regine Kroschel

Menschen in der DGIP. Interview mit Gisela Eife

Die Autorinnen und Autoren

Personenverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Vorwort

Mit den Konzepten Spaltung, Ambivalenz und Integration wurden bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie 2018 in München psychische Verarbeitungs- bzw. Abwehrmechanismen diskutiert, die im klinisch-therapeutischen Diskurs eine zentrale Rolle spielen. Die genannten hypothetischen Konstrukte sind gleichermaßen geeignet zur Beschreibung innerseelischer Phänomene wie auch zur Erfassung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse. Dabei sind die (psycho)dynamischen Prozesse, um die es hier geht, in ihrer Wertigkeit weder stets eindeutig positiv noch negativ konnotiert. Auch bildet die im Titel der Tagung gewählte Reihenfolge der Begriffe nicht per se eine wertende Rangreihe im Sinne ihrer Bedeutsamkeit oder Valenz ab: Innerseelische Spaltungsprozesse können in bestimmten Entwicklungsphasen oder in besonders kritischen, trauma-affinen und belastenden Situationen für Menschen durchaus positiv und überlebensnotwendig sein, in anderen Kontexten aber Entwicklungsfortschritte behindern oder blockieren. Aber auch die anderen beiden Konzepte, Ambivalenz und Integration, entziehen sich bei genauer Betrachtung einer vorschnell einseitigen Bewertung.

Dabei gilt insbesondere Ambivalenz als vielschichtig. So wird alltagspsychologisch eine ambivalente seelische Befindlichkeit oft durchaus kritisch betrachtet – z. B. als Ausdruck von Unentschlossenheit oder (unreifer) Willensschwäche –, wohingegen innerhalb soziologischer, tiefenpsychologischer und analytischer Theorien Ambivalenz eher als Ausdruck der Fähigkeit zur Wahrnehmung und Akzeptanz von Uneindeutigkeit bewertet wird, d. h. als Zeichen psychischer Gesundheit und seelischer Reife. So kann man davon ausgehen, dass Ambivalenztoleranz wie auch generell die Fähigkeit zum Ertragen und zur Integration von in sich widersprüchlichen oder gegenläufigen Gedanken, Gefühlen und Impulsen ein guter Maßstab für die Beurteilung von Therapieerfolg sind.

Die im vorliegenden Tagungsband zusammengetragenen Beiträge beschreiben die drei psychischen Mechanismen der Spaltung, Ambivalenz und Integration als relevante Formen psychischer Verarbeitungsprozesse und Abwehrmechanismen, die in der klinisch-therapeutischen und psychosozialen Arbeit geeignet sind, Menschen und ihre Selbstwerdungs- wie auch Gesundungsprozesse zu erkennen, zu verstehen und zu fördern. Die Zugänge zum Thermenschwerpunkt erfolgen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven:

Andreas Kruse geht von den Prämissen einer biografisch orientierten Alternsforschung aus und würdigt dabei den Beitrag der Adler’schen Individualpsychologie vor allem auch für die Lebensphase des hohen Alters. Er begründet, dass und warum Adlers Theorieentwürfe auch heute noch zu einem vertieften Verständnis seelischer Konflikte beitragen und Antworten geben auf aktuelle Fragen, die sich im Zusammenhang mit den gesellschaftlich veränderten Bedingungen und Herausforderungen im menschlichen Lebens- und Alternsvollzug stellen. Er interpretiert und konkretisiert verschiedene von Adler entwickelte und verwendete Denkfiguren und Begriffe – wie etwa den des Gemeinschaftsgefühls –, indem er sie unter dem Aspekt der Selbstgestaltung, Weltgestaltung, Wertverwirklichung und Sinnerfahrung untersucht.

Manfred Gehringer nähert sich dem Tagungsthema aus einer kulturpsychologischen Perspektive. Am Beispiel der innerseelischen und zwischenmenschlichen Konflikte, wie sie in dem Film »Der Geschmack von Rost und Knochen« von Jaques Audiard aus dem Jahre 2012 dargestellt sind, untersucht er Spaltungsprozesse und deren Überwindung und interpretiert sie aus individual- und objektbeziehungstheoretischer Sicht. Er skizziert die Psychodynamiken der beiden Hauptpersonen des Films, beschreibt deren Verarbeitungs- und Abwehrformen – etwa die der Abspaltung von körperlich-sexuellem Erleben bei emotionaler Unverbundenheit – und legt dar, wie sich bei den beiden Protagonisten allmählich eine Fähigkeit zur Ambivalenztoleranz entwickelt. Im Zuge der Differenzierung ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmungen entdecken Ali und Stephanie nach und nach Gefühle liebevoller Verbundenheit und kommen über die Akzeptanz der eigenen Schwächen zu einer ganzheitlicheren, reiferen Beziehung und Bindung.

Patrick Meurs und die Mitarbeiterinnen seiner Forschungsgruppen, Corinna Poholski, Constanze Rickmeyer und Judith Lebinger-Vogel, geben zunächst einen ausführlichen Überblick über die Entstehungsgeschichte der im Tagungstitel genannten Begriffe und berücksichtigen dabei besonders deren Verwendung im Rahmen der Theorieentwürfe von Sigmund Freud und Melanie Klein. Im Rahmen ihrer aktuellen Forschungsprojekte, die sich schwerpunktmäßig mit der Radikalisierung islamischer Jugendlicher und junger Erwachsener beschäftigen, explizieren sie, dass und inwieweit Prozesse der Spaltung, Ambivalenz und Integration Beschreibungs- und Erklärungskategorien darstellen, die dabei helfen, die geschilderten Phänomene zu verstehen und angemessen zu erklären. In einer erweiterten Sicht reflektieren sie die Schattenseiten jeder Religion und die psychische Disposition von Menschen und Gemeinschaften, die sich als weltgeschichtlich Herabgestufte, als Verlierer und Abgehängte im wissenschaftlich-technischen Fortschritt fühlen.

Auch Monika Huff-Müller stellt in ihrem Beitrag zunächst den Stand der theoretischen Diskussion bezüglich der Begriffe Spaltung und Ambivalenz dar und begründet, dass und in welchem Maße die Entwicklung von (mehr) Ambivalenztoleranz als Maßstab einer gelingenden Psychotherapie gelten kann. Dabei ist die Fähigkeit, widersprüchliche Wahrnehmungen, Wünsche, Gefühle und Handlungsimpulse auszuhalten, für sie nicht nur ein erstrebenswertes primäres Therapieziel für Patienten, sondern auch eine Anforderung an sich selbst als Psychotherapeutin: Sie begreift sie als eine Eigenart, über die sie verfügen muss, um selbst arbeitsfähig zu sein und zu bleiben. Differenziert, einfühlsam und vielschichtig beschreibt sie die therapeutische Arbeit mit einem 45-jährigen türkischen Patienten, die darauf ausgerichtet war, dass die in sich oft widersprüchlichen Wahrnehmungen, Impulse und Motive im innerpsychischen Raum des Patienten nicht länger abgespalten, projiziert oder verleugnet werden mussten.

Susanne Freund, Fiona Kosovac und Anna Mayer beziehen die Leitbegriffe der Tagung weniger auf innerpsychische Abläufe als auf Entwicklungsbewegungen und -prozesse von Gruppen. Im Rahmen dieses Betrachtungsansatzes beschreiben und interpretieren sie die Entwicklungsgeschichte der Individualpsychologie in Deutschland bzw. der DGIP und ihren Bezug zur Psychoanalyse von Anfang der 1960er Jahre bis heute. Die Autorinnen beleuchten die Hintergründe der historisch gewachsenen Spaltungen und Getrenntheiten der verschiedenen analytischen Schulen und Strömungen und schildern die (Wieder-)Annäherungsprozesse, die in hohem Maße durch das Aushalten widersprüchlicher Einschätzungen, Haltungen und Gefühle gekennzeichnet waren und wohl auch heute noch sind. Darüber hinaus untersuchen sie auch Konkurrenzen, Widersprüche und Konflikte innerhalb der DGIP. Sie skizzieren das Verhältnis von Individualpsychologinnen bzw. -psychologen, die in verschiedenen Bereichen, z. B. beraterisch oder psychotherapeutisch, tätig sind und diskutieren die unterschiedlichen Bewertungen, die mit der Ein- und Wertschätzung verschiedener Tätigkeitsfelder – z. B. der psychotherapeutischen Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen oder Erwachsenen – zu tun haben.

