Spiegel der Zeit - Silke Bonner - E-Book

Spiegel der Zeit E-Book

Silke Bonner

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Beschreibung

Dorian ist ein Monster. Und Monster lieben nicht. Er tötet, wenn er küsst. Er verführt, wenn er jagt. Und er kennt keine Liebe – bis sie vor ihm steht. Seine Königin der Nacht. Einst war sie seine Schwäche. Heute ist sie seine größte Gefahr. Verdorben, verlockend, verdammt. In ihr glüht alles, was Dorian längst verloren glaubte – und was ihn endgültig verschlingen könnte. Selbst der Teufel hasst ihn abgrundtief. Ein Herz ist fehl am Platz in dieser Geschichte. Doch wenn es in sechshundertsechsundsechzig eisige, schwarze Scherben zerbricht, wird die Welt brennen.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Silke Bonner

Spiegel der Zeit

Liebe ist unendlich

Dark Urban Romantasy

SPIEGELSCHERBEN · BAND I

Dies ist der erste Band der Spiegelscherben-Reihe. Jeder Band öffnet ein neues Kapitel voller Geheimnisse, Dunkelheit und Liebe – doch jede Geschichte steht für sich.

Texte: © 2026 Copyright by Silke Bonner Gestaltung: © 2026 Copyright by SilverBlackInk

Verlag:

Silke Bonner

Oberdreisbach-Höhe 38

53804 Much

[email protected]

Herstellung:   epubli   –   ein   Service   der   neopubli  GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: 

[email protected]

Für die Liebe, die nie rein war.

Nie einfach. Nie harmlos.

Aber echt.

Tainted, yes – but still love.

Lesehinweis

Spiegel der Zeit ist eine Reise durch Dunkelheit und innere Abgründe.

Die   Geschichte   berührt   Themen   wie   Gewalt,Tod,   Blut,   psychisches   Leid,   emotionale  Abhängigkeiten, Begehren und Verlust.

Wenn du sensibel auf solche Inhalte reagierst, lies bitte mit Bedacht.

Denn zerbrochene Spiegel zeigen keine Illusionen. Nur noch die Wahrheit.

Alles, was du sagst, ist wahr, doch nicht alles, was wahr ist, solltest du sagen.

– Voltaire –

Meinst du?

– Dorian –

Inhaltsverzeichnis

Spiegel und Schatten

Rote Laterne

Bittersüße Nachtmusik

Nachthimmelblau

Stille unter Trauerweiden

Nimmermehr

Feria Septima

Zwischen den Schatten

Jäger und Gejagte

Schwarze Sonne

Flüchtige Träume

Wie durch fremde Augen

Furcht

Ketzerfluch

Feuer in den Wolken

Und dennoch lebt es nicht

Das Erwachen des Drachen

Zwischen den Nebeln

Aus der Asche

Die Wahrheit

Die Wahl der Königin

Heimkehr

Zu viel zu nah

Ewig die Deine

Die Königin in Schwarz und Grün

Flammen und Verlangen

Ruslan

Bariumflammen

Staub der Erinnerung

Das Laboratorium

Der Kopf der Schlange

Sanguis Viridis

Tenebris in aeternum

Der Vampyr

Tickende Ruinen

SPIEGEL UND SCHATTEN

»Wofür  bei  allen  Namen  des  Teufels  brauche  ich einen Spiegel, Ruslan?« Seine Stimme war kalt und  genervt,   und   er   kniff   sich   in   die   Nasenwurzel. »Spiegel   gehören   zur   Grundausstattung   eines  Palastes.   Zum   guten   Ton,   wenn   du   so   willst«,  erwiderte   der   Angesprochene   in   einem   Ton,   als  erkläre er dies einem der Dwergi. Soll er doch – als würden die ihm zuhören.  Die   Dwergi   hatten  ungefähr so viel Verstand wie eine Steckrübe. Im  weitesten   Sinne   waren   sie   Zwerge,   jedoch   eine  düstere, verdrehte, bösartige Version davon.

»Was soll ich damit tun? Die Tapete hinter mir  begutachten?«,  fragte  Dorian  sarkastisch  und  sah  den   Älteren   mit   hochgezogener   Augenbraue   an.  Ruslan lächelte nur schief und beließ es dabei. Sein  Bruder trieb ihn noch in den Wahnsinn.

Genervt schnaubend fuhr Dorian sich durch die  Haare   und   wandte   sich   ab.  Soll Ruslan doch machen, was er will. Macht er ja sowieso.  Wann  hatte ihm je jemand zugehört? Seine Mutter? Eher  nicht. Seine Brüder? Sicher nicht. Sein Vater? Erst  recht nicht.

Geschickt   schlängelte   er   sich   um   arbeitende  Untote und Dwergi herum und verschwand in dem  Teil   seiner   neuen   Behausung,   der   bereits   stand:  dem   Ostflügel.   Dort   war   es   dunkel   wie   in   einer  Gruft,   die   vergessen   hatte,   dass   sie   einmal   einen  Eingang   hatte.   Auf   dem   Weg   blieb   seine  sarkastische   Stimmung   irgendwo   zwischen   Staub  und Steinen liegen wie ein vergessenes Buch, das  im Regen lag. Das Gebäude wirkte, als würde es seit  Jahren   hier   stehen   und   nicht   erst   seit   wenigen  Wochen. 

Von zu Hause fort war er allerdings schon länger  – deutlich länger als nur diese frischen Wochen. Er  hatte von zu Hause die Nase gestrichen voll. Voll  von Bauern, Jägern und seinen großen Brüdern. Er  wollte endlich einen Ort für sich, einen Ort, der ihn  nicht   ständig   verfolgte.   Einen   Ort,   an   dem   er  vielleicht etwas Frieden in diesem ewigen Karussell  finden konnte.

Seufzend stützte er sich auf die kalte steinerne  Fensterbank.   Der   raue   Stein   drückte   sich   in   den  dünnen   Stoff   seiner   Ärmel.   Dieser   Raum   würde  nicht   sein   Gemach   bleiben.   Er   war   nur   für   den  Übergang, bis alles stand. Sein Blick verlor sich in  der   dunklen   Nacht.   Es   war   Neumond,   und   doch  schienen die Sterne hell über ihm. Seine goldenen  Augen   wanderten   über   die   Konstellationen.   Der  Kopf der Schlange stand direkt über ihm.

Sterne waren immer da. Sie waren konstant. Von  Häusern   konnte   man   das   nicht   behaupten.   Doch  dieses   Heim   würde   ihm   lange   ein   Zuhause   sein,  wenn es erst einmal fertig war. Es war nicht riesig;  für   sich   allein   brauchte   er   keine   zweihundert  Zimmer. Wenn er seinem Bruder richtig zugehört  hatte,   würden   es   etwa   sechzig   sein   –   dazu   eine  Bibliothek und ein großer Saal. Als ob er hier einen  Ball abhalten würde…

Vielleicht irgendwann. Und sei es nur, um die Langeweile zu vertreiben.  Der   Nachtwind   strich  durch   sein   silberblondes   Haar   und   spielte   mit  einigen losen Strähnen.

