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Dorian ist ein Monster. Und Monster lieben nicht. Er tötet, wenn er küsst. Er verführt, wenn er jagt. Und er kennt keine Liebe – bis sie vor ihm steht. Seine Königin der Nacht. Einst war sie seine Schwäche. Heute ist sie seine größte Gefahr. Verdorben, verlockend, verdammt. In ihr glüht alles, was Dorian längst verloren glaubte – und was ihn endgültig verschlingen könnte. Selbst der Teufel hasst ihn abgrundtief. Ein Herz ist fehl am Platz in dieser Geschichte. Doch wenn es in sechshundertsechsundsechzig eisige, schwarze Scherben zerbricht, wird die Welt brennen.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Spiegel der Zeit
Liebe ist unendlich
Dark Urban Romantasy
SPIEGELSCHERBEN · BAND I
Dies ist der erste Band der Spiegelscherben-Reihe. Jeder Band öffnet ein neues Kapitel voller Geheimnisse, Dunkelheit und Liebe – doch jede Geschichte steht für sich.
Texte: © 2026 Copyright by Silke Bonner Gestaltung: © 2026 Copyright by SilverBlackInk
Verlag:
Silke Bonner
Oberdreisbach-Höhe 38
53804 Much
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Für die Liebe, die nie rein war.
Nie einfach. Nie harmlos.
Aber echt.
Tainted, yes – but still love.
Spiegel der Zeit ist eine Reise durch Dunkelheit und innere Abgründe.
Die Geschichte berührt Themen wie Gewalt,Tod, Blut, psychisches Leid, emotionale Abhängigkeiten, Begehren und Verlust.
Wenn du sensibel auf solche Inhalte reagierst, lies bitte mit Bedacht.
Denn zerbrochene Spiegel zeigen keine Illusionen. Nur noch die Wahrheit.
Alles, was du sagst, ist wahr, doch nicht alles, was wahr ist, solltest du sagen.
– Voltaire –
Meinst du?
– Dorian –
Spiegel und Schatten
Rote Laterne
Bittersüße Nachtmusik
Nachthimmelblau
Stille unter Trauerweiden
Nimmermehr
Feria Septima
Zwischen den Schatten
Jäger und Gejagte
Schwarze Sonne
Flüchtige Träume
Wie durch fremde Augen
Furcht
Ketzerfluch
Feuer in den Wolken
Und dennoch lebt es nicht
Das Erwachen des Drachen
Zwischen den Nebeln
Aus der Asche
Die Wahrheit
Die Wahl der Königin
Heimkehr
Zu viel zu nah
Ewig die Deine
Die Königin in Schwarz und Grün
Flammen und Verlangen
Ruslan
Bariumflammen
Staub der Erinnerung
Das Laboratorium
Der Kopf der Schlange
Sanguis Viridis
Tenebris in aeternum
Der Vampyr
Tickende Ruinen
»Wofür bei allen Namen des Teufels brauche ich einen Spiegel, Ruslan?« Seine Stimme war kalt und genervt, und er kniff sich in die Nasenwurzel. »Spiegel gehören zur Grundausstattung eines Palastes. Zum guten Ton, wenn du so willst«, erwiderte der Angesprochene in einem Ton, als erkläre er dies einem der Dwergi. Soll er doch – als würden die ihm zuhören. Die Dwergi hatten ungefähr so viel Verstand wie eine Steckrübe. Im weitesten Sinne waren sie Zwerge, jedoch eine düstere, verdrehte, bösartige Version davon.
»Was soll ich damit tun? Die Tapete hinter mir begutachten?«, fragte Dorian sarkastisch und sah den Älteren mit hochgezogener Augenbraue an. Ruslan lächelte nur schief und beließ es dabei. Sein Bruder trieb ihn noch in den Wahnsinn.
Genervt schnaubend fuhr Dorian sich durch die Haare und wandte sich ab. Soll Ruslan doch machen, was er will. Macht er ja sowieso. Wann hatte ihm je jemand zugehört? Seine Mutter? Eher nicht. Seine Brüder? Sicher nicht. Sein Vater? Erst recht nicht.
Geschickt schlängelte er sich um arbeitende Untote und Dwergi herum und verschwand in dem Teil seiner neuen Behausung, der bereits stand: dem Ostflügel. Dort war es dunkel wie in einer Gruft, die vergessen hatte, dass sie einmal einen Eingang hatte. Auf dem Weg blieb seine sarkastische Stimmung irgendwo zwischen Staub und Steinen liegen wie ein vergessenes Buch, das im Regen lag. Das Gebäude wirkte, als würde es seit Jahren hier stehen und nicht erst seit wenigen Wochen.
Von zu Hause fort war er allerdings schon länger – deutlich länger als nur diese frischen Wochen. Er hatte von zu Hause die Nase gestrichen voll. Voll von Bauern, Jägern und seinen großen Brüdern. Er wollte endlich einen Ort für sich, einen Ort, der ihn nicht ständig verfolgte. Einen Ort, an dem er vielleicht etwas Frieden in diesem ewigen Karussell finden konnte.
Seufzend stützte er sich auf die kalte steinerne Fensterbank. Der raue Stein drückte sich in den dünnen Stoff seiner Ärmel. Dieser Raum würde nicht sein Gemach bleiben. Er war nur für den Übergang, bis alles stand. Sein Blick verlor sich in der dunklen Nacht. Es war Neumond, und doch schienen die Sterne hell über ihm. Seine goldenen Augen wanderten über die Konstellationen. Der Kopf der Schlange stand direkt über ihm.
Sterne waren immer da. Sie waren konstant. Von Häusern konnte man das nicht behaupten. Doch dieses Heim würde ihm lange ein Zuhause sein, wenn es erst einmal fertig war. Es war nicht riesig; für sich allein brauchte er keine zweihundert Zimmer. Wenn er seinem Bruder richtig zugehört hatte, würden es etwa sechzig sein – dazu eine Bibliothek und ein großer Saal. Als ob er hier einen Ball abhalten würde…
Vielleicht irgendwann. Und sei es nur, um die Langeweile zu vertreiben. Der Nachtwind strich durch sein silberblondes Haar und spielte mit einigen losen Strähnen.