Insa Fooken setzt sich in ihrem Beitrag mit dem Ambivalenzkonzept auseinander, so wie es im vom Schweizer Soziologen Kurt Lüscher gegründeten »Interdisziplinären Arbeitskreis Ambivalenz (IAA)« diskutiert wird. Dabei rekapituliert sie die Lüscher’schen Theorieentwürfe und deren Entwicklung und begründet, warum das von ihm differenziert ausgearbeitete Ambivalenzkonzept als »sensibilisierendes Konstrukt« gewinnbringend auf viele Lebensbereiche angewandt werden kann und sich eignet, in Forschung und Behandlung neue Erklärungsansätze und Perspektiven zu eröffnen. In diesem Zusammenhang werden Ergebnisse aus eigenen Forschungs- und Erfahrungsbereichen vorgestellt.

Zum einen geht es dabei um schriftlich festgehaltene, subjektive Erfahrungen von »kriegsbedingt vaterlos aufgewachsenen Töchtern«, bei denen oft hochgradig ambivalente Konflikterfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem frühen Vaterverlust und dessen lebenslangen Folgen eine wichtige Rolle spielen. Zum anderen geht es um Einblicke in einen Beratungsfall, der sich im Rahmen einer E-Mail-Korrespondenz über einen Zeitraum von etwa viereinhalb Jahren entwickelte. Die hoch ambivalenten Suchbewegungen einer seit mehr als fünfzig Jahren verheirateten Frau, die sich seit vierzig Jahren mit Trennungsabsichten auseinandersetzt, veranschaulichen, wie zunehmend differenzierter werdende Ambivalenzgefühle einen Zugang zur inneren Widersprüchlichkeit und den Umgang mit ungelösten Konflikten bahnen.

Anna Zeller-Breitling konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die ausführliche und detaillierte Darstellung des Verlaufs der psychotherapeutischen Zusammenarbeit mit einer jungen Frau, die auf dem Hintergrund von Migrationserfahrungen und persönlichen, biografischen und interkulturellen Brüchen ihre traumatischen Erfahrungen durch die Erschaffung einer »phantastischen« bzw. »erfundenen« Identität (im Sinne der Kreation einer zu ihrer inneren Befindlichkeit passenden Lebens- und Namensgeschichte) zu bewältigen sucht. Diese schwierige Behandlung wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn sich die Therapeutin in der Arbeit mit ihrer jungen, an der Schwelle zum Erwachsensein stehenden Patientin nicht konsequent auf deren jeweils aktuelle Konflikte, Motive und Gefühle weitgehend vorurteilsfrei hätte einlassen können. Der Therapie- und Entwicklungsverlauf macht deutlich, dass keineswegs nur moralische und rechtliche Fragen in Zeiten verstärkter Migrationsbewegungen bedeutsam sind, sondern auch zwischenmenschliche und innerpsychisch-persönliche Konfliktlagen, ohne die eine entsprechende Problematik nicht umfassend verstanden und gelöst werden kann.

Die Überschrift »Ich schiebe Sie mal an«, die Reiner Winterboer für seinen Beitrag zur Tagung wählt, kann und muss gleichermaßen wörtlich und metaphorisch verstanden werden. Der Autor schildert eine Szene, die sich im Verlauf einer siebenjährigen, modifizierten analytischen Psychotherapie außerhalb des Behandlungszimmers ereignete: Als er zufällig sah, dass sich seine Patientin mit ihrem Auto im Schnee festgefahren hatte, bot er ihr spontan an, sie aus dieser misslichen Lage zu befreien und schob sie aus der Parkbucht, sodass sie weiterfahren konnte. Er diskutiert am Beispiel dieses »Handlungsdialogs« den Sinn und die Problematik von Enactments und reflektiert unterschiedliche Sichtweisen von hiermit in Zusammenhang stehenden therapeutischen Grundsätzen und -regeln: Neutralität, Abstinenz, therapeutische Ich-Spaltung, Übertragungs- und Gegenübertragungsanalyse. Der Autor macht deutlich, dass es weder sinnvoll noch möglich ist, zu beurteilen, ob die geschilderte »Intervention« richtig oder falsch ist, sondern dass es vielmehr von Bedeutung ist, wie sich ein solches Geschehen auf das therapeutische Arbeitsbündnis auswirkt und ob Patientin und Therapeut im Laufe ihrer Zusammenarbeit einen (Phantasie-)Raum erschaffen können, in dem durch gemeinsame Reflexion und verbalen Austausch Entwicklungspotenziale erkannt und gefördert werden.

Norbert Winkler konkretisiert und interpretiert das Tagungsthema, indem er die Theorien und Forschungsergebnisse der »Interpersonellen Neurobiologie« in Beziehung setzt zu psychoanalytischen Denkfiguren und zu seinem eigenen therapeutischen Handeln. Er legt dar, wie das integrative Vorgehen dieser relativ neuen Forschungsrichtung psychoanalytische Erklärungs- und Handlungsstrategien – auch seine eigenen – verändert und bereichert haben.

Beispielhaft stellt er den Verlauf einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie mit einem zu Beginn der Behandlung 17-jährigen Jugendlichen dar, den er etwa zwei Jahre begleitete. Der Patient, zu früh per Notkaiserschnitt geboren, entwickelte auf dem Hintergrund dieser sehr frühen Mangelerfahrung zahlreiche Symptome von Krankheitswert, u. a. Depressionen, Phobien und Panikattacken. Im Verlauf der therapeutischen Arbeit lernte der junge Mann, seine lebensgeschichtlichen Gegebenheiten zu akzeptieren und durch angemessene Selbstfürsorge zu kompensieren – sowohl durch Einsicht als auch im Zuge eines emotionalen Erlebnisprozesses. Im Kern ging es bei dieser Behandlung darum, aus Unterversorgung und Not abgespaltene Anteile zu erkennen, anzunehmen und nach und nach zu integrieren. So konnte die zunächst unerklärliche Angst des jungen Mannes vor Spiegeln und sein Gefühl, dass ihn hinter diesen Spiegeln jemand beobachten könnte, als eine Art Erinnerung an seine frühe Lebenswelt (als Säugling im Brutkasten) entschlüsselt werden.

Der Autor betont auf dem Hintergrund dieser Kasuistik, dass das Grundprinzip der Psychoanalyse, das Unbewusste bewusst zu machen, zu ergänzen ist durch den Versuch, Nicht-Integriertes durch Differenzierung und Zusammenführung zu integrieren.

Das Gespräch, das Regine Kroschel mit Gisela Eife geführt hat, lässt sich ebenfalls in die Thematik der Jahrestagung einfügen. Im Rahmen des inzwischen fest etablierten Formats Menschen in der DGIP zeichnen die beiden Ärztinnen den persönlichen Entwicklungsweg von Gisela Eife nach, benennen Personen und Gruppen und Konzepte, die bei Eifes Hinwendung zur Individualpsychologie und ihrem Werdegang innerhalb des »Alfred Adler Instituts München«, dem »Tölzer Studienkreis« und auch während der viele Jahre in Bernried durchgeführten »Werkstatt für Individualpsychologie« von Bedeutung waren.

Besondere Aufmerksamkeit wird im Gespräch den inhaltlichen Beiträgen gewidmet, die Gisela Eife in den vergangenen Jahren in die individualpsychologische Theoriediskussionen eingebracht hat: Hier ist zunächst die Herausgabe des dritten Bandes der Alfred Adler Studienausgabe zu nennen – besonders ihr Vorwort zu den Schriften, die Adler im Zeitraum von 1913 bis 1937 verfasst hat – und ihr 2016 erschienenes Lehrbuch »Analytische Individualpsychologie in der therapeutischen Praxis: Das Konzept Alfred Adlers aus existentieller Perspektive« sowie – last, not least – ihr Engagement für die Wiederentdeckung und Beachtung des von Adler verwendeten Begriffs der »doppelten Dynamik«.