Langeweile, Staub und tote Bäume – alles war  besser   als   zurück.   Nie   wieder   zurück.   Er   hatte  keinen Grund mehr für diesen Weg und die Sterne  erinnerten ihn daran. Sie war fort. Alles war fort.  Und er würde sie nie wiedersehen.

Für einen nicht vorhandenen Herzschlag wirkte  es, als wollte das Glas der geöffneten Fensterflügel  brechen.   Klauen   ließen   unbewusst   kleine   Splitter  vom   steinernen   Fensterbrett   regnen.   Hinunter   in  die Dunkelheit, wo selbst der Schatten sie vergessen  würde.

Er konnte nicht mehr zurück. Kalter Wind strich  durch den leeren Flur in seinem Rücken, als wüsste  selbst dieser Ort schon längst Bescheid.  Zurück – wohin denn? Zu wem?

Wenigstens   das   hatte   Ruslan   verstanden.   Oft  war   der   Kerl   so   einfühlsam   wie   ein   gefrorener  Grabstein,   doch   diese   eine   Wahrheit   war  irgendwann   in   seinen   Strohkopf   gedrungen.   Ein  verbrannter   Strohkopf,   denn   Ruslans   Haar   war  schwarz wie Pech – so wie das ihres Vaters einst.

»Meister,   Graf   Ruslan   wünscht   Euch   zu  sprechen«, ertönte eine furchtbar kratzige Stimme  hinter ihm, und Dorian wandte den Kopf.

Die Tür stand offen. Ein Dwergi stand darin –  klein   wie   ein   fünfjähriges   Kind,   krumm   wie   eine  alte Frau und hässlich wie eine Vogelscheuche.

»Wenn   er   wieder   anfängt,   von   Spiegeln   oder  Dekorationen   zu   fachsimpeln,   stürze   ich   ihn   in  einen   Brunnen   voll   geweihtem   Wasser«,   fauchte  Dorian, und der Dwergi glotzte nur. Intelligent wie ein Zaunpfosten. Nicht vergessen.  »Ist schon gut.  Geh, melde ihm, ich werde ihn im Ballsaal treffen«,  befahl er und winkte das kleine Wesen mit seiner  blassen Hand davon.

Der Dwergi trollte sich. Dorian fuhr sich durchs  Haar,   seine   schwarzen   Nägel   schabten   über   die  Kopfhaut – spürte er nicht, hatte er nie gespürt.

Er schnitt dem Kopf der Schlange eine Fratze,  dann   drehte   er   sich   um.   Er   sollte   seinen   Bruder  nicht   zu   lange   warten   lassen,   auch   wenn   Zeit   in  seiner Welt relativ war.

RUSLAN  DRAGULIAN,  der   mittlere   Sohn   des  Pfählers   von   Transsilvanien,   stand   mitten   im  großen   Ballsaal.   Die   Arme   verschränkt,   der   Blick  streng,   als   sein   jüngerer   Bruder   endlich   –   und  sichtbar gelangweilt – hereinschlenderte. Für eine  Sekunde lang könnte man meinen, er tippe mit den  Fingern   genervt   auf  den   Stoff   seines   Arms.   Doch  wer genauer hinsah, der sah es nicht.

Dorian hatte es gewagt, sich viel Zeit zu lassen,  der   Aufforderung   des   Älteren   nachzukommen.  Ehrlicherweise   hatte   er   sogar   kurz   darüber  nachgedacht,   gar   nicht   zu   erscheinen.   Ruslan  wusste   das.   Sie   waren   Brüder.   Viel   zu   lange,   um  einander nicht zu durchschauen.

»Du könntest wenigstens so tun, als würde dich  der   Bau   deiner   Zuflucht   interessieren«,   sagte  Ruslan mit tadelndem Blick.

Dorian blieb stehen, neigte leicht den Kopf und  grinste   –   ein   dünnes,   scharfes   Grinsen.   Dabei  blitzten   seine   Eckzähne   kurz   im   Sternenlicht   auf,  das durch die Fenster hereinfiel. »Ich habe es dir  bereits gesagt, Bruder – es ist mir egal. Ich hätte  auch weiterhin in einem Mausoleum dort auf dem  Friedhof genächtigt.«

»Wirklich?   In   einer   feuchten   Gruft   zwischen  morschendem Holz und Würmern? Wie poetisch.«

Dorian zuckte mit den Schultern, während sein  Blick über die kunstvollen Bleiglasfenster glitt, die  Ruslan   hatte   anfertigen   lassen:   Rosen,   Schädel,  Knochen, das Familienwappen, Schlachtszenen. Er  rümpfte die Nase.

»Habe   Respekt   vor   deiner   Familie,   Dorian«,  mahnte Ruslan.

Dorian schnaubte. »Vielleicht irgendwann, wenn  sie ihn mir erweisen.«

Ruslans Kiefer spannte sich, doch er ließ sich –  diesmal   –   nicht   provozieren.   Stattdessen   hob   er  eine Hand und deutete auf eines der Fenster: eine  dramatische Darstellung ihres Vaters, umringt von  niedergemetzelten Feinden. »Unser Vater hat eine  Dynastie aufgebaut. Er hat überlebt, selbst als die  rechte Hand Gottes kam, um ihn zu richten. Alles  fiel und er blieb stehen. Seinetwegen fürchtet man  uns bis heute.«

Dorian schüttelte den Kopf, während er langsam  durch den Saal ging. Erst langsam, dann mit einer  geschmeidigen   Leichtigkeit,   die   dem   Raum   nicht  ganz zu entsprechen schien. Seine Schritte verloren  sich an Stellen, an denen keine Schritte sein sollten  und  trafen   den   Stein   doch   mit   fast   akrobatischer  Präzision. Er zog einen Kreis, seine Schritte waren  lautlos auf dem teils glatten, teils rauen Steinen –  die Art Kreis, für die ein Saal nicht gebaut wurde. 

»Ach,   Bruder.   Die   Menschen   fürchten  Gespenster in der Dunkelheit. Sie fürchten Schatten  und   Dinge,   die   unter   ihren   Betten   lauern.   Dass  unser Vater einer von ihnen war, macht ihn nicht zu  einer Legende. Nur zu einem weiteren Monster, das  irgendwann unterging.«

Beim   Sprechen   ahmte   er   die   stets   zu   hoch  geadelte   Art   seines   Vaters   nach   –   übertrieben,  spöttisch fast. Er mochte lange fort sein, doch die  Erinnerungen waren frisch wie die Kerzen in den  Lüstern   an   der   Decke.   Nur   einen   Schritt   lang  stockte Dorian, nicht, weil er sich vertreten hatte,  sondern weil er kurz des Vaters Blick vor sich hatte  – tadelnd, väterlich und golden, so wie er früher  war.

Ruslan beobachtete ihn schweigend. Sein Bruder  zog   seine   Kreise   wie   ein   Raubtier,   das   einen  unsichtbaren Feind umtänzelte,  und fuhr mit der  Hand  die   Form   des   Familienwappens   nach.   Kurz  hatte   man   den   Eindruck,   er   würde   das   Fenster  einschlagen,   tat   es   jedoch   nicht.   Doch   die  Versuchung war groß.