Langeweile, Staub und tote Bäume – alles war besser als zurück. Nie wieder zurück. Er hatte keinen Grund mehr für diesen Weg und die Sterne erinnerten ihn daran. Sie war fort. Alles war fort. Und er würde sie nie wiedersehen.
Für einen nicht vorhandenen Herzschlag wirkte es, als wollte das Glas der geöffneten Fensterflügel brechen. Klauen ließen unbewusst kleine Splitter vom steinernen Fensterbrett regnen. Hinunter in die Dunkelheit, wo selbst der Schatten sie vergessen würde.
Er konnte nicht mehr zurück. Kalter Wind strich durch den leeren Flur in seinem Rücken, als wüsste selbst dieser Ort schon längst Bescheid. Zurück – wohin denn? Zu wem?
Wenigstens das hatte Ruslan verstanden. Oft war der Kerl so einfühlsam wie ein gefrorener Grabstein, doch diese eine Wahrheit war irgendwann in seinen Strohkopf gedrungen. Ein verbrannter Strohkopf, denn Ruslans Haar war schwarz wie Pech – so wie das ihres Vaters einst.
»Meister, Graf Ruslan wünscht Euch zu sprechen«, ertönte eine furchtbar kratzige Stimme hinter ihm, und Dorian wandte den Kopf.
Die Tür stand offen. Ein Dwergi stand darin – klein wie ein fünfjähriges Kind, krumm wie eine alte Frau und hässlich wie eine Vogelscheuche.
»Wenn er wieder anfängt, von Spiegeln oder Dekorationen zu fachsimpeln, stürze ich ihn in einen Brunnen voll geweihtem Wasser«, fauchte Dorian, und der Dwergi glotzte nur. Intelligent wie ein Zaunpfosten. Nicht vergessen. »Ist schon gut. Geh, melde ihm, ich werde ihn im Ballsaal treffen«, befahl er und winkte das kleine Wesen mit seiner blassen Hand davon.
Der Dwergi trollte sich. Dorian fuhr sich durchs Haar, seine schwarzen Nägel schabten über die Kopfhaut – spürte er nicht, hatte er nie gespürt.
Er schnitt dem Kopf der Schlange eine Fratze, dann drehte er sich um. Er sollte seinen Bruder nicht zu lange warten lassen, auch wenn Zeit in seiner Welt relativ war.
RUSLAN DRAGULIAN, der mittlere Sohn des Pfählers von Transsilvanien, stand mitten im großen Ballsaal. Die Arme verschränkt, der Blick streng, als sein jüngerer Bruder endlich – und sichtbar gelangweilt – hereinschlenderte. Für eine Sekunde lang könnte man meinen, er tippe mit den Fingern genervt auf den Stoff seines Arms. Doch wer genauer hinsah, der sah es nicht.
Dorian hatte es gewagt, sich viel Zeit zu lassen, der Aufforderung des Älteren nachzukommen. Ehrlicherweise hatte er sogar kurz darüber nachgedacht, gar nicht zu erscheinen. Ruslan wusste das. Sie waren Brüder. Viel zu lange, um einander nicht zu durchschauen.
»Du könntest wenigstens so tun, als würde dich der Bau deiner Zuflucht interessieren«, sagte Ruslan mit tadelndem Blick.
Dorian blieb stehen, neigte leicht den Kopf und grinste – ein dünnes, scharfes Grinsen. Dabei blitzten seine Eckzähne kurz im Sternenlicht auf, das durch die Fenster hereinfiel. »Ich habe es dir bereits gesagt, Bruder – es ist mir egal. Ich hätte auch weiterhin in einem Mausoleum dort auf dem Friedhof genächtigt.«
»Wirklich? In einer feuchten Gruft zwischen morschendem Holz und Würmern? Wie poetisch.«
Dorian zuckte mit den Schultern, während sein Blick über die kunstvollen Bleiglasfenster glitt, die Ruslan hatte anfertigen lassen: Rosen, Schädel, Knochen, das Familienwappen, Schlachtszenen. Er rümpfte die Nase.
»Habe Respekt vor deiner Familie, Dorian«, mahnte Ruslan.
Dorian schnaubte. »Vielleicht irgendwann, wenn sie ihn mir erweisen.«
Ruslans Kiefer spannte sich, doch er ließ sich – diesmal – nicht provozieren. Stattdessen hob er eine Hand und deutete auf eines der Fenster: eine dramatische Darstellung ihres Vaters, umringt von niedergemetzelten Feinden. »Unser Vater hat eine Dynastie aufgebaut. Er hat überlebt, selbst als die rechte Hand Gottes kam, um ihn zu richten. Alles fiel und er blieb stehen. Seinetwegen fürchtet man uns bis heute.«
Dorian schüttelte den Kopf, während er langsam durch den Saal ging. Erst langsam, dann mit einer geschmeidigen Leichtigkeit, die dem Raum nicht ganz zu entsprechen schien. Seine Schritte verloren sich an Stellen, an denen keine Schritte sein sollten und trafen den Stein doch mit fast akrobatischer Präzision. Er zog einen Kreis, seine Schritte waren lautlos auf dem teils glatten, teils rauen Steinen – die Art Kreis, für die ein Saal nicht gebaut wurde.
»Ach, Bruder. Die Menschen fürchten Gespenster in der Dunkelheit. Sie fürchten Schatten und Dinge, die unter ihren Betten lauern. Dass unser Vater einer von ihnen war, macht ihn nicht zu einer Legende. Nur zu einem weiteren Monster, das irgendwann unterging.«
Beim Sprechen ahmte er die stets zu hoch geadelte Art seines Vaters nach – übertrieben, spöttisch fast. Er mochte lange fort sein, doch die Erinnerungen waren frisch wie die Kerzen in den Lüstern an der Decke. Nur einen Schritt lang stockte Dorian, nicht, weil er sich vertreten hatte, sondern weil er kurz des Vaters Blick vor sich hatte – tadelnd, väterlich und golden, so wie er früher war.
Ruslan beobachtete ihn schweigend. Sein Bruder zog seine Kreise wie ein Raubtier, das einen unsichtbaren Feind umtänzelte, und fuhr mit der Hand die Form des Familienwappens nach. Kurz hatte man den Eindruck, er würde das Fenster einschlagen, tat es jedoch nicht. Doch die Versuchung war groß.
»Du bist verbittert«, sagte Ruslan schließlich.
