Spätsommer - Liebe - Mathilde Berg - E-Book

Spätsommer - Liebe E-Book

Mathilde Berg

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Beschreibung

Das Leben der fünfzigjährigen Sybille ändert sich auf einen Schlag, als sie plötzlich Wohnung, Job und Ehemann verliert. Kurzentschlossen zieht sie zu ihrer Tante, wo sie Trost und Unterstützung findet. Um nicht völlig durchzudrehen, bringt sie den verwilderten Garten ihrer Tante und dabei auch sich selbst wieder zum Erblühen. Ein Rentner-Quintett und ein gut gehütetes Familiengeheimnis bringen jedoch neue Unruhe in ihr Leben. Oder liegt es an dem charmanten Volker, der ihr Herz plötzlich drei Takte schneller schlagen lässt? Doch ist er wirklich so treu, wie er vorgibt zu sein?

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Seitenzahl: 439

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Spätsommer-Liebe

Mit Herz und Spaten

Mathilde Berg

Erstveröffentlichung August 2019

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Hinweis

Danke

Rechtliche Hinweise

Impressum

Lesetipp

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„Frau Specht, Sie kommen zu spät zu Ihrem Termin!“

„Ich weiß. Aber das ist ein sehr wichtiger Auftrag. Die Auftragsbestätigung muss heute unbedingt noch raus und …“

„Das kann ich doch auch machen! Ich wurde schließlich eingestellt, um Sie zu entlasten, Frau Specht.“

Resigniert schaute Sybille in das Gesicht der jungen Frau, die vor ihrem Schreibtisch stand.

Wie hatte Michael nur diese Person einstellen können? Was war bloß in ihn gefahren? Bei dem Vorstellungsgespräch muss er wohl unter geistiger Umnachtung glitten haben, dachte sich Sybille. Wie sonst hätte ihr Mann dieses unfähige Mädel einstellen können?

Darüber würde sie sich nachher beziehungsweise gleich beim Abendessen mit Michael ernsthaft unterhalten müssen. Ihr mir nichts, dir nichts dieses langhaarige, junge Ding vor die Nase zu setzen! Ihren Kopf schien sie nur zum Haare kämmen zu haben, und sie war so langsam, dass man beim Laufen ihre scheinbar endlos hohen High Heels besohlen könnte, wenn man sie überhaupt mal beim Gehen ertappte. Hatte sie sich erst einmal in Bewegung gesetzt, glich es eher einem Schreiten, bei dem sie ihre Hüften weit nach rechts und nach links schwang in ihrem, wie Sybille fand, viel zu kurzen Rock. Ihr puppenhaftes Gesicht lag unter einer dicken Schicht Make-up mit grell geschminkten Augenlidern und Lippen in einem knalligen Pink. Ihre Kulleraugen wurden von langen, falschen Wimpern eingerahmt.

Sybille war noch bei ihrem letzten Gedanken, da beugte sich die neue Kollegin über den Schreibtisch zu Sybille und nahm die Papiere, die vor ihr lagen, in die Hand. Sybille griff schnell zu und für einen Moment befürchtete sie, dass die riesigen, zusammengequetschten Brüste der fähigen Mitarbeiterin aus dem tiefen Dekolleté auf ihren Schreibtisch plumpsen würden. „Frau Meyer, ich bin sehr wohl in der Lage, meine Arbeit selbst zu erledigen! Schließlich habe ich diese Firma zusammen mit meinem Mann gegründet und aufgebaut.“

Daniela Meyer verzog ihren Mund zu einem beleidigten Schnütchen. „Na, wenn Sie meinen!“

„Ja, das meine ich!“

„Ihr Mann hat mir aber ausdrücklich aufgetragen, dass Sie pünktlich zu dem Termin heute Abend kommen sollen. ‚Frau Meyer‘, hat er gesagt, ‚sorgen Sie persönlich dafür, dass meine Frau pünktlich das Büro verlässt‘.“

„Sie sollten sich angewöhnen, zwischen den Zeilen zu lesen.“

„Hä? Wie meinen Sie das? Er hat mir das doch am Telefon gesagt. Da kann ich doch nur zuhören! Oder hätte ich mir das aufschreiben sollen?“

Sybille atmete hörbar laut ein und aus. So viel Blödheit auf zwei Beinen! „Wie dem auch sei. Ich würde pünktlich aus dem Büro kommen, wenn ich nicht auch noch Ihre Arbeit machen müsste!“

„Also, das finde ich jetzt voll unfair von Ihnen!“

„Sehen Sie, da sind wir ja immerhin zum ersten Mal einer Meinung.“

Daniela lächelte stolz. Um sie loszuwerden, griff Sybille nach einem Stapel unwichtiger Papiere und reichte in ihr. „Diese Unterlagen können Sie bitte zwei Mal kopieren, zusammentackern und lochen. Dann unter P oder Ablage rund ablegen.“

Siegessicher schnappte sich Daniela Meyer den Stapel und schlenderte mit wackelndem Hinterteil zum Kopierer am Ende des Flurs.

Mein Gott, ist dieses Mädchen dumm! Sybille wandte sich wieder ihren Unterlagen zu.

Vor ihr lag eine Auftragsbestätigung für eine Küche, adressiert an Phillip und Maren Wiesner, Mühltal bei Nußdorf am Inn.

Versonnen dachte Sie an den Zeitungsartikel in dem Hannoverischen Sonntagsblatt ‚Hallo Wochenende‘. Vor zwei Jahren war dort die Überschrift Die Frau, die sich was traut zu lesen gewesen. Maren Förster, die Tochter einer Freundin ihrer Freundin, hatte kurzerhand ihren damaligen Freund nebst Spielgefährtin kurzerhand vor die Tür gesetzt, nachdem sie die beiden in unmissverständlicher Zweisamkeit vorgefunden hatte. Anschließend hatte sie deren Habseligkeiten über den Balkon ihrer Dachwohnung im fünften Stock auf die Straße geworfen.

Auf der Titelseite war ein Bild zu sehen gewesen, auf dem ein Mann, nur in Micky Maus-Shorts bekleidet, seinen Hintern einer Handykamera entgegenstreck und eilig einige Kleidungsstücke vom Bürgersteig zusammengerafft hatte. Seine Begleitung hatte versucht, mit einem kurzen Hemdchen und einem peinlich berührten Gesichtsausdruck das Nötigste von ihrem nackten Körper zu verdecken. Eine Menschenmasse hatte das groteske Schauspiel verfolgt. Maren Förster hatte danach eine Reise mit ihren Eltern nach Süddeutschland angetreten und dort die Liebe ihres Lebens gefunden. Nun wohnte sie zusammen mit ihrem Mann in Mühltal bei Nußdorf am Inn.

Sybille war stolz, dass ihre Küchenmöbel, die unten in der Werkstatt in Handarbeit angefertigt wurden, in ganz Deutschland ihren Platz fanden.

Akribisch arbeitete sie weiter. Bei jedem Blick auf die Bahnhofsuhr über ihrer Bürotür zog der große Zeiger mit riesigen Schritten weiter. Die Zeit verging wie im Flug. Ausgerechnet heute stapelten sich die Aufträge auf ihrem Schreibtisch. Sybille war natürlich froh über die hohe Auftragslage. Es war zum größten Teil ihr Verdienst, dass es so war. Aber ausgerechnet heute, am Freitag, dem letzten Tag vor den zweiwöchigen Betriebsferien und ihrem fünfzigsten Geburtstag, wäre eine helfende Hand nützlich gewesen.

Sybille schaute zu Daniela Meyer am Ende des Flures, wie sie fragend das Kopiergerät anschaute, der verzweifelt mit akustischen Signalen darauf aufmerksam machte, dass der Papiervorrat alle war. Daniela drückte immer wieder auf die Starttaste, klappte den Deckel, unter der die Kopiervorlage lag, auf und zu.

„Frau Specht? Ich glaube, der Kopierer ist kaputt!“

„Vielleicht liegt es am Papier?“

„Nö, glaube ich nicht. Es ist ganz dünn, und gestaut ist, glaube ich, auch nichts.“

„Offenbar ist der Papierschacht leer. Sie müssen neues einfüllen!“

„Meinen Sie? O ja, tatsächlich! Ach, das muss man ja erst mal wissen. Ich bin schließlich noch nicht so lange hier.“

Sybille griff sich an die Schläfe. Ein leichter Druckschmerz breitete sich aus.