»Du bist verbittert«, sagte Ruslan schließlich.

»Und du bist blind.«

Für einen Moment schwieg der Schwarzhaarige.  Dann   nickte   er   langsam.   »Vielleicht.   Aber   eines  Tages   wirst   du   erkennen,   dass   wir   nur   so   lange  gefürchtet werden, wie wir bestehen.«

Dorian hielt inne, sein Blick wanderte erneut zu  den Fenstern. Wie immer blieb sein Spiegelbild aus.  Warum auch hatte etwas in ihm geglaubt, es würde  anders sein? Ein kaum merkliches Ziehen meldete  sich   tief   in   seiner   Brust.   Nicht   Schmerz   –   etwas  Älteres, Gewohnteres.

»Furcht   ist   eine   Währung   in   der   Dunkelheit«,  murmelte  er  schließlich   und  ließ  sich  neben  dem  Bruder wieder zu Boden fallen.

Ruslan nickte und erwiderte mit einer Mischung  aus   Stolz   und   Resignation:   »Und   das   Haus  Dragulian ist reich.«

Dorian   lachte   leise   und   schüttelte   den   Kopf.  Vielleicht hatte sein Bruder recht.  Vielleicht auch  nicht. Doch im Moment war es ihm gleichgültig.

Ohne   einen   weiteren   Blick   auf   den   großen  Bruder oder die bunten, bleiernen Fenster ging er  davon. Ruslan ließ ihn ziehen, beobachtete, wie er  mit der Nacht verschmolz. Ein mildes, fast trauriges  Lächeln huschte über seine Lippen.

Niemand sah es.

Dorian schon gar nicht.

ROTE LATERNE

Wind pfiff um die Ecken der Häuser, doch kalt war  es nicht – nicht für ihn. Ganz in Schwarz gehüllt,  das   silberblonde   Haar   leuchtend   im   Sternenlicht,  schritt er durch die gepflasterten Straßen. Er war  auf   der   Suche.   Auf   der   Suche   nach   Ablenkung   –  und   nach   etwas,   das   er   zerstören   konnte.   Einem  Reh   im   Laternenlicht,   einem   Singvogel,   dessen  Kehle er zerfetzen könnte.

Aus   einer   Kneipe   an   der   Ecke   fiel   Licht.   Es  mischte   sich   mit   Sternenschein   und   der   farbigen  Laterne   darüber.   Der   Geruch   von   schalem   Bier,  Tabakrauch und billigem Parfüm waberte durch die  Dunkelheit. Das war die perfekte Kulisse für diese  Nacht. Die Tür der Kneipe war einladend geöffnet,  doch er blieb im Rahmen stehen. 

Prüfend   wanderte   sein   Blick   über   die  anwesenden Gäste. Arbeiter, Bauern, die eine oder  andere   Dirne,   das   typische   Publikum   für   diese  Etablissements.   Ruslan   wäre   angewidert,   doch  Ruslan war weit weg. 

»Mein   Herr,   bitte   kommt   doch   herein   auf   ein  Getränk.   Der   Schnaps   ist   stark   und   wärmt   gut  heute Nacht!«, rief die Stimme des Barmannes von  drinnen.   Er   musste   Dorian   in   der   Tür   gesehen  haben,   im   Gegenlicht   der   roten   Laterne   über  derselben.

»Das Angebot nehme ich gern an, werter Herr«,  erwiderte   er   und   trat   über   die   Schwelle.   Seine  Stimme war dunkel und er sah, wie die Damen im  Raum   glasige   Augen   bekamen.   Das   war   seine  Wirkung, das störte ihn wenig. Seine Stiefel hallten  dumpf   auf   dem   hölzernen   Boden,   als   er   zur   Bar  hinüberging   und   sich   einen   Schnaps   bestellte.  Bezahlen war kein Problem, Münzen hatte er stets  genug. 

Während er das Getränk an die Lippen führte,  zwinkerte er den leichten Damen zu. Sie erröteten  und   kicherten.   Eine   von   ihnen,   eine  hochgewachsene Schönheit mit braunem Haar und  eng geschnürtem Mieder, löste sich aus der Gruppe  und   kam   zu   ihm   herüber.   Die   enge   Schnürung  betonte ihre ansehnliche Oberweite. Sie roch nach  Hyazinthen. Ihr Geruch hüllte ihn ein, als sie sich  näherte und seine goldenen Augen glitten über ihre  Figur, verweilten hier und da einen Augenblick zu  lang.

Sie strich das gelbe Kleid glatt und blieb nur eine  Armlänge entfernt stehen. Als sie lächelte, sah er,  dass ihr ein Zahn vorn in der Ecke fehlte, doch das  machte ihm wenig aus. Perfektion war selten und  würde er danach suchen, würde er verdursten. 

»Mein Herr, kann ich Euch für Gesellschaft in  der heutigen Nacht begeistern?«, hauchte sie und  lehnte sich ihm entgegen. 

»Sprichst   du   von   dir,   schöne   Frau?«,   fragte  Dorian   zurück,   die   Stimme   weich   und   warm   wie  Samt.   Ihre   Wangen   erröteten   und   sie   lächelte  kokett. 

»Für   fünf   Schilling   gehöre   ich   ganz   Euch«,  antwortete sie dann.  Natürlich – in Häusern wie diesem gibt es nichts umsonst. Sollte der Herr des  Hauses ruhig sein Sümmchen bekommen. Dorian  würde weit mehr nehmen, als fünf Schilling wert  waren. Doch das wusste sie nicht, noch nicht.

»Dann führe mich in dein Gemach«, lächelte er  nur und leerte sein Glas. Kaltes Glas auf kalter Haut  erwärmte   das   Getränk   darin   nicht.   Der   Schnaps  war schlecht gebrannt. Kein Feuer, nur Bisse in der  Kehle. Scharf wie Galle. Und dann fünf Schilling für  die   Damen   verlangen   wollen.  Na hoffentlich ist wenigstens die ihr Geld wert.

Sie lächelte, nahm seine kalte Hand und führte  ihn   durch   den   dunklen   Gang   zu   den   Separees   –  kleine, spärlich möblierte Räume mit kaum mehr  als   einem   Bett.   Ihr   gehörte   der   Letzte   auf   der  rechten Seite.

Perfekt.

»Wie   heißt   du,   schöne   Frau?«,   fragte   Dorian,  während   sie   den   Vorhang   schloss   und   er   seinen  Mantel ablegte.

»Anna,   mein   Herr«,   antwortete   sie   und   trat  näher.   Sie   kannte   ihr   Geschäft,   verstand   ihr  Handwerk.   Geschickt   öffnete   sie   sein   schwarzes  Hemd   und   gab   den   Blick   auf   seine   blasse,  alabasterweiße Haut frei – das klassische Bild eines  Edelmannes.

Annas   wettergegerbte   Haut   war   unperfekt,   doch  nicht unattraktiv. Ihre Vertrautheit war angenehm,  ihr   warmer   Atem   streifte   seine   kalte   Haut   –   ein  Kontrast,   den   er   seit   Jahrhunderten   kannte   und  dennoch nie spürte.