»Und du bist blind.«
Für einen Moment schwieg der Schwarzhaarige. Dann nickte er langsam. »Vielleicht. Aber eines Tages wirst du erkennen, dass wir nur so lange gefürchtet werden, wie wir bestehen.«
Dorian hielt inne, sein Blick wanderte erneut zu den Fenstern. Wie immer blieb sein Spiegelbild aus. Warum auch hatte etwas in ihm geglaubt, es würde anders sein? Ein kaum merkliches Ziehen meldete sich tief in seiner Brust. Nicht Schmerz – etwas Älteres, Gewohnteres.
»Furcht ist eine Währung in der Dunkelheit«, murmelte er schließlich und ließ sich neben dem Bruder wieder zu Boden fallen.
Ruslan nickte und erwiderte mit einer Mischung aus Stolz und Resignation: »Und das Haus Dragulian ist reich.«
Dorian lachte leise und schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte sein Bruder recht. Vielleicht auch nicht. Doch im Moment war es ihm gleichgültig.
Ohne einen weiteren Blick auf den großen Bruder oder die bunten, bleiernen Fenster ging er davon. Ruslan ließ ihn ziehen, beobachtete, wie er mit der Nacht verschmolz. Ein mildes, fast trauriges Lächeln huschte über seine Lippen.
Niemand sah es.
Dorian schon gar nicht.
Wind pfiff um die Ecken der Häuser, doch kalt war es nicht – nicht für ihn. Ganz in Schwarz gehüllt, das silberblonde Haar leuchtend im Sternenlicht, schritt er durch die gepflasterten Straßen. Er war auf der Suche. Auf der Suche nach Ablenkung – und nach etwas, das er zerstören konnte. Einem Reh im Laternenlicht, einem Singvogel, dessen Kehle er zerfetzen könnte.
Aus einer Kneipe an der Ecke fiel Licht. Es mischte sich mit Sternenschein und der farbigen Laterne darüber. Der Geruch von schalem Bier, Tabakrauch und billigem Parfüm waberte durch die Dunkelheit. Das war die perfekte Kulisse für diese Nacht. Die Tür der Kneipe war einladend geöffnet, doch er blieb im Rahmen stehen.
Prüfend wanderte sein Blick über die anwesenden Gäste. Arbeiter, Bauern, die eine oder andere Dirne, das typische Publikum für diese Etablissements. Ruslan wäre angewidert, doch Ruslan war weit weg.
»Mein Herr, bitte kommt doch herein auf ein Getränk. Der Schnaps ist stark und wärmt gut heute Nacht!«, rief die Stimme des Barmannes von drinnen. Er musste Dorian in der Tür gesehen haben, im Gegenlicht der roten Laterne über derselben.
»Das Angebot nehme ich gern an, werter Herr«, erwiderte er und trat über die Schwelle. Seine Stimme war dunkel und er sah, wie die Damen im Raum glasige Augen bekamen. Das war seine Wirkung, das störte ihn wenig. Seine Stiefel hallten dumpf auf dem hölzernen Boden, als er zur Bar hinüberging und sich einen Schnaps bestellte. Bezahlen war kein Problem, Münzen hatte er stets genug.
Während er das Getränk an die Lippen führte, zwinkerte er den leichten Damen zu. Sie erröteten und kicherten. Eine von ihnen, eine hochgewachsene Schönheit mit braunem Haar und eng geschnürtem Mieder, löste sich aus der Gruppe und kam zu ihm herüber. Die enge Schnürung betonte ihre ansehnliche Oberweite. Sie roch nach Hyazinthen. Ihr Geruch hüllte ihn ein, als sie sich näherte und seine goldenen Augen glitten über ihre Figur, verweilten hier und da einen Augenblick zu lang.
Sie strich das gelbe Kleid glatt und blieb nur eine Armlänge entfernt stehen. Als sie lächelte, sah er, dass ihr ein Zahn vorn in der Ecke fehlte, doch das machte ihm wenig aus. Perfektion war selten und würde er danach suchen, würde er verdursten.
»Mein Herr, kann ich Euch für Gesellschaft in der heutigen Nacht begeistern?«, hauchte sie und lehnte sich ihm entgegen.
»Sprichst du von dir, schöne Frau?«, fragte Dorian zurück, die Stimme weich und warm wie Samt. Ihre Wangen erröteten und sie lächelte kokett.
»Für fünf Schilling gehöre ich ganz Euch«, antwortete sie dann. Natürlich – in Häusern wie diesem gibt es nichts umsonst. Sollte der Herr des Hauses ruhig sein Sümmchen bekommen. Dorian würde weit mehr nehmen, als fünf Schilling wert waren. Doch das wusste sie nicht, noch nicht.
»Dann führe mich in dein Gemach«, lächelte er nur und leerte sein Glas. Kaltes Glas auf kalter Haut erwärmte das Getränk darin nicht. Der Schnaps war schlecht gebrannt. Kein Feuer, nur Bisse in der Kehle. Scharf wie Galle. Und dann fünf Schilling für die Damen verlangen wollen. Na hoffentlich ist wenigstens die ihr Geld wert.
Sie lächelte, nahm seine kalte Hand und führte ihn durch den dunklen Gang zu den Separees – kleine, spärlich möblierte Räume mit kaum mehr als einem Bett. Ihr gehörte der Letzte auf der rechten Seite.
Perfekt.
»Wie heißt du, schöne Frau?«, fragte Dorian, während sie den Vorhang schloss und er seinen Mantel ablegte.
»Anna, mein Herr«, antwortete sie und trat näher. Sie kannte ihr Geschäft, verstand ihr Handwerk. Geschickt öffnete sie sein schwarzes Hemd und gab den Blick auf seine blasse, alabasterweiße Haut frei – das klassische Bild eines Edelmannes.
Annas wettergegerbte Haut war unperfekt, doch nicht unattraktiv. Ihre Vertrautheit war angenehm, ihr warmer Atem streifte seine kalte Haut – ein Kontrast, den er seit Jahrhunderten kannte und dennoch nie spürte.
Er zog sie an sich, küsste sie hart, abrupt, als wäre sie ein Werkzeug und kein Mensch. Ihre Knie gaben nach und ein ersticktes Stöhnen entwich ihr. Dorian lächelte. Kalt. Seine Zähne zeigte er dabei nicht, nie.