Michael hatte Sybille heute zum Abendessen eingeladen, wobei sie schon gedacht hatte, er hätte ihren Geburtstag, wie schon so häufig, vergessen. Immerhin war er die ganze letzte Woche im Außendienst gewesen, um eine neue Küche aufzubauen. Das Ausliefern und Aufbauen war Chefsache. Das ließ sich Michael nicht nehmen.

„Viertel vor fünf!, erkannte Sybille. O mein Gott, ich muss los! Dann muss das Mädel eben doch den Rest machen. Wenn das mal gut geht. Aber ich habe keine Wahl, wenn ich nicht zu spät sein will.

Schnell und mit geübten Handgriffen räumte Sybille ihren Schreibtisch auf, schloss ordnungsgemäß die Schubladen ab und schob ihren Bürostuhl unter die Arbeitsplatte. Der Rechner fuhr gerade runter.

Welch himmlische Ruhe, dachte Sybille.

An einem Arm baumelte die große Handtasche, unter dem anderen klemmte ein Stapel Unterlagen. So eilte sie in Richtung Ausgang. Im Vorbeigehen legte sie mit etwas Schwung die Unterlagen, die noch bearbeitet werden sollten, auf den Schreibtisch der jungen Kollegin.

Dabei rutschte die Schreibtischunterlage ein wenig zur Seite und gab den Blick auf zwei Flugtickets frei. Sybille verdrehte neugierig ihren Kopf, damit sie besser lesen konnte. Kuba, First-Class, Abflug 21. Oktober stand dort in schwarzen Buchstaben. Sybilles Herz machte einen Hüpfer.

21. Oktober? Das ist ja schon morgen. Ach herrje! Und ich muss noch packen. Er hat tatsächlich meinen fünfzigsten Geburtstag nicht vergessen.

Wie ein Teenager fühlte Sybille Liebe in sich aufsteigen. Sie dachte an ihren Mann Michael. Ihre erste große Liebe.

Ein gemeinsamer Urlaub mit ihrem Mann war schon lange ihr sehnlichster Wunsch. Eine Hochzeitsreise hatten sie damals nicht machen können. Ein Baby war unterwegs gewesen, und sie hatten jeden Cent für das Haus gebraucht, das Michael für seine Familie hatte bauen wollen.

Als ihr Sohn Alexander auf die Welt gekommen war, hatte das Geld sowieso gefehlt, und seit sie gemeinsam die Möbeltischlerei aufgebaut hatten, fehlte nicht nur das nötige Kleingeld gehabt, sondern auch die Zeit. Die ersten Jahre der Selbstständigkeit waren hart und beschwerlich gewesen.

Sybille hatte sich um ihren gemeinsamen Sohn gekümmert und Haus und Garten in Schuss gehalten. Abends, wenn Michael müde von seinem langen Arbeitstag nach dem Abendessen, das sie liebevoll für ihn gekocht hatte, auf dem Sofa Fußball geschaut oder sich mit seinen Freunden zum Männerabend getroffen hatte, hatte sie oft bis spät in die Nacht dagesessen und für die Firma die Buchhaltung und den ganzen Papierkram erledigt. Erst als Alexander in der sechsten Klasse gewesen war, hatte sie angefangen, halbtags im Büro der Tischlerei an zu arbeiten. Nach und nach hatten sich die Auftragsbücher gefüllt. Besonders, seit sie sich auf Sybilles Anraten auf maßgeschneiderte Küchenmöbel spezialisiert hatten. Nachmittags hatte sie das Haus geschrubbt, das tägliche Chaos beseitigt, Unkraut im Garten gezupft, den Rasen gemäht, die Wände tapeziert, Decken gestrichen und Alexanders Fahrrad repariert.

Sie hatte jeden Abend ein ordentliches Abendessen gekocht und später, vor dem Fernseher, Socken gestopft oder Hosen geflickt. An Samstagen hatte sie das Büro geputzt und die Werkstatt gefegt, um keine Reinigungskraft einstellen zu müssen.

Sybille hatte in all den Jahren immer den Rücken ihres Mannes gestärkt. Lieber zum Wohl der Familie und der Firma entbehrt, als dass sie sich etwas gegönnt hatte.

Bei der vielen stillen Hausarbeit hatte sie oftmals von fernen Ländern wie Kuba geträumt, wo sie ein Café eröffnen wollte. Dass es nur ein Traum war, war ihr wohl bewusst, aber irgendwann würde es soweit sein, dass sie wenigstens dorthin in den Urlaub fahren würde. Dafür sparte sie seit Jahren und zwackte monatlich ein bisschen vom Haushaltsgeld ab.

Jetzt, wo sie die Tickets auf dem Schreibtisch liegen sah, konnte sie es nicht fassen. Fast ein bisschen geschockt war Sybille. Hatte sie ihrem Mann versehentlich die Überraschung verdorben?

Wenn sie Michael gleich im Restaurant traf, er ihr feierlich zu ihrem fünfzigsten Geburtstag bei einem Glas Champagner gratulierte und ihr zum Dessert die Jubelbotschaft überbrachte, wollte sie überrascht tun. So nahm sie es sich vor.

Schnell schob Sybille die Tickets wieder unter die Schreibtischunterlage, als ob nichts gewesen wäre. Da kam auch schon Daniela Meyer zurückgestöckelt.

„Ach, Frau Specht! Sie sind ja immer noch hier. Wollten Sie nicht längst weg sein?“

„Schon, aber die Auftragsbestätigungen müssen noch raus. Gerade jetzt vor den Betriebsferien! Die können schließlich nicht zwei Wochen hier rumliegen.“

„Hmm.“ Daniela grinste dümmlich.

„Was ich nicht geschafft habe, habe ich auf Ihren Tisch gelegt. Bitte seien Sie so gut und machen den Rest fertig. Es ist auch nicht mehr viel. Nur noch eintüten und in die Post geben. Schaffen Sie das?“

Danielas Miene erhellte sich. „Na klar schaff ich das!“

„Nun gut. Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Feierabend und ein schönes Wochenende.“

Sybille hatte sich inzwischen ihren Anorak angezogen und sich mit dem Kamm ihren schulerlangen Bob gekämmt. In dem Spiegel bemerkte sie die ersten silbernen Haare in ihrem dunklen Haar. Schnell schminkte sie ihre Lippen mit dem eigens für diesen Anlass gekauften dunkelroten Lippenstift.

„Ja, danke, und einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen.“

Sybille stutzte. „Ach ja, genau. Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Urlaub. Und vergessen Sie nicht, nachher alles auszumachen und abzuschließen.“

„Nein, nein, Frau Specht. Ich mache das schon. Sieht übrigens voll süß aus, Ihr Lippenstift, meine ich. Steht Ihnen gut. Sollten Sie öfters tragen.“

Wenn ich das nur glauben könnte, dachte sich Sybille und drehte sich zum Ausgang. „Danke.“

„Oh! Frau Specht?“

„Ja, Frau Meyer, was ist denn noch?“

„Ähm … könnten Sie mir noch sagen, wo ich den runden Ordner P finde? Ich kenne mich doch noch nicht überall so genau aus.“

Sybille klappte die Kinnlade runter. Ihre Hände umklammerten mit aller Kraft die Henkel ihrer Handtasche, sonst hätte sie dort reingebissen und ein bizarres Muster mit ihren Zähnen auf den Henkeln hinterlassen.

„Den was?“

„Na, den Dings … den runden Ordner P. Frau Specht, ich sollte doch den Stapel hier kopieren, tackern und lochen und dann ablegen … in diesem komischen Ordner. Ich weiß nicht, wo der ist.“

Sybille schüttelte den Kopf und drehte sich um. „Denken Sie mal nach mit Ihrem hübschen Köpfchen. Sie werden schon darauf kommen. Dafür wurden Sie doch angestellt. Oder?“

Auf dem Weg zum Fahrradstand wünschte sie allen Mitarbeitern, die ihr begegneten, einen schönen, erholsamen Urlaub. Sie sog noch einmal die Luft ein und nahm eine Nase von dem wunderbaren Geruch nach frischem Holz mit. Sybille liebte diesen Geruch. Dann stand sie auch schon draußen.

✿❀❁

Es wurde schon dunkel. Der Wind war im Laufe des Tages stärker geworden, und Böen wehten frisch unter ihren Plisseerock.

Das ist ja mal wieder typisch! Wenn man mal etwas Besonderes vorhat oder es eilig hat, dann hat man auch noch Gegenwind, dachte sich Sybille und trat kräftig in die Pedale ihres Hollandrades.

Abgekämpft und völlig aus der Puste kam sie bei dem Lokal an.