Er  zog  sie  an  sich, küsste  sie  hart,   abrupt,  als  wäre sie ein Werkzeug und kein Mensch. Ihre Knie  gaben nach und ein ersticktes Stöhnen entwich ihr.  Dorian lächelte. Kalt. Seine Zähne zeigte er dabei  nicht, nie.

Er verschwendete keine Zeit damit, das Kleid zu  öffnen – die Schnürung war mühsam, und Mühe  brauchte er nicht. Ein Schieben, ein Stolpern, und  sie   lag   auf   dem   Bett.   Der   Rock   schob   sich   hoch,  darunter nichts als nackte Haut.

Natürlich.

Flink  löste er seinen Gürtel und ließ die Hose  fallen. Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, worauf  sie   sich   eingelassen   hatte.   Überraschung,  Faszination, vielleicht Angst. Alles irrelevant.

»Sei   ein   braves   Kind,   Anna.   Mach   die   Beine  breit«,   befahl   er.   Samtweich.   Unwiderstehlich.  Unnachgiebig.

Sie gehorchte.

Der Duft von Hyazinthen lag schwer in der Luft.

Dorian   trat   näher.   Sein   Griff   war   fest   und  mühelos   –   zu   fest   für   einen   Mann   seiner   eher  drahtigen Statur. Ihre Haut pulsierte unter seinen  Fingern, warm, lebendig und ahnungslos.

Er stieß in sie. Hart. Im Takt eines Raubtiers.  Zärtlichkeit war hier fehl am Platz.

Sie   stöhnte,   klammerte   sich   an   ihn,   doch   ihr  Körper   konnte   die   Wahrheit   seiner   Natur   nicht  begreifen.

Sein Kopf sank an ihren Hals. Der Puls dort –  süß,   dumm,   menschlich,   lebendig   –   schlug   ihm  entgegen.

Jeder Stoß trieb ihn näher an den Rand. Nicht  wegen   ihr.   Wegen   dem,   was   unter   ihrer   Haut  schlug. Schneller, härter, stärker – lebendig.

»Du bist wunderbar, Anna«, flüsterte er ihr ins  Ohr. Ein leerer Satz, ein Werkzeug, einstudiert wie  ein   Theaterstück   –   und   dennoch   schauderte   sie.  Nur noch ein wenig. Es fehlt nur noch eine Kleinigkeit.

Ohne   Vorwarnung   versenkte   er   seine   langen  Fänge in ihrem Hals. Kein Schrei – nur ein Zucken,  ein   Verstummen,   ein   Herz,   das   sich   in   Panik  überschlug.   Ihr   Körper   zuckte,   das   Herz   raste,  stolperte   wie   ein   gestürzter   Tänzer.   Ihre   Finger  krallten   sich   verzweifelt   in   sein   offenes   Hemd   –  kein   Zeichen   von   Leidenschaft,   sondern   purer  Überlebensinstinkt.   Doch   Dorian   kannte   diesen  Kampf – er endete schnell.

Das   war   die   wahre   Ekstase.   Der   einzig   reale  Höhepunkt dieser Begegnung.

Sie schrie und stöhnte gleichzeitig – und er kam,  zuckend, trinkend, unberührt von alledem, was sie  fühlte. Ihr Körper spielte keine Rolle mehr.

Er hörte nicht auf. Wollte mehr von ihrem roten  Lebenssaft. Alles.

Es   schmeckte,   wie   es   roch,   nach   Hyazinthen.  Anna stöhnte, klammerte sich an ihn, ihr Körper  zitterte. Perfekt.

Ihr   Atem   wurde   flacher,   der   Puls   langsamer.  Dorian   trank   weiter.   Seine   schwarzen,  klauenartigen Nägel vergruben sich in ihrem Haar,  hielten ihren Kopf fest – fest genug, dass sie nie  hätte entkommen können.

Ein letzter Stoß, ein letzter Schluck – und er ließ  sie fallen wie einen Sack Mehl.

Anna kippte rücklings auf das Bett. Die Augen  weit, der Mund noch geöffnet, als würde der letzte  Laut  immer  noch  zwischen  ihren  Lippen   hängen.  Doch   in   ihr   war   kein   Leben   mehr   und   es   würde  keines   zurückkehren.   Ihre   sonnengegerbte   Haut  war fahl geworden, doch nicht wie die seine. Ihren  Hals zierte ein dunkler Fleck – der einzige Beweis  seiner Tat.

Dorian wischte sich den Mund an ihrem Rock ab  und   kleidete   sich   wieder   an.  »Du   warst   perfekt,  Anna«, sagte er lächelnd. Seine Fangzähne waren  noch   rot   vom   Blut.   Ihrem   Blut.   Doch   das  Kompliment   war   leer.   Niemand   war   je   perfekt.  Niemand würde es je wieder sein.

Als hätte er sich an Silber verbrannt, verzog er  das   Gesicht.   Die   Erinnerungen   kamen   zurück   –  immer wieder.

Seine Königin war perfekt.

Doch seine Königin war fort.

Er   schnitt   dem   toten   Raum   eine   Fratze,   dann  glitt er davon – durch die Hintertür, ungesehen.

Sie   würden   Anna   finden.   Früher   oder   später. Doch ihn? Nie.

Dorian verschwand in der Nacht, verschmolz mit  den Schatten.

Er  war ein   Schatten.   Ein   Flüstern   in   der  Dunkelheit.

Der Herr der Finsternis.

Nur Blut hielt ihn am Leben – ein Leben, das mit  dem   Tod   begann.   Und   in   jeder   dunklen   Nacht  kehrten   die   Erinnerungen   zurück.   So   auch   jetzt,  zwischen Backstein und Schatten.

Tote Kinder. Die Kinder der Seinen wurden tot  geboren – ihre Körper kalt, kein Atemzug füllte je  die   Lungen   mit   Leben,   kein   Herz   schlug   in   der  Brust.

Sein Vater nannte es ein Geschenk. Eine Gnade  der Dunkelheit. Zahnräder und grünes Licht, eine  Maschine, die Leben versprach.

Hunderte Söhne und Töchter von drei Bräuten,  geformt   aus   Schatten   und   Blut,   erweckt   vom  grünen Glühen. Viele waren gefallen – getötet von  Jägern,   Kirchenfanatikern,   Feinden   des  Übernatürlichen.

Und schließlich fiel auch er – der Vater.

Van Helsing brachte ihn zur Strecke. Allein den  Namen   zu   denken   ließ   Dorian   das   Gesicht  verziehen, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Der  Jäger hatte sie ihm alle genommen. Seine Mutter.  Vadim. Evelyn.

EVELYN.

Ihr Name war ein Pflock im Herzen.

Seine   Königin   war   tot.   Und   der   Jäger   lebte.  Evelyn war fort. Aber Dorian war noch hier.  Und  Dorian   würde  immer hier   sein.  Solange   es  Dunkelheit gab. Das war das wahre Geschenk der  Finsternis … 

Ewige Jagd.

Ewiger Hunger.

Ewige Schuld.

Und kein Vergessen.

BITTERSÜ E NACHTMUSIKẞ

Elektrische   Lichter   erschwerten   das   Jagen   bei  Nacht, doch unmöglich war es nicht.

