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Beschreibung

Max Schäfers und Anke Wagners Zusammenstellung der Erinnerungsberichte westdeutscher Interbrigadisten ist 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung selbst zur historischen Quelle geworden. Sie spiegelt das Bedürfnis nach Überlieferung geschichtsträchtiger Lebenserinnerungen wieder, die Mitte der 1970er Jahre aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Spanienfreiwilligen allmählich zu verblassen drohten. Ziel dieser kommentierten Neuauflage soll es sein, den Sammelband wieder einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen: Nicht (nur) als Lesebuch, sondern als historische Quelle. Der vorgeschaltete Einführungstext soll gemeinsam mit den angefügten Fußnoten den Versuch darstellen, die Entstehungsgeschichte des Werkes und inhaltliche Schwerpunkte zusammenzufassen sowie – zumindest ansatzweise– den Forschungsstand kritisch zu kommentieren und fortzuschreiben. (Valentin Hemberger)

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EPUB

Seitenzahl: 682

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Spanien 1936 bis 1939

Erinnerungen von Interbrigadisten aus der BRD

Herausgegeben und eingeleitet von Max Schäfer

Inhalt

Valentin HembergerEinleitung zur kommentierten Neuauflage

Max SchäferEinleitung

»Alle Hilfe dem republikanischen Spanien!«

Otto NiebergallÜber den Einsatz deutscher Antifaschisten im republikanischen SpanienWilli HöhnAls FDJler zu den InterbrigadenBruno LindnerGrenzen … Grenzen …

Hans Beimler – unser Kommissar!

Alfred RobusEinige Erlebnisse über die Entstehung und den Kampf der »Centuria Thälmann«Max Better/Ludwig PrinzBei der Centuria ThälmannMax BetterPolitische Arbeit mit Hans BeimlerWilli HöhnHans Beimler, unser KommissarCenta Herker-BeimlerErinnerungen an HansJakob LorscheiderZur Geschichte des Grabes von Hans Beimler

»… das republikanische Spanien muss siegen!«

Karl SauerBadajozJakob LorscheiderMein Weg nach Spanien und meine KampfabschnitteAdolf FrankVon der »Columna Hilario Zamora« zum Thälmann-BataillonBruno LindnerErlebnisse an der Front und im HinterlandPeter SprengerVom armen Proletarierjungen zum InterbrigadistenEmil SanderMadrid im November 1936Fritz HolderbaumAls Saarländer beim Edgar-André-BataillonKuno RixgensMit dem Thälmann-Bataillon vor MadridKurt RusitzkaIn der Aufklärungskompanie des Edgar-André-BataillonsKarl MathesBeim Edgar-André-BataillonWilli HöhnUnser erster KampfKurt DiehlBeim Thälmann-BataillonJohann WilhelmEin saarländischer Bergarbeiter als Partisan in SpanienHans RauchStationen eines Interbrigadisten

Interbrigadisten:Für die Freiheit Spaniens, gegen den Faschismus!

Hubert RammMit der 13. Internationalen Brigade bei Motril in der Sierra Nevada, bei Pozoblanca und BruneteAlbert KühnJaramaHeinz PrießMadrid ist bedroht! Am Jarama Februar 1937Karl SauerWinterschlacht um TeruelRobert WeinandErinnerungen an RinoHubert RammBei der „Elften«Jakob LorscheiderAn der Ebro-FrontFritz Fränken1.300 Freiwillige für die FrontErnst Buschmann – Kommandant des 1. Bataillons der 11. Brigade »Edgar André«Die Ebro-Schlacht und die Höhe 565Hans RauchBei der 27. Division »Carlos Marx«Max GorbachAufklärungspatrouilleHubert RammBei Falset und der Übergang über den EbroFritz FränkenVon den Trotzkisten zum Tode verurteilt Erfahrungen während des POUM-PutschesFritz HolderbaumIn einem spanischen RüstungsbetriebWalter KutschkauGefangenschaft

Nach dem Rückzug der Interbrigaden

Max BetterNach dem Rückzug der InterbrigadenJakob LorscheiderMeine Rückkehr aus SpanienPeter SprengerOdyssee durch FrankreichMax GorbachDie Solidarität in den Internierungslagern SüdfrankreichsErnst Buschmann4.000 GlatzköpfeErnst Buschmann»Jetzt will ich nicht nach Deutschland zurück!«Hans RauchIm Lager GursKuno RixgensInternierung in Frankreich – Flucht vom Todesmarsch aus DachauKarl MathesIm MaquisErnst BuschmannEs waren so nette junge LeuteFritz FränkenÜber die Arbeit der Freundeskreise der VolksfrontFritz FränkenDas Komitee »Freies Deutschland« und die deutschen KriegsgefangenenFritz FränkenMilitärhospital Villemain

Ausgewählte Literatur

Einleitung zur kommentierten Neuauflage

»Die Agenda der dreißiger Jahre war transnational, ganz unabhängig, ob sie innerhalb von Staaten oder zwischen ihnen zur Debatte stand. Nirgendwo wurde dies unmittelbarer evident als im Spanischen Bürgerkrieg von 1936–1939, in dem diese globale Konfrontation die konzentrierteste Gestalt annahm.«[1]

Dieses vom marxistischen Historiker Eric J. Hobsbawm so treffend benannte transnationale Moment fand in den Reihen der im Oktober 1936 gegründeten Internationalen Brigaden seinen internationalistischen Ausdruck. 80 Jahre nach dem Ausbruch des Spanienkrieges, 80 Jahre nach der Aufstellung der Internationalen Brigaden, sind die Faszination und der Mythos des republikanischen wie internationalen Abwehrkampfes gegen einen kooperierenden europäischen Faschismus ungebrochen. Mehr noch: Im Jubiläums- und Jahrestagessog, dem sich auch die publikumswirksame Geschichtswissenschaft nicht entziehen kann, nimmt die militärisch-gesellschaftspolitische Konfrontation zwischen Putschisten und legal gewählter Regierung, zwischen den Vertretern verschiedener Klassen und Weltanschauungen, zwischen Spaniern und Ausländern eine besondere Stellung ein. Die Bruchlinien zwischen Moderne und Antimoderne, zwischen ehrlichem gesellschaftlichen Aufbruch einerseits und brutaler Restauration überkommener Ordnungen andererseits – und den vielen Schattierungen in between –, zwischen internationaler Solidarität und nationaler Kumpanei brechen schärfer hervor, je mehr Quellen des Spanienkrieges zur Untersuchung kommen, je mehr Massengräber exhumiert, je mehr geschichts- und erinnerungspolitische Debatten in Spanien und im Ausland geführt werden.

Mit neuer Vehemenz drängen Teile der spanischen Öffentlichkeit 80 Jahre nach Kriegsausbruch dazu, die Versöhnungspolitik der späten 1970er und 1980er Jahre kritisch zu hinterfragen und bürgerschaftliche Initiative für eine neue Kultur der Erinnerung und des Umgangs mit der eigenen Geschichte zu finden[2] – und treffen dabei auch auf Widerstand konservativer und Franco-nostalgischer Kreise. Doch auch in der BRD scheint ein ehrendes Anerkennen der Lebensleistung deutscher Interbrigadisten selbst im 21. Jahrhundert noch immer nicht durchgängig möglich. Erst 2007 lehnte der Bundestag einen Antrag der LINKEN-Fraktion ab, der die »Würdigung des Kampfes deutscher Freiwilliger an der Seite der Spanischen Republik für ein antifaschistisches und demokratisches Europa« forderte.[3] Noch immer dominiert in einigen Köpfen das verzerrte Bild der Internationalen Brigaden als »Armee der Komintern«, als moskaugesteuerte Gruppe ausländischer Interventen von links, die sich der Non-Interventionspolitik Frankreichs und Großbritanniens widersetzten und dadurch im übertragenen Sinne eines Ernst Nolte die Intervention der faschistischen Mächte Deutschlands und Italien und die Grausamkeit der Franquisten mit provozierten. Die Tendenz, einzelne stalinistische Interventionen und Aktionen seitens kommunistischer (deutscher) Funktionäre in Spanien als Markenzeichen aller linken Freiwilligen zu deklarieren, schreibt eine ideologisch-antikommunistische Stimmung des Kalten Krieges in unsäglicher Weise fort. Es ist deshalb begrüßenswert, dass HistorikerInnen, Interessenverbände und interessierte Gruppen bereits seit einigen Jahren eine neue Renaissance der Spanienfreiwilligen-Forschung angestoßen haben und im Jubiläumsjahr eine breite Palette neuer kritischer Publikationen veröffentlicht und Veranstaltungen ausgerichtet werden. Diese können an diverse grundlegende Forschungsergebnisse wie Quellensammlungen des vergangenen Jahrhunderts anknüpfen.

1976: 40 Jahre nach Kriegsbeginn

Der Sammelband Erinnerungen von Interbrigadisten aus der BRD erschien vierzig Jahre nachdem am 17. Juli 1936 die vermeintlich unverfängliche Wetterdurchsage »Über ganz Spanien wolkenloser Himmel« des Radiosenders Ceuta durch den Äther hallte und den militärischen Putschisten um Franco, Mola und Sanjurjo das Zeichen zum Losschlagen erteilte. Das Jahr 1976 unterschied sich in einer herausragenden Art und Weise von sämtlichen vorherigen markanten Jahrestagen, an denen exilierte Anhänger der Spanischen Republik, ehemalige Interbrigadisten und Sympathisanten des im antifaschistischen Kampf untergegangenen Spaniens halb wehmütig, halb trotzig-hoffnungsvoll ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedachten. Alle vorherigen runden Jahrestage des verhängnisvollen Kriegsausbruchs spiegelten komprimiert die Entwicklungsphasen der franquistischen Diktatur wieder. Im Jahre 1946 quälte sich die spanische Bevölkerung durch Lebensmittelknappheit, staatliche Repression und kulturelle Regression in einem international geächteten Land, das als Überbleibsel eines faschistischen Rechtsrucks der 1930er Jahre quasi der Nachkriegsmoderne die nationalkatholizistische Stirn bot. Zehn Jahre später waren die westdeutschen Bemühungen, Spanien in die NATO zu integrieren, gescheitert, während die BRD ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu dem Land zunehmend verbessern konnte. Erst 1966 gelang es dem Franco-Regime, einen äußerst bescheidenen Aufschwung des Lebensniveaus anzustoßen, während zeitgleich die Spannungen zwischen nationalen Minderheiten und der Zentralregierung, aber auch der Protestwillen innerhalb der Arbeiterklasse und einer kritischen bürgerlichen Schicht wuchsen. Der Tod des Diktators Francisco Franco am 20. November 1975 markiert einen Wendepunkt nach vierzig Jahren autoritärer Herrschaft. Für zahlreiche Zeitzeugen endete erst jetzt der Spanienkrieg. Die zaghafte Öffnung des Landes für demokratische Veränderungen sowie der spanischen Archive für kritische Forschung sollte sich allerdings noch bis zur ersten freien Wahl am 15. Juni 1977 hinziehen. In diese historische Umbruchphase fiel der 40. Jahrestag des Ausbruchs des Spanienkriegs.