Auch in diesem Jahr wünsche ich denen, die an der Münchner Jahrestagung der DGIP 2018 teilgenommen haben, mit dieser Zusammenstellung eine gute »Nachlese« und allen, die sich vom Thema dieser Publikation angesprochen und herausgefordert fühlen, vielfältige Anregungen und Impulse für die eigene pädagogische, psychotherapeutische und psychoanalytische Arbeit.

Pit Wahl

Andreas Kruse

Die Individualpsychologie Alfred Adlers aus der Perspektive der biografisch orientierten Alternsforschung

Zusammenfassung

Der Beitrag zeigt auf, in welcher Hinsicht das theoretische Werk von Alfred Adler die biografisch orientierte Alternsforschung zu befruchten vermag. Die psychologische Analyse des Alterns (in seinen biografischen Bezügen) erfolgt aus drei Perspektiven: Selbstgestaltung, Weltgestaltung, thematische Strukturierung und Sinnerfahrung. Größtes Gewicht – dies vor allem im Kontext der thematischen Strukturierung und Sinnerfahrung – kommt dem »Sorgeaspekt« im hohen Alter bei: Alte Menschen begreifen sich selbst nicht allein als »Umsorgte«, sondern sie möchten nachfolgenden, vor allem jungen Generationen auch Sorge zuteilwerden lassen. Mit diesem für das psychologische, gesellschaftliche und kulturelle Verständnis von Altern wichtigen Befund wird erneut eine Beziehung zum Werk Alfred Adlers hergestellt: Hier ist das Individuum in seinen mitverantwortlichen Bezügen zur Gesellschaft angesprochen, hier wird die in den Dienst der Gemeinschaft gestellte Lebensführung besonders deutlich erkennbar.

Der Beitrag wird eingeleitet mit einer Explikation der biografischen Perspektive in ihrer Bedeutung für das Verständnis von Altern, wobei diese Perspektive um eine gesellschaftlich-historische und politisch-historische erweitert wird. Zudem wird der Frage nachgegangen, warum das theoretisch (und praktisch) bedeutsame Werk Alfred Adlers vielfach nicht mehr jene Würdigung erfährt, die ihm eigentlich gebührt. Die in diesem Beitrag gegebene Antwort lautet: Die von Alfred Adler vorgenommene Entwicklung sehr unterschiedlicher Analyseperspektiven – die ihn in gewisser Hinsicht als einen »Grenzgänger« ausweist – könnte dazu beigetragen haben, dass dessen disziplinäre Verortung immer schwerer fällt und damit dessen Werk mehr und mehr aus dem vorherrschenden disziplinären Blick gerät.

Das Individuum als Glied einer Generation (Kohortenperspektive)

Die lebenslaufbezogene Analyse der Persönlichkeit wird nachfolgend aus der Perspektive der Alternsforschung vorgenommen. Für die Alternsforschung ist immer auch die Beschreibung und Deutung des biografischen Kontextes, in dem sich die seelisch-geistige Entwicklung vollzogen hat, konstitutiv, wobei die individuelle Biografie zugleich in einen umfassenderen gesellschaftlich- und politisch-historischen Kontext gestellt wird: Das Individuum ist Mitglied einer Kohorte oder Generation, die in ihrer Entwicklung spezifischen gesellschaftlich- und politisch-historischen Ereignissen und Prozessen ausgesetzt war. Auch wenn diese Ereignisse und Prozesse von den Mitgliedern einer Kohorte bzw. einer Generation unterschiedlich wahrgenommen, gedeutet und verarbeitet werden, so bilden sie doch den Hintergrund jeder individuellen Entwicklung (Riley, Foner u. Warner, 1988).

Wenn von Kohorten- oder Generationenspezifität gesprochen wird, so denke man zunächst an den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext, in die die Biografie Alfred Adlers (1870–1937) eingebettet war: Die Zeit von 1871 bis 1914 wird in der Geschichtsforschung als eine Periode beschrieben, in der in Deutschland wie auch in Österreich die Gesamtwirtschaftsleistung und die Wohlstandsentwicklung erkennbar wuchsen, zugleich aber Prozesse sozialer Differenzierung stattfanden – in der Hinsicht nämlich, dass einer in kontinuierlicher Beschäftigung stehenden Facharbeiterschaft (mit einem dem Kleinbürgertum vergleichbaren Lebensstandard) eine große Zahl von angelernten und ungelernten Arbeitern gegenüberstand, die in Armut oder im Prekariat lebten. In den Familien Letzterer konnte das Einkommen vielfach nicht vom Familienoberhaupt allein erwirtschaftet werden; Frauen, bisweilen auch Kinder, waren gezwungen, hinzuzuverdienen. So wundert es nicht, dass Demonstrationen von Arbeitern wegen ihrer wirtschaftlichen Notlage stattfanden, so z. B. in Wien am 24. April 1900.

Parallel zum wachsenden Fortschrittsoptimismus und zur zunehmenden Technikbegeisterung entwickelte sich in dieser Periode ein Kulturpessimismus, der sich von der Überzeugung leiten ließ, dass sich Dekadenz, Niedergang und Zerstörung immer mehr Bahn brächen und in der Gesellschaft nur noch das »Prinzip des Stärkeren« Gültigkeit beanspruchen könne.

Wien war damals die inoffizielle Kulturhauptstadt Europas, in der sich die Avantgarde der Literatur, der Malerei und der Musik bewegte und in der sich zugleich ganz neue Denkströmungen ausbildeten, die von aufklärerischen, fortschrittlichen, gegen den immer weiter um sich greifenden Nationalismus gerichteten Tendenzen bestimmt waren – zu diesen Denkströmungen gehörte die Psychoanalyse. Diese ließ sich in ihren verschiedenen Varianten durchaus als eine grundlegende Infragestellung von patriarchalen Herrschaftsstrukturen und Menschenbildern verstehen. Zugleich wurden die Sexualität wie auch das Machtstreben des Menschen mehr und mehr in den Mittelpunkt der Analyse gerückt – hier spielte die Individualpsychologie Alfred Adlers eine sehr wichtige Rolle.

Wenn es um die Analyse potenzialer Kohorteneinflüsse auf die persönliche Entwicklung geht, sind u. a. folgende Fragen von Bedeutung: Welche Bildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten boten sich den jungen Menschen? Welche Erziehungs- und Bildungsprinzipien dominierten? Welche Bedeutung wurde der Autonomie und Teilhabe gesellschaftlich, kulturell und politisch beigemessen? Welche politischen Systeme haben die Menschen erlebt? Welche Art und Qualität gesundheitlicher Versorgung wurde ihnen zuteil? Welche Menschenbilder, welche Entwicklungsvorstellungen in Bezug auf die verschiedenen Lebensalter dominierten? Inwiefern boten sich in den verschiedenen Lebensaltern berufliche und außerberufliche Bildungsperspektiven? Inwiefern vollzog sich Entwicklung in einem Staat, in einer Gesellschaft mit »verlässlichen«, »Sicherheit vermittelnden« Institutionen? Welches allgemeine Wohlstandsniveau herrschte in der Gesellschaft zu den verschiedenen Entwicklungsabschnitten der Mitglieder einer Kohorte bzw. einer Generation vor? Und schließlich: Findet sich im Erleben dieser Mitglieder die Überzeugung, dass sie in ihrer Gesamtheit eine Generationeneinheit (Mannheim, 1928/1964) bilden, die in besonderer Weise auf die Gesellschaft einwirkt, diese beeinflusst?