„Aha, ein spanisches Restaurant! Da hat er sich ja richtig ins Zeug gelegt, der Gute“, murmelte sie und schloss das Rad am danebenstehenden Laternenpfahl ab, kämmte ihre vom Wind zerzausten Haare mit den Fingern einigermaßen zurecht, bevor sie ins Innere der Gaststätte trat.

Ein freundlicher Kellner kam ihr freudestrahlend entgegen. „Señora, herzlich willkommen.“

„Hallo, ich bin hier verabredet. Mit meinem Mann.“

„Aber natürlich sind Sie das. So eine schöne Frau.“

„Reserviert wurde auf den Namen Specht.“

„Si, Señora. Señor Specht ist schon da. Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?“

„O ja, gern.“ Sybille überreichte dem Kellner ihre Jacke, die er sich über den Arm legte.

„Würden Sie mir bitte folgen, dann bringe ich Sie zu Ihrem Tisch.“

Sie ging dem Kellner hinterher – einerseits mit freudiger Erwartung und andererseits mit einem kribbeligen Gefühl in der Magengrube. Leichte Nervosität stieg in ihr auf. Auf dem Weg zu ihrem Tisch strich Sybille ihre weiße Rüschenbluse glatt. Sie fühlte sich, als ginge sie zu einem Rendezvous.

Und da sah sie auch schon Michael. Den Blick in der Speisekarte versunken. Gut sah er aus. In letzter Zeit kleidete er sich mehr sportlich und modern, was ihm gut stand. Vor ein paar Monaten hatte er sich noch konservativ gekleidet. Er hatte nie großen Aufwand für sein Äußeres betrieben, sondern sich eher gehen lassen.

Karo-Hemd in leuchtenden Farben, Lederjeans. Das Basecap lag auf dem Tisch neben der Sonnenbrille und seinem Smartphone. Sybille fand, er sah zum Anknabbern aus. Besonders seitdem er regelmäßig ins Fitnessstudio ging. Er erinnerte sie an den jungen Michael, in den sie sich als junges Mädchen verliebt hatte. Er will wohl Alexander in nichts nachstehen, dachte Sybille.

„Bitte sehr, Señora Specht!“

„Danke schön.“

Der Kellner schob ihr den Stuhl zurecht, damit sie sich hinsetzen konnte.

Michael schaute auf, und sie sah in sein sonnengebräuntes Gesicht. Oh, er ist im Solarium gewesen. Der Dreitagebart ist neu, bemerkte Sybille.

„Billy, da bist du ja schon.“

„Hallo, Schatz.“

„Schön, dass du es einrichten konntest, herzukommen. Ich habe schon für dich mit ausgesucht.“ Zum Kellner gerichtet sagte er: „Wir nehmen beide das Menü zwei. Billy, ein Wasser für dich?“

„Also, heute könnte es auch etwas mit mehr Pepp sein. Champagner?“

„Champagner?“

„Ja, wir brauchen doch was zum Anstoßen, oder? Wasser bringen Sie mir bitte auch. Danke.“

„Na gut, dann zwei Gläs–“

„Och, können wir nicht eine ganze Flasche bestellen? Zur Feier des Tages?“

„Wie meinst du das denn?“

Sybille stutzte für einen Augenblick. Nicht, dass er sie durchschaut hatte, dass sie schon wusste, womit er sie gleich überraschen wollte. Er machte es aber auch wirklich spannend. Unruhig rutschte sie auf ihrem mit einer weißen Husse überzogenen Polsterstuhl herum, als hätte sie Hummeln im Hintern. „Na ja, so oft gehen wir nicht zusammen essen. Wir können es uns ja auch mal richtig gut gehen lassen. Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit haben. Findest du etwa nicht?“

„Ja, ja … da hast du natürlich recht. Also, eine Flasche Champagner und eine große Flasche Wasser, bitte.“

„Sehr wohl, Señor, kommt sofort!“

Michael schaute in das rundliche Gesicht von Sybille und fragte sich, wie er anfangen sollte. Sie hatte sich auf ihre Art schick für ihn gemacht. Sogar Lippenstift hatte sie aufgetragen und sie trug ihre gute, weiße Bluse, die ihre rundliche Figur kaschierte. Ein wenig spießig seiner Meinung nach, aber so war Sybille nun mal. Dabei war sie früher ein richtiger Feger gewesen, sexy und lebenslustig. Jetzt war sie eher hausbacken und erinnerte ihn mehr an seine Mutter als an eine begehrenswerte Frau.

Mit auf den Tisch zusammengefalteten Händen saß Sybille vor ihm und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Billy, ich …“

„Schien die Sonne in Wuppertal?“

„Was?“

„Na, du sieht aus, als kommst du gerade aus einem dreiwöchigen Urlaub und nicht von der Montage. Hat alles geklappt?“

„Was?“

„Na, waren die Kunden zufrieden? In Wuppertal?“

„Ja, ja … natürlich. Ist alles super gelaufen. Nee, die Sonne hat nicht geschienen. Ich war auf der Sonnenbank. Das sieht man doch.“

„Aha.“

„Ja, das macht mehr Eindruck bei den Kunden, weißt du. Also, wenn man etwas gebräunt ist und nicht wie eine nordische Kalklatte aussieht“, beeilte er, sich zu sagen und anderen Erklärungen auszuweichen.

„Entschuldige bitte …“ Sybille konnte sich ein Lachen nun nicht mehr verkneifen. Sie nahm ihre Stoffserviette und hielt sie sich vor ihren Mund. „Du siehst eher wie ein Grillhähnchen aus. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen.“

„Billy, bitte!“

Nach einer kurzen Weile hatte sich Sybille von ihrem Lachflash erholt, atmete tief ein und wischte sich die letzten Lachtränen aus den Augenwinkeln.

„Solltest du auch mal versuchen. Würde dir sicherlich gut stehen.“

„Nee, lass mal lieber. Ich bin für natürliche Bräune. Wir haben doch jetzt Betriebsferien.“

„Du willst verreisen?“

„Vielleicht? Kommt ganz darauf an, wohin.“ Sybille versuchte, eine Brücke zu schlagen, damit Michael es leichter hatte, endlich zum Punkt kam und sie sich auch äußerlich freuen konnte.

„Billy, ich …“

„So, Señora, Señor, Ihr Champagner.“

„… ich versuche gerade, dir etwas zu …“

Plop.

Der Kellner öffnete mit einem lauten Knall die Flasche und füllte die bereitstehenden Gläser. Stellte sie anschließend mit lautem Getöse in den mit Eiswürfeln gefüllten, hüfthohen Kühler, den er neben dem Tisch platziert hatte. Schenkte Wasser ein.

„Zum Wohl.“

„Ich wollte dir etwas sagen“, begann Michael erneut, als sich der Kellner wieder anderen Gästen zuwandte.

„Ja, gleich, Michael. Lass uns erst anstoßen!“

Michael stöhnte leise.

„Zum Wohl! Auf einen schönen Urlaub!“ Sybille hielt ihren Armausgestreckt über den Tisch, und er stieß widerwillig mit ihr an. „Auf uns. Und überhaupt!“

„Urlaub. Ja, darum geht es. Ich wollte …“

Sybille hielt die Spannung nicht mehr aus. Ungeduldig klatschte sie in die Hände und fiel ihrem Mann ins Wort. „Du brauchst gar nicht mehr um den heißen Brei zu reden. Ich weiß alles!“

„Was? Wie? Woher?“

„Daniela Meyer!“

„Daniela hat dir alles erzählt?“

Rote Flecken wie bei einem Nesselfieber breiteten sich auf Michaels Hals aus. Ihm wurde plötzlich sehr heiß. Ein Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn und Oberlippe, den er möglichst unauffällig mit seinem weißen Stofftaschentuch mit Monogramm abtupfte.

„Na, ich habe die Beweise gefunden.“

„Be–wei–se? Ach Gott, ach Gott!“ Die Hitzewelle ergriff jetzt Michaels ganzen Körper. Was für eine blöde Situation. „Sybille, ehrlich! Ich wollt dir das schon lange sagen, aber …“

„Dann wäre es doch keine Überraschung gewesen. Ich habe die Tickets vorhin zufällig gefunden. Auf dem Platz von Daniela Meyer! Du, über die müssen wir unbedingt noch reden. Das ist vielleicht ein Früchtchen …“

„Ja, das wollte ich auch … mit dir sprechen, aber du weißt es ja schon.“

„Ich freu mich ja so!“

„Du freust dich?“ Michael runzelte verständnislos die Stirn. Mit so viel Entgegenkommen von Sybille hatte er gar nicht gerechnet. Er hatte sich die ganze Sache viel schwieriger vorgestellt. Heulerei, Schreierei – eben so was in der Richtung. Darum hatte Michael auch einen öffentlichen Ort gewählt, damit die Sache ruhiger und diskreter verlief. Er konnte in diesem Moment sein Glück nicht fassen. Erleichtert atmete er auf. „Puh, hätte ich vorher gewusst, dass du so entspannt reagieren würdest, hätte ich mir nicht die Nächte um die Ohren schlagen müssen.“ Michael atmete noch mal erleichtert tief ein und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas Champagner.