Die   Welt   drehte   sich   schneller,   seit   die  Menschen   sich   von   Elektrizität   und   qualmenden  Motoren   abhängig   gemacht   hatten   –  schade eigentlich.

Er   hatte   die   Ruhe   der   Nächte   früherer   Zeiten  geschätzt.

Doch vermissen?

Nein.

Es   gab   nur   eines,   das   er   vermisste.   Und   der  Teufel erinnerte ihn immer wieder daran …

Ihre Hände waren kühl und doch warm auf seiner Haut. Sanft strichen sie über seine Brust, über Adern, die niemals den Takt eines lebenden Herzens gefühlt hatten. Sie saß auf ihm, das offene rote Haar fiel wie ein Wasserfall aus Jasmin und Schatten. Ihre Hüften rollten über seiner und schickten Schauer durch seinen toten Körper – Schauer, die ihn lebendig fühlen ließen, mehr als alles andere in dieser Welt.

Sie beugte sich zu ihm hinab. Wurde nicht schneller, nicht langsamer. Sie hatten alle Zeit der Welt. Ihre Lippen, blassrot wie Mirabellen im Herbst, trafen seine – und sein Denken brach weg. Zedernholz und Jasmin umhüllten ihn. Seine schwarzen Nägel krallten sich in ihren Hintern, und sie stöhnte auf – ein Laut wie das Beben eines Engels.

Sie richtete sich wieder auf und warf den Kopf zurück. Die roten Wellen ergossen sich über ihren Rücken, während sie seinen Namen stöhnte: »Dorian!«

»Evelyn!«  Seine   Stimme   war   heiser,   als   er  hochschreckte.

Dorian   lag   auf   dem   Bauch   in   seinem   breiten  Bett. Allein. Immer allein.

Etwas   klebte   an   der   Haut.  Na wunderbar. Ejakulat in der Bettwäsche. Mal wieder. Fünfhundert   Jahre   –   und   immer   noch   dasselbe  erbärmliche   Resultat   einer   Erinnerung,   die   ihn  nicht losließ.

»Sie   kommt   nicht   wieder!«,   fauchte   er   sich  selbst an. Jetzt hätte er gern ein Spiegelbild, dem er  eine Grimasse schneiden konnte. Nur ein einziges  Mal.

Evelyn   war   wunderschön   gewesen.   Sie   hatte  dunkles, rotes Haar und strahlende Augen, blau wie  der   Nachthimmel.   Das   Bild   verfolgte   ihn   in   der  Nacht   und   quer   durch   die   Jahrhunderte.   Jasmin  und   Zedernholz   –   der   Duft   waberte   durch   den  Raum,   durch   einen,   in   dem   sie   niemals   war.  Wütend   vergrub   er   den   Kopf   in   den   seidenen  Kissen. Am liebsten hätte er sich erstickt. Doch wer  keine Luft zum Leben brauchte, dem konnte man  sie nicht nehmen.

Van   Helsing   hatte   Evelyn   getötet.   Sie   war   in  Dorians Armen gestorben – und das Bild würde ihn  bis   ans   Ende   der   Ewigkeit   verfolgen.   Die   roten  Haare,   durchdrungen   von   dunklem   Blut.   Die  strahlenden  Augen so leer, dass selbst die Sterne  darüber verblassen mussten.

Ihr   Körper   zerfiel   zu   Asche,   als   die   Sonne  aufging. Dorian blieb zurück. Dorian war noch da.

»Verschwinde«, knurrte er und schleuderte ein  Kissen quer durch das Gemach. Plötzlich war der  Geruch   fort,   als   hätte   jemand   eine   Tür  zugeschlagen.   »Sie   kommt   nicht   wieder!«   Er  wiederholte   es   wie   ein   Gebet,   doch   er   betete  niemals. Es gab keinen Gott in seiner Welt. 

In all den Jahrhunderten hatte er Evelyn immer  wieder   gesehen   –   in   fremden   Gesichtern,   in  Schatten, in Spiegeln, die nicht reflektierten. Doch  nie war es wirklich sie. Nie ganz.

Er hatte sie alle zerstört. Der Teufel hasste ihn.  Er   musste   ihn   hassen.   Warum   sonst   dieses  Schicksal?

Sie war seine Gefährtin. Seine Königin. Doch er  war   allein.   Allein   für   alle   Ewigkeit,   gefangen   in  einem Schloss, das nach Samt und Seide roch, das  Prunk und Herrschaft schrie – und Erinnerungen  barg,   die   nach   Jasmin   schmeckten   und   nach  Zedernholz rochen.

Seufzend   drehte   er   sich   auf   den   Rücken   und  starrte   an   die   getäfelte   Decke.   Sie   war   fein  geschnitzt,   teures   dunkles   Holz.  Wen interessiert das schon?  Er   schwang   sich   aus   dem   Bett   und  öffnete einen der schweren Samtvorhänge. Draußen  hing Nebel zwischen den Bäumen und die Sonne  tastete sich bereits über den Horizont. Hier war es  immer neblig. Hier, im Wald hinter den Toten.

Er wandte sich ab und durchschritt das Gemach:  Samt, Seide, kostbares Holz. Ein Raum, der eines  Königs würdig sein sollte – und für ihn doch nur  ein Gefängnis war.

Der   Schrank   in   der   Ecke   war   größer   als   der  Schlossherr   und   mehr   als   doppelt   so   breit.  Schlanke,   blasse   Finger   schoben   die   Tür   auf.  Dahinter war er gefüllt mit dunklem Stoff. Brokat,  Samt,   Wolle   und   dergleichen.   Einiges   davon   war  hunderte von Jahren alt, anderes hatte er sich erst  kürzlich gekauft. 

Ruslan   wünschte   sich,   dass   sein   Bruder   unter  Menschen   nicht   auffiel   wie   ein   gefärbtes   Lamm,  doch Dorian machte sich nichts aus Jeansstoff und  überdimensionierten Pullovern. Ruslan drängte ihn  immer wieder, sich anzupassen. Jeans, Turnschuhe,  das lächerliche Gewand der modernen Welt. Doch  Dorian hielt nichts davon.

Er war kein Schatten in der Menge. Er war die  Dunkelheit selbst.

Er   bedeckte   seinen   nackten   Körper   mit  schwarzem   Stoff.   Eine   enge   Hose   aus   Leder,   ein  langärmliges   Oberteil   aus   dünnem   Stoff,   verziert  mit Pentagrammen und einer großen Kapuze, sollte  die Sonne sich doch  noch entscheiden,  durch die  Wolken zu brechen.

Die Sonne tötete ihn nicht – aber sie störte ihn.

Sie war grell.

Warm, lebendig, viel zu ehrlich.

Sie hinderte ihn am Verwandeln und zeigte der  Welt, wie unnatürlich seine Haut und Augen waren.

Schneeweiß und Bariumgold.

Kniehohe   lederne   Stiefel   hallten   dumpf,   als   er  durch   die   steinernen   Flure   seiner   Behausung  schritt. Die Dwergi waren nicht zu sehen. Man sah  sie nur, wenn man sie brauchte oder wusste, hinter  welcher   Wand   man   suchen   musste.   Unbehelligt  durchschritt er die Vordertür und ging hinaus in die  dämmrige Luft. 