Erinnerungen und Erinnern – Ein Sammelband entsteht

Ende der 1960er Jahre stand die noch lebende Kohorte der Spanienfreiwilligen in der BRD und der DDR vor einer drängenden Aufgabe. Es ging darum, den nachfolgenden Generationen die gemachten antifaschistischen Erfahrungen, die individuellen wie klassenspezifischen Erlebnisse in einer möglichst authentischen Form zu überliefern. Das kommunikative Gedächtnis von Zeitgenossen umfasst naturgemäß einen Zeithorizont von 80 bis 100 Jahren. Wenn Medien wie Zeitungsartikel, Lebensberichte, gedruckte Interviews u.a. im Allgemeinen eine »Schaltstelle für die individuelle und die soziokulturelle Dimension des kollektiven Gedächtnisses«[4] darstellen, so ist deren Rolle im Hinblick auf eine Geschichtsschreibung von unten, eine Historiographie des kollektiven Ge­dächt­nisses der Arbeiterklasse und -bewegung von geradezu bewusstseinsbildender Funktion geprägt.

Auf ein Grundproblem der nachträglichen Erinnerungsfixierung in Berichten und Interviews, der oral history an sich, weist Otto Niebergall im Schlusssatz seines Beitrages im vorliegenden Sammelband hin: »Es fällt mir natürlich schwer, mich nach all diesen Jahren an sämtliche Einzelheiten zu erinnern. Wir haben damals nicht an Geschichtsschreibung gedacht, sondern wir wollten Geschichte machen.« Auch Max Schäfer, der Herausgeber des Bandes, betont den bedauernswerten Umstand, dass »die Sammlung des Materials viel zu spät in Angriff genommen worden (sei). Viele, die Wertvolles hätten berichten können, (wären) inzwischen verstorben (und) die Erinnerung an manche Einzelheit (sei) verblasst.« Drei große Sammelbände, die Erinnerungen ehemaliger Spanienfreiwilligen gebündelt zusammenfassen, sind erst in der 1970er Jahren erschienen und stellen im Prinzip den harten Kern einer Erinnerungstradierung »einfacher« Interbrigadisten dar. Den Auftakt bildete das zweibändige Werk »Brigada Internacional ist unser Ehrenname«, maßgeblich betreut von Hans Maaßen, erschienen im Militärverlag der DDR im Jahre 1974. Es wurde bereits zwei Jahre später erneut aufgelegt.[5] 1976 gelangten gleich zwei Sammelbände auf den westdeutschen Markt: Zum einen gab der VVN-eigene Röderbergverlag eine Lizenzausgabe des genannten DDR-Werkes heraus. Zum anderen erschien Max Schäfers hiermit nun neu herausgegebener Sammelband im Verlag Marxistischer Blätter in Frankfurt am Main. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte der Aufbau-Verlag in der DDR das von Willi Bredel verfasste und von Manfred Hahn herausgegebene zweibändige Werk »Spanienkrieg«.[6] Damit war ein umfassender Grundstock an Erinnerungsberichten geschaffen worden, bei deren Zusammenstellung trotz ähnlicher Grundzielsetzungen Varianten auszumachen sind. Zwar ist den drei Werken eine streng chronologische Anordnung der Erinnerungsberichte gemeinsam, doch neigen die Zuträger in Schäfers Werk am ehesten dazu, den im jeweiligen Kapitel vorgegebenen Zeitabschnitt erzählerisch zu sprengen. Bredel wählte bei der Ausgestaltung der Kapitel zudem das Prinzip eines didaktischen Dreisatzes, der sich aus einer vom Autoren verfassten geschichtlichen Darstellung und der retroperspektiven Berichterstattung verschiedener Spanienfreiwilliger zusammensetzt, gefolgt von zeitgenössischen Dokumenten staatlicher, institutionelle und militärischer Herkunft.

Der Entstehungskontext des Sammelbandes erweist sich 40 Jahre nach seiner Entstehung, 30 Jahre nach dem Tode Max Schäfers als nur noch schwer rekonstruierbar. Eine Verlagsdokumentation über das Projekt ist nicht überliefert. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Erscheinen des Schäferschen Sammelbandes als Teil einer konzertierten Aktion entstand, angestoßen vom DDR-Vorbild »Brigada internacional«. Als langjähriger Chefredakteur der Theoriezeitschrift Marxistische Blätter und Leiter des gleichnamigen Verlags pflegte Max Schäfer Kontakte zu entsprechenden Verantwortlichen in der DDR, auf deren Erfahrungen und Beziehungen er aufbauen konnte. So erklärt sich auch die Tatsache, dass die der Originalausgabe angehängte Karte »Spanien zur Zeit des national-revolutionären Krieges 1936–1939« ebenfalls in der sowjetischen Publikation »Die Völker an der Seite der Spanischen Republik 1936–1939«, erschienen in Moskau im Jahre 1975, zu finden ist.[7]

Schäfers eigene Erfahrungen im Spanienkrieg qualifizierten ihn zusätzlich, das Projekt zu verantworten. Im Januar 1937 nahm er als Mitglied des Tschapajew-Bataillons der XII. IB an der Südfront teil, wurde verwundet und nahm später als Teniete wieder an der Schlacht um Brunete teil. Im Juli 1937 kämpfte er im Hans-Beimler-Bataillon der XI. IB, besuchte bis zum März 1938 die Polit-Schule des Ausbildungslagers Madrigueras, um anschließend dem Stab des Etkar-André-Bataillons der XI. IB anzugehören. Sein aktiver kämpfender Einsatz fand nach der Ebro-Schlacht im Mai 1938 sein Ende. Noch im selben Monat verließ Schäfer das Land, wurde in Frankreich verhaftet und reiste Anfang 1939 nach Dänemark.[8] Eine Rolle bei der Erstellung des Sammelbandes dürften auch seine Frankfurter Verbindungen zu ehemaligen Spanienfreiwilligen wie Willi Höhn, Ernst Buschmann, Otto Niebergall und Hubert Ramm, die zentrale Säulen westdeutscher Vernetzungs- und Erinnerungsarbeit darstellten, gespielt haben. Am 18. Oktober 1986, fünfzig Jahre nach Ausbruch des Spanienkrieges, verstarb Max Schäfer. Auf einer Gedenkfeier würdigte der ehemalige Spanienfreiwillige und zeitweilige Kommandanten des Bataillons »Etkar André«, Ernst Buschmann, den Verstorbenen und engen Freund. Dessen großes politisches Wissen und die unerschütterliche Treue zum Marxismus-Leninismus habe auch in den Reihen der Internationalen Brigaden zur Ausbildung hoher Moral beigetragen. Den gemeinsamen Schwur nach Ende des Spanienkriegs, »den Kampf gegen Hitler bis zu seinem Sturz weiterzuführen, wohin auch immer der Weg führen würde«, habe Schäfer im Auftrag der Partei erfüllt, stets unter »meisterhafter« Anwendung seiner politischen Erfahrungen aus Spanien.[9] Umso mehr verwundert es letztendlich, dass Max Schäfer als ehemaliger Spanienfreiwilliger keinen Erinnerungsbericht für seinen eigenen Sammelband beisteuerte.

Einen anderen Blick auf die Entstehung des Sammelbandes gewährt Anke Wagner:

»Sie wussten, dass sie sich keine Schriftstellerin ins Haus holen. Ich sollte die Erinnerungen aufschreiben, das war der Auftrag.«[10] Bereits während ihres Lehramtsstudiums habe sie als junge Genossin im Verlag Marxistische Blätter gejobbt und so Max Schäfer kennen gelernt, der ihr die Mitarbeit am Erinnerungsband anbot. Als Betroffene der Berufsverbotswelle Mitte der 1970er Jahre sei sie froh gewesen, mit der Arbeit an dem Projekt nun etwas zu tun zu haben. Die Auswahl der zu befragenden Spanienfreiwilligen erfolgte wohl seitens der kommunistischen Kreise, die sich um die Frankfurter Zeitzeugen Max Schäfer, Willi Höhn und Erst Buschmann drehten, vermutet Wagner. »Ich hatte meine Vorgaben, nach denen ich in der ganzen Republik Interviews führte. Wenn ich alleine unterwegs war, konnte ich auf Max’ Auto und Fahrer zurückgreifen. Alle Besuche verliefen sehr freundlich. Es waren hochsympathische Menschen, denen man während der sachlichen und nüchternen Gespräche ihren damaligen revolutionären Elan anmerkte.« Besonders habe Wagner die menschliche Seite der Genossen interessiert: »Max Schäfer war eine graue Eminenz, Kommunist durch und durch. Er hatte ganz konsequente Überzeugungen. Heute kommt mir das alles sehr dogmatisch vor, aber damals war ich so in dieser Sprache, in diesem Denken drin, dass es Alltag war. Aber er war auch ein Gentleman, die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt.« Ähnlich eindrucksvoll seien Personen wie Willi Höhn,[11] Ernst Buschmann und Otto Niebergall gewesen, die ihre Erinnerungen selbst verfasst hatten.[12] Laut Anke Wagner habe sie die Interviews wohl zunächst auf Kassette aufgenommen und anschließend niedergeschrieben. »Damals habe ich mir keine großen Gedanken über die Bedeutung des Projektes gemacht. Vielleicht hätte ein Journalist mehr aus der Sache rausholen können, als ich es konnte. Das Ganze ist wirklich kein literarisches Produkt geworden«, so ihr nüchternes Resümee.[13]

Trotz der etwaigen Unzulänglichkeiten lesen sich Einschätzungen der Erinnerungsliteratur wie der Aufsatz des Historikers Klaus-Michael Mallmann »Kreuzritter des antifaschistischen Mysteriums« wie blanke Diffamierungen und snobistische Attacken. Seine Polemik reicht von »hohle(r) Pathos«, »linke Landser-Romantik«, »retroperspektive Selbstbeweihräucherung« bis hin zur Aussage, dass die geschriebenen »Sätze über das hasserfüllte Töten, das lustvolle Sterben, den eisenharten Brigadisten, den guten Kameraden« auch so ähnlich von den Überlebenden der »Legion Condor« geteilt werden würden.[14] Das aggressive Verdammen antifaschistischer Lebenserfahrungen und damit verbunden der literarischen Versuche, diese zu konservieren, erscheint ideologisch getrieben. Das Bewusstwerden um die Subjektivität individueller Schilderungen stellt zusammen mit einer intensivierten Forschung rund um die Internationalen Brigaden und die Spanienfreiwilligen einen sinnvollen Schritt hin zu einer notwendigen »Mythenkritik (…) vom Standpunkt der Histori­sie­rung«.[15]