„Du wusstest doch, dass ich schon immer mal nach Kuba wollte!“

„Kuba?“

„Ja, Kuba! Tickets? Geburtstag? Wir haben Urlaub? Was denn sonst?“

„Geburtstag?“ Wieder ergriff eine Hitzewelle Michaels Körper.

„Ach, Michael! Du kannst jetzt aufhören, so ahnungslos zu spielen. Diese Reise ist das schönste Geschenk, das du mir je gemacht hast. Ich muss schon sagen, da hast du dich diesmal mächtig ins Zeug gelegt.“ Sybille erschrak. „Ach, stimmt, ich muss noch packen. Morgen geht es ja schon los! Dann lass uns nur eine Kleinigkeit essen.“ Sie griff wieder zur Speisekarte. „Ich bin ja schon so aufgeregt! Gott sei Dank, habe ich zufällig meinen Pass letzten Monat verlängert, und ich muss noch beim Nachbar anrufen, damit Frau Gröne meine Blumen gießt und …“

Mit der weißen Stoffserviette wischte sich Michael ungeniert den Schweiß von der Stirn, der nun drohte, auf das Tischtuch zu tropfen. Er fühlte sich unwohl in seinem angeschwitzten Hemd. Irgendwas lief gerad völlig schief. Ihm schwante, dass ein riesiges Missverständnis im Raume schwebte und sie beide völlig aneinander vorbeiredeten wie so üblich.

„Michael? Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?“

„Ja, also …“ Er räusperte sich umständlich. „Ich glaube, wir reden gerade aneinander vorbei. Um es klar zu sagen: Ich fahre nach Kuba, aber mit Daniela und nicht mit dir.“

Sybille entgleisten ihre Gesichtszüge.

„Daniela?“, sagte Sybille langsam. „Was willst du damit sagen? Ich verstehe nicht …“

„Das soll heißen, dass Daniela und ich ein Paar sind!“

Sybille schaute ihren Mann mit großen Kulleraugen an. „Was?“

„Ja, du hast richtig gehört. Daniela und ich sind seit einem halben Jahr ein Paar! So, nun ist es raus.“

„Und da hast du extra bis zu meinem Geburtstag gewartet, um mir das mitzuteilen?“

„Nein“, druckste er herum. „Nein, wirklich nicht. Ich habe dich heute Abend hergebeten, um es dir schonend zu sagen. Du hast dir so was Ähnliches sicherlich schon gedacht. So blöd bist selbst du nicht!“

„An meinem Geburtstag!“ Sybilles Miene war ruhig, doch in ihrem Inneren tobte ein Gewittersturm.

„Sybille, es hört sich jetzt blöd an, aber das ist wirklich ein Zufall. Ach ja, alles Gute zum Geburtstag. Du siehst toll aus!“, schob er schmeichelnd hinterher, obwohl es gelogen war, um die Wogen zu glätten.

Um Fassung ringend, sah Sybille zu ihrem Mann. Das schöne Geburtstagsgefühl war im Nu futsch. Von Wolke sieben war sie zurück in der Realität gelandet und weiter im freien Fall in Richtung Keller.

„Ich fasse es nicht. Wieso ausgerechnet diese dürre Ziege? Außerdem ist sie strohdoof. Michael, wir sind fast fünfundzwanzig Jahre verheiratet. Ich meine, wir haben einen Sohn! Wir sind doch ein gut eingespieltes Team, und jetzt, wo Alexander studiert und nicht mehr zu Hause wohnt, da könnten wir doch … da wollten wir doch …“

„Billy, ich glaube, wir haben uns in den letzten Jahren irgendwie auseinandergelebt. Und Dani ist …“, sagte er und hielt seine Hände nah parallel zueinander. „… während du …“ Er vergrößerte den Abstand zwischen seinen Händen.

Sybille saß da wie vom Schlag getroffen. Ihre Atmung ging schneller. Ihr Puls fing an, zu rasen.

„Meine Güte, Sybille, ist das denn so schwer zu verstehen? Sieh mal in den Spiegel! Wir passen doch gar nicht mehr zueinander.“

„Was? Spinnst du jetzt total?“ Ihre Stimme war schrill und etwas zu laut.

„Señora, darf ich Sie bitten, etwas leiser zu sein, die anderen Gäste könnten sich gestört fühlen.“

Wenn Blicke töten könnten, wäre der spanische Aushilfskellner tot umgefallen.

„Sybille“, flüsterte Michael, „reiß dich doch zusammen, die Leute gucken schon.“

„Was? Die Leute? Ist das alles, worüber du dir Sorgen machst? Wie die Leute gucken? Machst du dir auch irgendwelche Gedanken um mich?“

„Sybille, lass uns doch vernünftig reden!“

„Wie stellst du dir das eigentlich vor? Wie soll das denn werden, wenn du mit deinem Herzblatt wieder da bist? Wie soll ich denn, bitte schön, mit ihr arbeiten? Zusammen in einem Büro! Ich werde ja zum Gespött der Firma …“

„Darüber wollte ich auch noch mit dir reden. Es wäre schön, wenn du in den nächsten zwei Wochen deinen Arbeitsplatz räumen würdest.“

„Das … das ist jetzt nicht dein Ernst!“

„Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht mit ihr zusammenarbeiten kannst. Wir sind ein junges Team, und da muss man sich natürlich auch beim Personal verjüngen.“

„Du schmeißt mich jetzt auch noch raus? Obwohl ich die Firma mit aufgebaut habe? Nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen?“

„Daniela hat mir auch gesagt, dass du völlig überlastet bist …“

„So, hat sie das? Sie muss es ja wissen!“

„… und da ist es wohl doch das Beste, dass du dir was anderes, ruhigeres suchst. Du kannst selbstverständlich in unserem Haus so lange bleiben, bist du dir eine neue, kleine Wohnung gesucht hast. Ich werde währenddessen bei Daniela wohnen.“

„Na, wie großzügig!“ Sybilles Wut schnürte ihr den Hals zu.

„Du kannst mir ja schon mal ein paar Sachen zusammenpacken. Ich hole sie dann ab, wenn ich wieder da bin.“

Beide merkten nicht, dass es in der Zwischenzeit sehr ruhig um sie herum geworden war. Keine Gespräche waren mehr zu hören, geschweige denn Geklapper von Besteck auf Tellern.

„So was Armseliges wie dich habe ich noch nie erlebt. Michael, du bist ein Schwein!“ Sybille nahm ihr Wasserglas und schleuderte den Inhalt mit von Wut unterstütztem Schwung mitten in Michaels verdutztes Gesicht. Das Wasser tropfte aus seinen sorgfältig gegelten Haaren. Sybille stand ruckartig auf, sodass ihr Stuhl nach hinten kippte und mit einem lauten Scheppern auf dem Marmorboden aufschlug. Wütend warf sie ihre Serviette auf den Tisch, die zuvor noch auf ihrem Schoß gelegen hatte. Das Champagnerglas fiel um und hinterließ eine unschöne Pfütze auf dem weißen Tischtuch. Tränen standen Sybille in den Augen.

„Sag mal, spinnst du jetzt total?“

„Du bist so ein selbstgefälliges Ar–“

Die Frau vom Nachbartisch reichte ihr ihr volles Wasserglas mit einem auffordernden Nicken.

„Danke!“ Sybille griff danach und an ihren Mann gewandt fuhr sie fort: „Arschloch!“

Und schon ergoss sich die Zugabe über Michael. Die Zitronenscheibe blieb auf seinem Kopf liegen.

Während sich Sybille umdrehte, um das Restaurant zu verlassen, klatschten einige Frauen Beifall.

Die ältere Dame, die Sybille das Glas gereicht hatte, stand auf und schlug mit ihrer Stoffserviette auf Michael ein. „Sie sollten sich was schämen, Sie … Sie Hurenbock!“

Wie im Wahn rauschte Sybille durch das Restaurant Richtung Ausgang. Sie ballte die Fäuste, um sich zu beherrschen. Ansonsten hätte sie vor Wut die Teller von den Tischen durch die Gegend gepfeffert. Doch ihre gute Kinderstube verbot ihr dieses. So manövrierte sie ihren runden Körper wie eine Dampflok bis vor die Tür des Lokals.