Der   Wald   war   dicht,   ein   ewiges   Zwielicht  zwischen Stamm und Schatten.

Als das Schloss gebaut wurde, standen hier nur  vereinzelte Bäume. Dekoration im Vorgarten, nicht  mehr.

Jetzt umhüllte ihn ein Meer aus Dunkelheit. Im  Wald war es still, Tiere flohen vor seinesgleichen.  Und   wenn   nicht   vor   ihm,   dann   vor   seinen  Bediensteten.

Die   dichten   Bäume   öffneten   sich   nach   einer  Weile zu einem schmiedeeisernen Tor, eingelassen  in alten Stein. Alt wie sein Schloss, doch nicht von  ihm erbaut. Es waren die Osttore des Friedhofs. Ein  Ort, so alt und ewig wie Dorian selbst, jedoch bei  weitem muffiger. 

Er   schnalzte   mit   der   Zunge   und   schlenderte  weiter, die Kiesel knirschten unter seinen Stiefeln.

Er kam oft hierher. Öfter, als er zählen konnte.

Bevor   Ruslan   ihm   das   Schloss   gebaut   hatte,  hatte   er   im   Mausoleum   der   Familie   Andernach  gehaust. Sie hatten das Schloss in der Stadt einst  erbaut.   Lange   her,   lang   vergessen.   Ihre   ewige  Ruhestätte   war   krumm,   schief   und   tief   in   den  Boden   gebaut.   Die   Sonne   erreichte   die   Särge   der  Familie nicht. 

Seine   einzige   Gesellschaft   dort   waren   Motten,  Würmer und Ratten. Ratten schmeckten nicht, also  kam er immer wieder hinaus. 

Zu den Trauernden. Zu den Frischen. Zu jenen,  die er nicht und doch kannte.

Die Grabsteine hier waren alt, manche unlesbar.  Aber er kannte jeden einzelnen. Jeden Namen. Jede  Geschichte. 

Schade eigentlich, dass man heute nicht mehr darauf schreibt, woran jemand starb.  Das   war  immer amüsant gewesen.

Einer   der   verwitterten   Steine   nannte   eine  Marian, die eine schlechte Köchin war. Drei Gräber  daneben   sprachen   von   Männern,   die   ihr   Essen  gekostet   hatten.  Marian konnte viel, doch ihr Essen war etwa so genießbar wie Stiefelfett und so gesund wie Arsen.  Er erinnerte sich noch an ihre  filzigen blonden Haare und das grelle Lachen,  das  stets mit ihr durch die Küchen waberte.

Ein anderer Stein erinnerte an Norbert. Norbert,  dessen   Axt   sein   Verhängnis   war.  Eine nette Formulierung dafür, dass er nicht wusste, wie man das Werkzeug zu halten hatte, wenn man auf einen Baum einschlug. Statt Holz spaltete Norbert  seinen Schädel. Er lachte leise, als er sich an jenen  Tag erinnerte.

Neuere   Steine   verrieten   nur   noch   Namen   und  Daten.   Doch   Dorian   wusste   es   trotzdem:   Frank  starb an einem Knochenleiden. Emilia war vor den  Zug gesprungen.

Seine   Hand   glitt   über   den   kalten   Stein.   Die  Sonne   brauchte   lange,   um   ihn   zu   wärmen.   Er  schlenderte weiter. Las Inschriften. Erinnerte sich  an Gesichter und Geschichten – die meisten davon  längst vergessen.

Die   Stadt   vibrierte   unter   den   Motoren   ihrer  pferdelosen Kutschen. Automobile in allen Farben  und   Größen   rasten   an   ihm   vorbei,   stanken   nach  Benzin   und   Lärm.   Menschen   schienen  Geschwindigkeit   zu   mögen   –   vielleicht,   weil   ihre  Leben so kurz waren.

Dorian   bewegte   sich   sicher   durch   die   belebten  Straßen. Hin und wieder trafen ihn Blicke. Er war  ein Schatten, der selbst im Tageslicht auffiel. Sein  silberblondes Haar fing den Schein der Sonne ein,  während seine goldenen Augen leise glühten. Ein  inneres Feuer, geboren aus ewiger Dunkelheit. Ein  Feuer,   das   weder   Wasser   noch   Pfeil   noch   Kugel  jemals löschen würden.

Vor ihm erhob sich die Universität.

Ein barockes Monument aus Stein, reich verziert  mit Schnörkeln, hohen Fenstern und angedeuteten  Türmen. Ein Gebäude, das aus einer Zeit stammte,  in der man noch wusste, wie man Schönheit baute.  Früher   hatte   eine   Guillotine   auf   dem   Vorplatz  gestanden. Heute verstaubte sie im Stadtmuseum,  verrostet wie die Erinnerung an den Schlossherrn,  der unter ihrer Klinge starb. Jetzt lernte man dort.  Keiner tanzte mehr in diesen Hallen.

Dorian   hatte   die   Schwelle   dieses   Gebäudes   oft  überschritten. Einst zu Bällen mit hohen Frisuren  und Kleidern, die ganze Räume füllten. Heute, um  sich die Zeit zu vertreiben – mit dem einen oder  anderen Studium. Es war besser, als nichts zu tun.  Besser, als zu denken.

Öffentliche Gebäude hatten keine  Einlassbeschränkungen.   Er   betrat   sie   wie   immer  unbehelligt.

Im   Inneren   war   der   Pomp   ebenso  verschwenderisch wie außen. Symmetrie überall –  Türen,   Flure,   Treppen.   Studenten   der   ersten  Semester   verliefen   sich   regelmäßig   in   diesem  Labyrinth.   Dorian   jedoch   kannte   jeden   Weg.  Kannte jede Wand. Jede Ecke, die einen Schatten  werfen konnte.

Die   neuen   Vorlesungen   begannen   in   einer  Woche.   Er   hatte   sich   noch   nie   früher  eingeschrieben.   Es   fand   sich   immer   etwas   –   und  wenn nicht, dann fand er etwas, womit sich die Zeit  totschlagen   ließ.   Ein   Instrument.   Eine   Reise.   Ein  paar Monate in adeligen Kreisen. Doch dafür hatte  er   jetzt   keine   Geduld.   Schon   gar   nicht   für  Aristokraten mit ihren hoch erhobenen Nasen.

Die  Dame  im  Sekretariat   war  mittleren  Alters.  Graue Strähnen durchzogen ihr schwarzes Haar wie  Silberfäden,   und   hinter   der   Brille   wirkten   ihre  Augen groß und eulenhaft.

Sie arbeitete schon lange hier. Er hatte sie über  die Jahre mehrfach gesehen. Sie erinnerte sich nie  an ihn.

Auf   dem   kleinen   Metallschild   vor   ihr   stand  Elisabeth Winter, Sekretariat. Er brauchte es nicht  zu lesen. Er wusste es.

»Hallo, junger Mann, wie kann ich dir helfen?«,  fragte sie freundlich.

Dorian lächelte dünn. Junger Mann. Sie könnte kaum weiter daneben liegen.