Ein naheliegendes Beispiel für eine derartige Generationeneinheit bildet die »68er-Generation«, die nicht nur aus objektiver, sondern auch aus subjektiver, d. h. erlebensbezogener Sicht ein hohes gesellschaftliches Gestaltungs- und Veränderungspotenzial besessen und dieses im gesellschaftlichen, im kulturellen wie auch im politischen Alltag umgesetzt hat. In der soziologischen Alternsforschung wird diskutiert, inwieweit die 68er-Generation die Orientierungs- und Handlungsprinzipien der praktischen Interventionsgerontologie wie auch die Institutionen der Altenarbeit verändern werden: Kann davon ausgegangen werden, dass die Mitglieder dieser Generation Autonomie, Teilhabe und demokratische Leitbilder deutlich stärker betonen und einfordern werden als die Mitglieder der Vorgängergenerationen?

Rahmenbedingungen persönlicher Entwicklung: Das »politische Moment« von Bildung

Für Alfred Adler bildeten – was angesichts des spezifischen historischen Kontextes, in dem sich seine persönliche Entwicklung vollzog, vielleicht auch biografisch nachvollziehbar ist – die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen von individueller Entwicklung eine zentrale Analyseebene (Adler, 1927). Zu bedenken ist hier, dass Bildung – und dies hieß für ihn immer auch: psychologische Bildung bzw. Bildung der Persönlichkeit – dem Ziele dienen sollte, für alle Menschen Entwicklungsbedingungen zu schaffen, die diese in die Lage versetzen sollten, sich zu einer reifen, kompetenten, mitfühlenden und mitverantwortlich handelnden Persönlichkeit zu entwickeln (Adler, 1931/2008). Von einem derartigen Bildungs- oder Erziehungsprogramm sollten in seinem Verständnis vor allem Kinder und Jugendliche profitieren, die aus sozial benachteiligten Milieus stammten.

In der heutigen Terminologie könnte man diese Zielsetzung wie folgt umschreiben: Es geht darum, bestimmte Grade und Formen sozialer Ungleichheit zu vermeiden bzw. abzubauen. Es geht darum, alle Menschen dazu zu befähigen, ihre Vorstellungen von einem »guten Leben« möglichst weit umzusetzen, wobei das Individuum zunächst dazu motiviert und befähigt werden muss, sich der eigenen Vorstellungen von gelungener Entwicklung, der eigenen Entwicklungsziele (»Finalität«, »Telos«), der eigenen Lebenspläne (»Lebenslinie«) bewusst zu werden.

Diese gesellschaftliche und politische »Rahmung« seiner Entwicklungstheorie wie auch seiner Interventionskonzepte waren die ersten Aspekte, die mich an den Schriften Alfred Adlers beeindruckt haben. Hinzu treten drei weitere Aspekte: Die Analyse der Person vor dem Hintergrund

1.ihrer Lebens- bzw. Selbstgestaltung;

2.ihrer (stärker vs. schwächer ausgeprägten) Überzeugung, mitverantwortlich für das Leben anderer Menschen, vor allem der engsten Bezugspersonen, aber auch der Gesellschaft als Ganzes zu sein (Weltgestaltung);

3.ihrer (bewussten vs. nicht vollumfänglich bewussten) Lebensziele und Lebensthemen (»Lebenslinie«) sowie des in diesen Zielen und Themen sich widerspiegelnden Sinn- und Stimmigkeitserlebens (»Finalität«, »Telos«).

Einflüsse Alfred Adlers »vor dem Vergessen bewahren«

Bevor ich mich diesen drei Aspekten zuwende, möchte ich einen kleinen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten, der mir mit Blick auf das Werk von Alfred Adler bedeutsam erscheint. Alfred Adler hat Entwicklungsprinzipien formuliert und expliziert, die für eine psychologische Anthropologie wie auch für eine Entwicklungspsychologie der Lebensspanne von hohem Wert sind. Um einige Beispiele zu geben: Entwicklung wird von ihm immer auch im Sinne der Selbstgestaltung verstanden, wobei Alfred Adler grundsätzlich darauf hinweist, dass schon der Säugling und das Kleinkind Techniken der Beziehungsgestaltung und – über diese – der Entwicklungsgestaltung besitzt. Entwicklung bedeutet für ihn aber nicht nur Selbstgestaltung, sondern auch – und dies ist für mich besonders wichtig – Weltgestaltung. Man kann geradezu von einer Entwicklungstheorie der Selbst- und Weltgestaltung sprechen, oder anders ausgedrückt: Nicht allein die Fähigkeit und Bereitschaft zu einem selbstverantwortlichen Leben, sondern auch jene zu einem mitverantwortlichen Leben tritt in das Zentrum der Persönlichkeits- und Entwicklungsanalyse Alfred Adlers. Die Nähe zu folgenden Konzepten ist unabweisbar:

–früheste Würdebegriffe – z. B. des Würdebegriffs eines Pico della Mirandola (1486/1990), in dem die Freiheit der Person mit ihrem Entwicklungsauftrag der Selbst- und Weltgestaltung verknüpft wird;

–politisch-philosophische Konzepte des »öffentlichen Raums« – z. B. des von Hannah Arendt (1959) entwickelten Modells des »Handelns« (der höchsten Form der »Vita activa«) als eines von gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Mitverantwortung bestimmten Austausches zwischen Menschen im öffentlichen Raum;

–existenzpsychologische Arbeiten – z. B. der von Viktor Frankl (2005a, 2005b) entfalteten Wert- und Sinnanalyse des Menschen;

–thematische Analysen der Persönlichkeit – z. B. der »Themen« von Henry Murray (1938/2008), der »Daseinsthemen« von Hans Thomae (1951/1966), der »Lebensstrukturen« von Daniel Levinson (1986), der »Generativitätsskripte« von Dan McAdams (2009).

Die Frage, die sich mit Blick auf die Rezeption Alfred Adlers in der psychologischen Anthropologie wie auch auf die Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie stellt, kann deswegen nur lauten: Warum ist eine Entwicklungstheorie, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung in psychologischen, pädagogischen und zum Teil auch in soziologischen Fachkreisen solch große Beachtung fand, heute weitgehend in Vergessenheit geraten? Warum wird schon seit Jahrzehnten die Adler’sche Psychologie in der Psychologie-, Pädagogik-, Psychotherapie- und Psychiatrieausbildung nicht mehr gelehrt, ja, meistens nicht einmal mehr erwähnt, wohingegen Arbeiten von Sigmund und Anna Freud, Carl Gustav Jung, Erik Homburger Erikson, Viktor Frankl – um nur einige Autoren zu nennen – heute (immer noch und zu Recht) eine große Rolle in der psychologischen Anthropologie wie auch in verschiedenen psychologischen und psychotherapeutischen Disziplinen spielen?

Wenn nach Antworten gesucht wird, dann könnte vielleicht eine wie folgt lauten: Die Beiträge Adlers verbinden vielfach psychologische und gesellschaftliche oder psychologische und politische Themen; damit werden Analyseperspektiven zusammengeführt, die sich einer strengen disziplinären Zuordnung entziehen. Zudem sprengten sie damals (zum Teil auch heute) »gängige« Theorien (man denke nur an den Bruch zwischen Freud und Adler, an die vielfach abwertenden Aussagen von Freud gegenüber Adler; siehe vor allem Freud, 1914/1980). Schließlich erfordern Adlers Ansätze für die empirische Fundierung ein methodisches Programm (auch methodische Designs), das nur schwer umzusetzen ist.

Und doch darf man nicht den Fehler begehen, das psychologisch, soziologisch, pädagogisch und politikwissenschaftlich wichtige Werk von Alfred Adler einfach zu übergehen. Es finden sich in diesem zahlreiche Aussagen, die uns auch heute helfen können, die individuelle Entwicklung eines Individuums besser zu verstehen. Hier sei nur eine Bewertung des Werkes von Alfred Adler durch einen der größten Sozialpsychologen des letzten Jahrhunderts, Gordon W. Allport (1897–1967), angeführt, die dieser nach Erscheinen des von den Ansbachers edierten Schriften Adlers »Superiority and Social Interest: A Collection of Later Writings« (1964/1979) vorgenommen hat: »This compilation establishes Adler beyond doubt as one of the wisest psychologists of this century« (ebd.).