Die geschichtlichen, politischen und institutionellen Voraussetzungen, die das Entstehen der drei genannten Erinnerungsbände in DDR und BRD maßgeblich beeinflussten, hätten kaum entgegengesetzter sein können. Während im »Arbeiter- und Bauernstaat« die Freiwilligen der Internationalen Brigaden in ein ausgeprägtes System staatlichen Gedenkens und individueller Würdigung eingebunden wurden, erfuhren ihre westdeutschen Kameraden eine Art zweite Niederlage, indem ihre antifaschistische Lebensleistung missachtet, ihre Rentenansprüche lange Zeit nicht anerkannt wurden und sie für ihr fortgesetztes linkspolitisches Engagement in der BRD Adenauers, Erhards und Kiesingers neue Repressionen und Schmähungen in Kauf nehmen mussten. Dass die ehemaligen Spanienkämpfer in der BRD bis zur Novellierung des Bundesversorgungsgesetzes im Jahre 1972 warten mussten, um ihren einstigen Gegnern, den Angehörigen der »Legion Condor«in Sachen Rentenanspruch gleichgestellt zu werden, wirft ein entlarvendes Bild auf den pervertierten Umgang mit den pro-republikanischen deutschen Protagonisten im Spanienkrieg.[16] Noch heute sorgt sich die Bundesrepublik um die wenigen Veteranen der spanischen »Division Azul«, die an der Seite der Wehrmacht am kriegerischen Überfall auf die Sowjetunion beteiligt war.[17] Diese Reglung verteidigte CDU-Mitglied (und späterer Bundespräsident) Karl Carstens, Staatssekretär im Auswärtigen Amt im Jahre 1965: »Spanien ist eines derjenigen Länder, die in den für uns lebenswichtigen Fragen auf unserer Seite stehen.«[18]

Solidarität war für die ehemaligen Spanienfreiwilligen auch nach 1945 essentiell. Frühe Versuche einer Vernetzungsarbeit auf westdeutscher Ebene stellte die »Interessengemeinschaft ehemaliger deutscher Spanienkämpfer« mit ihrem Sprecher Karl Sauer dar. Diese Bemühungen mündeten in der Gründung der »Gemeinschaft der ehemaligen republikanischen Spanienfreiwilligen in der BRD« im Jahre 1966. Insgesamt 240 Kameraden schlossen sich an.[19] Deren Sprecher Willi Höhn war vor 1936 in der FDJ in Paris sowie im Kampf um die Saarabstimmung 1935 aktiv und kam im Oktober 1936 nach Spanien. Hier war er unter anderem Mitarbeiter Hans Beimlers, kämpfte im Etkar-André-Bataillon der IX. IB und war nach seiner Verwundung im Mai 1937 Mitbegründer einer Agitprop-Abteilung im Sanitätszentrum Murcia. Als hauptamtlicher Funktionär der KPD und später der DKP wirkte Höhn in der Schnittmenge von westdeutscher kommunistischer Bewegung, der Gemeinschaft ehemaliger republikanischer Spanienfreiwilligen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), deren Präsidiumsmitglied er war. Stets war in der BRD die im Vergleich zur Situation in der DDR zahlenmäßig recht überschaubare Gruppe ehemaliger Spanienfreiwilligen daran interessiert, mit den ihr zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Zu diesem Zweck erschienen entsprechende Periodika, die einerseits den internen Zusammenhalt und Austausch ermöglichen und zum anderen öffentlichkeitswirksame Vorstöße koordinieren sollten.[20] Zu eben diesen Zeitschriften zählen neben dem zwischen 1957 und 1961 erschienenen El Volontario de la Libertad auch die Mitteilungen der Gemeinschaft der ehemaligen republikanischen Spanienfreiwilligen in der BRD.[21]

Das erstgenannte Periodikum erschien unter der redaktionellen Betreuung Karl Sauers und sollte, wie es im Geleitwort vom März 1957 heißt, Kontakte der Kameraden untereinander ermöglichen (nicht zuletzt zur Milderung der Folgen systematischer Versorgungsvernachlässigung der Spanienfreiwilligen in der BRD), Suchmeldungen zum Verbleib ehemaliger Kämpfer abdrucken, einen Literaturspiegel zusammenstellen und Informationen zu Gedenkveranstaltungen u.a. versammeln. Bis einschließlich Heft Nummer 25 (Juli/August 1959) erschienen die je elf bis zwanzig seitigen hektographierten Hefte monatlich, reduzierten sich danach auf einen halbjährigen Rhythmus. Finanziert durch Spenden erreichte das Heft nicht nur ehemalige deutsche Spanienfreiwillige, sondern wurde auch von ausländischen befreundeten Freiwilligen-Organisationen wohlwollend zur Kenntnis genommen.[22] Charakteristisch ist der fortdauernde Versuch, das Gestern und das damalige Heute zusammenzudenken: Aufklärendes Quellenmaterial der 1930er Jahre wie Geheimdokumente der Wehrmacht oder zeitgenössische Zeitzeugenberichte erschien neben einer Zusammenstellung von Berichten westdeutscher Zeitungen über den Zustand des franquistischen Spanien der späten 1950er Jahre.[23] Markant stilprägend ist zudem die Bemühung zu nennen, eine archivierende Plattform für die Erinnerungen der Spanienfreiwilligen zu schaffen. Der Aufforderung des Heftes folgten einige ihrer Leser und schufen somit gleichsam einen Vorgriff auf den Sammelband von 1976.[24] Inhaltlich wenig verändert erschienen in den 1970er und 1980er Jahren in zeitlich loser Abfolge die »Mitteilungen« unter der redaktionellen Betreuung von Willi Höhn und später Ernst Buschmann. Die Überalterung und das Ableben der ohnehin zahlenmäßig bereits stark verringerten Protagonisten besiegelten letztendlich das Schicksal des Periodikums.

Der Sammelband als »Kind seiner Zeit« – Absichten, Aufgaben, Auseinandersetzungen

Max Schäfer weist in seinem Vorwort auf die doppelte Intention hin, welche mit der Publikation der Erinnerungsberichte besonders in der BRD der 1970er Jahre verfolgt werden soll. Zum einen gehe es darum, eine Leerstelle in der Überlieferung antifaschistischer Erfahrungen im Hinblick auf Westdeutschland zu schließen und Versäumtes nachzuholen, bevor die Generation der Augenzeugen gänzlich verstorben sein wird. Zum anderen unterstreicht Schäfer die dialektische Verschränkung des antifaschistischen, sozialistischen Kampfes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wenn er die Notwendigkeit betont, »eine ganze Wand von falschen Darstellungen, Unwahrheiten und Erdichtungen und mehr noch, von direkten Lügen (in der Bundesrepublik) zu durchstoßen.« Die enge institutionelle, militärstrategische, parteiliche und persönliche Verbundenheit der staatstragenden CDU/CSU mit den Diktaturen Francos und Salazars in Spanien und Portugal schaffe ein Meinungsklima, in dem nationalsozialistische und franquistische Deutungsmuster, Argumentationen und Vokabular noch immer zum festen Bestandteil konservativer Publizisten und Historikern in der BRD gehört.

Als konzentriertes Beispiel einer solchen Geschichtsinterpretation in stramm-antikommunistischer, antimodernistischer Tradition verweist Schäfer auf die Artikel des Welt-Journalisten Heinz Barth anlässlich des 40. Jahrestags des Kriegsausbruchs. Barths rechtslastige Feder war in der Praxis erprobt, war er doch von 1939 bis 1944 Auslandskorrespondent der NS-Presse in Spanien. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte er nahtlos an seine Tätigkeit an und versorgte zahlreiche westdeutsche Tageszeitungen mit Informationen aus dem Staate Francos.[25] Wahlfälschungen und Moskauer Kassen hätten die Volksfront 1936 an die Macht gebracht, der »so sehr der Gewaltsamkeit und dem Individualismus des spanischem Charakters entsprechende« Anarchismus brach sich unter »Viva Russia« und »Viva Thälmann«-Rufen die Bahn, urteilte der Journalist.[26] Warnend erwähnt er Straßenproteste im baskischen Victoria des Jahres 1976 und die revolutionären Ereignisse von 1936 im selben Atemzug als sowjetfinanziert. Die Volksfront habe Spaniens Republik zerstört:[27] Diese Hypothese reiht sich nahtlos in eine von der Welt dezidiert betriebenen Kampagne gegen die historischen wie zeitgenössischen echten oder auch nur vermeintlichen Formen der Volksfront ein. Volksfront ist gleich sowjetische Machtübernahme, ist gleich Bürgerkrieg und der Untergang des christlichen Abendlandes – so der Tenor einer größeren Anzahl von Artikeln, die sich in einer hysterischen Weise mit dem Erstarken der Kommunistischen Partei in Frankreich und Italien und der Möglichkeit kommunistischer Regierungsbeteiligungen im Zuge der landesweiten Wahlen beschäftigten.[28] Wenig verwunderlich, dass das Schlagwort der Volksfront auch zum Beispiel in Bezug auf die Wahl Professor Eberhard Lämmerts zum Präsidenten der Freien Universität West-Berlin am 22. Juni 1976 zum allgegenwärtigen Menetekel einer heraufbeschworenen kommunistischen Unterwanderung in Filzpantoffeln geriet.[29] Andere größere Tageszeitungen erinnerten unweit weniger aufgeregt und tendenziös über den Beginn des Spanienkrieges oder konzentrierten sich vornehmlich auf die zeitgenössischen Veränderungen im spätfranquistischen Spanien.[30] Zehn Jahre später zollte auch Die Welt dem Jubiläum keine Aufmerksamkeit mehr, sondern stellte Andalusien als Urlaubs- und Wirtschaftsregion vor.[31]

Mit Nachdruck weisen Autoren wie Max Schäfer und Karl Sauer auf den Umstand hin, dass ein militärisch-traditionsbildnerisches Anschließen der Bundeswehr an Wehrmachtserfahrungen und -vorstellungen zu beschämenden personellen Kontinuitäten führte. Wehrmachtsangehörige wie Hermann Plocher, Stabschef der Legion Condor und Oberstleutnant im Generalstab der Wehrmacht, spielten in der Bundeswehr und im NATO-Stab der späten 1950er Jahre eine nicht unerhebliche Rolle. Neben dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess 1963 bis 1965 brachte das im Jahre 1965 von Albert Norden zusammengestellte »Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und West-Berlin« eine intensivere bundesdeutsche Diskussion um Kriegsverbrecher in leitenden Positionen, um faschistische Kontinuität und mangelnde Aufarbeitung der Schuldfrage in Gang. Trotz mancher polemischer Überspitzung und propagandistischer Verflachung fokussierte die DDR auf ein zentrales Kainsmal der westdeutschen Führung in Politik, Wirtschaft und Militär. Im militärischen Kontext spielte das Erbe der Legion Condor eine gewichtige Rolle. Während Karl Sauer mittels Auszügen aus Selbstdarstellungen der Nazis über die Luftwaffeneinheit Legion Condor die unverhohlene Offenheit des Naziregimes mit ihren militärischem Engagement in Spanien aufdeckt, lesen sich die Schilderungen deutscher Fliegerangriffe auf die republikanische Volksarmee, die Interbrigadisten sowie auf die spanische Zivilbevölkerung wie eine vielfache Anklageschrift gegen die faschistischen Kriegsverbrechen unter den Augen der Weltöffentlichkeit.[32] Konsequenterweise wird dem Thema »Legion Condor« sowie der Tatsache ehemaliger Wehrmachtsführer im Dienste der Bundeswehr im El Volontario de la Libertad der 1950er Jahre besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zentral ist das Bemühen, das Fortwirken der Legion Condor in die Gegenwart der Adenauer-Jahre der BRD mit dezidierten Hinweisen auf personelle Kontinuitäten und der ungehinderten Gründung eines Traditionsvereins der besagten Luftwaffeneinheit zu entlarven und öffentlich anzuprangern.[33] In ihrer aufklärerischen und schonungslos entlarvenden Methodik, der Themenwahl und Stoßrichtung entsprachen die Publikationen der »Interessengemeinschaft ehemaliger deutscher Spanienkämpfer« weitgehend dem publizistischen und politisch-praktischen Ansatz der VVN jener Jahre.