Auf dem Weg dorthin riss Sybille dem peinlich dreinschauenden Kellner ihren Anorak aus den Händen, in den er ihr helfen wollte.

Draußen entlud sich die aufgestaute Energie in einem gellenden Schrei, den Sybille nicht mehr zurückhalten konnte.

Ein Wunder, dass das Glas der Straßenlaterne, an dem ihr Fahrrad angeschlossen war, nicht zerplatzte. Beim genauen Hinsehen hätte man aber ein leichtes Flackern wahrnehmen können.

Der Wind hatte in der Zwischenzeit noch mehr zugelegt und sich zu einem kleinen Herbststurm entwickelt. Ihr Faltenrock blähte sich zu einer Glocke auf. Dazu kam, dass es angefangen hatte, zu regnen, was Sybilles momentane Gefühlslage nicht gerade besserte.

Inzwischen war es stockdunkel geworden, und sie hatte Mühe, das Fahrradschloss zu finden.

Schimpfend radelte sie nach Hause. Sie hatte immer noch so viel Energie aufgestaut, dass sie kräftig in die Pedale treten konnte. Die Wasserfontänen spritzten rechts und links im hohen Bogen. In ihrem Tunnelblick merkte sie nicht, wie ein von rechts kommendes Auto quietschend bremste, weil sie ihm die Vorfahrt genommen hatte. Andere Radfahrer wurden laut klingelnd überholt und an die Seite gedrängt.

Wie vom Donner gerührt fuhr sie nach Hause. Enttäuscht von Michael und mit wachsendem Hass auf Daniela. Wo sollte sie jetzt hin? Ohne Job, für den sie all die Jahre geschuftet hatte, und ohne Haus. Ihr Leben lag in Scherben.

Pitschnass wie eine Maus kam Sibille zu Hause an. Genauso fühlte sie sich auch. Klein, grau, und ungeliebt.

✿❀❁

Drei Tage hielt das emotionale Delirium an. Sybille lag apathisch auf dem Sofa. Um sie herum waren DVDs von ‚Sissi‘, der ‚Jane Austin‘-Kollektion, ‚vom Winde verweht‘ und noch einige andere Schmachtfetzen zwischen leeren Weinflaschen, Schokoladenpapier, Chips-Tüten und einer halbaufgegessenen Sahnetorte unter einem Haufen tränennasser Papiertaschentücher verstreut.

Das Telefon klingelte, als gerade der Abspann des dritten Teils von ‚Immenhof‘ lief.

Umständlich kämpfte sich Sybille unter ihrer Wolldecke hervor. Die brünetten Haare standen ihr kreuz und quer zu Berge. Seit ihrem schicksalhaften Geburtstag campierte sie auf dem Sofa. In ihren Pantoffeln schlurfte sie zum Telefon. Ihr Rücken schmerzte, die verquollenen Augen brannten. Jetzt erst bemerkte sie, dass das Lämpchen vom Anrufbeantworter leuchtete.

„Specht!“ Sybilles Stimme war kratzig und heiser.

„Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, liebe Billy, happy birthday to you“, schallte es fröhlich aus dem Hörer.

„Gitti?“

„Alles Gute zum Geburtstag nachträglich! Endlich erreiche ich dich mal. Wart ihr übers Wochenende weg? Na, wohin hat dich Michael entführt?“

„In die Hölle!“

„In was für eine Höhle denn? Das hört sich ja erotisch an. So viel Romanik hätte ich Michael überhaupt nicht zugetraut. Wart ihr in einem Swingerclub?“

„Er hat mir feierlich im Restaurant den Laufpass gegeben und mich zum Teufel gejagt!“

„Er hat was? Erzähl!“

Die Tränen brannten wie Feuer. Unwirsch wischte sich Sybille die ungeliebte Feuchtigkeit aus Augen und Nase mit dem Ärmel ihres Frottee-Bademantels weg.

„Er ist …“ Ein Schiefen. „… mit seiner Geliebten …“ Noch mehr Schniefen. „… unserer neuen Mitarbeiterin, dieser holen Nuss, nach Kuba gefahren.“

Weitere heiße Tränen musste das Frottee aufnehmen.

„Das gibt’s ja nicht! Ach, arme Sybille. So ein Idiot. Du hast ihm hoffentlich die Meinung gegeigt, diesem Nichtsnutz.“

„Ich hab ihm ein Glas Wasser …“, Wieder ein Schniefen. „… eigentlich sogar zwei über den Kopf gegossen.“

„Ach, Billy, ich weiß schon, warum ich nie geheiratet habe! Und was nun? Wie geht es jetzt weiter? Hast du einen Plan?“

„Ich weiß nicht … Keine Ahnung! Er hat mich gefeuert. Kannst du dir das vorstellen?“ Schnief. „Aus unserer eigenen Firma! Die ich mit aufgebaut habe. Und eine Wohnung muss ich mir jetzt auch noch suchen. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, Gitti … Was soll ich denn jetzt machen? Wo soll ich nur hin?“

„Auf jeden Fall gibst du nicht auf! Billy, du machst jetzt Folgendes: Du nimmst jetzt erst einmal eine heiße Dusche, dann fährst du in die Firma und holst deinen gesamten Krempel ab. Keinen Finger machst du mehr für ihn krumm. Hast du verstanden? Du lässt ihn jetzt schön gegen die Wand fahren. Soll er doch sehen, was er an dir hat beziehungsweise hatte. Er wird schon merken, dass seine tolle Freundin außerhalb des Bettes nichts drauf hat. Früher oder später wird er auf Knien zu dir zurückkommen. Danach machst du einen Termin beim Arbeitsamt und bei einem Anwalt …“

„Anwalt? Meinst du, das ist nötig?“

„Ja, aber natürlich ist das nötig! Du hast doch Rechte. Und du bekommst Unterhalt von ihm. Ihr habt das Haus, die Firma. Da steht dir ein Teil von zu!“

„Ja, aber …“

„Nix aber! Wäre ja noch schöner, wenn der mit seinem Midlife-Crisis-Szenario durchkommen würde. Und wenn er am Boden der Tatsachen angekommen ist und um Gnade winselt, nimmst du dir einen Liebhaber.“

„Einen was?“

„Du drehst den Spieß um. Na, was er kann, kannst du schon lange!“

„Ja, aber … Also, ich weiß nicht.“

„Ein Liebhaber wäre auf jeden Fall gut für dein Selbstbewusstsein.“

„Hmm!“

„Glaub mir! Schätzchen, du bist doch noch jung.“

„Na ja, ich bin schließlich schon fünfzig.“

„Genau, du bist erst fünfzig! Du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Und die Männerwelt wird dir zu Füßen liegen.“

Sybille sah sich im Spiegelbild der Vitrine und an sich runter. „Dir vielleicht! Aber mir?“

„Dir auch. Du wirst schon sehen. Mit ein paar kleinen Tricks kriegen wir das hin. Lass mich mal machen.“

„Ach, Gitti, bei dir klingt das immer so einfach.“

„Das ist es auch, meine Liebe.“

„Aber wo könnte ich wohnen? Hier im Haus, wo mich alles an Michael und mein bisheriges Leben erinnert, möchte ich nicht mehr bleiben. Das Haus ist so groß und … Könnte ich nicht bei dir unterkommen?“

„Bei mir? Ja, für eine Woche geht das sicher. Ich fahre morgen mit meinem neuen Freund nach Mallorca. Danach zieht er bei mir ein, dann wird es in meiner Zweizimmerwohnung etwas eng.“

„Erik?“

„Ach, i wo. Henrik! Ihn habe ihn in meinem Malkurs kennengelernt.“

„Dann habt ihr ja wenigstens Gemeinsamkeiten und könnt zusammen malen. Mit Michael hatte ich nie gemeinsame Hobbys.“

„Nein, Henrik war das Modell! Ich habe dir doch erzählt, dass ich einen Kurs für Aktmalerei bei der Volkshochschule gebucht hatte, und er war das Motiv. Du, einen Körper hat der, zum Anknabbern. Muskulös, groß, athletisch, noch keine dreißig – und unersättlich!“

„Gitti!“

„Was denn, Billy? Die paar Jahre Unterschied machen überhaupt nichts.“ Eine Türklingel erklang aus dem Hörer. „Oh, das ist er. Ich muss Schluss machen. Wir hören uns, Süße. Und nicht vergessen: Heute ist der erste Tag deines restlichen Lebens. Genieße ihn und mach was draus. Wenn wir uns das nächste Mal hören, will ich von deinen Fortschritten hören. Hör auf, Michael hinterher zu heulen. Draußen vor deinem Schneckenhaus gibt es viele tolle Männer, die auf dich warten. Also, Sybille, tschü-hüss!“

„Tschüss, Gitti, und viel Spaß.“ Sybille stellte das schnurlose Telefon auf die Station zurück. Mit dem Ärmel ihres Bademantels wischte sie sich die letzten Tropfen von der Nase und den Augen.