Nachfolgend sei der Versuch unternommen, den Beitrag Alfred Adlers zum vertieften Verständnis der drei erwähnten Entwicklungsbereiche – Selbstgestaltung, Weltgestaltung, thematische Struktur mit ihren Bezügen zur Wertverwirklichung und Sinnerfahrung – aus der Perspektive der biografisch orientierten Alternsforschung zu skizzieren: Wenn hier von biografisch orientierter Alternsforschung gesprochen wird, so ist damit ein Analyseansatz gemeint, der das Erleben, das Verhalten und das Handeln alter Menschen auch auf Erlebnisse, Erfahrungen und Entwicklungsprozesse in der Biografie bezieht (z. B. Kruse, 2005a; Lehr, 1987).

Selbstgestaltung

Die Entwicklungstheorie Alfred Adlers misst der Selbstgestaltung große Bedeutung bei. Dabei vollzieht sie sich immer unter dem Eindruck der sozialen Beziehungen, in denen das Individuum steht und die dieses als befruchtend erlebt. Die Selbstgestaltung spiegelt sich vor allem in der Entwicklung, der weiteren Differenzierung und (dem Versuch) der Verwirklichung von Lebenszielen wider. Von einer »funktionalen« oder »förderlichen« Entwicklungsgrundlage kann dann gesprochen werden, wenn das Individuum (in den ersten Entwicklungsphasen zunächst tentativ, in den weiteren Entwicklungsphasen immer deutlicher) Lebensziele definiert, die nicht nur mit den eigenen Entwicklungsressourcen übereinstimmen und das Individuum zu schöpferischem Handeln motivieren, sondern die auch von einem positiv erlebten Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft zeugen. Das Individuum erfährt sich als ein mitfühlendes, mitverantwortlich handelndes Wesen. Es kann sich durchaus in eine motivierende, inspirierende Wettbewerbssituation gestellt sehen, aber es ordnet sich selbst oder Bezugspersonen nicht per se eine inferiore (minore) oder superiore (majore) Stellung zu, es unterwirft sich nicht anderen (»Unterwürfigkeit«, »Dienerschaft«), wie es andere auch nicht zu beherrschen versucht (»Sklaverei«). Alfred Adler hat – dies sei hier ergänzend angemerkt – in seinem Buch »Menschenkenntnis« (1927) bis heute sehr wichtige Aussagen zur Unterwürfigkeit einerseits, zur Sklaverei andererseits getroffen.

Betrachten wir diesen Entwicklungsbereich nun aus der biografisch orientierten Alternsforschung. Für die emotionale Befindlichkeit im höheren und hohen Alter ist die Erfahrung von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung als Ausdrucksform von Autonomie und Kompetenz höchst bedeutsam. Selbstständigkeit und Selbstverantwortung äußern sich nicht nur in alltagspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern auch in subjektiven Überzeugungssystemen: Kontroll-, Gestaltungs- und Veränderungsüberzeugungen – im Sinne des Vermögens, die Entwicklung einer Situation oder die eigene Entwicklung in einer Situation kontrollieren, die persönliche Entwicklung auch unter intraindividuell variierenden Entwicklungsanforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten gestalten, eine eingetretene, belastende Situation durch eigenes Handeln verändern zu können – gewinnen hier besonders an Gewicht (Brandtstädter, 2007; Freund u. Hennecke, 2015).

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das Individuum durch funktionale Einschränkungen, durch soziale bzw. materielle Verluste, wie überhaupt durch Schicksalsschläge in seinen Handlungsmöglichkeiten eingeengt ist oder derartige Einengungen antizipiert. Gerade in diesen Fällen sieht sich das Individuum besonders herausgefordert, nun werden Kontroll-, Gestaltungs- und Veränderungsüberzeugungen immer wichtiger. Dabei lehrt die Resilienzforschung (Rutter, 2012; Ryff, 2013), dass funktionale, also kompetenzförderliche Überzeugungssysteme zum einen biografische Vorläufer oder Wurzeln aufweisen, Menschen aber zugleich in belastenden oder bedrohlichen Situationen ganz neue Entwicklungs- oder Reifungsschritte vollziehen können (aus entwicklungspsychologischer Perspektive siehe Fooken, 2009; Greve u. Staudinger, 2006).

In einer vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführten und Ende 2018 abgeschlossenen Studie zum Thema: »Altern in Balance. Unterschiedliche Perspektiven auf Lebensgestaltung, Potenzialverwirklichung und Verletzlichkeitsverarbeitung im hohen und höchsten Alter«, in der 510 Frauen und Männer im Alter von 75 bis 95 Jahren medizinisch-psychologisch und medizinisch-soziologisch untersucht wurden, zudem 200 nationale und internationale Expertinnen und Experten auf den Gebieten der Medizin, Pflegewissenschaft, Psychologie und Sozialarbeit interviewt wurden und schließlich weitere 255 Experten auf den genannten Gebieten (einschließlich Kommunalpolitik) in Fokusgruppen diskutierten (siehe Kruse, Becker, Ding, Hinner u. Schmitt, 2019), gingen wir auch der Frage nach, welche Bedeutung die subjektiven Kontroll-, Gestaltungs- und Veränderungsüberzeugungen für die Belastungsverarbeitung sowie für gesundheitsförderliches Verhalten und positive emotionale Befindlichkeit besitzen. Vier Befunde erscheinen hier mit Blick auf die Selbstgestaltung bedeutsam.

1.Bei Vorliegen kompetenzförderlicher Überzeugungssysteme gelingt es alten Menschen eher, in objektiv gegebenen Belastungskonstellationen Wohlbefinden, Zufriedenheit und Lebensqualität aufrechtzuerhalten.

2.Die soziale Schichtzugehörigkeit hat Einfluss auf den Ausprägungsgrad kompetenzförderlicher Überzeugungssysteme und – vermittelt über diese – auf die Verarbeitung gegebener Belastungskonstellationen: Bei Angehörigen der untersten Sozialschichten waren in unserer Untersuchung die kompetenzförderlichen Überzeugungssysteme im Durchschnitt geringer ausgeprägt, zudem gelang es ihnen weniger gut, unter dem Eindruck starker (auch objektiv nachweisbarer) Belastungen zu einer positiven emotionalen Befindlichkeit zu gelangen bzw. diese aufrechtzuerhalten. Dieser Befund macht einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, die objektiven Lebensbedingungen auch in ihren entwicklungsförderlichen vs. -hinderlichen Einflüssen zu betrachten: Das bestätigt erneut eine zentrale theoretische Position Alfred Adlers.

3.Es waren bei der weit überwiegenden Anzahl von Studienteilnehmenden im Falle funktionaler Einschränkungen oder sozialer Verluste Kompensationsstrategien erkennbar, die entweder (a) die Entwicklung von Verhaltenstechniken zur Wiederherstellung von Selbstständigkeit bzw. zur Erhaltung und Weiterentwicklung des Interessenspektrums (»Handlungsebene«) oder (b) die Veränderung der Lebenseinstellung (»Einstellungsebene«) umfassten. Entscheidend war, dass die Erfahrung funktionaler Einschränkungen oder sozialer Verluste seelisch-geistige Entwicklungsversuche auslösen konnte (und zwar durchaus auch in dem von Adler unter dem Begriff der »Kompensation« umschriebenen Sinne), sodass es geboten erscheint, angesichts körperlicher und sozialer Verluste von einer Entwicklungsnotwendigkeit zu sprechen (Heuft, Kruse u. Radebold, 2006).