Er verschwendete keine Zeit damit, das Kleid zu öffnen – die Schnürung war mühsam, und Mühe brauchte er nicht. Ein Schieben, ein Stolpern, und sie lag auf dem Bett. Der Rock schob sich hoch, darunter nichts als nackte Haut.
Natürlich.
Flink löste er seinen Gürtel und ließ die Hose fallen. Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, worauf sie sich eingelassen hatte. Überraschung, Faszination, vielleicht Angst. Alles irrelevant.
»Sei ein braves Kind, Anna. Mach die Beine breit«, befahl er. Samtweich. Unwiderstehlich. Unnachgiebig.
Sie gehorchte.
Der Duft von Hyazinthen lag schwer in der Luft.
Dorian trat näher. Sein Griff war fest und mühelos – zu fest für einen Mann seiner eher drahtigen Statur. Ihre Haut pulsierte unter seinen Fingern, warm, lebendig und ahnungslos.
Er stieß in sie. Hart. Im Takt eines Raubtiers. Zärtlichkeit war hier fehl am Platz.
Sie stöhnte, klammerte sich an ihn, doch ihr Körper konnte die Wahrheit seiner Natur nicht begreifen.
Sein Kopf sank an ihren Hals. Der Puls dort – süß, dumm, menschlich, lebendig – schlug ihm entgegen.
Jeder Stoß trieb ihn näher an den Rand. Nicht wegen ihr. Wegen dem, was unter ihrer Haut schlug. Schneller, härter, stärker – lebendig.
»Du bist wunderbar, Anna«, flüsterte er ihr ins Ohr. Ein leerer Satz, ein Werkzeug, einstudiert wie ein Theaterstück – und dennoch schauderte sie. Nur noch ein wenig. Es fehlt nur noch eine Kleinigkeit.
Ohne Vorwarnung versenkte er seine langen Fänge in ihrem Hals. Kein Schrei – nur ein Zucken, ein Verstummen, ein Herz, das sich in Panik überschlug. Ihr Körper zuckte, das Herz raste, stolperte wie ein gestürzter Tänzer. Ihre Finger krallten sich verzweifelt in sein offenes Hemd – kein Zeichen von Leidenschaft, sondern purer Überlebensinstinkt. Doch Dorian kannte diesen Kampf – er endete schnell.
Das war die wahre Ekstase. Der einzig reale Höhepunkt dieser Begegnung.
Sie schrie und stöhnte gleichzeitig – und er kam, zuckend, trinkend, unberührt von alledem, was sie fühlte. Ihr Körper spielte keine Rolle mehr.
Er hörte nicht auf. Wollte mehr von ihrem roten Lebenssaft. Alles.
Es schmeckte, wie es roch, nach Hyazinthen. Anna stöhnte, klammerte sich an ihn, ihr Körper zitterte. Perfekt.
Ihr Atem wurde flacher, der Puls langsamer. Dorian trank weiter. Seine schwarzen, klauenartigen Nägel vergruben sich in ihrem Haar, hielten ihren Kopf fest – fest genug, dass sie nie hätte entkommen können.
Ein letzter Stoß, ein letzter Schluck – und er ließ sie fallen wie einen Sack Mehl.
Anna kippte rücklings auf das Bett. Die Augen weit, der Mund noch geöffnet, als würde der letzte Laut immer noch zwischen ihren Lippen hängen. Doch in ihr war kein Leben mehr und es würde keines zurückkehren. Ihre sonnengegerbte Haut war fahl geworden, doch nicht wie die seine. Ihren Hals zierte ein dunkler Fleck – der einzige Beweis seiner Tat.
Dorian wischte sich den Mund an ihrem Rock ab und kleidete sich wieder an. »Du warst perfekt, Anna«, sagte er lächelnd. Seine Fangzähne waren noch rot vom Blut. Ihrem Blut. Doch das Kompliment war leer. Niemand war je perfekt. Niemand würde es je wieder sein.
Als hätte er sich an Silber verbrannt, verzog er das Gesicht. Die Erinnerungen kamen zurück – immer wieder.
Seine Königin war perfekt.
Doch seine Königin war fort.
Er schnitt dem toten Raum eine Fratze, dann glitt er davon – durch die Hintertür, ungesehen.
Sie würden Anna finden. Früher oder später. Doch ihn? Nie.
Dorian verschwand in der Nacht, verschmolz mit den Schatten.
Er war ein Schatten. Ein Flüstern in der Dunkelheit.
Der Herr der Finsternis.
Nur Blut hielt ihn am Leben – ein Leben, das mit dem Tod begann. Und in jeder dunklen Nacht kehrten die Erinnerungen zurück. So auch jetzt, zwischen Backstein und Schatten.
Tote Kinder. Die Kinder der Seinen wurden tot geboren – ihre Körper kalt, kein Atemzug füllte je die Lungen mit Leben, kein Herz schlug in der Brust.
Sein Vater nannte es ein Geschenk. Eine Gnade der Dunkelheit. Zahnräder und grünes Licht, eine Maschine, die Leben versprach.
Hunderte Söhne und Töchter von drei Bräuten, geformt aus Schatten und Blut, erweckt vom grünen Glühen. Viele waren gefallen – getötet von Jägern, Kirchenfanatikern, Feinden des Übernatürlichen.
Und schließlich fiel auch er – der Vater.
Van Helsing brachte ihn zur Strecke. Allein den Namen zu denken ließ Dorian das Gesicht verziehen, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Der Jäger hatte sie ihm alle genommen. Seine Mutter. Vadim. Evelyn.
EVELYN.
Ihr Name war ein Pflock im Herzen.
Seine Königin war tot. Und der Jäger lebte. Evelyn war fort. Aber Dorian war noch hier. Und Dorian würde immer hier sein. Solange es Dunkelheit gab. Das war das wahre Geschenk der Finsternis …
Ewige Jagd.
Ewiger Hunger.
Ewige Schuld.
Und kein Vergessen.
BITTERSÜ E NACHTMUSIKẞ
Elektrische Lichter erschwerten das Jagen bei Nacht, doch unmöglich war es nicht.
Die Welt drehte sich schneller, seit die Menschen sich von Elektrizität und qualmenden Motoren abhängig gemacht hatten – schade eigentlich.