Sie atmete tief ein und ging mechanisch ins Badezimmer. Und tatsächlich, nach der Dusche fühlte sie sich etwas besser. Mit viel Seife und einer Wurzelbürste schrubbte sie sich ab. Sybille hatte das Gefühl, damit alles Negative der letzten Tage abzuwaschen. Jetzt stand sie vor dem beschlagenen Spiegel. Mit der Hand wischte sie eine Lücke frei. Viele Falten hatte sie im Gesicht noch nicht. Dafür ein kommendes Doppelkinn, Bauch- und Hüftspeck, Cellulite und Reiterhosen an den Oberschenkeln. Wie ein in die Jahre gekommenes Michelin-Männchen kam sie sich vor, nur nicht so niedlich. Der rausgewachsene Haarschnitt tat sein Übriges. Graue Haare hatte sie allerdings noch keine. Nur ein paar Silberstreifen am Horizont. Noch einmal atmete Sybille schwer ein, eher sie sich anzog.

Kein Wunder, dass sich Michael was anderes gesucht hat, dachte Sybille. Es war immer so viel zu tun gewesen. Kind, Haus und Garten, Firma. Die alltäglichen Arbeiten – einkaufen, kochen und so weiter – hatten Sybille nicht viel Zeit für sich gelassen. Natürlich war ihr bewusst gewesen, dass sie mehr Sport machen müsste. Aber am Ende des Tages war sie zu müde gewesen, um sich noch mal aufzurappeln. Der Alltag war eingezogen, und die Lücke der körperlichen Zweisamkeit war im Laufe der Zeit immer größer geworden. Bis sie im Tohuwabohu des Alltags ganz untergegangen war. Als ihr Sohn Alexander ausgezogen war, hatte Sybille noch die Hoffnung gehabt, sie beide würden nun wieder zueinander finden. Doch es war offensichtlich bereits zu spät gewesen. Sybille musste einsehen, dass auch sie es verbockt hatte. Sie hatte viele Möglichkeiten ungenutzt, oft aus Bequemlichkeit, an ihr vorbeiziehen lassen.

Nachdem Sybille die Wohnung aufgeräumt hatte, fuhr sie mit ihrem Rad zu Firma. Den Betriebshof so leer und verlassen zu sehen, bereitete ihr ein mulmiges Gefühl. Sie betrat die Geschäftsräume. Stille. Kein Surren der Kreissäge, keine plappernden und lachenden Mitarbeiter. Nur der Geruch nach frischem Holz und Sägemehl war ihr vertraut. Sybille betrat ihr Büro. Sie merkte gleich, dass etwas anders war. Ihr Schreibtisch. Ihre Sachen fehlten. Die waren in einem kleinen Pappkarton achtlos zusammengesammelt worden und standen nun auf Daniela Meyers Schreibtisch. Ihrem ehemaligen, wohlgemerkt.

Auf Sybilles Schreibtisch hatte sich schon ihre selbsternannte Nachfolgerin breitgemacht. Sogar ein Foto von ihr und ihrem Mann stand dort wie selbstverständlich. Die aufsteigende Wut konnte Sybille schwer unterdrücken. Zu gern hätte sie das Bild einfach an die Wand geworfen. Nur schwer war dieser Drang zu unterdrücken. Zu schmerzvoll war dieser Anblick. Sie fühlte sich erniedrigt. Ihr Blick schweifte zu einem gelben Post-it auf dem Tisch. Fragen, wo der Ordner P steht und die runde Ablage ist. Sybille verdrehte die Augen.

Ein paar persönliche Kleinigkeiten sammelte sie noch ein und warf sie in ihren schon vorbereiteten Karton, dann schnappte sie sich ihre Habseligkeiten und wandte sich zutiefst verletzt Richtung Ausgang. Ihr Blick glitt noch einmal durch den Raum. Viele Jahre war sie Mittelpunkt dieses Büros gewesen.

Ihren Mann hatte sie in jungen Jahren ermutigt, als einfacher Tischler seinen Meister zu machen und eine eigene Tischlerei zu gründen. Mit Sybilles Hilfe hatte sich Michael auf Küchen spezialisiert und war damit sehr erfolgreich geworden.

Sie hatte ihm den Rücken freigehalten, indem sie sich aufopfernd um den Haushalt und den gemeinsamen Sohn Alexander und am Abend um die Buchführung der neugegründeten Firma gekümmert hatte. So hatte sich Michael ganz der Herstellung der Möbel widmen können. Seine Slogans „Hast du Möbel von Specht im Haus, nimmt der Holzwurm Reißaus“ oder „Bei einer Küche von Specht ist der Preis nicht schlecht“ liefen mittlerweile sogar in der Radiowerbung.

Seitdem ihr Sohn erwachsen war und eigene Wege ging, hatte Sybille ganztags in der Firma gearbeitet, die Buchhaltung geleitet und sich um die täglichen Schreibarbeiten gekümmert.

In der Werkstatt arbeiteten zehn Gesellen und zwei Auszubildende, um die Aufträge fristgerecht abzuarbeiten, die die drei Kollegen aus dem Vertrieb abschlossen.

Michael hatte ein eigenes Büro und war mit der Planung und Umsetzung ausgelastet. Er war der Ansprechpartner für seine Kunden. Beim Aufbau der Küchen war er immer vor Ort, um die Qualität der ‚Specht-Küche‘ zu gewährleisten.

Als neustes Firmenmitglied war Daniela Meyer von Michael eingestellt worden, zum Leidwesen von Sybille, und war jetzt von der jungen Buhlin ihres Gatten eiskalt ins Abseits gedrängt worden.

Beim Rausgehen sah Sybille den Stapel Auftragsbestätigungen, die sie ihrer Mitarbeiterin zur Erledigung hingelegt hatte. Oben lag die Bestätigung von Phillip und Maren Wiesner, Mühltal bei Nußdorf am Inn.

Sie konnte nicht anders. Dieser Auftrag lag ihr besonders am Herzen. Sie steckte die Auftragsbestätigung in einen Umschlag, klebte eine Briefmarke drauf und legte diesen in ihren Karton. Auf dem Nachhauseweg würde sie eben noch am Postkasten vorbeifahren. Die anderen Aufträge waren ihr egal. Sollte sich doch die Neue drum kümmern und zusehen, wie das Geld reinkam.

„Ich muss lernen, loszulassen. Damit fange ich an.“

Noch einen letzten tiefen Atemzug, und sie verließ die Firma. Den Karton klemmte sich Sybille auf den Gepäckträger und radelte wieder nach Hause.

Da stand sie nun – gedankenverloren, einsam und verlassen – in der großen Wohnung. Wie friedlich und still alles um sie herum war.

Ihre Gedanken kreisten darum, wo sie hingehen könnte. Eines stand für sie fest: Hier, in diesem Haus, wo sie alles an ihr ruhiges, schönes Leben erinnerte, wollte sie auf gar keinen Fall bleiben.

Der Anruf ihrer Freundin Gitti hatte ihr Mut gemacht. Vom Poltern des Briefträgers vor der Haustür schreckte sie zusammen und gab vorerst die weiteren Überlegungen auf. Pflichtbewusst, oder eher aus reiner Gewohnheit heraus, holte sie die Post aus dem Briefasten.

Ein Modekatalog für große Größen, Michaels Bankauszüge, diverse Rechnungen von Versicherungen eines Reisebüros und ein Brief mit geschwungener Handschrift an sie adressiert.

Reisebüro? Sybille wurde von Neugierde erfasst, wie viel ihr ach so toller Göttergatte für diese Liebesreise aus dem Fenster geworfen hatte. Mit zittrigen Händen öffnete sie den Brief. Er war ja auch an Herrn und Frau Specht adressiert, da konnte man ihr nichts vorwerfen. Und immerhin war sie noch Frau Michael Specht. Allerdings fühlte es sich gar nicht mehr so toll an, und sie wusste auch nicht, ob das nach dem, was sich ihr Mann geleistet hatte, noch so erstrebenswert war. Ob sie diesen Namen in Zukunft überhaupt noch tragen wollte, darüber musste sie sich noch klar werden.