4.In der Studie sind wir auch der Frage nachgegangen, inwieweit sich im biografischen Teil der Interviews Hinweise auf »biografische Vorläufer« einzelner Verarbeitungs- und Kompensationsstrategien finden lassen. In Bezug auf die Kompensationsstrategien ließen sich solche Vorläufer in der Hinsicht finden, dass es Menschen, die bereits in der Biografie gelernt hatten, Einschränkungen und Verluste ebenso wie Konflikte und Belastungen eher als eine Herausforderung zu deuten und sich um die Wiederherstellung von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung (Autonomie) zu bemühen, auch im hohen Alter deutlich eher in der Lage waren, in der Erfahrung von Einschränkung und Verlust die Hoffnung auf Verbesserung der Situation ebenso wie die Suche nach Kompensations- und Verarbeitungsstrategien (bzw. -techniken) zu intensivieren. Auch die in der aktuellen Situation gegebenen Gestaltungs- und Veränderungsüberzeugungen ließen derartige biografische Vorläufer erkennen: In allen untersuchten Variablen waren die Zusammenhänge zwischen Biografie und aktueller Situation sehr eng.

Diesen Abschnitt, in dem auch den Kompensationsleistungen des Individuums große Bedeutung zukommt, möchte ich mit einer Überlegung abschließen, die die Beziehung zwischen der Adler’schen Lehre von der Kompensation der Minderwertigkeitsgefühle einerseits und der Theorie der »Selektiven Optimierung mit Kompensation« berührt, die auf das hoch anerkannte, viel zu früh verstorbene Gerontologenehepaar Margret und Paul Baltes zurückgeht. Diese Theorie postuliert, dass im Falle eingetretener funktionaler Einschränkungen eine vermehrte Konzentration (Selektion) auf solche (körperlichen, alltagspraktischen, kognitiven, sozioemotionalen, sozialkommunikativen) Funktionen und Fertigkeiten erfolgt, die bereits gut beherrscht werden und nun weiter vervoll kommnet werden (Optimierung). Dieser Prozess dient dazu, die eingetretenen funktionalen Einschränkungen auszugleichen (Kompensation).

Die von Baltes und Baltes (1990) als Metatheorie klassifizierte Theorie ist für das Verständnis von Selbstgestaltung im Alter (aber nicht nur im Alter) wichtig. Sie macht zugleich deutlich, wie recht Alfred Adler hatte, als er postulierte, dass die Erfahrung von Einschränkungen, von Unterlegenheit, von Minderwertigkeit der Organe seelisch-geistige Entwicklungsprozesse anstoßen kann, die ihrerseits dazu führen können, dass Menschen sehr gute, wenn nicht sogar ausgezeichnete Leistungen (»Überkompensation«) erbringen. Dies lässt sich eben auch im höheren und hohen Alter beobachten (Baltes, 1996).

Weltgestaltung

Ein großes Verdienst der Adler’schen Theorie ist, wie bereits hervorgehoben wurde, darin zu sehen, dass sie die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft in das Zentrum ihrer Analyse rückt. Inwieweit nimmt das Individuum in seiner Lebensführung und Lebensgestaltung eine gemeinschaftsfreundliche Haltung ein, inwieweit lässt es sich – um in den Worten des baltisch-französischen Philosophen Emmanuel Lévinas (1991; dt. 1995) zu sprechen – vom Antlitz des anderen berühren, inwieweit stellt es sein Leben (auch) in den Dienst von Gemeinschaft?

Ich plädiere schon seit vielen Jahren dafür, das menschliche Handeln in den anthropologischen Kontext einer coram-Struktur zu rücken. Das lateinische coram heißt übersetzt: vor den Augen. Damit ist unmittelbar die Verantwortung des Menschen angesprochen. Von einer Struktur spreche ich, weil wir Verantwortung vor uns selbst, Verantwortung vor dem anderen Individuum, Verantwortung vor unserer Gesellschaft, schließlich Verantwortung vor der Schöpfung übernehmen bzw. übernehmen sollten (Kruse, 2005b, 2011). Der Verantwortungsbegriff verbindet Selbstgestaltung und Weltgestaltung. Die Weltgestaltung spiegelt sich wider in der Verantwortung vor dem oder der anderen, der Gesellschaft, der Schöpfung (hier beziehe ich übrigens auch die Verantwortung vor den nachfolgenden – den geborenen wie auch den noch nicht geborenen – Generationen ein). Ich könnte mir vorstellen, dass Alfred Adler der Hervorhebung von Verantwortung als einem zentralen Merkmal der Conditio humana in einer psychologischen Anthropologie ausdrücklich zugestimmt und mich in meiner Annahme, dass dieser Begriff eine konzeptionelle Nähe zu seinem Verständnis vom Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft bzw. Gesellschaft aufweist, bestärkt hätte.

Die Verantwortung des Individuums vor der und für die Gesellschaft und Schöpfung als zentrales Prinzip der »Weltgestaltung« zeigte sich meinem Heidelberger Kollegen Eric Schmitt und mir zum ersten Mal in einer internationalen Studie zu den Spätfolgen des Holocaust, in der wir 248 jüdische Frauen und Männer in verschiedenen Ländern der Welt ausführlich interviewt haben. Es handelte sich dabei um ehemalige Konzentrations- bzw. Vernichtungslagerhäftlinge oder Emigrantinnen und Emigranten, die gezwungen waren, aufgrund der von den Nationalsozialisten ausgehenden Bedrohung Deutschland zu verlassen (ausführlich Kruse u. Schmitt, 2000). Unser ursprüngliches Forschungsinteresse (fachlich wie sittlich-moralisch) bestand darin, eine empirisch fundierte Aussage zu der Frage zu treffen, ob im hohen Alter die Wahrscheinlichkeit einer Reaktivierung von Traumata, mit denen Menschen im Lebenslauf konfrontiert waren, erkennbar zunimmt (Heuft, 1999) – sei es aufgrund einer Abnahme der Leistungsfähigkeit exekutiver Funktionen, mithin der Kontrolle über Gedanken und Emotionen (einschließlich des Rückgangs von »Abwehrleistungen«, durch die früher die traumatischen Erlebnisse in »Abschattung« gebracht worden waren), sei es aufgrund der wachsenden Bedeutung des Lebensrückblicks im Alter (Butler, 1963), oder sei es aufgrund der erlebten Nähe zum Tod, in der existenzielle Erfahrungen, die in der Biografie gemacht wurden, erneut thematisch werden (Kruse, 2007). Wir konnten in der Tat den Nachweis erbringen, dass bei Überlebenden des Holocaust im hohen Alter die Erinnerungen an erfahrene Traumata wieder thematisch werden, und dies in emotional höchst bedrängender Weise – wobei das Individuum immer weniger in der Lage ist, das Präsentisch-Werden dieser Erinnerungen sowie deren Verlauf zu kontrollieren. Dies aber war nur ein Ergebnis unserer Studie. Ein weiteres: In allen von uns aufgesuchten Ländern konnten wir bei etwa einem Drittel der Teilstichproben das stark ausgeprägte Motiv erkennen, die persönlichen Leidenserfahrungen im Holocaust in Teilen in schöpferisches Handeln zu verwandeln – und zwar in der Hinsicht, dass sich die Überlebenden an junge Menschen wandten, um diese für Selbstverantwortung, Courage, Demokratie und den grundlegenden Respekt vor der Würde des anderen Menschen (im Sinne der Toleranz) zu sensibilisieren. Die persönliche Lebensgeschichte bildete somit Grundlage für ein Mitverantwortungsmotiv, das heißt für die Verantwortung vor der und für die Gesellschaft und Schöpfung. Lassen Sie mich an dieser Stelle hervorheben: Wir waren beeindruckt von dem Streben und auch der Fähigkeit dieser Menschen, unvorstellbares seelisches und existenzielles Leid in kreatives, mitverantwortliches Handeln umzusetzen.

Es handelt sich hier sicherlich um ein Extremum mitverantwortlichen Handelns. Aber dieses Extrem hat uns dafür sensibilisiert, die Bedeutung mitverantwortlichen Handelns für ein persönlich sinnerfülltes, stimmiges Leben, für positive emotionale Befindlichkeit, für hohe Lebensqualität ausführlich zu untersuchen (Kruse u. Schmitt, 2018). Im Kern lautet die Botschaft: In dem Maße, in dem es dem Individuum gelingt, nicht nur selbstverantwortlich, sondern auch mitverantwortlich zu handeln – das heißt, sein eigenes Handeln auch in den Dienst anderer Menschen, der Gesellschaft, der Schöpfung (Beispiel für Letzteres: eigenes Handeln als Beitrag zum möglichst schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen begreifen) zu stellen –, wird dessen Überzeugung, von anderen Menschen gebraucht zu werden, wird dessen Sinn-und Stimmigkeitserleben, schließlich – als Folge – dessen positive emotionale Befindlichkeit gefördert. Damit ist ein zentrales Merkmal der Weltgestaltung, wie ich diese verstehe, benannt und beschrieben.