Er hatte die Ruhe der Nächte früherer Zeiten geschätzt.
Doch vermissen?
Nein.
Es gab nur eines, das er vermisste. Und der Teufel erinnerte ihn immer wieder daran …
Ihre Hände waren kühl und doch warm auf seiner Haut. Sanft strichen sie über seine Brust, über Adern, die niemals den Takt eines lebenden Herzens gefühlt hatten. Sie saß auf ihm, das offene rote Haar fiel wie ein Wasserfall aus Jasmin und Schatten. Ihre Hüften rollten über seiner und schickten Schauer durch seinen toten Körper – Schauer, die ihn lebendig fühlen ließen, mehr als alles andere in dieser Welt.
Sie beugte sich zu ihm hinab. Wurde nicht schneller, nicht langsamer. Sie hatten alle Zeit der Welt. Ihre Lippen, blassrot wie Mirabellen im Herbst, trafen seine – und sein Denken brach weg. Zedernholz und Jasmin umhüllten ihn. Seine schwarzen Nägel krallten sich in ihren Hintern, und sie stöhnte auf – ein Laut wie das Beben eines Engels.
Sie richtete sich wieder auf und warf den Kopf zurück. Die roten Wellen ergossen sich über ihren Rücken, während sie seinen Namen stöhnte: »Dorian!«
»Evelyn!« Seine Stimme war heiser, als er hochschreckte.
Dorian lag auf dem Bauch in seinem breiten Bett. Allein. Immer allein.
Etwas klebte an der Haut. Na wunderbar. Ejakulat in der Bettwäsche. Mal wieder. Fünfhundert Jahre – und immer noch dasselbe erbärmliche Resultat einer Erinnerung, die ihn nicht losließ.
»Sie kommt nicht wieder!«, fauchte er sich selbst an. Jetzt hätte er gern ein Spiegelbild, dem er eine Grimasse schneiden konnte. Nur ein einziges Mal.
Evelyn war wunderschön gewesen. Sie hatte dunkles, rotes Haar und strahlende Augen, blau wie der Nachthimmel. Das Bild verfolgte ihn in der Nacht und quer durch die Jahrhunderte. Jasmin und Zedernholz – der Duft waberte durch den Raum, durch einen, in dem sie niemals war. Wütend vergrub er den Kopf in den seidenen Kissen. Am liebsten hätte er sich erstickt. Doch wer keine Luft zum Leben brauchte, dem konnte man sie nicht nehmen.
Van Helsing hatte Evelyn getötet. Sie war in Dorians Armen gestorben – und das Bild würde ihn bis ans Ende der Ewigkeit verfolgen. Die roten Haare, durchdrungen von dunklem Blut. Die strahlenden Augen so leer, dass selbst die Sterne darüber verblassen mussten.
Ihr Körper zerfiel zu Asche, als die Sonne aufging. Dorian blieb zurück. Dorian war noch da.
»Verschwinde«, knurrte er und schleuderte ein Kissen quer durch das Gemach. Plötzlich war der Geruch fort, als hätte jemand eine Tür zugeschlagen. »Sie kommt nicht wieder!« Er wiederholte es wie ein Gebet, doch er betete niemals. Es gab keinen Gott in seiner Welt.
In all den Jahrhunderten hatte er Evelyn immer wieder gesehen – in fremden Gesichtern, in Schatten, in Spiegeln, die nicht reflektierten. Doch nie war es wirklich sie. Nie ganz.
Er hatte sie alle zerstört. Der Teufel hasste ihn. Er musste ihn hassen. Warum sonst dieses Schicksal?
Sie war seine Gefährtin. Seine Königin. Doch er war allein. Allein für alle Ewigkeit, gefangen in einem Schloss, das nach Samt und Seide roch, das Prunk und Herrschaft schrie – und Erinnerungen barg, die nach Jasmin schmeckten und nach Zedernholz rochen.
Seufzend drehte er sich auf den Rücken und starrte an die getäfelte Decke. Sie war fein geschnitzt, teures dunkles Holz. Wen interessiert das schon? Er schwang sich aus dem Bett und öffnete einen der schweren Samtvorhänge. Draußen hing Nebel zwischen den Bäumen und die Sonne tastete sich bereits über den Horizont. Hier war es immer neblig. Hier, im Wald hinter den Toten.
Er wandte sich ab und durchschritt das Gemach: Samt, Seide, kostbares Holz. Ein Raum, der eines Königs würdig sein sollte – und für ihn doch nur ein Gefängnis war.
Der Schrank in der Ecke war größer als der Schlossherr und mehr als doppelt so breit. Schlanke, blasse Finger schoben die Tür auf. Dahinter war er gefüllt mit dunklem Stoff. Brokat, Samt, Wolle und dergleichen. Einiges davon war hunderte von Jahren alt, anderes hatte er sich erst kürzlich gekauft.
Ruslan wünschte sich, dass sein Bruder unter Menschen nicht auffiel wie ein gefärbtes Lamm, doch Dorian machte sich nichts aus Jeansstoff und überdimensionierten Pullovern. Ruslan drängte ihn immer wieder, sich anzupassen. Jeans, Turnschuhe, das lächerliche Gewand der modernen Welt. Doch Dorian hielt nichts davon.
Er war kein Schatten in der Menge. Er war die Dunkelheit selbst.
Er bedeckte seinen nackten Körper mit schwarzem Stoff. Eine enge Hose aus Leder, ein langärmliges Oberteil aus dünnem Stoff, verziert mit Pentagrammen und einer großen Kapuze, sollte die Sonne sich doch noch entscheiden, durch die Wolken zu brechen.
Die Sonne tötete ihn nicht – aber sie störte ihn.
Sie war grell.
Warm, lebendig, viel zu ehrlich.
Sie hinderte ihn am Verwandeln und zeigte der Welt, wie unnatürlich seine Haut und Augen waren.
Schneeweiß und Bariumgold.
Kniehohe lederne Stiefel hallten dumpf, als er durch die steinernen Flure seiner Behausung schritt. Die Dwergi waren nicht zu sehen. Man sah sie nur, wenn man sie brauchte oder wusste, hinter welcher Wand man suchen musste. Unbehelligt durchschritt er die Vordertür und ging hinaus in die dämmrige Luft.