»Grüße, werte Dame. Ich möchte mich gern für  einige   Kurse   einschreiben«,   sagte   er   und   neigte  höflich den Kopf.

»Nun, dann schauen wir doch mal, was wir für  dich noch haben.« Sie tippte auf ihrem Gerät, die  Tasten   klapperten   wie   Pferdehufe   auf  Kopfsteinpflaster. »Naturwissenschaften und Kunst  sind leider voll«, erklärte sie. »Aber wir hätten noch  Plätze   in   Geschichte,   Philosophie   oder   Literatur.  Was meinst du?«

Dorian überlegte. Die langen schwarzen Nägel,  geformt wie Dolche, trommelten sachte gegen den  hölzernen   Tresen.  Leise,  schaurig  und  er  sah  aus  dem   Augenwinkel,   wie   die   Sekretärin   eine  Gänsehaut bekam. Sein Mundwinkel verzog sich zu  einem   spöttischen   Grinsen,   während   er   im   Geist  das   Für   und   Wider   der   verfügbaren   Optionen  abwägte.

Literatur   hatte   ihn   zuletzt   fast   seine   Tarnung  gekostet und wenn der Professor, der Edgar einen  Schmierfink nannte, noch praktizierte, so würde er  dieses   Mal   nicht   zögern,   ihn   vor   versammelter  Mannschaft zu zerfetzen. Er erinnerte sich deutlich  an   den   rasenden   Herzschlag   und   die   geweiteten  Augen des Professors, als Dorian ihm seine Zähne  gezeigt hatte. Haarscharf.

Nein, um den müsste er sich vorher kümmern.  Vielleicht machte er das die Tage, dann könnte man  demnächst   mal   wieder   Literatur   studieren,   aber  nicht jetzt. 

Geschichte   hatte   er   erst   studiert,   in   zwanzig  Jahren   konnte   so   viel   Spannendes   nicht   passiert  sein.   Auch   wenn   die   Menschen   sich   schnell  bewegten, schrieben sie nicht schnell Geschichte. 

Blieb Philosophie.

Das Studium der Dichter und Denker. Älter als  Königreiche. Älter als manche Religionen.

Es   war   einige   Zeit   her,   dass   er   sich   diesen  Studien widmete. Eigentlich nicht mehr, seit er sich  seinerzeit mit François-Marie gestritten hatte. Der  junge Mann wollte das Fechten lernen, nur um eine  Beleidigung seines Namens zu rächen. Er hatte sich  damals einen neuen Namen zugelegt – VOLTAIRE. 

Alles, was du sagst, ist wahr, doch nicht alles, was wahr ist, solltest du sagen.

Meinst du?

Er würde gerne wissen, was man heute von ihm  hielt.

»Ich   würde   mich   gern   für   Philosophie  einschreiben, gute Frau«, entschied er.

Sie nickte und wieder tippte sie klappernd auf  diesem   Gerät   herum,   ein   nervtötendes   Geräusch,  doch er hielt es aus. War ja nur vorübergehend. 

Kurz   darauf   ertönte   ein   kratzendes,  quietschendes   Ratschen   und   sie   hielt   ihm   einige  Blatt Papier entgegen.

»Hier, bitte sehr. Das sind dein Stundenplan, ein  Raumplan   und   einige   Informationen   über   die   zu  schreibenden Prüfungen. Deine erste Vorlesung ist  nächsten Montagnachmittag um drei«, lächelte sie.

»Habt Dank«, neigte er den Kopf erneut, dann  verließ er den Raum ohne einen Blick zurück. 

Draußen im Schatten des Gebäudes überflog er  die Zettel.

»He, Grufti! Mach Platz!«, rief eine jugendliche  Stimme.

Dorian hob nur eine Augenbraue.

Eine Gruppe Halbstarker auf Brettern mit Rollen  raste an ihm vorbei. Viel zu dicht. Er spürte den  Luftzug auf seiner Haut.

Sie   lachten,   gackerten   und   schnitten   unflätige  Grimassen.   Einer   der   Jungen   mit   umgedrehter  Schirmmütze   streckte   ihm   im   Vorbeifahren   die  Zunge heraus.

»Grufti?«, wiederholte Dorian leise.

Die Jungen hörten ihn nicht mehr.

Wenn die wüssten…

Er schnaubte und ging weiter.

Die Nacht vergaß nie.

NACHTHIMMELBLAU

Die Sonne war längst hinter den hohen Gebäuden  versunken, ein leichter Herbstwind wehte durch die  Gassen   und   über   den   großen   Platz.   Das  orangefarbene   Licht   der   elektrischen   Laternen  flackerte auf Metall und Glas und brach sich an den  polierten Oberflächen der abgestellten Automobile.  Ein Parkplatz – der moderne Hof einer Universität.  Irgendwo mussten die Studenten ihre qualmenden  Gefährte   nun   einmal   zurücklassen.   Früher   tanzte  man   hier   mit   Blumen   und   bunten   Bändern   und  gelegentlich stand die eine oder andere Kutsche vor  den Toren.

Dorians   Schritte   hallten   über   den   feuchten  Asphalt. Der Regen des Nachmittags lag noch in der  Luft, doch der Himmel war wieder klar.

Er   war   in   der   Bibliothek   gewesen.   Nur   um  festzustellen,   dass   seine   eigene   zu   Hause   seit  Jahrhunderten   besser   sortiert   war.   Seine   aktuelle  Aufgabe: eine Hausarbeit über Aristoteles.

ARISTOTELES.

Dorian   hatte   den   Philosophen   nie   persönlich  getroffen,   doch   er   hatte   einige   Zeit   an   dessen  Lykeion   verbracht   –   eine   stille   Oase   aus  Wildkräutern   und   Granatapfelbäumen.   Heute  waren   davon   nur   noch   Ruinen   geblieben.   Und  Erinnerungen.

Die   Geräusche   der   Stadt   vermischten   sich   mit  dem   Wind.   Trotz   ihrer   Größe   hatte   Andernhain  eine  seltsame  Ruhe.  Früher  war  dieser  Ort  kaum  mehr   als   ein   Hof   gewesen;   dann   kam   das  Barockschloss,   später   die   Elektrizität   –   und  schließlich die Rastlosigkeit der Moderne.

Plötzlich   hallte   Gelächter   über   den   Platz.   Die  Halbstarken   auf   ihren   Brettern   mit   Rollen   waren  wieder da.

Auch   sie   waren   Studenten.   Nur   in   einem  anderen Fach.

Philosophie? Die denken nicht weiter, als ihr Brett rollt. Dorian schnaubte.

Sie rasten über den Asphalt, lachten, stießen sich  gegenseitig an. Zigarettenrauch. Billiger Alkohol in  ihren Poren. Für ihn ungenießbar.

Er wandte sich schon ab, als er sah, wie sie eine  junge   Frau   streiften.   Sie   stolperte,   fiel,   und   ihr  Notizbuch   rutschte   über   den   Boden   –   direkt   vor  seine Füße.

Dorian hob eine Augenbraue und bückte sich.

Das Buch war aus Leder, schlicht gebunden, mit  Lederbändern zusammengehalten. Es roch nach …  Jasmin.