Thematische Strukturierung, Wertverwirklichung und Sinnerfahrung

Für Adler bildete die Frage, von welchen Zielen und Werten sich das Individuum in seiner Lebensgestaltung wie auch in der Antizipation seiner weiteren Entwicklung leiten lässt, einen bedeutenden Gegenstand seiner psychologischen Analyse. Diese Ziele und Werte, ebenso wie die Lebenspläne, müssen dem Individuum nicht (immer) vollumfänglich bewusst sein. Doch können in einem »wahrhaftigen Austausch« zwischen Menschen diese Ziele und Werte, diese Lebenspläne mehr und mehr bewusst werden, sodass der Person auch die eigene Motivstruktur ihres Erlebens, Verhaltens und Handelns wie auch die Quellen ihrer Sinn- und Stimmigkeitserfahrung deutlicher erfahrbar werden. Und ohne die Erfahrung von Sinn und Stimmigkeit ist eine wirkliche Bejahung des Lebens im Kern nicht möglich (Frankl, 2005a, 2005b): Hier werden wichtige Berührungspunkte der Theorien von Alfred Adler und von Viktor Frankl sichtbar, der allerdings nur kurze Zeit im Austausch mit Adler stand – Adler hat Frankl schon sehr bald aus dem von ihm gegründeten Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen. Die von Frankl getroffene Aussage, wonach auch der neurotische Mensch immer als Person zu betrachten sei, die ihr Dasein zu verstehen versuche und nach Sinn in seinem Leben suche, bildete dabei eine wesentliche Ursache für den Dissens.

Der Bonner Psychologe Hans Thomae war einer der profiliertesten Vertreter einer thematischen Analyse der Person, wobei ihm diese thematische Analyse zugleich als Weg hin zu einer tiefer greifenden Analyse der Motivstruktur der Person wie auch ihrer Sinn- und Stimmigkeitserfahrung galt – hier sei vor allem auf sein Hauptwerk »Das Individuum und seine Welt« (1968) hingewiesen, in der ausführlich auf die Zusammenhänge zwischen den Lebens- oder Daseinsthemen einerseits sowie der Motiv- und Wertstruktur der Person andererseits eingegangen wird. Lebens- oder Daseinsthemen sind – Hans Thomae zufolge – als umfassende innere Anliegen der Person zu verstehen, die sich nicht nur auf spezifische Lebensbereiche oder Situationen beziehen, sondern deren grundlegende Einstellung zu sich selbst sowie zur umgreifenden Welt betreffen. Diese Anliegen sind auch nicht bloß punktuell auftretende, sondern sich über weite Zeiträume der Biografie erstreckende Motive des Erlebens, Verhaltens und Handelns. Sie können sich unter dem Eindruck neuer – zeitlich überdauernder – Lebensanforderungen und tief greifender Erlebnisse weiter entwickeln, weiter differenzieren. Diese Lebens- oder Daseinsthemen müssen dem Individuum nicht (in allen Situationen) unbedingt bewusst sein. Sie werden, wie schon deutlich gemacht wurde, vielfach erst in einem wahrhaftig geführten, tief greifenden Gespräch oder in Phasen ernsthaft geführter Selbstreflexion erfahrbar. Und doch wirken sie auf die Deutung von spezifischen Situationen wie auch auf den Umgang mit diesen (hier spricht Thomae von »Daseinstechniken«) ein und bestimmen den Lebens- und Entwicklungsweg einer Person mit (Levinson, 1986) – hier sehe ich bedeutsame Berührungspunkte mit den Adler’schen Aussagen zur Lebenslinie eines Individuums. Denn auch in der daseinsthematischen Struktur einer Person kann sich durchaus eine Lebenslinie widerspiegeln, die nicht selten bis in Kindheit und Jugend zurückzuverfolgen ist. Die von Hans Thomae getroffenen Aussagen zur »Kontinuität« menschlichen Erlebens, Verhaltens und Handelns – die sich auch und vor allem der Kontinuität von Daseinsthemen verdankt – lassen ebenfalls Anklänge an das Konzept der Lebenslinie erkennen.

Alte Menschen als sich Sorgende und als Sorge Leistende

Hier berichte ich von den Ergebnissen der am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg durchgeführten, im Jahre 2014 abgeschlossenen Generali-Hochaltrigkeitsstudie, in der vierhundert 85–98-jährige Frauen und Männer ausführlich interviewt wurden – und dies mit dem Ziel, Einblick in die individuellen daseinsthematischen Strukturen zu gewinnen (Kruse, Schmitt u. Ehret, 2014). In dieser Studie stand vor allem die Frage nach möglichen Sorgemotiven alter Menschen im Zentrum: Vor dem Hintergrund der in der psychologischen Literatur getroffenen Aussagen zu »Generativität« als einem zentralen Motiv des mittleren und auch hohen Lebensalters (Erikson, Erikson u. Kivnick, 1986; McAdams, 2009) war es unser Bestreben, herauszuarbeiten, inwieweit sich in der daseinsthematischen Struktur alter Menschen die Sorge um und die Sorge für andere Menschen erkennen lässt (ausführlich dazu Kruse, 2017a).

Zwei Befunde aus dieser Studie sollen hier ausführlicher berichtet werden – zum einen, weil sie einen Aspekt des hohen Lebensalters ausdrücken, der in wissenschaftlichen, vor allem in gesellschaftlichen Altersdiskursen zu selten thematisiert wird: das tiefgreifende Interesse an dem Lebensweg nachfolgender, vor allem junger Generationen, der Wunsch, diesen Lebensweg zu befruchten, das Bedürfnis, in nachfolgenden Generationen »symbolisch« fortzuleben (im Sinne der symbolischen Immortalität, von der Hannah Arendt an verschiedenen Stellen ihres Werkes spricht, z. B. Arendt, 1959), auch wenn die irdische Existenz erloschen ist (Kruse u. Schmitt, 2015a, 2015b). Zum anderen weisen die Ergebnisse auf die enge Relation zwischen Individuum und Gemeinschaft bzw. Gesellschaft hin, deren Analyse für das Werk von Alfred Adler so entscheidend ist.

Daseinsthemen

Zum ersten Befund: Welche Daseinsthemen waren in den Interviews der Studienteilnehmenden erkennbar? Anders ausgedrückt: Von welchen Anliegen war ihr Erleben bestimmt, wo lagen also ihre Quellen von Sinn- und Stimmigkeitserfahrung?

In Tabelle 1 sind die Daseinsthemen aufgeführt von den Personen, bei denen das jeweilige Daseinsthema ermittelt werden konnte (zur Methodik der Kategorienbildung und Auswertung siehe Kruse u. Schmitt, 2015a, 2015b):

Nr.