Der Wald war dicht, ein ewiges Zwielicht zwischen Stamm und Schatten.
Als das Schloss gebaut wurde, standen hier nur vereinzelte Bäume. Dekoration im Vorgarten, nicht mehr.
Jetzt umhüllte ihn ein Meer aus Dunkelheit. Im Wald war es still, Tiere flohen vor seinesgleichen. Und wenn nicht vor ihm, dann vor seinen Bediensteten.
Die dichten Bäume öffneten sich nach einer Weile zu einem schmiedeeisernen Tor, eingelassen in alten Stein. Alt wie sein Schloss, doch nicht von ihm erbaut. Es waren die Osttore des Friedhofs. Ein Ort, so alt und ewig wie Dorian selbst, jedoch bei weitem muffiger.
Er schnalzte mit der Zunge und schlenderte weiter, die Kiesel knirschten unter seinen Stiefeln.
Er kam oft hierher. Öfter, als er zählen konnte.
Bevor Ruslan ihm das Schloss gebaut hatte, hatte er im Mausoleum der Familie Andernach gehaust. Sie hatten das Schloss in der Stadt einst erbaut. Lange her, lang vergessen. Ihre ewige Ruhestätte war krumm, schief und tief in den Boden gebaut. Die Sonne erreichte die Särge der Familie nicht.
Seine einzige Gesellschaft dort waren Motten, Würmer und Ratten. Ratten schmeckten nicht, also kam er immer wieder hinaus.
Zu den Trauernden. Zu den Frischen. Zu jenen, die er nicht und doch kannte.
Die Grabsteine hier waren alt, manche unlesbar. Aber er kannte jeden einzelnen. Jeden Namen. Jede Geschichte.
Schade eigentlich, dass man heute nicht mehr darauf schreibt, woran jemand starb. Das war immer amüsant gewesen.
Einer der verwitterten Steine nannte eine Marian, die eine schlechte Köchin war. Drei Gräber daneben sprachen von Männern, die ihr Essen gekostet hatten. Marian konnte viel, doch ihr Essen war etwa so genießbar wie Stiefelfett und so gesund wie Arsen. Er erinnerte sich noch an ihre filzigen blonden Haare und das grelle Lachen, das stets mit ihr durch die Küchen waberte.
Ein anderer Stein erinnerte an Norbert. Norbert, dessen Axt sein Verhängnis war. Eine nette Formulierung dafür, dass er nicht wusste, wie man das Werkzeug zu halten hatte, wenn man auf einen Baum einschlug. Statt Holz spaltete Norbert seinen Schädel. Er lachte leise, als er sich an jenen Tag erinnerte.
Neuere Steine verrieten nur noch Namen und Daten. Doch Dorian wusste es trotzdem: Frank starb an einem Knochenleiden. Emilia war vor den Zug gesprungen.
Seine Hand glitt über den kalten Stein. Die Sonne brauchte lange, um ihn zu wärmen. Er schlenderte weiter. Las Inschriften. Erinnerte sich an Gesichter und Geschichten – die meisten davon längst vergessen.
Die Stadt vibrierte unter den Motoren ihrer pferdelosen Kutschen. Automobile in allen Farben und Größen rasten an ihm vorbei, stanken nach Benzin und Lärm. Menschen schienen Geschwindigkeit zu mögen – vielleicht, weil ihre Leben so kurz waren.
Dorian bewegte sich sicher durch die belebten Straßen. Hin und wieder trafen ihn Blicke. Er war ein Schatten, der selbst im Tageslicht auffiel. Sein silberblondes Haar fing den Schein der Sonne ein, während seine goldenen Augen leise glühten. Ein inneres Feuer, geboren aus ewiger Dunkelheit. Ein Feuer, das weder Wasser noch Pfeil noch Kugel jemals löschen würden.
Vor ihm erhob sich die Universität.
Ein barockes Monument aus Stein, reich verziert mit Schnörkeln, hohen Fenstern und angedeuteten Türmen. Ein Gebäude, das aus einer Zeit stammte, in der man noch wusste, wie man Schönheit baute. Früher hatte eine Guillotine auf dem Vorplatz gestanden. Heute verstaubte sie im Stadtmuseum, verrostet wie die Erinnerung an den Schlossherrn, der unter ihrer Klinge starb. Jetzt lernte man dort. Keiner tanzte mehr in diesen Hallen.
Dorian hatte die Schwelle dieses Gebäudes oft überschritten. Einst zu Bällen mit hohen Frisuren und Kleidern, die ganze Räume füllten. Heute, um sich die Zeit zu vertreiben – mit dem einen oder anderen Studium. Es war besser, als nichts zu tun. Besser, als zu denken.
Öffentliche Gebäude hatten keine Einlassbeschränkungen. Er betrat sie wie immer unbehelligt.
Im Inneren war der Pomp ebenso verschwenderisch wie außen. Symmetrie überall – Türen, Flure, Treppen. Studenten der ersten Semester verliefen sich regelmäßig in diesem Labyrinth. Dorian jedoch kannte jeden Weg. Kannte jede Wand. Jede Ecke, die einen Schatten werfen konnte.
Die neuen Vorlesungen begannen in einer Woche. Er hatte sich noch nie früher eingeschrieben. Es fand sich immer etwas – und wenn nicht, dann fand er etwas, womit sich die Zeit totschlagen ließ. Ein Instrument. Eine Reise. Ein paar Monate in adeligen Kreisen. Doch dafür hatte er jetzt keine Geduld. Schon gar nicht für Aristokraten mit ihren hoch erhobenen Nasen.
Die Dame im Sekretariat war mittleren Alters. Graue Strähnen durchzogen ihr schwarzes Haar wie Silberfäden, und hinter der Brille wirkten ihre Augen groß und eulenhaft.
Sie arbeitete schon lange hier. Er hatte sie über die Jahre mehrfach gesehen. Sie erinnerte sich nie an ihn.
Auf dem kleinen Metallschild vor ihr stand Elisabeth Winter, Sekretariat. Er brauchte es nicht zu lesen. Er wusste es.
»Hallo, junger Mann, wie kann ich dir helfen?«, fragte sie freundlich.
Dorian lächelte dünn. Junger Mann. Sie könnte kaum weiter daneben liegen.