Einige statistische Betrachtungen

Selbst Uniformen, das Marschieren in Formation und die Einordnung in ein militärisches Plural von Brigaden, Bataillonen und Divisionen lösen das Individuum nicht auf. Die großen kollektiven Erzählungen, zu denen auch die Erfahrungen von tausenden Kämpfern der Internationalen Brigaden zu zählen sind, setzen sich aus vielen Mosaiksteinen individueller antifaschistischer Biografien zusammen.

Das soziale Profil deutscher Interbrigadisten rekonstruierten Historiker wie Patrik von zur Mühlen und Michael Uhl anhand zweier zentraler zeitgenössischer Quellen: Während von zur Mühlen auf die im Jahre 1938 in Madrid erschienene Publikation »Tschapaieff. Das Bataillon der 21 Nationen« Bezug nimmt,[34] zieht Michael Uhl unter anderem zwei statistische Erfassungen des ehemaligen Stabschefs der XI. Brigade, Gustav Szienda, heran, der im Jahre 1940 auf Anweisung Georgi Dimitroffs »kaderpolitische Personenbeurteilungen« der deutschen Spanienfreiwilligen angelegt hatte.[35] Konfrontiert man die Analyseergebnisse der beiden Historiker mit einer Auswertung der sozialen Profile jener 24 Spanienfreiwilligen, deren Kampfberichte sich in Max Schäfers Erinnerungsband wiederfinden, fällt auf, wie überraschend ähnlich deren soziale Zusammensetzung ausfällt. Einschränkend muss allerdings eingeworfen werden, dass die Gesamtheit der ausgewählten Personen statistisch verschwindend klein ist und die Auswahlkriterien im Dunkeln liegen. Von einer Repräsentativität nach wissenschaftlichen Maßstäben kann deshalb keineswegs gesprochen werden.

Die vom Autor dieser Einleitung vorgenommene Auswertung der von Max Schäfer und Anke Wagner gesammelten Erinnerungsberichte bezieht insgesamt 24 Personen ein. Nicht beachtet bleiben der Saarländer Otto Niebergall (1904–1977) sowie die deutsche Widerstandskämpferin und Ehefrau Hans Beimlers, Centa Herker-Beimler (1909–2000).[36] Niebergall, KPD-Mitglied seit 1922, war im Jahre 1935 nach der verlorenen Saarabstimmung ins französische Exil gegangen, um hier als KPD-Abschnittsleiter für den Saarabschnitt (später für das Rheinland) zu fungieren.[37] Ab August 1936 war er zudem gemeinsam mit August Hartmann Mitglied des »Einsatzstabs für die Entsendung Freiwilliger nach Spanien« im südfranzösischen Toulouse. Dessen Aufgabe war es, die Freiwilligen über die französisch-spanische Grenze nahe den Ortschaften Cebères und Port Bou zu schleusen, vorbei an der Garde Mobil und der Gendarmerie, »die von Reaktionären kommandiert wurden«, sowie unter jenen Schwierigkeiten, die von Seiten der katalonischen Anarchisten ausgingen, mit denen sich Niebergall laut eigenen Aussagen »scharfe Auseinandersetzungen« lieferte. Da er jedoch nicht aktiv als Interbrigadist am Spanienkrieg teilnahm, fällt er aus der Erhebung. Dasselbe gilt für Centa Herker-Beimler, die über ihre private wie kollektive Anteilnahme antifaschistischer Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern an den Abwehrkämpfen der Spanischen Republik und der Interbrigaden Aussagen teilhat, jedoch nicht Mitglied der IB gewesen war.

Die statistische Auswertung der Berufe, die die genannten Freiwilligen vor ihren Gang nach Spanien ausübten, ergibt folgendes Bild: Dreizehn Freiwillige (54,2%) waren Industriearbeiter, drei Personen (12,5%) waren als Angestellte tätig, im Sektor Handwerk/Gewerbe verdingten sich zwei Personen (8,3%) und eine Person (4,2%) wurde als Lehrling geführt. Der Beruf von fünf Personen (20,8%) konnte nicht geklärt werden.[38] Milieu- und klassenbedingt weisen der erlernte beziehungsweise ausgeführte Beruf und der Geburts- und Wohnort starke Zusammenhänge auf. Betrachtet man demnach die Geburtsorte der 24 Kämpfer, so fällt auf, dass das Ruhrgebiet sowie das Saargebiet als Zentren der deutschen Schwerindustrie besonders stark vertreten sind (sieben beziehungsweise sechs Personen). Die restlichen elf verteilen sich auf diverse andere industriell geprägte, zumeist urbane Standorte wie zum Beispiel Mainz (zwei), Frankfurt, Mannheim oder Breslau (je einer).[39]

Es bleibt anschließend noch der Blick auf die Alterskohorten, aus denen sich die 24 Spanienfreiwilligen aus Schäfers Erinnerungsband rekrutieren. Drei Freiwillige sind noch vor Ablauf des 19. Jahrhunderts geboren, vierzehn Personen zwischen 1901 und 1911. Sieben Personen sind während des Ersten Weltkriegs zur Welt gekommen. Der stärkste Jahrgang ist dabei das Jahr 1914 mit vier Geburtsdaten. In Anlehnung an eine von Uhl vorgenommene Auswertung der ermittelbaren Geburtsdaten von 1.815 Freiwilligen ergibt sich folgende Aufstellung (Stichjahr für das Alter ist das Jahr der Teilnahme am Spanienkrieg):

Dies entspricht weitestgehend den Auswertungen Uhls, der die Dominanz einer Generation feststellt, die in der Anfangszeit der Weimarer Republik sowie im Besonderen in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 aufgewachsen und sozialisiert wurde.[40]

Ein Großteil der in den Internationalen Brigaden kämpfenden Deutschen war Mitglied in der KPD – von 2.012 registrierten Freiwilligen im Dezember 1937 waren 1.565 Kommunisten (74,5%), 158 Sozialdemokraten (7,5%) und 379 Parteilose (18,0%).[41] 15 von 24 Freiwilligen, deren Erinnerungen im vorliegenden Band festgehalten sind, (62,5%) waren Mitglied der KPD, der in der Tschechoslowakei aufgewachsene Karl Sauer war Mitglied des Jugendverbandes der dortigen KP[42] und Max Gorbach schloss sich nach 1933 im Exil der Schweizer KP an.[43] Sieben Personen (29,2%) waren vor ihrem Eintritt in die Internationalen Brigaden parteilos. Auffällig ist zudem, dass sieben Personen zwischen 1929 und 1932 ihren Weg in die KPD fanden, also in einer Phase der gesellschaftlichen wie politischen Polarisierung der Weimarer Republik. Zumindest von Alfred Robus, Jahrgang 1908, ist bekannt, dass er im Jahr 1932 aus der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) ausgeschlossen wurde und noch im selben Jahr die Mitgliedschaft in der KPD erwarb.[44] Er ist der Einzige, von dem eine sozialdemokratisch orientierte Vergangenheit dokumentiert ist. Andere frühe KPD-Mitglieder waren gemäß einer nicht unüblichen Mehrfachmitgliedschaft ebenfalls in verschiedenen anderen kommunistischen Organisationen wie der Revolutionären Gewerkschaftsopposition, dem Roten Frontkämpferbund (bis zu dessen Verbot im Jahre 1929) sowie in dessen Nachfolger, dem Kampfbund gegen den Faschismus aktiv. Dass fast alle Erinnerungsberichte von kommunistischen Interbrigadisten herrühren, liegt wahrscheinlich darin begründet, dass die Auswahl der Beiträger wohl auf persönlichen wie politischen Verbindungen rund um den Kommunisten Max Schäfer und andere kommunistische Funktionäre der westdeutschen Ehemaligenvereinigungen beruhte.

Nicht uninteressant ist zudem der Fakt, dass vier parteilose Freiwillige der spanischen KP (PCE) beitraten, der ebenfalls parteilose Hans Rauch in die Sozialistische Einheitspartei Kataloniens (PSUC) aufgenommen wurde und drei KPD-Mitglieder parallel der PCE beitraten. Bis 1938 war der Anteil der Freiwilligen in der vorliegenden Auswahl, die Mitglied in einer Kommunistischen Partei gewesen sind, auf 20 Personen angewachsen.

Die zahlreichen organisatorischen und taktischen Umgruppierungen der Internationalen Brigaden während des Spanienkrieges hatten zur Folge, dass sich die militärische Vita der einzelnen Spanienfreiwilligen sehr bewegt gestaltete. Dies zeigt sich unter anderem in den Erinnerungsberichten der 24 Spanienfreiwilligen. Von der Teilnahme in der Centuria Thälmann, einem Embryo der Internationalen Brigaden, im Sommer 1936 bis hin zum sogenannten »2. Einsatz« nach dem offiziellen Abzug im Oktober 1938, reicht die Bandbreite.

Erinnerungen von Saarländern

»Es war dann Ende September oder Anfang Oktober 1936, als eine Zusammenkunft aller in Bourges und Umgebung lebenden Saarländer stattfand. (…) Zwei Repräsentanten der Einheitsfront des Saargebietes, Fritz Nickolai, KPD, und Max Braun, SPD, waren anwesend. Sie schilderten die Ereignisse in Spanien. Es sei jetzt an der Zeit, dem spanischen Volk Hilfe zu leisten. Wir acht Alleinstehende meldeten uns sofort, einige Familienväter schlossen sich uns später an.«[45]

Mit diesen Worten beschreibt der gebürtige Saarländer Fritz Holderbusch seinen Weg aus dem französischen Exil an die Fronten des Spanienkrieges. Nach der überdeutlich für die Antifaschisten verlorengegangenen Abstimmung über den Status des Saargebiets am 13. Januar 1935 traten schätzungsweise 8.000 Saarländer ihren Weg ins Exil an, um sich den drohenden Übergriffen des faschistischen Staatsapparates zu entziehen.[46] Damit war eine neue Phase der zaghaften wie doch zum Teil recht hoffnungsvollen Bemühungen von Sozialdemokraten und Kommunisten einerseits und katholischen Schichten andererseits um eine antifaschistische Einheitsfront angebrochen.