Daseinsthema

%

1

Freude und Erfüllung in einer emotional tieferen Begegnung mit anderen Menschen

76

2

Intensive Beschäftigung mit der Lebenssituation und Entwicklung nahestehender Menschen – vor allem in der eigenen Familie und in nachfolgenden Generationen

72

3

Freude und Erfüllung im Engagement für andere Menschen

61

4

Bedürfnis, auch weiterhin gebraucht zu werden und geachtet zu sein – vor allem von nachfolgenden Generationen

60

5

Sorge vor dem Verlust der Autonomie (im Sinne von Selbstverantwortung und Selbstständigkeit)

59

6

Bemühen um die Erhaltung von (relativer) Gesundheit und (relativer) Selbstständigkeit

55

7

Überzeugung, Lebenswissen und Lebenserfahrungen gewonnen zu haben, das Angehörigen nachfolgender Generationen eine Bereicherung oder Hilfe bedeuten kann

44

8

Intensivere Auseinandersetzung mit sich selbst, differenziertere Wahrnehmung des eigenen Selbst, vermehrte Beschäftigung mit der eigenen Entwicklung, Rückbindung von Interessen und Tätigkeiten an frühe Phasen des Lebens

41

9

Phasen von Einsamkeit

39

10

Fehlende oder deutlich reduzierte Kontrolle über den Körper und spezifische Körperfunktionen, Sorge vor immer neuen körperlichen Symptomen

36

11

Fragen der Wohnungsgestaltung (Erhaltung von Selbstständigkeit, Teilhabe, Wohlbefinden)

34

12

Phasen der Niedergedrücktheit

31

13

Chronische oder passagere Schmerzzustände und Bemühen, diese zu kontrollieren

30

14

Intensive Beschäftigung mit der Endlichkeit des eigenen Lebens

30

15

Intensive Beschäftigung mit einem Leben nach dem Tod; diese Beschäftigung ist dabei auch eingebettet in religiöse oder spirituelle Kontexte

28

16

Sorge vor fehlender finanzieller Sicherung

24

17

Unerfüllt gebliebenes Bedürfnis nach Engagement für andere Menschen

23

18

Fehlende Achtung, Zustimmung und Aufmerksamkeit durch Familienangehörige – vor allem nachfolgender Generationen

23

19

Selbstzweifel mit Blick auf die Attraktivität der eigenen Person für andere Menschen

20

20

Innere Beschäftigung mit Fragen der Art und Weise des Sterbens wie auch des Sterbeortes

19

21

Probleme bei der finanziellen Sicherung des Lebensunterhalts

18

22

Subjektiv erlebte kognitive Einbußen, die vorübergehend die Sorge auslösen können, an einer Demenz erkrankt zu sein

17

23

Beschäftigung mit dem Leben und dem Schicksal persönlich bedeutsamer Gruppen und Orte (z. B. des Geburts- und Heimatortes)

15

24

Fehlende Achtung und Aufmerksamkeit von Mitmenschen, Leben in Distanz zu anderen, auch Konflikte und Unverständnis, anderen nicht näherzukommen

13

25

Unerfüllt gebliebenes Bedürfnis nach verständnisvoller und tiefsinniger Kommunikation mit nachfolgenden Generationen

12

26

Intensive Zuwendung zur Menschheit und Schöpfung

11

27

Intensive Auseinandersetzung mit dem Leben eines Verstorbenen, der bedeutsam für das eigene Leben gewesen und es auch heute noch ist

10

Es wurden insgesamt 27 Daseinsthemen identifiziert, die sich in der Häufigkeit, mit der sie in der Stichprobe vertreten waren, deutlich voneinander unterscheiden: der prozentuale Anteil reichte von 76 Prozent (Thema 1) bis 10 Prozent (Thema 27). In den ersten vier Daseinsthemen wie auch im siebten Daseinsthema spiegelt sich die subjektiv erlebte Bezogenheit des Individuums wider, wobei diese auch mit dem Erleben von Generativität verbunden ist: Die Untersuchungsteilnehmenden setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, was sie für andere Menschen tun können, und erkennen in dem Gefühl, gebraucht zu werden, eine bedeutende Sinngrundlage. Zugleich wird deutlich, dass ein sehr breites, vielfältiges Themenspektrum das Erleben bestimmt; dabei spielen auch Fragen der Endlichkeit, der Art des Sterbens sowie eines Lebens nach dem Tod eine bedeutende Rolle.

Sorgeformen

Zum zweiten Befund: Welche Sorgeformen waren in den Interviews erkennbar? Wir stellten den Teilnehmenden die Frage, in welcher Art und Weise sie sich um andere Menschen kümmerten bzw. sich innerlich mit anderen Menschen beschäftigten. Es wurden zwanzig »Sorgeformen« ermittelt, die in Tabelle 2 aufgeführt sind.

Nr.

Sorgeform

%

1

Intensive Beschäftigung mit dem Lebensweg nachfolgender Generationen der Familie

85

2

Unterstützende, anteilnehmende Gespräche mit nachfolgenden Generationen der Familie

78

3

Intensive Beschäftigung mit dem Schicksal nachfolgender Generationen

72

4

Unterstützung von Nachbarn im Alltag

68

5

Unterstützung von Familienangehörigen im Alltag

65

6

Unterstützung junger Menschen in ihren schulischen Bildungsaktivitäten

58

7

Gezielte Wissensweitergabe an junge Menschen (berufliches Wissen, Lebenswissen)

54

8

Finanzielle Unterstützung nachfolgender Generationen der Familie

49

9

Beschäftigung mit der Zukunft des Staates und der Gesellschaft

48

10

Freizeitbegleitung junger Menschen

41

11

Besuch bei kranken oder pflegebedürftigen Menschen

38

12

Existentielle Gespräche vor allem mit jungen Familienangehörigen

33

13

Zurückstellung eigener Bedürfnisse, um Familienangehörige nicht zu stark zu belasten

29

14

Unregelmäßig getätigte Spenden; regelmäßige Spenden an Vereine oder Organisationen

27

15

Anderen Menschen in der Lebensführung und Belastungsbewältigung Vorbild sein

24

16

Kirchliches Engagement (Freiwilligentätigkeit in kirchlichen Organisationen)

23

17

Beschäftigung mit der Zukunft des Glaubens und der Kirchen

19

18

Politisches Engagement (Freiwilligentätigkeit in Kommunen oder Parteien)

17

19

Gebete für andere Menschen

16

20

Besuchsdienste in Kliniken und Heimen

12

Der Überblick über die verschiedenen Sorgeformen zeigt, dass zwischen praktischer Unterstützung, die anderen Menschen gegeben wird, und innerer Anteilnahme zu differenzieren ist. Die hohe Besetzung der ersten und der dritten Sorgenform – in denen die Beschäftigung mit der Lebenssituation eines anderen Menschen zum Ausdruck kommt – weist auf die große Bedeutung hin, die die innere Anteilnahme am Lebensweg eines anderen Menschen besitzt. Zugleich zeigen die Befunde, dass auch hochbetagte Menschen ein bemerkenswertes instrumentelles Engagement unter Beweis stellen, wie sich dieses in konkreter Unterstützung anderer Menschen, auch der Angehörigen junger Generationen, verwirklicht (Kruse, 2017b).

Seelisch-geistige Entwicklungsmöglichkeiten im hohen Alter: Auch eine Grundlage für die Verarbeitung von Verletzlichkeit

Die psychologische Betrachtung von Entwicklungsmöglichkeiten im hohen Alter führte mich zu einer – theoretisch-konzeptionell und empirisch fundierten – Verbindung von vier psychologischen Potenzialen (ausführlich Kruse, 2017a):

1.Introversion mit Introspektion: im Sinne der »vertieften Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst«;

2.Offenheit: im Sinne der »Empfänglichkeit für neue Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse, die aus dem Blick auf sich selbst wie auch aus dem Blick auf die umgebende soziale und räumliche Welt erwachsen«;

3.Sorge: im Sinne der »Bereitschaft, sich um andere Menschen, sich um die Welt zu sorgen«;

4.Wissensweitergabe: im Sinne des »Motivs, sich in eine Generationenfolge gestellt zu sehen und durch die Weitergabe von Wissen Kontinuität zu erzeugen und Verantwortung zu übernehmen«.

Wie wichtig es ist, diese vier Potenziale im Auge zu behalten, wenn man alte Menschen in ihrem Umgang mit erlebter (körperlicher, kognitiver und emotionaler) Verletzlichkeit fachlich begleitet, geht aus folgender Beobachtung hervor: Die innere Auseinandersetzung mit körperlichen, zum Teil auch kognitiven, zudem mit sozialen Verlusten und begrenzter Lebenszeit wird durch psychische Kräfte und Orientierungen gefördert, die sich in den vier genannten Potenzialen und deren Verbindung widerspiegeln:

1.