Nun lag die Rechnung offen vor ihr. Ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle, und sie schlug sich die Hand vor den Mund.

All inclusive, 14 Tage, fünf Sterne Ferienresort Paradisus Varadero, 6.598,00 €? Sybille rang um Fassung. Dieser Scheißkerl! Für mich hat es immer nur für eine Woche Campingurlaub in Wanne-Eickel gereicht. Na, schönen Dank auch. Sybille knallte die Rechnung auf die Arbeitsplatte der Küchenzeile. Sie ging zum Kühlschrank und holte aus dem Kühlfach die Flasche Doppelkorn heraus. Direkt aus der Flasche nahm sie einen ungefähr daumenbreiten Schluck. Danach musste sie sich erst einmal schütteln. Durch die aufkommende Wärme hatte Sybille nicht mehr das Gefühl, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Sie nahm sich noch eine Tafel Schokolade aus ihrem ‚Geheimvorrat für alle Fälle‘, schnappte sich ihren Brief und wankte ins Wohnzimmer. Sybille ließ sich in den großen Ohrensessel fallen. Der Brief verströmte einen leichten Geruch von Lavendel. Sie wusste genau, von wem er kam. Es war unnötig, auf den Absender zu schauen. Er konnte nur von ihrer Tante Hildegard sein.

Die Schrift war etwas zittriger als sonst, aber wie immer hatte sie ihr mit vielen blumigen Worten geschrieben. Zu jedem Geburtstag und zu den Feiertagen kam ein Brief von ihr. Immer mit ein paar ‚Scheinchen‘ für Sybille.

PS: Kauf dir was Schönes! stand immer untendrunter. Natürlich bekamen auch Michael und Alexander regelmäßig Post an ihren Geburtstagen. Michael allerdings ohne Zusatz. Er mochte Tante Hilde nicht besonders. Auch für ihre Eltern hatte er zu ihren Lebzeiten nichts übrig gehabt. Nur seine Familie, besonders seine Schwester Myriam, wurde hochgejubelt. Daher waren die Besuche bei ihrer Tante weniger geworden, bis sie schließlich ganz aufgeblieben waren.

Sybille rief nach jedem Brief an, um sich zu bedanken, und auf die Frage „Wann kommt ihr denn mal?“ antwortete sie immer: „Du weißt doch, das Geschäft! Michael muss viel arbeiten, und ich muss ihn so gut wie möglich unterstützen. Sobald wir aus dem Gröbsten raus sind, kommen wir dich besuchen, liebes Tantchen.“

Sybille wischte sich eine Träne weg und griff sofort zum Telefon. Nach ein paar Mal Tuten nahm sie auch gleich ab.

„Hallo?“

„Tante Hilde?“

„Sybille! Schön, dass du anrufst. Ich bin gerade dabei, Brombeermarmelade und Gelee einzukochen. Geht’s dir gut, mein Kind?“

„Ach, Tante Hilde …“ Nun brachen alle Dämme bei Sybille. Sie erzählte ihrer Tante tränenreich und unter Schluchzen von ihrem grandiosen Geburtstag.

„Komm“, sagte sie. „Komm, mein Mädchen! Dein Zimmer hier ist immer für dich frei.“

Sybille überlegte gar nicht lange und hörte auf ihr Bauchgefühl. „Ja, ist gut. Ich komme!“

Nach diesem aufwühlenden Gespräch fühlte sich Sybille erleichtert. Sofort ging sie ins Schlafzimmer und packte einen Koffer mit den nötigsten Sachen. Am nächsten Tag wollte sie mit der Bahn zu ihrer Tante ins beschauliche Oldenburg fahren.

✿❀❁

Nach einer schlaflosen Nacht voller schlechter Träume und der Vorfreude auf die bevorstehende Reise wachte Sybille mit Verspannungskopfschmerzen auf. Sie schleppte ihren Körper unter die Dusche, während in der Küche die Kaffeemaschine fröhlich wie eine Dampflokomotive vor sich hin schnaufte.

Nach einem kurzen Frühstück, bei dem sie gedankenversunken aus dem Fenster sah, putzte sie das Bad, saugte die Wohnung noch mal durch, wusch ihre Kaffeetasse und Besteck ab und wischte noch mal die Küche und das Bad durch. Sybille schnappte sich ihren Koffer und ihre Handtasche und machte sich auf den Weg. Beim Rausgehen kam sie am Schlüsselbrett am Eingang vorbei. Sybille kam eine Idee. Wozu sollte sie mit dem Zug fahren, wenn in der Garage die geliebte Limousine ihres holden Gatten stand? Am Freitag war er ja mit seinem Sportwagen unterwegs gewesen. Kurzerhand schnappte sich Sybille den Autoschlüssel.

Es war ein komisches Gefühl, ihr Zuhause zu verlassen. Seltsamerweise mischte sich auch ein Gefühl von Befreiung mit dazu.

Mit zittrigen Händen startete sie das Fahrzeug. Sybille hatte noch nie selber mit dem Wagen fahren dürfen. „Frauen fahren besser mit Bus oder Bahn!“ war einer von Michaels Lieblingssprüchen gewesen. Genauso wie „Frauen haben im Straßenverkehr nichts zu suchen“ oder „Männer können eben besser Auto fahren. Frauen dafür besser kochen.“

Stattdessen hatte Sybille ein Hollandrad aus dem Supermarkt und eine Jahreskarte für den Bus bekommen, damit sie mobil war und er sie nicht immer fahren musste, obwohl Sybille einen Führerschein hatte und immer eines seiner Autos in der Garage stand.

Die waren allerdings seine Heiligtümer. An jedem Sonntag wurden die Autos vom Meister persönlich geputzt und poliert. Gelegentlich hatte Sybille den Fußraum aussaugen und die Fenster putzen müssen, um ihren Beitrag dafür zu leisten, in diesem Auto mitfahren zu dürfen. Außerdem hätten Frauen schmalere Hände und könnten besser in die schmalen Stellen an der Seite der Sitze zum Saubermachen greifen, wie Michael argumentiert hatte.

Sybille stellte die Automatik auf R und fuhr das Schlachtschiff von einem Auto auf die Auffahrt. Bevor Sybille ganz vom Hof fuhr, schloss sie selbstverständlich das Garagentor. Ein bisschen musste sie dabei schmunzeln. Wie gern würde sie Michaels Gesicht sehen, wenn er bemerkte, dass der Wagen nicht mehr an seinem Platz stand.

Nun war es so weit. Sybille trat vorsichtig aufs Gas, der Wagen rollte. Allerdings nicht vorwärts, sondern immer noch rückwärts in die Blumenrabatte.

„Ups!“, entfleuchte es Sybille. Schnell schaltete sie auf D, und nun rollte der Wagen, diesmal in ihre gewünschte Richtung, vom Hof runter. Im Rückspiegel konnte sie im Wendehammer ihr altes Zuhause sehen, wie es immer kleiner wurde, bis es an der Wegbiegung ganz aus ihrem Blickfeld entschwand.

Nach drei Stunden hielt sie vor dem Haus ihrer Tante. Sie fühlte sich gleich wie zu Hause. Irgendwie hatte sich nichts verändert. Hildegard war die junge Schwester ihrer Mutter gewesen. Sie war schon siebzehn Jahre alt gewesen, als Hildegard geboren worden war.

Sybilles Mutter hatte sie mit siebenunddreißig bekommen – für die damalige Zeit eigentlich schon zu alt, um Mutter zu werden. Da war es für Sybille immer eine willkommene Abwechslung gewesen, wenn sie in den Ferien zu ihrer Tante Hilde gedurft hatte.

Wie schön diese Zeit doch gewesen war. Sie erinnerte sich zu gern daran. Ihre Eltern waren nicht nur wesentlich älter als die Eltern ihrer Freundinnen gewesen, sondern hatten von der Einstellung und den Erziehungsmethoden her regelrecht aus dem letzten Jahrhundert gestammt. Sie waren sehr streng gewesen, besonders, was die Moral angegangen war.

Bei ihrer Tante war sie regelrecht aufgeblüht. Sie hatte im Garten toben und sich schmutzig machen dürfen wie sie wollte. Es war viel gelacht und gesungen worden. Tante Hilde hatte mit ihr Verstecken oder Fangen gespielt und war für jeden Schabernack zu haben gewesen. Am Abend oder bei schlechtem Wetter hatten sie gern eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Hier war sie schon immer frei gewesen!