In den Berichten der saarländischen Interbrigadisten herrscht das Narrativ des verlagerten antifaschistischen Kampfes vor, eines Kampfes gegen das globale Phänomen des Faschismus, der nach seinen nicht dauerhaft bleibenden Siegen in Italien 1922, im Deutschen Reich 1933 und im Saargebiet Anfang 1935 nun auf spanischem Boden gestellt und im Sinne einer bestehenden antifaschistischen Tradition geschlagen werden müsse. Klaus-Michael Mallmann spricht diesbezüglich plakativ von einem »Stellvertreterkrieg in Spanien«,[47] dem sich die saarländischen Kommunisten verschrieben hätten. Neben Fritz Holderbaum, der ab 1929 für die KPD im Stadtrat von Saarbrücken saß und aktiv am Abwehrkampf gegen die faschistische Deutsche Front teilnahm, gibt im Besonderen Otto Niebergall eine Zusammenfassung beziehungsweise Einschätzung der verlagerten Einheitsfrontbemühungen saarländischer Aktivisten in Frankreich 1936. Im August 1936 berief die Auslandsleitung der KPD Niebergall aus Forbach ab und betraute ihm gemeinsam mit August Hartmann, dem Emigrationsleiter der KPD für Frankreich, den »Einsatzstab zur Entsendung Freiwilliger nach Spanien« an. Ungefähr 300 Saarländer haben laut Niebergall zwischen August und Oktober 1936 die Grenze nach Spanien überquert, um sich den entstehenden Kampfverbänden auf Seiten der Republik anzuschließen.[48] Das Forschungsprojekt »Widerstand und Verweigerung im Saarland 1935–1945« nennt hingegen die Zahl von 183 gesicherten Biografien und schätzt das Maximum der saarländischen Freiwilligen auf circa 200 Personen.[49] Dies macht den relativ hohen Anteil von gebürtigen Saarländer, deren Erinnerungsberichte in Schäfers Sammelband veröffentlicht wurden, umso interessanter. Bei besagten Personen handelt es sich um Albert Kühn, Jakob Lorscheider, Ludwig Prinz, Johann Wilhelm und Fritz Holderbaum. Ebenfalls betonenswert ist der Umstand, dass weitere sieben Beiträger zwischen 1933 und 1935 ganz oder zeitweise im Saargebiet Exil fanden (Kurt Diehl, Willi Höhn, Karl Mathes, Hans Rauch, Alfred Robus, Kurt Rusitzka und Peter Sprenger). Es ist anzunehmen, dass die Entscheidung zugunsten des grenznahen Fluchtortes nicht zuletzt von der KPD-Mitgliedschaft der genannten Personen beeinflusst wurde – bis auf Rauch waren alle Genannten Parteimitglieder. »In der Tat war das Saargebiet für die KPD nicht nur Schauplatz des nahenden Referendums, sondern bereits 1933, verstärkt 1934, Aufmarschplatz und logistische Basis im Kampf gegen das NS-Regime«, resümiert diesbezüglich Mallmann.[50] Mit dem einzig legalen Parteibezirk der KPD nach der Machtergreifung 1933 diente das Saarland für die Exil-KPD als »geeigneter Horchposten an der Grenze«, als »Relaisstation und Anlaufstelle (…) für illegale Kontakte ins Reich«.[51]

Aus den Erinnerungsberichten geht der starke Drang zur Überwindung einer durch das Exil erzwungenen Untätigkeit hervor, wenn zum Beispiel der Saarländer Ludwig Prinz schreibt: »Auch unsere Gruppe wollte so schnell wie möglich nach Spanien, am 4. August 1936 erhielten wir schließlich die offizielle Genehmigung. Wir waren fünf Mann: Robert Becker, Wilhelm Engelmann, Alois Weissgerber, Philipp Meyer und ich. Schon am nächsten Tag, dem 5. August, machten wir uns auf den Weg nach Spanien.« Nicht nur in Bezug auf die Wahl der Exilorte in Südfrankreich – Hochburgen waren unter anderem Bourges und Tarbes – zeichneten sich Schwerpunktbildungen nach Herkunftsort ab, sondern auch bezüglich der Meldung als Freiwillige[52] und später im Kampfverband lässt sich eine Verbundenheit der saarländischen Exilanten feststellen. Nicht ohne Grund betont Albert Kühn (Neunkirchen/Saar), dass die »Saarländer sozusagen den Stamm des Bataillons Edgar Andre [bildeten]« und nach den verlustreichen Kämpfen um Madrid Ende 1936, Anfang 1937, etliche seiner fronterfahrenen Landsmänner befördert wurden. Mallmanns Nachforschungen speziell zu dieser Aussage stützen ihren Inhalt:[53]

»In Murcia wurden auch viele Kameraden, die vor Madrid eine Gruppe angeführt hatten, zum Zugführer – das entsprach dem Rang eines Leutnants – befördert. Damit wurde ein neuer Führungskader geschaffen, der über ausgezeichnete Fronterfahrung verfügte. Befördert wurden damals unter anderem die Kameraden Philipp Schuh, Jakob Lorscheider, Herbert Tschäpe, Willi Salden, Otto Jürgens, Walter Steffens, Karl Witzack, Fritz Holderbaum und ich. Die meisten waren Saarländer; das war nicht weiter verwunderlich, denn Saarländer bildeten sozusagen den Stamm des Bataillons Edgar André. Die Saarländer gehörten mit zu den ersten, die über die Pyrenäen und Marseille nach Spanien geeilt waren.«[54]

Erwähnung findet weiterhin die Arbeit der Sozialdemokratin Johanna Kirchner, die vertrauensvoll mit Niebergall und der kommunistischen Seite des Projektes zusammenarbeitete. Als praktische Tätigkeit im Sinne der Einheitsfront beschreibt der Autor weiterhin seine gemeinsame Solidaritäts-Propagandatätigkeit mit den saarländischen SPD-Funktionären Max Braun und Johanna Kirchner in Südfrankreich des Jahres 1937.

Der Weg nach Spanien

Fernab der Heimat griffen 24 deutsche Interbrigadisten zu den Waffen, kämpften in den Olivenhainen des Madrider Universitätsviertels, in Hitze und Kälte, an der Seite des Spanischen Volksheeres und anderer internationaler Freiwilliger gegen die Franquisten, gegen die deutsche Wehrmacht, die italienischen Legionäre und Salazars Truppen. Welche Motive, Hoffnungen und Überzeugungen trieben sie an? Welche Ziele rechtfertigten ihren entbehrungsreichen, schmerzlichen Kampf gegen Unfreiheit und Repression in Spanien, dem Land, das für viele eine zeitweilige Heimat wurde?

Nach dem verlustreichen wie verlorenen Abwehrkampf der deutschen Arbeiterbewegung nährte das erzwungene Exil in Vielen die Sehnsucht, die erlittene Schmach durch aktiven Kampf wettzumachen. Fritz Fränken erinnert an einen deutschen Interbrigadisten, der im Lazarettzentrum Bernicasim besagtes Anliegen in knappe Worte fasste: »Wir deutschen Interbrigadisten haben in diesem Kampf ein legitimes, politisches, eigenes Anliegen. Mit dem Sieg über Franco wollen wir helfen, Hitler eine militärische Niederlage zuzufügen und dem faschistischen Terror in unserem eigenen Land in den Arm fallen.« Diese Einschätzung des verlagerten Kampfes deutscher Antifaschisten gegen das Hitlerregime, eines Ausmerzens historischer Niederlagen fern der Heimat, entsprach der Lesart der KPD, die in der Propaganda unter den Interbrigadisten häufig Anwendung fand.[55] Die Genugtuung des »Heimzahlens« beschreibt auch Robert Weinand nach der gewonnen Schlacht an der Guadalajara-Front 1937. Zu diesem Motiv gesellte sich der Wunsch, die gewählte spanische Regierung gegen die Putschisten zu verteidigen, nicht zuletzt, »um den Vormarsch des Faschismus in Europa zu stoppen«. Emotional reagierten insbesondere einfache Mitglieder der Arbeiterparteien KPD und SPD auf die fehlende Einigkeit im Kampf gegen den aufkommenden Faschismus vor 1933. Dass sich in Frankreich und Spanien seit 1936 Volksfrontregierungen etabliert hatten, empfanden im Exil lebende deutsche Linke als Wiedergutmachung eigener historischer Fehler und als bewegende, mutmachende Entwicklung, für deren Verteidigung es Wert war, das eigene Leben einzusetzen.

Der Weg nach Spanien gestaltete sich für die Spanienfreiwilligen je nach parteilicher Verankerung und nach politischer Großwetterlage mehr oder weniger mühsam. Lediglich in den Erinnerungen der Saarländer Max Better und Ludwig Prinz ist der Hinweis zu finden, dass sie »aus eigener Initiative« 1936 ihr französisches Exil mit dem Ziel Spanien verlassen hätten. Auch Alfred Robus scheint auf eigene Faust gemeinsam mit vier Kameraden Anfang August 1936 nach Barcelona gereist zu sein. Besagte Schilderungen spiegeln die eher unorganisierte Phase des Zustroms von Spanienfreiwiligen kurz nach Kriegsausbruch wieder. Der allergrößte Teil der 24 Interbrigadisten war Mitglied der exilierten KPD und wurde auf verschiedenem Wege direkt rekrutiert. Als Mitglied der FDJ erhielt Willi Höhn nach einiger Zeit des Wartens in Paris im Oktober 1936 gemeinsam mit zehn weiteren jungen Linken die Erlaubnis zur Ausreise. Andere wurden von verschiedenen KPD-Funktionären direkt angeworben, wie im Falle Jakob Lorscheiders, der im Oktober 1936 in Tarbes von Arthur Dorf für den Dienst in Spanien gewonnen wurde. Auch das Einholen der Reiseerlaubnis durch die KPD ist in den Erinnerungen durch Max Better bezeugt. Was eher ungeordnet begann, festigte sich in seinen Strukturen und Methoden, als die Internationalen Brigaden im Oktober 1936 aus der Taufe gehoben waren. Gerade in dieser eher ungeordneten Phase strömten auch die meisten der 24 Interbrigadisten in Schäfers Erinnerungsband nach Spanien – von Juli bis August 1936 insgesamt drei Personen, im Oktober elf, eine Person im Dezember, drei weitere ohne Monatsangabe im selben Jahr, vier Personen von Januar bis März 1937, im Juni eine und im Februar 1938 ein weiterer Spanienfreiwilliger.