Seine   Finger   krallten   sich   unbewusst   in   das  Leder.

Als er es aufschlug, knirschte das Papier. Eine  Kohlezeichnung füllte die Seite, auf der es landete:  eine Trauerweide, und darunter zwei Gestalten auf  einer Decke.

Ein   Schauer   durchzuckte   ihn.   Ungewollt.   Tief.  Alt.

Evelyns Duft. 

Evelyns Baum. 

Evelyns Hände.

Nein.

Er schlug das Buch klatschend zu, viel zu schnell.  Viel zu hart. Von wegen Trauerweide. Von wegen  Jasmin. 

Humbug. Er   zwang   den   Gedanken   durch   jede  Faser wie ein Gebot, das in Stein gemeißelt wurde.

Die junge Frau saß noch immer am Boden. Rein  äußerlich   schien   sie   ungefähr   in   seinem   Alter   zu  sein   –   Mitte   zwanzig   vielleicht.   Ihr   Haar  schimmerte   im   farbigen   Licht   der   Laternen   in  einem tiefen, dunklen Rot. Eine schöne Farbe – wie  frisches Blut.

Sie   rieb   sich   mit   einem   leisen   Zischen   die  Handflächen.   Der   Sturz   hatte   sie   aufgerissen,   rot  und wund.

Dorian näherte sich langsam. Er wollte sie nicht  erschrecken.

»Bitte   verzeih   …   gehört   dies   vielleicht   dir?«,  fragte er, als er nur noch zwei Schritte entfernt war,  und hielt ihr das Notizbuch hin.

Sie fuhr herum. Sie hatte ihn nicht bemerkt.

Ihre   Augen   trafen   seine   –   blau,  nachthimmelblau,   schimmernd   wie   Sterne   im  Herbstlicht.

Dorian biss sich in die Unterlippe, hart genug,  dass   der   Fangzahn   die   Haut   durchbrach.   Der  Schmerz riss seinen Blick los und zwang ihn wieder  in die Gegenwart.

Er sah auf ihre Lippen. Sie hatten die Farbe von  reifen Mirabellen. Und sie begannen zu lächeln.

»Oh, ja… danke.« Sie blickte zu ihm hoch.

Ganz   der   Gentleman   bot   er   ihr   die   Hand   und  half  ihr  auf.  Ihre Haut  war  warm  und  weich  wie  Seide. Er spürte sie, als wäre sie das Erste, was er  seit Jahrhunderten wirklich berührt hätte.

Er reichte ihr das Buch.

»Was war so dreist, dich zu Fall zu bringen?«,  fragte   er   höflich,   obwohl   er   die   Halbstarken  gesehen – und gerochen – hatte.

»Ach, nur ein paar Spinner, die nicht wissen, wie  man Skateboard fährt. Halb so wild. Danke für die  Hilfe …« Sie hielt inne und betrachtete ihn fragend.  Fragend – und doch irgendwie wissend.

Was   konnte   sie   schon   wissen?   Sie   kannte   ihn  nicht. Niemand kannte ihn.

»Dorian, zu Diensten.« Er verneigte sich leicht  und küsste ihre Hand.

Zedernholz.   Ein   weiterer   Schauer   durchzuckte  ihn vom Handgelenk bis in die Brust. Sie bemerkte  nichts.

»Dann … danke, Dorian.« Sie lächelte und strich  sich eine Strähne ihres roten Haares hinters Ohr.

Wieder dieser Duft. Jasmin. Warm und vertraut  wie eine Erinnerung, die man nicht denken durfte.  Etwas in seinem Inneren spannte sich. Sein Körper  schauderte, unmerklich – für sie.

Schluss. Genug.

»Jederzeit«, erwiderte er mit tiefer Stimme und  lächelte sanft. Er zeigte die Zähne nicht. Zeigte sie  nie, wenn er es nicht wollte.

»Nun…   Ich   muss   dann.   Wir   sehen   uns   sicher  wieder.«   Sie   deutete   hinter   sich   –   vermutlich   zu  ihrem Automobil.

Dorian neigte höflich den Kopf. »Wir sehen uns  wieder«, bestätigte er und wandte sich ab.

»Evelyn.«

Er erstarrte.

Der Name traf ihn wie ein Stich. Wie ein Pflock.

Er   drehte   sich   um.   Sie   stand   da,   lächelnd,  unschuldig.   Keine   Ahnung   von   dem   Donner,   den  ihre Worte in ihm ausgelöst hatten.

»Das ist mein Name«, sagte sie sanft. »Evelyn.  Du hast mir ja auch deinen gesagt.«

Ein   steifes   Nicken   war   alles,   was   er   zustande  brachte.

Sie wandte sich um und ging. Der Wind spielte  mit ihren Haaren – rot wie Blut – und trug ihren  Geruch   zu   ihm   herüber.   Jasmin.   Zedernholz.  Nachthimmelblau.

Das kann nicht sein.

Ein   Zittern   ging   durch   seinen   Körper.   Er  schüttelte sich, als versuchte er, etwas abzustreifen,  das sich in sein Fleisch krallte wie die Klauen eines  Nachtalbs.

Er   ging   davon.   Krampfhaft.   Rasch.   Fort   von  Laternen. Fort von Menschen. Fort von Leben.

Er   fühlte   sich   wie   damals.   Schlimmer   noch.  Damals, als er in die Maschine des Doktors gestürzt  war – dieses grüne Flackern, das ihn als Jüngling  fasziniert hatte. Es war keine Elektrizität gewesen.  Es war Naturgewalt. Blitz. Leben. Etwas anderes.

Vater   war   wütend   gewesen,   weil   er   sich   die  Haare versengt und die Augen verfärbt hatte. Aus  Schwarz wurde Silberblond. Seit jenem Tag glühten  seine goldenen Augen.

Nicht aus Erfahrung wie bei Ruslan. Nicht aus  Wissen.

Dorian wusste genau, warum sie glühten.

Er   sah   seine   Spiegelung   in   den   Fenstern   der  Automobile, verschwommen im dunklen Glas. Das  schwache Gold in seinen Augen zuckte – mit einem  grünlichen Schimmer wie giftiger Smaragd.

Eine   Macht,   dunkler   als   das,   was   der   Teufel  erschaffen   konnte.   So   hatte   seine   Mutter   es  genannt.

Er hatte es nie verstanden.  Was sollte dunkler sein als das, was der Teufel anstellt?

Der Teufel, der ihn hasste. 

Der Teufel, der ihn nie in Frieden ließ. 

Der Teufel, der ihm alles nahm.

Nur eine hatte ihn nie deshalb anders gesehen.  Nur eine hatte ihn berührt, ohne Angst.

SEINE KÖNIGIN.

EVELYN.

Und   nun   war   eine   Evelyn   über   den   Parkplatz  gegangen. Mit Jasmin im Haar. Mit Zedernholz auf  der Haut. Mit nachthimmelblauen Augen.

Sie war es  nicht. Niemand  würde es je wieder  sein.   Doch   sein   Herz   glaubte   es   für   einen  unsinnigen   Atemzug.   Und  das   war   schlimmer   als  alles andere.