Kaum zu glauben, dass Tante Hilde und ihre Mutter Schwestern gewesen waren. Irgendwie schlug sie aus der Art. Vielleicht hatte Hildegard ihre kleine Nichte deswegen immer so gut verstehen und sich in ihre Lage versetzen können, da sie selbst als Nachzügler bei ihren kaisertreuen Eltern aufgewachsen war.

Als Sybille ihr Gepäck aus dem Kofferraum hievte, öffnete sich schon die Haustür. Mit ausgebreiteten Armen und einem herzlichen Lächeln stand Tante Hilde in der Tür. So hatten ihre Eltern sie nie begrüßt. Dort ging es immer um Respekt und Anstand.

Hilde hatte ihre schneeweißen Haare zu einem Dutt am Hinterkopf zusammengesteckt. Früher hatte sie eine freche Bubikopf-Frisur getragen.

Sybille erschrak. Ihre Tante sah, obwohl sie erst siebzig war, sehr alt, blass und ausgemergelt aus. Sie hatte sie auch viel größer in Erinnerung. Bei der Umarmung merkte sie, dass ihre Tante nur noch Haut und Knochen war, dennoch steckte nach wie vor viel Energie in ihrem gebrechlichen Körper.

„Willkommen. Schön, dass du da bist!“

„Tante Hildegard!“

Sybille atmete tief den vertrauten Geruch nach Tosca und Lavendelseife ein. Aus der Küche wehte ein leckerer Duft durch den kleinen Hausflur.

„Komm rein, mein Kind. Das Essen ist gleich fertig! Ich habe dir dein Lieblingsessen gekocht.“

„Hefekloß mit Birnen?“

„Ja, aus der eigenen Ernte. Der alte Baum war dieses Jahr voll mit Früchten. Ich komme gar nicht nach mit dem Einwecken. Zum Nachtisch habe ich dir einen Schokoladenpudding gekocht. Den mochtest du doch früher immer so gern.“

„Ja, den mag ich heute auch noch. Zu gern, wie man sehn kann!“

„Och, die paar Pfunde! Der Körper braucht doch etwas, woran er in schlechten Zeiten zehren kann.“ Hilde machte eine wegwerfende Handbewegung. „Bring deine Sachen schon mal nach oben. Du kennst dich ja aus.“ Sybille nickte. „Die Jacke gibst du mir, die hänge ich an der Garderobe auf, und wenn du dich oben eingerichtet hast, gibt es erstmal was zu essen. Dabei können wir in aller Ruhe reden.“

„Ja, das ist eine gute Idee.“

Als Sybille die knarzigen Stufen der Holztreppe hochstieg, fühlte sie sich um Jahrzehnte zurückversetzt. An der Wand hingen wie eh und je die Jahreszeitenbilder – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Oben im kleinen Flur gingen vier Türen zu den Zimmern. Gleich zur Rechten, an der Treppe, das Badezimmer, gegenüber der Treppe das Schlafzimmer ihre Tante. Daneben ihr Zimmer, und gegenüber von ihrem war das Gästezimmer, was eigentlich eher als Wäsche- und Bügelzimmer diente. Denn außer ihr hatte ihre Tante nie Gäste gehabt. Der Geruch von gestärkter Wäsche schwebte im Flur.

Sybille betrat ihr Zimmer. Es war anders eingerichtet als früher. Viel moderner. In der hinteren Ecke stand ein breites, rotes Boxspringbett. Kissen und Decke waren mit einem weißen Bettbezug aus Leinen bezogen. Das Kopfkissen zierte Lochstickerei in einem kunstvollen Blütenmuster. Am Fußende lag noch eine farblich passende Wolldecke. In der Ecke stand eine geschwungene Stehlampe im gleichen Farbton. Ein grauer Ohrensessel, ein weißer Schrank und ein Schminktisch mit Spiegel rundeten das Zimmer ab. Am Fenster stand ein weißer Schreibtisch mit Bildern von Hilde und ihr. Über dem Bett, an der weißen Wand, hing Sybilles Lieblingsbild – sechs junge Mädchen in fließend langen Gewändern hielten sich an den Händen und liefen im Kreis. Für Sybille waren es immer tanzende Elfen gewesen. Je länger sie auf das Bild schaute, desto mehr bildete sie sich ein, dass sie das Lachen der Mädchen hören konnte.

Es war ein wahrgewordener Traum, aus einer Schöner-Wohnen-Zeitschrift.

Sie räumte ihren Koffer aus und hängte ihre Sachen in den Schrank. Ihren Kulturbeutel brachte sie ins Badezimmer. Auch hier gab es eine Überraschung. Das alte, in die Jahre gekommene Bad mit den gelbbraunen Fliesen war einem modernen, hellen Badetempel mit Wohlfühlambiente gewichen. Es roch unverkennbar nach Tante Hildes Lavendelseife.

Sybille kam in die Küche und nahm auf der Eckbank Platz. Ihr Magen knurrte. Sie hatte vorher nicht bemerkt, wie hungrig sie war.

Hildegard ließ ihrer Nichte Zeit. Außer Belangloses wurde nichts besprochen, dafür war später noch genügend Zeit.

Sybille nahm einen großen Löffel Schokoladenpudding in den Mund. Er schmolz auf der Zunge. „Hmmmm, köstlich, Tante Hilde. Deinen Schokoladenpudding habe ich echt vermisst. Ich glaube, keiner kann den so gut kochen wie du.“

„Weil der selbstgemacht ist und nicht aus der Tüte. Das ist das Geheimnis. Wenn du magst, zeige ich dir, wie das geht.“

„Ja, gern.“ Sybille schwelgte mit dem Geschmack an die glückliche Zeit ihrer Kindheit in ihren Erinnerungen. Sybille öffnete plötzlich die Augen, als ob ihr etwas Wichtiges eingefallen war. „Sag, mal, was ist denn oben mit den Zimmern passiert? Ich hätte meins nicht wiedererkannt, wenn die Bilder nicht dagewesen wären.“

„Gefällt’s dir?“

„Ja, sieht aus wie aus der Zeitschrift ‚Schöner-Wohnen‘!“

„Du warst auch schon lange nicht hier.“

Das schlechte Gewissen meldete sich bei Sybille. „Tu mir leid …“

„Ich weiß, Sybille, ich weiß. Man kann nicht immer so, wie man möchte. Ich habe angefangen, das Haus zu renovieren. Wenn du das Haus später bekommst, soll es doch schön sein. Aber dann kam mir was dazwischen, und ich bin hier unten nicht weitergekommen.“

„Es ist schön bei dir! Versteh mich nicht falsch, die Räume oben sind toll, aber hier unten ist es urgemütlich. Außerdem hast du doch Zeit genug. Du bist doch noch nicht alt.“

„Sag das mal meinem Körper!“ Hildegard schlug die Augen nieder. „Hast du schon darüber nachgedacht, wie es mit dir und …“

„Michael?“

Hilde nickte. „Was wirst du machen? Ihm verzeihen?“

Sybille knetete unruhig ihre Hände unter dem Tisch, bis sie sich haltsuchend an der Sitzbank festkrallte. „Weiß nicht! Im Moment jedenfalls nicht. Er hat mich zutiefst gekränkt. Meine ganze Welt, mein ganzes bisheriges Leben ist zusammengebrochen. Ich weiß nicht, ob ich ihm verzeihen kann. Ob ich das überhaupt will.“

„Hmmm, hört sich eher nach verletztem Stolz an.“

„Tante Hilde! Ich …“

„Ich weiß, du liebst deinen Michael.“

„Ja, genau!“

„Hast du denn gar nichts bemerkt?“

„Nein … ja … nein. Also, er hat vor einiger Zeit angefangen, sich anders zu kleiden. Na, moderner, jugendlicher halt. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich dachte, er will mit Alex und seinen Kumpels mithalten. War dann wohl nicht so. Er wollte wohl eher dieser Daniela Meyer imponieren. Dieser hohlbirnigen Nuss. Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum er die überhaupt eingestellt hat. Na, vielleicht ist das der Grund, warum er nicht mehr mit mir … Er hat mir doch tatsächlich vorgeworfen, ich wäre zu dick!“ Sybille schlug die Faust auf den Tisch. Ihre Tante zuckte ein bisschen zusammen. „Okay, ein bisschen aus dem Leim gekommen bin ich schon. Aber das ist doch noch lange kein Grund, mich gegen ein dürres Huhn auszutauschen. Immerhin habe ich alles für ihn getan!“

„… und hast dich dabei im Laufe der Jahre vergessen!“