»Grüße, werte Dame. Ich möchte mich gern für einige Kurse einschreiben«, sagte er und neigte höflich den Kopf.
»Nun, dann schauen wir doch mal, was wir für dich noch haben.« Sie tippte auf ihrem Gerät, die Tasten klapperten wie Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster. »Naturwissenschaften und Kunst sind leider voll«, erklärte sie. »Aber wir hätten noch Plätze in Geschichte, Philosophie oder Literatur. Was meinst du?«
Dorian überlegte. Die langen schwarzen Nägel, geformt wie Dolche, trommelten sachte gegen den hölzernen Tresen. Leise, schaurig und er sah aus dem Augenwinkel, wie die Sekretärin eine Gänsehaut bekam. Sein Mundwinkel verzog sich zu einem spöttischen Grinsen, während er im Geist das Für und Wider der verfügbaren Optionen abwägte.
Literatur hatte ihn zuletzt fast seine Tarnung gekostet und wenn der Professor, der Edgar einen Schmierfink nannte, noch praktizierte, so würde er dieses Mal nicht zögern, ihn vor versammelter Mannschaft zu zerfetzen. Er erinnerte sich deutlich an den rasenden Herzschlag und die geweiteten Augen des Professors, als Dorian ihm seine Zähne gezeigt hatte. Haarscharf.
Nein, um den müsste er sich vorher kümmern. Vielleicht machte er das die Tage, dann könnte man demnächst mal wieder Literatur studieren, aber nicht jetzt.
Geschichte hatte er erst studiert, in zwanzig Jahren konnte so viel Spannendes nicht passiert sein. Auch wenn die Menschen sich schnell bewegten, schrieben sie nicht schnell Geschichte.
Blieb Philosophie.
Das Studium der Dichter und Denker. Älter als Königreiche. Älter als manche Religionen.
Es war einige Zeit her, dass er sich diesen Studien widmete. Eigentlich nicht mehr, seit er sich seinerzeit mit François-Marie gestritten hatte. Der junge Mann wollte das Fechten lernen, nur um eine Beleidigung seines Namens zu rächen. Er hatte sich damals einen neuen Namen zugelegt – VOLTAIRE.
Alles, was du sagst, ist wahr, doch nicht alles, was wahr ist, solltest du sagen.
Meinst du?
Er würde gerne wissen, was man heute von ihm hielt.
»Ich würde mich gern für Philosophie einschreiben, gute Frau«, entschied er.
Sie nickte und wieder tippte sie klappernd auf diesem Gerät herum, ein nervtötendes Geräusch, doch er hielt es aus. War ja nur vorübergehend.
Kurz darauf ertönte ein kratzendes, quietschendes Ratschen und sie hielt ihm einige Blatt Papier entgegen.
»Hier, bitte sehr. Das sind dein Stundenplan, ein Raumplan und einige Informationen über die zu schreibenden Prüfungen. Deine erste Vorlesung ist nächsten Montagnachmittag um drei«, lächelte sie.
»Habt Dank«, neigte er den Kopf erneut, dann verließ er den Raum ohne einen Blick zurück.
Draußen im Schatten des Gebäudes überflog er die Zettel.
»He, Grufti! Mach Platz!«, rief eine jugendliche Stimme.
Dorian hob nur eine Augenbraue.
Eine Gruppe Halbstarker auf Brettern mit Rollen raste an ihm vorbei. Viel zu dicht. Er spürte den Luftzug auf seiner Haut.
Sie lachten, gackerten und schnitten unflätige Grimassen. Einer der Jungen mit umgedrehter Schirmmütze streckte ihm im Vorbeifahren die Zunge heraus.
»Grufti?«, wiederholte Dorian leise.
Die Jungen hörten ihn nicht mehr.
Wenn die wüssten…
Er schnaubte und ging weiter.
Die Nacht vergaß nie.
Die Sonne war längst hinter den hohen Gebäuden versunken, ein leichter Herbstwind wehte durch die Gassen und über den großen Platz. Das orangefarbene Licht der elektrischen Laternen flackerte auf Metall und Glas und brach sich an den polierten Oberflächen der abgestellten Automobile. Ein Parkplatz – der moderne Hof einer Universität. Irgendwo mussten die Studenten ihre qualmenden Gefährte nun einmal zurücklassen. Früher tanzte man hier mit Blumen und bunten Bändern und gelegentlich stand die eine oder andere Kutsche vor den Toren.
Dorians Schritte hallten über den feuchten Asphalt. Der Regen des Nachmittags lag noch in der Luft, doch der Himmel war wieder klar.
Er war in der Bibliothek gewesen. Nur um festzustellen, dass seine eigene zu Hause seit Jahrhunderten besser sortiert war. Seine aktuelle Aufgabe: eine Hausarbeit über Aristoteles.
ARISTOTELES.
Dorian hatte den Philosophen nie persönlich getroffen, doch er hatte einige Zeit an dessen Lykeion verbracht – eine stille Oase aus Wildkräutern und Granatapfelbäumen. Heute waren davon nur noch Ruinen geblieben. Und Erinnerungen.
Die Geräusche der Stadt vermischten sich mit dem Wind. Trotz ihrer Größe hatte Andernhain eine seltsame Ruhe. Früher war dieser Ort kaum mehr als ein Hof gewesen; dann kam das Barockschloss, später die Elektrizität – und schließlich die Rastlosigkeit der Moderne.
Plötzlich hallte Gelächter über den Platz. Die Halbstarken auf ihren Brettern mit Rollen waren wieder da.
Auch sie waren Studenten. Nur in einem anderen Fach.
Philosophie? Die denken nicht weiter, als ihr Brett rollt. Dorian schnaubte.
Sie rasten über den Asphalt, lachten, stießen sich gegenseitig an. Zigarettenrauch. Billiger Alkohol in ihren Poren. Für ihn ungenießbar.
Er wandte sich schon ab, als er sah, wie sie eine junge Frau streiften. Sie stolperte, fiel, und ihr Notizbuch rutschte über den Boden – direkt vor seine Füße.
Dorian hob eine Augenbraue und bückte sich.
Das Buch war aus Leder, schlicht gebunden, mit Lederbändern zusammengehalten. Es roch nach … Jasmin.
Seine Finger krallten sich unbewusst in das Leder.