Während der Reise aus dem zumeist französischen Exil nach Spanien brannte sich nachwirkend der Grenzübertritt in das Gedächtnis der Interbrigadisten ein. Die Wege der Einreise waren zahlreich: Über die Pyrenäen – illegal mit Hilfe von Schleuserbanden, legal in Omnibussen oder auf Schiffen wie der »Ciudad Barcelona« oder der »Orviedo« von Marseille nach Valencia. Der Grenzübertritt verschmolz sehr konträre Gefühle: Einerseits die Wut über die Folgen der Non-Interventionspolitik, deren Auswirkungen in Form von Kontrollen der französischen Polizei und des Deuxième Bureau spürbar wurden. Andererseits empfanden nicht wenige den Schritt auf spanisches Territorium als regelrechte Befreiung, als Ankunft in einem willkommenheißenden Land, in dem man unter Gleichgesinnten einer sinnvollen Aufgabe nachgehen konnte. Der »kolossale Empfang«, mit dem die Spanier die Neuankömmlinge begrüßten: Tausende auf den Straßen, Händeschütteln, Musikkapellen, Blumen, immer wieder Blumen, so die Erinnerungen Fritz Holderbaums an seine Ankunft in Valencia 1936. Anekdotisch wirkt die häufige Verwechslung der deutschen Interbrigadisten mit Sowjetbürgern, was sich in »Viva Russia«-Rufen und einer Episode im Hafen von Valencia zeigte. So schildert Johann Wilhelm:

»Auch die spanische Presse war da, und man fragte uns nach unserer Nationalität. Als wir sagten, wir seien Deutsche, glaubten sie uns zunächst nicht, sie hielten uns für Russen. Als wir sie darauf hinwiesen, daß wir doch Deutsch sprächen, meinten sie nur, das könnten die Russen auch. Die Deutschen wären doch alle Faschisten. Wir erklärten ihnen, daß wir keine Faschisten seien, und zum Beweis wollten wir als deutsche Arbeiter gemeinsam mit den spanischen Arbeitern gegen den Faschismuskämpfen.«[56]

Solidarität ist eine Waffe

Einen weiteren Schwerpunkt der Erinnerungen bilden die facettenreichen solidarischen Verknüpfungen zwischen Spaniern und den Spanienfreiwilligen. Das Netz direkter solidarischer Hilfen verschiedener internationaler wie nationaler Arbeiterhilfsorganisationen, Parteien u.a. spannte sich rasch nach Kriegsausbruch. Es umfasste unter anderem Geld-und Materialsammlungen im großen Stil, wobei zumeist die Hilfe der Sowjetinstitutionen und -menschen betont wird.[57] Herbert Ramm erinnert sich, wie er Anfang 1937 einen Teil seines Zehntageslohns von 30 Peseten an die Rote Hilfe gegeben hatte und die XIII. Brigade während des Marsches an die Malaga-Front im Februar 1937 hungernde Spanier mit Nahrung aus ihren Vorräten versorgte. Eine andere Dimension umfasst die moralische wie militärische Solidarität, die für die kämpfenden Spanienfreiwilligen alltagsprägend waren. Wenn Emil Sander seinen gemeinsamen Kampf mit spanischen Soldaten im November 1936 vor Madrid als »großes Ereignis« beschrieb, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich trotz aller internationalistischer Parolen ein realistischer Blick auf die einheimischen Waffenbrüder die Bahn brach. Junge Milizionäre ohne militärische Erfahrung und spanische Soldaten, die nach Einbruch der Dunkelheit verschwanden und die Internationalen Brigaden an der Front alleine zurückließen, spiegeln die Disziplin-Probleme des Milizsystems des spanischen Militärs vor der Wehrreform 1937 wieder. Hans Rauch besuchte nach der Schlacht von Guadalajara die Offiziersschule Pozorubio bei Albacete, lernte Spanisch – der Spracherwerb bildete eine Ausnahme in den Reihen der deutschen Spanienfreiwilligen – und kommandierte die 27. Division an der Huesca-Front (April-Juni 1937) sowie während der Schlacht im Gebiet von Corbera. Rauch, der somit unmittelbar in das spanische Volksheer eingegliedert war, lobte die hohe Kampfmoral »seiner« Asturier und Basken. Zudem erfahren auch einzelne spanische Kämpfer explizite Würdigungen, wie zum Beispiel ein gewisser Pedro aus Madrid, der im März 1937 als 17-jähriger Jugendlicher in der Schlacht von Guadalajara zur 11. Brigade stieß und von den Kameraden um Ernst Buschmann »väterliche Fürsorge« genoss. Als »Prototypen eines Kommunisten« gedenkt Robert Weinand dem jungen Spanier Armador und erinnert sich seines Mutes und Kampfwillens.

Zivilere Verbundenheit zeigten die deutschen Spanienfreiwilligen beim Ernteeinsatz oder wie Fritz Holderbaum als Arbeiter in der Rüstungsindustrie. Erwartungsgemäß konzentrierten sich die Spanienfreiwilligen in ihren Erinnerungen auf die militärischen Aspekte ihres Aufenthaltes in Spanien. Trotzdem lässt sich aus den Berichten über Gastfreundschaft der Spanier, über Reiseberichte in spanische Großstädte sowie über gemeinsame Feierlichkeiten herauslesen, dass es sich um ganzheitliche, menschliche Erfahrungen handelte, die das mitunter aufkommende Bild von harter Männlichkeit, heroischem Kampf und selbstloser Aufopferung korrigierend ergänzen. In diesem Kontext sind auch die Gedanken Bruno Lindners einzuordnen, der mit Bewunderung die sexuelle Enthaltsamkeit der spanischen Frauen trotz diverser Annäherungsversuche deutsche Interbrigadisten erwähnt. Ansonsten bliebt »die Frau im Spanienkrieg« ein vollständig peripher gestreiftes Thema. Frauen tauchten lediglich als Hausfrauen beziehungsweise fürsorgende Personen oder als Opfer der faschistischen Kriegshandlungen auf. Es sind Figuren wie Frau Carrar, die im Brechtschen Stück »Die Gewehre der Frau Carrar«[58] aus dem Jahr 1937 schmerzliche Verluste erleiden und dadurch »ihren« weiblichen Platz im Abwehrkampf gegen die Franquisten zu finden vermochten. Zwar war der Krieg logischerweise auch weiblich, doch blieb das bis weit in die 1980er Jahre tradierte Bild davon sehr maskulin, ja sogar männlichkeitskultisch.[59]

Das Ende des Einsatzes der Internationalen Brigaden im Oktober 1938 und der Zusammenbruch der Spanischen Republik im März 1939 bedeuteten für die deutschen Spanienfreiwilligen den Verlust einer übergeordneten antifaschistischen Hoffnung. Der Abzug beziehungsweise die Flucht nach Frankreich wuchs sich zu einer skandalösen Demütigung aus: »Wie Schwerverbrecher« werde man von Seiten des französischen Staates behandelt, so eine Aussage Fritz Holderbaums, deren Grundtenor von vielen geteilt wurde. In den chaotischen Lagern von Gurs, der »Sandwüste St. Cyprien« und Le Vernet formierte sich eine zweite Welle der solidarischen Verbundenheit und gegenseitigen Hilfe. Den Kampf gegen Krankheiten, mangelnde Verpflegung und für die Aufrechterhaltung kultureller Betätigung beschrieb Max Gorbach, damals von der Emigrationsleitung der KPD als Verantwortlicher der deutschen Kameraden im Lager Gurs eingesetzt, als »Hochschule der Antifaschismus«. Eindrucksvolle Aktionen gegen die Bestrafungsmaßnahmen der französischen Lagerleitung in Gurs bezeugen den Zusammenhalt, der auch im Schatten des deutschen Überfalls auf Frankreich und den damit einsetzenden Deportationen der »Rotspanier« bestand. Trotz solidarischer Verbindungen prägten auch scharfe ideologische Gräben das Zusammenleben der deutschen Spanienfreiwilligen in den französischen Lagern, die in der Rivalität des KPD-Apparats mit antistalinistischen Gruppierungen wie der »Unabhängigen Antifaschistischen Gruppe 9. Kompanie« im Lager Gurs beziehungsweise der »Gruppe Münzenberg« ihren überdeutlichen wie beschämenden Ausdruck fanden.[60]

Streitfragen damals wie heute

Max Schäfers geschichtliche Einführung zu den Erinnerungsberichten deutscher Interbrigadisten in der BRD steht zum einen klar auf dem Boden einer Form marxistischer Geschichtsschreibung, die ihre Stoßrichtung unter anderem in der Entlarvung »geschichtsrevisionistischer Ansätze in der Historiographie der BRD«[61] sah und ihre institutionelle Operationsbasis im akademischen Betrieb der DDR hatte. Zum anderen spiegeln die dargestellte Faktenlage, Forschungslücken und das Fokussieren besonders umstrittener Thematiken den Forschungsstand und -diskurs verschiedener Strömungen der 1970er Jahre wieder. Trotz der weitgehenden Unzugänglichkeit spanischer Archivbestände vor dem Ende des Franquismus legten Historiker wie Hugh Thomas, Andreau Castells, Pierre Broué und Emile Témine früh maßgebliche Großwerke zum Spanienkrieg beziehungsweise zu den Internationalen Brigaden vor, die noch heute weitgehend als Standardwerke gelten dürften.[62] Die Geschichtswissenschaft in der DDR und der Sowjetunion konzentrierte sich auf die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands und dessen daraus resultierenden militärischen Hilfen für Franco, bemühte sich gleichzeitig wie oben erwähnt um das Festhalten und Sichern von Erinnerungen und Lebenswegen ehemaliger Spanienfreiwilliger, wobei weltanschaulicher Anspruch und realer wissenschaftlicher Output nur selten harmonierten.[63]

Besonderes emotionales wie wissenschaftliches Konfliktpotential enthalten Themenfelder, die bereits in zeitgenössischen Diskussionen argumentativen wie politischen Sprengstoff bargen. Zwei Themenkomplexe – die Frage nach der militärischen Hilfe der Sowjetunion sowie das Verhältnis von Kommunisten beziehungsweise Interbrigadisten zu Anarchisten und POUM – sollen im Folgenden kurz angerissen werden; nicht zuletzt, da sie wiederkehrender Bestandteil der Erinnerungsberichte sind.