Als er es aufschlug, knirschte das Papier. Eine Kohlezeichnung füllte die Seite, auf der es landete: eine Trauerweide, und darunter zwei Gestalten auf einer Decke.
Ein Schauer durchzuckte ihn. Ungewollt. Tief. Alt.
Evelyns Duft.
Evelyns Baum.
Evelyns Hände.
Nein.
Er schlug das Buch klatschend zu, viel zu schnell. Viel zu hart. Von wegen Trauerweide. Von wegen Jasmin.
Humbug. Er zwang den Gedanken durch jede Faser wie ein Gebot, das in Stein gemeißelt wurde.
Die junge Frau saß noch immer am Boden. Rein äußerlich schien sie ungefähr in seinem Alter zu sein – Mitte zwanzig vielleicht. Ihr Haar schimmerte im farbigen Licht der Laternen in einem tiefen, dunklen Rot. Eine schöne Farbe – wie frisches Blut.
Sie rieb sich mit einem leisen Zischen die Handflächen. Der Sturz hatte sie aufgerissen, rot und wund.
Dorian näherte sich langsam. Er wollte sie nicht erschrecken.
»Bitte verzeih … gehört dies vielleicht dir?«, fragte er, als er nur noch zwei Schritte entfernt war, und hielt ihr das Notizbuch hin.
Sie fuhr herum. Sie hatte ihn nicht bemerkt.
Ihre Augen trafen seine – blau, nachthimmelblau, schimmernd wie Sterne im Herbstlicht.
Dorian biss sich in die Unterlippe, hart genug, dass der Fangzahn die Haut durchbrach. Der Schmerz riss seinen Blick los und zwang ihn wieder in die Gegenwart.
Er sah auf ihre Lippen. Sie hatten die Farbe von reifen Mirabellen. Und sie begannen zu lächeln.
»Oh, ja… danke.« Sie blickte zu ihm hoch.
Ganz der Gentleman bot er ihr die Hand und half ihr auf. Ihre Haut war warm und weich wie Seide. Er spürte sie, als wäre sie das Erste, was er seit Jahrhunderten wirklich berührt hätte.
Er reichte ihr das Buch.
»Was war so dreist, dich zu Fall zu bringen?«, fragte er höflich, obwohl er die Halbstarken gesehen – und gerochen – hatte.
»Ach, nur ein paar Spinner, die nicht wissen, wie man Skateboard fährt. Halb so wild. Danke für die Hilfe …« Sie hielt inne und betrachtete ihn fragend. Fragend – und doch irgendwie wissend.
Was konnte sie schon wissen? Sie kannte ihn nicht. Niemand kannte ihn.
»Dorian, zu Diensten.« Er verneigte sich leicht und küsste ihre Hand.
Zedernholz. Ein weiterer Schauer durchzuckte ihn vom Handgelenk bis in die Brust. Sie bemerkte nichts.
»Dann … danke, Dorian.« Sie lächelte und strich sich eine Strähne ihres roten Haares hinters Ohr.
Wieder dieser Duft. Jasmin. Warm und vertraut wie eine Erinnerung, die man nicht denken durfte. Etwas in seinem Inneren spannte sich. Sein Körper schauderte, unmerklich – für sie.
Schluss. Genug.
»Jederzeit«, erwiderte er mit tiefer Stimme und lächelte sanft. Er zeigte die Zähne nicht. Zeigte sie nie, wenn er es nicht wollte.
»Nun… Ich muss dann. Wir sehen uns sicher wieder.« Sie deutete hinter sich – vermutlich zu ihrem Automobil.
Dorian neigte höflich den Kopf. »Wir sehen uns wieder«, bestätigte er und wandte sich ab.
»Evelyn.«
Er erstarrte.
Der Name traf ihn wie ein Stich. Wie ein Pflock.
Er drehte sich um. Sie stand da, lächelnd, unschuldig. Keine Ahnung von dem Donner, den ihre Worte in ihm ausgelöst hatten.
»Das ist mein Name«, sagte sie sanft. »Evelyn. Du hast mir ja auch deinen gesagt.«
Ein steifes Nicken war alles, was er zustande brachte.
Sie wandte sich um und ging. Der Wind spielte mit ihren Haaren – rot wie Blut – und trug ihren Geruch zu ihm herüber. Jasmin. Zedernholz. Nachthimmelblau.
Das kann nicht sein.
Ein Zittern ging durch seinen Körper. Er schüttelte sich, als versuchte er, etwas abzustreifen, das sich in sein Fleisch krallte wie die Klauen eines Nachtalbs.
Er ging davon. Krampfhaft. Rasch. Fort von Laternen. Fort von Menschen. Fort von Leben.
Er fühlte sich wie damals. Schlimmer noch. Damals, als er in die Maschine des Doktors gestürzt war – dieses grüne Flackern, das ihn als Jüngling fasziniert hatte. Es war keine Elektrizität gewesen. Es war Naturgewalt. Blitz. Leben. Etwas anderes.
Vater war wütend gewesen, weil er sich die Haare versengt und die Augen verfärbt hatte. Aus Schwarz wurde Silberblond. Seit jenem Tag glühten seine goldenen Augen.
Nicht aus Erfahrung wie bei Ruslan. Nicht aus Wissen.
Dorian wusste genau, warum sie glühten.
Er sah seine Spiegelung in den Fenstern der Automobile, verschwommen im dunklen Glas. Das schwache Gold in seinen Augen zuckte – mit einem grünlichen Schimmer wie giftiger Smaragd.
Eine Macht, dunkler als das, was der Teufel erschaffen konnte. So hatte seine Mutter es genannt.
Er hatte es nie verstanden. Was sollte dunkler sein als das, was der Teufel anstellt?
Der Teufel, der ihn hasste.
Der Teufel, der ihn nie in Frieden ließ.
Der Teufel, der ihm alles nahm.
Nur eine hatte ihn nie deshalb anders gesehen. Nur eine hatte ihn berührt, ohne Angst.
SEINE KÖNIGIN.
EVELYN.
Und nun war eine Evelyn über den Parkplatz gegangen. Mit Jasmin im Haar. Mit Zedernholz auf der Haut. Mit nachthimmelblauen Augen.
Sie war es nicht. Niemand würde es je wieder sein. Doch sein Herz glaubte es für einen unsinnigen Atemzug. Und das war schlimmer als alles andere.