Die militärische Hilfe der Sowjetunion

»Ohne Kriegsmaterial aus der Sowjetunion hätte der Widerstand der spanischen Republikaner das Jahr 1936 kaum überdauern können. Aber die unentbehrliche Hilfe reichte nie aus. (…) Wären sie[die Waffenlieferungen, VJH] großzügiger gewesen, so hätten sie zu einem frühen Zeitpunkt einen entscheidende Kräfteverschiebung zugunsten der spanischen Republik herbeiführen können.«[64]

Dieser Einschätzung des dem Trotzkismus zugeneigten französischen Historikers Broué pflichten auch moderne deutsche Historiker wie Frank Schauff und Walther L. Bernecker bei.[65] Der Letztgenannte geht sogar noch weiter, wenn er betont, dass die Fortsetzung des republikanischen Verteidigungskampfes in entscheidenden Situationen der sowjetischen Militärhilfe und den Internationalen Brigaden zu verdanken sei.[66] Das militärische Aushungern der Spanischen Republik ist eine Anklage verschiedener Zeitzeugen unterschiedlicher politischer Couleur,[67] gegen die auch Schäfer anzukämpfen versucht. Hierzu greift der Herausgeber zitierend auf das 1975 erschienene sowjetische Werk »Die Völker an der Seite der spanischen Republik« zurück, welches unter anderem eine mengenmäßige Aufstellung der Lieferungen beinhaltete.[68] Sowjetische Eierhandgranaten und russische Gewehre, die von den deutschen Interbrigadisten sehnsüchtig erwartet wurden, tauchten konsequenterweise in den Erinnerungen der Spanienfreiwilligen auf. Schauff stellte im Anhang seiner Monografie die ermittelten Liefermengen verschiedener Forschender zusammen. Tendenziell erweisen sich die Zahlen der sowjetischen Publikation von 1975 als durchweg zu hoch angesetzt.[69] Dolores Ibárruris’ Pathos – »Das Spanische Volk wird die großzügige und selbstlose Hilfe, (…), nie vergessen.« – ist zumindest im Hinblick auf die Selbstlosigkeit der sowjetischen Hilfe zu widersprechen. Waffen gegen Gold, lautete die einfache ökonomische Wahrheit. Daran schließt sich allerdings die Frage nach dem Preis an: Gegen Thesen, dass die UdSSR Wucherpreise für ihre Waffenlieferungen verlangte (dies bringt unter anderem Gerald Howson vor), wendet Frank Schauff ein, dass die Sowjetunion im Vergleich mit den Schwarzmarktquellen, auf die die Spanische Republik aufgrund der Non-Interventionspolitik zurückgreifen musste, angemessene Preise verlangte – und dies bei einer allgemeinen Produktionsproblematik in der Sowjetunion.[70] Auch lieferte die Sowjetunion weitgehend Waffen, die dem neuesten Standard der Militärtechnologie entsprach.[71] Dass die Transaktionen in Zusammenhang mit der sicherungsbedingten Einlagerung spanischer Goldreserven in der Sowjetunion standen, beflügelte die Mythenbildung und propagandistische Hetze, die bereits während des Krieges von faschistischer Seite genüsslich betrieben wurde.[72] Bei den sowjetischen Militärangehörigen in Spanien handelte es sich nicht »um einfache Fußsoldaten«, wie es der rechte Historiker Stanley G. Payne ausdrückte.[73] Ein von Peter Sprenger beschriebenes Treffen mit »russischen Tankisten« verweist auf die bedeutende Rolle der sowjetischen Panzerfahrer innerhalb der eher rückständigen spanischen Volksarmee. »Enorme Bedeutung« wies zudem der Einsatz sowjetischer Flieger und Flugzeuge im Kampf um die Lufthoheit in Spanien auf.[74] Die Luftfronten waren dabei vielfältig und umfassten neben dem Kampf gegen die faschistische Luftbrücke zwischen dem Gebiet der Aufständischen und Nordafrika[75] den landesweiten Kampf gegen die massive Wehrmachtspräsenz in Form der Legion Condor und deren kriegsverbrecherischen Einsatz gegen die Zivilbevölkerung der Spanischen Republik. Nicht zu überschätzen ist zudem die mitreißende psychologische Wirkung sowjetischer Flieger im Abwehrkampf um Madrid 1936/37, auf den Schlachtfeldern von Guadalajara und am Ebro, die sich sowohl auf Seiten der Zivilbevölkerung als auch in den Berichten der Spanienfreiwilligen lebhaft äußerten. Unter dem Motto »Helfen, aber nicht kommandieren« gestaltet sich laut Bernecker die militärische Beratung der spanischen Volksarmee durch namhafte sowjetische Personen wie Ivan S.Konev, Rodion J. Malinovski, Konstantin K. Rokossovski oder Nikolaj G. Kusnezov. Besagte Taktik blieb fortwährend eine »Gratwanderung«:[76] Auch wenn den sowjetischen Militärberatern ein gewisser Einfluss zu bescheinigen war, lassen sich Aussagen über eine sowjetische Fernsteuerung des Kriegs von Moskau aus als Ausgeburten franquistischer Propaganda abtun.[77] Als reale dunkle Flecken müssen allerdings die von der sowjetischen Geschichtsschreibung verschwiegenen Operation des NKWD unter Alexander Orlov sowie Liquidationen von sowjetischen Funktionären wie Jan K. Bersin, Marcel Rosenberg (erster Botschafter der SU in Spanien) oder Generalkonsul Vladimir A. Antonov-Ovsejenko benannt werden.[78]

Anarchisten und POUM

Der Sieg des Volksfront bei der Cortes-Wahl 1936 und die sozialen, politischen und militärischen Herausforderungen der Spanischen Republik nach dem Putsch der Militärs verschärften die Auseinandersetzungen zwischen der rasch wachsenden PCE einerseits und den traditionell starken Anarchisten und anderen linken Parteien und Gruppierungen andererseits. Die Aufarbeitung der Konfrontationen und Zerwürfnisse der radikalen Linken in Spanien umfasst mittlerweile zahlreiche Regalmeter und soll an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise rekapituliert werden. Die zahlreichen Anmerkungen der sich erinnernden Spanienfreiwilligen machen es allerdings notwendig, auf einige ihrer Aussagen über die spanischen Anarchisten sowie die, aus dem Zusammenschluss trotzkistischer und oppositionell-kommunistischer Gruppen entstandenen, POUMkontextualisierend einzugehen. Nahezu durchgängig tauchen Anarchisten und Mitglieder der POUM dabei als Störfaktoren im Abwehrkampf der Volksfrontregierung und der Internationalen Brigaden auf. Während in den Berichten Otto Niebergalls anarchistische Milizionäre im Herbst 1936 den Grenzübertritt internationaler (kommunistischer) Spanienfreiwilliger zu verhindern versuchten, sahen sich andererseits antifaschistische Neuankömmlinge mit Anwerbeversuchen von anarchistischer Seite konfrontiert. Adolf Frank kritisiert, dass während seines Kampfes in der Gewerkschaftscolumna im Sommer 1936 die Zusammenarbeit mit Anarchisten schwer gewesen sei, Waffen von Anarchisten und POUMlern entwendet und für die eigenen parteipolitischen Zwecke gehortet wurden. Trotz aller Rivalitäten gibt es auch immer wieder verständnisvolle Worte gegenüber der anarchistischen Linken und ihren Parteigängern: Max Better spricht von »einigermaßen guten Kontakten«, die sich nach seiner Ankunft in Palabres Anfang August 1936 mit der Zeit einstellten. Hans Beimler habe sogar die »unerhörte Geschichte« fertiggebracht, »daß sich Anarchisten mit deutschen Kommunisten verbrüderten«. Dennoch überwiegt eine negative Bewertung der anarchistischen Linken:

Unorganisiert, verwahrlost und im Falle der POUM sogar offensiv verräterisch, Wühlarbeit betreibend und spitzelnd tätig werdend, so das vernichtende Urteil der kommunistischen Spanienfreiwilligen. Der Vorwurf der Disziplinlosigkeit ist zentraler Eckstein der Kritik an den spanischen Anarchisten und lässt sich in Aussagen sowjetischer Militärberater genauso wiederfinden wie in zahlreichen anderen kommunistischen Publikationen.[79] Brüche erhält die in der zeitgenössischen wie in den Erinnerungsberichten angebotene Darstellung der Internationalen Brigaden als Leuchtturm militärischer und parteilicher Unerschrockenheit und Befehlstreue, wenn relativierend auf Desertionen, Verhaftungen und Feigheit innerhalb der internationalen Reihen verwiesen wird – Probleme, mit denen durchweg alle militärischen Einheiten zu kämpfen hatten. Desungeachtet brachte Eric Hobsbawm das politische und strategische Problem des spanischen Anarchismus folgendermaßen auf den Punkt: Die spanischen Anarchisten »sahen die revolutionäre Bewegung nicht als einen langen, verwickelten Kampf an, nicht als eine Reihe von Feldzügen und Schlachten mit dem Höhepunkt der Machtnahme, die den Aufbau einer neuen Ordnung einleiten werde. Sie sahen nur eine schlechte Welt, die bald enden müsse, damit der große Tag des Wandels einsetze, an dem die gute Welt begänne, in der die Erniedrigten oben sein und die Güter dieser Erde zwischen allen geteilt würden. […] Gerade weil die moderne soziale Agitation die andalusischen Bauern unter einer Form erreichte, die völlig außerstande war, sie die Notwendigkeit von Organisation, Strategie, Taktik und Geduld zu lehren, verschwendeten sie ihre revolutionäre Energie beinahe vollständig. […] [F]ür die Anarchisten kam dieser Ruf [der Aufruf der republikanischen Regierung zum Widerstand gegen die Faschisten – VJH] von einer Institution, die anzuerkennen die Bewegung sich aus Prinzip immer geweigert hatte; sie war daher auch nicht darauf vorbereitet, sie zu nützen. Zwar begann man langsam die Nachteile der reinen Spontaneität und des Messianismus zu erkennen. (…) Aber dies genügte nicht, einer Bewegung Disziplin und die Bereitschaft, nach Befehl zu handeln, beizubringen, die auf der grundsätzlichen Annahme beruhte, beides sei unerwünscht und unnötig.«[80]

Einen besonders kontrovers diskutierten Abschnitt der republikinternen Auseinandersetzungen beschreibt Fritz Fränken, der am 02. Mai 1937 zwischen die Fronten des regierungsfeindlichen Aufstands des POUM in Barcelona geriet. Bereits im Dezember 1936 bezeichnete das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) die Partei als trotzkistisch. Der EKKI-Präsidiumssekretär Dmitri Manuilski forderte einen verstärkten theoretischen Kampf gegen den POUM ein. Wie trotzkistisch die Partei wirklich gewesen ist, ist umstritten, jedoch entwickelte sich im Fahrtwind der stalinistischen Jagd gegen (vermeintliche) Trotzkisten in der Sowjetunion auch in Spanien eine dezidierte Propaganda gegen linke Parteien, die sowohl den Faschismus als auch den Zustand der bürgerlichen Revolution und den Stalinismus ablehnten. Der noch immer nicht vollständig aufgeklärte Vorwurf einer partiellen Zusammenarbeit zwischen der faschistischen Seite und der POUM befeuerte den Hass zwischen der republiktreuen kommunistischen Seite und den ultralinken Kräften, die die periphere Schwäche der Zentralregierung nutzen wollte, um ihr eigenes hyperrevolutionäres Süppchen auf Kosten der Verteidigung der demokratischen Republik zu kochen. Der Prozess nach dem Mai-Aufstand der POUM in Barcelona im Jahr 1937 sowie das Verbot der Partei erfolgten wohl im Wesentlichen auf Betreiben der PCE und waren nicht von Moskau gesteuert. Das fanale Ende der Entwicklung: das vernunft- und/oder angstgetriebene Zusammenrücken der antifaschistischen Kräfte hinter dem Banner der Republik gebar die auf Stärke setzende Regierung Juan Negríns. Das Ende des POUM-Aufstandes in Barcelona interpretierte Fritz Fränken ganz im Sinne einer bereits damals dominant werdenden Interpretation: »Dank der entschiedenen politischen und militärischen Maßnahmen, die vor allen Dingen durch die Kommunistische Partei ergriffen wurden, wurde der Putsch nach wenigen Tagen niedergeschlagen. In der Folge sind nicht wenige von der POUM und ihren Kumpanen irregeleitete von den Konterrevolutionären abgerückt und fanden den Weg zu den revolutionären Kräften.«

Neues und Dank

Max Schäfers und Anke Wagners Zusammenstellung der Erinnerungsberichte deutscher Interbrigadisten in der BRD ist mittlerweile selbst zur historischen Quelle geworden. Sie spiegelt das Bedürfnis nach Überlieferung geschichtsträchtiger Lebenserzählungen wieder, die Mitte der 1970er Jahre aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Spanienfreiwilligen allmählich zu verblassen drohten. Sie ermöglichen einen einfachen Blick auf die Kampfhandlungen in Spanien, die für die Berichtenden und für zahlreiche Demokraten so viel mehr waren als ein bloßer Krieg zwischen einer legal gewählten Regierung und einer Gruppe von Militärputschisten und ihrer faschistischen Verbündeten im Ausland. Zudem haften die Spuren der »linken« 1970er Jahre, d.h. ihres gesellschaftlichen Aufbruchs, des Strebens linker Gruppen und Protagonisten nach einer eigenen Öffentlichkeit, einer eigenen Geschichtswissenschaft von unten, an dem Sammelband – mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren bestätigten und enttäuschten Hoffnungen.

Ziel dieser Neuauflage soll es sein, den mittlerweile nur noch antiquarisch verfügbaren Sammelband wieder einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen: Nicht (nur) als Lesebuch, sondern als historische Quelle. Der hier vorgeschaltete Einführungstext soll gemeinsam mit den angefügten Fußnoten den Versuch darstellen, die Entstehungsgeschichte des Werkes und ihre inhaltlichen Schwerpunkte zusammenzufassen sowie – zumindest ansatzweise – den Forschungsstand kritisch zu kommentieren und fortzuschreiben. Hierbei markieren Fußnoten in serifenloser Schrift Anmerkungen der Neuauflage, während die Fußnoten aus der Originalausgabe von 1976 in Serifenschrift gehalten sind. Als Erleichterung und Anregung für den heutigen Leser hat der Autor dieser Zeilen zudem ein Namens- und Ortsindex, eine Auswahlbibliografie sowie erläuterndes Kartenmaterial erstellt.

An dieser Stelle möchte ich herzlich Robert Steigerwald und Anke Wagner für die freundliche Beantwortung meiner Fragen zu Max Schäfer und dem Entstehungskontext des Erinnerungsbandes danken. Ohne ihre geduldige Unterstützung wären wichtige Fakten im Dunkeln geblieben. Mein Dank gilt zudem Lothar Geisler und André Leisewitz für ihre vermittelnde Arbeit sowie meinem gutem Freund und Kollegen, Phillip Becher, der mich für die Betreuung des Projektes vorschlug und dessen Vertrauen in meine Fähigkeiten ich nicht enttäuscht sehen möchte. Zu danken ist auch dem Parteivorstand der DKP für seine finanzielle Unterstützung dieses Buchprojektes.

Valentin J. HembergerStuttgart, im April 2016

Anmerkungen

[1] Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1999³ (zuerst: London 1994), S. 202.

[2] Vgl. hierzu auch: Walther L. Bernecker/Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936–2006, Nettersheim 2006². Bernecker zog zudem ein vernichtendes Urteil über die Verdrängungspolitik der sozialdemokratischen Regierung Spaniens in der 1980er Jahren: »Mit ihrer Geschichtslosigkeit setzte die spanische Sozialdemokratie den in der Franco-Zeit erzwungenen Gedächtnisverlust des Volkes fort. In beiden Fällen diente die Marginalisierung und Verdrängung von Geschichte der Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.«, in: Walther L. Bernecker: Krieg in Spanien 1936–1939, Darmstadt 2005², S. 221.

[3] Der Antrag sowie ein Verhandlungsprotokoll kann auf der Website des Dokumentations- und Informationssystems des Deutschen Bundestags eingesehen werden, URL: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/026/1602679.pdf; http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP16/52/5286.html (aufgerufen am 16. Januar 2017).

[4] Astrid Erl: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2005, S. 123.

[5] Hanns Maaßen (Hg.): Brigada Internacional ist unser Ehrenname. Erlebnisse ehemaliger deutscher Spanienkämpfer. Ausgewählt und eingeleitet von Hans Maaßen, 2 Bd., Berlin (O) 1974. Im Folgenden kurz BI.

[6] Willi Bredel: Spanienkrieg, 2 Bd., hg. von Manfred Hahn, Berlin (O)/Weimar 1977.

[7] Vgl. Akademie der Wissenschaften der UdSSR – Institut für Internationale Arbeiterbewegung/Verband der sowjetischen Kriegsveteranen: Die Völker an der Seite der Spanischen Republik 1936–1939, Moskau 1975, S. 80f.

[8] Vgl. Schäfer, Max, in: Abel, Werner/Hilbert, Enrico (Hg.): »Sie werden nicht durchkommen! » Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution, Bd. 1., Lich 2015, Bd. 1, S. 433f.

[9]  Vgl. Ansprache von Ernst Buschmann, in: Parteivorstand der DKP: Max Schäfer, 1913–1986, Düsseldorf 1986, o.S.

[10] Die nachfolgenden Erinnerungen stammen aus einem Telefonat zwischen Frau Anke Wagner und dem Autor am 30. März 2016.

[11] Ein Zeugnis der Auseinandersetzung Höhns mit seinem Einsatz in Spanien ist zum Beispiel das Typoskript »Die Agitprop-Truppen im Sanitätszentrum der Internationalen Brigaden in Murcia«, Archiv des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, AN 2214.

[12] Auch Hubert Ramm, der mit seinem Beitrag den Einsatz der XIII. IB nachzeichnet, verfasste diesen eigenständig. Der Text basiert zum größten Teil auf seinem Tagebuch aus dem Spanienkrieg, das unter anderem Bestandteil seines Nachlasses im Studien­archiv Deutscher Widerstand 1933–1945 in Frankfurt ist, vgl. Nachlass Hubert Ramm, Ram1.

[13] Zur Bewerbung des Sammelbandes veröffentlichte die Wochenzeitung der VVN, DIE TAT, einen Ausschnitt aus Kuno Rixgens Beitrag »Mit dem Thälmann-Bataillon vor Madrid«. Einführend lobte das Blatt das Projekt: »Die einzelnen Erlebnisberichte gewähren einen gründlichen Einblick in den konkreten Ablauf der Kämpfe, in die Tätigkeit der Interbrigadisten, in das vielfältige politische Geschehen jener Jahre. (…) Als Dokumente sind sie konkrete Beiträge zur objektiven Geschichtsschreibung Spaniens – geschrieben von Männern, die aktiv die Geschichte Spaniens von 1936 bis 1939 geprägt haben«, vgl. o.A.: »tat«-Leseprobe, in: DIE TAT, 29. Oktober 1976, S. 11. Ein Auszug aus Willi Höhns Beitrag »Unser erster Kampf« findet sich zudem in einer Gedenkpublikation aus dem Jahre 1986, vgl. Präsidium der VVN-Bund der Antifaschisten: 50. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden. Dokumentation der Veranstaltung am 21. September 1986 in Frankfurt/Main, Frankfurt a.M. 1986, S. 23.

[14] Klaus-Michael Mallmann: »Kreuzritter des antifaschistischen Mysteriums«. Zur Erfahrungsperspektive des Spanischen Bürgerkriegs, in: Helga Grebing/Christl Wickert (Hg.): Das »andere Deutschland« im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Beiträge zur politischen Überwindung der nationalsozialistischen Diktatur im Exil und im Dritten Reich (= Veröffentlichungen des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung, Schriftenreihe A: Darstellungen, Bd. 6), Essen 1994, S. 32–55, hier: S. 34f.

[15] Michael Uhl: Mythos Spanien. Das Erbe der Internationalen Brigaden in der DDR, Berlin 2004, S. 334.

[16] Vgl. hierzu: Patrik von zur Mühlen: Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939, Bonn 1983, S. 270f. Den Kampf für die Beachtung der Renten- und Entschädigungsrechte ehemaliger Spanienfreiwillige in der BRD führten die Organisationen »Interessengemeinschaft ehemaliger deutscher Spanienkämpfer«, später die »Gemeinschaft der ehemaligen republikanischen Spanienfreiwilligen in der BRD« mit Vehemenz, vgl. bspw. o.A.: Die rechtliche Stellung der Spanienkämpfer, in: El Voluntario de la Libertad. Mitteilungsblatt der ehem. Rep. Deutschen Spanienkämpfer [nachfolgend El Voluntario], Jg. 1 (1957), Nr. 1, S. 6f., o.A.: BVG und Spanienkämpfer, in: El Voluntario,Jg. 2 (1958), Nr. 15, S. 9; o.A.: Eine notwendige Klarstellung zur »Anerkennung« der republikanischen Spanienfreiwilligen nach dem Bundesversorgungsgesetz – BVG, in: Mitteilungen der Gemeinschaft der ehemaligen republikanischen Spanienfreiwilligen in der BRD [nachfolgend Mitteilungen], 14. März 1973, S. 5–7. Unterstützung erfuhren sie durch die KPD/DKP, öffentlichkeitswirksam durch die VVN sowie in Teilen durch die SPD.

[17] Vgl. André Scheer: Geldsegen für Faschisten, in: junge welt, 11. Nov. 2015, S. 1.

[18] Zitiert nach: o.A.: Blaue Division, in: DER SPIEGEL, Nr. 52, 23. Dez. 1964, S. 12.

[19] Vgl. hierzu: von zur Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung, S. 269–272; Uhl, Mythos Spanien, S. 269–275.

[20] »Die Herausgabe des ›El Voluntario de la Libertad‹ dient dem Ziel, die Verbindung untereinander aufrecht zu erhalten, Gedenkstätten und Gräber (Gurs) unserer Toten zu betreuen, den noch Lebenden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, und darüber hinaus ein Archiv zu schaffen, welches Aufschluß geben soll über die Tätigkeit der Internationalen Brigade und des spanischen Volkes im Kampf um Frieden, Freiheit, Wohlstand und Demokratie.«, aus: o.A.: An die »Anderen«, in: El Voluntario, Jg. 4 (1960), Nr. 27, März, S. 9.

[21] Beide Periodika sind im Archiv des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945 in Frankfurt a.M. einzusehen.

[22] Vgl. beispielsweise die Reaktionen und Interaktionen der schweizerischen, der italienischen, der tschechoslowakischen sowie der polnischen Organisationen der ehemaligen Spanienfreiwilligen, vgl. div.: Aus Briefen unserer ausländischen Freunde und Kameraden, in: El Voluntario, Jg. 1 (1957),Nr. 4, S. 13f.

[23] Als Beispiel: o.A.: Das Dokument, in: El Voluntario, Jg. 3 (1959), Nr. 26, S. 14–16; Bodo Uhse: Die erste Schlacht (I), in: El Voluntario, Jg. 2 (1958), Nr. 13, S. 9–12; Rubrik »Aus Franco-Spanien«, in: El Voluntario